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Sollen wir immer weiterwachsen, Herr Badelt?

Aus profil 50/2018 vom vom 10.12.2018

Sein Institut weiß heute, wie sich Österreichs Wirtschaft morgen entwickeln wird. Aber lässt sich das in bewegten Zeiten prognostizieren? Und wofür soll Wachstum überhaupt gut sein? Christoph Badelt, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), im Gespräch.

Von Joseph Gepp und Michael Nikbakhsh

Das ist der zweite Teil der profil-Serie zum Thema Wirtschaftswachstum. Hier gehts zum ersten Teil, einem Interview mit dem US-Ökonomen James K. Galbraith.

Es hat etwas von einem Ritual. Alle drei Monate nehmen die Chefs der beiden wichtigen heimischen Wirtschaftsforschungsinstitute, des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) und des Instituts für Höhere Studien (IHS), vor Journalisten Platz, um darzulegen, wie sich die Konjunktur ihrer Ansicht nach entwickeln wird. Vor holzvertäfeltem Hintergrund werden dann mehr oder weniger erfreuliche Zahlen präsentiert und Mahnungen an die Politik ausgesprochen. Die Zeitungen des folgenden Tags strotzen vor Prozentzahlen und ökonomischen Fachausdrücken. Wozu die Übung? Sollten wir uns nicht vielmehr generell fragen, ob das Konzept des Wirtschaftswachstums noch Sinn hat? profil fand sich bei Wifo-Chef Christoph Badelt zu einem Gespräch grundsätzlicher Art ein.

profil: Herr Badelt, wie wird sich Österreichs Wirtschaft im kommenden Jahr entwickeln?

Badelt: Unsere aktuelle Konjunkturprognose geht von einem Wirtschaftswachstum von zwei Prozent aus. In der neuen, die demnächst herauskommen wird, wird sich das nicht dramatisch ändern.

profil: Plus/minus zwei Prozent sind so schlecht nicht.


Badelt:
Nein, das ist so schlecht nicht. Der Höhepunkt ist zwar überschritten und die Konjunkturlage gedämpfter als zum Jahresende 2017/2018, aber wir befinden uns nach wie vor im positiven Bereich.

profil: Wenn Sie von Höhepunkt reden, dann sind damit rund drei Prozent aufs Jahr gemeint?

Badelt: Ja, wobei sich in jeder entwickelten Industriegesellschaft die grundsätzliche Frage stellt, wie hoch das Wirtschaftswachstum überhaupt noch sein kann. Vor ein paar Jahren, als wir in der Nachhallphase der großen Krise waren, gab es Zweifel, ob in Europa jemals wieder drei Prozent erreicht werden können. Für 2018 rechnen wir nun in Österreich mit etwa drei Prozent. Diese Größenordnung ist im Augenblick das, was man als echte Hochkonjunktur bezeichnen kann.

Christoph Badelt (Foto: WU)

profil: Wie valide kann eine Konjunkturprognose in unsteten Zeiten überhaupt sein? Stichworte: Klimawandel, Brexit, Handelskonflikte, Irans Atomprogramm, Italiens Staatsschulden.

Badelt: Mit den konventionellen Methoden der Konjunkturprognose können wir relativ sicher vorhersagen, dass die Wirtschaft 2019 wachsen wird, wenn auch nicht mehr so stark. Ob das jetzt ein oder zwei Zehntelprozentpunkte mehr oder weniger sind, ist völlig irrelevant. Die von Ihnen angesprochenen Risiken sind tatsächlich signifikant und größer als üblich. Aber das können wir schlicht nicht einpreisen.

profil: Wie oft liegen Ihre Prognosen daneben?

Badelt:
Natürlich gibt es Abweichungen. Dafür gibt es verschiedene Typen von Gründen. Dem Grunde nach arbeitet die Wirtschaftsforschung mit Annahmen, und je weiter man in die Zukunft blickt, umso unschärfer wird der Blick. Tatsächlich kennen wir immer erst zwei bis drei Jahre danach die verlässlichen Daten. Wir wissen zum Beispiel erst rückblickend, dass die Konjunktur zum Jahreswechsel 2017/2018 ihren Höhepunkt überschritten hat.

profil: Kann die Politik sich beim Wifo etwas wünschen?

Badelt: Wir geben keinen Interventionen nach, das können wir uns gar nicht leisten. In den zwei Jahren, in denen ich das verantworte, gab es das auch nicht. Ich weiß aber von Vorgängern, dass es immer wieder Einflussversuche vonseiten der Politik gegeben hat.

profil: Dergestalt?

Badelt: Wir sind ja nicht politisch naiv. Es gibt Konstellationen, wo bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen etwas davon haben, wenn die Prognose optimistischer oder pessimistischer ist. Die Herbstprognose im September zum Beispiel ist immer heikel im Hinblick auf die Lohnverhandlungen. Was an BIP, Produktivität und Inflation prognostiziert wird, geht ja alles in die Lohnverhandlungen ein.

profil: Da könnten Sie Anrufe von gleich zwei Seiten bekommen: Die Arbeitgebervertreter müssen ihren Beschäftigten weniger Lohn zugestehen, wenn die Wirtschaftsaussichten schlechter sind. Und die Gewerkschafter können umgekehrt mehr Geld fordern, falls sie besser ausfallen.

Badelt:
Trotzdem, in der Praxis gibt es solche Anrufe nicht. Wifo-Vertreter sind sogar oft in frühe Sitzungen von Kollektivvertragsverhandlungen eingebunden. Wir stellen uns beiden Sozialpartnern, das ist Teil des Rituals. Erst kürzlich hat mir ein Gewerkschafter erzählt, dass sich die Verhandler im Vergleich zum Ausland Wochen an Vertragsverhandlungen sparen, weil man sich meist schon vorab auf einen Datensatz einigen konnte. Und da spielen wir als Wifo auch eine wichtige Rolle.

profil: Wer sieht eine Konjunkturprognose, bevor diese veröffentlicht wird?

Badelt: Wenn sie fertig ist, informieren wir vorab die Trägerorganisationen. Das sind im Wesentlichen Sozialpartner, Nationalbank und Finanzministerium. Unmittelbar vor der jeweiligen Pressekonferenz gibt es dann noch eine intensive Diskussion mit den Trägern, die aber das Ergebnis nicht beeinflusst.

profil: Warum wird dann diskutiert?

Badelt: Konjunkturprognosen erklären sich nicht notwendigerweise selbst. Ich habe auch schon Diskussionen erlebt, wo die Vertreter von Industrie und Arbeiterkammer argumentativ in die gegenteilige Richtung gezerrt haben. Das hat mich zu der Feststellung gebracht, dass wir richtigliegen. Wie gesagt, wir diskutieren die Prognose erst, wenn sie fertig ist. Das ist beim IHS meines Wissens auch so.

profil: IHS und Wifo liegen mit ihren Prognosen und Einschätzungen immer recht nah beieinander. Da geht es in aller Regel um Zehntelprozentpunkte. Sprechen Sie diese ab?

Badelt: Nein!

profil: Wenn der Bundeskanzler zu Ihnen käme und Sie fragte, was er denn tun könne, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln – welche drei Vorschläge würden Sie ihm machen?

Badelt:
Forschung und Bildung. Forschung und Bildung. Forschung und Bildung. Für eine entwickelte Volkswirtschaft ist das essenziell. Forschung, um in der Technologie weiterzukommen. Und zwar bis in die Grenzbereiche der Technologie – nur Nachahmer zu sein, ist nicht genug. Und zur Bedeutung der Bildung für das Wirtschaftswachstum: Um die größtmöglichen Effekte zu erreichen, muss ein entwickeltes Land in Universitäten und Spitzenbildung investieren, während ein Entwicklungsland in die Alphabetisierung und Grundbildung investieren muss. So steht’s im Lehrbuch. Wir haben in Österreich in der Zwischenzeit aber bereits in den untersten Schul-und Ausbildungsbereichen gravierende Defizite. In Schulen mit einem hohen Anteil an sozial Benachteiligten gibt es einen hohen Prozentsatz an Schülern, die nicht einmal die elementarsten Lernziele erreichen.

profil: Da wird Ihnen vernünftigerweise niemand widersprechen. Oder doch?

Badelt: Die Botschaft ist wahrlich nicht neu – aber es geschieht zu wenig. Die Uni-Budgets sind zwar deutlich gestiegen, und dennoch liegen wir im Bereich der Grundlagenforschung weit weg vom Niveau guter europäischer Vergleichsländer. Gehen wir hinunter in den Bereich der Vorschulerziehung, sehen wir auch hier, dass nicht ausreichend investiert wird. Gerade in Schulen und Kindergärten mit hohem Ausländeranteil müsste mehr Personal eingesetzt werden, damit die Betreuungsraten besser werden. Ich sehe das übrigens nicht nur aus ökonomischer Sicht, sondern vor allem aus sozialer. Das Bildungsthema hat noch eine weitere Komponente: Es betrifft auch Menschen in der Lebensmitte. Es gilt, angesichts der Digitalisierung neue Formen der Weiterbildung zu finden. Früher hieß es, dass man im Alter von 50 am Arbeitsmarkt gefährdet sei, jetzt geht das eher in Richtung 40. Die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) haben generell ein großes Problem mit dem Internet, der Grad des Einsatzes digitaler Instrumente ist im internationalen Vergleich gering. Das trifft Arbeitnehmer, in kleineren Unternehmen, aber durchaus auch die Chefs.

profil: Es gibt viele gute Gründe, in Forschung und Bildung zu investieren. Aber sollten wir es ausgerechnet deshalb machen, weil es das Wachstum ankurbelt? Sollen wir überhaupt weiterhin wachsen wollen, angesichts des Ressourcenmangels und vor allem Klimawandels?


Badelt:
Natürlich geht mehr Wachstum meist mit einem höheren Einsatz an Energie und Ressourcen einher. Aber es ist destruktiv, deshalb zu fordern, dass wir deshalb überhaupt nicht mehr wachsen dürfen. Wie soll man eine solche Forderung überhaupt umsetzen? Wir können das Wachstum ja nicht einfach per Gesetz verbieten. Außerdem ist die Forderung abgehoben und lässt soziale Aspekte außer Acht. Wir vom Wifo sprechen lieber vom sogenannten inklusiven Wachstum. Das bedeutet, dass man zwar Wirtschaftswachstum anstrebt, aber auch benachteiligte Gruppen mitnimmt und ökologische Fragen nicht ausblendet. Der Fetisch BIP (Anm.: das Bruttoinlandsprodukt, also der Gesamtwert aller jährlich produzierten Güter und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft) rückt dabei in den Hintergrund. Unter benachteiligten Gruppen verstehen wir nicht nur die Menschen am Rand der Gesellschaft, sondern beispielsweise auch KMUs. Sie haben zwar in Österreich einen hohen wirtschaftlichen und kulturellen Wert, laufen aber zugleich Gefahr, vom multinationalen Konzernen aufgefressen zu werden. Wir müssen also eine Wachstumspolitik betreiben, die derartigen Akteuren zugute kommt. Ich finde aber darüber hinaus auch, es wäre Zeit für eine grundsätzlich andere Betrachtung des Wachstums.

profil: Welche?

Badelt: Wir sollten darüber reden, was konkret Nutzen für den Menschen stiftet, und uns fragen, wie wir dieses Ziel energiesparend erreichen können.

profil: Was heißt das?


Badelt:
Nehmen wir beispielsweise den Mobilitätssektor. Hier können wir körperliche Mobilität durch andere Formen ersetzen. Wenn etwa ein Geschäftsreisender zu einer Sitzung von Wien nach Frankfurt fliegt, kann ich ihm stattdessen ein gutes Kommunikationssystem für Videokonferenzen anbieten. Dann spart er sich den Flug – und hat seinen Nutzen genauso. profil: Eine Videokonferenz bringt aber weniger BIP-Wachstum hervor als ein Flug nach Frankfurt samt Hotelübernachtung.

Badelt: Das ist schon richtig – auch wenn die Möglichkeit einer guten Videokonferenz durchaus ebenfalls das Wachstum steigert, denn sie erfordert Investitionen in Kommunikationssysteme. Aber die Frage muss lauten, was wir vom Wachstum haben: Wenn ich nur das BIP steigern will, kann ich genausogut das Flugzeug ganz ohne Passagiere von Wien nach Frankfurt schicken. Eine moderne Diskussion darf sich nicht nur ums Wirtschaftswachstum drehen, sondern auch um Umwelt, Soziales und den konkreten Nutzen des Wachstums für die Menschen. Wir müssen uns fragen, wie wir den Wohlstand steigern können, nicht das BIP. Und wie dieser Wohlstand überhaupt definiert wird.

profil: Es braucht dafür ein anderes Maß als das BIP?

Badelt:
Ja, ein breiteres Messkonzept. Daran wird intensiv gearbeitet, etwa aufseiten der OECD (siehe Buchtipp unten). Wir haben derzeit noch das Problem, dass sich die neuen, breiteren Wohlstandsindikatoren noch nicht datenmäßig so engmaschig erfassen lassen wie das BIP. Deshalb kann man sie auch nicht laufend erheben und berichten -und das verhindert, dass diese neuen Wohlstandsindikatoren bei der breiten Masse und den Politikern einsickern.

profil: Aber unabhängig von solchen Indikatoren: Sind wir nicht dazu verdammt, mehr zu konsumieren – in unserem Beispiel: das Flugzeug nach Frankfurt zu nehmen statt uns mit einer Videokonferenz zu begnügen -, damit wir unseren Wohlstand erhalten?

Badelt: Eine komplexe Frage. Was ist unser Wohlstand? Wenn damit Arbeitsplätze gemeint sind, stimmt es -wir müssen tatsächlich, zumindest kurzfristig betrachtet, konsumieren, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Denn bei wenig Konsum bleiben Menschen und Maschinen unausgelastet, also verlieren Leute ihre Arbeit. Aber es gibt auch langfristigere, teils philosophische Perspektiven: Wohin entwickelt sich unser Wirtschaftssystem allgemein? Ob wir auf immer und ewig konsumieren müssen, damit unsere Arbeitsplätze weiterbestehen, da bin ich mir nicht sicher.

profil: Was wäre die Alternative?

Badelt: Langfristig muss man überlegen, inwiefern die Arbeitszeit außer Diskussion steht. Ich bin nicht generell für eine Arbeitszeitverkürzung -aber perspektivisch stellt sich durchaus die Frage, wie sich die Zeit der Menschen künftig aufteilt zwischen klassischer Erwerbsarbeit und anderen, unbezahlten Formen.

profil: Sie waren jahrelang Rektor der Wiener Wirtschaftsuniversität. Wenn man die ökonomische Forschung betrachtet, hat man den Eindruck, sie beschäftige sich immer noch vor allem damit, wie man das BIP steigern kann -statt generell Charakter und Sinnhaftigkeit des Wirtschaftswachstum zu hinterfragen. Stimmt das?

Badelt: Ich selbst war nie ein konventioneller Ökonom, sondern immer in Randgebieten der Ökonomie unterwegs, mit starker Neigung zu Sozialwissenschaften. Insgesamt bin ich der Meinung, dass es inzwischen viele Felder in den angewandten Wirtschaftswissenschaften gibt, die eine breitere Perspektive einnehmen, als sie die enge neoklassische Ökonomie vorgibt. Institute und Lehrprogramme für Sozial-und Umweltökonomie werden gegründet. Die Disziplinen werden laufend breiter aufgestellt, und das ist gut so.

Drei Buchtipps von Christoph Badelt

-) Fred Luks: Öko-Populismus. Warum einfache „Lösungen“, Unwissen und Meinungsterror unsere Zukunft bedrohen. Metropolis 2014, 20,40 Euro
-) Ivan Krastev: Europadämmerung. Suhrkamp 2017, 14,40 Euro
-) OECD (Herausgeber): For Good Measure. Advancing Research On Well-Being Metrics Beyond GDP (nur auf Englisch verfügbar). Gratis abrufbar hier

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„Die Märkte diktieren uns gar nichts“

Aus profil 45/2018, vom 05.11.2018

Kann die Wirtschaft ewig weiterwachsen? Sollen Regierungen in schlechten Zeiten sparen? Und ist die Krise im Grunde schon wieder vorbei? Ein Gespräch mit dem streitbaren US-Ökonomen James K. Galbraith

Er ist einer der profiliertesten US-Ökonomen aus der links-progressiven Ecke. Seit Jahrzehnten befasst sich James K. Galbraith mit Themen wie Bankenregulierung und öffentlichem Eigentum. Galbraith, 66, Sohn des berühmten Ökonomen John Kenneth Galbraith, forscht an der Universität Texas in Austin.

Galbraith ist ein scharfer Kritiker der Sparpolitik, die nach der Bankenkrise des Jahres 2008 in vielen Staaten Europas Einzug hielt. Er unterstützt unter anderem das Vorhaben des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis, ein europaweites Bündnis gegen die Austerität zu schmieden. Die Folgen der Eurokrise waren auch Anlass für Galbraiths Wien-Besuch in der vergangenen Woche: Das globalisierungskritische Netzwerk Attac hatte ihn anlässlich der Bucherscheinung „Entzauberte Union“ zu einer Diskussion eingeladen.

Das profil-Gespräch mit Galbraith dreht sich weniger um die Eurokrise als um ein grundsätzlicheres Thema, das ebenfalls zu den Fachgebieten des Ökonomen zählt: der Frage, wie lange das Wirtschaftswachstum noch andauern kann (siehe Kasten unten).

profil: Vor einigen Jahren riefen Sie in Ihrem Buch „Wachstum neu denken“ das „Ende der Normalität“ aus. Die Wirtschaft könne nach der Krise nicht zum alten Wachstum zurückfinden, lautete Ihr Argument. Wir müssten uns an wirtschaftlich schwierigere Zeiten gewöhnen. Heuer wächst die Wirtschaft in der EU und den USA kräftig, inflationsbereinigt um zwei bis drei Prozent. War Ihre Prognose falsch?

Galbraith: Nach der Krise 2008 wurde rasch von einer Rückkehr zur Normalität gesprochen. Die Krise war in der Sichtweise vieler Politiker und Ökonomen ein kurzfristiger Schock ohne tiefergehende Konsequenzen. Mit der darauffolgenden jahrelangen Stagnation und Arbeitslosigkeit hatte niemand gerechnet. Wenn es heute, ein Jahrzehnt danach, zwischendurch ein paar gute Jahre gibt, widerspricht das nicht meiner These.

profil: Und doch wächst die Wirtschaft wieder. Woran liegt es?

Galbraith:
Es gibt viele unterschiedliche Gründe. In den USA hat es durchaus mit Präsident Donald Trump zu tun. Er senkt die Steuern und fährt zugleich eine Politik der Staatsausgaben. Dass dabei Wirtschaftswachstum herauskommt, ist keine Überraschung. Die starke ökonomische Performance dürfte noch bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen 2020 andauern, was Trump nützen wird. Aber es gibt auch andere Faktoren: Die USA, ein immer noch mächtiger Staat, zwingen anderen Ländern Bedingungen auf – beispielsweise den Handelspartnern Kanada, Mexiko und China -, unter denen Amerika ein rascheres Wachstum leicht fällt.

profil: Sie sprechen von den angedrohten Handelskriegen?

Galbraith: Ja, aber auch vom starken US-Dollar. Seinetwegen fließt Kapital in die USA, weil dort die Zinsgewinne höher ausfallen. Dies befeuert das US-Wachstum -auf Kosten schwächelnder Schwellenländer, aus denen Kapital abfließt, beispielsweise Russland, Südafrika und der Türkei. Die Währungen stürzen ab.

James K. Galbraith (Foto: Wikipedia)

profil: Die US-Wirtschaft begann aber schon unter Barack Obama besser zu laufen.

Galbraith: Dahinter stecken längerfristige Faktoren. Der wichtigste ist die Existenz bestimmter Institutionen, die noch aus der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise 1929 stammen. In den 1930er-Jahren, als Präsident Franklin D. Roosevelt seinen „New Deal“ und die „Great Society“ proklamierte, wurden Programme wie Medicare und Medicaid aufgesetzt. Nach der Krise 2008 sorgten diese und ähnliche Einrichtungen dafür, dass die Gesellschaft wirtschaftlich stabilisiert wurde. Die Summe der Gelder, die nach der Krise auf diesem Weg an Einkommenskompensationen ausbezahlt wurden, ist beachtlich: ungefähr neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Amerikaner mussten also – wenn auch der Wert ihrer Häuser absackte und viele Ersparnisse verlorengingen – zumindest bei den Einkommen keine großen Verluste hinnehmen. Das hat dem Land am Ende aus der Krise geholfen.

profil: In Ihrer Arbeit befassen Sie sich auch auf grundsätzlichere Weise mit dem Wirtschaftswachstum. Dass das BIP stark wächst, betrachten Sie als vorübergehende Erscheinung der Nachkriegszeit, bedingt unter anderem durch die billigen Rohstoffe in jener Ära. Aber das sei längst vorbei.

Galbraith:
Wenn die Wirtschaft schnell wächst, ist dies die Lösung aller ökonomischen und sozialen Probleme. Dann geht es allen Teilen einer Gesellschaft besser, auch den Ärmsten. Das zeigt sich derzeit eindrucksvoll am Beispiel China. Dort ist selbst im abgelegensten Dorf die Situation heute weit besser als vor zehn Jahren – was politische Stabilität ermöglicht.

profil: Im Westen wächst die Wirtschaft aber nicht mehr so stark, dass es automatisch allen besser geht.

Galbraith: Deshalb müssen sich die Gesellschaften umorientieren. Es muss Institutionen geben, die dafür sorgen, dass die verwundbaren Teile der Gesellschaft – die Armen – nicht den schwierigeren Bedingungen zum Opfer fallen. Deshalb sollten die Regierungen, gerade wenn die ökonomischen Bedingungen schlechter werden, nicht den Gürtel enger schnallen und Einschnitte verfügen, sondern das Gegenteil tun. Austerität trifft immer die Armen am stärksten, denn sie sind die größten Empfänger jener staatlichen Unterstützungsleistungen, Sozialleistungen und Beihilfen, an denen gespart wird. Die Folge sind soziale Spannungen, wie wir sie gerade vielerorts erleben, beispielsweise in Südeuropa.

profil: Der Staat soll also Geld ausgeben, um das Wachstum wieder anzukurbeln?

Galbraith: Nicht die Wiederherstellung des Wachstums muss das Ziel sein, sondern die Stabilisierung der Gesellschaft in Phasen schwachen Wachstums. Das war das Erfolgsrezept zur Zeit des „New Deal“ und des Wiederaufbaus in Europa – der Schlüssel zu jahrzehntelang stabilen Demokratien. Sozialprogramme wurden damals ausgedehnt, nicht reduziert. Überdies muss der Staat sicherstellen, dass öffentliche Leistungen – vom Verkehr bis zur Müllabfuhr – in wirtschaftlich schlechten Zeiten genauso gut funktionieren wie in guten.

profil: Sie sprechen davon, die Menschen vor den Kapriolen des Wachstums zu schützen, wenn es schwächelt. Aber bedeutet das nicht zugleich, dass in Ihrem Szenario die Wirtschaft ewig weiterwächst – zumindest wenn die Zeiten gerade normal sind?

Galbraith: Eine Wirtschaft mit dauerhaftem Nullwachstum oder gar Wachstumsrückgang ist schwer vorstellbar. Die Unternehmen brauchen Gewinne, damit sie Geschäfte machen können. Aber in einer Welt ohne Wirtschaftswachstum gewinnen sie nichts hinzu. Es braucht zwar nicht viel Wachstum, aber ein bisschen.

profil: Viele Kritiker entgegnen, dass wir uns früher oder später vom Wachstum gänzlich verabschieden müssen, weil etwa die digitale Revolution viele Jobs vernichtet. Die Wirtschaft ist schlicht zu effizient geworden, um noch für alle Menschen Arbeit zur Verfügung zu stellen. Wie soll sie unter diesen Bedingungen permanent weiterwachsen?

Galbraith: Natürlich dienen neue Technologien dem Zweck, menschliche Arbeitskraft einzusparen. Aber es wird immer Möglichkeiten für neue, sinnvolle Tätigkeiten geben. Nicht alles lässt sich computerisieren. Die neuen Jobs müssen nicht unbedingt im gewinnorientierten Privatsektor entstehen, es kann auch der öffentliche Sektor sein oder der Non-Profit-Bereich der NGOs. Entscheidend ist, dass das soziale Gleichgewicht gewahrt bleibt und die Schwachen in schlechten Zeiten nicht unter die Räder kommen. Warum sollte es beispielsweise keine generelle Jobgarantie geben, ein Recht für jeden Bürger, Arbeit zu anständigen Bedingungen zu finden? Man würde auf diese Weise Humanressourcen viel besser nützen als heute, wo in manchen Ländern die Hälfte der jungen Menschen arbeitslos ist. Man muss nur Institutionen schaffen, die Jobs bieten – die Menschen werden sie nehmen. Die Gesellschaft wird besser dastehen, mit besseren öffentlichen Dienstleistungen, mehr Kultur, mehr Pflege, mehr Sicherheit, einer besseren Bildung.

profil: Um ein derartiges System einzuführen, würden die Regierungen zunächst einmal viel Geld brauchen.

Galbraith: Was ist Geld? Ein Artefakt des Staates. Die Scheine in Ihrer Geldbörse werden von Zentralbanken herausgegeben, also staatlicherseits gegründeten Institutionen.

profil: Trotzdem: Würde ein Land ein solches System einführen, würden sogleich die Risikoaufschläge auf die Staatsanleihen hochschießen.

Galbraith:
Warum?

profil: Weil die internationalen Märkte vorsichtig werden und aufgrund der bevorstehenden hohen Ausgaben fürchten, dass das Land in finanzielle Probleme rutscht.

Galbraith: Ich verrate Ihnen, wer es letztlich in der Hand hat, wie hoch die Aufschläge auf Staatsanleihen ausfallen: In Europa ist das Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), ein Funktionär, der von den Regierungen der Eurozone ernannt wurde. Wenn Draghi es will, interveniert die EZB, sodass die Aufschläge in bestimmter Höhe gedeckelt werden. Die Märkte haben nicht die geringste Möglichkeit, irgendetwas dagegen zu tun. Die Märkte diktieren uns gar nichts.

profil: In Italien plant die Regierung gerade, geringfügig höhere Schulden zu machen – und sogleich gehen die Zinsen nach oben.

Galbraith: Das liegt daran, dass die EZB ihre unterstützenden Aktivitäten für Italien eingeschränkt hat. Mit einem Federstrich könnte sie dafür sorgen, dass für das Land keine Gefahr besteht. Hinter solchen Fragen stecken keine wirtschaftlichen Zwänge, sondern politisch-ideologische Entscheidungen.

profil: Was dennoch in Ihrem Szenario unbeachtet bleibt, ist der ökologische Aspekt. Wenn die Wirtschaft immer weiterwächst, stellt sich die Frage: Wie soll das funktionieren, wenn wir beispielsweise zugleich die Klimaziele von Paris einhalten möchten? Kann unser ökonomisches System mit dem Erreichen eines ökologischen Gleichgewichts vereinbart werden?

Galbraith: Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Diese Frage erfordert technische Expertise, die jene eines Ökonomen weit übersteigt. Es sind deshalb neue Organisationen notwendig, die sich wissenschaftlich mit den Schnittstellen zwischen Wirtschaftsund Ökosystem befassen. Wir brauchen schleunigst eine Art biophysikalische Wirtschaftswissenschaft.

profil: Manche Experten hoffen auf ein grünes Wachstum, wodurch eines Tages das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppelt sein wird. Ist das möglich?

Galbraith:
Ich hoffe es. Aber besonders optimistisch bin ich nicht.

Drei Buchstopps von James K. Galbraith:

-) Benn Steil: The Marshall Plan. Dawn of the Cold War. Oxford University Press 2018 (nur auf Englisch verfügbar), 35,80 Euro
-) Adam Tooze: Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben. Siedler 2018, 39,10 Euro
-) Yanis Varoufakis: Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment. Kunstmann 2017, 30,90 Euro

Ausgewachsen

Zwei bis vier Prozent: So viel muss die Wirtschaft – genauer: das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also der Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Land produziert werden – pro Jahr inflationsbereinigt wachsen, damit die Arbeitslosigkeit nicht ansteigt. Dies errechnete einst der US-Ökonom Arthur Melvin Okun. Warum braucht es Wirtschaftswachstum, damit alles gleich bleibt? Die Unternehmen werden aufgrund der gegenseitigen Konkurrenz stets effizienter, sodass sie mit kleinerem Einsatz an Menschen und Material die gleiche Menge erzeugen können. Deshalb ist ein immer höheres BIP notwendig, damit die Arbeitslosenzahlen in einem akzeptablen Rahmen bleiben, ebenso wie Unternehmensgewinne und Staatsverschuldung.

Doch nicht nur der technische Fortschritt mündet möglicherweise in einen Wachstumszwang, sondern auch das Kreditwesen: Wer mit geborgtem Geld eine Investition tätigt, sollte am Ende eine höhere Summe erwirtschaften, als er anfänglich hineingesteckt hat. Schließlich muss man nicht nur seinen Kredit zurückzahlen, sondern auch die anfallenden Zinsen.

Ist unsere Ökonomie aufgrund solcher Faktoren zum Wachstum verdammt? Vor allem seit der Krise 2008 gibt es dazu eine intensive Debatte. Kritiker argumentieren, dass die Wachstumsrechnung ökologisch nicht aufgeht: Mehr Wachstum bedeutet mehr Ressourceneinsatz, was für Umwelt und Klima schlecht ist. Andere Kritiker beziehen sich auf einen mutmaßlichen Widerspruch im Kapitalismus, auf den bereits Karl Marx hinwies: Da die Unternehmen aufgrund von Effizienzsteigerungen immer weniger menschliche Arbeitskraft brauchen, verlieren immer mehr Menschen ihren Job. Letztlich gibt es niemanden mehr, der noch das Geld hätte, die hocheffizient hergestellten Produkte zu kaufen. Der Kapitalismus geht dann quasi am eigenen Erfolg zugrunde.

Die Verteidiger des Wachstumsgedankens hingegen verweisen auf den immensen Wohlstand, den das Wachstum -unbestrittenerweise – hervorgebracht hat. Das betrifft nicht nur die Staaten des Westens, sondern zunehmend auch Schwellenländer wie China. Viel umstrittener ist eine zweite Annahme der Optimisten: der Glaube an ein „grünes Wachstum“. Künftig werde das Wachstum aufgrund des technischen Fortschritts völlig vom Ressourcenverbrauch entkoppelt sein und der Umwelt somit nicht mehr schaden.

Joseph Gepp

profil wird sich in den kommenden Monaten in einer losen Serie mit Fragen rund um das Wirtschaftswachstum auseinandersetzen.

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€ 322.590.000.000: Die Zahl der Zahlen

Aus dem FALTER 15/2015

Alle rechnen damit. Alle richten sich danach. Alle vertrauen darauf. Das Bruttoinlandsprodukt ist die wichtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte. Jetzt muss damit Schluss sein

Bericht: Joseph Gepp

Wo liegt wohl das Machtzentrum Österreichs? Vielleicht im Bundeskanzleramt am Ballhausplatz? Oder im Parlament am Ring? Vielleicht in den Zentralen der großen Regierungsparteien SPÖ und ÖVP? Oder doch eher in den Chefetagen der großen Konzerne, bei Red Bull oder bei Raiffeisen?

Man weiß es nicht, und wahrscheinlich tragen alle diese Ort ihr Stück zu einem Netzwerk der Macht bei. Man weiß aber, wo die Mächtigen hinschauen, wenn es um das geht, was über ihre Macht entscheidet. Um ihre Wahlergebnisse und Geschäftsberichte, um ihre Gewinnerwartungen und Stimmungsbarometer.

Guglgasse 13, elfter Bezirk, Wien. Es gibt prestigeträchtigere Adressen als diese hier, einen Glaskasten, in dem sich die Büros dicht aneinanderdrängen. Wenn Ursula Havel aus ihrem Bürofenster im fünften Stock schaut, blickt sie über einen asphaltierten Hof hinweg auf die Gasometer und die Dächer des Arbeiterviertels Simmering. Havels Büro könnte man sich standardmäßiger kaum vorstellen: ein grauer Teppichboden, drei Zimmerpalmen, ein kleiner Konferenztisch, zur Ablage umfunktioniert. Abgearbeitete E-Mail-Ausdrucke dort markiert sie mit einem kleinen Hakerl.

Havel, 55, studierte Volkswirtin und Wienerin, dunkler Blazer, dunkle Haare, leitet die Abteilung Volkswirtschaft in der Statistik Austria. Jedes Jahr in der zweiten Junihälfte tritt eine Mitarbeiterin aus der EDV in ihr Büro. Dann überreicht sie Havel das, was rund 800 Statistik-AustriaMitarbeiter das ganze Jahr hinweg in ihren Computern ausgerechnet haben. Die Zahl, um die das ganze Land sich dreht. Die Zahl der Zahlen.

322.590.000.000 Euro betrug sie im Jahr 2013. Oder, dividiert durch die Zahl der Einwohner Österreichs, 38.050 Euro pro Person.

Das Bruttoinlandsprodukt, abgekürzt BIP, ist der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr und einem Land hergestellt oder erbracht werden. Es zeigt, wie gut die nationale Wirtschaft läuft und ob sie weiterwächst. Das BIP ist die entscheidende Zahl in unserem Wirtschaftsund Gesellschaftssystem. Die deutsche Wirtschaftswoche nennt sie eine „Ein-Zahl-Religion, an deren Wahrheit wir unbedingt glauben“. Der Potsdamer Ökonom Philipp Lepenies bezeichnet sie in einem 2013 erschienenen Buch als die „mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte“. Keine andere statistische Größe habe „jemals eine ähnliche Wirkung entfaltet“.

Wenn die Voest in Linz ein Stahlrohr gießt, fließt dessen Wert ins BIP ein. Wenn man sich beim Friseur ums Eck einen neuen Haarschnitt verpassen lässt, ebenso. Genauso wie der Wert einer Käsekrainer, die erst in einem Fleischereibetrieb hergestellt, ausgeliefert und schließlich am Würstelstand verzehrt wird. Alle Werte zusammen ergaben im Jahr 2013 eben jene 322,59 Milliarden Euro. Es waren – real, also unter Berücksichtigung der Inflation – rund 0,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Genau auf diese Wachstumsrate kommt es an.

Das BIP-Wachstum gilt als Indikator schlechthin für Fortschritt, Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg. Wenn die große Koalition in Österreich eine Steuerreform präsentiert, geht es ihr darum, das BIP-Wachstum zu steigern. Blickt der Westen neidisch nach Asien, tut er das, weil dort in vielen Ländern das BIP jährlich im zweistelligen Prozentbereich zulegt. Als sich der Kapitalismus gegenüber dem Kommunismus sowjetischer Prägung als überlegen erwies, bedeutete das, dass sein BIP stärker wuchs. Und wenn die neoliberalen Befürworter des Sparens mit den keynesianischen Freunden des Investierens über Griechenland streiten, glauben beide zu wissen, wie man das BIP am besten hochtreibt.

All das schlägt sich in den alltäglichen Debatten in Politik und Medien nieder. Immer geht es darum, wie man die Wirtschaft beleben oder ankurbeln könnte, sodass das BIP wächst. Doch kaum jemand spricht über das dahinterliegende Konzept. Sollen wir wirklich unbegrenzt an das BIP und an sein Wachstum glauben? Wer hat sich das überhaupt ausgedacht? Und wie funktioniert eigentlich die monumentale Rechenaufgabe Bruttoinlandsprodukt?

Ursprünglich konzipiert, um das Rüstungspotential in den USA im Zweiten Weltkrieg zu optimieren: Das Bruttoinlandsprodukt misst die gesamte Produktion an Gütern und Dienstleistungen pro Land und Jahr (Foto: Wikipedia)

Ursprünglich konzipiert, um das Rüstungspotential in den USA im Zweiten Weltkrieg zu optimieren: Das Bruttoinlandsprodukt misst die gesamte Produktion an Gütern und Dienstleistungen pro Land und Jahr (Foto: Wikipedia)

Wenn man diese Fragen an die Chefrechnerin richtet, Ursula Havel von der Statistik Austria, dann redet sie erst einmal die erste halbe Stunde gar nicht vom BIP. Es geht stattdessen um die „volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ oder gar um das „europäische System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“. Havel holt einen Wälzer aus dem Regal, 741 Seiten im A4-Format. Darin seien all jene Gesetze enthalten, die dafür sorgen sollen, dass die volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen in den EU-Staaten harmonisiert ablaufen. Auf weltweiter Ebene achtet die Uno darauf, dass man Staaten und Wirtschaftsentwicklungen miteinander vergleichen kann.

Das BIP ist zwar die wichtigste Zahl, aber bei weitem nicht die einzige im System der volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Andere heißen etwa Bruttowertschöpfung, Volkseinkommen oder private Konsumausgaben. Etliche Ökonomen, rund fünf Dutzend in Österreich, rechnen diese und andere Zahlen alljährlich aus. Alles zusammen ergibt ein komplexes, international strikt harmonisiertes System.

Das BIP ist darin zum Dogma geworden. Ausgedacht haben sich all das einst Wirtschaftswissenschaftler aus den USA und Großbritannien – eigentlich als eine Art Sonderinstrument im Zweiten Weltkrieg. Damals wollten die Staaten einen profunden Überblick über ihre Wirtschaftsaktivität erlangen, um ihr Rüstungspotenzial optimieren zu können. Später übertrug man das Konzept, dessen früheste Ursprünge im England des 17. Jahrhunderts liegen, auf Friedenszeiten, wie der Ökonom Lepenies in seinem Buch „Die Macht der einen Zahl“ schreibt. Nun hatte die Welt – vorerst die westliche, später auch der Rest – ein System an Richtwerten zur Verfügung, eine fixe Größe zur Definition und Berechnung des Wohlstands, den es anzustreben galt. Als sich nach dem Krieg tatsächlich Vollbeschäftigung und Massenkonsum einstellten, hatte das BIP seine große Bewährungsprobe bestanden. Die Ausweitung der Produktion, die es anzeigt, war zur unumstrittenen Richtschnur geworden. „Der Glaube an die Wichtigkeit immerwährenden Wachstums war selbstverstärkend“, schreibt Lepenies.

Bis heute soll die Zahl alles erfassen und abbilden, was auf dem Planeten gegen Geld von Hand zu Hand geht. „Wenn am Schwein eines Bauern Fleisch zuwächst oder am Baum eines Forstwirten Holz“, sagt Havel, „gilt dies als Investition und fließt damit ins BIP ein.“ Doch wie entsteht das BIP konkret, in der Praxis? In der gängigsten Weise startet dessen Ermittlung bei einem Unternehmer, der sich im Internet einloggt, um einen seitenlangen Fragebogen auszufüllen. Darin gibt er an, wie viele Waren er im vergangenen Jahr produziert oder wie viele Dienstleistungen er verkauft hat. Die größeren Unternehmer müssen dies – gesetzlich verpflichtend – machen, bei den kleinen behilft man sich zur Berechnung des BIP mit Steuerstatistiken und anderen Quellen.

Danach werden von den erzeugten Waren und Dienstleistungen die sogenannten „Vorleistungen“ abgezogen. Bei der Käsekrainer zum Beispiel darf der Standler, der sie verkauft, nicht ihren gesamten Wert angeben – dieser würde sich ja doppeln mit den Zahlen, die der Fleischproduzent anführt, aus dessen Firma die Wurst stammt. Also zieht der Standler etwa den Preis des Fleisches von seiner Summe ab. Und die Fleischerei zieht von ihrem Umsatz zum Beispiel den Wert der Energie ab, die sie an das staatliche Elektrizitätswerk bezahlt. „Wirtschaft ist ein Kreislauf“, sagt Havel. „Die Einnahmen des einen sind die Ausgaben des anderen.“

Den Kreislauf will man vollständig darstellen. Und die Wirtschaft soll als Ganzes jedes Jahr wachsen. Der Grund: Sie wird immer effizienter, weil Unternehmen miteinander konkurrieren. Aufgrund von Rationalisierungen, effizienterem Personaleinsatz und technischer Neuerungen, etwa im IT-Bereich, kann man heute mit dem gleichen Einsatz viel mehr erzeugen als früher. Die Produktivität wird also höher. Auch das zeigen die Zahlen der Statistik Austria: Im Jahr 2012 brachte eine Arbeitsstunde in Österreich durchschnittlich fast doppelt so viel Output hervor wie im Jahr 1996.

Das bringt ein Problem mit sich: Der Zuwachs der Produktivität bedeutet, dass das BIP stets steigen muss. Denn wenn man mit gleichem Einsatz immer mehr erzeugt, während das Ganze stagniert, werden immer weniger Arbeitskräfte gebraucht. Es gibt also mehr Arbeitslose. Die können weniger ausgeben, also schrumpft der Konsum. Das bedeutet wiederum weniger Wohlstand. Also ein kleineres BIP. Das BIP muss daher, soll das System stabil bleiben, immer zumindest im selben Ausmaß wachsen wie die Produktivität. Ökonomen sprechen von mindestens einem Prozent an notwendigem BIP-Wachstum pro Jahr.

In Österreich wuchs das BIP zuletzt real um 0,2 Prozent im Jahr 2013 und um 0,3 Prozent im Jahr 2014. Die Wachstumsschwäche ist kein österreichisches Phänomen: In der ganzen Eurozone etwa schrumpfte das BIP 2013 gar um 0,4 Prozent. Wegen solcher Zahlen hat die Europäische Zentralbank (EZB) Anfang März eine nie dagewesene Intervention zur Wirtschaftsbelebung gestartet: Um mehr als eine Billion Euro kaufen die Währungshüter in den kommenden Monaten Staatsanleihen. Das Motiv dahinter: Die Gewinne auf die Staatspapiere sollen sinken. Die EZB hofft, dass die Anleger ihr Geld stattdessen in andere Felder stecken, zum Beispiel in Kredite für Konsumenten oder in Aktien von Unternehmen. Also in Bereiche, die mehr Produktion und Konsum hervorbringen sollen und das BIP wieder wachsen lassen.

Viele Kritiker sehen darin eine Art Doping.
Die Wirtschaft wächst nur noch dann, wenn man sie mit massenweise billigem Geld überschwemmt. Nicht nur das weckt bei immer mehr Menschen Zweifel am BIP, sondern etwa auch der massive Anstieg der staatlichen und privaten Verschuldung in den vergangenen Jahrzehnten. Wirtschaftswachstum scheint heute nur noch über Schulden zu funktionieren. All das wirft Fragen auf: Bedeutet ein größeres BIP immer noch automatisch steigenden Wohlstand, so wie in der Nachkriegszeit? Ist die Ausweitung der Produktion immer noch der richtige Weg?

Jedenfalls muss nicht alles, was für die Menschen gut ist, auch für das BIP gut sein. Wenn man beispielsweise seinem Nachbarn eine Bohrmaschine borgt, damit er sich keine eigene kaufen muss, nützt dies der Umwelt und dem sozialen Gefüge, aber nicht dem BIP. Wenn man weniger arbeitet und stattdessen zu Hause bleibt, um Bücher zu lesen, Fenster zu putzen oder kranke Angehörige zu pflegen, steigert dies vielleicht das eigene Wohl und jenes des Umfelds. Das BIP aber schmälert es.

Umgekehrt gilt: Übermäßige Verschuldung etwa kann dem BIP äußerst guttun. Im Vorfeld der amerikanischen Immobilienkrise wurden in den USA mit billigen Risikokrediten massenhaft Häuser errichtet – bis im Jahr 2008 die Blase platzte, das BIP einbrach und das ganze Weltfinanzsystem ins Wanken geriet. Auch Epidemien und Naturkatastrophen nutzen streng genommen dem BIP, weil sie mit teuren Aufräumarbeiten und Impfstoffentwicklungen einhergehen. Und wenn ein Autofahrer auf der Heimfahrt im Stau steht, steigert dies das BIP, weil er mehr Treibstoff verbraucht, als wenn er sein Ziel zügig erreicht.

So argumentiert US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Er meint: Wir sind zu Gefangenen unseres eigenen Systems geworden, das wir uns zur Messung und Mehrung unseres Wohlstandes geschaffen haben. Die Macht des BIP kehrt sich heute gegen uns. Wir brauchen eine neue Richtschnur, die nicht mehr nur auf die Zunahme der Produktion abzielt. Eine neue wichtige Zahl.

Stiglitz war Teil einer hochrangigen Expertenkommission, die der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy im Jahr 2008 einberief. In diesem Jahr brach wegen der Bankenkrise das BIP in vielen Ländern stark ein. Aufgrund dieser Probleme – und wohl auch aufgrund des traditionell schwachen BIP in Frankreich – erklärte es Sarkozy zu seinem Ziel, alternative Formen der Wohlstandsmessung erarbeiten zu lassen. Er rief die weltweit bedeutendsten Ökonomen zusammen. Neben Stiglitz leiteten die Kommission der Pariser Wirtschaftsprofessor Jean-Paul Fitoussi und der indische Entwicklungsexperte und Philosoph Amartya Sen.

Die Entwicklung des Wohlstands, so ihr Fazit, sei eine mehrdimensionale Angelegenheit. Subjektives Wohlgefühl müssten ebenso in eine neue Bewertung einfließen wie Umweltfaktoren, Fragen der Verschuldung und der Vermögensverteilung. Denn hohes Wachstum etwa hilft der breiten Masse nicht, wenn es nur den Reichen zugute kommt.

Auch die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat inzwischen Vorschläge für eine Reform des BIP präsentiert. Genauso wie die EU: In einem Bericht der EU-Kommission von 2009 heißt es, das BIP liefere „nicht zu jeder Frage eine verlässliche Grundlage für die politische Diskussion“. Eine Eurobarometer-Umfrage von 2008 ergab, dass rund zwei Drittel der EU-Bürger mehr soziale und ökologische Indikatoren für die Bewertung von Wohlstand fordern. Deshalb forderte die Kommission seit 2009 „einen Datenrahmen, der neben den wirtschaftlichen systematisch auch ökologische und soziale Fragenstellungen einbezieht“.

An einem solchen Datenrahmen versucht sich derzeit
auch die Statistik Austria. „Wir haben 30 Indikatoren ausgewählt“, sagt Statistik-Austria-Chef Konrad Pesendorfer. „Ich weiß, das ist immer noch viel.“ Seit zwei Jahren publizieren die Statistiker nun einen dicken Jahresreport namens „Wie geht’s Österreich?“. Der Bericht gilt als Pionierprojekt in Europa; er soll ein runderes, fundierteres Bild vom Zustand des Landes liefern, als es das BIP vermag. Im Bericht finden sich, verständlich aufbereitet, etliche Angaben. Sie reichen vom subjektiven Sicherheitsempfinden der Bevölkerung über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen bis hin zum Schadstoffausstoß bei Neuwagen.

Pesendorfer sitzt im selben Simmeringer Glaskasten wie Ursula Havel, die das BIP berechnet. Er will seinen Teil dazu beitragen, damit sich die Gesellschaft von der Fixierung auf das BIP löst. Eine „mächtige, weit überschätzte Konvention“ nennt er es. „Stellen Sie sich ein Auto vor“, sagt Pesendorfer. „Hinter dem Lenkrad sehen sie drei Anzeigen mit der Drehzahl, der Geschwindigkeit und dem restlichen Treibstoff. Sicherlich könnte man diese drei Informationen in eine Zahl packen, das wäre leichter zu erfassen. Aber wie aussagekräftig wäre es noch?“

Ein neues Messsystem dürfe deshalb nicht mehr nur aus einer Zahl bestehen, weil dies der komplexen Wirklichkeit des Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschehens nicht gerecht werde, sagt Pesendorfer. Außerdem kann sich eine einzige Zahl leicht in ein Dogma verwandeln. Zugleich ist sie aber auch leichter zugänglich und kommunizierbar als viele verschiedene Zahlen. Dieses Dilemma führt dazu, dass sich bislang, trotz aller Bemühungen, kein Nachfolgesystem des BIP durchsetzen konnte.

Eine Reform müsste hohe Hürden nehmen. Nicht nur die Anerkennung der politischen und wirtschaftlichen Eliten gilt es zu erringen. Auch die breite Masse, die gesellschaftlichen Debattenführer und die Medien müssen sich auf neue, kompliziertere Maßstäbe einstellen.

Wohlstand und Fortschritt allein im BIP abzubilden ist nicht mehr zeitgemäß – da sind sich die meisten Fachleute einig. In der Nachkriegszeit, als die Menschen arm waren, mag die Ausweitung der Produktion noch der Weisheit letzter Schluss gewesen sein. Heute, wo sie vieles besitzen, sollen neue Messsysteme für den Wohlstand her.

Doch bisher gibt es als Alternative zum BIP nur den Wildwuchs. Wer etwas anderes sucht als die Summe alles Produzierten, stößt vorläufig nur auf Zahlen. Viel zu viele Zahlen.

RAND-INFOS:

(-) Wie berechet man das BIP? In der gängigsten Berechnungsmethode (der sogenannten Entstehungsrechnung) zieht man vom Produktionswert die Vorleistungen ab (Erläuterungen dazu siehe oben). Das Ergebnis ist die sogenannte Bruttowertschöpfung. Zu dieser addiert man die Gütersteuern abzüglich Gütersubvention. Das Ergebnis ist das BIP. Je nachdem, ob man die Inflation herausrechnet oder nicht, kann es nominell oder real sein

(-) Das Nettoinlandsprodukt (NIP) kommt in der öffentlichen Debatte kaum vor. Man erhält es, wenn man vom BIP die Abschreibungen abzieht, also das, was die Betriebe aus Abnutzungsgründen ausgeschieden haben

(-) Das Bruttosozialprodukt (BSP) ist ein Vorgängermodell des BIP. Es unterscheidet sich geringfügig von diesem, weil man es mit Blick auf alle Inländer berechnet, während für das BIP das Inland als Maß gilt. Arbeitsleistungen von Ausländern in Österreich fließen etwa ins BIP ein, aber nicht ins BSP. 1982 sangen Geier Sturzflug noch: „Jetzt wird in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“

(-) Wie viel Wachstum
verträgt die Welt? Diese Frage stellt man sich schon, seit der Club of Rome 1972 seine Studie „Grenzen des Wachstums“ publiziert hat. Während die Wachstumsdebatte früher stark auf die Umwelt und Bevölkerungszahlen fokussiert war, gerät heute oft auch das BIP-Wachstum in den Blick. Wichtige Vertreter in Europa sind der deutsche Ökonom Niko Paech und der Brite Tim Jackson

(-) Drei Bücher zum Thema:

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Suhrkamp, 186 S., € 16,50

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Suhrkamp, 186 S., € 16,50

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaft en in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaft en in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

Statistik Austria: Wie geht's Österreich? 215 S., € 29,- oder kostenloser Download unter www.statistik.at

Statistik Austria: Wie geht’s Österreich? 215 S., € 29,- oder kostenloser Download unter www.statistik.at

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„Wir wachsen oder wir kollabieren“

Aus dem FALTER 24/2013

Wie sich der britische Ökonom Tim Jackson eine Welt ohne Wirtschaftswachstum vorstellt

Interview: Joseph Gepp

Tim Jackson, 56, ist einer wichtigsten Ökonomen, die sich mit dem Thema Wirtschaftswachstum auseinandersetzen. Sein Bestseller „Wohlstand ohne Wachstum“, erschienen 2009, erregte beim UN-Klimagipfel in Kopenhagen Aufsehen. Der Falter traf den Briten beim Festival „What Would Thomas Bernhard Do“ in der Kunsthalle, wo er einen Vortrag hielt.

Falter: Herr Jackson, Ihrer Ansicht nach hat das Streben nach Wirtschaftswachstum zur Wirtschaftskrise seit 2008 geführt. Andere verweisen eher auf deregulierte Finanzmärkte oder lockere Geldpolitik. Was hat die Krise mit dem Wachstum zu tun?

Tim Jackson: Vordergründig lösten durchaus deregulierte Finanzmärkte die Krise aus. Aber wir müssen uns fragen, warum wir sie dereguliert haben. Die wichtigste Antwort lautet: um das Wachstum anzutreiben. Die Konsumenten sollten weiter Dinge kaufen, die Firmen expandieren. Deshalb sorgte man dafür, dass eine deregulierte Finanzindustrie massenhaft Kredite zur Verfügung stellt. Deshalb gab es so viel Liquidität, eine derartige Expansion der Verschuldung.

Die Verschuldung sollte den Konsum am Laufen halten?

Jackson: Die Wirtschaft braucht den Konsum, sonst wird sie instabil. Steuereinnahmen sinken, die Staatsverschuldung steigt. All dies kann nur durch Wirtschaftswachstum verhindert werden. So ist das System: Wir wachsen oder wir kollabieren.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, warum das Ihrer Ansicht nach so ist: Der Wettbewerb macht die Wirtschaft insgesamt effizienter, immer weniger Menschen können also immer mehr produzieren. Genau in diesem Ausmaß muss das System jedoch auch wachsen, sonst werden die Leute arbeitslos.

Jackson: Ja, und jetzt stößt das Modell an seine Grenzen. In Großbritannien werden wir voraussichtlich um das Jahr 2040 ein Nullwachstum erreichen. Uns bleibt nur die vage Hoffnung, dass alles weitergeht wie bisher: zwei bis drei Prozent BIP-Wachstum pro Jahr im Westen, fünf bis acht in den Entwicklungsländern. Aber das ist Selbsttäuschung.

Warum? Es gibt genug Potenzial in Ländern wie China oder Indien. Kann sich das Wachstum nicht einfach verlagern?

Jackson: Man kann die Konsummuster des Westens nicht einfach auf die Schwellenländer übertragen, dafür fehlen dem Planeten die Ressourcen. Abgesehen davon geht es am Wesentlichen vorbei, unsere Mühe weiter auf Wachstum und Materialzuwachs zu richten. Die sozialen, altruistischen Teile unserer Persönlichkeit sind essenziell für unser Wohlbefinden, kommen aber in der Wachstumsgesellschaft unter die Räder. Wir müssen stattdessen überlegen, wie wir das System prinzipiell reformieren können.

Wie denn?


Jackson:
Wir brauchen einen sinnvollen Begriff von Wohlstand, dem die Wirtschaft dient: Sie soll Dienste zuliefern, die unsere Lebensqualität verbessern. Dies erreicht man nicht allein durch kurzfristige Investments, sondern auch durch solche, deren Gewinne nicht nur finanzieller Natur sind – sondern auch sozialer und ökologischer.

Das klingt sehr allgemein. Wenn man sich konkret anschaut, was Wachstumskritiker wie Sie vorschlagen, stößt man etwa auf kürzere Arbeitszeiten oder Alternativen zum BIP. Auch das sind eher fragmentarische Maßnahmen. Warum gibt es keine große Theorie des Post-Wachstums?

Tim Jackson (Wikipedia)

Tim Jackson (Wikipedia)

Jackson: Wir stehen derzeit vor der Herausforderung, diese herauszuarbeiten. Grob gesagt müsste sie die theoretischen Grundlagen schaffen für einen beschäftigungsintensiven Firmensektor, ein langfristiges Finanzierungssystem und eine Neuorganisation von Arbeit und Arbeitszeit. Dafür braucht man geeignete Institutionen und eine makroökonomische Funktionsweise. Trotzdem sind Modelle immer nur so gut wie ihre dahinterliegenden Annahmen.

Könnte das Zeitalter nach dem Wachstum auch einfach so beginnen? Ohne Theorie?

Jackson: Ja, vielleicht. Regierungen werden schließlich gewählt, um Wohlstand zu schaffen. Langfristig werden nur solange auf Wachstum setzen, solange das Wachstum auch Wohlstand hervorbringt.

Um das Wachstum abzuschaffen, müssen Sie an eine Wurzel des Kapitalismus gehen: den Konkurrenzkampf der Marktteilnehmer untereinander. Kann es Kapitalismus ohne Wachstum überhaupt geben?


Jackson:
Begreift man Selbst- und Konkurrenzbezogenheit als die alleinige Basis des Kapitalismus, sprechen wir tatsächlich von seinem Ende. Aber die kapitalistische Realität ist nuancierter. Es gibt etwa den chinesischen und den schuldengetriebenen Kapitalismus sowie die sozialen Marktwirtschaften. Zwar steckt in diesen Formen durchaus das Element des Wettbewerbs. Aber man muss ja nicht alles gleich wegwerfen.

Die beiden vielleicht friedlichsten Epochen der Weltgeschichte waren das 19. Jahrhundert und die Zeit nach 1945. In beiden expandierten der Handel und die weltwirtschaftliche Verflechtung massiv. Wenn die Globalisierung zurückgeht – wie kann dann der Frieden bewahrt werden?

Jackson: In manchen Bereichen wird die Globalisierung in dieser neuen Vision des Wohlstands, wie ich sie hier skizziere, sicher zurückgehen – etwa in der Finanzwirtschaft. Aber diese Bereiche schaffen ja ihrerseits Instabilität. Es ist schon richtig, dass eine potenzielle Gefahr des Wandels die Entstehung isolierter Gemeinschaften möglicherweise feudalen Zuschnitts ist. Nur gibt es diese Gefahr auch jetzt schon – denken Sie nur an die horrende Jugendarbeitslosigkeit. Sollte das Wirtschaftssystem kollabieren, müssen wir sowieso zurück zu isolierten Gemeinschaften. Da ist es das kleinere Übel, vorher eine Struktur zu errichten, die den Crash vielleicht noch abwendet – etwa indem sie Arbeitslose auffängt und somit die Grundlage für Konflikte entschärft.

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40  Jacksons Buch kann man auch - wie viele andere interessante - bei der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung bestellen (um € 4,50). Siehe: www.bpb.de

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom,
248 S., € 13,40
Jacksons Buch kann man auch – wie viele andere interessante – bei der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung bestellen (um € 4,50). Siehe: http://www.bpb.de

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„Wir brauchen eine neue Story“

Aus dem FALTER 12/2013

Der Ökonom Ulrich Brand über das Ende des Wachstums und des Massenkonsums

Gespräch: Joseph Gepp, Wolfgang Zwander

Seit vielen Jahren befasst sich Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, mit Alternativen zum Kapitalismus. Der gebürtige Deutsche und Wahl-Wiener nahm nun an einer zweijährigen Enquete des Deutschen Bundestags zum Thema „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ teil, deren Ergebnisse am 15. April präsentiert werden.

Falter: Herr Brand, Wachstumskritik galt einst als Thema für linke Träumer. Heute haben in Deutschland sogar CDU und FDP eine breit angelegte Enquete zu diesem Thema mitinitiiert. Warum?

Ulrich Brand: Der Deutsche Bundestag wollte die internationale Debatte nicht verschlafen, nachdem 2010 der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy mit der Bildung einer Kommission zur Wachstumsfrage vorgeprescht war. Bundeskanzlerin Merkel hat sich bestimmt geärgert, dass ihr dieser Coup nicht gelungen ist.

Wir müssen weg vom Dogma des Wirtschaftswachstums, meint der Politologe Ulrich Brand (Foto: Uni Wien)

Wir müssen weg vom Dogma des Wirtschaftswachstums, meint der Politologe Ulrich Brand (Foto: Uni Wien)

Aber gerade in der Krise lautet doch das Motto aller Parteien: Wachstum, Wachstum, Wachstum!

Brand: Vordergründig schon, doch hinter den Kulissen wissen die nachdenklicheren Politiker längst, dass ewiges Wachstum, das auf immer mehr Massenkonsum und -produktion baut, eine gefährliche Illusion ist. Die sinkenden Wachstumsraten in den OECD-Staaten sprechen eine klare Sprache.

Welche Konzepte schweben den deutschen Politikern vor, wenn sie von Alternativen zum Wachstum sprechen?

Brand: Im Großen gibt es zwei Modelle, das der konservativ-neoliberalen Seite und eines von SPD, Grünen und Linkspartei. Die Konservativen und Neoliberalen gehen davon aus, dass sich das Wachstumsproblem langfristig auflösen wird, weil ein großer Technologiesprung die Wirtschaft ankurbeln wird. Nicht mehr Raubbau an der Umwelt und die Fertigung von Autos sollen dann Jobs und Kaufkraft schaffen, sondern eine Computer- und Hightechindustrie. Wichtige einzelne konservative Stimmen, die anderer Meinung sind, werden dabei auch übergangen. Die rot-rot-grünen Keynesianer sind immerhin schon einen Schritt weiter: Für sie ist Wachstum nicht mehr das Ziel an sich, sondern ein Mittel, um bestimmte gesellschaftliche Aufgaben zu lösen, zum Beispiel Wohlstand oder die Energiewende.

Aber egal, ob links oder rechts – wenn Sie einem Politiker mit Wachstumskritik kommen, wird er Ihnen zuerst einmal antworten, dass Sie mit Ihrem Gerede Arbeitsplätze gefährden.

Brand: Ja, das stimmt: Arbeitsplätze, Gewinne und Investitionen, staatliche Einnahmen und Sozialversicherung hängen da dran. Aber es ist eine schizophrene Situation: Denn auf der anderen Seite anerkennen alle politischen Strömungen die Mängel, die mit unserer Wirtschaftssituation zu tun haben. Hoher Energie- und Ressourcenverbrauch; das Burnoutproblem, das in Deutschland zu einer Massenepidemie geworden ist; schwindender gesellschaftlicher Zusammenhalt et cetera. Doch die Schlussfolgerungen werden nicht konsequent gezogen: Eine Behebung all dieser Missstände lässt sich nicht ohne die Abkehr vom Wachstumsdogma schaffen. Wir brauchen eine neue Story.

Wie soll die lauten?

Brand: Wir sollten eine Gesellschaft anstreben, die von Wachstumszwängen befreit ist, in der die Menschen die zeitlichen und finanziellen Spielräume haben, sich in ihrem sozialen Umfeld zu engagieren. Ein zentraler Hebel dazu wäre eine Arbeitszeitverkürzung: Damit entkommen wir dem Wachstumsimperativ. Weiters müssten öffentliche Leistungen gestärkt werden, etwa bei der Infrastruktur, damit die Leute nicht so stark von Erwerbsarbeit abhängig sind. Wir müssen weg von Autos und fossil-nuklearer Energie und hin zu erneuerbarer Energie. Wir brauchen einen Ausbau der Öffis und die Forcierung der Energiewende.

Das klingt, als wollten Sie gar keine Reduktion des Wachstums, sondern nur dessen Verlagerung auf andere Bereiche.

Brand: Nein, ich spreche von Reduktion des Ressourcenverbrauchs und der Emissionen. Bei einem Verzicht auf Autos würde etwa zwar der Öffi-Sektor kurzfristig wachsen, mittelfristig könnte er aber die freigewordenen Kapazitäten nicht aufnehmen.

Unter dem Strich würde Ihr Modell nicht ohne individuellen Verzicht funktionieren.

Brand: Es gibt kein Menschenrecht auf das tägliche Schnitzel, aber solche Einbußen können durch einen Gewinn an Lebensqualität kompensiert werden. Außerdem wird oft übersehen, dass immer mehr Bürger die Meinung teilen, die alleinige Fixierung auf das Wirtschaftswachstum sei falsch.

Man müsste viele Menschen umerziehen.

Brand: Ich würde eher von notwendigen Lernprozessen sprechen, aber eben auch von politisch ausgehandelten Regeln. Heute kann ja auch nicht jeder seinen Mist überall hinwerfen. Umerziehen hört sich negativ an. Es gäbe viele demokratisch legitimierte Mittel, diesen Prozess zu gestalten. Der Staat könnte etwa den Flugverkehr oder Fleischfabriken weniger attraktiv machen, indem er per Gesetz Kostenwahrheit durchsetzt – das heißt, der Preis der Produkte müsste etwa auch die daraus entstandenen Schäden an der Umwelt beinhalten. So könnte die Politik Rahmen setzen, aber natürlich müssen vor allem Unternehmer und Verbraucher umlenken. Deswegen bräuchten wir einen Prozess, der Menschen mitnimmt, indem man wirtschaftlichen Strukturwandel mit staatlicher Absicherung verknüpft.

Im Endeffekt läuft es also darauf hinaus, dass die Produktion von Massenkonsumgütern stärker reguliert werden soll?

Brand: Und das unter Bedingungen globaler Konkurrenz. Wir bräuchten eine Regulierung des Weltmarkts. Man könnte sich etwa darauf einigen, dass 99 Prozent der Bauteile eines Handys recycelbar sein müssen. Das würde die Entwicklungsgeschwindigkeit von Handys drastisch verringern. Aber es entstünden auch grüne Unternehmen, die sich anpassen und somit von der Abkehr vom Wachstumsdogma profitieren würden.

Buchtipps zum Thema: Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

Buchtipps zum Thema: Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

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