Schlagwort-Archive: Wilheminenberg

Ärger um Akten: der Rathausstreit in der Causa Wilhelminenberg

Aus dem FALTER 46/12

Schreckliche Verbrechen seien in den 1970ern im städtischen Kinderheim Wilhelminenberg geschehen, hieß es vor einem Jahr. Ehemalige Zöglinge berichteten über Zwangsprostitution und Massenvergewaltigungen. Zur Prüfung der Vorwürfe betraute SPÖ-Stadtrat Christian Oxonitsch die ehemalige Jugendrichterin Barbara Helige mit einer Untersuchungskommission. Diese sei unabhängig und werde von der Gemeinde bestmöglich unterstützt, hieß es.

Vergangene Woche legte Helige einen Zwischenbericht vor – und der klingt gar nicht nach Unterstützung. Die Aktenrecherche gestalte sich schwierig, weil die MA 2 für Personalfragen darauf bestehe, Personalakten vor der Übergabe durchzusehen. „Die Kommission akzeptiert diese Vorgangsweise nicht“, meint Helige. Dem „wissenschaftlichen Auftrag“ könne so „nicht entsprochen werden“.

Wie reagiert die kritisierte Behörde? Ihr seien die Hände gebunden, sagt Rudolf Gerlich, Sprecher der Magistratsamtsdirektion. Laut einem Rechtsbescheid der Datenschutzkommission des Bundes sei die Weitergabe der Akten nur erlaubt, wenn ein Zusammenhang mit dem Kinderheim Wilhelminenberg besteht. „Den müssen wir prüfen“, sagt Gerlich. „Sonst stehen unsere Beamten womöglich in einigen Jahren wegen Datenschutzverletzung vor dem Richter.“

Ein, wie es scheint, starkes Argument. Allerdings: Der Rechtsbescheid, entgegnet Barbara Helige, schreibe nur vor, dass der Zusammenhang von der Stadt Wien geprüft wird. „Und formal gehört die Untersuchungskommission ja auch dazu. Wir könnten den Zusammenhang also auch selbst prüfen.“

Ihr sei wichtig, dass „Betroffene der Untersuchung nicht selbst über Untersuchte entscheiden“, sagt Helige. „Juristisch übernehmen wir dafür die volle Verantwortung.“ Übrigens funktioniere bei der MA 11 für Jugendwohlfahrt völlig klaglos, was bei der MA 2 für Personalwesen so viel Ärger bereite. Ende Mai 2013 will Helige ihre Untersuchung abschließen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Behörden, Das Rote Wien

Wilhelminenberg: Jetzt arbeitet eine Kommission die Vorwürfe auf

Aus dem FALTER 49/2011

Massenvergewaltigungen, Zwangsprostitution, körperliche Gewalt bis hin zu möglichen Todesfällen: Derart schreckliche Verbrechen sollen laut zwei ehemaligen Heimkindern im Kinderheim am Wilhelminenberg bis zur Schließung im Jahr 1977 geschehen sein.

Nachdem die Vorwürfe Mitte Oktober publik geworden waren, betraute die Gemeinde die ehemalige Jugendrichterin Barbara Helige mit der Bildung einer Kommission, um die Ereignisse aufzuarbeiten. Vergangenen Mittwoch hat die Juristin ihre Kommissionsmitglieder präsentiert: Gemeinsam mit Helige werden die ehemalige Senatspräsidentin des Obersten Gerichtshofes, Helge Schmucker, die Psychiaterin Gabriele Wörgötter und der Linzer Sozialhistoriker Michael John bis Ende 2012 untersuchen, was im Heim am Wilhelminenberg wirklich passiert ist.

Rund 790 mutmaßliche Gewaltopfer haben sich bei der Wiener Opferschutzorganisation Weißer Ring gemeldet, seit die Vorwürfe aufkamen. Niemand habe aber bisher Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution bestätigt. Im Falter-Interview vor drei Wochen (Ausgabe 46/11) wiesen zudem zwei ehemalige Betreuerinnen die Vorwürfe aufs Schärfste zurück.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Wien

„Wir waren junge Dinger“

Aus dem FALTER 46/2011

Was geschah vor 35 Jahren am Wilhelminenberg? Zwei mutmaßliche Täterinnen erzählen

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Ein einziges Mal, erzählt Inge Krasonek*, habe sie etwas getan, das sie nicht tun hätte sollen. Das war bereits Jahre nach ihrer Zeit als Betreuerin am Wilhelminenberg, in einem anderen Heim, beim Erdäpfelschneiden mit einem Zögling in der Küche. Das Mädchen ließ ein scharfes Messer fallen, „einen halben Zentimeter neben meinem Zechen“, sagt Krasonek. „Vor Schreck hab ich sie weggestoßen, dann haben wir uns ganz geschockt angeschaut.“

Inge Krasonek und ihre Kollegin Elfriede Walmayr*, heute beide knapp 60, waren jahrzehntelang für die Stadt Wien als diplomierte Sozialpädagoginnen tätig. Nun werden ihnen Taten von fast unvorstellbarer Grausamkeit vorgeworfen.

Sie sollen vor 35 Jahren begangen worden sein, im Kinderheim am Wilheminenberg. „Wir waren junge Dinger“, sagt Walmayr. Mit 19 Jahren, im September 1972, versetzte sie das städtische Jugendamt MA 11 auf den Wilhelminenberg. 1975 folgte Kollegin Krasonek. Beide blieben bis 1977, als das unzeitgemäße Kinderheim geschlossen wurde.

Mit schlimmen Vorwürfen traten Mitte Oktober die beiden ehemaligen Heimkinder Eva L. und Julia K. im ORF und Kurier an die Öffentlichkeit. Sie beschrieben ein System organisierter Grausamkeit am Wilhelminenberg, das weit über die berüchtigten Methoden der „schwarzen Pädagogik“ hinausging – also über jene „gsunde Watschn“, die in den 70er-Jahren als legitimes Erziehungsmittel galt.

Schreckliche Dinge sollen im Schloss Wilheminenberg geschehen sein (Foto: Heribert Corn)

Laut L. und K. waren Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution alltäglich. Sie sprachen von Demütigungen, exzessiven Schlägen, Messerstichen. Einmal wöchentlich seien Rettungswagen vorgefahren, um misshandelte Kinder ins Spital zu bringen, manche von ihnen könnten sogar gestorben sein.

All dies erfolgte „jedenfalls mit Wissen und Billigung“ von Inge Krasonek, Elfriede Walmayr und einer Handvoll weiterer Erzieherinnen, heißt es in einer Klagsdrohung, die dem Falter vorliegt. Während Walmayr fremde Männer in die Schlafsäle ihrer Schützlinge gelassen haben soll, habe Krasonek darüber hinaus auch „Mädchen gezwungen, bei ihr im Bett zu schlafen, und diese vergewaltigt“.

„Wir wehren uns gegen diese Vorwürfe“, sagt Walmayr. „In über 40 Berufsjahren haben wir solche Verbrechen weder begangen noch gebilligt.“

Diese Geschichte zeigt die Sichtweise zweier mutmaßlicher Täterinnen. Ihre Namen sind dem Falter bekannt, doch wurde ihnen Anonymität zugesagt, um sie vor Anfeindungen zu schützen. Krasonek und Walmayr sehen sich als Opfer einer medialen Hysterisierung, die ständig schaurige Enthüllungen einer genauen Prüfung von Fakten vorzieht.

Durchaus hätten die beiden Gewalt am Wilheminenberg mitbekommen, erzählen sie. Aber sie habe in einem Rahmen stattgefunden, der damals – wenn auch schwer vorstellbar – als normal galt. „Vor allem bei älteren Erzieherinnen ist die Hand oft locker gesessen“, sagt Walmayr.

Die jungen Kolleginnen hätten wenig sagen können, wenn wieder einmal ein Zögling mit blauen Flecken auftauchte. „Dazu war das autoritäre Denken der Alten zu stark verankert. Erst ab Mitte der 70er sind Leute nachgerückt, die solche Methoden nicht mehr angewandt haben.“ Die Vorwürfe, die L. und K. gegen sie erheben, seien „aus der Luft gegriffen“ und würden sie „absolut fassungslos“ machen, sagt Inge Krasonek.

In der Öffentlichkeit lösten sie eine Lawine aus. 772 weitere Opfer haben sich seitdem bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring gemeldet, um von Gewalt in Kinderheimen zu berichten. Bis zu den ORF-Abendnachrichten präsentieren Medien dies als Beweis dafür, dass die Schilderungen von L. und K. wahr sind.

Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden ersten Opfern und den 772 weiteren: Kein einziges bestätige bislang Missbräuche in der Organisiertheit und Systematik, wie sie L. und K. beschreiben, sagt Erika Bettstein, Sprecherin des Weißen Ring. Von Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution berichten auch keine weiteren Zeugen wie Sanitäter und Ärzte.

In der Berichterstattung verschwimmt die Grenze zwischen seinerzeit weithin akzeptierten harten Methoden und Schwerverbrechen, die auch schon damals als solche gegolten hätten. Opferanwälte und Psychologen warnen, dass alle Opfer unglaubwürdig wirken könnten, wenn Berichte über Missbrauch zu Skandalen aufgebauscht oder gar politisch instrumentalisiert würden.

Nun soll eine Kommission der Juristin Barbara Helige herausfinden, was am Wilhelminenberg wirklich geschah. Berichte von Krasonek und Walmayr werden für sie von großer Wichtigkeit sein.

Der Falter trifft die Erzieherinnen in einem Innenstadtcafé. Je länger sie reden, desto mehr tritt der Heimalltag vor vier Jahrzehnten zutage. Wenn sie selbst unschuldig sind – könnten ihnen Gewalttaten anderer entgangen sein? „Massenvergewaltigungen müsste man doch hören“, antwortet Krasonek. „Außerdem gab es ja die Direktorin, die auf allem die Hand hatte.“

In Krasoneks und Walmayrs Schilderungen erscheint der Wilhelminenberg und dessen Chefin Hildegard Müller als altbacken, bieder und verstaubt. Manchmal lachen sie sogar über die kleinen Absurditäten des einstigen Alltags; schließlich begegnen sich hier auch zwei Arbeitskolleginnen nach langer Zeit wieder. Der schrullige Magazineur im Kleiderdepot zum Beispiel. Und, immer wieder, Direktorin Müller, die „wie der Zerberus alles bewachte“.

Müller sei „altmodisch, autoritär und tiernarrisch“ gewesen, sagt Walmayr. Pudel Murlimuck war immer dabei. An junge Erzieherinnen appellierte die längst verstorbene Frau Direktor, „Zucht und Ordnung“ zu wahren und „sich mit den Mädchen nicht zu fraternisieren“. Dass ab den 70ern eine Reformgruppe am Wilheminenberg antiautoritäre Erziehung praktizierte, sah Müller skeptisch. „Sie fürchtete schlechten Einfluss“, sagt Walmayr. Glaubt man L. und K., sollen auch Erzieher der Reformgruppe vergewaltigt haben.

„Der Wilhelminenberg war schon ein Kindergefängnis“, sagt Walmayr. Mit einem großen Schlüsselbund sei man durch lange Gänge gelaufen. Die Heimuniform für Kinder war „fürchterlich altmodisch, pure 50er“. Insgesamt war es ein Erziehungssystem mit kaum Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse. Jeden Morgen etwa, erzählt Krasonek, gab es für kleine Kinder den Klogang. „Dann sind wir alle runter zu den Toiletten und jeder bekam zwei Stück Klopapier. Ob er überhaupt musste, spielte keine Rolle. Das war einfach der vorgesehene Zeitpunkt dafür.“

Und Gewalt? Hin und wieder bemerkten die Erzieherinnen „ordentliche blaue Flecken“. Meist stammten sie von Wochenenden, die die Mädchen zuhause bei ihren Problemfamilien verbrachten. Manchmal waren sie aber auch „heim- und nicht hausgemacht“, sagt Krasonek. „Wir wussten schon, dass manche von den Alten mitunter zuschlugen.“

Systematischere Gewalt jedoch will Krasonek und Walmayr nicht untergekommen sein, ebenso wenig wie schlimme Demütigungen. Von sechs Erzieherinnen, die inklusive ihnen selbst in der Klagsschrift vorkommen, habe es lediglich eine einzige gegeben, „bei der die Hand wohl locker saß“, sagt Walmayr. Es ist die berüchtigte „Schwester Linda“, die in Berichten als die große Sadistin vorkommt.

Wie also kommt es zu den Vorwürfen, wenn diese nicht stimmen? Psychologen erklären sie mit kindlichen Traumaerlebnissen, die später auf andere Personen übertragen werden. „In diesem Sinn kann man sie gar nicht als erlogen bezeichnen“, sagt eine Psychologin, die in der erhitzten Stimmung ungenannt bleiben möchte. Auch Krasonek und Walmayr vermuten, dass L. und K. möglicherweise die Gewalt der eigenen Familie auf Erzieher im Heim projizieren.

Der Sozialpädagoge Hans Feigelfeld erklärt das Phänomen anhand eines nachvollziehbaren Beispiels: „Stellen Sie sich vor, Sie sehen immer wieder ein Foto von sich selbst, wie sie als Kind Fußball spielen. Irgendwann wissen Sie nicht mehr, ob Sie sich tatsächlich an das Kicken erinnern und nur das Foto zu oft gesehen haben.“ Auch Feigelfeld arbeitete in den 70ern am Wilhelminenberg, als Leiter der Reformgruppe, von der auch Krasonek und Walmayr erzählen. Auch er glaubt nicht, dass diese Verbrechen möglich waren.

Eva L. und Julia K. selbst erlebten Krasonek und Walmayr als „liebe Mädchen“. Krasonek hat sogar Fotos von einer der beiden dabei, sie habe sie damals von ihr geschenkt bekommen.

Es sind alte Polaroids, die ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren zeigen. Auf einem macht sie einen Pflug beim Schulskikurs, auf einem zweiten sitzt sie vor dem Stockbett in ihrem Schlafsaal und zupft an einer Gitarre. „Wenn ich sie vergewaltigt hätte“, sagt Krasonek, „hätte Sie mir dann wirklich Fotos von sich geschenkt?“

*Namen von der Redaktion geändert

2 Kommentare

Eingeordnet unter Das Rote Wien, Medien, Wien

„Keinen Deut besser als zur Nazizeit“

Aus dem FALTER 44/2011

Was ein einstiger Zögling über Kinderheime vor 50 Jahren in Wien und Niederösterreich erzählt


Bericht: Joseph Gepp

Foto: Heribert Corn

Wer mit Mark Schivitz* spricht, merkt, wie schlimm die Kindheitserinnerungen sind, die ihn quälen. Zugleich merkt man aber auch, dass Schivitz keiner ist, den die Vergangenheit gebrochen hat. Viele seiner alten Freunde, erzählt er, hätten sich umgebracht oder zu Tode getrunken. „Dieser Kelch ist an mir vorüber gegangen.“ Schivitz hat – nach Therapiestunden und Valium – mit seiner Erinnerung zu leben gelernt, er steht, so scheint es, erfolgreich im Leben.

65 Jahre ist er heute alt. 13 davon verbrachte er in Kinderheimen in Wien und Niederösterreich – auch am Wilhelminenberg, wo es laut ehemaligen Zöglingen massive Kindesmissbräuche gegeben haben soll. Seit diese publik wurden, haben sich mehr als 360 mutmaßliche Opfer beim Weissen Ring, Wiens Anlaufstelle für missbrauchte Heimkinder, gemeldet. Schivitz hat dem Weissen Ring ebenso seine Geschichte anvertraut wie dem Rechtsanwalt Johannes Öhlböck. Für die Stadt soll nun eine Kommission unter der Richterin Barbara Helige die Vorwürfe aufklären – auch die von Schivitz.

Er war gerade fünf, als er in sein erstes Heim im dritten Bezirk eingewiesen wurde. Das war Anfang der 50er-Jahre. Seine überforderte Mutter – „eine arme Seele, der ich nichts Schlechtes nachsagen will“ – hat ihn dorthin und in alle weiteren Heime gegeben. Nachher wollte Schivitz „nur noch raus aus Österreich“. Der Künstler ging nach Deutschland und schließlich in die USA, wo er nun seit einem Vierteljahrhundert in der Filmindustrie Hollywoods arbeitet.

Was er erzählt, zeugt von menschenverachtenden Erziehungsmethoden, für die sich lang niemand interessierte und die „keinen Deut besser waren als zur Nazizeit“, wie Schivitz sagt. Er berichtet aber nicht – wie manch andere Opfer – von Serienvergewaltigungen, Todesfällen und systematischer Prostitution. „Hier sollte ja nicht übertrieben werden“, warnt Schivitz. „Das würde zu einem discredit der Opfer führen und alles infrage stellen.“

Er selbst sei „ein Bub gewesen, der viel Energie gehabt hat, aber ein bissl klein war“. Als solcher habe er die volle Verachtung und Gewalt abbekommen, durch Erzieher wie ältere Zöglinge. Nach dem Heim auf der Landstraße kam Schivitz 1953 auf den Wilhelminenberg, danach, ab 1955, sechs Jahre ins katholische Heim der Kreuzschwestern nach Krems und schließlich in ein privat geführtes nach Wimmersdorf in Niederösterreich.

Am Wilhelminenberg verbrachte Mark Schivitz die Jahre 1953 bis 1955 (Corn)

In der Landstraße hätten Erzieherinnen simuliertes Ertrinken an ihm vollzogen, als er seinen erbrochenen Frühstücksbrei nicht essen wollte, erzählt er. „Sie haben in der Badewanne mit beiden Händen meinen Kopf gehalten und mir Wasser ins Gesicht gespritzt. Dann denkst du, du kannst nicht atmen.“ Am Wilhelminenberg folgten „drei Nächte pro Woche drei Stunden Knien auf dem Marmorboden“. Bettnässer wurden verhöhnt, ihre stinkenden Leintücher nicht gewechselt. Am schlimmsten jedoch wurde es für Schivitz in Krems.

Hier hätte sich die Gewalt der Erzieher am stärksten mit jener anderer Zöglinge vermischt. Ältere hätten sich an jüngeren sexuell vergangen. Zudem waren die Erzieher „ganz, ganz brutale Typen“. Heimkinder seien getreten worden; wer bei Ohrfeigen zuckte, sei noch mehr geschlagen worden. „Krems war der Wilhelminenberg zum Quadrat.“

Schivitz fühlte sich dadurch unentwegt bedroht. Bis heute verfolge ihn das Gefühl, sagt er. „Es gab keinen Platz, wo man sich verkriechen konnte.“ Ein konstanter Stresspegel habe geherrscht, „das Gefühl, dass jeden Augenblick wieder etwas passieren kann“. In den Heimen habe er oft geträumt, dass er weglaufe, sich aber nicht vom Stand bewegen könne. Im Jahr 2001 besuchte Schivitz Wien. Am Schloss Wilhelminenberg sah er die dort angebrachte Gedenktafel: „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder.“ So ein Hohn, sagt Mark Schivitz. „Das Erste, was man tun müsste, ist diese Tafel wegzureißen.“

* Name von der Redaktion geändert

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Behörden, Soziales

Ein Wilhelminenberg ungeklärter Fragen

Aus dem FALTER 43/2011

Der Heimkinder-Skandal: Medien und politische Glücksritter enthüllen ohne Rücksicht auf die Opfer

Bericht:
Joseph Gepp
Nina Horaczek

Heute checken hier Touristen ein, Wiener treffen sich zum Brunch mit Blick über die Stadt und Frischvermählte feiern Hochzeit. Nur eine unauffällige Gedenktafel erinnert daran, dass hier bis zum Jahr 1977 ein Kinderheim war. „Wer Kindern Paläste baut“, steht darauf, „reißt Kerkermauern nieder“.

Glaubt man den Aussagen zweier ehemaliger Insassinnen, die vor eineinhalb Wochen ihr Schweigen brachen, war das Schloss Wilhelminenberg weniger Palast denn Kerker. Die beiden Frauen berichteten im Kurier und im ORF, wie sie im Alter von sechs beziehungsweise acht Jahren von Erziehern der Stadt Wien misshandelt und sexuell missbraucht worden waren.

Richtiggehend verkauft sollen die Kinder worden sein. Fremde Männer seien in die Schlafsäle gekommen, um sie in Serie zu vergewaltigen. Julia K. und Eva L., heute 47 und 49 Jahre alt, erzählten von Schlägen, von jahrelangen Demütigungen. Wöchentlich habe die Rettung misshandelte Kinder abgeholt. Die Erzieher hätten sie auch psychisch gefoltert, hätten ihnen Filmaufnahmen aus Konzentrationslagern vorgespielt und ihnen gesagt, dorthin würden sie auch gehören, sie hätten kein Recht auf Leben. Selbst an Todesopfer wollen sich manche der damals Gequälten erinnern.

Seit diesen Berichten tauchen immer neue Opfer auf, in Wien und in den Bundesländern. Alleine auf dem „W-Berg“, wie das Heim genannt wurde, lebten bis zu 220 Kinder. Konnten sie in der Obhut der Gemeinde dermaßen gequält und misshandelt werden? Und sind die Vorwürfe tatsächlich neu? Ja, was die Vorwürfe organisierter Misshandlung und Zwangsprostitution von Schutzbefohlenen betrifft. Nein, wenn es um „schwarze Pädagogik“, Gewalt und Missbrauch in Kinderheimen geht.

„Die Debatte über die Zustände
in der staatlichen Obsorge hat in Deutschland Anfang der 70er-Jahre mit dem Film ‚Bambule‘ von Ulrike Meinhof begonnen“, erinnert sich der Kinderpsychiater Ernst Berger, der viele Jahrzehnte für die Gemeinde Wien tätig war. „Auch in Österreich gab es eine Anti-Heim-Bewegung. Da haben sich Aktivisten aus Protest gegen die Zustände in Wiens Heimen in Schönbrunn an den Tigerkäfig gekettet und den Stephansdom gestürmt. Bei der Arena-Besetzung Mitte der 70er-Jahre haben wir auch geflüchtete Heimkinder betreut“, sagt Berger, der nun im Auftrag der Opferschutzorganisation Weißer Ring Gespräche mit ehemaligen Heimkindern führt.

Was den Schutz von Kindern betrifft, herrschte im Österreich der 70er-Jahre tiefstes Mittelalter – ein Faktum, das in der momentanen Debatte gern übersehen wird. Die „gsunde Watschn“ war ein geläufiges Erziehungsmittel, das „Züchtigungsrecht“ wurde erst 1989 abgeschafft. Wie wenig es brauchte, dass der Staat einem das Kind abnahm, zeigen auch die „Amtsvormundschaften“, die bis in die 80er-Jahre üblich waren. Gebar eine alleinstehende Frau ein Kind, war automatisch das Jugendamt der gesetzliche Vormund. Erst wenn die Behörde der Meinung war, die Mutter führe einen sittlichen Lebenswandel, wurde ihr die Vormundschaft übertragen.

Im Schloss Wilheminenberg sollen grausame Dinge geschehen sein (Wikipedia)

Die ehemalige Heimerzieherin Ute Bock berichtete im Gespräch mit dem Standard von ehemaligen Waffen-SSlern, die nach dem Krieg als Erzieher ohne Ausbildung auf Heimkinder losgelassen wurden. Dazu kam, dass bis 1954 das nazideutsche „Reichswohlfahrtsgesetz“ in Kraft war. In einer 1975 fertiggestellten Studie der späteren SPÖ-Politikerin Irmtraud Karlsson über Wiener Kinderheime ist von Heimleiterinnen zu lesen, die ihre Zöglinge mit der Hundepfeife herumkommandierten, von Kindern, die stundenlang stillsitzen mussten und davon, dass „Bettnässer“ stigmatisiert und gedemütigt wurden. In diesen „totalen Institutionen“, wie Soziologen sie nennen, wurde jegliche Individualität zerstört, die Insassen von der restlichen Welt isoliert. „Montag, Mittwoch und Freitag ist Warmbad, die Körperpflege mache ich“, zitierte Karlsson die Leiterin eines privaten Knabenheims für sechs- bis 15-jährige Burschen, die offenbar selbst Hand an ihre Schützlinge legte.

Dass derartige Aussagen damals nicht die Alarmglocken schrillen ließen, ist nur aus dem Zeitgeist zu erklären. Kindesmissbrauch sei in den 70er-Jahren kein Thema gewesen, sagt Kinderpsychiater Ernst Berger. „Wir hatten 1974 einen Buben aus einem Bauernhof in Vorarlberg als Patienten in der Kinderpsychiatrie, von dem alle Ärzte wussten, dass sein Großvater auch sein Vater ist. Darüber wurde einfach nicht geredet“, sagt der Arzt.

Damals hätten es Psychiater als Fantasieprodukt abgetan, wenn Kinder über Missbrauch sprachen. Man werde doch nicht wegen der Fantasie der Kinder ehrenhafte Männer vor Gericht stellen. „Erst ab den 90er-Jahren hat man begonnen, Kinder wirklich ernst zu nehmen und ihnen zu glauben“, sagt Berger. Heute würden ihm die Opfer von damals in Gesprächen von Erzieherinnen und Erziehern berichten, die Kinder in ihre Zimmer und ihre Betten geholt haben. „Die Täter waren Männer und auch Frauen“, sagt Berger. Warum wurde darüber so lange geschwiegen? „Wenn ich ehemalige Heimbewohner frage, ob sie mit den anderen Kindern darüber gesprochen haben, sagen eigentlich alle: Nein, wir haben uns doch geschämt“, erzählt der Psychiater. Man müsse auch bedenken, dass diese Kinder in vollständiger Abhängigkeit von diesen Erziehern leben mussten.

Auch später hat sich kaum einer für diese Missbrauchsopfer interessiert. Schon 2007 erfuhr Berger bei einer Tagung in München, dass der deutsche Bundestag eine Kommission einrichte, um Übergriffe in staatlichen Heimen aufzuarbeiten. „Ich bin nach Wien zurück und habe verschiedenen Politikern und Journalisten gesagt: So etwas brauchen wir auch. Keiner hat reagiert“, sagt Berger. Erst unter dem Eindruck des kirchlichen Missbrauchsskandals gründete Wien im März 2010 eine Anlaufstelle für Heimopfer. Eine Lawine wurde aber erst durch die Interviews von Julia K. und Eva L. losgetreten.

Die beiden Frauen hatten sich zuvor an den Weißen Ring gewandt, der im Auftrag der Stadt Wien Clearinggespräche mit potenziellen Opfern des städtischen Heimsystems führt. Dass die beiden Frauen durch ihre Erlebnisse im Heim schwer traumatisiert sind, schien dem Gutachter des Weißen Ring eindeutig. 25.000 Euro beträgt die Entschädigung der Stadt Wien für Heimkinder „bei Fällen von über mehrere Jahre hinweg fortgesetzter (sexueller) Gewalt mit Verletzungsfolgen und/oder fortdauernden seelischen Schmerzen“. Nur in „besonders extremen Einzelfällen“ gibt es eine erhöhte Entschädigung. Julia K. und Eva L. erhielten jeweils 35.000 Euro, und dies, obwohl sie bei ihren Gesprächen mit dem Weißen Ring noch nichts von Kinderprostitution erzählt hatten.

Trotzdem fühlten sich die beiden beim Weißen Ring „nicht angenommen“, wie ihr Anwalt Johannes Öhlböck sagt. „Der Weiße Ring wollte keine Geschichten, keine Beweise, keine Details. Deshalb sind Julia K. und Eva L. zu mir gekommen.“ Der Rechtsvertreter, der gemeinsam mit zahlreichen prominenten FPÖ-Politikern Mitglied in der Burschenschaft Oberösterreiche Germanen ist, organisierte für die beiden Opfer Auftritte im Fernsehen und eine Pressekonferenz im Parlament. Dort wurden Vorwürfe erhoben, dass es im Heim Kinderprostitution und Serienvergewaltigungen gegeben habe. Aus Schilderungen einer Zeitzeugin, die in den 50er-Jahren als Kind mitansehen musste, wie ein Mädchen von einer Erzieherin geprügelt wurde und die dem Kurier sagte, „alle, fast alle, waren überzeugt davon, dass die tot ist“, machte der Anwalt einen praktisch erwiesenen Todesfall. „Kinder sind zu Tode gekommen“, sagte er über einen Fall, den die Staatsanwaltschaft nicht bestätigen kann.

Wenige Tage später sprach FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache auf einer Kundgebung in der Wiener Lugner City von einem „Pädophilenring im Roten Wien“ und einem „Fall wie Dutroux in Belgien“. Der Sexualstraftäter Marc Dutroux hatte zahlreiche Kinder entführt, sexuell missbraucht und zwei von ihnen ermordet. Gibt es tatsächlich ein „Wilhelminenberg-Gate“? Oder nützen geschickte Anwälte und kampagnisierende Politiker das Leid Betroffener, um sich selbst ins Rampenlicht zu rücken?

„Unvorstellbar“ sind derartige Vorwürfe
für Beobachter wie den Sozialpädagogen Hans Feigelfeld, der in den frühen 70ern auf dem Wilhelminenberg eine reformpädagogische Abteilung leitete. „Die Möglichkeit zur sexuellen Gewalt war da“, räumt der Pädagoge ein. „Aber wie soll eine solche Organisiertheit möglich gewesen sein? Die Kinder hatten Kontakt zu ihren Familien, Schulen, Sozialarbeiterinnen. Darüber hinaus müssen sie mit Sanitätern und Ärzten konfrontiert gewesen sein. Von all denen muss niemand ein Wort gesagt haben.“

Mehr als 40 Jahre nachdem diese Vorfälle passiert sein sollen, existieren vor allem die Darstellungen der Opfer. Sie können stimmen oder auch nicht. Auch eine dritte Wahrheit ist möglich. „Es kann auch sein, dass diese Opfer es in ihrer kindlichen Wahrnehmung damals so abgespeichert haben“, meint eine Psychologin, die nicht namentlich genannt werden möchte. Hier brauche es einen behutsamen Umgang mit den Betroffenen, um in einem sicheren Rahmen das Erlebte aufarbeiten zu können. „Dass das Pressezentrum des Parlaments und die ‚Zeit im Bild‘ der richtige Rahmen sind, bezweifle ich“, sagt die Expertin.

Für Psychiater Berger ist nicht entscheidend, ob in den Berichten der Betroffenen jedes Detail stimmt. „Jeder Kriminologe weiß, dass Menschen im Schock Dinge anders wahrnehmen können. Diese Kinder befanden sich damals in einer existenziellen Bedrohungssituation“, sagt Berger. Für ihn sei es wesentlich zu verstehen, wie sich die Heimerlebnisse auf das weitere Leben dieser Personen ausgewirkt haben.

Um aber herauszufinden,
ob die massiven Vorwürfe der historischen Wahrheit entsprechen, braucht es mehr als den empathischen Zugang der Opferschützer. Deshalb präsentierte SPÖ-Jugendstadtrat Christian Oxonitsch vergangenen Freitag eine Untersuchungskommission. Ab Ende November wird ein vier- bis fünfköpfiges Team unter der Familienrichterin Barbara Helige Zeitzeugen interviewen und Akten studieren, um die Wahrheit zu finden.

Bis dahin kann niemand mit Sicherheit sagen, was wirklich am W-Berg geschah – sollte man meinen. Tatsächlich übertreffen sich Gazetten täglich mit grausigen Details. Zahlreiche Medien, allen voran Kurier und ORF, präsentieren allein die Tatsache, dass sich nun weitere Opfer beim Weißen Ring melden, als Beweis für ein kriminelles System organisierten Kindesmissbrauchs. Neue Opfer schocken mit Leidensberichten – und über die hysterische Berichterstattung gerät manch dringend notwendige Differenzierung außer Acht. Gerade bei einem Thema wie Kindesmissbrauch, wo ein einziges falsches Opfer all die tatsächlichen diskreditieren kann.

Stattdessen wird blind rundum verdächtigt, um möglichst viel politisches Kapital aus den Missbrauchsfällen ziehen zu können. Der Flüchtlingshelferin Ute Bock wirft Johann Gudenus, der zweite Mann in der FPÖ hinter Parteichef Strache, gar vor, die „linkslinke Gutmenschin“ hätte als Erzieherin in Wiener Kinderheimen „Zöglinge misshandelt“. Anwalt Öhlböck, eigentlich Experte für Internetrecht, hat angekündigt, weitere Opfer staatlicher Kinderheime zu präsentieren.

Bis der Fall Wilhelminenberg aufgearbeitet ist, bis die neu eingesetzte Kommission ihren Bericht vorlegen wird, kann noch fleißig weiterspekuliert werden. Übrig bleiben die Opfer. Die werden immer noch da sein, wenn die Karawane aus hysterisierenden Medien und kampagnisierenden Politikern weitergezogen ist.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das Rote Wien, Wien