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„Es geht nur nach oben oder nach unten“

Aus dem profil 23/2019 vom 2.6.2019

Es schadet der Umwelt. Und glücklich macht es auch nicht. Dennoch muss die Wirtschaft ständig weiterwachsen, meint der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger. Warum eigentlich? Ein Gespräch.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Die Beschäftigung mit dem Thema Wirtschaftswachstum liegt offenbar in der Familie. Bereits Hans Christoph Binswanger (gestorben 2018), Vater des bekannten Schweizer Ökonomen Mathias Binswanger, befasste sich zeitlebens mit Ursachen und Folgen des Wirtschaftswachstums. Sohn Mathias, geboren 1962, Professor für Volkswirtschaftslehre im Schweizer Olten, trat in dessen Fußstapfen. Gerade hat er sein neues Buch „Der Wachstumszwang“ vorgelegt (Verlag Wiley, 25,70 Euro). Untertitel des äußerst lesenswerten Werkes: „Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben“. Wirtschaftswachstum werde vom Heilsversprechen zur kollektiven Zwangshandlung, so Binswangers These.

profil: Herr Binswanger, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – also der gesamte Output an Gütern und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft pro Jahr – muss ständig größer werden, damit der Kapitalismus nicht aus den Fugen gerät. Warum eigentlich?

Binswanger: Wachstum ist ein inhärenter Bestandteil des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das wir seit etwa 200 Jahren haben. Der Begriff Kapitalismus ist in diesem Zusammenhang gar nicht wertend gemeint, es ist schlicht eine Beschreibung der heutigen Wirtschaft. Diese funktioniert eben nur, wenn es ein gewisses Wachstum gibt. Unternehmen müssen in der Mehrheit Gewinne erzielen – was langfristig nur bei Wachstum möglich ist.

profil: Es gibt mehrere Theorien, warum der Kapitalismus Wachstum braucht. Karl Marx meinte einst, dass infolge der technischen Weiterentwicklung permanent Arbeitskräfte freigesetzt werden, weil man für dieselbe Arbeit weniger Arbeiter benötigt. Damit die Arbeitslosen irgendwo wieder unterkommen, braucht es permanentes Wachstum.

Binswanger: Marx hat einen wesentlichen Aspekt beschrieben: das Zwangsgesetz der Konkurrenz. Man kann nie stillstehen, sondern ist permanent über den Wettbewerb gezwungen, besser zu werden -sonst wird man verdrängt. Noch stärker betonte Joseph Schumpeter die Komponente des technischen Fortschritts, die „kreative Zerstörung“. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der den Wachstumszwang erklärt: Wir leben in einer Geldwirtschaft. In ihr muss man Gewinne in Form von Geld erzielen. Dies geht nur, indem ständig Geld in die Wirtschaft fließt. Das geschieht, indem Banken in Form von Krediten Geld schöpfen – und das machen sie in Hinblick auf die Zukunft: Ich muss Investitionen heute finanzieren, damit ich morgen einen Gewinn erziele. Damit er auch real größer ist als das, was ich ursprünglich ausgegeben habe, braucht es Wachstum.

profil: Eine Wette auf die Zukunft.

Binswanger: Genau. Würde der Output an Gütern und Dienstleistungen immer gleich bleiben und dennoch ständig mehr Geld in das System zufließen -das Ergebnis wäre lediglich Inflation.

profil: Das heißt, der Output muss größer werden.

Mathias Binswanger (Wikipedia)

Binswanger: Größer oder besser. Es braucht Wirtschaftswachstum als Zunahme des BIP.

profil: Sie haben sich in Ihrem Buch Unternehmen angesehen, die sich vorgenommen haben, nicht zu wachsen. Schaffen die das?

Binswanger: Nein – dem Wachstumszwang können auch einzelne Unternehmen nur ganz selten entwischen. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in Deutschland hat versucht, Unternehmen zu finden, die ökonomisch erfolgreich sind, obwohl sie nicht wachsen. Das Resultat: Größere Aktiengesellschaften können sowieso nicht auf Wachstum verzichten, sonst drohen Kursrückgänge und letztlich Übernahmen. Aber selbst bei kleinen Betrieben sind nur die wachsenden längerfristig erfolgreich. In Ausnahmefällen gibt es zwar wirtschaftliche Gewinne trotz Stagnation, zum Beispiel wenn ein Unternehmen mit einem neuen Produkt Erfolg hat – aber nicht auf Dauer.

profil: Der wohl wichtigste Aspekt der Wachstumsdebatte ist die ökologische Frage: Kann die Wirtschaft ewig weiterwachsen angesichts der Knappheit von Ressourcen und des Klimawandels?

Binswanger: Es gibt ein ziemliches Potenzial der Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch – das heißt, wir können eine Einheit BIP stets effizienter produzieren, mit immer weniger Energieeinsatz und CO2-Emissionen. Dieses Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft, aber die Entkopplung stößt an Grenzen. Das Problem ist, dass die Effizienzverbesserungen letztlich auch genützt werden, um neues Wachstum zu generieren. Ein Beispiel: Es gibt heute zwar weit tankeffizientere Automotoren als früher, aber zugleich war die Effizienzverbesserung eine Chance, luxuriösere Autos mit mehr Leistung und Gewicht anzubieten. Somit geht das Wachstum auf dem Automobilmarkt weiter. Die Effizienzverbesserung gerät in Konflikt mit dem Wachstum. Und falls in einem Land die Entkopplung tatsächlich gelingt, droht ein neues Problem.

profil: Nämlich?

Binswanger: Wenn die Wirtschaft in manchen Ländern ressourcenschonender läuft, liegt das in Wahrheit daran, dass jene Tätigkeiten, die Umweltbelastungen verursachen, in andere Staaten outgesourct wurden. Industrien wurden ausgelagert. Das sieht man gerade an hochentwickelten Wirtschaften wie der Schweiz und Österreich: In den Statistiken wirken sie zwar sehr klimaschonend. In Wahrheit jedoch entstehen die CO2-Emissionen für jene Güter, die in diesen Ländern konsumiert werden, im Ausland. In der Schweiz liegt der Anteil der sogenannten „grauen Emissionen“ inzwischen bei 50 Prozent.

profil: Lassen Sie uns ein Szenario versuchen, in dem die Entkopplung vielleicht doch gelingen würde. Nehmen wir an, es gäbe hohe CO2-Steuern -dadurch reduzierte sich der Konsum klimaschädlicher materieller Güter und etwa Flugreisen. Gleichzeitig florierten Dienstleistungen: Die Menschen lassen sich beispielsweise zu Künstlern oder Yogalehrern ausbilden und gehen im Urlaub in die heimischen Berge wandern. Könnte eine solche Welt nicht weiterwachsen – und trotzdem weniger Energie und Ressourcen verbrauchen?

Binswanger: Nun, wir wollen ja nicht auf den Wohlstand verzichten. Genau das – massive Wohlstandseinbußen – wäre die Konsequenz eines solchen Systems. Dazu sind die meisten Menschen nicht mal ansatzweise bereit. Beobachten Sie, was passiert, wenn die Wirtschaft nur einige Monate lang schwächelt und die Arbeitslosigkeit zunimmt: Sogleich gehen die Rufe los, dass es wieder Wachstum braucht. Sämtliche zaghaften Maßnahmen einer Ökologisierung bisher -etwa die CO2-Emissionszertifikate in der EU -wurden stets so konzipiert, dass sie das Wachstum nicht stören. In Wahrheit passen die ständigen Effizienzverbesserungen sogar gut in unser Wirtschaftssystem, weil sie sich in neues Wachstum ummünzen lassen. Würde man hingegen das Prinzip der Suffizienz einführen -also ein Maß festlegen, an dem wir endgültig über genug materielle Güter verfügen – dann würde dies dem Wirtschaftsprozess als Ganzem eine Grenze setzen. Dies aber passt nicht in ein System, das alle Wachstumsgrenzen beseitigt.

profil: Das klingt, als würden wir ewig weiterwachsen.

Binswanger: Das nicht, aber wahrscheinlich noch ziemlich lange.

profil: Ist es ein Teil der DNA des Menschen, dass er immer mehr will?

Binswanger: Nein, bis vor 200 Jahren war Stagnation der Normalfall. Die längste Zeit haben Menschen gelebt, ohne dass es Wachstum gab -mit erheblich weniger Wohlstand. Heute haben wir das umgekehrte Problem: In Ländern wie der Schweiz oder Österreich, die ein hohes Wohlstandsniveau erreicht haben, stellen wir zunehmend fest, dass viele Menschen gar nicht mehr glauben, dass ihr Leben durch zusätzlichen materiellen Konsum noch besser wäre. Trotzdem: Wir können nicht anders, als weiterzuwachsen. Das zeigt sich auch in der politischen Diskussion. Vonseiten der Politiker wird Wirtschaftswachstum im Normalfall nicht mehr als Chance für mehr Wohlstand präsentiert, sondern als Zwang. Es heißt: Wir müssen weiterwachsen, sonst fallen wir zurück im Vergleich zu anderen Ländern; sonst werden wir als Investitionsstandort unattraktiv; sonst gehen bei uns Arbeitsplätze verloren.

profil: Werden die Leute nicht irgendwann schlicht genug materielle Güter haben – und das Wachstum deshalb einbrechen?

Binswanger: Die Sättigung ist eine ständige Bedrohung des Wachstums. Deshalb zielen viele Aktivitäten heutzutage darauf ab, neue Bedürfnisse zu schaffen. Marketing-Experten entwickeln Mechanismen, eine sogenannte „psychologische Schrottreife“ für Produkte einzuführen, die eigentlich noch völlig in Ordnung wären.

profil: Zum Beispiel?

Binswanger: Bereits in den 1950er-Jahren hat es die US-Automobilindustrie geschafft, bei Konsumenten ein Gefühl der Beschämung hervorzurufen, wenn sie ein Auto fahren, das älter als zwei oder drei Jahre ist. Oder: Jedes Jahr kommen neue Smartphone-Modelle heraus. Sie dienen vor allem dazu, Vorgängermodelle zu entwerten. Die Zufriedenheit damit lässt nach. Das neue Modell hat immer gewisse Features, die das vorherige nicht hat, auch wenn man sie kaum verwendet.

profil: Lassen Sie uns zusammenfassen: Das Wachstum steigert in Wahrheit das Wohlbefinden längst nicht mehr, und der Umwelt schadet es sowieso. Und dennoch können wir nicht anders.

Binswanger: Ein Dilemma. Wir können auch nicht auf dem Niveau verbleiben, auf dem wir gerade sind; es geht nur nach oben oder nach unten. Infolge einer Stagnation der Wirtschaft wären einige Unternehmen nicht mehr erfolgreich und müssten Leute entlassen. Der Konsum geht zurück. Dadurch geraten auch andere Unternehmen in Schwierigkeiten. Weitere Leute müssen entlassen werden. Der Konsum geht weiter zurück. Eine Abwärtsspirale.

profil: Als Ausweg plädieren manche für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Könnten wir dadurch dem Wachstumszwang entkommen?

Binswanger: Ich glaube nicht. Das Problem ist die Finanzierbarkeit. Entweder man macht das Grundeinkommen relativ gering, damit es finanzierbar bleibt -dann aber wäre es kein eigentliches Grundeinkommen, weil die Menschen zusätzlich irgendwelche Einkommen bräuchten. Oder: Das Grundeinkommen ist hoch genug, dass sie tatsächlich davon leben könnten. Dann jedoch klappt die Finanzierung nur, wenn die große Mehrheit genauso weiterarbeitet wie bisher. Das heißt, der Erfolg des Grundeinkommens ist davon abhängig, dass das System möglichst unverändert weiterläuft.

profil: Und Arbeitszeitverkürzungen? Wie wäre es mit einer 20-Stunden-Woche?

Binswanger: Weniger zu arbeiten, wäre aus vielen Gründen sinnvoll. Auch könnten die Menschen mit weniger Einkommen durchaus überleben. Allerdings kann man nicht gesamtwirtschaftlich sagen: Wir verzichten auf mehr Einkommen, arbeiten allesamt weniger – und gleichzeitig funktioniert die Wirtschaft wie bisher. Es braucht schließlich Konsumenten, welche die ständig wachsende Menge an Gütern kaufen. Falls nicht, gerät das Wirtschaftssystem schnell in Probleme, weil weniger konsumiert würde als zuvor.

profil: Was bleibt dann als Lösung? Soll es weiterhin Wachstum geben, aber weniger als bisher?

Binswanger:
Das ist die derzeit realistischste Variante. Ein geringes Wachstum erspart uns die Abwärtsspirale, die aus einer Stagnation resultieren würde. Andererseits bleiben jene Probleme im Rahmen, die aus hohem Wachstum hervorgehen -zum Beispiel finanzielle Turbulenzen und Umweltbelastungen. Es gäbe einige Maßnahmen, um den Wachstumszwang abzuschwächen. Denkbar wäre zum Beispiel eine Reform am Aktienmarkt: Würde man Aktien mit zeitlicher Befristung einführen, wäre der Zwang für die Unternehmen abgemildert, langfristig große Gewinne zu erwirtschaften. Und damit auch der ständige Zwang zu hohem Wachstum. Gespräch: Joseph Gepp, Christina Hiptmayr Foto: Michael Rausch-Schott

Dies ist der vierte Teil der profil-Serie zum Thema Wachstum. Die vorangegangenen waren Interviews mit dem US-Ökonomen James K. Galbraith (profil 45/18) und Christoph Badelt, Chef des Wiener Wifo (50/18), sowie eine Anatomie des Bruttoinlandsprodukts (8/19).


Drei Buchtipps von Mathias Binswanger:

David Graeber: Bürokratie Die Utopie der Regeln. Klett-Cotta (2016), Euro 23,60
Stanislaw Lem: Sterntagebücher Suhrkamp (1978), Euro 10,30
Nicolás Gómez Dávila: Scholien zu einem inbegriffenen Text Karolinger (2017), Euro 34,-

Sein eigenes Buch:

Mathias Binswanger: Der Wachstumszwang Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben. Wiley, 25,70 Euro

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Zahlenzauber

Aus profil 8/2019 vom 17.02.2019

Nichts wirkt sich stärker auf Arbeitslosenraten, Unternehmensgewinne und Staatskassen aus. Nichts entscheidet mehr über den Wohlstand und die Stabilität der Gesellschaft. Aber kann das Bruttoinlandsprodukt ewig weiterwachsen? Und was ist dieses BIP überhaupt? Anatomie einer statistischen Größe, die unser Leben prägt.

Von
Joseph Gepp


Das ist der drittel Teil der Serie zum Thema Wirtschaftswachstum

Zum ersten Teil
Zum zweiten Teil

Diese Geschichte könnte an einem Würstelstand beginnen, dessen Betreiber seinem Gast ein Glas Bier serviert. Oder in einer Fabrik, in der Autoteile vom Fließband laufen. Sie könnte in einem Ministerium beginnen, das Personal einspart. Oder in einer x-beliebigen Schule, die mehr Lehrerstellen zugeteilt bekommt. Eigentlich spielt diese Geschichte überall in Österreich, in jedem Haushalt, an jedem Arbeitsplatz. Denn es gibt etwas, das alle Orte verbindet. Was dort geschieht, fließt Jahr für Jahr in eine monumentale Rechenaufgabe ein. Es findet sich im Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder, der Maßzahl für die wirtschaftliche Aktivität eines Landes. Etwas genauer: die Summe des Wertes aller Güter und Dienstleistungen, die pro Jahr in einer Volkswirtschaft hervorgebracht werden.

Im Jahr 2017 betrug Österreichs BIP 369,9 Milliarden Euro. Wenn man es durch die Zahl der Einwohner dividiert, betrug das BIP pro Person 42.060 Euro. Im Vergleich zum vorangegangenen Jahr 2016 war das BIP damit -real, also ohne Inflation -um 2,6 Prozent gewachsen. Das BIP ist die „mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte“, schreibt der deutsche Politologe Philipp Lepenies in seinem 2013 erschienenen Buch „Die Macht der einen Zahl“. Keine andere statistische Größe habe „jemals eine ähnliche Wirkung entfaltet“. Keine beeinflusst Politik und Gesellschaft mehr.

Wenn das BIP steigt, finden Arbeitsuchende Stellen. Unternehmen verbuchen Gewinne. Geschäfte erfreuen sich Kundenzulaufs. Weil von Konsum, Löhnen und Gewinnen je ein Teil als Steuern ans Finanzamt fließt, entscheidet das BIP auch, ob der Staat genug Einnahmen hat – oder ob Schulden und Einschnitte drohen.

Wenig überraschend also, dass ein Gutteil aller wirtschaftspolitischen Maßnahmen darauf abzielt, das BIP zu steigern -und zwar überall, ob in demokratischen oder autoritär geführten Gesellschaften, kommunistischen oder kapitalistischen. Von der Entwicklung des BIP hängt der Erfolg von Regimen und Regierungen ab; sie entscheidet wesentlich darüber, ob das politische Klima moderat bleibt oder Richtung Radikalismus tendiert. Langfristige geopolitische Entwicklungen -wie der Machtzuwachs Chinas -sind darauf zurückzuführen, dass bei den Aufsteigern das BIP stärker zulegt als in entwickelteren Staaten. Die einstige Systemkonkurrenz zwischen West und Ost entschied sich zugunsten des Westens, weil es dort besser gelang, BIP-Wachstum hervorzubringen. Eine mächtige Zahl also. Und zugleich eine mysteriöse. Denn meist betrachtet man das BIP als Selbstverständlichkeit und hinterfragt kaum dessen Bedeutung und woher die Notwendigkeit kommt, es zu steigern. Die Suche nach Antworten führt in den Wiener Arbeiterbezirk Simmering, in ein gläsernes Bürohaus aus den 1990er-Jahren. Hier liegt die Zentrale der Statistik Austria (zur aktuellen Causa siehe Seite 22). Die volkswirtschaftliche Abteilung unter Führung der Direktorin Ursula Havel ist verantwortlich dafür, auszurechnen, wie hoch das BIP in Österreich ausfällt.

Am Beispiel der Fabrik für Autoteile: Sie benötigt für ihre Tätigkeit Vorprodukte, etwa Gummi und Stahl. Aus ihnen fertigt sie ihre Produkte. Aus deren Weiterverkauf lukriert die Fabrik, im Normalfall, mehr Geld als jene Summe, die sie zuvor für die Ausgangsprodukte bezahlt hat. Die Fabrik hat also eine Wertschöpfung erzielt. Diese Wertschöpfung ist jene Summe, welche die Autoteilefabrik zum BIP beiträgt. Ökonomisch ausgedrückt: der Produktionswert abzüglich der Vorleistungen.

Ebenso läuft es beim Stahlwerk, das zuvor seinen Stahl an die Fabrik geliefert hat. Und beim Würstelstand: Auch dessen Betreiber verlangt von seinem Gast mehr Geld für das Glas Bier, als er seinem Lieferanten bezahlt hat. Auch der Würstelstand generiert eine Wertschöpfung. Etwas komplizierter wird es bei der Tätigkeit nicht gewinnorientierter Einrichtungen, Behörden, Nichtregierungsorganisationen und Kirchen. Auch ihre Tätigkeit fließt ins BIP ein. Immerhin haben auch sie einen massiven Einfluss aufs Wirtschaftsleben, etwa indem sie Jobs schaffen. Allerdings gibt es bei nicht gewinnorientierten Einheiten keine Wertschöpfung. Eine Schule oder ein Ministerium produziert nichts, dessen Wert abzüglich Vorleistungen sich im BIP darstellen ließe. Die BIP-Berechnung behilft sich, indem sie im Wesentlichen die Personalkosten heranzieht. Sie drücken gewissermaßen aus, wie aktiv die Schule in wirtschaftlicher Hinsicht war. Auch sie wird also zum Glied in jener riesigen Addition, bei der unten 369,9 Milliarden herauskommt.

In der Praxis liegen dem BIP lange Web-Formulare zugrunde. Ausgeschickt von der Statistik Austria, tragen darin alle größeren Einrichtungen, beispielsweise besagte Autoteilefabrik, ihre Wertschöpfung und andere Kennzahlen ein. Kleinere Einheiten wie der Würstelstand oder eine einzelne Schule müssen nichts ausfüllen. Bei ihnen wird geschätzt, wie viel sie zum BIP beitragen. Dabei behelfen sich die Statistiker mit dem Blick auf ältere Daten oder dem Vergleich mit größeren Branchenvertretern. Alle paar Jahrzehnte -in Österreich zuletzt im Jahr 1995 -findet eine sogenannte Vollerhebung statt. Dann muss tatsächlich jede wirtschaftliche Einheit bis hinunter zum kleinsten Würstelstand ihre Zahlen an die Statistiker schicken. Alle Daten werden in einer digitalen Kartei erfasst. Unterteilt in 64 Branchen, umfasst sie sämtliche wirtschaftliche Tätigkeiten. In der Klassifikationsdatenbank der Statistik Austria finden sich Kategorien wie die „Herstellung von feuerfesten keramischen Werkstoffen“, „Detekteien“ und sogar die „Verarbeitung von Frischfisch auf Fabrikschiffen“ – wiewohl der Beitrag der Letzteren zur österreichischen Wirtschaft überschaubar sein dürfte.

Als wäre all das noch nicht genug Rechenarbeit, kann man sich dem BIP auch noch gewissermaßen von hinten nähern. Es gibt nämlich auch andere Arten der BIP-Berechnung: beispielsweise, indem man alles Geld zusammenzählt, das in Österreich pro Jahr verdient wird. Sämtliche Gehälter unselbstständig Beschäftigter, Honorare für freie Dienstnehmer, Gewinnausschüttungen an Unternehmer, Mieteinnahmen: All dies zusammen ergibt wiederum das BIP. Wie das? Wer es verstehen will, muss sich fragen, woher das Einkommen der Menschen stammt. Der Lohn eines Arbeitnehmers war zugleich Teil der Wertschöpfung seiner Arbeitsstätte. Der Gewinn, den sich der Würstelstandbesitzer auszahlt, war ebenfalls Teil der Wertschöpfung seines Betriebs. Alles Geld, das jemand einnimmt, wurde im Rahmen irgendeiner Wertschöpfung erwirtschaftet. Am Ende sind beide Summen -das verdiente Geld und der Gesamtwert aller produzierten Güter und Dienstleistungen -gleich hoch.

Das BIP kennt keine Unterschiede. Das volle Auftragsbuch eines Handgranatenherstellers? Gut für das BIP. Eine vielbesuchte öffentliche Bücherei , die zahlreich Bibliothekare benötigt? Ebenfalls gut. Es mutet geradezu irre an, alle wirtschaftliche Tätigkeiten völlig wertfrei zusammenzuzählen, um dann auf Zehntelprozentpunkte genau zu eruieren, inwiefern sich das Resultat von Jahr zu Jahr verändert. Dass das BIP zur allmächtigen Messgröße aufstieg, ergab sich einst aus den Zwängen des Zweiten Weltkrieges. Damals arbeiteten britische und US-amerikanische Forscher mit Hochdruck daran, notwendige Kenntnisse zu entwickeln, damit die Kriegswirtschaften möglichst reibungslos expandieren konnten. Es galt beispielsweise zu eruieren, ob den Produktionssteigerungen in Flugzeugwerken auch ebensolche bei Propellern gegenüberstanden. Oder: inwiefern es in Konsumgüterbranchen zu Knappheiten kam, weil die Rüstungsindustrie derart heißlief. Mit dem Aufbau eines statistischen Systems, das derlei Informationen abbilden konnte, wurden einige der besten Wissenschafter ihrer Ära betraut, etwa Simon Kuznets und John Maynard Keynes. Im Jahr 1944 harmonisierten die USA, Kanada und Großbritannien ihre BIP-Berechnung. Bald darauf sprang die Logik der Steigerung, die gerade noch der Rüstungswirtschaft als Basis gedient hatte, auf die Nachkriegszeit und ihren beginnenden Massenkonsum über. Seither hat sich alles enorm ausdifferenziert. Heute werden immer neue Tätigkeiten in die BIP-Berechnung eingefügt. „Das BIP lebt“, sagt Ursula Havel von der Statistik Austria. „Das Konzept ist nicht statisch, sondern wird immer wieder weiterentwickelt.“ Im BIP spiegelt sich, wie sich Branchen und Berufe verändern. Derzeit beispielsweise läuft eine Gesetzesinitiative auf EU-Ebene, welche die rechtliche Basis schafft, Dienstleistungsbranchen genauer zu erfassen. Dadurch wird besser ersichtlich, wie viel etwa Friseure oder manche medizinische Berufe zum BIP beitragen. Die dahinterstehenden umfangreichen Verfahren nennt man „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen“. Sie sind europaweit einheitlich und detailliert geregelt. Wie sie abzulaufen haben, legt ein 740-seitiges Gesetzeswerk fest, Letztfassung 2010, das „Europäische System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“. Darüber liegt nochmals eine Vorgabe der UN für die ganze Welt, das „UN System of National Accounts“.

BIP-ENTWICKLUNG JE JAHRZEHNT IM VERGLEICH Je weiter die Wirtschaft entwickelt ist, desto schwerer fällt weiteres Wachstum.

Angesichts dessen ist, wenn man so will, eine Art Weltherrschaft längst keine Utopie mehr. Nur beherrscht kein mächtiger Staat und keine Oligarchie die Erde, sondern eine Zahl. Jedes Land hat sich dem Ziel verschrieben, das BIP zu steigern. Warum eigentlich? Weil es keiner Regierung bisher je gelungen ist, das BIP geplantermaßen zu senken oder längere Zeit stagnieren zu lassen. Rückgänge erfolgten ausnahmslos unfreiwillig, in Form von Rezessionen und Wirtschaftskrisen. Das bedeutet: Arbeitslosigkeit, knappe Kassen bei Privaten und Staat, Einschnitte, politische Instabilität. In schlimmeren Fällen drohen Staatspleiten, Hyperinflation, Massenverarmung bis hin zu Gewalt und Umstürzen.

Sinkt das BIP oder stagniert es dauerhaft, setzen selbstverstärkende Kreisläufe ein. Die Unternehmen produzieren weniger, deshalb brauchen sie weniger Arbeitskräfte. Es gibt also mehr Arbeitslose, die wiederum weniger Geld haben, um Güter zu kaufen -womit die Produktion noch weiter sinkt. Weniger Beschäftigte und weniger profitable Unternehmen liefern überdies weniger Steuern an den Staat ab. Infolgedessen drosselt auch dieser häufig seine Ausgaben. Der Staat konsumiert also ebenfalls weniger -womit die Produktion noch weiter sinkt. Ein Teufelskreis.

Damit die Welt nicht aus den Fugen gerät, muss das BIP also immerzu steigen. In der Volkswirtschaft kennt man gar fixe Relationen dafür, wie hoch der Anstieg erfolgen muss. Beispielsweise geht die EU bei Berechnungen von Staatsschulden davon aus, dass jeder Prozentpunkt weniger BIP-Wachstum das Budgetdefizit eines Landes um 0,6 Prozentpunkte erhöht. Auch die Arbeitslosigkeit korreliert stark mit dem BIP-Wachstum: Unterschiedlich je nach Wirtschaftsstruktur, führt jeder Prozentpunkt weniger BIP zu rund 0,4 Prozent mehr Arbeitslosen, errechnete der US-Ökonom Arthur Melvin Okun.

Kein Wunder, dass sich die großen Debatten in Politik, Forschung und Medien kaum jemals um Sinn oder Unsinn des BIP als solches drehen. Vielmehr wird leidenschaftlich gestritten, welche Mittel am geeignetsten seien, das BIP zu steigern. Im Kampf gegen Wirtschaftskrisen, argumentieren gern Sozialdemokraten und Linke, solle es Staaten erlaubt sein, Schulden zu machen -um mit geborgtem Geld das Wachstum wieder anzukurbeln. Schulden seien keine Lösung, entgegnen Konservative und Marktliberale: Das Wachstum werde nur zurückkehren, wenn die Staaten sparen, um das Vertrauen von Investoren zu gewinnen, auf dass sie neue Arbeitsplätze schaffen.

BIP-ENTWICKLUNG JE JAHRZEHNT IM VERGLEICH Je weiter die Wirtschaft entwickelt ist, desto schwerer fällt weiteres Wachstum.

Vielleicht treffen beide Ansätze nicht den Kern des Problems. Vieles deutet darauf hin, dass Staaten ab einem bestimmten wirtschaftlichen Entwicklungsgrad schlicht weniger wachsen -egal ob durch Schuldenmacherei oder Buhlen um Investoren. In Österreich beispielsweise gelten die rund drei Prozent jährliches Wachstum, wie sie das Land in den vergangenen beiden Jahren hinlegte, als regelrechter Boom. China hingegen erreichte vergangenes Jahr 6,6 Prozent -und beklagte damit das niedrigste Wachstum seit Jahrzehnten.

Die Ursache, warum der Zuwachs an BIP mit fortschreitender Wirtschaftsentwicklung nachlässt, hängt ein Stück weit mit bloßer Mathematik zusammen. Die Basis, von der aus die Steigerung prozentuell gemessen wird, wird ja ständig größer. Am Beispiel China: Im Jahr 2007 verbuchte das Land zwar noch unschlagbare 14,2 Prozent an Wirtschaftswachstum. In Wahrheit jedoch kamen – absolut betrachtet -damals weniger neue Güter und Dienstleistungen zur chinesischen Wirtschaft hinzu als im vergleichsweise schwachen Jahr 2018. Warum? 2018 war der Gesamtwert der bereits vorhandenen Güter bereits viel größer als 2007. Dementsprechend niedriger fällt der prozentuell gemessene Zuwachs aus. Je größer die Wirtschaft, desto schwerer weiterer Zuwachs.

Doch nicht nur die Mathematik setzt dem immerwährenden Wachstum Grenzen. Da wäre auch die Frage der natürlichen Ressourcen. Mehr Wachstum bedeutet stets mehr Rohstoffverbrauch und einen höheren Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase, zu deren Reduktion sich die Weltgemeinschaft bei der Klimakonferenz von Paris 2015 verpflichtet hat. Viele Experten hoffen zwar auf „grünes Wachstum“, also die Entkopplung von Wachstum und Umweltschäden. Allein, bisher kam es nie dazu. Ganz im Gegenteil : Je höher das Wachstum, desto größer die Umweltschäden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob immer mehr BIP-Wachstum tatsächlich zu individuellem Wohlbefinden führt. Zweifellos macht eine zunehmende Zahl von Gütern und Dienstleistungen die Menschen eine Zeit lang glücklich. Aber gilt das auch dann, wenn das BIP bereits sehr hoch ist? Jedenfalls gibt es Methoden, das BIP weiter zu steigern, die dem Wohlbefinden des Einzelnen abträglich sind. Ein Beispiel: Die Deregulierungen im US-Finanzsektor in den 1990er-und 2000er-Jahren führten zu beachtlichen Wachstumsraten. Viele Amerikaner konnten ihretwegen Kredite aufnehmen, um Hauskäufe und anderen Konsum zu finanzieren. Die Sache ging aber nur bis 2008 gut, als die Rechnung in Form der US-Bankenkrise ins Haus flatterte. Die Institute hatten massenhaft Risikokredite an fragwürdige Schuldner vergeben. Die darauffolgende Krise erschütterte gleichermaßen das BIP wie das Wohlbefinden vieler Amerikaner, die in die Armut stürzten.

Man kann den komplexen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Lebenszufriedenheit auch auf individueller Ebene betrachten: Wenn beispielsweise ein Pendler mit seinem Auto täglich im Stau steht, tut dies weder ihm selbst gut noch der Umwelt -auf das BIP jedoch wirkt es sich positiv aus. Denn der Staugeplagte gibt mehr Geld für Treibstoff aus und muss das Auto häufiger reparieren lassen. Ebenfalls schmälert jegliche ehrenamtliche Tätigkeit das BIP. Von der Altenbetreuung innerhalb der Familie über die Gratis-Nachhilfe für Schulkinder bis zur Blutspende: Derlei Engagement mag die persönliche Zufriedenheit erhöhen und den sozialen Zusammenhalt fördern. Aber weil sie nicht entlohnt ist, fließt sie nicht ins BIP ein.

Mathematik, Ressourcenverbrauch, Wohlbefinden. Vieles deutet darauf hin, dass es ab einem gewissen Entwicklungsgrad immer schwieriger wird, das BIP zu steigern -und dass überdies weiteres Wachstum den Menschen gar nicht guttut. Aber zugleich gibt es keine Möglichkeit der BIP-Senkung, außer eine Krise samt ihren verhängnisvollen Kettenreaktionen. „Wir haben einen Kult um eine Zahl kreiert, der uns nun gefangen hält“, beschrieb im Jahr 2012 der französische Ex-Präsident Nicolas Sarkozy dieses Dilemma. Braucht es eine neue Zahl, an der wir unser wirtschaftliches Handeln orientieren können? Hochrangige Ökonomen haben sich an dieser Frage abgearbeitet. Überzeugende Antworten gaben sie keine.

Zurück ins gläserne Bürohaus in Wien-Simmering. Dort präsentieren die Experten der Statistik Austria jedes Jahr einen Bericht, 232 Seiten, vielgelobt in Fachkreisen. „Wie geht’s Österreich?“ will Wege aus der BIP-Fixiertheit aufzeigen. Die Methode: 30 sorgsam ausgewählte und übersichtlich präsentierte Schlüsselindikatoren sollen ein wirklichkeitsgetreues Abbild der Zustände im Land liefern. Darunter findet sich beispielsweise die Anzahl der Schulabbrecher, die Höhe der Wohnkosten, das Ausmaß der Bio-Flächen in der Landwirtschaft und auch, ganz klassisch, das BIP.

WIE GEHT ‚S ÖSTERREICH? Die Statistik Austria vergleicht die BIP-Entwicklung alljährlich mit anderen Indikatoren.

Der Bericht ist Teil einer möglichen Lösung und führt zugleich ein Stück weit das Problem im Bericht in Wahrheit wesentlich von der Entwicklung des BIP ab. Würden zum Beispiel die Österreicher angesichts einer Wirtschaftskrise zu billigeren Lebensmitteln greifen – dann wäre wohl damit zu rechnen, dass auch das Ausmaß der Bio-Flächen wieder sinkt. vor Augen. Nimmt man mehr als nur eine wichtige Zahl in den Blick, geht schnell der Überblick verloren. Überdies hängen viele der Indikatoren im Bericht in Wahrheit wesentlich von der Entwicklung des BIP ab. Würden zum Beispiel die Österreicher angesichts einer Wirtschaftskrise zu billigeren Lebensmitteln greifen – dann wäre wohl damit zu rechnen, dass auch das Ausmaß der Bio-Flächen wieder sinkt.

Wie also könnte ein neues Generalkonzept aussehen, ähnlich klar und wirkmächtig wie das BIP? Es gibt keines, antworten Wachstumskritiker wie der deutsche Gewerkschafter Norbert Reuter, der britische Nachhaltigkeitsprofessor Tim Jackson und andere Anhänger der sogenannten „Degrowth“-Bewegung. Statt zu warten, plädieren sie dafür, einfach einmal zu beginnen mit dem Wachstumsrückgang. Gefordert werden Maßnahmen, die zwar wohl wachstumshemmend wirken würden, aber notwendig wären, um das allgemeine Wohlbefinden zu steigern. Für den Anfang zum Beispiel viel höhere Steuern auf Öko-Sünden. Oder höhere Investitionen der Regierungen in öffentliche Güter wie Bildungseinrichtungen, Museen und umweltfreundliche Verkehrsmittel. Weiters, so die Kritiker, brauche es eine generelle Arbeitszeitverkürzung. Infolge schrumpfender Produktionen ist nämlich mit Massenarbeitslosigkeit zu rechnen -das geringere Ausmaß der Lohnarbeit müsse deshalb besser auf die Menschen verteilt werden.

Freilich: Wie solch weitreichende Forderungen durchsetzbar sein sollen und ob das überhaupt ohne internationalen Konsens Sinn hätte, bleibt offen.

Vorläufig geht deshalb alles weiter wie gehabt. Ende vergangener Dezember, eine der vierteljährlich stattfindenden Pressekonferenzen österreichischer Wirtschaftsforscher zur Konjunkturentwicklung. Für das Jahr 2019 sei mit einer leichten Abkühlung der Wirtschaft zu rechnen, prognostizieren die Ökonomen. Man erwarte eine BIP-Steigerung von etwas unter zwei Prozent. Schlechter als bisher, aber nicht besorgniserregend. „Es ziehen Wolken auf, aber keine schwarzen“, formuliert der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts. Keine Sorge also. Wir wachsen schon noch ein bisschen weiter. n

DREI BUCHTIPPS ZUM THEMA BIP

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts. Suhrkamp 2013,16,50 Euro.
Statistik Austria: Wie geht’s Österreich? Indikatoren und Analysen. Gratis-Download
Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum – das Update. Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Oekom 2017,20,60 Euro

Ein Kommentar

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€ 322.590.000.000: Die Zahl der Zahlen

Aus dem FALTER 15/2015

Alle rechnen damit. Alle richten sich danach. Alle vertrauen darauf. Das Bruttoinlandsprodukt ist die wichtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte. Jetzt muss damit Schluss sein

Bericht: Joseph Gepp

Wo liegt wohl das Machtzentrum Österreichs? Vielleicht im Bundeskanzleramt am Ballhausplatz? Oder im Parlament am Ring? Vielleicht in den Zentralen der großen Regierungsparteien SPÖ und ÖVP? Oder doch eher in den Chefetagen der großen Konzerne, bei Red Bull oder bei Raiffeisen?

Man weiß es nicht, und wahrscheinlich tragen alle diese Ort ihr Stück zu einem Netzwerk der Macht bei. Man weiß aber, wo die Mächtigen hinschauen, wenn es um das geht, was über ihre Macht entscheidet. Um ihre Wahlergebnisse und Geschäftsberichte, um ihre Gewinnerwartungen und Stimmungsbarometer.

Guglgasse 13, elfter Bezirk, Wien. Es gibt prestigeträchtigere Adressen als diese hier, einen Glaskasten, in dem sich die Büros dicht aneinanderdrängen. Wenn Ursula Havel aus ihrem Bürofenster im fünften Stock schaut, blickt sie über einen asphaltierten Hof hinweg auf die Gasometer und die Dächer des Arbeiterviertels Simmering. Havels Büro könnte man sich standardmäßiger kaum vorstellen: ein grauer Teppichboden, drei Zimmerpalmen, ein kleiner Konferenztisch, zur Ablage umfunktioniert. Abgearbeitete E-Mail-Ausdrucke dort markiert sie mit einem kleinen Hakerl.

Havel, 55, studierte Volkswirtin und Wienerin, dunkler Blazer, dunkle Haare, leitet die Abteilung Volkswirtschaft in der Statistik Austria. Jedes Jahr in der zweiten Junihälfte tritt eine Mitarbeiterin aus der EDV in ihr Büro. Dann überreicht sie Havel das, was rund 800 Statistik-AustriaMitarbeiter das ganze Jahr hinweg in ihren Computern ausgerechnet haben. Die Zahl, um die das ganze Land sich dreht. Die Zahl der Zahlen.

322.590.000.000 Euro betrug sie im Jahr 2013. Oder, dividiert durch die Zahl der Einwohner Österreichs, 38.050 Euro pro Person.

Das Bruttoinlandsprodukt, abgekürzt BIP, ist der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr und einem Land hergestellt oder erbracht werden. Es zeigt, wie gut die nationale Wirtschaft läuft und ob sie weiterwächst. Das BIP ist die entscheidende Zahl in unserem Wirtschaftsund Gesellschaftssystem. Die deutsche Wirtschaftswoche nennt sie eine „Ein-Zahl-Religion, an deren Wahrheit wir unbedingt glauben“. Der Potsdamer Ökonom Philipp Lepenies bezeichnet sie in einem 2013 erschienenen Buch als die „mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte“. Keine andere statistische Größe habe „jemals eine ähnliche Wirkung entfaltet“.

Wenn die Voest in Linz ein Stahlrohr gießt, fließt dessen Wert ins BIP ein. Wenn man sich beim Friseur ums Eck einen neuen Haarschnitt verpassen lässt, ebenso. Genauso wie der Wert einer Käsekrainer, die erst in einem Fleischereibetrieb hergestellt, ausgeliefert und schließlich am Würstelstand verzehrt wird. Alle Werte zusammen ergaben im Jahr 2013 eben jene 322,59 Milliarden Euro. Es waren – real, also unter Berücksichtigung der Inflation – rund 0,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Genau auf diese Wachstumsrate kommt es an.

Das BIP-Wachstum gilt als Indikator schlechthin für Fortschritt, Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg. Wenn die große Koalition in Österreich eine Steuerreform präsentiert, geht es ihr darum, das BIP-Wachstum zu steigern. Blickt der Westen neidisch nach Asien, tut er das, weil dort in vielen Ländern das BIP jährlich im zweistelligen Prozentbereich zulegt. Als sich der Kapitalismus gegenüber dem Kommunismus sowjetischer Prägung als überlegen erwies, bedeutete das, dass sein BIP stärker wuchs. Und wenn die neoliberalen Befürworter des Sparens mit den keynesianischen Freunden des Investierens über Griechenland streiten, glauben beide zu wissen, wie man das BIP am besten hochtreibt.

All das schlägt sich in den alltäglichen Debatten in Politik und Medien nieder. Immer geht es darum, wie man die Wirtschaft beleben oder ankurbeln könnte, sodass das BIP wächst. Doch kaum jemand spricht über das dahinterliegende Konzept. Sollen wir wirklich unbegrenzt an das BIP und an sein Wachstum glauben? Wer hat sich das überhaupt ausgedacht? Und wie funktioniert eigentlich die monumentale Rechenaufgabe Bruttoinlandsprodukt?

Ursprünglich konzipiert, um das Rüstungspotential in den USA im Zweiten Weltkrieg zu optimieren: Das Bruttoinlandsprodukt misst die gesamte Produktion an Gütern und Dienstleistungen pro Land und Jahr (Foto: Wikipedia)

Ursprünglich konzipiert, um das Rüstungspotential in den USA im Zweiten Weltkrieg zu optimieren: Das Bruttoinlandsprodukt misst die gesamte Produktion an Gütern und Dienstleistungen pro Land und Jahr (Foto: Wikipedia)

Wenn man diese Fragen an die Chefrechnerin richtet, Ursula Havel von der Statistik Austria, dann redet sie erst einmal die erste halbe Stunde gar nicht vom BIP. Es geht stattdessen um die „volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ oder gar um das „europäische System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“. Havel holt einen Wälzer aus dem Regal, 741 Seiten im A4-Format. Darin seien all jene Gesetze enthalten, die dafür sorgen sollen, dass die volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen in den EU-Staaten harmonisiert ablaufen. Auf weltweiter Ebene achtet die Uno darauf, dass man Staaten und Wirtschaftsentwicklungen miteinander vergleichen kann.

Das BIP ist zwar die wichtigste Zahl, aber bei weitem nicht die einzige im System der volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Andere heißen etwa Bruttowertschöpfung, Volkseinkommen oder private Konsumausgaben. Etliche Ökonomen, rund fünf Dutzend in Österreich, rechnen diese und andere Zahlen alljährlich aus. Alles zusammen ergibt ein komplexes, international strikt harmonisiertes System.

Das BIP ist darin zum Dogma geworden. Ausgedacht haben sich all das einst Wirtschaftswissenschaftler aus den USA und Großbritannien – eigentlich als eine Art Sonderinstrument im Zweiten Weltkrieg. Damals wollten die Staaten einen profunden Überblick über ihre Wirtschaftsaktivität erlangen, um ihr Rüstungspotenzial optimieren zu können. Später übertrug man das Konzept, dessen früheste Ursprünge im England des 17. Jahrhunderts liegen, auf Friedenszeiten, wie der Ökonom Lepenies in seinem Buch „Die Macht der einen Zahl“ schreibt. Nun hatte die Welt – vorerst die westliche, später auch der Rest – ein System an Richtwerten zur Verfügung, eine fixe Größe zur Definition und Berechnung des Wohlstands, den es anzustreben galt. Als sich nach dem Krieg tatsächlich Vollbeschäftigung und Massenkonsum einstellten, hatte das BIP seine große Bewährungsprobe bestanden. Die Ausweitung der Produktion, die es anzeigt, war zur unumstrittenen Richtschnur geworden. „Der Glaube an die Wichtigkeit immerwährenden Wachstums war selbstverstärkend“, schreibt Lepenies.

Bis heute soll die Zahl alles erfassen und abbilden, was auf dem Planeten gegen Geld von Hand zu Hand geht. „Wenn am Schwein eines Bauern Fleisch zuwächst oder am Baum eines Forstwirten Holz“, sagt Havel, „gilt dies als Investition und fließt damit ins BIP ein.“ Doch wie entsteht das BIP konkret, in der Praxis? In der gängigsten Weise startet dessen Ermittlung bei einem Unternehmer, der sich im Internet einloggt, um einen seitenlangen Fragebogen auszufüllen. Darin gibt er an, wie viele Waren er im vergangenen Jahr produziert oder wie viele Dienstleistungen er verkauft hat. Die größeren Unternehmer müssen dies – gesetzlich verpflichtend – machen, bei den kleinen behilft man sich zur Berechnung des BIP mit Steuerstatistiken und anderen Quellen.

Danach werden von den erzeugten Waren und Dienstleistungen die sogenannten „Vorleistungen“ abgezogen. Bei der Käsekrainer zum Beispiel darf der Standler, der sie verkauft, nicht ihren gesamten Wert angeben – dieser würde sich ja doppeln mit den Zahlen, die der Fleischproduzent anführt, aus dessen Firma die Wurst stammt. Also zieht der Standler etwa den Preis des Fleisches von seiner Summe ab. Und die Fleischerei zieht von ihrem Umsatz zum Beispiel den Wert der Energie ab, die sie an das staatliche Elektrizitätswerk bezahlt. „Wirtschaft ist ein Kreislauf“, sagt Havel. „Die Einnahmen des einen sind die Ausgaben des anderen.“

Den Kreislauf will man vollständig darstellen. Und die Wirtschaft soll als Ganzes jedes Jahr wachsen. Der Grund: Sie wird immer effizienter, weil Unternehmen miteinander konkurrieren. Aufgrund von Rationalisierungen, effizienterem Personaleinsatz und technischer Neuerungen, etwa im IT-Bereich, kann man heute mit dem gleichen Einsatz viel mehr erzeugen als früher. Die Produktivität wird also höher. Auch das zeigen die Zahlen der Statistik Austria: Im Jahr 2012 brachte eine Arbeitsstunde in Österreich durchschnittlich fast doppelt so viel Output hervor wie im Jahr 1996.

Das bringt ein Problem mit sich: Der Zuwachs der Produktivität bedeutet, dass das BIP stets steigen muss. Denn wenn man mit gleichem Einsatz immer mehr erzeugt, während das Ganze stagniert, werden immer weniger Arbeitskräfte gebraucht. Es gibt also mehr Arbeitslose. Die können weniger ausgeben, also schrumpft der Konsum. Das bedeutet wiederum weniger Wohlstand. Also ein kleineres BIP. Das BIP muss daher, soll das System stabil bleiben, immer zumindest im selben Ausmaß wachsen wie die Produktivität. Ökonomen sprechen von mindestens einem Prozent an notwendigem BIP-Wachstum pro Jahr.

In Österreich wuchs das BIP zuletzt real um 0,2 Prozent im Jahr 2013 und um 0,3 Prozent im Jahr 2014. Die Wachstumsschwäche ist kein österreichisches Phänomen: In der ganzen Eurozone etwa schrumpfte das BIP 2013 gar um 0,4 Prozent. Wegen solcher Zahlen hat die Europäische Zentralbank (EZB) Anfang März eine nie dagewesene Intervention zur Wirtschaftsbelebung gestartet: Um mehr als eine Billion Euro kaufen die Währungshüter in den kommenden Monaten Staatsanleihen. Das Motiv dahinter: Die Gewinne auf die Staatspapiere sollen sinken. Die EZB hofft, dass die Anleger ihr Geld stattdessen in andere Felder stecken, zum Beispiel in Kredite für Konsumenten oder in Aktien von Unternehmen. Also in Bereiche, die mehr Produktion und Konsum hervorbringen sollen und das BIP wieder wachsen lassen.

Viele Kritiker sehen darin eine Art Doping.
Die Wirtschaft wächst nur noch dann, wenn man sie mit massenweise billigem Geld überschwemmt. Nicht nur das weckt bei immer mehr Menschen Zweifel am BIP, sondern etwa auch der massive Anstieg der staatlichen und privaten Verschuldung in den vergangenen Jahrzehnten. Wirtschaftswachstum scheint heute nur noch über Schulden zu funktionieren. All das wirft Fragen auf: Bedeutet ein größeres BIP immer noch automatisch steigenden Wohlstand, so wie in der Nachkriegszeit? Ist die Ausweitung der Produktion immer noch der richtige Weg?

Jedenfalls muss nicht alles, was für die Menschen gut ist, auch für das BIP gut sein. Wenn man beispielsweise seinem Nachbarn eine Bohrmaschine borgt, damit er sich keine eigene kaufen muss, nützt dies der Umwelt und dem sozialen Gefüge, aber nicht dem BIP. Wenn man weniger arbeitet und stattdessen zu Hause bleibt, um Bücher zu lesen, Fenster zu putzen oder kranke Angehörige zu pflegen, steigert dies vielleicht das eigene Wohl und jenes des Umfelds. Das BIP aber schmälert es.

Umgekehrt gilt: Übermäßige Verschuldung etwa kann dem BIP äußerst guttun. Im Vorfeld der amerikanischen Immobilienkrise wurden in den USA mit billigen Risikokrediten massenhaft Häuser errichtet – bis im Jahr 2008 die Blase platzte, das BIP einbrach und das ganze Weltfinanzsystem ins Wanken geriet. Auch Epidemien und Naturkatastrophen nutzen streng genommen dem BIP, weil sie mit teuren Aufräumarbeiten und Impfstoffentwicklungen einhergehen. Und wenn ein Autofahrer auf der Heimfahrt im Stau steht, steigert dies das BIP, weil er mehr Treibstoff verbraucht, als wenn er sein Ziel zügig erreicht.

So argumentiert US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Er meint: Wir sind zu Gefangenen unseres eigenen Systems geworden, das wir uns zur Messung und Mehrung unseres Wohlstandes geschaffen haben. Die Macht des BIP kehrt sich heute gegen uns. Wir brauchen eine neue Richtschnur, die nicht mehr nur auf die Zunahme der Produktion abzielt. Eine neue wichtige Zahl.

Stiglitz war Teil einer hochrangigen Expertenkommission, die der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy im Jahr 2008 einberief. In diesem Jahr brach wegen der Bankenkrise das BIP in vielen Ländern stark ein. Aufgrund dieser Probleme – und wohl auch aufgrund des traditionell schwachen BIP in Frankreich – erklärte es Sarkozy zu seinem Ziel, alternative Formen der Wohlstandsmessung erarbeiten zu lassen. Er rief die weltweit bedeutendsten Ökonomen zusammen. Neben Stiglitz leiteten die Kommission der Pariser Wirtschaftsprofessor Jean-Paul Fitoussi und der indische Entwicklungsexperte und Philosoph Amartya Sen.

Die Entwicklung des Wohlstands, so ihr Fazit, sei eine mehrdimensionale Angelegenheit. Subjektives Wohlgefühl müssten ebenso in eine neue Bewertung einfließen wie Umweltfaktoren, Fragen der Verschuldung und der Vermögensverteilung. Denn hohes Wachstum etwa hilft der breiten Masse nicht, wenn es nur den Reichen zugute kommt.

Auch die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat inzwischen Vorschläge für eine Reform des BIP präsentiert. Genauso wie die EU: In einem Bericht der EU-Kommission von 2009 heißt es, das BIP liefere „nicht zu jeder Frage eine verlässliche Grundlage für die politische Diskussion“. Eine Eurobarometer-Umfrage von 2008 ergab, dass rund zwei Drittel der EU-Bürger mehr soziale und ökologische Indikatoren für die Bewertung von Wohlstand fordern. Deshalb forderte die Kommission seit 2009 „einen Datenrahmen, der neben den wirtschaftlichen systematisch auch ökologische und soziale Fragenstellungen einbezieht“.

An einem solchen Datenrahmen versucht sich derzeit
auch die Statistik Austria. „Wir haben 30 Indikatoren ausgewählt“, sagt Statistik-Austria-Chef Konrad Pesendorfer. „Ich weiß, das ist immer noch viel.“ Seit zwei Jahren publizieren die Statistiker nun einen dicken Jahresreport namens „Wie geht’s Österreich?“. Der Bericht gilt als Pionierprojekt in Europa; er soll ein runderes, fundierteres Bild vom Zustand des Landes liefern, als es das BIP vermag. Im Bericht finden sich, verständlich aufbereitet, etliche Angaben. Sie reichen vom subjektiven Sicherheitsempfinden der Bevölkerung über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen bis hin zum Schadstoffausstoß bei Neuwagen.

Pesendorfer sitzt im selben Simmeringer Glaskasten wie Ursula Havel, die das BIP berechnet. Er will seinen Teil dazu beitragen, damit sich die Gesellschaft von der Fixierung auf das BIP löst. Eine „mächtige, weit überschätzte Konvention“ nennt er es. „Stellen Sie sich ein Auto vor“, sagt Pesendorfer. „Hinter dem Lenkrad sehen sie drei Anzeigen mit der Drehzahl, der Geschwindigkeit und dem restlichen Treibstoff. Sicherlich könnte man diese drei Informationen in eine Zahl packen, das wäre leichter zu erfassen. Aber wie aussagekräftig wäre es noch?“

Ein neues Messsystem dürfe deshalb nicht mehr nur aus einer Zahl bestehen, weil dies der komplexen Wirklichkeit des Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschehens nicht gerecht werde, sagt Pesendorfer. Außerdem kann sich eine einzige Zahl leicht in ein Dogma verwandeln. Zugleich ist sie aber auch leichter zugänglich und kommunizierbar als viele verschiedene Zahlen. Dieses Dilemma führt dazu, dass sich bislang, trotz aller Bemühungen, kein Nachfolgesystem des BIP durchsetzen konnte.

Eine Reform müsste hohe Hürden nehmen. Nicht nur die Anerkennung der politischen und wirtschaftlichen Eliten gilt es zu erringen. Auch die breite Masse, die gesellschaftlichen Debattenführer und die Medien müssen sich auf neue, kompliziertere Maßstäbe einstellen.

Wohlstand und Fortschritt allein im BIP abzubilden ist nicht mehr zeitgemäß – da sind sich die meisten Fachleute einig. In der Nachkriegszeit, als die Menschen arm waren, mag die Ausweitung der Produktion noch der Weisheit letzter Schluss gewesen sein. Heute, wo sie vieles besitzen, sollen neue Messsysteme für den Wohlstand her.

Doch bisher gibt es als Alternative zum BIP nur den Wildwuchs. Wer etwas anderes sucht als die Summe alles Produzierten, stößt vorläufig nur auf Zahlen. Viel zu viele Zahlen.

RAND-INFOS:

(-) Wie berechet man das BIP? In der gängigsten Berechnungsmethode (der sogenannten Entstehungsrechnung) zieht man vom Produktionswert die Vorleistungen ab (Erläuterungen dazu siehe oben). Das Ergebnis ist die sogenannte Bruttowertschöpfung. Zu dieser addiert man die Gütersteuern abzüglich Gütersubvention. Das Ergebnis ist das BIP. Je nachdem, ob man die Inflation herausrechnet oder nicht, kann es nominell oder real sein

(-) Das Nettoinlandsprodukt (NIP) kommt in der öffentlichen Debatte kaum vor. Man erhält es, wenn man vom BIP die Abschreibungen abzieht, also das, was die Betriebe aus Abnutzungsgründen ausgeschieden haben

(-) Das Bruttosozialprodukt (BSP) ist ein Vorgängermodell des BIP. Es unterscheidet sich geringfügig von diesem, weil man es mit Blick auf alle Inländer berechnet, während für das BIP das Inland als Maß gilt. Arbeitsleistungen von Ausländern in Österreich fließen etwa ins BIP ein, aber nicht ins BSP. 1982 sangen Geier Sturzflug noch: „Jetzt wird in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“

(-) Wie viel Wachstum
verträgt die Welt? Diese Frage stellt man sich schon, seit der Club of Rome 1972 seine Studie „Grenzen des Wachstums“ publiziert hat. Während die Wachstumsdebatte früher stark auf die Umwelt und Bevölkerungszahlen fokussiert war, gerät heute oft auch das BIP-Wachstum in den Blick. Wichtige Vertreter in Europa sind der deutsche Ökonom Niko Paech und der Brite Tim Jackson

(-) Drei Bücher zum Thema:

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Suhrkamp, 186 S., € 16,50

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Suhrkamp, 186 S., € 16,50

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaft en in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaft en in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

Statistik Austria: Wie geht's Österreich? 215 S., € 29,- oder kostenloser Download unter www.statistik.at

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„Wir wachsen oder wir kollabieren“

Aus dem FALTER 24/2013

Wie sich der britische Ökonom Tim Jackson eine Welt ohne Wirtschaftswachstum vorstellt

Interview: Joseph Gepp

Tim Jackson, 56, ist einer wichtigsten Ökonomen, die sich mit dem Thema Wirtschaftswachstum auseinandersetzen. Sein Bestseller „Wohlstand ohne Wachstum“, erschienen 2009, erregte beim UN-Klimagipfel in Kopenhagen Aufsehen. Der Falter traf den Briten beim Festival „What Would Thomas Bernhard Do“ in der Kunsthalle, wo er einen Vortrag hielt.

Falter: Herr Jackson, Ihrer Ansicht nach hat das Streben nach Wirtschaftswachstum zur Wirtschaftskrise seit 2008 geführt. Andere verweisen eher auf deregulierte Finanzmärkte oder lockere Geldpolitik. Was hat die Krise mit dem Wachstum zu tun?

Tim Jackson: Vordergründig lösten durchaus deregulierte Finanzmärkte die Krise aus. Aber wir müssen uns fragen, warum wir sie dereguliert haben. Die wichtigste Antwort lautet: um das Wachstum anzutreiben. Die Konsumenten sollten weiter Dinge kaufen, die Firmen expandieren. Deshalb sorgte man dafür, dass eine deregulierte Finanzindustrie massenhaft Kredite zur Verfügung stellt. Deshalb gab es so viel Liquidität, eine derartige Expansion der Verschuldung.

Die Verschuldung sollte den Konsum am Laufen halten?

Jackson: Die Wirtschaft braucht den Konsum, sonst wird sie instabil. Steuereinnahmen sinken, die Staatsverschuldung steigt. All dies kann nur durch Wirtschaftswachstum verhindert werden. So ist das System: Wir wachsen oder wir kollabieren.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, warum das Ihrer Ansicht nach so ist: Der Wettbewerb macht die Wirtschaft insgesamt effizienter, immer weniger Menschen können also immer mehr produzieren. Genau in diesem Ausmaß muss das System jedoch auch wachsen, sonst werden die Leute arbeitslos.

Jackson: Ja, und jetzt stößt das Modell an seine Grenzen. In Großbritannien werden wir voraussichtlich um das Jahr 2040 ein Nullwachstum erreichen. Uns bleibt nur die vage Hoffnung, dass alles weitergeht wie bisher: zwei bis drei Prozent BIP-Wachstum pro Jahr im Westen, fünf bis acht in den Entwicklungsländern. Aber das ist Selbsttäuschung.

Warum? Es gibt genug Potenzial in Ländern wie China oder Indien. Kann sich das Wachstum nicht einfach verlagern?

Jackson: Man kann die Konsummuster des Westens nicht einfach auf die Schwellenländer übertragen, dafür fehlen dem Planeten die Ressourcen. Abgesehen davon geht es am Wesentlichen vorbei, unsere Mühe weiter auf Wachstum und Materialzuwachs zu richten. Die sozialen, altruistischen Teile unserer Persönlichkeit sind essenziell für unser Wohlbefinden, kommen aber in der Wachstumsgesellschaft unter die Räder. Wir müssen stattdessen überlegen, wie wir das System prinzipiell reformieren können.

Wie denn?


Jackson:
Wir brauchen einen sinnvollen Begriff von Wohlstand, dem die Wirtschaft dient: Sie soll Dienste zuliefern, die unsere Lebensqualität verbessern. Dies erreicht man nicht allein durch kurzfristige Investments, sondern auch durch solche, deren Gewinne nicht nur finanzieller Natur sind – sondern auch sozialer und ökologischer.

Das klingt sehr allgemein. Wenn man sich konkret anschaut, was Wachstumskritiker wie Sie vorschlagen, stößt man etwa auf kürzere Arbeitszeiten oder Alternativen zum BIP. Auch das sind eher fragmentarische Maßnahmen. Warum gibt es keine große Theorie des Post-Wachstums?

Tim Jackson (Wikipedia)

Tim Jackson (Wikipedia)

Jackson: Wir stehen derzeit vor der Herausforderung, diese herauszuarbeiten. Grob gesagt müsste sie die theoretischen Grundlagen schaffen für einen beschäftigungsintensiven Firmensektor, ein langfristiges Finanzierungssystem und eine Neuorganisation von Arbeit und Arbeitszeit. Dafür braucht man geeignete Institutionen und eine makroökonomische Funktionsweise. Trotzdem sind Modelle immer nur so gut wie ihre dahinterliegenden Annahmen.

Könnte das Zeitalter nach dem Wachstum auch einfach so beginnen? Ohne Theorie?

Jackson: Ja, vielleicht. Regierungen werden schließlich gewählt, um Wohlstand zu schaffen. Langfristig werden nur solange auf Wachstum setzen, solange das Wachstum auch Wohlstand hervorbringt.

Um das Wachstum abzuschaffen, müssen Sie an eine Wurzel des Kapitalismus gehen: den Konkurrenzkampf der Marktteilnehmer untereinander. Kann es Kapitalismus ohne Wachstum überhaupt geben?


Jackson:
Begreift man Selbst- und Konkurrenzbezogenheit als die alleinige Basis des Kapitalismus, sprechen wir tatsächlich von seinem Ende. Aber die kapitalistische Realität ist nuancierter. Es gibt etwa den chinesischen und den schuldengetriebenen Kapitalismus sowie die sozialen Marktwirtschaften. Zwar steckt in diesen Formen durchaus das Element des Wettbewerbs. Aber man muss ja nicht alles gleich wegwerfen.

Die beiden vielleicht friedlichsten Epochen der Weltgeschichte waren das 19. Jahrhundert und die Zeit nach 1945. In beiden expandierten der Handel und die weltwirtschaftliche Verflechtung massiv. Wenn die Globalisierung zurückgeht – wie kann dann der Frieden bewahrt werden?

Jackson: In manchen Bereichen wird die Globalisierung in dieser neuen Vision des Wohlstands, wie ich sie hier skizziere, sicher zurückgehen – etwa in der Finanzwirtschaft. Aber diese Bereiche schaffen ja ihrerseits Instabilität. Es ist schon richtig, dass eine potenzielle Gefahr des Wandels die Entstehung isolierter Gemeinschaften möglicherweise feudalen Zuschnitts ist. Nur gibt es diese Gefahr auch jetzt schon – denken Sie nur an die horrende Jugendarbeitslosigkeit. Sollte das Wirtschaftssystem kollabieren, müssen wir sowieso zurück zu isolierten Gemeinschaften. Da ist es das kleinere Übel, vorher eine Struktur zu errichten, die den Crash vielleicht noch abwendet – etwa indem sie Arbeitslose auffängt und somit die Grundlage für Konflikte entschärft.

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40  Jacksons Buch kann man auch - wie viele andere interessante - bei der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung bestellen (um € 4,50). Siehe: www.bpb.de

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom,
248 S., € 13,40
Jacksons Buch kann man auch – wie viele andere interessante – bei der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung bestellen (um € 4,50). Siehe: http://www.bpb.de

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