Schlagwort-Archive: Vorstadt

„Leichen, Oida“

Aus dem FALTER 24/11

In Meidling findet die Polizei zwei Tote in einem Kellerabteil. Die Nachbarn haben es irgendwie geahnt

Reportage: Joseph Gepp

Erhard Berek*, Stammgast im „Scharfen Eck“ zwei Straßen weiter, hat es die ganze Zeit gewusst. „I hob immer g’sogt: Des is ka Guate“, sagt er in seinen Schnauzbart. Ein kräftiger Schluck aus seinem Krügerl verschafft ihm eine Kunstpause, um die Dramatik seiner Ausführungen noch zu steigern. „Aber er wollt ja net auf mi hör’n.“

Er, das ist der Oberösterreicher Manfred H., 47, Eismaschinenvertreter, seit einem halben Jahr spurlos verschwunden. Nun wurden seine Überreste entdeckt. Einbetoniert und verteilt auf mehrere Betonwannen und Kühlgeräte, in einem modrigen, ziegelsteinernen Kellerabteil 50 Meter von Erhard Bereks Stammbeisl entfernt. Daneben lag der Schädel einer zweiten Leiche.

Sie, das ist Estibaliz C., 32, Manfred H.s Exfreundin. Was tagelang als Verdacht und Gerücht umherschwebte, gestand sie Freitagabend: dass sie die Mörderin ihres Ex-Freundes Manfred H. und ihres Ex-Mannes sei. Im Gründerzeithaus über dem Keller führte die Spanierin noch vor wenigen Tagen den Eissalon Schleckeria. Nachdem die Leichen entdeckt worden waren, räumte sie ihre Bankkonten leer und nahm ein Taxi an die italienische Grenze. Am Freitag wurde sie am Bahnhof von Udine festgenommen.

Vom „Eis-Engel“, der „Todeshexe“ und der „Eis-Baronin mit dem Erdbeermund“ schreiben unentwegt Boulevardzeitungen. Ob C. Komplizen hatte und wo die restlichen Körperteile ihres Ex-Manns versteckt sind, stand bei Redaktionsschluss am Freitag noch nicht fest.

Ein grausiges Verbrechen geschah in der beschaulichen Oswaldgasse, einer kopfsteingepflasterten Kastanienallee nahe der Meidlinger Polizeikaserne. Fast alle ihrer Bewohner kannten die Chefin zumindest flüchtig. Nun wachen Polizisten vor den bunten Schaufenstern der zugesperrten Schleckeria. Drei türkische Teenager, die die Straße entlangspazieren, unterhalten sich über die „Leichen, Oida“. Aus den schmalen Fenstern des Kellers, den nur Beamte in Schutzkleidung betreten dürfen, dringt Verwesungsgeruch auf die Straße, als würde man Fleisch wochenlang ungekühlt liegen lassen.

Dennoch reagiert der Großteil der Anrainer, wenn man sie auf den Fall anspricht, weniger entsetzt und verstört als vielmehr erfreut: über das riesige Interesse und die Möglichkeit, Gerüchte mitzuverbreiten. Zum Beispiel Erkan Köksal, 39, Friseur. Über dem immensen Bauch des kleinen Mannes spannt sich ein T-Shirt mit nautischem Motiv. Ausgerechnet in diesen Tagen wird Köksal neben der Schleckeria seinen Frisiersalon Aymen eröffnen. Er sieht das Medieninteresse positiv und posiert wie ein Serienstar für die Fernsehteams, die ihn der Reihe nach interviewen. „Schreiben Sie unbedingt auch den Namen meines Geschäfts“, sagt er, „Publicity ist immer gut.“

Weil der Friseur für sein neues Lokal Rohre in den wenig benutzten Keller verlegen musste, wurden die Leichen entdeckt. Bei einem Abteil fand sich kein dazugehöriger Besitzer. Köksal und seine Handwerker brachen nach einigem Nachfragen das Vorhängeschloss an der Holztür auf. Drinnen lagen zwei Taschen. Eine enthielt laut Köksal zwei Gewehre samt Zielfernrohr, die andere eine Pistole und einige spanische Notizen. In dahinterstehenden Mörtelwannen und Gefrierschränken bedeckte jeweils eine Schicht Katzenstreu getrockneten Beton. Köksal schob in einer Wanne die Streu zur Seite und sah, aus dem Beton ragend, den Zipfel eines schwarzen Müllsacks. „Ich hab ihn aufgeschnitten“, sagt er. „Und wie mir der Gestank entgegenkommt, hab ich schon gewusst, was los ist.“ Der Beton wurde später von Kriminalisten aufgestemmt, drinnen fand sich der kaum verweste Unterschenkel samt Fuß von Manfred H.

Die Stammtischrunde um Erhard Berek im „Scharfen Eck“ wusste schon am vergangenen Mittwoch, was Esti C. erst zwei Tage darauf gestand: dass es sich beim zweiten Leichnam um den Ex-Mann handelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei vom zweiten Opfer lediglich bekannt gegeben, dass es männlich gewesen sei und an einem Kopfschuss starb.

Am Sonntag vor zwei Wochen, dem Abend vor dem Leichenfund, besuchte C. noch zusammen mit ihrem aktuellen Freund die nahe Pizzeria Chaplin. Der, lästert nun die Stammtischrunde um Erhard Berek, sei seinem Schicksal gerade noch entwischt. Im Chaplin selbst schütteln der Koch und die Kellnerin fassungslos die Köpfe. Im vergangenen Jahr seien Esti C. und Manfred Hinterberger fast jede Woche hierhergekommen, erzählen sie.

H., ein gut gelaunter Hüne von fast zwei Metern Größe, bestellte regelmäßig Spare Ribs und scherzte mit der Bedienung. Und Esti C.? Zierlich und engelhaft sei sie gewesen, irgendwie unschuldig habe sie gewirkt, sagt der Koch. „Immer sexy, immer im Mini“, fügt die Kellnerin hinzu.

Nicht nur im Grätzel, auch auf Internetseiten ist die verschwundene Esti C. nach wie vor als Eissalonchefin präsent. Auf Facebook tauscht sie Nachrichten mit Manfred H. aus, auf einer Website mit Stellenanzeigen sucht sie Speiseeiserzeuger für ihre Schleckeria. Wählt man die angegebene Telefonnummer, dann stellt sich auf Band eine fröhliche Stimme als Esti C. vor. Nachrichten bitte nach dem Piepton.

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Behörden, Reportagen, Wien

Die Wut der Arbeiterkinder in der Vorstadt

Aus dem FALTER, 20/2011

Was hilft gegen den Radikalismus in Wiener Randbezirken? Eine Begegnung mit der Bezirkschefin von Simmering

Bericht:
Joseph Gepp

Foto:
Christian Wind

Hin und wieder ahnt man, dass die zivilisatorische Decke dünn und der soziale Friede ein bedrohtes Gut ist. „Manchmal ist es zum Verzweifeln“, sagt Renate Angerer. „Zum Beispiel, wenn alte Leute zu mir kommen und sagen: ‚Warum haut ihr die Türken nicht einfach auf Lastwägen und führt sie weg?‘“

Angerer, 63, eine resolute Dame mit dem Zungenschlag der Vorstadt, ist Bezirksvorsteherin der ehemaligen Arbeiterhochburg Simmering. Heute, wo sich der einst ausgebeutete Proletarierstand Urlaube und gepflegte Wohnungen leisten kann, hat Angerers SPÖ immer noch 49 Prozent im Bezirk inne. Dennoch beschleicht einen mitunter ein mulmiges Gefühl, wenn man in den Beisln des Bezirks alteingesessene Bewohner nach ihrem Befinden fragt.

Wie aus einem Bürgerkrieg klingen oft die Schilderungen. Türkische Banden sollen im Park die Messer wetzen, ganze Straßenzüge zu No-go-Areas verkommen. Sozialleistungen und Gemeindewohnungen, Auflagen für Gaststätten und Nutzungen von Sportplätzen – überall stehe, so die Bewohner, die entrechtete angestammte Mehrheit einer politisch protegierten und stetig wachsenden Masse türkischer Einwanderer gegenüber.

Vorige Woche porträtierte der Falter Anton Haller, einen Simmeringer mit Job, Wohnung und Auto, der sich von Türkischstämmigen dermaßen bedroht fühlt, dass er ihre Zuwanderung für einen gezielten Verdrängungsplan hält (siehe Falter 19/11, S. 14). Er ist bei weitem kein Einzelfall, wie Umfragen und Wahlergebnisse zeigen.

35,5 Prozent der Simmeringer wählten bei der Wienwahl 2010 FPÖ. Laut dem Institut Sora stimmten 68 Prozent für die Partei, weil diese „gegen Zuwanderung auftritt“. Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen klassifiziert knapp ein Drittel aller Bevölkerungsschichten westlicher Demokratien als anfällig für Extremismen, Verschwörungstheorien und Autoritarismus.

Renate Angerer ist Teil einer erodierenden Bewegung. In Simmering wie ganz Europa verlieren Sozialdemokraten an Einfluss, weil sich die Arbeiterkinder den Rechtspopulisten zuwenden. In Simmering wie ganz Europa sind Fremdenhass und Paranoia zum politischen Faktor geworden, weil mit ihnen Macht errungen und neu verteilt wird.

Wie sollen Demokratien mit jenem Drittel umgehen, das nach Gruen dem Radikalismus zugeneigt ist? Wie sollen sie Leute wie Anton Haller einbinden, die die Welt von den „Rothschilds“ beherrscht wähnen und keinem Argument zugänglich sind?

"Angespannte Lage“: Renate Angerer, 63, SPÖ-Bezirksvorsteherin von Simmering

Angerer ist eine Frontfrau. Sie kennt die Sorgen der Bezirksbevölkerung aus Gesprächen, die zu führen einen Gutteil ihres Berufsalltags ausmacht. Sie wuchs selbst in Simmering auf, betrieb hier lange ein Blumengeschäft. Seit 1961 ist sie SPÖ-Mitglied. Das Parteilokal sei damals der einzige Ort gewesen, wo man sich treffen konnte, erzählt sie. Als Kind habe sie im Sommer „bloßhappat“ gehen müssen, um ihr einziges Paar Schuhe zu schonen. Als Jugendliche habe ihre Mutter Schnitzel und Gurkensalat eingepackt, dann sei sie zum Winterhafen baden gegangen. „Ein Kaffeehaus zu betreten, war für mich undenkbar“, sagt sie. „Urlaub oder Auto sowieso.“

Wenn heute jemand auch nur ansatzweise ein solches Leben führt, dann viele der Migranten. Deren Lebensstil, sagt die Bezirkschefin, erinnere alteingesessene Simmeringer an eigene bescheidene Anfänge nach dem Krieg – und das schaffe Furcht vor dem Rückfall in die Armut. Um Wohlstand zu erlangen, wählten die Simmeringer einst Sozialisten. Um ihn zu bewahren, wählen sie Rechtspopulisten.

„Angespannt“ nennt Angerer die Lage in Simmering. In den Gemeindebauten etwa, die 2006 für Nicht-EU-Ausländer geöffnet wurden, leben kinderreiche Familien neben einer gealterten und ruhebedürftigen ersten Generation von Bewohnern. Letztere hätten den Umzug in den Bau noch als Quantensprung in Richtung Wohlstand erlebt, sagt Angerer. Nun komme es gerade in 60er-Jahre-Bauten zu Konflikten, weil sich dortige große Wohnungen gut für Familien eignen. „Die Alten denken: Das wissen die doch gar nicht zu schätzen.“

Wie könnte man all diesen Gefühlen begegnen? Wie dafür sorgen, dass die zunehmende Radikalisierung nicht eines Tages in Gewalt umschlägt? Wissenschaftler wie der Psychoanalytiker Arno Gruen sprechen neben dem potenziell radikalen Gesellschaftsdrittel von einem weiteren knappen Drittel, das „demokratisch reif“ denkt. Dazwischen liege eine Mitte von ungefähr vierzig Prozent, die sich je nach gesellschaftlicher Lage nach oben oder unten orientiere. „Diese muss vom reifen Drittel mitgenommen werden“, sagt der Innsbrucker Sozialpsychologe Josef Berghold.

Wie könnte das gelingen? Berghold rät dazu, „demokratische Streitkultur und demokratische Werte wie Fairness und Menschenrechte offensiv und mit Führungsstärke zu vertreten“. Renate Angerer zögert kurz, als sie die Frage hört. „Probleme direkt ansprechen, egal ob bei In- oder Ausländern“, sagt sie dann. „Die SPÖ ist ja immer nur am Verteidigen.“

Zum neuen Fremdenrecht, das ihre Partei kürzlich im Parlament mitbeschlossen hat, will die Bezirkschefin nichts sagen.

Zur Geschichte im Falter 19/2011:
Anton Haller (Name geändert) glaubt an eine Verschwörung –
ausgehend von seinem Ärger über eine türkische
Veranstaltungshalle
(siehe Falter 19/11). Sie kenne die Halle,
sagt Renate Angerer. Zwei- bis dreimal im Jahr würden sich
Simmeringer bei ihr über diese beschweren

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Migranten, Soziales, Wien

Das Fremde um ihn

Aus dem FALTER 19/2011

Er lebt in Simmering und mag keine Türken. Wo genau liegt Anton Hallers Problem? Psychogramm eines Vorstadtwieners, um den die Politik buhlt

Porträt: Joseph Gepp
Fotos: Christian Wind

Es ist Montag, 25. April 2011, da platzt Anton Haller endgültig der Kragen, nach acht Jahren.

So lang, erzählt er, sei ihm schon aufgefallen, dass sich die Zustände in Simmering verschlechtern. Keinen Mucks habe er gemacht all die Jahre. Jetzt klappt Haller den Laptop auf und tippt ein E-Mail. „Was sich hier abspielt, reicht jetzt! Ich ersuche, für Ordnung zu sorgen!“, schreibt er. Er habe ja „nichts gegen Integration“. Doch „dann bitte anpassen an mein Gastland“. Haller schickt das Mail an die lokale SPÖ, ÖVP und FPÖ.

Anton Haller*), 46, wohnt in einer ruhigen und ordentlichen Zweizimmerwohnung in Simmering, nahe der Geiselbergstraße. Mehrere niedrige Wohnblocks aus den 60ern, einer wie der andere, formen hier eine Siedlung. Dazwischen wächst Gras und Flieder. An Fußballverbotsschildern vorbei führen asphaltierte Pfade zu Altglassammelstellen. Hallers Wohnblock könnte auch in einem Vorort von Bratislava stehen, aber dann wäre er größer, gleichförmiger und abweisender als am Wiener Stadtrand. Simmering ist aus Notwendigkeit schlicht, nicht aus Überzeugung.

Über dem Esstisch hängt das Ikea-Bild mit Muscheln im Sand. Im Wohnzimmer steht eine afrikanische Holzmaske. Im Regal bilden einige Bücher eine willkürliche Auswahl, Gesundheitstipps, Wanderführer, Erotic Visions. Haller serviert Kaffee und Guglhupf. Er habe ein Problem mit Türken in seinem Viertel, sagt er. Langsam, aber sicher halte er es nicht mehr aus.

Fühlt sich von Türken eingekreist: Anton Haller, 46, Simmeringer

Alle reden über Zuwanderung. Die politische Debatte darüber ist die vielleicht größte in Österreich. Immerzu kocht sie in neuen Aufregern hoch, kürzlich etwa um das verschärfte Fremdenrecht und den neuen jungen ÖVP-Integrationsstaatssekretär. Dass sich das Unbehagen gegenüber Migranten in Wählerstimmen für die FPÖ ausdrückt, hat die politische Szene des Landes in zwei Jahrzehnten maßgeblich umgestaltet. Im Kampf gegen Ausländer inszeniert sich die Rechte erfolgreich als Volksversteher. Aber um welche Konflikte geht es eigentlich? Wo sind die Sorgen der Menschen, die ernst genommen werden müssen? Was macht alteingesessenen Österreichern wie Anton Haller aus Simmering das Leben schwer?

Er ist ein stämmiger Mann von zwei Metern Größe. Er trägt ein Kinnbärtchen, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Sailing Club“. Er spricht Dialekt, ein bisschen Düringer, ein bisschen „Kaisermühlen-Blues“. Haller arbeitet bei einem großen Betrieb der Stadt Wien, wo er ungefähr 1700 Euro brutto im Monat verdient. Zu Wahlen gehe er nicht, sagt er, Politik interessiere ihn kaum. Einzig auf Landesebene stimme er für die SPÖ, sagt er, „wegen der Kohle, die zahlen ja mein Gehalt“. Im Gespräch wirkt Haller gutgelaunt. Er gehört zu der Type Mensch, die Witzphrasen dreschen wie „Keine Panik auf der Titanic“ oder „Alles Roger in Kambodscha“.

Wo er lebt, dünnt sich Wien zwischen Schrebergärten und verlassenem Industriegelände aus. Hier ballen sich die Notwendigkeiten zusammen, damit der Rest der Stadt gut funktioniert. Ausfallstraßen, Rangiergleise, die Betonträger der Südosttangente. Dazwischen haben sich einstige Fabriksgebäude in Veranstaltungshallen für Feste verwandelt. „Pascha Palast“ heißen sie zum Beispiel. Hier, zwischen Schienensträngen und Autobahnästen, feiern Wiens Türken die schönsten Tage ihres Lebens.

Jeden Samstag kämen sie, sagt Haller. 500 bis 800 Leute. Dann verwandle sich das Areal in den „wüsten Balkan“. Dann verstellten die Hochzeitsgäste mit ihren Autos die Straße, sodass sonst keiner mehr durchkommt. Dann verpeste ihre Grillerei die Luft. Keine drei Meter könne man noch sehen, sagt Haller. Die Kinder spielten mitten auf der Straße, die Jugendlichen lieferten sich in tiefergelegten BMW Wettrennen.

Haller selbst besitzt einen Chevrolet Pick-up, einen ausladenden Wagen, passender für den amerikanischen Mittelwesten als für die Gassen Wiens. Drinnen fühlt er sich sicher, „da gibt’s keine Jugos und Türken“, sagt er, lacht und führt dorthin, wo angeblich das Türkenchaos regiert.

„Da sind sie schon.“ Er deutet aus seinem Jeep wie bei einer Safari. Haller will seine Gäste nicht nach draußen begleiten, aus Angst, die Fremden könnten ihm den Lack zerkratzen. Vier türkischstämmige Jugendliche lehnen an einer Mauer und teilen sich eine Flasche Cola light. Hochzeit findet gerade keine statt; die Burschen scheinen einer Art Vorhut anzugehören. Hosgeldiniz, „Willkommen!“ steht in roten Lettern über dem Tor des Pascha Palasts. Einige Frauen mit Kopftüchern schlurfen zum Eingang des heruntergekommenen Fabrikbaus. Ein weiblicher Teenager holt einen Tortenkarton von der Rückbank eines Autos. Unweit stehen ein leeres Partyzelt und ein gemauerter Grill, es riecht etwas nach kaltem Rauch. „Jetzt ist nicht viel los“, sagt Haller. „Wenn Sie am Wochenende kommen, sehen Sie, was ich meine.“

"Da sind sie schon": Im Pascha-Palast feiern Wiens Türken Hochzeit

Kein einziges Mal in all den Jahren hat er versucht, sich bei den Betreibern über die angeblichen Missstände zu beschweren. „Ich wollte mir die blöde Antwort ersparen.“ In seinen Augen haben Türken, diese „Integrationsanwärter“, sowieso die besseren Karten. „Wenn die Behörde die Halle kontrolliert, schreien sie: Rassismus! Und die Sache hat sich.“ Zuwanderung, das ist nach Anton Haller insgesamt ein böses Projekt, ein perfider politischer Plan. „Die SPÖ und auch die Grünen holen sich die Türken aus Anatolien, weil sie im Gegensatz zu uns bei Wahlen verlässlich das richtige Kreuzerl machen.“ Deshalb würden Auflagen, in Simmering wie sonstwo, nicht für Zuwanderer gelten. Vor allem nicht für Türken. Denn gegen Ex-Jugoslawen oder andere Nationalitäten hat Haller viel weniger. Die seien integrationswilliger, erklärt er. Was hält er vom berüchtigten serbischen Gastarbeiter, der nach Jahrzehnten in Österreich noch immer kaum Deutsch spricht? Den gebe es doch nicht, reagiert Haller fast empört. „Zeigen Sie mir einen Einzigen!“

Sein Jeep passiert inzwischen den Simmeringer Herderpark, eingeklemmt zwischen Gemeindebauten aus den 20er-Jahren. Er soll ein weiterer Brennpunkt sein, wo Gegensätze aufeinanderprallen. „Total verdreckt von den Türken“, befindet Haller. „Sie grillen sogar auf der Wiese, hat mir einer erzählt.“ Er selbst komme höchstens einmal im Jahr hierher, „und dann fahr ich auch nur mit dem Rad durch“. Hallers Worte klingen, als wäre der Park eine Müllhalde. Tatsächlich präsentiert er sich aus dem Autofenster so sauber und gewöhnlich wie andere in Wien.

"Frisör Cuccu, Handy Celan, Frisör Mezopotamya": türkischer Handy-Laden in der Geiselbergstraße

Auf der Simmeringer Hauptstraße sind es türkische Geschäfte, die Anton Haller aufregen. „Frisör Cuccu, Handy Celan, Kebab FS, Frisör Mezopotamya“, zählt er auf und deutet aus dem Fenster. „Türkisch, türkisch, türkisch.“ Die Türken würden alle Läden boykottieren außer die eigenen. Der Kebabhändler sei früher ein Radatz gewesen, der Friseur eine Café-Konditorei. Aber durch „Seilschaften“ und „Mentalitäten“, durch „einen Zusammenhalt, auf den wir eigentlich neidisch sein müssten“, hätten sich die Fremden die Straße erobert.

Wie sich Stadt und Bewohner verändern, wie sich Gesicht und Gepräge entwickeln, das unterliegt in Anton Hallers Augen nicht vielen gesellschaftlichen Kräften, die mitunter auch gegeneinander wirken. Sondern allein dem geheimen Bündnis zwischen Politik und Minderheit. Haller spricht von der „dritten Türkenbelagerung“, von „Zuchtmaschinen“. Er vermutet eine berechnende Vorgehensweise der Zuwanderer, die er zur ständigen Bedrohung überhöht. Weil sich Türken – „kaum hierhergeholt“ – in großer Zahl in kleinen Wohnungen zusammendrängen würden, seien ihre Fixkosten niedrig, erklärt Haller. Dadurch horteten sie Geld für noch mehr Kinder, noch mehr Lokale, noch mehr gesetzlose Veranstaltungshallen. Haller fühlt sein Terrain schwinden. Nur im großen Chevrolet bleibe noch Platz für ihn. Er wirkt verbittert, als das Auto gegen Ende der Fahrt ein verwaistes Grundstück passiert, auf dem früher die Wiener Kinderfreunde einen Standort betrieben. „Da habe ich selber noch gespielt“, sagt er wehmütig. „Jetzt will hier niemand mehr her, weil rundherum alles voller Türken ist.“ Dann schiebt Haller den Jeep in eine Parklücke nahe seines friedlichen 60er-Jahre-Wohnblocks.

Der Sebastian Kurz, beginnt er, wie solle der denn das Land führen in Integrationsfragen? Ohnehin sei einer wie Kurz nur eine Schachfigur. In Wahrheit, sagt Haller, würden zwei bis drei Familien das Weltgeschehen dominieren, „sicher auch die Rothschilds“. Plötzlich scheint der Mann im Chevrolet zu bemerken, dass er sich immer mehr wie ein Verschwörungstheoretiker anhört. Er rudert zurück, ringt um Worte. „Alles ist irgendwie gesteuert. Das klingt jetzt weit hergeholt. Aber irgendwer muss ja entscheiden. Selbst können wir Österreicher es offensichtlich nicht.“

Samstag, 16 Uhr, Pascha Palast. Haller hat gesagt, am Wochenende könne man sehen, wie Autos und Grillschwaden das Areal in den „wüsten Balkan“ verwandelten.

Tatsächlich findet gerade eine Hochzeit statt. Türken feiern traditionell nachmittags. Vor der Halle wartet der Festwagen des Brautpaars, ein älterer Audi. Rundherum stehen rund 30 Leute in Gruppen. Sie schwatzen. Kein Griller raucht, man hört keine Musik. An den Straßenrändern parken deutlich mehr Autos als werktags, aber selbst für Hallers großen Chevrolet wäre die Fahrbahn frei.

Dann und wann mag schon Grillgeruch zu bemerken gewesen sein in der Nachbarschaft. Dann und wann mag auch ein Auto die Straße verstellt haben. Aber das ist nicht Hallers echtes Problem. Es ist – das ahnt man, wenn man die beeinanderstehenden Festgäste sieht – die geballte Präsenz des Fremden. Ihr bloßes Dasein, der Raum, den sie dabei einnehmen. Hier, zwischen Schienensträngen und Autobahnästen, wo Wiens Türken den schönsten Tag ihres Lebens feiern.

*) Name von der Redaktion geändert


Extremisten in der Vorstadt: wenn Angst zum politischen Faktor wird

Woher kommt die Paranoia, die die FPÖ zum bedeutenden politischen Faktor in Österreich gemacht hat?

In der Monarchie zielte das Ressentiment der Unterschicht trotz massiver Zuwanderung noch auf den Klassenkampf – wenn auch antisemitisch verbrämt. Als Feind galt der „ausbeuterische Hausherr oder Fabrikant“, so Richard Lein von der Uni Wien.

Heute hingegen wechseln Feindbilder, sagt Dieter Schindlauer von Zara. Was vor 15 Jahren der schnaubärtige Gastarbeiter verkörperte und vor fünf der Schwarze, ist nun das 14-jährige Kopftuchmädchen.

Politologen sprechen angesichts einer flexibilisierten Arbeitswelt vom „Verteilungskampf am unteren Rand der Gesellschaft“. Das beantwortet wohl auch die Frage, was es braucht, damit der verschwörerische Extremismus vieler Vorstadtwiener nicht eines Tages in Gewalt umschlägt: weiterhin Massenwohlstand.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Das Rote Wien, Migranten, Minderheiten, Reportagen, Wien

500.000 betreute Wiener: ein Jahr Sozialarbeit im Gemeindebau

Aus dem FALTER, 19/2011

Joseph Gepp

Was muss geschehen, damit der Wiener Gemeindebaubewohner nicht FPÖ wählt? Blickt man auf die Ergebnisse der letzten Wien-Wahl im Oktober 2010, dann lautet die Antwort wohl vor allem: ihn flächendeckend sozialarbeiterisch betreuen.

Anfang 2010 gründete SPÖ-Wohnbaustadtrat Michael Ludwig die Wiener Wohnpartner, eine Serviceeinrichtung zur Konfliktprävention im Gemeindebau. Ende 2010 fiel der blaue Triumph im Bau nicht ganz so überwältigend aus wie erwartet: Laut dem Institut Sora stimmten 57 Prozent der Gemeindebau-Wiener – es sind ingesamt so viele, wie Graz und Linz zusammen Einwohner haben – für die SPÖ, 29 für die FPÖ.

Keine andere Metropole der Welt biete eine derart flächendeckende Gemeinwesenarbeit an, freut sich die Gemeinde Wien dieser Tage und zieht erstmals Bilanz über die Tätigkeit der 18 Wiener-Wohnpartner-Büros samt Zweierteams, die auf Fahrrädern von Bau zu Bau strampeln.

130.000 Bewohner seien insgesamt kontaktiert, 29.000 konkrete Fälle bearbeitet worden, hieß es bei einer Präsentation vergangene Woche. Mehr als die Hälfte der Konflikte drehten sich um Lärm – natürlich vor allem dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenlebten und Kinder in Höfen spielten. Oft liege den Konflikten ein „unterschiedliches Lärmempfinden“ zugrunde, erklärt Wohnpartner-Sprecherin Heike Warmuth. Manchmal konnten auch konkrete Maßnahmen Abhilfe schaffen, etwa plastikbeschichtete Flüster-Basketballkäfige im Favoritner Karl-Wrba-Hof. Auf Platz zwei der Ärgernisse lagen Streitigkeiten um die Raumnutzung – etwa wenn Pensionisten auf Parkbänken Fußbälle um die Ohren pfeifen.

33 Millionen Euro hat die Stadt Wien bis zum Jahr 2017 für die Wohnpartner veranschlagt. Rathausoppositionelle wie der ÖVP-Wohnbausprecher Norbert Walter vermissen „eine profunde Kosten-Nutzen-Analyse“ der Großinvestition – „diese prinzipiell wichtige Maßnahme darf nicht zur Kosmetik verkommen“.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Das Rote Wien, Soziales, Stadtleben, Stadtplanung, Wien

„In strengen Wintern gibt es schlicht mehr Feinstaub“

Joseph Gepp

Wiens Feinstaubwerte klettern in gefährliche Höhen (siehe Falter 7/11) – SPÖ-Umweltstadträtin Ulli Sima nimmt dazu Stellung.

Falter:
Frau Sima, Wien hatte 2010 den zweithöchsten Feinstaubwert im deutschen Sprachraum. Warum?

Ulli Sima: 2010 waren die Werte in ganz Europa hoch. Studien zeigen, dass es in strengen Wintern mehr Feinstaub gibt. Wenn Sie sich aber die Jahresmittelwerte seit den 90ern anschauen, sehen Sie, dass die Belastung in Wien eindeutig rückläufig ist.

Was tun Sie gegen den Feinstaub?

Sima: Unsere Studien zeigen, dass ungefähr drei Viertel importiert sind. Den Rest machen wir uns selber. Hier gibt es etwa eine Partikelfilterpflicht für Baumaschinen. Oder die Reduktion des Streusplitts von 130.000 Tonnen 1995 auf rund 3000 letzten Winter. Oder das Fahrverbot für die Euro-0-Lkws, die ganz alten Stinker.

RTEmagicC_Sima_Heller_lila3-jpg
2010 war ein schlechtes Feinstaubjahr, sagt SPÖ-Umweltstadträtin Ulli Sima (Foto: Gemeinde Wien)


Aus den Ergebnissen liest man aber, dass vor allem der Verkehr den hausgemachten Teil des Feinstaubs aufwirbelt. Die höchste Belastung gab’s nahe Gürtel, Tangente und Triester Straße.

Sima: Der Verkehr macht rund ein Viertel des hausgemachten Feinstaubs aus. Aber 2010 lag sogar die Messstelle Illmitz im Burgenland über den 35 Überschreitungstagen, die die EU erlaubt. So schlecht waren die Werte.

Nahe Gürtel und Tangente waren sie aber noch viel schlechter.

Sima: Ja, Illmitz zeigt nur, dass 2010 schon die Grundbelastung enorm war. Wenn noch Verkehr, Hauswärme und so weiter dazukommen, ist die Überschreitung schnell sehr hoch.

Was wird im geplanten dritten Maßnahmenpaket stehen?

Sima: Dazu kann ich noch nichts sagen, außer, dass wir bei allen Emittenten, Verkehr, Bauwirtschaft, Hauswärme und Industrie, ansetzen werden.

Wann wird Wien den EU-Höchstwert von 35 Tagen im Jahr erreichen?

Sima: Schwierig zu sagen. Vor 2010 waren wir schon wesentlich besser. Wichtig wäre es, mit konkreten Förderungen auch in östlichen Nachbarländern anzusetzen.

Erschienen im Falter 8/2011

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das Rote Wien, Verkehr