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Aus dem Vollen geschöpft

Aus profil 42/2016

Spätestens seit der Finanzkrise von 2008 kursieren zahlreiche Ideen, wie man das Wirtschaftssystem stabiler machen könnte. profil beleuchtet sie im Rahmen einer losen Serie. Teil 2: das Vollgeld.

Von
Joseph Gepp

(((Hier geht’s zum ersten Teil der Serie (profil 34/16) über die Maschinensteuer)))

Die Deutsche Bank schlingert. Der Süden Europas kommt nicht aus der tiefen Krise. In Österreich grassiert die höchste Arbeitslosigkeit seit 1945. In weiten Teilen der westlichen Welt bleibt das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) minimal. Was ist eigentlich mit der Wirtschaft los?

Die Krisenerscheinungen sind offensichtlich, aber bei der Frage nach Ursachen gehen die Meinungen auseinander. Eine Fraktion von Ökonomen meint, die Staaten hätten in der Vergangenheit Geld verschwendet – jetzt müssten sie sparen, um das Vertrauen der Investoren wiederzugewinnen. Andere halten dagegen: Die Staaten würden im Gegenteil eher zu wenig Geld ausgeben, also die schwache Nachfrage der Privaten nicht ausgleichen. Wieder andere sagen: Globalisierung und Digitalisierung lassen zu viele Menschen als Verlierer zurück. Wenn sie wieder mehr vom Wohlstand abbekämen und konsumierten, werde alles besser.

All diese Konzepte lassen aber einen Aspekt außer Acht. Er erscheint so grundlegend, dass sie sich diesem gar nicht erst widmen: dem Geldsystem.

Dieses steht im Zentrum des sogenannten Vollgeld-Modells. Die Art, wie Geld entsteht, sei das eigentliche Problem hinter der Krise, glauben dessen Anhänger. Ihr Konzept, das auf eine Idee des US-Ökonomen Irving Fisher aus den 1930er-Jahren zurückgeht, erfreut sich spätestens seit der Krise regen Zulaufs.

Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF), sonst nicht umstürzlerisch, argumentierte im Jahr 2012: Mit Vollgeld ließe sich die Wirtschaftsleistung eines Staates in zehn Jahren um sieben Prozent steigern. In Island, das von der Krise hart getroffen wurde, präsentierte die Regierung im September eine Evaluierung des Vollgeld-Systems durch das Wirtschaftsprüfunternehmen KPMG. In der Schweiz haben vergangenes Jahr mehr als 110.000 Bürger eine Petition dafür unterschrieben.

Aber was ist das überhaupt? Wer das verstehen will, muss wissen, wie Geldschöpfung generell funktioniert. Vielen kommt da zuerst die Zentralbank in den Sinn. Diese, so der weitverbreitete Glaube, ist die alleinige Quelle des Geldes, das sie den regulären Banken zur Verfügung stellt. Darauf greifen diese zurück, wenn sie Kredite vergeben. Doch die Vorstellung ist falsch. Neues Geld – genauer: das sogenannte Buchgeld – entsteht nicht etwa auf dem Rechner einer Zentralbank. Sondern in den Geschäftsbanken. Und zwar tatsächlich immer dann, wenn diese einen Kredit vergeben.

Das Geld dafür kommt nicht von irgendwo her. Es wird stattdessen im Moment der Kreditvergabe einfach geschaffen. Die Bilanz der Bank vergrößert sich um die Summe des Kredits. Das gilt nur für das sogenannte Buch- oder Giralgeld, also elektronische Buchungen auf Konten und Sparbüchern. Anders beim Bargeld: Hier entspricht die gängige Vorstellung der Wahrheit, dass das Geld von der Zentralbank stammt. Die normale Bank erhält von ihr die Scheine und Münzen, indem sie Sicherheiten hinterlegt, zum Beispiel Wertpapiere.

Das Buchgeld jedoch – dabei handelt es sich um rund 80 Prozent des Geldes im Umlauf – kann die Bank frei nach Gutdünken schaffen. Formal betrachtet handelt es sich bei diesem Buchgeld gar nicht um ein gesetzliches anerkanntes Zahlungsmittel. Das bedeutet: Wer beispielsweise an der Supermarktkassa die Bankomatkarte zückt, zahlt streng genommen nicht mit echtem Geld, sondern lediglich mit einem Anspruch darauf. Er reicht ein Versprechen der Bank weiter, dass dieses Buchgeld jederzeit in echtes (Bar-)Geld umgewandelt werden könne, sobald es der Kontoinhaber abhebt. Praktisch jedoch wird die Bank wohl in Turbulenzen geraten, wenn viele Leute gleichzeitig versuchen, ihr Geld abzuheben.

Wie viel Buchgeld im Umlauf ist, hängt davon ab, wie viele Kredite die Banken gerade vergeben haben. Ein Quell ständiger Instabilität, sagen die Vollgeld-Anhänger. Die Kontrolle über die Geldmenge obliege nicht dem Staat, sondern profitorientierten Banken, die an Krediten Geld verdienen. Die Geldschöpfung müsse „zurück in die öffentliche Hand“, schreibt Joseph Huber, deutscher Vollgeld-Theoretiker.

Befürworter wie Huber verweisen auf das Jahrzehnt vor der Finanzkrise. Damals, von 1998 bis 2008, stieg die sogenannte Geldmenge M3 (darunter versteht man Bargeld, Buchgeld und einige kurzfristige Verbindlichkeiten) im Euroraum rasant – um 123 Prozent. Das BIP hingegen, also die Summe aller geschaffenen Werte, wuchs inflationsbereinigt nur um rund ein Viertel. Wohin floss der große Rest des entstandenen Geldes? Er nährte jene Spekulationsblasen, welche die Krise auslösten, argumentieren Vollgeld-Anhänger, etwa in Form überteuerter Immobilien. Die Banken vergaben beispielsweise massenhaft Kredite an Hauskäufer mit fragwürdiger Bonität. Immerhin winkte bei jedem ein Gewinn. Bis die Preise stürzten und die Blase platzte. Die Geldschöpfung durch private Banken sei „teils systematisch überschießend, teils zur Unzeit schrumpfend“, urteilt Huber.

Außerdem, so die Anhänger, befördere das derzeitige Geldsystem die Abhängigkeit der Staaten von den Banken. Wenn eine Bank nicht in der Lage ist, ihr Versprechen auf Bargeld einzulösen, bringt das möglicherweise das gesamte Finanzsystem in Gefahr. Notgedrungen springt in diesem Fall häufig der Staat ein und rettet die Bank mit Steuergeld. Dies geschah während der Bankenkrise 2008. Die Banken geben Versprechen – doch die Staaten stehen gerade, falls sie diese brechen.

Das Vollgeld setzt all diesen Problemen ein Ende, hoffen die Anhänger. Buchgeld, das die Banken bei Kreditvergaben autonom schöpfen, soll es nicht mehr geben. Stattdessen kommt alles Geld von der Zentralbank – so wie derzeit das Bargeld. Die Geschäftsbanken bekommen es zugeteilt. Statt es selbst zu erschaffen, reichen sie es, etwa in Form von Krediten, lediglich weiter.

Kreditvergabe und Geldschöpfung sollten also getrennte Vorgänge sein. Die Zentralbank, so die Hoffnung, hätte direkte Kontrolle über die Steuerung der Geldmenge. Sie erhöht oder verringert sie je nach Nachfrage nach Geld. Wenn beispielsweise eine Blase dräut und die Preise von Vermögensgütern stark steigen, drosselt sie den Zufluss neuen Geldes in die Wirtschaft. Herrscht umgekehrt eine Krise, ist es dafür mehr.

Solche Maßnahmen könnten „Konjunkturausschläge nach oben und unten erheblich eindämmen“, schrieben die IWF-Forscher Jaromir Benes und Michael Kumhof 2012 in ihrer Studie. Zudem könne man „Bank-Runs, bei denen besorgte Kunden ihr Geld abheben wollen, vollständig verhindern“.

Trotzdem gibt es Kritik an diesem Vollgeld-Modell. Sie kommt aus zwei weltanschaulichen Ecken der Ökonomenzunft, die sonst kaum Gemeinsamkeiten haben. Da wären einerseits die marktgläubigen Volkswirte, die staatlichen Eingriffen prinzipiell skeptisch gegenüberstehen – sie befürchten beim Vollgeld, dass Zentralbanken und Staaten zu viel Macht über das Geldgeschehen haben könnten. Andererseits die Keynesianer, die staatliche Eingriffe in die Wirtschaft bei Krisen befürworten: Sie wiederum fürchten, dass es in einem Vollgeld-System schwierig sein könnte, Kredite zu erlangen.

So wie Stephan Schulmeister, keynesianisch orientierter Ökonom aus Österreich. Im Mai erhob er in einer Studie für das Wiener Wifo die Konsequenzen eines Vollgeld-Systems. Der derzeitige Modus der Geldschöpfung durch die Banken sei im Vergleich geradezu „flexibel und effizient“. Warum? Das momentane System kann dezentral auf die Kreditnachfrage reagieren, die „nach Regionen und Branchen unterschiedlich ist“. Die Banken schöpfen also Geld, wo es gerade gebraucht wird. Beim Vollgeld hingegen, so Schulmeister, wäre die Versorgung mit Krediten starr und zentral gesteuert. Fazit: „Das Vollgeld würde die Kreditversorgung der Realwirtschaft massiv beeinträchtigen.“

Ob Schulmeisters Befürchtung zutrifft
oder doch eher die Erwartung der IWF-Forscher, das könnte sich mit gar nicht so geringer Wahrscheinlichkeit bald erweisen. In der Schweiz hat sich nämlich ein Fenster aufgetan, seit Ende 2015 hunderttausend Bürger für das Vollgeld unterschrieben haben. Spätestens im Jahr 2018 finde nun die Abstimmung statt, sagt Raffael Wüthrich von der Schweizer Vollgeld-Initiative.

Eine Umfrage aus dem Jahr 2014 deutet darauf hin, dass die Chancen der Befürworter nicht schlecht stehen. Damals unterstützten laut dem Zürcher „Tagesanzeiger“ 58 Prozent der Wahlberechtigten die Initiative, nur 31 Prozent waren dagegen. Vielleicht beginnt in der Schweiz bald das Experiment mit dem neuen Geldsystem.

Ein Kommentar

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Schöpfungsgeschichte

Aus profil 36/2016

Geld ermöglicht Fortschritt und fördert zugleich den Exzess. 25 Einblicke in die scheinbar selbstverständlichste Einrichtung der Welt.

Von
Joseph Gepp

Was ist Geld?

Geld ist das Versprechen von Wert. Es ist eine Vereinbarung, an die sich alle halten, beglaubigt durch die Zentralbank. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihre Euro im Supermarkt nicht gut ankamen?

Geld ist also eine Art Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage?

Zumindest lautet so die gängigste Geldtheorie. Geld ist eine Einrichtung, die uns praktischerweise die Tauschwirtschaft erspart, indem sie sich als Medium zwischen die Waren schiebt. Auf die Werte der Güter selbst wirkt es sich dabei nicht aus, glauben Ökonomen. Allerdings stellen dies neue Forschungen infrage. Wenn es mehr Geld gibt, argumentieren sie, werden auch die Werte von Gütern höher. Geld beeinflusst Werte, etwa Immobilien.

Und wie entsteht Geld?

Das meiste Geld – ungefähr 90 Prozent – wird von Banken geschaffen. Und zwar immer dann, wenn sie Kredite vergeben.

Aber wieso? Man kann Geld doch nur hergeben, wenn man bereits welches hat.

Als Privatperson schon. Eine Bank jedoch kann neues Geld erschaffen. Wenn sie einen Kredit vergibt, wird das Geld dafür nicht etwa irgendwo abgezwackt, zum Beispiel von den Einlagen der Konteninhaber. Sondern neu geschöpft, also geschaffen. Die Bilanzsumme der Bank vermehrt sich dann um die Summe des Kredits. Genauso wie die Geldmenge insgesamt.

Wow, eine Bank kann einfach so neues Geld erzeugen!

Genau so läuft es, so hat es sich in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt. Banken schöpfen Geld. Allerdings: Ganz autonom sind sie dabei nicht. Sonst bräuchte es keine Zentralbank wie die EZB im Euro-Raum. Die EZB versucht, die Geldschöpfung der privaten Banken mit Instrumenten zu steuern.

Welchen?

Mit den sogenannten Reserven. Das ist, wenn man so will, ein Grundstock an Kapital. Von diesem muss jede Bank eine Mindestmenge bei der EZB halten. Die Reserven können nicht einfach geschöpft werden wie die Kredite. Wenn eine Bank neues Geld schafft, muss sie dabei immer ihre Reserven im Auge behalten. Denn die Menge der Einlagen muss in einem bestimmten Verhältnis zu den Reserven stehen. Das legt die Zentralbank fest. In der EU zum Beispiel beträgt der sogenannte „Mindestreservesatz“ der EZB zurzeit einen Prozent. Wenn eine Bank also 100 Millionen Euro Kredite und Einlagen verwaltet, muss sie mindestens eine Million Reserven bei der EZB halten. Die Reserven kann man sich also wie ein Fundament vorstellen, auf dem das Haus der Kredite aufbaut. Man nennt sie deshalb auch „Zentralbankgeld“ oder“Geldbasis“.

Und woher kommen die Reserven?

Sie werden meist von der Zentralbank verliehen. Dafür bezahlt die normale Bank einen bestimmten Zinssatz, den Leitzins.

Ach ja, jener, der derzeit so niedrig ist. Und der Zweck des Leitzinses war…

Damit beeinflusst die Zentralbank, wie viel Geld die Banken schöpfen. Das geht so: Wenn sie den Leitzins erhöht, muss die Bank mehr für ihre Reserven bezahlen, also für den Grundstock. Er wird teurer. Diese höheren Kosten wird die Bank bei Kreditvergaben an ihre Kunden weiterreichen. Also werden deren Kreditzinsen höher und Kredite unattraktiver. Weniger Kredite bedeutet weniger neu geschöpftes Geld. Mit Leitzins und Mindestreservesatz steuert die Zentralbank, wie viel Geld die privaten Banken erschaffen.

Welche Rolle spielt in diesem Gefüge das Bargeld? Drucken das auch die Banken?

Nein, Bargeld kommt ausschließlich von der Zentralbank. Es zählt zu den Reserven. Das Geld, das die Banken schöpfen, ist immer Buchgeld. Also jenes, das nur in Form elektronischer Buchungszeilen vorliegt, etwa auf Bankkonten.

Bekommt die Bank die Reserven ohne jede Gegenleistung von der Zentralbank?

Nein, sie muss ihr quasi beweisen, dass sie ihrer würdig ist. Wenn sie sich Reserven ausleiht, hinterlegt sie dafür Sicherheiten wie Wertpapiere. Zum Beispiel Staatsanleihen. Diese wiederum sind Belege dafür, dass ein guter Schuldner, idealerweise ein Staat, der jeweiligen Bank Geld schuldet.

Die Banken schöpfen also Geld. Sie brauchen dafür eine kleine Basis von der Zentralbank. Die bekommen sie, indem sie belegen, dass jemand bei ihnen Schulden hat. In Wahrheit basiert unser Geldsystem auf einer Kette von Schulden und Versprechen, dass diese wieder zurückgezahlt werden.

Kann man so sagen. Aber das war nicht immer so. Denn früher gab es erstens viel mehr Bargeld als heute, also eine größere Geldbasis. Und außerdem gab es noch etwas anderes: den Goldstandard.

Was ist das?

Die Praxis, dass Geld durch Gold gedeckt ist. Bis zum Jahr 1971 etwa konnte man es bei der US-Zentralbank FED gegen Gold tauschen, genau 35 Dollar für eine Unze Gold, also 28 Gramm. Danach kündigte Präsident Richard Nixon dieses System auf. Der Dollar hing in einem fixen Verhältnis am Gold. Und alle anderen Währungen hingen in fixen Verhältnissen am Dollar. Am Grund des weltweiten Geldsystems lag also viel Gold in den Tresoren der US-Zentralbank.

Wenn ich heute zur Zentralbank gehe, bekomme ich dann auch irgendetwas für mein Geld?

Nein. Früher war Geld ein Stellvertreter für etwas, heute steht es gewissermaßen für sich selbst. Früher trugen die Banken Gold zur Zentralbank – und dafür erhielten sie Banknoten. Heute tragen die Banken Schulden zur Zentralbank – und erhalten dafür Reserven. Auf deren Basis betreiben sie dann ihre Schöpfung von Buchgeld. Ist gleich Kredite. Ist gleich neue Schulden.

tausend-kronen

Dann war früher also alles besser.

Halt, der Goldstandard ist 1971 gescheitert. Auch zuvor in seiner Geschichte war er immer wieder ausgesetzt worden. Er hatte sich nämlich als äußerst starr erwiesen. Man konnte nur so viel Geld ausgeben, wie Gold in den Tresoren lag. Es gibt aber Phasen, in denen eine Gesellschaft mehr braucht, als das Gold hergibt. Zum Beispiel, wenn sie mit Investitionen eine Wirtschaftskrise bekämpfen will. Oder in einem Krieg. Oder bei technologischen Umbrüchen, wenn es wichtige Forschungen zu finanzieren gilt. Manche Wirtschaftshistoriker glauben, jegliche Industrialisierung hänge davon ab, dass in bestimmten Phasen mehr Geld ausgegeben wird, als in Systemen mit Goldstandard zur Verfügung steht. Unsere heutige Art der Geldschöpfung hat also auch einen großen Vorteil: Sie reagiert flexibel auf die Bedürfnisse und Entwicklungen der Wirtschaft und Gesellschaft.

Aber wenn das Fundament nicht passt, sind das doch Luftschlösser.

Stimmt schon, aber es funktioniert. Zumindest solange die meisten Menschen daran glauben. Am Grund des weltweiten Geldsystems liegt heute nicht mehr Gold, sondern Vertrauen. Geld basiert auf nichts mehr. Trotzdem müssen alle daran glauben, damit das System funktioniert.

Vertrauen? Wir erleben doch seit Jahren eine Wirtschaftskrise!

Stimmt. Die Krise seit dem Jahr 2008 ist jedenfalls ein großer Riss im System des Vertrauens. Ihr Ursprung liegt darin, dass Banken und Finanzinstitutionen in den USA und Europa zu viele Kredite vergeben haben. Damit wären wir auch gleich beim großen Nachteil des derzeitigen Systems: Es mag flexibler sein als der einstige Goldstandard. Aber es fördert zugleich den Exzess in der Kreditvergabe, also der Geldschöpfung. Schließlich hindert einen heute kein Gold daran. Das untergräbt eben jenes Vertrauen, auf dem das ganze System aufbaut. So geschehen etwa während der US-Immobilienkrise: Die Banken vergaben massenhaft Kredite an Hauskäufer mit teils fragwürdiger Bonität. Immerhin winkt bei jedem Kredit ein Gewinn. Als die Schuldner das Geld nicht mehr zurückzahlen konnten, platzte die Blase. Die Häuserpreise stürzten ab, die sozialen Verwerfungen waren enorm. Die jahrelange Krise nahm ihren Lauf.

Wie reagieren die Zentralbanken darauf?

Mit ihren üblichen Instrumenten, vor allem der Senkung des Leitzinses. Er liegt heute auf historischen Tiefstständen, im Euro-Raum etwa bei null Prozent. Dies sollte eigentlich dazu führen, dass die Kreditnehmer mit billigen Krediten und mehr Geld regelrecht überflutet werden. Allerdings – und jetzt kommt das nächste Problem: Seit der Krise funktionieren die Instrumente der Zentralbanken nicht mehr richtig. Sie scheinen die Kontrolle über die Geldschöpfung zu verlieren. Kredite, Geldmenge, Inflation, Wirtschaft – trotz der Interventionen wächst nichts im wesentlichen Maß. Nur die Werte von Aktien und anderen Vermögensgütern steigen. Die EZB praktiziert derzeit weitere, bislang unerprobte Maßnahmen, etwa Negativzinsen und den direkten Kauf von Anleihen. Alles ohne großen Erfolg. Im heurigen März antwortete EZB-Präsident Mario Draghi sogar auf eine Journalistenfrage, man werde das Konzept des sogenannten Helikopter-Geldes „beobachten“. Das würde bedeuten: Jeder Europäer würde von der EZB Geld auf sein Konto bekommen. Derartige Methoden auch nur zu erwägen, galt bislang als Tabubruch. Manche sagen, das Maß an Schulden in unserem Geldsystem sei einfach zu groß geworden. Es stößt an seine Grenzen. Wir verlieren den Grundstoff Vertrauen, der einst als Ersatz für das Gold diente.

Oje, oje, was sollen wir nur tun?

Die Versuche, das Vertrauen wiederherzustellen, zielen in mehrere Richtungen. Viele sehnen sich zum Beispiel danach, dass wieder mehr als nur Vertrauen hinter dem Geld steckt. So wie früher, beim Goldstandard. Derartiges entsteht in Nischen. Zum Beispiel im Internet, beim digitalen Zahlungssystem Bitcoin („digitale Münze“).

Was war das nochmals?

Bitcoin ist eine Krypto-Währung. Entwickelt wurde sie 2008 von einer Person mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. Bitcoin ist nicht, wie andere Währungen, von Staaten und Zentralbanken organisiert. Sondern von der Gesamtheit seiner Benutzer. Auf Basis eines Computer-Protokolls, das im Hintergrund Regeln vorgibt, überprüfen sich alle Benutzer permanent gegenseitig (die sogenannte „Blockchain“, siehe Seite 46). Bitcoin ist, wenn man so will, eine Art Wikipedia in Geldform.

Schön und gut, aber inwiefern steckt hinter Bitcoin mehr als nur Vertrauen?

Das Entscheidende ist, dass bei der Entstehung von Bitcoins eine Art automatische Begrenztheit herrscht. Das Netzwerk gibt sie fix und unabänderlich vor. Derzeit existieren rund 15,8 Millionen Bitcoins, alle zehn Minuten kommen 12,5 neue hinzu. Bis zum Jahr 2035 werden 99 Prozent aller Bitcoins, insgesamt 21 Millionen, von Computern mit hoher Rechenleistung erzeugt worden sein. Genauso hat es Nakamoto seinerzeit programmiert. Das Wachstum der Geldmenge verlangsamt sich stetig, ohne Schwankungen. Wenn man so will, ist Bitcoin eine Art Goldstandard des digitalen Zeitalters. Nur sorgt kein Edelmetall für Begrenztheit, sondern die strikte technische Vorgabe. Bitcoin ist „in digitalen Stein gemeißelt“, sagt Johannes Grill vom Verein Bitcoin Austria.

Halt! Ein Protokoll, das irgendein anonymer Internet-Freak geschrieben hat, soll für etwas garantieren?

Viele glauben daran. Wie groß die Nachfrage nach Bitcoins ist, zeigt allein der Kurs zum Euro. Für einen Bitcoin bekam man 2013 noch rund 50 Euro, heute 500.

Na, dann machen wir Bitcoin doch zur neuen Weltwährung.

Tja, nach einiger Zeit würde sich wohl ein neues altes Problem einstellen: Was geschieht, wenn man mehr Geld braucht, als das System hergibt? Wie einst beim Gold kann man ja nur eine begrenzte Anzahl von Bitcoins erzeugen. Wahrscheinlich würde der Bitcoin-Standard ähnlich enden wie der Goldstandard. Bitcoin funktioniert wohl vor allem als Nischenprogramm.

Vertrackt. Gibt es keine andere Lösung?

Manche wünschen sich eine Reform der Finanzwelt, zum Beispiel der deutsche Soziologe Joseph Huber. Er plädiert für das sogenannte Vollgeld-System. In diesem Konzept sollen Banken künftig kein Buchgeld mehr schöpfen dürfen. Alles Geld soll also aus Reserven bestehen. Der Mindestreservesatz läge bei 100 Prozent. Das bedeutet: Die Banken würden nur jenes Geld in Form von Krediten weiterreichen, das sie tatsächlich von der Zentralbank bekommen. Diese könnte die Geldmenge direkt steuern. Keine Bank würde sich in einem Kreditexzess ergehen können. Finanzblasen und Vertrauensverlust wären passé, hoffen die Befürworter.

Klingt gut, aber schwer realisierbar.

Der Eingriff ins Geldsystem wäre fundamental, mit der Gegenliebe der Banken ist nicht zu rechnen. Es bleiben zudem auch abseits von der Realisierbarkeit offene Fragen beim Vollgeld, etwa wie das Wachstum der Geldmenge festgesetzt werden soll.

Gibt es nicht realistischere Möglichkeiten, das Vertrauen ins Geldsystem zu stärken?

Unserem System wohnt generell die Neigung zum Exzess inne. Letztlich geht es also darum, Anzeichen dieser Exzesse, also einer Finanzblase, rechtzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Das ließe sich beispielsweise bewerkstelligen, indem man Preisentwicklungen genau beobachtet -und dann interveniert. Wenn etwa Preise für Immobilien übermäßig steigen, könnte man Kreditvergaben in diesem Bereich strenger gestalten. Oder Banken vorschreiben, dass sie ihre Geschäfte mit weniger Schulden finanzieren müssen, sondern eher mit dem Geld ihrer eigenen Aktionäre. Einige solcher Bemühungen laufen schon seit der Finanzkrise auf globaler und europäischer Ebene. Wenn das Geld problemlos seinen Zweck erfüllt, dann braucht es auch nichts, was ihm zugrunde liegt.

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