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Einmal mit Rechnung, bitte!

Aus dem FALTER 11/2015

Sie verteilen nichtssagende Konsumations-Bons und frisieren ihre Kassen mit USB-Sticks. Wie Österreichs Wirte die Finanz betrügen

Bericht:
Joseph Gepp

Es ist verblüffend, was sich alles auftut, wenn man einmal bewusst registriert, was man sonst übersieht. Zum Beispiel, wie in Wiens Kaffeehäusern und Restaurants eigentlich die Rechnungen ausschauen.

„Zwischenrechnung“ steht beispielsweise auf ihnen in einem Wirthaus in der Innenstadt – von der Umsatzsteuer findet sich da kein Wort. Oder man bekommt einen „Konsumations-Bon“ im Kaffeehaus, ebenfalls im ersten Bezirk. Im großen Touristencafé am Graben kritzelt die Kellnerin, um eine Rechnung gebeten, überhaupt nur einige Zahlen in ihren Stiegl-Bier-Block. Beim Würstelstand schließlich sagt die Frau hinter der Theke: „Rechnung kann ich Ihnen im Moment keine geben.“

Was in der Gastwirtschaft passiert, ist die Steuerhinterziehung des kleinen Mannes – oder besser, die der vielen kleinen Wirte. In Medien liest und hört man kaum von ihr, weil diese Tricksereien banal erscheinen. Und doch entgehen der Republik jährlich rund 3,2 Milliarden Euro an Umsatzsteuer, wie die EU-Kommission 2012 ausrechnete – ganze zwölf Prozent jener Steuer, die gemeinhin zehn Prozent von der Konsumationssumme beträgt und hierzulande den größten Teil der Staatseinnahmen ausmacht. Denn viele Wirte kassieren die Umsatzsteuer zwar vom Gast, aber sie leiten das Geld nachher nicht ans Finanzamt weiter.

Man schimpft dieser Tage gern auf die Griechen und deren Steuermoral. Doch in diesem Fall tut sich mitten in Österreich eine Steuerlücke auf, die nicht etwa mit Superreichen und Großkonzernen zu tun hat. Wie ist das möglich? Wie funktioniert diese Steuerhinterziehung im kleinen Beisl?

Jedenfalls wird gerade um ihre politischen Folgen gestritten. Im Rahmen der Steuerreform fordert die SPÖ eine sogenannte Registrierkassenpflicht, die der Staatskasse jährlich eine Milliarde Euro bringen soll. Die ÖVP jedoch legt sich quer. Sie warnt vor der „Kriminalisierung“ von Unternehmern und teuren Umrüstungen im Gastgewerbe. Derzeit feilschen die Parteien hinter den Kulissen um Kompromisse und Ausnahmeregelungen.

Dass das Problem überhaupt so groß werden konnte, liegt vor allem an einer massiven Kontrolllücke im Gesetz: Eine sogenannte „Barbewegungsverordnung“ schreibt vor, dass die Wirte dem Finanzamt nicht jede einzelne Konsumation vorlegen müssen. Stattdessen reicht eine Art pauschale Angabe der Einnahme in Form eines Kassasturzes, sofern der – im Übrigen von den Wirten selbst erklärte -Jahresumsatz ihres Betriebs nicht über 150.000 Euro liegt. Diese Grenze unterschreiten jedoch drei Viertel aller Gastronomieunternehmen in Österreich. Bei diesen also muss lediglich nachgezählt werden, wie viel am Abend mehr in der Kassa liegt als in der Früh drinnen war. Bei dieser Methode sei „die Echtheit und Plausibilität durch keinerlei nachträgliche Prüfungsmaßnahmen der Finanz verifizierbar“, kritisierte vergangenes Jahr der Bericht der Steuerreformkommission des Finanzministeriums. Das führt zur Frage: Wenn die meisten Betriebe ihre Einnahmen sowieso nur pauschaliert der Finanz melden müssen – warum stellen sie dann überhaupt Konsumations-Bons und sonstige Pseudorechnungen aus, auf denen die Umsatzsteuer nicht vermerkt ist? Dies dient nicht etwa der Nachvollziehbarkeit für die Steuerbehörden, sondern der Kontrolle der eigenen Mitarbeiter. Damit die Angestellten nicht in die eigene Tasche wirtschaften, registrieren die Wirte durchaus akkurat jede Konsumation – aber nur intern und nicht fürs Finanzamt. Dabei gehen sie raffiniert vor, wie etwa eine Recherche des deutschen Wochenblatts Die Zeit vergangenes Jahr enthüllte.

So gibt es beispielsweise sogenannte „Zapper“, Löschprogramme, die man mittels USB-Stick an die Kassa anschließt. Mit Zappern kann man etwa die Anzahl verkaufter Espressi oder Krügerl Bier automatisch um bestimmte Prozentwerte hinuntersetzen. Auch die Hersteller elektronischer Gastro-Kassen machen häufig bei dem Steuerbetrug mit, berichtet die Zeit. Sie statten ihre Produkte mit einer Software aus, damit Wirte zwischen zwei parallelen Systemen wechseln können: eines produziert steuerlich einwandfreie Rechnungen für das Finanzamt, eines Pro-Forma-Belege zur Kontrolle der eigenen Angestellten. Kein Wunder, dass bei solchen Möglichkeiten – und einer derart laxen Kontrolle – der Missbrauch blüht: Als vergangenes Jahr die Finanzpolizei Stichproben in Wiens Gaststätten durchführte, wiesen ganze 45 Prozent der Kassensysteme grobe Mängel auf und 85 Prozent zumindest formale.

Die SPÖ fordert gegen all das einen strengen Manipulationsschutz bei Gastro- Kassen. Konkret soll jede Konsumation mit digitalen Signaturen und fortlaufenden Nummern versehen werden, um Tricks zu verunmöglichen. Dazu soll eine Speicherkarte verpflichtend an Kassen angeschlossen werden und alle Transaktionen fälschungssicher und lückenlos festhalten.

In manchen Ländern ergänzt auch eine sogenannten „Beleglotterie“ dieses System. Dabei können Kaffeehaus- und Restaurantkunden ihre Rechnungen ans Finanzamt senden. Dort dienen sie dann in einer öffentlichen Ziehung als Lose. Die Gewinner bekommen etwa Autos oder Reisen – und die Finanz kann anhand der eingelangten Rechnungen prüfen, ob die Wirte ihre Geschäfte versteuert haben. In Kroatien etwa wurde ein solches System erfolgreich eingeführt. Seither zieht eine Lottofee in einer Fernsehshow die Gewinnerlose aus einem Bottich voller alter Rechnungen; das Ganze wirkt ungefähr wie die österreichische Brieflos-Show.

Ob es auch in Österreich so weit kommt, ist fraglich. Die ÖVP warnt ebenso lautstark vor einer Gesetzesänderung wie Gastgewerbe-Vertreter der Wirtschaftskammer: 300 Millionen Euro pro Jahr sollen die Umrüstungen insgesamt die Betriebe kosten, prophezeit etwa die Kammerobfrau für Handel. Diese Summe stehe in „keiner Relation“ zu etwaigen mehr Steuereinnahmen.

Wer sich durchsetzt, das wird man wohl Mitte März wissen, wenn SPÖ und ÖVP ihre Einigung bei der Steuerreform präsentieren wollen. Dann wird man erfahren, ob das Geld dafür auch aus den Kassen der Wirte kommt.

RAND-INFOS:

Griechenland will – genauso wie Österreich – gegen die Umsatzsteuerhinterziehung in Gaststätten ankämpfen. Finanzminister Yanis Varoufakis schlägt nun vor, ungelernte Steuerprüfer gegen Honorar in die Lokale zu schicken – zum Beispiel Touristen

„Bez računa se ne računa“ („Ohne Rechnung geht es nicht“) heißt die Show im kroatischen TV. Aus einem Bottich eingeschickter Gastro-Rechnungen werden „Gewinnerlose“ gezogen

Eine korrekte Rechnung muss laut Umsatzsteuergesetz das Ausstellungsdatum, Name und Anschrift des Betriebs, Menge und Bezeichnung der Speisen und Getränke sowie deren Preis beinhalten. Außerdem müssen Speisen und Getränke getrennt dargestellt sein

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Die Box, die Leben rettet

Aus dem FALTER 34/2014

Eine junge Wiener Firma hat ein genial einfaches Gerät entwickelt, mit dem sich die Sauberkeit von Trinkwasser testen lässt: das Wadi. Nun soll es die Welt erobern

Unternehmensporträt: Joseph Gepp
Fotos: Hans Hochstöger

Der Gegenstand ist etwa so groß wie zwei Zigarettenpackungen und kostet auch ungefähr so viel. Wer ihn zum ersten Mal sieht, fragt sich, was das sein soll. Hat man es begriffen, denkt man: ziemlich clever.

„Als ich meinen Freunden zum ersten Mal von der Idee erzählt habe, haben die gesagt: Was, sowas gibt’s noch nicht?“, erzählt Martin Wesian, 39, Vorarlberger, schwarzes Poloshirt, in seiner direkten und unkomplizierten Art. Der studierte Wirtschaftsingenieur hat das sogenannte „Wadi“ erfunden und zusammen mit drei Kollegen so lange weiterentwickelt, bis es reif zum Verkauf war. Nun hat die Serienproduktion begonnen. Die junge Wiener Firma Helioz von Martin Wesian und Co will mit ihrem Produkt die Welt erobern.

Der Hintergrund von Wesians Erfindung
ist ein weltweites Problem, das wohl zu banal klingt, um in Europa und den USA im vollen Ausmaß wahrgenommen zu werden: Durchfall. Jeden Tag sterben 4000 Menschen daran, vor allem in Indien und Afrika. „Das sind mehr Tote als bei Malaria, Aids und Masern zusammen“, sagt Wesian. Ursache ist meist, dass die Opfer verschmutztes Wasser trinken.

Auch Wesian selbst musste erfahren, wie verhängnisvoll sich das auswirken kann: Mit 22 Jahren erkrankte er auf einer Venezuela-Reise an Cholera. Vier Wochen später und zehn Kilo leichter hatte er erkannt, dass die Dritte Welt an einem großen, unterschätzten Problem leidet.

Es gibt traditionell drei Möglichkeiten, Wasser von Keimen zu befreien. Die ersten beiden sind die Verwendung von Chlortabletten oder das Abkochen. Doch Tabletten sind teuer, und eine Gelegenheit zum Abkochen findet sich nicht immer.

Die dritte Möglichkeit ist die einfachste. Sie besteht darin, das Wasser in Plastikflaschen einfach in die Sonne zu legen, denn deren UV-Licht tötet Keime. Doch diese Methode brachte bislang in der Praxis Schwierigkeiten. Viele Menschen misstrauen dem Verfahren, weil es gar so simpel daherkommt. Zudem wissen die Leute nicht, wie lange der Prozess dauern muss. Denn je nach Sonnenintensität kann die Tötung der Keime eine Dreiviertelstunde brauchen oder einen vollen Tag.

Martin Wesian (r.) und seine drei Mitstreiter von der Firma Helioz präsentieren ihre Erfindung (Foto: Hochstöger)

Martin Wesian (r.) und seine drei Mitstreiter von der Firma Helioz präsentieren ihre Erfindung (Foto: Hochstöger)

Genau hier setzt das Wadi an. Ein eingebauter Sensor misst die Sonnenintensität; danach wird errechnet, wie lang die Reinigung des Wassers dauert. Man muss das Gerät nur neben die Flaschen legen. „Unsere Erfindung dient jenen 2,5 Milliarden Menschen weltweit, die beschränkten Zugang zu sauberem Trinkwasser haben“, sagt Wesian. Die Ärmsten der Armen sind die Zielgruppe. Auf deren Möglichkeiten haben Wesian und seine Kollegen die Erfindung ganz und gar abgestimmt. Der Strom für das Wadi stammt beispielsweise nicht etwa aus einer – wenig verfügbaren – Steckdose, sondern aus einer integrierten Solarzelle. Ist das Wasser gereinigt, blinkt ein Smiley auf dem Display, denn die meisten der potenziellen Kunden sind Analphabeten. „Unser Wadi funktioniert autark“, sagt Wesian. „Und es ist extrem einfach in der Bedienung.“ Es verfügt über nur einen Knopf, jenen zum Einschalten.

Wesian sitzt in seinem kleinen Büro in einem Gründerzeithaus im vierten Wiener Bezirk. An den Wänden hängen keine Bilder, sondern Landkarten. Afrika, Indien, Südamerika. Seit dem Jahr 2010 tüftelt das Helioz-Team hier an dem Produkt. Zur Marktforschung reiste man in den Slum Dharavi im indischen Bombay. „Wir wollen wissen, was die Leute dort brauchen“, sagt Wesian. Als Folge bekam das Wadi beispielsweise ein kleines integriertes Sieb verpasst, damit man das Wasser auch von festen Partikeln wie Sand befreien kann. Seit vergangenem Mai findet in der Kleinstadt Lenzing in Oberösterreich die Serienproduktion statt.

In 44 Staaten haben sich inzwischen Partnerfirmen gefunden, die das Wadi aus Wien bestellen und weiterverkaufen. Der größte Markt ist Indien. Abhängig von Zöllen und ähnlichen Kosten beträgt der Preis pro Gerät zwischen zehn und 16 Euro. Nur in Europa kostet es mehr, 29,90 Euro. Hier rüsten sich gern Extremwanderer und Weltreisende damit aus. „Mit dem hohen Preis in Europa finanzieren wir den billigen in den Entwicklungsländern“, sagt Wesian.

Wadi: Ein Smiley zeigt an, wenn das Wasser sauber ist; Strom kommt von einer Solarzelle (Foto: Hochstöger)

Wadi: Ein Smiley zeigt an, wenn das Wasser sauber ist; Strom kommt von einer Solarzelle (Foto: Hochstöger)

Die vergangenen Jahre seien für ihn durchaus herausfordernd gewesen, erzählt er. Nicht nur galt es, eine Firma hochzuziehen, kompetente Mitstreiter zu finden und das nötige betriebswirtschaftliche Knowhow zu erlernen. Wesian und seine Kollegen brauchten auch hunderttausende Euro für die Entwicklung ihres Wadi. Die Suche nach Geldgebern war schwierig. „Es gibt zwar etliche Investoren, die sich für Produkte interessieren, die mit Wasser zusammenhängen“, sagt Wesian. „Aber den meisten geht es um den schnellen Profit.“

So verhandelte Wesians Team etwa mit einer der größten Venture-Capital-Firmen – das sind Unternehmen, die das Geld von Anlegern in Firmenbeteiligungen stecken, um Rendite zu machen – im deutschen Sprachraum. „Die Venture-Capital-Leute haben sich das Gerät angeschaut und anschließend in ihren Excel-Tabellen herumgerechnet“, erzählt Wesian. „Am Ende sagten sie: Wir steigen gern ein, aber das Produkt muss nach einem Jahr kaputtgehen, sonst rentiert sich das für uns nicht genug.“ Das Wadi hätte derart konstruiert werden sollen, dass es sich schnell verschleißt – undenkbar für Wesians Helioz-Team.

Mittlerweile hat sich ein Partner mit ausgeprägterem sozialem Gewissen gefunden, die niederösterreichische Investmentfirma AC and Friends. Derzeit wird nach einem weiteren Investor gesucht, um das Projekt noch größer aufzuziehen.

Inzwischen verbreitet sich die Erfindung aus Wien von Monat zu Monat weiter in alle Welt. Vor kurzem etwa ins Grenzland zwischen Kenia und Äthiopien. Dort wurde auf Initiative des österreichischen Arbeiter-Samariter-Bundes ein Nomadenstamm mit den Messgeräten ausgestattet.

„Seitdem“, sagt Wesian, „sind dort die trinkwasserbedingten Erkrankungen auf null zurückgegangen.“

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