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„Die Eliten begreifen, dass noch mehr Ungleichheit nicht in ihrem Interesse liegt“

Aus dem profil 47/2016

Trump, Brexit, der Aufstieg der Populisten – dahinter steckt vor allem die zunehmende öko nomische Ungleichheit in den westlichen Staaten, sagt der renommierte serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanović. Während in Europa und den USA die Mittelschicht zunehmend unter die Räder kommt, entsteht in Asien eine neue. Ein Gespräch über Widersprüche in der Entwicklung des globalen Wohlstands, verödete französische Städte und den österreichischen Sozialstaat.

Von

Joseph Gepp

Auch eine Grafik kann berühmt werden. Zum Beispiel die sogenannte „Elefantenkurve“ des serbisch-amerikanischen Ökonomen Branko Milanović. Sie hat die Form eines Elefanten, der den Rüssel hebt. Die Grafik zeigt die Entwicklung des Einkommens der Weltbevölkerung seit dem Jahr 1988. Sie ist in den vergangenen Jahren zum einprägsamen Symbol geworden für den ökonomischen Abstieg der Mittelschicht in den westlichen Staaten, genauso wie für den Aufstieg derselben in Asien.

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Seit seiner Zeit an der Universität Belgrad in den 1980er-Jahren beschäftigt sich der heute 63-jährige Milanović mit den Themen Einkommensverteilung, Armut und Ungleichheit – sowohl zwischen reichen und armen Ländern als auch innerhalb einzelner Gesellschaften. Allein während seiner Zeit in der Forschungsabteilung der Weltbank hat er rund 40 Arbeiten dazu publiziert. Heute zählt Milanoviæ zu den weltweit einflussreichsten Ökonomen. Er forscht hauptsächlich an der US-amerikanischen City University Of New York. Ein aktuelles Buch, in dem er die Erkenntnisse seiner jahrzehntelangen Forschungen zusammenfasst, ist soeben in deutscher Sprache erschienen („Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht“, Suhrkamp, 312 S., 25,70 Euro).

profil: Inwiefern hat die Ungleichheit in den USA zum Sieg Trumps beigetragen?

Branko Milanović:
Wir wissen aus den Daten, dass in den vergangenen 30 Jahren die Einkommen der US-Mittelschicht bestenfalls stagnierten und dass diese Schicht insgesamt geschrumpft ist (Anm.: definiert als jene Gruppe, die ein Viertel mehr oder weniger verdient als der Medianwert). Genau diese Leute – überwiegend weiß, Mittelschicht, männlich – haben Trump gewählt. Daneben gibt es zwar auch weitere Faktoren, die zu Trumps Erfolg beigetragen haben, beispielsweise die Folgen von Globalisierung und Migration. Aber auch bei denen kann man argumentieren, dass sie mit dem Thema Ungleichheit verbunden sind. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch eine Erhebung zum Wahlverhalten in 3000 US-Wahlbezirken: Trump fuhr vor allem dort Erfolge ein, wo mehr als 40 Prozent der Beschäftigten in sogenannten Routineberufen arbeiten. Dabei handelt es sich um Jobs mit niedrigem oder mittlerem Qualifikationslevel, die keine klassischen Dienstleistungsberufe sind. Also genau jene, deren Fortbestand massiv vom technischem Wandel und der Verlagerung in andere Weltgegenden bedroht ist.

profil: Trotzdem haben die armen US-Amerikaner eher Hillary Clinton gewählt, während Trump der Kandidat der Mittelschicht war.

Milanović: Das liegt am ethnischen Element. Die armen Leute, die für Hillary stimmten, sind häufiger schwarz.

profil: In Ihrem neuen Buch schildern Sie eine widersprüchliche Entwicklung auf globaler Ebene. Einerseits verringert sich die Ungleichheit zwischen den Staaten, etwa durch die Entstehung neuer Mittelschichten in Asien. Gleichzeitig jedoch wird die Ungleichheit innerhalb von Staaten größer, zwischen einzelnen Gesellschaftsschichten. Bewegen wir uns auf eine Welt voll gleich wohlhabender Staaten zu, deren Bevölkerungen allerdings extrem in Klassen unterteilt sind?

Milanović: Es geht in diese Richtung, auch wenn der Weg dorthin noch weit ist. Wenn wir zurückblicken in die Welt vor der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert, sehen wir, dass damals die Unterschiede beim Durchschnittseinkommen verschiedener Staaten relativ gering waren. Das Verhältnis zwischen den reichsten Ländern, beispielsweise den Niederlanden, und den ärmsten, etwa Sri Lanka, betrug höchstens 1:3. Später jedoch begannen sich die heutigen reichen Staaten rasant zu entwickeln. Im späten 20. Jahrhundert lag das Verhältnis, etwa zwischen den reichen USA und armen Ländern Asiens, bei fast 1:100.

profil: Und heute?

Milanović: Es beginnt eine neue Phase. Die Unterschiede zwischen den Ländern werden wieder kleiner. Überwiegend hängt das mit den hohen Wachstumsraten in den bevölkerungsreichen Staaten Asiens zusammen. In Staaten wie China, Indien und Vietnam entstehen gerade neue Mittelschichten.

Branko Milanović

Branko Milanović


profil: Wann wird diese globale Mittelschicht einkommensmäßig zur westlichen Welt aufschließen?

Milanović: Das dauert noch. Derzeit verdient sie pro Kopf noch immer ungefähr nur ein Drittel des Einkommens der Ärmsten im Westen. Trotzdem: Wenn die chinesische Wirtschaft weiter wächst wie bisher, wird das Land im Jahr 2030 das Einkommensniveau der EU erreicht haben. 2070 wären wir global gesehen wieder dort, wo wir vor der Industriellen Revolution standen. Die Ungleichheit zwischen den Staaten wird dann sehr gering sein. Dafür allerdings wird die Ungleichheit innerhalb der Staaten extrem ausgeprägt sein.

profil: In den westlichen Ländern hängt eine kleine Oberschicht bereits seit drei Jahrzehnten die breite Masse ab, was Einkommen und Vermögen betrifft. Gilt das auch für Staaten wie Indien und China, trotz der neuen Mittelschichten?

Milanović: Ja, eindeutig. Dies übersieht man im Westen gern, weil wir uns für unsere eigene Ungleichheit interessieren und mit Trump, Brexit und dem Aufstieg der Populisten die Konsequenzen erleben. Aber auch in Schwellenländern ist die Ungleichheit in den vergangenen 30 Jahren stark gestiegen. In China ist der Anstieg sogar geringfügig größer als in den USA. Auch für Indien zeigen aktuelle Daten eine extreme Ungleichheit, fast so hoch wie in Lateinamerika.

profil: Geht es überhaupt ohne steigende Ungleichheit, wenn sich Gesellschaften derart rasant entwickeln wie in China und Indien?

Milanović: Nicht ganz. China beispielsweise war früher landwirtschaftlich geprägt und ist noch dazu kommunistisch. Die Fabrikslöhne in den Städten waren alle weitgehend gleich hoch. Wenn man nun Wettbewerb und freie Lohnbildung zulässt, führt dies automatisch zu steigender Ungleichheit. Außerdem trägt in China die tiefe Kluft zwischen Stadt und Land zur Ungleichheit bei. Dazu kommt, dass Kapitaleinkommen stark an Bedeutung gewonnen haben (Anm.: alle Einkommen, die nicht aus Arbeit resultieren, sondern etwa aus dem Besitz von Unternehmen, Wertpapieren und Immobilien). Zuvor haben sie in China kaum eine Rolle gespielt.

profil: Wie wird sich die Ungleichheit im Westen weiterentwickeln?

Milanović: Ich bin nicht so pessimistisch. Meiner Ansicht nach sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die politischen Eliten im Westen begreifen, dass noch mehr Ungleichheit nicht mehr in ihrem Interesse liegt.

profil: Weil sonst die Populisten kommen?

Milanović: Ja, die Eliten realisieren langsam, dass sie etwas für den Fortbestand der Mittelschicht tun müssen. Dieser Sinneswandel lässt sich auch an den Daten ablesen. In Großbritannien beispielsweise ist die Ungleichheit seit dem Jahr 2007, trotz einiger Schwankungen, nicht weiter gestiegen. Die jüngsten Gesetze betreffen, trotz der staatlichen Sparpolitik, nicht mehr die Sozialtransfers für die Armen. Wir müssen allerdings aufpassen, dass eine solche Umorientierung nicht zu spät kommt. In Frankreich etwa, wo sich kommendes Jahr Marine Le Pen der Präsidentenwahl stellt, sind aus manchen Städten, ähnlich wie in den USA, nahezu alle Industrie-Jobs verschwunden. Dort ballen sich die Verlierer der Globalisierung zusammen.

profil: Wie wird sich die Ungleichheit entwickeln, wenn die Populisten einmal die Macht ergriffen haben?


Milanović:
Schwierig zu prognostizieren. Mitunter stellen sie ja gleich die komplette internationale Wirtschaftsarchitektur infrage, die sich seit der Nachkriegszeit entwickelt hat. Le Pen fordert den Euro-Austritt Frankreichs, Trump hohe Schutzzölle für die USA. Ich zweifle daran, dass solche Radikalmaßnahmen durchführbar sind. Erstens finden sich viele Verbündete der neuen Populisten im alten System, in den Chefetagen und Parlamenten. Zweitens sind die grenzüberschreitenden Verbindungen der modernen Welt schlicht zu engmaschig und weitverzweigt, als dass sie sich einfach lösen ließen. Man sieht das beim Brexit. Es war leicht für die Briten, für ihn zu stimmen – aber es ist schwierig, das Votum zu implementieren.

profil: Was müssen die traditionellen politischen Eliten tun, um die Ungleichheit zu verringern und gegen die Populisten zu bestehen?

Milanović: Eine Möglichkeit sind Steuern. Sicherlich hilfreich ist eine Erhöhung der Erbschaftssteuern, die in vielen Staaten in den vergangenen Jahrzehnten signifikant gesenkt worden sind. Aber ich glaube, eine solche Politik muss sich auch bewusst sein, dass sie begrenzt ist. Die breite Masse der Bevölkerung lehnt Steuererhöhungen ab. Zudem kann das Kapital heute rasch ins Ausland fliehen. In Europa reicht mancherorts eine Entfernung von zehn Kilometern – und schon untersteht man einem völlig anderen Steuer-Regime.

profil: Welche Möglichkeiten gibt es sonst?

Milanović: Wenn wir die Ursachen der Ungleichheit erforschen, stoßen wir auch auf die extreme Konzentration der Kapitaleinkommen. Die zehn reichsten Prozent der Bevölkerung kassieren derzeit 90 Prozent davon. Noch dazu werden die Kapitaleinkommen größer, während die Einkommen aus Arbeit eher sinken. Man müsste also die hohe Konzentration der Kapitaleinkommen reduzieren – heißt: sie gleichmäßiger verteilen.

profil: Wie?

Milanović: Zum Beispiel, indem man Arbeiter dazu bringt, Aktien jener Unternehmen zu erwerben, bei denen sie beschäftigt sind. Die Regierungen könnten, beispielsweise mittels Steuererleichterungen, der Mittelschicht zu mehr Wertpapierbesitz verhelfen. Mit einer Art Minimalgarantie könnten sie diese auch vor Verlusten schützen. Die britische Premierministerin Theresa May schlägt derartige Modelle vor. Bereits praktiziert werden sie in reichen asiatischen Staaten wie Taiwan und Südkorea. Dort wird viel weniger umverteilt als in Europa und Kanada (Anm.: also weniger hohe Steuern und Abgaben eingehoben, um diese den Ärmeren zukommen zu lassen, etwa als Sozialleistungen). Die asiatischen Staaten brauchen die Umverteilung nicht so sehr, denn der Kapitalbesitz ist dort breit und gleichmäßig gestreut. Und damit auch die Gewinne aus ihm.

profil: Das sozialstaatliche Konzept in Österreich und in anderen Staaten Europas basiert hingegen eher auf der klassischen Umverteilung. Viele Leute sorgen sich aber, dass es in Zeiten der Globalisierung langfristig nicht aufrechterhalten werden kann. Kapital strömt heute ungehindert über Grenzen; Arbeitskräfte bewegen sich innerhalb der Europäischen Union frei von Land zu Land. Wie beurteilen Sie angesichts dessen die Zukunft des Sozialstaates?


Milanović:
Ich habe Zweifel. Die Sozialstaaten entstanden in den 1950er-Jahren, als die Mobilität von Menschen und Kapital geringer und die Gesellschaften ethnisch und wirtschaftlich homogener waren. Österreich entwickelte sich damals zu einem korporatistischen Staat mit niedriger Einkommensungleichheit. Heute jedoch sind die Grenzen durchlässiger; innerhalb der EU gibt es einen freien Fluss der Arbeitskräfte. Ich sehe unter solchen Bedingungen durchaus die Gefahr, dass Staaten mit hohen Sozialtransfers eher schlecht qualifizierte – und womöglich auch arbeitsunwillige – Leute anziehen könnten. Aus Sicht der Betroffenen ist das nur rational. Dieses Phänomen beobachten wir auch in den USA: Unterschiedliche Bundesstaaten bieten verschieden hohe Sozialleistungen an – und die US-Amerikaner übersiedeln infolgedessen bevorzugt dorthin, wo die Zahlungen höher sind. In diesem Zusammenhang finde ich auch, dass wir Migration neu definieren müssen.

profil: Wie?

Milanović: Arbeitsmigranten sollten in reichen Ländern nur einen begrenzten Zeitraum tätig sein. Die Beschäftigungskontrakte könnten beispielsweise über vier Jahre laufen, danach werden die Arbeitskräfte durch andere abgelöst. In meinem Konzept sollte also eine Form der Arbeitsmigration durchgesetzt werden, in der die Leute wieder zurückgehen. Mir schwebt ein Modell vor, wie es ansatzweise in den arabischen Golfstaaten mit Arbeitskräften aus Indien und Pakistan praktiziert wird. Nur grassieren am Golf Missstände, und Arbeitskräfte werden unmenschlich behandelt – so etwas will ich natürlich nicht.

profil: Es bleibt trotzdem eine umstrittene Forderung, die noch dazu schwer durchsetzbar ist.

Milanović:
Es ist ein Kompromiss zwischen zwei Extremen. Wir können einerseits die Grenzen nicht völlig öffnen, weil das politisch nicht durchsetzbar ist. Wir sollten aber zugleich auch Arbeitsmigration nicht komplett unterbinden. Denn sie verringert die Ungleichheit zwischen den Staaten und dämpft den Bevölkerungsrückgang in Europa. Außerdem lässt sich Migration nur schwer verhindern, weil sich Menschen sowieso ihre Wege suchen. Zielführend sind also weder absolut offene noch geschlossene Grenzen. Zwischen diesen beiden Polen scheint mir mein Vorschlag ein guter Mittelweg zu sein.

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„Es ist gut, wenn Politiker ein bisschen anders sind“

Aus profil 42/2015

Seit fünf Jahrzehnten erforscht der britische Ökonom Anthony Atkinson soziale Ungleichheit in all ihren Facetten. Lange Zeit hielt man sein Gebiet für überholt, seit der Wirtschaftskrise jedoch wird ihm späte Ehre zuteil. Ein Gespräch über Lyndon B. Johnson, Joseph Schumpeter und Jeremy Corbyn.

Eines kann man Anthony Atkinson wahrlich nicht vorwerfen: dass er sich mit seiner wissenschaftlichen Arbeit an Publikum und Forscherkollegen angebiedert hat. Seit mittlerweile Jahrzehnten setzt sich der heute 71-jährige Brite mit einem Thema auseinander, das lange Zeit kaum jemanden interessierte – soziale Ungleichheit.

profil: Als Sie am Thema Ungleichheit zu forschen begonnen haben, galt das noch als völlig abseitig. Warum haben Sie es trotzdem getan?

Anthony Atkinson:
Dieses Desinteresse hat wahrscheinlich ungefähr angefangen, als ich daran zu forschen begonnen habe (lacht). Als junger Mann habe ich in Großbritannien und bei einem Auslandsaufenthalt in Deutschland gesehen, wie krass sich Ungleichheit auf das Leben von Menschen auswirkt. Später beschäftigte ich mich an der Universität Cambridge wissenschaftlich damit. Das war vor knapp 50 Jahren, in den späten 1960er-Jahren.

profil: Eine Zeit, in der es wenig Ungleichheit gab.

Atkinson: Interessanterweise war sie trotzdem Teil der öffentlichen Debatte, vor allem in den USA. Man mag sich heute kaum noch daran erinnern, aber Präsident Lyndon B. Johnson rief damals einen „War on Inequality“ aus. In Europa jedoch gab es tatsächlich kaum Interesse am Thema. Hier fielen die Ungleichheitsraten. In den 1970er-und 1980er-Jahren ist das Forschungsthema dann fast völlig verschwunden.

Die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit hat einige Wendungen hinter sich: In der Nachkriegszeit ging man davon aus, dass sich das Thema angesichts expandierender Wohlfahrtsstaaten sowieso bald von selbst erledigt haben würde. Später, ab den 1970er-Jahren, meinte man, die nunmehrige Entfesselung freier Märkte würde bald zu einer (Chancen-)Gleichheit für alle führen. Und erneut interessierte sich niemand für Ungleichheit. Erst mit der weltweiten Finanz-und Wirtschaftskrise ab dem Jahr 2008 kehrte das Thema in die Forschung und die öffentliche Wahrnehmung zurück. Der französische Ökonom Thomas Piketty legte 2014 seinen Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ vor, in dem er sich mit der zunehmenden Ungleichverteilung auseinandersetzt. Atkinson gilt als Pikettys Mentor und Pionier auf dem Gebiet. Er befasst sich beispielsweise mit Formeln, wie man Ungleichheit messen kann. Regelmäßig, auch im heurigen Herbst, wird Atkinson als Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt.

profil: Wann ist Ihnen aufgefallen, dass Ihr Forschungsthema Ungleichheit neues Interesse erregt?

Atkinson: Das war ein schleichender Prozess, angestoßen zum Teil von internationalen Organisationen. Die OECD beispielsweise zeigt sich bereits seit mehr als zehn Jahren zunehmend besorgt über die Ungleichheit. Die EU hat ungefähr seit der Jahrtausendwende soziale Indikatoren eingeführt. Dazu gibt es die Europa-2020-Ziele, die eine Reduktion der Armut festschreiben.

Tony Atkinson (Wikipedia)

Tony Atkinson (Wikipedia)


profil: Inzwischen warnt selbst der Internationale Währungsfonds (IWF), der sich der Durchsetzung freier Märkte verpflichtet fühlt, vor zu viel Ungleichheit. Überrascht Sie das Ausmaß des Bewusstseinswandels?

Atkinson: Sogar die US-Republikaner warnen neuerdings vor Ungleichheit, weil sie die wirtschaftlichen Chancen schmälere – zumindest alle außer Donald Trump. Aber man muss auch sehen, dass Republikaner und IWF die Ungleichheit quasi instrumentell sehen: Sie dient ihnen als Mittel zum Zweck der Wirtschaftsankurbelung. Ungleichheit gilt für sie als Problem, weil sie beispielsweise zu mehr Fettleibigkeit führt, was der Wirtschaft schadet. Die OECD und EU hingegen verfolgen einen breiteren Ansatz. Sie fragen eher, was das generelle Ziel einer Gesellschaft sein soll. Ungleichheit ist auch eine moralische Frage. Dieser Bewusstseinswandel liegt auch daran, dass die normalen Leute immer mehr spüren, dass es schwieriger wird. Sie finden nur noch Teilzeit-Jobs und erleben finanzielle Engpässe, wenn sie Kinder bekommen. Vor drei oder vier Jahrzehnten dachte man noch, die Gesamtsituation werde sich bessern. Heute rechnet man eher damit, dass sie noch schlechter wird.

profil: Folgen auf den Bewusstseinswandel auch politische Maßnahmen?

Atkinson: Die UNO beispielsweise hat sich kürzlich auf die nachhaltigen Entwicklungsziele für die nächsten 15 Jahre verständigt. Das sind Willenserklärungen, aber man sollte sie nicht kleinreden. Es sind durchaus starke Bekenntnisse, die politische Folgen haben.

profil: Vielleicht mittelbar und langfristig, aber was muss darüber hinaus geschehen, um Ungleichheit wirksam zu bekämpfen?

Atkinson:
Zum Teil geht es um den Erhalt und Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Eine wichtige Frage ist auch, wie die Arbeit organisiert ist: Wie hoch soll das Einkommen von Menschen sein? Wie hoch sind die Steuern auf Kapitaleinkommen? Das ist auch in Österreich ein massives Problem: Geringe Vermögenssteuern und eine fehlende Erbschaftssteuer tragen zu einer enormen Ungleichverteilung von Vermögen bei. In Großbritannien ist es gelungen, in den vergangenen zehn Jahren die Armutsraten zu reduzieren. Was Österreich betrifft, befürchte ich angesichts solcher politischer Versäumnisse eher das Gegenteil.

Die Oesterreichische Nationalbank spricht von einer „ausgeprägten Ungleichheit der Nettovermögen“ in Österreich: So besaßen die reichsten fünf Prozent der Haushalte im Jahr 2012 45 Prozent des Vermögens. Nur in den USA und den Niederlanden sind die Vermögen noch stärker konzentriert. Die Statistiken zeigen auch, dass die sogenannte Lohnquote in Österreich stetig sinkt – der Anteil der (hoch besteuerten) Arbeitseinkommen am BIP wird also kleiner im Vergleich zu den (niedrig besteuerten) Kapitaleinkommen. Zwischen 1994 und 2011 sank die Lohnquote laut Arbeiterkammer von 76 auf 68 Prozent. Konservative Ökonomen halten solchen Statistiken entgegen, dass sie auch eine spezielle Eigenheit der Österreicher stark widerspiegelt: Hierzulande wohnen besonders viele Leute zur Miete, nicht im Eigentum. Dies, so die konservative Gegenposition, lasse Österreich in Vermögensstatistiken schlechter dastehen als Länder mit mehr privatem Immobilienbesitz, etwa Spanien oder Griechenland. Allerdings: Mit den Immobilien der Spanier und Griechen gehen auch höhere private Schulden als in Österreich einher. Diese wiederum drücken den Vermögensstand der Spanier und Griechen.

profil: Im beginnenden US-Wahlkampf wird auch über Mindestlöhne debattiert.

Atkinson: Auch sie sind eine gute Methode, um Ungleichheit zu reduzieren – und sie zeigen gleichzeitig, wie komplex das Thema ist. Denn die Schere öffnet sich nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Jung und Alt. In Großbritannien sind in den vergangenen zehn Jahren die Reallöhne für jene Menschen gestiegen, die älter als 45 Jahre sind – für diejenigen unter 40 sinken sie stetig. Infolge der Liberalisierung der Arbeitsmärkte bleiben die Älteren in abgesicherten Jobs sitzen, während die Jüngeren in die Prekarisierung gedrängt werden. Eine Zweiklassengesellschaft von Arbeitnehmern entsteht. Mindestlöhne können solche Tendenzen abfedern.

profil: Viele Regierungen scheuen vor Maßnahmen wie Mindestlöhnen oder Erbschaftsteuern zurück. Sie fürchten, dass Reiche und Unternehmen in dem Fall ihre Gelder woanders hinbringen.

Atkinson: Für mich gilt, was der berühmte österreichische Finanzminister Joseph Schumpeter schon vor knapp 100 Jahren konstatiert hat: Wer langfristig ein kapitalistisches System aufrechterhalten will, braucht ein funktionierendes Steuer-und Abgabenwesen. Die Staaten müssen ihren Aufgaben nachkommen können, etwa im Bildungswesen. Alles andere geht nur für eine Weile gut.

profil: Das Steuerwesen funktioniert offenbar nicht gut.

Atkinson: Das stimmt zwar, aber man sollte die Gefahr, dass das Kapital flieht, trotzdem nicht überschätzen. Erstens gab es in den vergangenen Jahren große Fortschritte in Fragen der internationalen Koordination – vor allem dank des Engagements der USA, zum Beispiel beim Informationsaustausch über Steuerflüchtlinge. Zweitens: Unternehmen siedeln sich nicht nur wegen niedriger Steuern an einem Ort an, sondern auch wegen Faktoren wie Rechtssicherheit und hochqualifizierter Arbeitskräfte. Und schließlich: Hinter all den Firmen und Privatvermögen stehen letztlich echte Menschen mit echten Familien. Sie werden nicht gleich nach Singapur übersiedeln, nur weil sich der Steuersatz ändert.

profil: Aber vielleicht ihre Bankkonten und Firmen dort eröffnen.

Atkinson: Es gibt durchaus Dinge, bei denen mehr internationale Koordination unumgänglich ist. Wir brauchen zum Beispiel eine vereinheitlichte Körperschaftssteuer auf Unternehmensgewinne. Sie muss auf dem Umsatz basieren, den das Unternehmen im jeweiligen Land erwirtschaftet. Dann können Amazon oder Google ihre Gewinne nicht mehr pro forma in Steueroasen verbuchen.

Wie schwierig das Ringen um mehr Kooperation in Steuerfragen ist, zeigte vergangene Woche eine Vereinbarung der EU-Finanzminister im Gefolge der sogenannten Luxleaks-Affäre. Um unfairen Steuerwettbewerb zu unterbinden, wollen die Staaten einander künftig darüber informieren, falls sie einem Konzern per Bescheid Steuervorteile einräumen. Allerdings wurde der ursprüngliche Vorschlag der EU-Kommission von den Mitgliedsstaaten stark abgeschwächt: Offengelegt werden etwa nur jene Bescheide, die weniger alt als fünf Jahre sind. Dabei wurden zahlreiche dieser Steuervorteile bereits vor der Finanzkrise 2008 eingeräumt.


profil: Es mag Fortschritte beim Kampf gegen Steuerflucht gegeben haben. Doch was diese an potenziellem Wohlstand bringen, frisst das schwache Wirt schaftswachstum wieder auf. In Europa ist es bereits seit Jahren niedrig, neuerdings gilt auch China als Problemfall. Kann man einen Kampf gegen die Ungleichheit führen, wenn die Wirtschaft nicht wächst?

Atkinson: Was geschah mit den Früchten des Wachstums, als wir es noch hatten? Sie kamen den Eliten der Gesellschaft zugute, während sich die breite Masse über „jobless growth“ wunderte, über Wachstum ohne neue Arbeitsplätze. Es kommt nicht auf das Wachstum per se an, sondern auf seine Natur. In den letzten Jahrzehnten wurde das Ausmaß an menschlicher Arbeit, die in vielen Waren und Dienstleistungen steckt, stark reduziert. Solch ein Wachstum bringt keinen Wohlstand für die Masse hervor, sondern höhere Gewinne für die Reichen.

profil: Aber man kann den technischen Fortschritt nicht aufhalten.

Atkinson: Er ist nicht naturgegeben, sondern hängt von staatlichen Forschungsbudgets ab. Diese kann man in arbeitsplatzintensive Bereiche dirigieren, etwa in die Entwicklung erneuerbarer Energien. Aber die Staaten fördern stattdessen etwa selbstfahrende Autos, die Arbeitsplätze kosten, so wie die USA das tun. Hinter vielen derartigen Entwicklungen steckt weniger die kreative Energie von Silicon-Valley-Unternehmern als vielmehr Geld aus dem US-Militärbudget. Ebenso subventioniert die EU Großprogramme für selbstfahrende Autos oder die Automatisierung von Pflegedienstleistungen. Warum? Solche Dinge sind politische Entscheidungen.

profil: In ihrem Heimatland Großbritannien ist der umstrittene Linkspolitiker Jeremy Corbyn zum Chef der oppositionellen Labour-Partei gewählt worden. Was halten Sie von ihm?


Atkinson:
Ich weiß nicht, ob sich Corbyn durchsetzen wird können und wie es mit der Labour-Partei weitergeht. Manche von Corbyns Ideen sind populär, etwa die Wiederverstaatlichung der Eisenbahn, denn die Briten haben mit der Privatisierung schlechte Erfahrungen gemacht. Aus einer größeren Perspektive glaube ich, dass Corbyn die britische Politik ein Stückweit gerettet hat. Vorher gab es eine weit verbreitete Ernüchterung über die Politiker und das Gefühl, dass man sowieso keine echte Wahl hat. Heute stelle ich eine Politisierung junger Menschen fest -nicht nur wegen Corbyn, aber auch. Kürzlich reiste ich nach Schottland. Wenn die Regierung dort Konsultationen über die Zukunft des Landes durchführt, ist der Saal brechend voll mit jungen Leuten. Sie sind Erstwähler, und sie wollen diskutieren, wie Schottland im Jahr 2030 aussehen soll oder was soziale Gerechtigkeit heutzutage bedeutet. Politikertypen wie Corbyn tragen zu einer derartigen Politisierung bei. Es ist gut, wenn Politiker ein bisschen anders sind.

:::ZUSATZ-INFOS:::

UNGLEICHHEITSFORSCHUNG Dass sich weltweit die wissenschaftliche Themenkonjunktur verschiebt, wirkt sich auch auf den österreichischen Forschungsbetrieb aus. Konkret auf jenen der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU). Dort eröffnete Mitte September ein Forschungsinstitut zum Thema Ungleichheit. „Die Ungleichheiten in der Einkommens- und Vermögensverteilung sind international – auch in Österreich – stark im Steigen begriffen“, sagt der Institutsleiter, WU-Professor Wilfried Altzinger. An der WU sollen nun „Ursachen erforscht und wirksame Gegenmaßnahmen ausgearbeitet werden“. Bei der Eröffnung des Instituts war auch Tony Atkinson zugegen und präsentierte sein aktuelles Buch: „Inequality – What can be done?“

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