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Teurer Ballzauber: wie die UEFA Wiens Rathaus zur Verzweiflung brachte

Aus dem FALTER 39/2011

Joseph Gepp

Do hängst di auf“, so beschreibt ein Rathausmitarbeiter die Grundstimmung bei der Zusammenarbeit mit der UEFA zur Vorbereitung der Euro in Wien 2008.

Diese lief im Wesentlichen so: Die Sportfunktionäre wollten, die Wiener sprangen. Von „ungünstigen, durch zahlreiche Zusatzforderungen (…) geprägten, nahezu chaotischen Bedingungen“ schreibt das Wiener Kontrollamt in einem Bericht. Die Folge war eine Kostenexplosion. So schlug sich der Umbau des Ernst-Happel-Stadions mit 31 Millionen Euro statt der veranschlagten 18 zu Buche.

„Entscheidungsprozesse der UEFA dauerten extrem lange“, was eine „geordnete Projektabwicklung erheblich erschwerte“, rechtfertigt die Stadt die Kosten. So sei im letzten Moment eine Änderung bei Tribünen gefordert worden, erzählt Sandra Hoffmann, Leiterin des Sportamts. Trainergarderoben mussten urplötzlich drei Wochen vor EM-Beginn eingebaut werden. „Die UEFA drohte ständig damit, dass sie abzieht und die Euro in Deutschland oder Schottland abhält.“

Die UEFA wollte dazu keine Stellung nehmen. Das Kontrollamt nahm auch das Rathaus von der Kritik nicht aus. Durch ungünstige Verträge habe es sich mehr als unbedingt notwendig an die UEFA „ausgeliefert“.

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Krkrkr, zehntausendfach

Aus dem FALTER 16/11

Wien, ganz dynamisch: Der Vienna City Marathon war wieder ein Volksfest

Reportage: Matthias Dusini, Joseph Gepp, Christopher Wurmdobler

Sonntag, kurz vor neun Uhr. Beim Start drängen sich noch Zehntausende Wade an Wade vor der Uno-City auf der Wagramer Straße. Es wird ein letztes Mal gedehnt und getrunken. Mitgebrachte Jacken und Pullis gegen die Morgenkälte lassen viele vor dem Start einfach am Straßenrand liegen – mit dieser zurückgelassenen Kleidung könnte man wohl eine ganze Kleinstadt ausstatten. Da kommt die Sonne, sehr gut.

Gleich nach dem Startschuss zum 28. Vienna City Marathon setzt sich die Masse noch recht zäh in Bewegung. Nach einigen Minuten hat sich das Gedränge der Läuferinnen und Läufer so weit gelichtet, dass man tatsächlich vorankommt; der große Marathon-Haufen löst sich schnell in Einzelkämpfer auf.

Auf der Reichsbrücke Richtung Stadt zischen die Schnellen an denen vorbei, die diese sportliche Herausforderung lieber langsam angehen. Manchmal machen sie dabei regelrechte Stunts, wenn sie auf der immer noch vollgedrängten Straße im letzten Moment einer Leitplanke oder einem Werbepfosten ausweichen. Den rücksichtsvollen Hasen gelingen diese Kunststücke, ohne dass sie die Igel zur Seite schubsen. Die Rücksichtslosen legen es geradezu darauf an.

Um halb elf hat sich am Ring bereits kollektive Gutlaune breitgemacht. Familien feuern ihre laufenden Töchter, Söhne und Eltern an, orange leuchten die T-Shirts der Bauernjugend. Und überall Gratiszeug von Banken und Lebensmittelketten: Emotionen mit Rhabarber und Minze, Erdbeeren für kluge Naschkatzen. Vor der Universität warten Staffelläufer auf die Übergabe. „Fredl“, ruft einer der Ankommenden. „Fredl“, ruft bald die ganze Menschenmenge im Chor, „Fredl!“ Aber Fredl lässt seinen Laufkollegen im Stich. Wie gemein.

Die Reihen haben sich gelichtet. Eine Gruppe von Holländern schießt im Laufen Erinnerungsfotos. Am Straßenrand applaudieren Anrainer. Immer wieder stehen auf Heurigenbänken Wasserbecher und isotonische Getränke bereit. Auf diese stürzen sich die Schlechttrainierten. Die Folge des hektisch-animalischen Trinkens sind kleine Sturzbäche, durch die man minutenlang tappt. Tausende Füße trampeln über Plastikbecher, das ist der Marathonsound jetzt: krkrkr, krkrkr.

Eine Schnapsidee: Auch Bananen werden gereicht, deren Schalen dann ebenfalls auf der Straße landen. „I’m on the highway to hell“: An der Weißgerberlände hat Radio Wien Boxen aufgebaut, die AC/DC-Nummer ist als Tempomacher wenig geeignet. Eine Gruppe Christen singt tapfer gegen die Beschallung an. Die Stadt hat den lästigen Autoverkehr ausgesperrt und verwandelt sich in eine Bühne für das Volksfest des Jahres.

Am Heldenplatz, Ziel von Österreichs größter Sportveranstaltung, überträgt sich die Euphorie der ankommenden Läufer aufs Publikum. Lady Gaga dröhnt aus den Lautsprecherboxen vorm Heldentor, dort, wo alle durchmüssen – außer sie sind Teil einer Staffel. Gute Stimmung also und laute Musik. Dazwischen ein ebenfalls lauter Moderator, dessen Stimme aktuelle Zwischenergebnisse oder die Ankunft des Siegers verkündet.

Der Sprecher begrüßt den Wiener Landtagspräsidenten als „Landschaftspräsidenten“, aber so etwas kann in der allgemeinen Aufregung ja passieren – bei den komplizierten Namen der kenianischen Läufer. Die kommen jetzt ins Ziel, Applaus für John Kiprotich, 22, mit 2:08:29! Halbmarathon-Erster und Laufstar aus Äthiopien Haile Gebrselassie hält das Siegerband. Den Leuten gefällt’s, sie Jubeln den Laufenden zu, egal wem.

Jeder hat gewonnen, irgendwie. Immer mehr Halb- und Vollmarathonsieger rennen auf dem Roten Teppich durchs Ziel am Heldenplatz. Das Motiv aus „Star Wars“ ist die Musik der Stunde und untermalt jeden kleinen Sieg. Am Ende werden es 32.542 Menschen gewesen sein, die diesen sonnigen Wiener Frühlingssonntag im Laufdress verbracht und nun Blasen an den Füßen haben. Freunde und Verwandte empfangen ihre Helden beim Ballhausplatz.

Während die ersten Guttrainierten ihre Medaillen und Sponsorengeschenke im Billa-Sackerl entgegennehmen und so wirken, als kämen sie gerade vom Einkaufen, kommen immer mehr sehr Erschöpfte, die ihre 42 Kilometer hinter sich gebracht haben. Aber sie sind glücklich, etwas geschafft zu haben. Großes Hallo, wenn man Angehörige trifft. Spitze Schreie, wenn Schutzpflaster von Brustwarzen entfernt werden. Dann Picknick und Bier im Volksgarten, Stelze im Schweizerhaus. Ein Volksfest. Ein schöner Tag.

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Die Ballverliebten

Die WM naht, und damit regiert der Fußball die Welt. Aber wer erringt während dieser Wochen eigentlich die Deutungshoheit? Fünf vorherrschende Fantypen, die garantiert DJ DSLs Kalender ausfüllen werden

Klassifizierung: Joseph Gepp, Christoph Heshmatpour, Daniel Nutz

Der Linksintellektuelle
Jaja, im Fußball steckt ganz viel Gesellschaft. Aber irgendwann symbolisierte die mittelosteuropäische Ballkultur nur noch ethnonationalistische Fragmentiertheit und der Gegensatz von FC Barcelona und Real Madrid nur noch das Grundproblem Spaniens. Dann bleibt vom Ballspielen selbst nichts mehr und dann sind wir bei ihm: dem linksintellektuellen Fußballfan. Die Hornbrille vom Opa, die Locke von Dirk von Lowtzow, die ärmelgestreifte Sportjacke aus dem H&M-Retro-Regal und neuerdings sogar manchmal ein modisches Oberlippenbärtchen im Stil eines k.u.k. Ulanen, interessiert diesen Fantyp vor allem der politische Hintergrund des Sports und seine Symbolik.
Die Berliner 11Freunde oder den Wiener Ballesterer liest er gern, und auch mit einem Falter in der Hand soll er schon erwischt worden sein. Die Ablehnung der Kommerzialisierung im Sport ist für den linksintellektuellen Fußballfan Lebensthema, was ihn jedoch in keiner Weise hindert, an jedem noch so großen Ereignis teilzuhaben – sei es auch mit einer zur Schau gestellten Zurückhaltung, die seinen Geistesadel von der ahnungslosen Masse abheben soll. Als er noch pubertär war, traf er sich gern mit den anderen FC-Swansea-Fans im Chelsea. Dort wurde nach dem Match nächtelang und rotweinselig über die Zukunft des Ballsports debattiert, woran der Linksintellektuelle bis heute wehmütig und altklug-weise zurückdenkt. Schließlich kickte schon der Papi in den 70ern beim FC Raika Oberwart und hat ihm das alte gelbe Familiendress vererbt.
Deshalb atmet er bei jedem Anstoß jahrzehntealte pannonische Fußballtradition. Und wenn ihn die Durchsicht seiner vergilbten schwarz-weißen Match-Fotos wieder einmal sentimental macht, dann erzählt er auch sehr gern davon. Also watch the stripes, wenn Sie nicht antike Fußballkultur in die Nase kriegen wollen!

Idol: George Best
Schaut im: Flex-Garten
Mag zur WM: England
Mag sonst: Wiener Sportclub, Roter Stern Belgrad
Penetranzfaktor: 7/10

Der parasoziale Interaktionist
Er wird von seiner provinziellen Herkunft zerfressen. Dieser junge Herr ist im „österreichischen Sibirien“ aufgewachsen, jenem weiten Brachland, das Wien von der tschechischen Grenze trennt. Dort verbrachte er eine triste Jugend, die er sich mit beinhartem Eskapismus vor dem Fernseher der Eltern erträglich gestaltete. Inspiriert durch Champions-League-Übertragungen, steigerte er sich mangels anderer Beschäftigungsmöglichkeiten in eine wahnhafte Verehrung des FC Arsenal hinein.
Da er jedoch nicht in Nord-London wohnt – genau genommen war er weder jemals bei einem Arsenal-Spiel noch kennt er England abseits einer einwöchigen Hauptschul-Sprachreise nach Eastbourne –, hat er sich sein „Emirates Stadium“ in den Pubs der Wiener Innenstadt geschaffen. Dort rottet sich der parasoziale Interaktionist während der Arsenal-Spiele mit anderen Möchtegern-Exil-Londonern aus entlegenen Kärntner Tälern zusammen und verfolgt aufgeregt die Matches. Bei Auswechslungen applaudiert er, hat er viel getrunken, singt er sogar ein bisschen den Fernseher an.
Manchmal gehen im Derby die Nerven mit ihm durch, dann beschimpft er einen am Nebentisch sitzenden Tottenham-Fan, der eigentlich aus Gratkorn ist. Nach Niederlagen ist er wochenlang deprimiert, doch Gott sei Dank verliert sein Weltverein nur dreimal pro Jahr.
Bei der WM wird er mit „seinen“ Argentiniern bis zum Ende gehen. Und wenn das Team scheitern sollte, dann weiß er: „Der Rodriguez kann ned flanken.“ Zu jeder Übertragung bringt er außerdem ein Dress von Lionel Messi mit – und die spanischen Phrasen vom German-Wings-Wochenende in Barcelona. Dass er in Wirklichkeit aus Scheiblingkirchen ist, das muss ja niemand wissen. F

Idol: alle Dauerkartenbesitzer
Schaut im: Chelsea
Mag zur WM: Argentinien/Brasilien
Mag sonst: Barcelona, Arsenal
Penetranzfaktor: 9/10

Der eventgeile Mitläufer
Dieser Fantyp ist streng genommen kein Fantyp. Er hat kein Gesicht, keinen Namen, keine Eigenschaften. Und trotzdem stellt er zu WM-Zeiten sogar die Mehrheit der Fußballzuschauer, die Bier trinken, Fanzonen bevölkern und Kommentare ablassen. Denn der eventgeile Mitläufer hat ein Grundproblem: Eigentlich ist ihm Fußball schnurzegal, und damit lebt er meistens ganz gut. Nur wenn das Thema übermächtig und immer öfter Gesprächsgegenstand wird, beginnt den Mitläufer das Gefühl zu wurmen, dass er etwas versäumen könnte. Alle reden nur noch davon, Innenstädte vibrieren, Schanigärten quellen über – irgendetwas muss doch am Fußball dran sein.
Also verändert der Mitläufer kurzfristig sein Verhalten: Er markiert plötzlich den Experten (obwohl er noch nie volle 90 Minuten einem Match beigewohnt hat) und wird einer dieser Leute, die unüberhörbar „Foul!“ schreien, obwohl alles unstrittig in bester Ordnung ist. Oder er geht trotzig und dreist mit seinem Unwissen hausieren, lässt sich schamlos einfachste Regeln erklären, fragt frech nach dem Vornamen berühmtester Spieler, bekennt freimütig, dass ihn eh nur das Finale und allenfalls noch das Halbfinale interessiert.
Schließlich gibt es auch noch die ehrlichste Ausformung des eventgeilen Mitläufers: Dieser Typ hält die wahrhaft Interessierten hartnäckig vom Spielverlauf ab, indem er immerzu Bier holt oder während des Elfmeters aufs Klo muss. Oder ihm ist gerade so fad, weil momentan alle nur kommunikationsverweigernd auf den Bildschirm starren.
Unsere Empfehlung für den Umgang mit eventgeilen Mitläufern: Keine Sorgen, er ist nur ein harmloser Irrer. Aber wenn Sie sich tatsächlich für Fußball interessieren, halten Sie sich sicherheitshalber von ihm fern. F

Idol: David Beckham
Schaut im: innenstadtnahen Public Viewing
Mag zur WM: die jeweils präsenteste Mannschaft
Mag sonst: gar nichts
Penetranzfaktor: 6/10 (potenziert sich in der Masse)

Der deutsche Migrant
Sind sie alle Schläfer? Die fünfte Kolonne des Nordens? Irreparabel integrationsunwillig? Leider ja, wie die Deutschen – mittlerweile größte heimische Zuwanderergruppe – spätestens dann beweisen, wenn irgendwo WM oder EM stattfindet. Ansonsten tun sie ja sehr assimilationsaffin: Sonst sagt der Kellner, den Hartz IV aus Vorpommern nach Wien gescheucht hat, brav „Spritzer“ statt „Schorle“, und auch Numerus-Clausus-Fliehende trinken gemeinhin Ottakringer statt Beck’s. Doch kaum könnte Deutschland etwas gewinnen, legt sich im Wirtschaftsflüchtling ein Schalter um. In spontanen Workshops werden Gesichter schwarz-rot-gold bemalt, und es wird laut dem Hurra-Patriotismus gefrönt. Dann verfestigt sich die Migrantenschaft zum stählernen Kollektiv. Das Matcherlebnis als sozialer Klebstoff – ein Albtraum pseudonationaler Penetranz, dem man nur entrinnen kann, indem man deutsche Hot-Spots wie Hermanns Strandbar meidet und sich im 16. mit kroatischem Sliwowitz oder türkischem Raki niederknallt. Denn diese Nationen haben wegen Nichtteilnahme weniger zu feiern. F

Idol: Michael Ballack
Schaut in: Hermanns Strandbar
Mag zur WM: Deutschland
Mag sonst: Energie Cottbus
Penetranzfaktor: 14/10

Der allwissende Teamchef
Ihm brauchst du nichts erzählen. Weil er weiß alles. Sein Gehirn ist eine riesige Datenbank voller Fußballwissen. Dass das Turnier vor 56 Jahren in der Schweiz mit einem Schnitt von 5,348 Treffern pro Partie das torreichste war und die rote Karte 1970 eingeführt wurde, aber der Chilene Caszely erst 1974 die erste gezeigt bekam, weiß er im Schlaf. Freilich kennt er auch Nordkoreas zweiten WM-Tormann und macht sich über jene lustig, die komplizierte Spielernamen falsch aussprechen – ganz besonders, wenn es ORF-Kommentatoren sind. Ösi-Fernsehen schaut einer wie er sowieso nicht; er bevorzugt Sky, ESPN, notfalls ZDF. Über den gemeinen Fußballpöbel spottet er, vielleicht aus Rache, weil er ihn früher nie in die Schulmannschaft wählen wollte. Der allwissende Teamchef liest nur Insider-Fußballblogs oder schreibt sie selbst. Seine Lehre verbreitet er gern bei Public Viewings. Dann erklärt er, mit welchen Raffinessen seine Lieblingsmannschaft – immer Außenseiter – den Großen ein Bein stellen wird. Und eineinhalb Stunden später sagt er, warum doch alles anders kommen musste.

Idol: Martin Blumenau
Schaut im: Wuk
Mag zur WM: Elfenbeinküste
Mag sonst: sich selbst
Penetranzfaktor: 10/10

Erschienen im Falter 21/2010

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Eingeordnet unter Kurioses, Stadtleben

STADTRAND – Ruhe oben, Ruhe unten: Wien im Vulkanmarathon

Letzten Sonntag war Wien-Marathon, und als wir so zwischen der Harlekin- und der Mit-Jesus-läuft’s-besser-Staffel gemächlich dahintrippelten, da merkten wir wieder, wie schön diese Stadt doch ist. Weil man einmal Gelegenheit hat, mitten auf der Straße zu sein. Weil die lähmenden Zuordnungen – Auto, Fahrrad, Fußgänger und so weiter – fallen. Weil der Blick nicht von schmalen Gehsteigen steil über Fassaden gleiten muss, sondern vom vorgesehenen Ort aus dorthin schweift: den Mittelpunkt eines Platzes. Gründerzeitliche Altstädte sollten nicht dreispurig von Autos durchkreuzt werden, denkt man dann wieder einmal. Aber das allein wäre nicht unbedingt neu. Neu war vor allem die Stille des Luftraums. Kein Flugzeugchen am Himmel. Keine flockig-weißen Kondensstreifen. Kein Geräusch, kein Dröhnen. Kollegen, die erzählen, dass ihre Einflugschneisenwohnung seit Tagen so ruhig ist, wie sie das nie zuvor erlebt haben. Stille oben und unten. Nur menschliches Gelaufe und Geschnaufe. Vereinzelt Jubel, eine Musikkapelle. Danke, Eyjafjallajökull.

Erschienen im Falter 16/2010

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Vienna City Marathon 2010: Wenn 35.000 Menschen die Stadt derlaufen

Kommenden Sonntag findet zum mittlerweile 27. Mal der Wien-Marathon statt. Die 42.195-Meter-Strecke führt wie eh und je über Reichsbrücke, Ringstraße und Wienzeile durch den Prater und endet am Heldenplatz. Angeboten werden auch Halb- und Staffelmarathon. Letzterem stellt sich auch – einer mittlerweile zweijährigen Tradition entsprechend – eine handverlesene Falter-Formation. Für internationale Rekorde eignet sich der Wien-Marathon trotzdem nicht. Am schnellsten wird die Strecke regelmäßig in Berlin, London und Chicago gelaufen.

Den Herren-Weltrekord hält der Äthiopier Haile Gebrselassie, der 2008 in Berlin 2:03:59 Stunden lief. In Wien läuft man höhenunterschiedsbedingt vergleichsweise langsam; die Rekorde liegen bei 2:07:38 (2008, Männer, Abel Kirui aus Kenia) und 2:23:47 (2000, Frauen, Maura Viceconte aus Italien).

Wie gewohnt ist am Marathontag mit zahlreichen Straßensperren zu rechnen – Nichtläufer also besser Öffis nehmen. Mehr als 30.500 Läufer aus 105 Ländern haben sich angemeldet. Das ist ein neuer Rekord, denn bisher lag die Bestmarke im Jahr 2008 bei 30.072 Teilnehmern.

Spätentschlossene können sich übrigens nur noch bei der Startnummernausgabe – an der Reichsbrücke direkt vor Marathonbeginn – anmelden. JG

Vienna City Marathon
So, 18.4.; Start 9 Uhr Reichsbrücke, Ziel (ab ca. 13 Uhr): Heldenplatz

Erschienen im Falter 15/2010

In eigener Sache: Mit 3:54:13 Stunden war die Falter-Staffel (bestehend aus Klaus Nüchtern, Daniel Nutz, Christoph Heshmatpour und Joseph Gepp) eine Viertelstunde besser als 2009 (!) .

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Kluges linkes Leder

Das Fußballheft Ballesterer wird 10. Es steht für eine neue intellektuelle Fankultur

Bericht: Joseph Gepp

Früher – könnte man überspitzt zusammenfassen – saß der klassische Fußballfan, 55 Jahre, im verschwitzten Rippunterleiberl vor dem Fernseher, spritzte sich Dosenbier in den Schnauzbart und grölte fürs Vaterland.

Heute – könnte man ebenso überspitzt sagen – trägt der klassische Fußballfan, 25 Jahre alt, unter dem 60er-Jahre-Cordjackett ein 70er-Vereinslogo-T-Shirt. Er geht bevorzugt ins Kaffeehaus, diskutiert dort bevorzugt über Fußballsymbolik und sportpolitische Hintergründe, und zwar bevorzugt mit Gesprächspartnern, die seinem Niveau entsprechen.

Fußball wird linksintellektuell

Diese Darstellung ist stark übertrieben. Denn tatsächlich, erklärt der Politik- und Sportwissenschaftler Georg Spitaler von der Uni Wien, entspricht die Vielfalt heimischer Fußballfans vom Hooligan bis zum Friedhofstribünensteher ziemlich exakt dem Querschnitt durch Österreichs (männliche) Bevölkerung.

Allerdings: Dass sich in der Fankultur etwas verändert hat, ist unübersehbar. Die Beschäftigung mit Fußball, garniert mit großer Affinität zur Sporthistorie, wurde zum Hobby von Linksintellektuellen. „Junge Leute“, sagt Spitaler, „sehen heute keinen Widerspruch darin, als intellektuell zu gelten und sich trotzdem für Fußball zu interessieren.“

Die Bewegung hat sogar ein Leitmedium: den Ballesterer, ein Wiener Fußball-Monatsmagazin. Dieser Tage feiert es zehn Jahre Bestehen und 50 Ausgaben. Wie sein größeres deutsches Pendant 11Freunde, das ebenfalls gerade zehnten Geburstag hatte, steht der Ballesterer für die neue intellektualisierte Beschäftigung mit Fußball.

Veritable Erfolgsgeschichte

„Es gibt ein neues Selbstbewusstsein“, sagt Jakob Rosenberg, 28, stellvertretender Chefredakteur. „Man darf sich jetzt für Fußball interessieren.“ Sein Magazin bringt lange Artikel zu alternativer Fankultur, Vereinsinterna, Sportgeschichte und -politik. Gegründet als Liebhaberprojekt einer Handvoll Oberösterreicher um Chefredakteur Reinhard Krennhuber, hat sich der Ballesterer mit einer Auflage von 20.000 Stück zu einer – für österreichische Verhältnisse – veritablen Erfolgsgeschichte entwickelt.

Dabei galt Fußball samt seinen strengen Regeln, die im Jahr 1863 in England kodifiziert wurden, schon von Anfang an als gentlemen’s game – etwa im Gegensatz zum regelärmeren Rugby. Nur ging diese Wahrnehmung im deutschen Sprachraum in der späten Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg verloren. Erst viel später fand sie über die Hintertür einiger anglophiler Kreise wieder Eingang in die breitere Masse:

„Die frühe alternative Fankultur in Wien war verliebt ins Britische“, sagt Georg Spitaler, bezeichnenderweise nebenher selbst Ballesterer-Autor. „Das zeigte sich zum Beispiel an den Symbolen der Sportclub-Fans und der Friedhofstribüne. In den 90ern wurde dann die Anglophilie zum Massenphänomen. Und die alte Art der Fankultur kam, etwa über Matchübertragungen in englischsprachigen Lokalen, wieder zum Vorschein.“

Heute transportiere Fußball invented traditions, erklärt Spitaler. „Er erinnert an die Kindheit und stiftet Identität.“ Der Schriftsteller Nick Hornby beschrieb 1992 in seinem Roman „Fever Pitch“ jugendliche Selbstfindung anhand von Fußballerlebnissen. In England erinnert man sich zum Beispiel gern an den WM-Titel 1966, in Österreich an Córdoba 1978. „Diese Traditionen sind auch der Grund für das starke Geschichtsinteresse der neuen Fankultur“, sagt Spitaler. „Oder für die Retro-Sportjacken, die leicht ironisierend alte Modestile aufgreifen.“

Kindheit & Kommerzialisierung

Dazu kommt freilich eine Ursache, die im Fußball selbst begründet liegt: die Kommerzialisierung.

„Die neue Herangehensweise der Fans“, sagt Ballesterer-Chef Reinhard Krennhuber, „erklärt sich auch aus der Entwicklung im Sport, die Anhänger kritisch betrachten: Spieler werden zu unnahbaren Popstars. Dazu kommt eine Reihe von Skandalen und Konkursen im Fußball. Nehmen wir an, der eigene Verein wird plötzlich von einem Rüstungskonzern gesponsert – für den Fan ist das nicht leicht.“

Als Konsequenz solcher Entwicklung brachen – auch durch neue Vernetzungsmöglichkeiten im Internet – alte Strukturen auf. Fußball verlor den „Mief der Vereinsmeierei“, sagt Georg Spitaler. „Und heute fasziniert es mich immer wieder, wie viele Studenten der Politikwissenschaft begeisterte Fußballfans sind.“

Erschienen im Falter 11/2010

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Auf Randale folgt ein Riesenprozess gegen Hooligans: ein Exempel?

Wilde Szenen spielten sich am Abend des 21. Mai 2009 in Mariahilf ab: Etwa 200 Rapid-Hooligans erwarteten am Westbahnhof Austria-Anhänger, die waggonweise von einem Lask-Match kamen. Es folgten Schlägerein. Fenster barsten, Polizei und Fans lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel (siehe Falter 22/09: Wie Gewalt entsteht).

Nun folgt ein ungewöhnliches Nachspiel. 93 Rapid-Fans – eine überraschend hohe Zahl – wurden wegen Landfriedensbruch (mit bis zu zwei Jahren Haft) angeklagt. Ein unverhältnismäßiges „Exempel an erlebnisorientierten Fußballfans“ nennt das der Anwalt und bekennende Rapidler Werner Tomanek. Augenzeugen vom Mai berichten jedoch auch über Nazi-Tätowierungen und rechtsradikales Geschrei à la „Rennt, ihr Juden!“

Erschienen im Falter 2/09

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