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Verkaufte Säle

Die Sofiensäle wurden verkauft – womit ein weiteres Kapitel einer unendlichen Geschichte beginnt: Wie vergangenes Wochenende bekannt wurde, erwarben die Kärntner Soravia-Brüder die (2001 abgebrannte) Kulturruine von der rathausnahen Arwag, die seit Jahren den Wiederaufbau versprochen hatte. Lange Zeit hatte es geheißen, ein Hotel komme ins denkmalgeschützte Gemäuer im 3. Bezirk – bis dies laut Arwag krisenbedingt unrealisierbar wurde. Nun will die Soravia zwischen Frühling 2011 und 2013 90 freifinanzierte Eigentumswohnungen errichten. Den Bauplatz daneben behält sich die Arwag und errichtet ihrerseits 60 Wohnungen. So etwas nennt man wohl die optimale Ausnutzung hochpreisiger Stadtzentrumsflächen.

Erschienen im Falter 30/2010

 

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Das verflixte neunte Jahr

Die Ruine der Sofiensäle verfällt zusehends. Jetzt melden sich engagierte Bürger mit Vorschlägen zu Wort

Bericht: Joseph Gepp

Der Lokalaugenschein anlässlich des neunten Jahrestags des Brands der Sofiensäle zeigt, dass sich gegenüber dem achten Jahrestag kaum etwas verändert hat. Nach wie vor bröckeln Ziegelornamente, hängen Zuleitungen schlaff aus Maueröffnungen. Nur das Gestrüpp auf den Mauerkronen scheint etwas weniger geworden. Eine Lücke klafft im Bauzaun, drinnen jedoch werkeln nicht etwa Bauarbeiter. Stattdessen sitzt ein Liebespaar am Boden und raucht selbstgedrehte Zigaretten mit Blick auf die gründerzeitlichen Logen.

Einst war dieser Ort in der Landstraßer Marxergasse ein bau- und musikhistorisches Juwel – heute wundern sich die Touristen, wenn sie auf ihrem Weg zum Hundertwasserhaus auf die Reste der Sofiensäle stoßen. Vor einem Jahrhundert geigte hier Johann Strauß auf; vor einem halben spielten die Wiener Philharmoniker wegen der hervorragenden Akustik hier ihre Schallplatten ein; zuletzt gab es noch Club-Veranstaltungen, und die Wiener Festwochen nutzten den Ort als Spielstätte. Am 16. August 2001 fielen die Säle nach Flämmarbeiten einem mysteriösen Feuer zum Opfer. Und harren seitdem, mittlerweile in den Besitz des rathausnahen Bauträgers Arwag gelangt, ihrem Wiederaufbau.

Die Revitalisierung terminisierte SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker einst auf Anfang 2006. Ein Werbeheft der städtischen Betriebe datierte ihn etwas später auf 2007, Fertigstellung Mitte 2010. Im Falter-Interview vor genau einem Jahr sagte der mittlerweile verstorbene Arwag-Chef Franz Hauberl: „baldigst“ (Ausgabe 33/09). Und in einem Gespräch mit Österreich versprach kürzlich Hauberls Nachfolger, der derzeit urlaubsbedingt nicht zu erreichen ist: „noch heuer“.

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Die Sofiensäle von außen und innen
(Fotos: Heribert Corn)

„Wir glauben inzwischen an eine Verzögerungstaktik“, meint Viktor Zdrachal von der Bürgerinitiative „Rettet die Sofiensäle“. Und weiter: „Wenn das Mauerwerk endgültig zerbröselt ist, wird man die Säle für unrettbar erklären und zugunsten eines Wohnblocks abreißen.“

Zdrachal organisierte schon 2006 den Widerstand, nachdem der Vorbesitzer, Bauunternehmer Julius Eberhardt, mit der Schleifung des Großen Saals von 1845 gedroht hatte. In der Folge kaufte die gemeindenahe Arwag die Säle und versprach den Wiederaufbau. „Wir dachten damals, wir haben unser Ziel erreicht“, sagt Zdrachal, „aber es ist nichts und nichts passiert.“

Jetzt präsentiert seine Bürgerinitiative gemeinsam mit dem in Wien lebenden Hamburger Kulturmanager Frank Stahmer eine Idee zur Rettung und Neunutzung der Säle. Der Kernsatz des „Rettungskonzepts Sofiensäle“ lautet: sukzessive erneuern.

„Man könnte“, sagt Stahmer, „mit Baustellenpartys beginnen und auf diese Art Öffentlichkeit schaffen. Die Kosten für bauliche Grundstandards und Sicherheitsmaßnahmen, um die Ruine zumindest wieder als Gebäude nutzen zu können, betragen etwa sieben Millionen Euro. Alles weitere ließe sich nach und nach ausbauen.“

Stahmer und Zdrachal schwebt ein multikulturelles Veranstaltungszentrum mit musikalischem Schwerpunkt vor. „Es gibt ohnehin einen Mangel an mittelgroßen Bühnen in Wien“, so Zdrachal. „Zudem muss man die ausgezeichnete Lage und Frequenz des Ortes bedenken – vor allem, wenn ab 2012 Wien-Mitte fertig ist. Außerdem waren die Säle immer ein kultureller Ort. Es wäre eine vergebene Chance, jetzt ein Hotel oder Wohnhaus draus zu machen, wie die Arwag das plant.“

Als Vorbilder des Bürgerkonzepts dienen selbstverwaltete Kulturprojekte in Deutschland. Etwa das Hamburger Gängeviertel: ein dichtverbautes Gründerzeitgrätzel, das seit einem verhinderten Abriss 2009 immer mehr zum Künstlerquartier wird. Oder das Berliner Radialsystem V, ein Kulturzentrum in einem alten Pumpwerk an der Spree. Das finanziert sich durch die Vermietung der Räumlichkeiten an Kulturschaffende mittlerweile selbst und hat sich als Veranstaltungsort über Berlin hinaus einen Namen gemacht.

Nun will die Bürgerinitiative Stadtpolitiker, Behörden, Architekten und Sponsoren für das Projekt Sofiensäle begeistern. „Sicher, wir werden bescheiden beginnen müssen. Es ist ein Plan der kleinen Schritte“, sagt Viktor Zdrachal. „Aber überlegen Sie doch kurz einmal, was jetzt dort ist.“

Erschienen im Falter 32/10

Vor einem Jahr: Rettet die Säle!

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Rettet die Säle!

Vor genau acht Jahren brannten die Sofiensäle ab. Seitdem wartet die Ruine auf ihren Wiederaufbau. Und wartet

Bericht: Joseph Gepp

Ein Jugendstil-Schriftzug ist vom alten Glanz geblieben. „Sofiensaal“ steht über dem Tor in verspielt-geschwungener Fin-de-Siècle-Manier, und dahinter wachsen Büsche auf Gemäuern und Ziegelstücke bröckeln von baufälligen Wänden.

Die Sofiensäle, dritter Bezirk, Marxerstraße. Einst spielte Johann Strauß bei rauschenden Ballnächten auf, unter den Logen standen goldene Statuen. 1926 wurde hier die österreichische NSDAP (neu) gegründet und hielt bis zu ihrem Verbot 1933 mehrere Massenveranstaltungen ab. In den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts fanden noch Festwochenaufführungen und Clubbings statt. Dann, am 16. August 2001, einem heißen Sommertag vor genau acht Jahren, fing das Dach nach Flämmarbeiten Feuer. Die ehrwürdigen Säle brannten vollständig aus. Die Brandursache wurde nie geklärt. Seitdem stehen sie da, eine Fassade, einige Mauern, kein Dach. Und warten auf ihren Wiederaufbau.

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Von außen (Foto von Heribert Corn)

Den verschieben die Gemeinde Wien und die rathausnahe Eigentümerfirma Arwag seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit. „Ich freue mich, dass die Arbeiten heuer endlich starten und die Sofiensäle neu gestaltet und genutzt werden“, sagte SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker Anfang 2006. Und ein Werbeheft rathausnaher Betriebe, die Perspektiven vom Jänner 2007, datierte den Baubeginn auf den Herbst desselben Jahres und die Fertigstellung auf Mitte 2010. Nichts davon trat ein. „Mittlerweile“, sagt Viktor Zdrachal von der Bürgerinitiative Rettet die Sofiensäle, „befürchten wir, dass der Baubeginn so lange hinausgeschoben wird, bis das Mauerwerk endgültig zerbröselt ist.“

Dabei hatte es zwischenzeitlich so gut ausgesehen. Im Jänner 2006 kaufte der Bauträger Arwag, der zu knapp 30 Prozent der Gemeinde Wien gehört, die Ruine. Das schien die einzige Lösung zu sein. Denn der Vorbesitzer, der niederösterreichische Bauunternehmer Julius Eberhardt, hatte aus seinen Absichten keinen Hehl gemacht: Die Sofiensäle sollten abgerissen werden und einem Hotelkomplex weichen. Nach dem Brand wurden alle nicht-denkmalgeschützten Teile des Areals vorsorglich geschleift, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Den denkmalgeschützten Rest der Ruine – den Großen Saal von 1845 – könne man ohnehin nicht mehr retten, betonten Eberhardt und seine Anwälte immer wieder. Doch als auch sein Abriss näher rückte, legten sich Aktivisten und Medien quer. Die Gemeinde, unter Zugzwang gekommen, kaufte den Grund und versprach den umgehenden Wiederaufbau. „Damals“, sagt Aktivist Viktor Zdrachal, „dachten wir, wir hätten unser Ziel erreicht: Die Säle werden wiederaufgebaut.“

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Von innen (Foto von Heribert Corn)

Und jetzt? Investoren zu überzeugen sei schwierig, sagt Arwag-Chef Franz Hauberl, vor allem in Krisenzeiten. Einen endgültigen Termin für den Beginn der Bauarbeiten will er nicht nennen, zu oft seien ihm schon vorschnell Versprechungen in den Mund gelegt worden. „Aber eins kann ich sagen: Ein baubewilligter Projektplan liegt auf dem Tisch. Und mit den Arbeiten werden wir baldigst beginnen.“

Ein Komplex von Büros und Wohnungen soll sich über das Grundstück erstrecken, der Große Saal soll als eine Art historischer Innenhof mit Glasdach dienen. Den Saal zu renovieren, wird allerdings teuer. Denn der alte Zierrat – die Logen, die Säulen, die Stuckaturen an den Decken – ist weitgehend zerstört. „Von diesen Dingen können wir wohl nur zehn bis 20 Prozent erhalten“, sagt Gerald Hollnbuchner, der für den Saal zuständige Restaurator. „Den ganzen Rest müssen wir neu herstellen.“

Immerhin ist Hollnbuchner eine Spur konkreter als Hauberl, sein Auftraggeber: „In frühestens zwei Jahren können wir die Restaurierungsarbeiten wirklich angehen.“

Erschienen im Falter 33/09

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