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„Der Hype um den Ersten Weltkrieg ist nicht nur gut“

Aus dem FALTER 51/2014


Die Historikerin Tamara Scheer über Völkerkerker, Historikerstreite und den Stolz auf K.u.k.-Vorfahren

Interview: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

In Österreich erscheint der Erste Weltkrieg wie eine in Stein gemeißelte Historie. Anders in Ungarn, Tschechien oder Ex-Jugoslawien: In Osteuropa wirkt der Weltkrieg gegenwärtiger, die Erinnerung ist umstrittener. Die Wiener Historikerin Tamara Scheer hat erforscht, wie sich die Wahrnehmung des Krieges in Osteuropa verändert hat.

Falter: Frau Scheer, eine der Ursachen des Weltkriegs war, dass Serbien das österreichisch-ungarische Vordringen auf den Balkan als imperialistisch empfand. Wie bewertet man in Serbien heute den Ausbruch des Weltkriegs?

Tamara Scheer: Vorweg will ich sagen: Es gibt nie die eine Erinnerungsgeschichte. Sie verändert sich je nach Epoche, Gesellschaftsschicht und Region. Bei Historikertagungen beispielsweise ist die Erinnerungskultur anders als beim einfachen Bürger.

Wie denkt der einfache Serbe, wie der professionelle Historiker über den Weltkrieg?

Scheer: Beim Bürger fällt mir ein gewisser Bedeutungswandel auf. Man streicht zum Beispiel – im Gegensatz zu früher – gern hervor, dass man einen K.u.k.-Soldaten in der Familie hatte. In Fachkreisen hingegen gibt es zwei Strömungen: Eine hängt noch der alten Sicht an, dass der serbische Staat mit dem Attentat 1914 nichts zu tun gehabt habe. Eine modernere Gruppe, die glücklicherweise immer größer wird, sagt: Selbstverständlich waren in Serbien Offiziere und Politiker an der Planung des Attentats beteiligt. Es ist aber schwierig, die tatsächliche Beteiligung vonseiten Serbiens am Attentat festzumachen. Wie in Österreich-Ungarn auch gab es Gruppen, die einer Eskalation des seit Jahren schwelenden Konflikts Sympathie entgegenbrachten, aber auch Kräfte, die um jeden Preis deeskalieren, also einen gewaltsamen Konflikt verhindern wollten.

Tamara Scheer, 34, forscht am Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft und verbringt auch viel Zeit in Archiven in Ungarn oder Ex-Jugoslawien. Ihre jüngste Publikation handelt von der österreichisch-ungarischen Besetzung des Sandschak ("Minimale Kosten, absolut kein Blut"). Zum Ersten Weltkrieg publizierte sie etwa "Die Ringstraßenfront - Österreich-Ungarn, das Kriegsüberwachungsamt und der Ausnahmezustand während des Ersten Weltkriegs"

Tamara Scheer, 34, forscht am Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft und verbringt auch viel Zeit in Archiven in Ungarn oder Ex-Jugoslawien. Ihre jüngste Publikation handelt von der österreichisch-ungarischen Besetzung des Sandschak („Minimale Kosten, absolut kein Blut“). Zum Ersten Weltkrieg publizierte sie etwa „Die Ringstraßenfront – Österreich-Ungarn, das Kriegsüberwachungsamt und der Ausnahmezustand während des Ersten Weltkriegs“

Das klingt, als wäre das Thema umstritten.

Scheer: Durchaus. Natürlich möchte niemand gerne Schuld am Ausbruch des Krieges haben, deshalb sollte man die aktuell hitzig geführte Diskussion wieder sachlicher und von heutigen politischen Debatten abgewandt betrachten. Heute lebende Personen und Staaten haben mit den Ereignissen von 1914 nichts zu tun. Das Interesse ist aber groß, die Gemüter sind erhitzt, nicht nur in Serbien. Auch in Ungarn und Tschechien forscht man schon seit Jahrzehnten viel intensiver an dem Thema als in Österreich, vor allem, inwieweit zum Beispiel Tschechen nicht nur Opfer des Systems, sondern auch an der Planung und Politik der Habsburgermonarchie beteiligt waren. Ebenso geht es in den Medien häufig darum. Man braucht nur in Belgrad oder Budapest den Fernseher aufzudrehen.

Was spielt es da beispielsweise?

Scheer: 90 Prozent sind populärwissenschaftlich, etwa Leidensgeschichten von der Front oder der Gefangenschaft. Aber dann gibt es auch immer wieder große Kontroversen, die den Kampf um die Deutungshoheit widerspiegeln – zum Beispiel kürzlich die um Christopher Clarks Buch in Serbien oder in Deutschland. Für viele schätzt Clark die Beteiligung Serbiens am Krieg zu hoch ein, in Deutschland ist es genau umgekehrt. Für viele war das Deutsche Kaiserreich Kriegstreiber, und angeblich spielt Clark diese Bedeutung herunter. Clark ist ein australischer Historiker, der die Vorgeschichte des Weltkriegs erforschte. In seinem Buch „Die Schlafwandler“ unterscheidet er in jedem Land – auch in Serbien – zwischen moderaten Kräften und Hardlinern. Er nennt sie Tauben und Falken.

In Österreich erscheint das Thema längst nicht so aktuell. Warum nicht?

Scheer: Aus mehreren Gründen. Zunächst hat in Österreich der Zweite Weltkrieg das Interesse am Ersten stark überdeckt. Weiters stellte der Erste Weltkrieg für viele osteuropäische Staaten die Geburtsstunde der Nation dar -in Österreich hingegen löste er vor allem eine Identitätskrise aus und führte direkt in die antidemokratischen und autoritären Regime der Zwischenkriegszeit und schließlich zum „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland. In Osteuropa hingegen hat der Kommunismus viel Beschäftigung mit der Historie überdeckt, das bricht nun hervor.

Wie hat sich nach dem Ende des Ostblocks die Wahrnehmung verändert?

Scheer: Zunächst trat das nationale Element stark in den Vordergrund. Das zeigt sich zum Beispiel am Blick auf das tschechische k.u.k. Infanterieregiment 28, das beinahe als Ganzes zu den Russen desertierte. Nach 1918 wurden die Soldaten deshalb in der tschechischen Geschichtsschreibung als Helden gefeiert, weil sie nicht für Österreich kämpfen wollten. Heute werden solche Vorstellungen durch neuere, differenziertere ersetzt. Zum Beispiel erforscht man, dass Desertionen bei weitem nicht nur aus nationalistischen Gründen erfolgten. Ein Soldat floh etwa auch, weil er zu wenig zu essen bekam oder zu Hause seine kranke Mutter pflegen wollte.

Also verlieren nationalistische Perspektiven an Kraft?

Scheer: Ja, ein Aufbruch setzt ein. Auf Fachtagungen geht es seltener um die alte Wahrnehmung von Österreich-Ungarn als Völkerkerker. Man befasst sich lieber mit der eigenen Rolle in der Habsburgermonarchie, beispielsweise mit der Rolle von slowakischen oder rumänischen Politikern im Staatsapparat. Allerdings scheint mir die größere Offenheit heute wieder gefährdet, wenn ich mir die Debatte in diesem Jahr ansehe. Es geht wieder um Schuldzuschreibungen, wie schon 1918.

Warum?

Scheer: Zum Teil hat das landesspezifische Gründe, zum Beispiel in Ungarn, wo die Orbán-Regierung gern die alte Sicht auf die Leidensgeschichte des Landes propagiert. Es scheint mir aber auch, als habe die weltweite Aufmerksamkeit im Gedenkjahr 2014 dazu geführt, dass die Staaten Osteuropas ein wenig um ihre Selbstbilder fürchten. In Bosnien-Herzegowina hat etwa im Juni eine große internationale Konferenz zu 1914 stattgefunden, die deutsche, ungarische, österreichische, kroatische und mazedonische Historiker abhielten. Nun beschwerten sich unter anderen serbische Nationalisten, dass nur „Verliererstaaten“ des Kriegs diese Konferenz bestückten. Der Hype um den Ersten Weltkrieg ist nicht nur gut.

Was muss geschehen, damit die Debatte zur alten Aufbruchsstimmung zurückfindet?

Scheer: Um den Weltkrieg in Mitteleuropa zu erforschen, muss man übernational kooperieren. Wenn ich zum Beispiel über Nordserbien arbeite, muss ich nach Budapest ins Archiv und Ungarisch beherrschen. In vielen anderen Fällen muss ich nach Wien und Deutsch sprechen. Deshalb sollten die Erinnerungskulturen grenzübergreifend aufgearbeitet werden. Dafür brauchen wir allerdings eine andere, weniger national orientierte Forschungs-und Förderungskultur.

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Für eine Handvoll Wähler

KOMMENTAR AUSLAND Die Serben haben sich nicht wegen der EU am Sonntag zu ihrer demokratischen Haltung bekannt. Sie haben es trotz ihr getan. JOSEPH GEPP

Gute Nachrichten aus Brüssel für Belgrad sind selten, vor der Parlamentswahl jedoch trafen gleich zwei ein: Zunächst beschlossen 17 europäische Staaten den Erlass der Visagebühren von 35 Euro für jeden ausreisewilligen Serben. In einem Land mit einem durchschnittlichen Lohnniveau von 270 Euro brutto sind 35 Euro viel Geld. Wer zudem bedenkt, dass die Grenzen für das blockfreie Jugoslawien früher offen waren, kann sich ausmalen, was die rigiden Visabestimmungen für das heutige Serbien bedeuten, in dem 70 Prozent der Bevölkerung unter 27 noch nie im Ausland waren. Doch der Gebührenerlass war nicht die einzige frohe Botschaft: Tage zuvor hatte sich die EU zu einem Stabilisierungs- und Assoziationsabkommen (SAA) mit Serbien entschlossen. Voller Stolz fuhr Boris Tadic´, Staatspräsident und Chef der proeuropäischen Demokratischen Partei, nach Brüssel, um dort seine Unterschrift unter das Abkommen zu setzen. Sogar das bettelarme Albanien hat bereits ein SAA-Abkommen. Im Fall Serbien jedoch war das Ansinnen bisher stets mit Verweis auf die mangelnde Kooperation mit dem Tribunal von Den Haag abgewiesen worden.

Prompt folgte Kritik aus dem letzten Balkanland ohne SAA-Abkommen, Bosnien-Herzegowina: Die beiden mutmaßlichen Verantwortlichen für das Massaker von Srebrenica 1995 seien noch immer flüchtig, monierte der bosnische Außenminister Sven Alkalaj. Tatsächlich weckt das Vorgehen der EU den Verdacht, die internationale Kriegsverbrecherjustiz gelte nur, wenn Europa nichts zu verlieren hat.

Und diesmal hatte Europa etwas zu verlieren, und zwar ein ganzes Land. Am vergangenen Sonntag fanden in Serbien Parlamentswahlen statt. Nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo war die alte Regierung zerfallen. Nun stand ein proeuropäischer Block um Präsident Tadic´ einem nationalistischen und ultranationalistischen um Vojislav KosÇtunica und Tomislav Nikolic´ gegenüber. Die Wirtschaftslage ist wegen der Lebensmittelpreise kritisch, der Kosovo seit knapp zwei Monaten unabhängig – mit einem Sieg der Nationalisten wurde allgemein gerechnet.

Stattdessen geschah, was sogar nüchterne Nachrichtenagenturen als „Sensation“ bezeichneten. Das proeuropäische Bündnis von Boris Tadic´ erhielt 38,8 Prozent der Stimmen. Tadic´ und seine Partner erreichen zwar mit diesem Ergebnis keine Mandatsmehrheit in der SkupsÇtina, dem serbischen Parlament – aber seine Gegner, die Nationalkonservativen und Ultranationalisten, tun dies ebenso wenig. Zünglein an der Waage ist nun die kleine Partei der MilosÇevic´-Sozialisten. Ihre 7,6 Prozent könnten Nationalisten wie Liberalen zur Regierungsmehrheit verhelfen. In welche Richtung ihr junger Parteichef Ivica DacÇic´ tendieren wird, ist derzeit nicht absehbar. Bis September jedenfalls muss die neue Regierung stehen.

Eine Pattsituation wird also zum kleineren Übel. Die Negativszenarien für die Zeit nach der Wahl hatten bis dorthin gereicht, dass Vojislav SÇesÇelj, in Den Haag inhaftierter Vorsitzender der Ultranationalisten, aus Mangel an Beweisen freikäme und nach einem fulminanten Wahlsieg seiner Partei serbischer Innenminister würde. Das hätte einen Schritt in eine neuerliche Diktatur bedeuten können. Alle Experten waren von einem Sieg der SRS ausgegangen – auch deshalb, weil die Proeuropäer in der Kosovo-Krise ein erbärmliches Bild abgegeben hatten: Sie hatten sich auch nicht weniger als die Nationalisten für einen Verbleib des Kosovo eingesetzt. Aber ihre Diktion war weniger radikal. Und die Bereitschaft, mit der EU zusammenzuarbeiten, machten die Nationalisten von der Kosovo-Frage abhängig, die Liberalen jedoch nicht. Dies alles weckte den Eindruck, als wäre der Einsatz der Proeuropäer für den Kosovo bloßes Lippenbekenntnis. Trotzdem hat Boris Tadic´ gewonnen. Hat sich Europas Politik der Geschenke und des Containment von Nationalisten ausgezahlt?

Nur scheinbar. Denn Europa hat im Fall Serbien viele Fehler gemacht. Die Erfolge der EU im Osten – Beitrittsprozesse unter Bedingungen – konnten in Serbien nicht greifen. Als der Kosovo nach dem NATO-Bombardement 1999 der UN unterstellt wurde, ließ man seinen Status zunächst offen. Jahrelang schwebte die Frage im Raum. Bei den Serben entstand so der Eindruck, der Status des Kosovo sei verhandelbar. Dass das Ergebnis der Verhandlungen die Unabhängigkeit, in Wahrheit allerdings von Anfang an feststand, gab den Albanern einen Trumpf in die Hand. Viele Serben wollten diese Situation nicht akzeptieren – deswegen machten sie die Ultranationalisten bei den letzten beiden Wahlen jeweils zur stärksten Kraft.

Umso erstaunlicher ist es, dass die SRS nun von den proeuropäischen Kräften überrundet wurde. Gerade jetzt, da das gefürchtete Szenario der Unabhängigkeit des Kosovo Wirklichkeit wurde. Vor zwei Monaten noch brannte in Belgrad die amerikanische Botschaft. Dass die aktuelle Abschaffung der Visagebühren und das SAA-Abkommen nur Instrumente einer europäischen Anlasspolitik sind, durchschauen die Serben natürlich ebenso sehr wie ihre Medien. Zwei hastige Freundschaftsbeweise können Jahre einer verfehlten Politik nicht ausgleichen. Man stelle sich – nur um sich die Situation Serbiens zu vergegenwärtigen – das Medienecho in der Kronen Zeitung vor, wenn die Österreicher vor einer Wahl mit EU-Geschenken zum richtigen Kandidaten bewegt werden sollen. Es ist erfreulich, dass sich die Serben trotz dieser Umstände für die Annäherung an Europa entschieden haben. Die Wirtschaft wird sich mit höheren Investitionen bedanken, die europäische Politik sollte es mit einer forcierten Annäherung tun – vor allem mittels weiterer Erleichterungen der Visaregelungen. Damit Serben endlich wie andere Europäer ins Ausland reisen können.

Detail am Rande: Tage vor der Wahl hatte SRS-Kandidat Nikolic´ Besuch aus Österreich. FPÖ-Obmann Strache warb in Belgrad für die Ultranationalisten. Wenn Strache die SRS für eine Art balkanisches Pendant der FPÖ hält, dann liegt er falsch. Es handelt sich dabei um ein ganz anderes Kaliber: SRS-Vorsitzender SÇesÇelj, Autor von Büchern wie „Die EU ist ein satanistisches Gebilde“, sitzt derzeit im Haager Gefängnis, unter anderem wegen mutmaßlicher Vergewaltigung und Folter während des Kriegs. Sein Stellvertreter Nikolic´ sagte in den 90ern, er würde wenn nötig auch Wien bombardieren lassen. Kritiker der SRS werden mit rüden Methoden eingeschüchtert: Jovan Mirilo, der das berüchtigte Srebrenica-Video nach Den Haag schickte, wurde beispielsweise von SRS-Sympathisanten mit Morddrohungen aus seiner serbischen Heimatstadt vertrieben und hält sich seitdem in Wien auf. Für eine Handvoll serbischstämmiger Wähler in Österreich hat H. C. Strache nun dieser Clique von Demokratieverächtern und ehemaligen Kriegsverbrechern die Hand gereicht. In Serbien hat ihr das Wahlvolk allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht – es bleibt nur zu hoffen, dass auch die 300.000 Serben in Österreich das Kalkül solch einer Politik durchschauen.

Erschienen im Falter 20/08

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„Kosovo ist ihr Problem, nicht meins“

Er regiert einen Staat, den es gar nicht gibt. Milorad Dodik ist der Prototyp des balkanischen Politikers des 21. Jahrhunderts. Ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten der bosnischen Serbenrepublik Republika Srpska.

Milorad Dodik

Interview: Joseph Gepp
Fotografie: Privat

Es gibt zwei Generationen von Politikern auf dem Balkan: Die ältere führte das einstige Jugoslawien in den Krieg. Die jüngere müht sich, die Folgen des Krieges durch ständiges Lavieren entlang ethnischer und sozialer Grenzen zu mildern – auch wenn ihre Rhetorik für westliche Ohren mitunter radikal klingt. In jenen Staaten, die zu den Verlierern der Ereignisse der jüngeren Gegenwart zählen – hauptsächlich Serbien, der von Serbien faktisch unabhängige Kosovo und Bosnien-Herzegowina –, fällt dieser Generationswechsel schwerer als am restlichen Balkan, der vom Zerfall Jugoslawiens mehr oder weniger profitiert hat.

Milorad Dodik gehört der zweiten Generation an und regiert in einem der Verliererländer: Er ist Premierminister der „Republika Srpska“, der bosnischen Serbenrepublik, die 1995 im Friedensabkommen von Dayton als eine von zwei bosnisch-herzegowinischen „Entitäten“ (Teilstaaten) konstituiert wurde. Dodik hatte sein Amt zwischen 1998 und 2001 und erneut seit 2005 inne. Er ist Vorsitzender der „Savez Nezavisnih Socijaldemokrata“ (Allianz der unabhängigen Sozialdemokraten, SNSD).

Der 48-Jährige stammt aus Laktasi nahe Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska. Er studierte Politikwissenschaft in Belgrad und war unter Tito in der kommunistischen Jugendorganisation tätig. Im Frühjahr 1992 baute er mit Radovan Karadzic, der heute auf der Fahndungsliste des Kriegsverbrechertribunals von Den Haag steht, das erste Parlament der bosnischen Serben in Pale bei Sarajevo auf. 1994 überwarf er sich mit Karadzic und lief auf die Seite des inzwischen verstorbenen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic über, der im Gegensatz zu Karadzic den aussichtslos gewordenen Bosnienkrieg durch eine Verhandlungslösung beenden wollte – zu dieser Zeit hatte er schon zwei Jahre gedauert.

Gleichzeitig mit seiner politischen Karriere betrieb Dodik in seiner Heimatstadt Laktasi eine lukrative Möbelfabrik und schuf sich während des Krieges – angeblich durch illegalen Benzin- und Zigarettenimport – ein Vermögen. 1995 gründete Dodik seine eigene Partei. Die Mehrheit ihrer Anhänger lebt in Nordbosnien rund um Banja Luka.

Herr Dodik, die US-Regierung will gemeinsam mit einigen europäischen Staaten offenbar um jeden Preis die Unabhängigkeit des Kosovo durchsetzen. Was passiert mit der Republika Srpska, wenn der Kosovo unabhängig wird?

Der Kosovo ist ein schmerzvolles Thema – für alle Serben, egal ob sie in Serbien, der Republika Srpska, den USA oder in Österreich leben. Es gibt keinen einzigen Serben auf der Welt, der den Kosovo nicht als integralen Bestandteil Serbiens begreift. Der Kosovo ist aufgrund seiner Geschichte viel mehr als nur eine serbische Region. Wir schauen uns aus zwei Gründen sehr genau an, was im Kosovo geschieht: Der erste Grund ist emotionaler Natur, und das ist sehr typisch für die serbische Nation. Der zweite ist geopolitischer Natur: Für mich persönlich und für die Regierung der Republika Srpska sollte die Kosovofrage im Rahmen eines Kompromisses zwischen den Serben in Belgrad und den Albanern in Pristina (Hauptstadt des Kosovo, Anm.) gelöst werden, der dann von der UNO abgesegnet wird.

Im Moment sieht es nach allem anderen als einer gütlichen Einigung aus …
Jeder unilaterale Alleingang bedeutet eine langfristige Destabilisierung der Region. Wenn Sie sich den Balkan anschauen, werden Sie feststellen, dass nur wenige Staaten ihre Probleme im Alleingang und ausschließlich innerhalb ihrer staatlichen Grenzen gelöst haben – unter anderem spreche ich von Bosnien-Herzegowina. Sollte der Kosovo daher unabhängig werden, werden sich die bosnischen Serben natürlich fragen: Wenn die Albaner unabhängig werden und ihren Teil Serbiens – den Kosovo – einfach „mitnehmen“, warum dürfen dann die bosnischen Serben nicht auch unabhängig werden? Trotzdem: Wenn die internationale Gemeinschaft eine Unabhängigkeit des Kosovo zulässt und anerkennt, muss die Regierung der Republika Srpska eine solche Entscheidung akzeptieren.

Laut einer Umfrage des Angus Reid Institute, eines kanadischen Think-Tanks, wollten im Juli vergangenen Jahres 62 Prozent der bosnischen Serben die Unabhängigkeit der Republika Srpska, wenn der Kosovo unabhängig wird. Sie werden dieser Forderung eines Großteils ihrer Bürger demnach nicht entsprechen?

Das hängt davon ab, wie sich die Realverfassung von Bosnien-Herzegowina entwickelt: Wenn die Republika Srpska weiterhin als teilunabhängige Entität innerhalb Bosniens bestehen bleibt, werden wir auch keine Loslösung vom Gesamtstaat betreiben. Sollte der Vertrag von Dayton jedoch in Richtung eines starken Gesamtstaats revidiert werden, dann fühlen wir uns auch nicht mehr an diesen Vertrag gebunden – in diesem Fall ist alles möglich, sogar ein Kampf für die Unabhängigkeit. Ich glaube aber, dass die Republika Srpska und ihre Unabhängigkeit als Entität innerhalb Bosniens auch künftig akzeptiert werden wird, und entsprechend werden wir dem bosnischen Gesamtstaat auch antworten.

In Ihrem Wahlkampf vor zwei Jahren haben Sie sich noch radikaler angehört. Sie sagten, im Fall einer Unabhängigkeit des Kosovo würden Sie auch für die Unabhängigkeit der bosnischen Serben eintreten – und eine Volksabstimmung abhalten lassen. Gilt dieses Versprechen nicht mehr?

Ob absichtlich oder nicht, die Medien haben manche Aussagen meiner Wahlkampagne falsch interpretiert: Ich habe eine Volksabstimmung in der Republika Srpska zur Loslösung von Bosnien angekündigt, weil ein radikaler muslimischer Politiker namens Haris Silajdzic davor in seinem Wahlkampf dasselbe getan hat. Diese Aussage von mir sollte allerdings nur für den Fall der Entwicklung eines starken bosnisch- herzegowinischen Gesamtstaats gelten. In diesem Fall kann niemand den Serben vorschreiben, in welchem Staat sie leben wollen – übrigens genauso wenig wie den Kroaten und den (muslimischen, Anm.) Bosniaken. Abgesehen davon hat eine derartige Wahlkampfrhetorik recht wenig mit dem Thema Kosovo zu tun: Dass manche Leute in Bosnien immer die mögliche Unabhängigkeit des Kosovo mit der Gefahr einer Destabilisierung unseres Landes verbinden, ist ihr Problem – und nicht meins.

Sollte der Fall einer Trennung der Republika Srpska von Bosnien-Herzegowina tatsächlich eintreten – wird sie gänzlich unabhängig oder ein Teil Serbiens?

Über dieses Problem denke ich nach, falls es tatsächlich so weit kommen sollte. Momentan tendiere ich eher zu einer unabhängigen Republika Srpska.

Könnte eine unabhängige Republika Srpska der EU beitreten?

Eine unabhängige Republika Srpska kann es nur unter zwei Voraussetzungen geben: Erstens muss der freie Willen des Volkes die Unabhängigkeit befürworten, zweitens muss die internationale Gemeinschaft die Unabhängigkeit anerkennen. Sind diese beiden Voraussetzungen erfüllt, könnte eine unabhängige Republika Srpska natürlich auch der EU beitreten.

Kommen wir zur bosnisch-herzegowinischen Gegenwart: Das letzte Wort bei fast allen Entscheidungen in Bosnien-Herzegowina hat nach wie vor die internationale Gemeinschaft – in Person des Deutschen Christian Schwarz-Schilling, des Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina mit Sitz in Sarajevo. Was halten Sie von ihm?

Grundsätzlich ist Christian Schwarz-Schilling ein fähiger, gerechter und vernünftiger Mann. Im Unterschied zu seinen Vorgängern (darunter der Österreicher Wolfgang Petritsch, heute UNO-Botschafter in Genf, Anm.) legt er ein gewisses Verständnis dafür an den Tag, wie die Dinge in Bosnien-Herzegowina ablaufen. Lokale Politiker dürfen beispielsweise untereinander eigenmächtige Verhandlungen führen. Manche werfen Schwarz-Schilling zwar vor, er sei nicht rigide genug und nutze die Macht, die ihm die Internationale Gemeinschaft verleiht, nicht im vollen Maß aus. Ich finde, gerade das macht die Qualität Schwarz-Schillings aus. Er versteht, was seine Vorgänger nicht verstehen konnten oder wollten: Die sanfte, unerzwungene Annäherung der Volksgruppen kann als Einziges die funktionelle Basis dieses komplizierten Staates sein.

In Zukunft wird der Posten des Hohen Repräsentanten von einem Vertreter der Europäischen Union eingenommen werden. Bedeutet das weniger Einfluss der Internationalen Gemeinschaft auf die Entwicklung in Bosnien-Herzegowina?

Zumindest bedeutet das, dass die Staaten der EU Bosnien-Herzegowina eher als Partner ansehen werden. Momentan ist Bosnien-Herzegowina de facto ein Protektorat der Internationalen Gemeinschaft, der Hohe Repräsentant darf sogar Wahlergebnisse abändern. Sie müssen zugeben, dass das alles andere als demokratisch ist. Trotzdem haben die Hohen Repräsentanten viele gute Dinge in Bosnien getan, insbesondere in den ersten Jahren nach Kriegsende. Auf der anderen Seite gab es weitgehende und unnötige Eingriffe in den Volkswillen, deren negative Konsequenzen wir bis heute spüren. Ich glaube, dass fünfzehn Jahre nach Kriegsende die Zeit gekommen ist, die Verantwortung zu den lokalen, bosnisch-herzegowinischen Politikern zu transferieren. Jedes ausverhandelte Ergebnis unter Lokalpolitikern ist wertvoller als eine oktroyierte Entscheidung der Internationalen Gemeinschaft.

Bosnien-Herzegowina ist als Staat zweigeteilt und praktisch funktionsunfähig. Als westlicher Beobachter hat man den Eindruck, dass jede Entwicklung in Bosnien nur durch den Druck der Internationalen Gemeinschaft zustande kommt. Warum funktioniert das System in Bosnien nicht?

Bosnien-Herzegowina hat eine sehr komplizierte Realverfassung. Sie funktioniert nicht, weil diese Struktur zu komplex und die Verhältnisse der Volksgruppen untereinander historisch zu belastet sind. Schauen Sie sich die beiden Entitäten an: Die kroatisch-muslimische Föderation hat zehn Kantone mit jeweils einer Regierung und Dutzenden von Ministern. Das ist eine komplizierte, teuere und funktionsunfähige Struktur. Auf der anderen Seite gibt es die Republika Srpska ohne Kantonsregierungen und mit nur sechzehn Ministerien. Wäre die Föderation auf dieselbe Art organisiert wie die Serbenrepublik, hätten wir weniger Probleme. Unabhängig davon bin ich ein Pragmatiker, in der Politik wie im Privatleben: Ich würde gerne in einem anderen Bosnien-Herzegowina leben, aber das ist derzeit nicht möglich.

In andere multinationalen Staaten, in denen zwei oder mehr Volksgruppen die Mehrheit bilden, funktioniert es – schauen Sie sich die Schweiz oder Belgien an. Was ist der Unterschied zwischen diesen Staaten und Bosnien-Herzegowina?

Genau eine Struktur wie in der Schweiz habe ich vorgeschlagen, als wir vor fünfzehn Jahren mit den anderen Volksgruppen die Nachkriegsordnung für Bosnien verhandelten. Bei unseren Partnern in Sarajevo ist dieser Vorschlag allerdings nicht durchgegangen. Ein Beispiel ist die Polizeireform, die für die EU eine Voraussetzung für ein mögliches Stabilisierungs- und Assoziationsabkommen mit Bosnien-Herzegowina ist. Das Ziel war eine Gesamtpolizei für beide Entitäten – aber in der Schweiz beispielsweise hat jeder Kanton seine eigene Polizei. Ich sehe nicht ein, warum die Republika Srpska als eigene Entität keine eigene Polizei haben soll. In anderen multi-nationalen und demnach komplex strukturieren europäischen Staaten sind solche Probleme ganz anders angegangen worden als in Bosnien. Ich glaube, dass die EU und die USA unsere Gründe verstehen werden, weil andere – funktionierende – Staaten eben jenen Weg gegangen sind, den wir auch gehen wollen – der Weg, der aus der Einsicht resultiert, dass sich Zentralismus in Bosnien nicht durchsetzen lässt.

Im Februar 2007 hat der Internationale Gerichtshof in Den Haag entschieden, dass das Massaker von Srebrenica völkerrechtlich als Genozid gilt. Im Juli 1995 haben serbische Freischärler in Srebrenica tausende Bosniaken umgebracht. Srebrenica liegt heute in der Republika Srpska, die zurückgekehrten muslimischen Einwohner der Stadt wollen aber direkt dem bosnisch-herzegowinischen Gesamtstaat unterstellt werden. Halten Sie diese Forderung für gerechtfertigt?

Srebrenica ist eine große Tragödie, die uns auf traurige und quälende Weise in die Pflicht nimmt. Die Republika Srpska akzeptiert die Entscheidung des Gerichtshofs und wir reagieren darauf, indem wir uns bemühen, die wirtschaftliche und soziale Vorkriegsstruktur in Srebrenica wieder herzustellen. Was wir tun jetzt können, ist nur, den einstigen Opfern ein besseres Leben zur Verfügung zu stellen. Aber was man wissen sollte: In Srebrenica und seiner Umgebung wurden auch 3.000 Serben umgebracht, der bosniakische Kommandant der Verbrechen stand deshalb vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (Es handelt sich dabei um Naser Oric. Vor der Eroberung der Stadt durch die Serben war er Kommandant der bosniakischen Streitkräfte und hat in dieser Funktion laut Haager Staatsanwaltschaft Angriffe auf mindestens fünfzig umliegende serbische Dörfer befohlen. Er wurde 2003 von SFOR-Soldaten verhaftet und unter anderem wegen mehrfachen Mordes und grausamer Behandlung zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, Anm.) Unglücklicherweise kam diese Nachricht in den internationalen Medien kaum vor. Ich will mit dieser Bemerkung nichts rechtfertigen, denn jemanden umzubringen ist das schlimmste Verbrechen der Welt – aber ich will sagen, dass alle Seiten Verbrechen begingen, und die Leute, die heute nach ihrer Flucht nach Srebrenica zurückkehren, gehören allen Volksgruppen an.

Aber was tut ihre Regierung konkret für den Wiederaufbau und die Menschen in Srebrenica?

Die Regierung der Republika Srpska wird mit Jahresende 2007 sechzehn Millionen Konvertible Mark (8,1 Millionen Euro) in Srebrenica investieren, hauptsächlich für Infrastrukturprojekte. Wir wollen außerdem ein Zentrum für gewaltfreie Kommunikation gründen und gezielt Bosniaken in die Polizei der Republika Srpska aufnehmen.
Allerdings: Was gewisse Politiker in Srebrenica zur Rückkehr unter die direkte Autorität des bosnischen Gesamtstaats sagen, beruht auf Manipulation aus Sarajevo. Das ist Manipulation der übelsten Sorte, denn diese Menschen haben schon genug gelitten. Sie sollten wissen, dass in den vergangenen Jahren hunderte Millionen Konvertible Mark an Spenden- und Steuergeldern in Srebrenica investiert wurden. Wenn sie allerdings nach Srebrenica fahren, dann werden Sie bemerken, dass die Stadt ausschaut, als wäre kein einziger Pfennig investiert worden. Wir fragen uns, was mit dem Geld passiert ist. Warum leben die bosniakischen Lokalpolitiker, die in Srebrenica regieren, nicht selbst in Srebrenica, sondern kommen zur Arbeit aus anderen Städten – und das übrigens nicht einmal täglich?
Um zum Ausgangspunkt Ihrer Frage zurückzukommen: Srebrenica bleibt Teil der Republika Srpska.

Die beiden prominentesten bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher allerdings, Radovan Karadzic und Ratko Mladic, sind nach wie vor flüchtig. Es wird auch immer wieder darüber spekuliert, dass sie sich in der bosnischen Serbenrepublik aufhalten…

Ich bin unbedingt dafür, dass Kriegsverbrecher – egal, wie sie heißen und welcher Volksgruppe sie angehören –vor Gericht gestellt werden sollten, in Den Haag oder anderswo. Das war schon immer und ist bis heute meine Meinung. Es frustriert mich, dass die schlimmsten Kriegsverbrecher noch immer nicht in Haft sind. Ich sage immer, dass ich– wenn ich wüsste, wo sie sich aufhalten – sie persönlich einsperren würde. Unglücklicherweise wissen weder ich noch die Polizei der Republika Srpska noch die Zentralregierung in Sarajevo noch die EUFOR-Einheit („European Force“, ein etwa 6.000-Mann-starkes Kontingent an EU-Soldaten in Bosnien-Herzegowina, Anm.), wo sie sind.

Wird Bosnien-Herzegowina jemals der EU beitreten?

Ginge es nach mir, dann muss Bosnien niemals der EU beitreten. Aber ich will, dass die europäischen Standards und Werte auch von Bosnien-Herzegowina übernommen werden.

Erschienen im DATUM 7-8/2007

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