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Das war meine Woche

Aus profil 17/2017

Kolumne: Joseph Gepp

Ich dachte immer, Schurkenstaaten lägen irgendwo weit, weit weg. Heute belehrt mich das US-Finanzministerium eines Besseren. Es reiht gleich zwei Nachbarländer Österreichs unter die weltgrößten Währungsmanipulatoren: die Schweiz und Deutschland. Warum nur?

Fall eins, die Schweiz. Sie gilt seit jeher als sicherer Hafen für jene, die ihr Vermögen vor wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen schützen (oder einfach verstecken) wollen. Spätestens seit der Eurokrise 2010 ergab sich daraus ein Problem. Weil viele schutzsuchende Euro zuströmten, stieg der Wert des Franken. Eidgenössische Waren im Ausland verteuerten sich. Als Gegenmaßnahme kauft die Schweizer Nationalbank Euro im großen Stil, um den Franken-Höhenflug zu bremsen.

Und Deutschland? Hier liegt das Problem bei der EZB in Frankfurt. Sie ist für den ganzen Euroraum verantwortlich – auch für die krisengeplagten EU-Südstaaten. Um ihnen zu helfen, senkte die EZB den Leitzins auf null. Dies verbilligt EU-Exporte außerhalb Europas. Dummerweise auch jene des boomenden Deutschlands, obwohl es ohnedies viel mehr exportiert als importiert.

Aber kann man in diesen Fällen wirklich von Manipulation sprechen? Die Schweiz verfolgt nicht primär das Ziel, Schweizer Exporte zu verbilligen – sie will vielmehr die Folgen des Ansturms panischer Kapitalbesitzer abfedern. Und: Ausgerechnet Deutschland protestiert gern lautstark gegen die EZB-Nullzinspolitik, weil sie deutschen Sparern die Zinsen wegfrisst.

Es gäbe Lösungen. Zum Beispiel höhere Löhne in Deutschland, sodass dessen Exporte teurer würden. Oder strenge Kontrollen im Schweizer Bankensystem, sodass es für Kapitalflüchtlinge weniger attraktiv ist. Doch solche Ansätze gehen über die Währungspolitik hinaus. Der Schweiz und Deutschland Währungsmanipulation zu unterstellen, dieser Vorwurf greift jedenfalls viel zu kurz.

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„Österreich hängt die Schweiz ab“

Aus dem FALTER 9/2015, Europa-Beilage

Was nutzt die EU-Mitgliedschaft der heimischen Wirtschaft? Der Nationalbank-Experte Franz Nauschnigg untersucht dies anhand der Unterschiede zwischen Österreich und der Schweiz

Interview:
Joseph Gepp

Franz Nauschnigg leitet die Abteilung Europäische Angelegenheiten in der Österreichischen Nationalbank. Im Gespräch vergleicht er die Wirtschaftsentwicklung in Österreich mit jener in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten – und zeigt damit, was uns der EU-Beitritt ganz konkret gebracht hat.

Falter: Herr Nauschnigg, wie hat sich Österreich als EU-Mitglied in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftlich entwickelt – im Vergleich zur Schweiz als Nicht-EU-Mitglied?

Franz Nauschnigg: Um diese Frage zu beantworten, muss man weit zurückgehen. Seit den 70er-Jahren ist Österreich etwas rascher gewachsen als die Schweiz. Das lag damals noch daran, dass Österreich stets ärmer war – es war also ein Aufholeffekt beim BIP-Wachstum. Seit der Anfang der 90er-Jahre allerdings geht die Wachstumsentwickelung in Österreich und in der Schweiz stark auseinander: Österreich hängt die Schweiz ab. Das liegt insbesondere an zwei Faktoren.

An welchen?

Nauschnigg: Erstens haben sich die Schweizer 1992 in einer Volksabstimmung gegen die Betritt zum Europäischen Wirtschaftsraum ausgesprochen – Österreich hingegen ist nacheinander in den EWR, die EU und schließlich in die Wirtschafts- und Währungsunion eingetreten und hat den Euro eingeführt. Und zweitens hat Österreich von der Ostöffnung stärker profitiert als die Schweiz.

Österreich hatte also einen Wachstumsschub.

Nauschnigg: Richtiger ist, die Schweiz hatte eine Wachstumsschwäche, wohingegen Österreich normal gewachsen ist. Wir müssen dabei auch bedenken, dass in der Schweiz viele Jahre lang Debatten über die europäische Ausrichtung des Landes stattgefunden haben. So etwas schafft Verunsicherung. Viele Schweizer Firmen sind lieber gleich nach Vorarlberg oder nach Baden-Württemberg gegangen, statt in der Schweiz zu bleiben. Dann wussten sie, sie sind auf der sicheren Seite, im EU-Binnenmarkt.

Österreich hatte es als EU-Mitglied viel leichter als die Schweiz als Nicht-EU-Land, erklärt Franz Nauschnigg. Hauptgründe: die größere Verhandlungsmacht der Union bei Handelsverträgen und die Mitgliedschaft im großen Euro-Raum. Dass das Wachstum seit 1995 insgesamt beachtlich ausfiel, heißt aber noch nicht, dass jeder in Österreich gleichermaßen davon profitierte (Foto: boalingua)

Österreich hatte es als EU-Mitglied viel leichter als die Schweiz als Nicht-EU-Land, erklärt Franz Nauschnigg. Hauptgründe: die größere Verhandlungsmacht der Union bei Handelsverträgen und die Mitgliedschaft im großen Euro-Raum. Dass das Wachstum seit 1995 insgesamt beachtlich ausfiel, heißt aber noch nicht, dass jeder in Österreich gleichermaßen davon profitierte (Foto: boalingua)

Wirtschaftsraum und Binnenmarkt sind große Wörter. Was konkret am EU-Beitritt hat Österreichs Unternehmen geholfen und damit das Wachstum angekurbelt?

Nauschnigg: Im Rahmen der EU profitiert Österreich vor allem von Handelsabkommen mit anderen Staaten. In einer großen Gemeinschaft kann man besser Konditionen ausverhandeln und hat mehr Verhandlungsmacht als beispielsweise die Schweiz. Außerdem fallen Grenzkosten für Österreich weg, zum Beispiel Zölle. Die Schweiz hat diese Mankos zwar erkannt und versucht, auf dem Weg sogenannter bilateraler Verträge Zugang zum EU-Binnenmarkt zu erhalten. Diese Mühen spiegeln sich auch tatsächlich im Wachstum wider, das nach dem Jahr 2000 angezogen hat, als ebendiese Verträge unter Dach und Fach waren. Trotzdem blieb viel Unsicherheit über die künftige Europastrategie der Schweiz.

Österreichs Engagement im Osten gilt gemeinhin als eine Erfolgsgeschichte, die nicht nur auf den EU-Beitritt zurückzuführen ist. Da spielen auch Faktoren wie die geografische Nähe und die gemeinsame Geschichte hinein. Wie hätte ein österreichisches Ost-Engagement nach der Wende ohne EU-Beitritt ausgesehen?

Nauschnigg: Wohl bei weitem nicht so durchschlagskräftig. Österreich dient traditionell als eine Art Brückenkopf zwischen Ost und West – doch diese Funktion wäre wahrscheinlich zum Gutteil weggefallen. Unsere Nachbarn im Osten sind ja allesamt der EU beigetreten, sie hätten also den Brückenkopf Österreich als Nicht-EU-Land nicht benötigt. Als Standort für die Osteuropa-Headquarters internationaler Konzerne etwa wäre Österreich sicher viel weniger attraktiv gewesen.

Ist der Zugewinn an Wachstum, den Österreich infolge des EU-Beitritts genießt, auch beim normalen Bürger auf der Straße angekommen? Oder spiegelt er sich nur im Wertgewinn irgendwelcher Aktien wider?

Nauschnigg: Vorsicht, das ist eine andere Frage. Die Verteilungsfrage hängt mit innerösterreichischen Faktoren zusammen, etwa mit Steuern. Man kann sich das wie einen Kuchen vorstellen – dass er insgesamt größer wird, sagt noch nicht, wer welches Stück bekommt. Allgemein lässt sich sagen, dass die Wirtschaft sicher stärker vom BIP-Wachstum profitiert hat als die Arbeitnehmer. Das zeigt sich zum Beispiel an der Entwicklung der Lohnquote, also dem Anteil der Löhne und Gehälter am Gesamteinkommen im Land.

Wie sind Österreich und die Schweiz durch die Krise gekommen?


Nauschnigg:
Beide Länder haben sie relativ gut bewältigt. Im Europavergleich war der Einbruch in der Schweiz in den Jahren 2008 und 2009 etwas schwächer. Das liegt an einer krisenresistenteren Wirtschaftsstruktur als beispielsweise in Österreich. So verfügen die Schweizer etwa über mehr hochwertige Pharma- als über Stahlindustrie. Auch hat sich die Schweiz relativ gut aus der Krise herausgewurstelt – allerdings um den Preis, dass sie mit hohen Interventionen den Wechselkurs stabilisieren musste.

Was bedeutet das?

Nauschnigg: Man muss auch bedenken, dass Österreich als Eurostaat vor Währungskrisen geschützt ist – für die Schweiz gilt das nicht. Sie musste also ihre Franken gegen Euro wechseln, damit der Kurs des Franken nicht zu hoch wird und die Wirtschaft nicht unter hohen Preisen für ihre Produkte leidet. Diese Politik des stabilisierten Wechselkurses hat die Schweiz vor wenigen Wochen aufgegeben. Die Schweizer Zentralbank hat nun riesige Euroreserven in ihrer Bilanz – und die verlieren gegenüber dem Franken an Wert. Allein dieses Jahr könnte der Verlust, abhängig von der weiteren Frankenkursentwicklung, meiner Schätzung zufolge höher sein als in Österreich die Kosten der Probleme mit der Hypo Alpe Adria.

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„Millionäre in Billigkleidern“

Aus dem FALTER 8/2015

Wie funktioniert Steuerhinterziehung in der Praxis? Eine Insiderin erzählt

Gespräch: Joseph Gepp

Hundertdreißigtausend Kunden, 59.058 Datensätze, 75 Milliarden Euro: Zum wiederholten Mal hat Europa einen großen Steuerhinterziehungsskandal. Aus der Genfer Filiale der britischen Großbank HSBC sind sensible Daten aus dem Jahr 2007 an die Öffentlichkeit gedrungen. Den Skandal, der inzwischen unter dem Schlagwort „Swiss Leaks“ bekannt geworden ist, zeigt, in welchem Ausmaß Geld teils kriminellen Ursprungs versteckt wird – einmal mehr.

Doch wie funktioniert Steuerhinterziehung in der Praxis? Wer drückt welche Tasten am Computer? Wen ruft man an? Das kann sich kaum jemand vorstellen außer einer verschwiegenen Clique aus reichen Kunden, Bankberatern und anderen Dienstleistern.

Eine davon gibt dem Falter – unter der Bedingung von Anonymität – ein Interview. Anna Montrak (Name geändert), eine mittlerweile pensionierte Betriebswirtin, hat lange in der Branche gearbeitet, als Kundenberaterin bei Finanzdienstleistern in Liechtenstein. Im Gespräch gibt sie einen seltenen Einblick in die Abläufe des diskreten Geldversteckens. Ihre Ausführungen zeigen auch, dass nicht jeder, der Geld versteckt, gleich kriminell sein muss. Und sie zeigen, wie massiv sich das Geschäft durch die Krise seit 2008 verändert hat.

Falter: Frau Montrak, wo haben Sie gearbeitet?

Anna Montrak: Hauptsächlich in Banken und Treuhandbüros in Liechtenstein und der Schweiz. Seit der Finanzkrise 2008 hat sich das Geschäft dort massiv verändert, weil internationale Abkommen zur Verhinderung von Steuerhinterziehung in Kraft getreten sind. Zu meiner Zeit gab es in Liechtenstein noch abertausende Stiftungen, die von Treuhandbüros betreut wurden; inzwischen hat sich ihre Zahl stark reduziert.

Lassen Sie uns später darauf zurückkommen, wie sich das Geschäft heute verändert hat. Zunächst: eine Stiftung und ein Treuhänder, wie hängen diese Dinge überhaupt zusammen?

Montrak: Der Treuhänder betreut Stiftungen, also er gründet und verwaltet sie. Eine Stiftung ist eine juristische Persönlichkeit, die mit Vermögen ausgestattet ist, wie es sie etwa auch in Österreich gibt. Jede Stiftung muss mit einem Stiftungszweck ausgestattet sein und ein Organ der Geschäftsführung haben, also eine Art Chefetage. Der Zweck der Stiftung ist gemeinhin, dass ihr Vermögen verwaltet, vermehrt und gegebenenfalls an bestimmte Begünstigte ausgeschüttet wird. Dazu hat die Stiftung in der Regel ein oder mehrere Konten in ihrem Namen, auf denen das Geld liegt, zum Beispiel bei einer Schweizer Bank. Das Geschäftsführungsorgan der Stiftung kann man sich ungefähr vorstellen wie die Geschäftsführung einer GmbH. Und genau dieses Organ bestellt ein Treuhänder im Auftrag des Stifters. Oft stellt der Treuhänder selbst dieses Organ der Geschäftsführung, oder er ist zumindest Mitglied davon. Darin liegt das Kerngeschäft der meisten Treuhänder; manche betreuen tausende von Stiftungen.

Und wer sind die Eigentümer dahinter?

Montrak: Im rechtlichen Sinn hat eine Stiftung keinen Eigentümer. Es gibt den Stifter, der das Geld in die Stiftung einbringt und den Treuhänder beauftragt – womit er sich von dem Vermögen trennt und es der Stiftung übergibt, aber gleichzeitig weiterhin Kontrolle darüber ausübt. Daneben gibt es die wirtschaftlich Begünstigten, die das Geld mit Einverständnis des Stifters beziehen können. Oft sind die Begünstigten beispielsweise Kinder des Stifters; manchmal sind Stifter und Begünstigter auch dieselbe Person. Wie dem auch sei – bis vor einigen Jahren blieben diese Leute völlig anonym. Sie traten nicht in Erscheinung, sondern nur die Treuhänder.

Gibt es einen Vertrag zwischen dem Treuhänder und dem Stifter?

Montrak: Manchmal wird das nur mündlich vereinbart, meistens jedoch gibt es einen kurz gehaltenen, schriftlichen Auftrag. Darauf ist nur der Name des Stifters vermerkt, keine Details wie Adressen oder Telefonnummern. Diesen Vertrag haben nur die Treuhänder – wer beispielsweise im offiziellen Firmenbuch nachschaut, stößt lediglich auf sie. Der ganze Sinn dieses Konstrukts war ja, dass nicht bekannt wird, wer hinter dem Geld steht. Vom Vertrag zwischen Stifter und Treuhänder gab es meist nur eine Papierurkunde. Im Zeitalter des Internets wurden kundenbezogene Informationen weiterhin ausschließlich auf Computern abgespeichert, die nicht mit dem Internet verbunden waren.

Manchmal wird das nur mündlich vereinbart, meistens jedoch gibt es einen kurz gehaltenen, schriftlichen Auftrag. Darauf ist nur der Name des Stifters vermerkt, keine Details wie Adressen oder Telefonnummern.

Warum gründet jemand eine Stiftung?

Montrak: Das kann viele Gründe haben. Zunächst trennt sich der Stifter damit von seinem Geld und legt es sicher an. Bei dem Vermögen kann es sich oft um unversteuerte Einkünfte oder Gelder aus sonstigen illegalen Quellen handeln, das muss aber nicht so sein. Viele Leute legten auch ihr ehrlich verdientes Geld lieber in einer Stiftung an – denn die Gestaltungsmöglichkeiten sind äußerst flexibel. Zum Beispiel kann das Geld ganz nach Wunsch des Stifters langfristig gebunden werden und dann an von ihm gewünschte Personen ausgeschüttet werden, ganz nach seinen Bedingungen. Damit lassen sich etwa Ansprüche umgehen, die aus dem Eherecht oder Erbrecht resultieren, wie der Pflichtteil. Und last but not least liegt das Geld, das sich in einer Stiftung befindet, ja nicht einfach herum – es wird veranlagt und bringt damit Rendite. In der Praxis läuft das so ab, dass die Stifter angeben, wie sie das Geld investieren wollen. Manche wollen es konservativ in Staatsanleihen stecken, andere riskant in Aktien, wieder andere wählen eine Mischform. Der Treuhänder leitet diese Anweisungen an die Banken weiter, bei der sich das Konto der Stiftung befindet.

"Dann sind die Leute ben mit Geldkoffern herumgefahren"

„Dann sind die Leute eben mit Geldkoffern herumgefahren“


Wofür braucht man bei all dem eine Stiftung? Das könnte man ja alles auch ohne eine machen.

Montrak: Der entscheidende Punkt ist: Auf die Renditen der Veranlagung ist eine Steuer fällig. In Österreich zum Beispiel liegt die Kapitalertragssteuer bei 25 Prozent. In Liechtenstein hingegen beträgt sie nur eine Promille. Diese Steuer spart man sich also, wenn man sein Geld in eine Liechtensteiner Stiftung steckt. Dazu kommt auch, dass die Gründungs- und Erhaltungskosten einer Stiftung in Liechtenstein deutlich niedriger sind als etwa in Österreich.

Und wenn man das Geld abhebt und ins Heimatland zurückholt?

Montrak: Dann müsste man dort die Steuer streng genommen nachzahlen. Aber das hat niemand je gemacht. Wenn ein Vermögensverwalter jahrelang große Summen für einen Kunden verwaltet, kommen ja enorme Gewinne zusammen, auf die bei Ausschüttung hohe Steuern fällig wären – die oft nicht entrichtet wurden. Wenn also von massiver Steuerhinterziehung die Rede ist, muss man sich vor Augen halten, dass in vielen Fällen das Geld ursprünglich oft ganz sauber verdient und regulär versteuert worden ist. Nur bei den Gewinnen, die sich etwa in Liechtenstein oder der Schweiz aus der Veranlagung des Geldes ergaben, da wurde dann die Steuer hinterzogen.

Wenn ein Kunde sein Geld aus der Stiftung herausholen und darüber verfügen will – wie macht er das gemeinhin?

Montrak: Man kann ihm das Geld nicht einfach auf sein normales Konto im Heimatland überweisen, das würde auffallen. Manche Überweisungen erfolgen auf Umwegen, oft über Konten in mehreren Ländern. Teilweise reist auch der Treuhänder mit Bargeld zu seinen Kunden. Oder sie kommen inkognito nach Liechtenstein, um es sich abzuholen. Teilweise erlebte man dort Millionäre, die sich ganz bewusst die Billigkleidung vom Diskonter anziehen, damit sie ja nicht auffallen. Die Leute sind extrem auf Diskretion bedacht.

Teilweise reist auch der Treuhänder mit Bargeld zu seinen Kunden. Oder sie kommen inkognito nach Liechtenstein, um es sich abzuholen. Teilweise erlebte man dort Millionäre, die sich ganz bewusst die Billigkleidung vom Diskonter anziehen, damit sie ja nicht auffallen.


Wie tragen die Treuhänder dieser Sorge um Diskretion Rechnung?

Montrak: Es gab zum Beispiel die eiserne Grundregel, dass man einen Stifter oder Begünstigten niemals von sich aus kontaktieren durfte. Wenn, dann muss sich der Kunde von selbst melden. Weiters werden Absprachen bevorzugt mündlich getroffen. Manche Treuhänder reisten das ganze Jahr um die Welt, um Kunden zu treffen und dann mit Anweisungen nach Liechtenstein zurückzukommen. Zum Beispiel: Mitte des Jahres sollen 500.000 Euro ausgezahlt werden, weil eine Tochter will sich eine Eigentumswohnung kaufen.

Wer sind die Leute hinter den Stiftungen?

Montrak: Das ist unterschiedlich. Es können Magnaten aus Russland oder Indien sein, die Milliarden besitzen. Viele Stifter kommen aber auch aus der höheren Mittelschicht in Deutschland oder Österreich. Das sind dann etwa erfolgreiche Restaurantbesitzer oder Zahnärzte, die im Lauf ihres Lebens viel Geld verdient haben. Jetzt wollen sie es steuerschonend, diskret und sicher anlegen. Für zahlreiche Kunden ist es gar nicht das wichtigste Motiv, Steuern zu ersparen. Manche wollen auch einfach ihr Geld zum Beispiel vor gierigen Verwandten oder Kindern verstecken. All das lässt sich mit einer Stiftung gut bewerkstelligen. Die Geldsummen in den Stiftungen rangieren ungefähr zwischen 200.000 Euro und vielen Dutzenden Millionen.

Es gab zum Beispiel die eiserne Grundregel, dass man einen Stifter oder Begünstigten niemals von sich aus kontaktieren durfte.

Was verdient der Treuhänder an all dem?

Montrak: Er bekommt pro Jahr und Stiftung eine kleine Provision von einigen hundert Euro. Das ist nicht viel, aber bei hunderten oder tausenden Stiftungen, die ein Treuhänder verwaltet, kommen riesige Summen zustande. Dieses Geschäft mit den Stiftungen in Liechtenstein geht bis in die 30er-Jahre zurück. Weil seither viele Bauern auf Treuhänder umsattelten, kursiert dort das geflügelte Wort: „vom Heuwender zum Treuhänder“. Die Treuhänder sind in Liechtenstein wie Pilze aus dem Boden geschossen. Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet.

Wieso?

Montrak: Nach der Finanzkrise wurde der internationale Druck auf Liechtenstein stärker. Deshalb mussten Banken und Treuhänder nach und nach offenlegen, wer die Begünstigten hinter einer Stiftung sind. Dass deren Anonymität nicht mehr sicher ist, hat zu einem radikalen Wandel geführt. Viele Kunden haben Angst bekommen und eine Selbstanzeige in Erwägung gezogen. Befeuert wurde all dies durch die großen Steuerhinterziehungsskandale in den Medien. Die Treuhänder fürchteten damals natürlich um ihr Geschäft und versuchten die Kunden zu beschwichtigen und ihr Geld woanders in Sicherheit zu bringen. Falls die Kunden trotzdem auf eine Selbstanzeige bestanden haben, wurde die Stiftung aufgelöst und das Geld zurücküberweisen, etwa nach Deutschland. In diesem Fall haben die Leute am Ende mehr gezahlt, als wenn sie ihr Geld niemals nach Liechtenstein gebracht hätten.

Weil viele Bauern auf Treuhänder umsattelten, kursiert dort das geflügelte Wort: „vom Heuwender zum Treuhänder“. Die Treuhänder sind in Liechtenstein wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Was war mit denen, die keine Selbstanzeige machten?

Montrak: Für die wurden neue Stiftungen oder andere rechtliche Konstrukte gegründet, in Ländern, in denen die Namen der dahinterstehenden Personen nach wie vor geheim blieben, zum Beispiel Hongkong, Singapur, den British Virgin Islands oder Belize. Dorthin wurde dann das Geld verschoben.

Wie lief dieses Verschieben konkret ab?

Montrak: Über eine Partneragentur in dem jeweiligen Land, zum Beispiel eine Rechtsanwaltskanzlei, wurde eine neue Einheit eröffnet, etwa eine Aktiengesellschaft oder wieder eine Stiftung. Das ist mit einigen Dokumenten rasch möglich. Danach wurde das Geld einfach vom Konto der alten Gesellschaft auf jenes der neuen überwiesen. In heikleren Fällen erfolgten Überweisungen über mehrere Zwischenkonten. Oder Geld wurde sogar bar abgehoben und ebenfalls in bar auf das neue Konto eingezahlt. Dann sind Leute eben mit Geldkoffern herumgefahren.

All das geschah auf Bitten der Kunden?

Montrak: Nicht immer. Wie gesagt war der diskrete Kontakt zwischen Banken, Treuhänder und Kunden schwierig und sporadisch. Manchmal wurden Treuhänder daher auch eigenständig tätig, Vermögen zu verschieben, um die Identität der Begünstigten zu schützen. Sie gingen davon aus, dass das dem Kunden schon recht sein würde. Das Vertrauen ist gemeinhin sehr groß in dieser Szene. Die Kunden wissen, dass sie es mit hundertprozentig verlässlichen und diskreten Finanzdienstleistern zu haben und die Berufsbeziehungen gehen über viele, viele Jahre.

In heikleren Fällen erfolgten Überweisungen über mehrere Zwischenkonten. Oder Geld wurde sogar bar abgehoben und ebenfalls in bar auf das neue Konto eingezahlt. Dann sind Leute eben mit Geldkoffern herumgefahren.


Gibt es aufgrund all der Veränderungen heute keine Stiftungen mehr in Liechtenstein?

Montrak: Zumindest viel weniger als noch vor einigen Jahren. Und die verbliebenen haben sich mit der neuen Weißgeld-Strategie des Landes arrangiert. Eine Stiftung kann ja auch legal nützlich sein, zum Beispiel als Alternative zu einem Testament. Ein Vater kann zum Beispiel sagen: Ich gebe mein Geld in eine Stiftung, und meine Kinder sollen es erst ausbezahlt bekommen, wenn sie geheiratet oder ihre Studienabschlüsse gemacht haben. Geschäfte dieser Art macht man heute in Liechtenstein. Zudem bestehen weiterhin legale günstige Steuermodelle für Kapitalgesellschaften oder Trusts.

Ein superreicher Kunde hat viel größere Möglichkeiten, sein Geld ins Trockene zu bringen. Dem gutverdienenden Mittelständler hingegen wird das Netz irgendwann zu eng und der Aufwand zu groß.


Würden Sie aus Ihrer beruflichen Erfahrung sagen, dass die Steuerhinterziehung aufgrund all der internationalen Bemühungen seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 weniger geworden ist?

Montrak: In Liechtenstein zumindest wurde das Geschäftsmodell gezwungenermaßen völlig umgestellt. Und auch auf andere Staaten wie die Schweiz wird international massiv Druck ausgeübt. Viel Geld ist seither allerdings einfach woandershin verschoben worden, statt dass sich seine Besitzer deklarierten. Wie viel an Steuerhinterziehung durch die Bemühungen seit der Krise tatsächlich verhindert worden ist, kann ich nicht einschätzen. Klar ist jedenfalls: Je vermögender der Kunde, desto raffi nierter die Methoden der Verschleierung. Ein superreicher Kunde hat natürlich viel größere Möglichkeiten, sein Geld ins Trockene zu bringen. Dem gutverdienenden Mittelständler hingegen wird das Netz irgendwann zu eng und der Aufwand zu groß.

RAND-INFOS:

Swiss Leaks Zwischen 2006 und 2008 soll der Informatiker Hervé Falciani tausende sensible Dokument aus der Genfer Filiale der britischen Großbank HSBC entwendet haben. Das internationale Journalistenkollektiv ICIJ arbeitete sie auf

Lux Leaks
In 548 Erklärungen sicherten die Luxemburger Steuerbehörden zwischen 2002 und 2010 verschiedenen Großkonzernen immense Steuerbefreiungen zu. Auch diesen Fall deckte das ICIJ auf

Stiftungen sind nur eine von vielen Möglichkeiten für Steuerhinterzieher, ihr Geld zu verstecken – auf diese Variante hat sich bis vor wenigen Jahren Liechtenstein spezialisiert. Wegen neuer, strenger Regeln geht jedoch die Anzahl der Stiftungen im Kleinstaat derzeit zurück. Im Jahr 2008 kam ein großer Steuerskandal ans Licht, nachdem der deutsche Geheimdienst eine Daten-CD aus Liechtenstein angekauft hatte. Dieser kostete etwa Klaus Zumwinkel, damals Chef der deutschen Post, den Job

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7.400.000.000.000 Dollar

Aus dem FALTER 44/2014

So viel Geld liegt laut Ökonom Gabriel Zucman weltweit in Steueroasen


Gespräch: Joseph Gepp

Er gilt als Jungstar unter Europas Ökonomen. Der Franzose Gabriel Zucman, 27, hat im Sommer ein aufsehenerregendes Buch über Steueroasen publiziert. Mit dem Falter spricht er über den Kampf gegen Steuerhinterziehung, die Rolle Österreichs und den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker.

Falter: Herr Zucman, wie viel Geld befindet sich weltweit in Steueroasen?

Gabriel Zucman: Schätzungsweise acht Prozent des weltweiten Finanzvermögens, ungefähr 7,4 Billionen Dollar. Diese Summe enthält alle Bankeinlagen, Wertpapiere, Aktien, Anleihen und Fondsanteile, die von Privatpersonen in Steueroasen gehalten werden. Nicht inkludiert sind Immobilienvermögen oder Anlageformen wie etwa Kunstwerke, das wäre zu schwierig zu schätzen.

Steueroasen-Experte Gabriel Zucman, 27 Jahre, forscht an der London School Of Economics

Steueroasen-Experte Gabriel Zucman, 27 Jahre, forscht an der London School Of Economics

Wie kommen Sie auf diese Summe?

Zucman: Da wäre zunächst eine monatliche Statistik der Schweizer Nationalbank, die zeigt, wie viel Kapital in der Schweiz von Ausländern gehalten wird. Das sind derzeit 2,45 Billionen Dollar. Bei anderen Steueroasen jedoch gibt es keine offi ziellen Daten wie bei der Schweiz. Also mussten wir bei unseren Berechnungen auf eine indirekte Methode zurückgreifen: Das Vermögen, das in Steueroasen gehalten wird, führt nämlich zu Anomalien in den Vermögensbilanzen verschiedener Staaten.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Zucman: Stellen Sie sich vor, ein österreichischer Steuerhinterzieher hat ein Konto in der Schweiz, dessen Vermögen wiederum in US-amerikanischen Aktien von Google angelegt ist. In der Vermögensbilanz der USA wird man also sehen, dass Anteile an Google von einem Ausländer gehalten werden. In der Schweiz sieht man, dass ein Ausländer Geld bei einer Schweizer Bank gelagert hat. In Österreich schließlich tauchen die Gelder gar nicht auf, obwohl sie das sollten. Es entsteht also eine Lücke: Es ist weltweit mehr Geld veranlagt, als existieren sollte. Auf der Passivseite der Länder sind mehr Wertpapiere registriert als auf der Aktivseite.

Gibt es ein Ranking der bösesten Steueroasen? Wer sind die Top drei?

Zucman: Die Schweiz, Hongkong und Singapur – zumindest, was das Privatvermögen betrifft. Darüber hinaus jedoch haben sich Länder auf bestimmte Dinge spezialisiert. Bei Hedgefonds zum Beispiel liegen die Cayman Islands auf dem ersten Platz, Jersey hat sich auf Trusts spezialisiert, Liechtenstein auf Stiftungen, Luxemburg auf Investmentfonds.

Luxemburg nennen Sie in Ihrem Buch den „Inbegriff einer Steueroase“. Jetzt ist der langjährige Finanzminister und Premier des Landes, Jean-Claude Juncker, neuer EU-Kommissionspräsident.

Zucman: Seine Bilanz als Spitzenpolitiker in Luxemburg ist schlecht. Er tat sein Mögliches, um das Bankgeheimnis zu bewahren, den Informationsaustausch zwischen Luxemburger Banken und anderen europäischen Staaten zu begrenzen und Steuerhinterziehung zu erleichtern. Juncker war eine zentrale Figur bei all dem. Natürlich müssen wir heute abwarten, wie sich Europas Kampf gegen Steuerhinterziehung weiterentwickelt. Aber besonders optimistisch stimmen mich diese Vorzeichen nicht.

Nicht nur Luxemburg gilt für viele als Steueroase, auch Österreich. Zu Recht?

Zucman: Österreich war neben Luxemburg lange Zeit das einzige Land in der EU, dass dem automatischen Informationsaustausch mit anderen EU-Staaten abgelehnt hat – zweifelsfrei dient dieses Vorgehen dazu, Steuerhinterziehung zu erleichtern. Inzwischen hat Österreich jedoch eingelenkt. Abseits vom Widerstand gegen den Informationsaustausch lässt sich aus meinen Daten jedoch keine große Aktivität in Österreich herauslesen. Es gab und gibt wohl Steuerhinterziehung, ermöglicht durch das Bankgeheimnis – doch das Ausmaß scheint nicht riesig. Eines muss man jedoch im Fall Österreichs unbedingt hinzufügen: Es gibt ein großes Informationsdefizit, weil die Österreichische Nationalbank nicht die gleichen Informationen wie die Schweizer Nationalbank veröffentlicht. Im Fall der Schweiz kennt man die Größe des ausländischen Vermögens, das von Schweizer Banken verwaltet wird. Bei Österreich nicht – das ist ein großes Problem.

Ist es heute im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2008 schwieriger oder leichter, Geld in Steueroasen zu verstecken?

Zucman: Es ist wohl mehr oder weniger gleich. In den meisten Ländern gibt es immer noch keinen automatischen Informationsaustausch. Über ein Schweizer Bankkonto dringen heute immer noch keine Informationen nach Frankreich oder Italien. Sehr wohl gibt es aber die Hoffnung auf substanzielle Verbesserungen in den kommenden Jahren: 2015 werden Österreich und Luxemburg beginnen, Informationen zu übermitteln. 2018 und 2019 werden dann die großen Finanzzentren Schweiz, Singapur und Hongkong folgen.

In Ihrem Buch schlagen Sie fast eine Art Wirtschaftskrieg gegen Steueroasen wie die Schweiz vor. Man solle hohe Strafzölle verhängen, fordern Sie. Sind solche Maßnahmen wirklich notwendig – angesichts von Fortschritten wie dem automatischen Informationsaustausch?

Zucman:
Ja, ich halte es für naiv zu glauben, dass Länder und Institutionen von der Beihilfe zur Steuerhinterziehung abrücken werden, solange dieses Geschäft für sie profitabel bleibt. Wenn man Veränderungen will, müssen sich also die Anreize ändern – für die Ländern, Institutionen wie Banken und bei den Individuen, damit sie nicht mehr Steuern hinterziehen. Steuerhinterziehung muss sehr riskant, sehr unprofitabel und sehr teuer werden.

RAND-INFO:
Wie reagiert die Österreichische Nationalbank auf das von Zucman kritisierte Informationsdefizit? Auf Falter-Nachfrage kündigt sie an, einen Großteil jener Daten offenzulegen, wie sie auch in der Schweiz zur Verfügung stehen. Diese Daten waren bislang nicht zusammengefasst, nun können sie in die internationale Forschung zu Steueroasen einfließen

Gabriel Zucman: Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird. Suhrkamp, 118 S., € 14,40

Gabriel Zucman: Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird. Suhrkamp, 118 S., € 14,40

Ein Kommentar

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