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Schöpfungsgeschichte

Aus profil 36/2016

Geld ermöglicht Fortschritt und fördert zugleich den Exzess. 25 Einblicke in die scheinbar selbstverständlichste Einrichtung der Welt.

Von
Joseph Gepp

Was ist Geld?

Geld ist das Versprechen von Wert. Es ist eine Vereinbarung, an die sich alle halten, beglaubigt durch die Zentralbank. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihre Euro im Supermarkt nicht gut ankamen?

Geld ist also eine Art Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage?

Zumindest lautet so die gängigste Geldtheorie. Geld ist eine Einrichtung, die uns praktischerweise die Tauschwirtschaft erspart, indem sie sich als Medium zwischen die Waren schiebt. Auf die Werte der Güter selbst wirkt es sich dabei nicht aus, glauben Ökonomen. Allerdings stellen dies neue Forschungen infrage. Wenn es mehr Geld gibt, argumentieren sie, werden auch die Werte von Gütern höher. Geld beeinflusst Werte, etwa Immobilien.

Und wie entsteht Geld?

Das meiste Geld – ungefähr 90 Prozent – wird von Banken geschaffen. Und zwar immer dann, wenn sie Kredite vergeben.

Aber wieso? Man kann Geld doch nur hergeben, wenn man bereits welches hat.

Als Privatperson schon. Eine Bank jedoch kann neues Geld erschaffen. Wenn sie einen Kredit vergibt, wird das Geld dafür nicht etwa irgendwo abgezwackt, zum Beispiel von den Einlagen der Konteninhaber. Sondern neu geschöpft, also geschaffen. Die Bilanzsumme der Bank vermehrt sich dann um die Summe des Kredits. Genauso wie die Geldmenge insgesamt.

Wow, eine Bank kann einfach so neues Geld erzeugen!

Genau so läuft es, so hat es sich in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt. Banken schöpfen Geld. Allerdings: Ganz autonom sind sie dabei nicht. Sonst bräuchte es keine Zentralbank wie die EZB im Euro-Raum. Die EZB versucht, die Geldschöpfung der privaten Banken mit Instrumenten zu steuern.

Welchen?

Mit den sogenannten Reserven. Das ist, wenn man so will, ein Grundstock an Kapital. Von diesem muss jede Bank eine Mindestmenge bei der EZB halten. Die Reserven können nicht einfach geschöpft werden wie die Kredite. Wenn eine Bank neues Geld schafft, muss sie dabei immer ihre Reserven im Auge behalten. Denn die Menge der Einlagen muss in einem bestimmten Verhältnis zu den Reserven stehen. Das legt die Zentralbank fest. In der EU zum Beispiel beträgt der sogenannte „Mindestreservesatz“ der EZB zurzeit einen Prozent. Wenn eine Bank also 100 Millionen Euro Kredite und Einlagen verwaltet, muss sie mindestens eine Million Reserven bei der EZB halten. Die Reserven kann man sich also wie ein Fundament vorstellen, auf dem das Haus der Kredite aufbaut. Man nennt sie deshalb auch „Zentralbankgeld“ oder“Geldbasis“.

Und woher kommen die Reserven?

Sie werden meist von der Zentralbank verliehen. Dafür bezahlt die normale Bank einen bestimmten Zinssatz, den Leitzins.

Ach ja, jener, der derzeit so niedrig ist. Und der Zweck des Leitzinses war…

Damit beeinflusst die Zentralbank, wie viel Geld die Banken schöpfen. Das geht so: Wenn sie den Leitzins erhöht, muss die Bank mehr für ihre Reserven bezahlen, also für den Grundstock. Er wird teurer. Diese höheren Kosten wird die Bank bei Kreditvergaben an ihre Kunden weiterreichen. Also werden deren Kreditzinsen höher und Kredite unattraktiver. Weniger Kredite bedeutet weniger neu geschöpftes Geld. Mit Leitzins und Mindestreservesatz steuert die Zentralbank, wie viel Geld die privaten Banken erschaffen.

Welche Rolle spielt in diesem Gefüge das Bargeld? Drucken das auch die Banken?

Nein, Bargeld kommt ausschließlich von der Zentralbank. Es zählt zu den Reserven. Das Geld, das die Banken schöpfen, ist immer Buchgeld. Also jenes, das nur in Form elektronischer Buchungszeilen vorliegt, etwa auf Bankkonten.

Bekommt die Bank die Reserven ohne jede Gegenleistung von der Zentralbank?

Nein, sie muss ihr quasi beweisen, dass sie ihrer würdig ist. Wenn sie sich Reserven ausleiht, hinterlegt sie dafür Sicherheiten wie Wertpapiere. Zum Beispiel Staatsanleihen. Diese wiederum sind Belege dafür, dass ein guter Schuldner, idealerweise ein Staat, der jeweiligen Bank Geld schuldet.

Die Banken schöpfen also Geld. Sie brauchen dafür eine kleine Basis von der Zentralbank. Die bekommen sie, indem sie belegen, dass jemand bei ihnen Schulden hat. In Wahrheit basiert unser Geldsystem auf einer Kette von Schulden und Versprechen, dass diese wieder zurückgezahlt werden.

Kann man so sagen. Aber das war nicht immer so. Denn früher gab es erstens viel mehr Bargeld als heute, also eine größere Geldbasis. Und außerdem gab es noch etwas anderes: den Goldstandard.

Was ist das?

Die Praxis, dass Geld durch Gold gedeckt ist. Bis zum Jahr 1971 etwa konnte man es bei der US-Zentralbank FED gegen Gold tauschen, genau 35 Dollar für eine Unze Gold, also 28 Gramm. Danach kündigte Präsident Richard Nixon dieses System auf. Der Dollar hing in einem fixen Verhältnis am Gold. Und alle anderen Währungen hingen in fixen Verhältnissen am Dollar. Am Grund des weltweiten Geldsystems lag also viel Gold in den Tresoren der US-Zentralbank.

Wenn ich heute zur Zentralbank gehe, bekomme ich dann auch irgendetwas für mein Geld?

Nein. Früher war Geld ein Stellvertreter für etwas, heute steht es gewissermaßen für sich selbst. Früher trugen die Banken Gold zur Zentralbank – und dafür erhielten sie Banknoten. Heute tragen die Banken Schulden zur Zentralbank – und erhalten dafür Reserven. Auf deren Basis betreiben sie dann ihre Schöpfung von Buchgeld. Ist gleich Kredite. Ist gleich neue Schulden.

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Dann war früher also alles besser.

Halt, der Goldstandard ist 1971 gescheitert. Auch zuvor in seiner Geschichte war er immer wieder ausgesetzt worden. Er hatte sich nämlich als äußerst starr erwiesen. Man konnte nur so viel Geld ausgeben, wie Gold in den Tresoren lag. Es gibt aber Phasen, in denen eine Gesellschaft mehr braucht, als das Gold hergibt. Zum Beispiel, wenn sie mit Investitionen eine Wirtschaftskrise bekämpfen will. Oder in einem Krieg. Oder bei technologischen Umbrüchen, wenn es wichtige Forschungen zu finanzieren gilt. Manche Wirtschaftshistoriker glauben, jegliche Industrialisierung hänge davon ab, dass in bestimmten Phasen mehr Geld ausgegeben wird, als in Systemen mit Goldstandard zur Verfügung steht. Unsere heutige Art der Geldschöpfung hat also auch einen großen Vorteil: Sie reagiert flexibel auf die Bedürfnisse und Entwicklungen der Wirtschaft und Gesellschaft.

Aber wenn das Fundament nicht passt, sind das doch Luftschlösser.

Stimmt schon, aber es funktioniert. Zumindest solange die meisten Menschen daran glauben. Am Grund des weltweiten Geldsystems liegt heute nicht mehr Gold, sondern Vertrauen. Geld basiert auf nichts mehr. Trotzdem müssen alle daran glauben, damit das System funktioniert.

Vertrauen? Wir erleben doch seit Jahren eine Wirtschaftskrise!

Stimmt. Die Krise seit dem Jahr 2008 ist jedenfalls ein großer Riss im System des Vertrauens. Ihr Ursprung liegt darin, dass Banken und Finanzinstitutionen in den USA und Europa zu viele Kredite vergeben haben. Damit wären wir auch gleich beim großen Nachteil des derzeitigen Systems: Es mag flexibler sein als der einstige Goldstandard. Aber es fördert zugleich den Exzess in der Kreditvergabe, also der Geldschöpfung. Schließlich hindert einen heute kein Gold daran. Das untergräbt eben jenes Vertrauen, auf dem das ganze System aufbaut. So geschehen etwa während der US-Immobilienkrise: Die Banken vergaben massenhaft Kredite an Hauskäufer mit teils fragwürdiger Bonität. Immerhin winkt bei jedem Kredit ein Gewinn. Als die Schuldner das Geld nicht mehr zurückzahlen konnten, platzte die Blase. Die Häuserpreise stürzten ab, die sozialen Verwerfungen waren enorm. Die jahrelange Krise nahm ihren Lauf.

Wie reagieren die Zentralbanken darauf?

Mit ihren üblichen Instrumenten, vor allem der Senkung des Leitzinses. Er liegt heute auf historischen Tiefstständen, im Euro-Raum etwa bei null Prozent. Dies sollte eigentlich dazu führen, dass die Kreditnehmer mit billigen Krediten und mehr Geld regelrecht überflutet werden. Allerdings – und jetzt kommt das nächste Problem: Seit der Krise funktionieren die Instrumente der Zentralbanken nicht mehr richtig. Sie scheinen die Kontrolle über die Geldschöpfung zu verlieren. Kredite, Geldmenge, Inflation, Wirtschaft – trotz der Interventionen wächst nichts im wesentlichen Maß. Nur die Werte von Aktien und anderen Vermögensgütern steigen. Die EZB praktiziert derzeit weitere, bislang unerprobte Maßnahmen, etwa Negativzinsen und den direkten Kauf von Anleihen. Alles ohne großen Erfolg. Im heurigen März antwortete EZB-Präsident Mario Draghi sogar auf eine Journalistenfrage, man werde das Konzept des sogenannten Helikopter-Geldes „beobachten“. Das würde bedeuten: Jeder Europäer würde von der EZB Geld auf sein Konto bekommen. Derartige Methoden auch nur zu erwägen, galt bislang als Tabubruch. Manche sagen, das Maß an Schulden in unserem Geldsystem sei einfach zu groß geworden. Es stößt an seine Grenzen. Wir verlieren den Grundstoff Vertrauen, der einst als Ersatz für das Gold diente.

Oje, oje, was sollen wir nur tun?

Die Versuche, das Vertrauen wiederherzustellen, zielen in mehrere Richtungen. Viele sehnen sich zum Beispiel danach, dass wieder mehr als nur Vertrauen hinter dem Geld steckt. So wie früher, beim Goldstandard. Derartiges entsteht in Nischen. Zum Beispiel im Internet, beim digitalen Zahlungssystem Bitcoin („digitale Münze“).

Was war das nochmals?

Bitcoin ist eine Krypto-Währung. Entwickelt wurde sie 2008 von einer Person mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. Bitcoin ist nicht, wie andere Währungen, von Staaten und Zentralbanken organisiert. Sondern von der Gesamtheit seiner Benutzer. Auf Basis eines Computer-Protokolls, das im Hintergrund Regeln vorgibt, überprüfen sich alle Benutzer permanent gegenseitig (die sogenannte „Blockchain“, siehe Seite 46). Bitcoin ist, wenn man so will, eine Art Wikipedia in Geldform.

Schön und gut, aber inwiefern steckt hinter Bitcoin mehr als nur Vertrauen?

Das Entscheidende ist, dass bei der Entstehung von Bitcoins eine Art automatische Begrenztheit herrscht. Das Netzwerk gibt sie fix und unabänderlich vor. Derzeit existieren rund 15,8 Millionen Bitcoins, alle zehn Minuten kommen 12,5 neue hinzu. Bis zum Jahr 2035 werden 99 Prozent aller Bitcoins, insgesamt 21 Millionen, von Computern mit hoher Rechenleistung erzeugt worden sein. Genauso hat es Nakamoto seinerzeit programmiert. Das Wachstum der Geldmenge verlangsamt sich stetig, ohne Schwankungen. Wenn man so will, ist Bitcoin eine Art Goldstandard des digitalen Zeitalters. Nur sorgt kein Edelmetall für Begrenztheit, sondern die strikte technische Vorgabe. Bitcoin ist „in digitalen Stein gemeißelt“, sagt Johannes Grill vom Verein Bitcoin Austria.

Halt! Ein Protokoll, das irgendein anonymer Internet-Freak geschrieben hat, soll für etwas garantieren?

Viele glauben daran. Wie groß die Nachfrage nach Bitcoins ist, zeigt allein der Kurs zum Euro. Für einen Bitcoin bekam man 2013 noch rund 50 Euro, heute 500.

Na, dann machen wir Bitcoin doch zur neuen Weltwährung.

Tja, nach einiger Zeit würde sich wohl ein neues altes Problem einstellen: Was geschieht, wenn man mehr Geld braucht, als das System hergibt? Wie einst beim Gold kann man ja nur eine begrenzte Anzahl von Bitcoins erzeugen. Wahrscheinlich würde der Bitcoin-Standard ähnlich enden wie der Goldstandard. Bitcoin funktioniert wohl vor allem als Nischenprogramm.

Vertrackt. Gibt es keine andere Lösung?

Manche wünschen sich eine Reform der Finanzwelt, zum Beispiel der deutsche Soziologe Joseph Huber. Er plädiert für das sogenannte Vollgeld-System. In diesem Konzept sollen Banken künftig kein Buchgeld mehr schöpfen dürfen. Alles Geld soll also aus Reserven bestehen. Der Mindestreservesatz läge bei 100 Prozent. Das bedeutet: Die Banken würden nur jenes Geld in Form von Krediten weiterreichen, das sie tatsächlich von der Zentralbank bekommen. Diese könnte die Geldmenge direkt steuern. Keine Bank würde sich in einem Kreditexzess ergehen können. Finanzblasen und Vertrauensverlust wären passé, hoffen die Befürworter.

Klingt gut, aber schwer realisierbar.

Der Eingriff ins Geldsystem wäre fundamental, mit der Gegenliebe der Banken ist nicht zu rechnen. Es bleiben zudem auch abseits von der Realisierbarkeit offene Fragen beim Vollgeld, etwa wie das Wachstum der Geldmenge festgesetzt werden soll.

Gibt es nicht realistischere Möglichkeiten, das Vertrauen ins Geldsystem zu stärken?

Unserem System wohnt generell die Neigung zum Exzess inne. Letztlich geht es also darum, Anzeichen dieser Exzesse, also einer Finanzblase, rechtzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Das ließe sich beispielsweise bewerkstelligen, indem man Preisentwicklungen genau beobachtet -und dann interveniert. Wenn etwa Preise für Immobilien übermäßig steigen, könnte man Kreditvergaben in diesem Bereich strenger gestalten. Oder Banken vorschreiben, dass sie ihre Geschäfte mit weniger Schulden finanzieren müssen, sondern eher mit dem Geld ihrer eigenen Aktionäre. Einige solcher Bemühungen laufen schon seit der Finanzkrise auf globaler und europäischer Ebene. Wenn das Geld problemlos seinen Zweck erfüllt, dann braucht es auch nichts, was ihm zugrunde liegt.

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Eine schwarze Nacht

Aus dem FALTER 5/2014

Wie der vermummte Protest gegen einen freiheitlichen Ball Wien radikalisierte

Bericht: Joseph Gepp, Florian Klenk, Benedikt Narodoslawsky

Es ist Freitag Abend, halb zehn, seit Stunden schon rasen Polizeiautos mit Blaulicht durch die Stadt. Hinter der Sezession rennen nun 20 Jugendliche Richtung Karlsplatz. Sie haben schwarze Mützen über das Gesicht gezogen und reißen einen Baustellenzaun nieder. Sie ziehen Bretter und Ziegel hervor und schieben eine Scheibtruhe heran – aus dem Gerümpel bauen sie Barrikaden.

Bevor sie weiterlaufen, reißt einer noch ein Verkehrszeichen nieder und schmeißt es auf den Haufen. In diesem Moment kommt der Verkehr zum Erliegen und die Jugendlichen verschwinden in der Nacht. Sie hinterlassen Stau und Chaos, so schnell, dass die Polizei wieder zu spät kommen wird.

Es ist die Nacht der Maskierten, ein schwarzer Freitag. Vermummte Demonstranten treffen auf maskierte Polizisten.

Und zuhause am Sofa feuern Beobachter, die sich in ihren Facebook-und Twitter-Bildchen ebenfalls maskiert haben, das Treiben an. Die Maske der virtuellen Demonstranten sollte nur ein ironisches Zeichen sein gegen das überbordende Vermummungs-und Platzverbot, das die Polizei für jenen Abend verhängte.

Die Polizei, so stellt sich nun heraus, hat die Lage zwar richtig eingeschätzt, aber sie hatte sie nicht im Griff. Der Wiener Verfassungsschützer Erich Zwettler, einst Fahnder gegen die Neonazis Gottfried Küssels, studierte die Websites der Demonstranten genau. Dort wurde vorweggenommen, was am Freitag geschah. Die linksextreme Wiener Szene, aber auch deutsche Demo-Hooligans, mit Bussen aus Köln und Hamburg angereist, setzten den Abend unter das Motto „Unseren Hass, den könnt ihr haben“. Die Verfassungsschützer schalteten auf Alarmstufe Rot, vielleicht feuerten sie auch einige Radikale erst richtig an: Die Demo gegen den Akademikerball der FPÖ – er ging aus dem Ball des Wiener Kooperationsrings (WKR) hervor – könnte die Stadt in eine Kampfzone verwandeln.

Er stürzte aber nicht nur Wien, sondern auch die Grünen in Turbulenzen. Denn die No-WKR-Website mit den Hassparolen wurde ausgerechnet von der grünen Jugend zur Verfügung gestellt, weil Antifaschisten „Angst vor Repression“ hätten, so deren Argumentation.

Manche Ökos, etwa der grüne EU-Kandidat Michel Reimon, klopfte den Jugendlichen nach der Demo demonstrativ auf die Schulter: „Bin stolz auf @jungegruene“, twitterte er. Nur zwei Tage später drohte die Grünen-Chefin Eva Glawischnig ihrem Nachwuchs mit dem Rauswurf. Sie habe „nullstes Verständnis“. Und auch in der Wiener Basis werden die Grünen nervös. Realos fürchten nun einen Image-Gau kurz vor der Mahü-Befragung und ein Abwandern gemäßigter Wähler zu den Neos.

Zurück auf die kalte Straße. Es hat minus drei Grad. Die Polizei hatte am Nachmittag des 24. Jänner die Stadt komplett abgeriegelt: Heldenplatz, Schwarzenbergplatz, Michaelerplatz, Albertina, Burgtor – die halbe Innenstadt war Verbotszone. Nicht einmal George Bush wurde so beschützt wie die 400 Ballbesucher. Am äußeren Burgtor schlossen die Inspektoren sogar die hölzernen Stadttore, als wäre eine feindliche Armee im Anmarsch. Nur die blaue Exekutivgewerkschaft durfte auf den Heldenplatz, um die Beamten mit Tee und Red Bull zu stärken.

Der Großteil der Exekutive wurde aus der Provinz rekrutiert. Manche wirkten desorientiert. Einer beklagte: „Ich habe kein Schild bekommen, hoffentlich passiert mir nichts.“

Es wimmelte von „Ulanen“, wie die Wiener Sondertruppen heißen, von Wega-Beamten und Frauen und Männern der „EE“ und der „ODE“, das sind die Einheiten mit den Helmen und den Schildern. Zwei Wasserwerfer wurden in Stellung gebracht. Die Presse durfte die Sperrzone nur mit Begleitung betreten – zum eigenen Schutz, wie der Polizeipräsident Gerhard Pürstl betonte. In Wahrheit hatte er Angst, dass sich Provokateure mit gefälschten Presseausweisen in die Ballsäle schleichen und das Fest sprengen könnten, wie ein Sprecher erklärte.

Auf der anderen Seite des Zaunes standen 6000 Demonstranten, die meisten friedlich. Sie wollten ursprünglich mit Holocaustüberlebenden aus Auschwitz und Ravensbrück am Heldenplatz protestieren – doch das untersagte die Polizei. Also sagten sie die Veranstaltung ab.

Die Demo begann harmlos, die Stimmung war aggressiv. Vorne marschierten nicht -wie sonst oft üblich -ein paar stadtbekannte Gewerkschafter mit Megafon, sondern der schwarze Block. Die verhüllten Jugendlichen trugen ein Transparent mit dem Motto des Abends.

Trotz Vermummungsverbot sah man jetzt nur Vermummte. Sie hielten sich an den Schultern, versteckten sich hinter Transparenten, wurden von der Polizei durch enge Gassen eskortiert. Erst einige Meter dahinter folgte eine buntere, junge Schar mit Klobürsten, Trommeln und Clownperücken. „Unsere Polizisten schützen die Faschisten“, riefen sie. Es leuchteten bengalische Feuer. Böller knallten. Die Masse schob sich vom Schwedenplatz hinauf Richtung Stephansplatz.

Auf der Tuchlauben, im neuen Goldenen Quartier, wendeten die Demonstranten offenbar eine neue Taktik an. In kleinen Gruppen marodierten sie durch die Innenstadt und schlugen auf die Scheiben von belebten Cafés und Geschäften ein.

Das Schwarze Kameel, ein Nobelrestaurant: attackiert. Louis-Vuitton-Filiale: entglast. Aida, Tschibo, Juwelier Wagner: zertrümmert. Schaufensterpuppen kippten auf die Straße, und an einem belebten Abend heulten die Alarmanlagen.

Die Polizei wirkte überrumpelt. Sie verabsäumte es etwa, eine Baustelle bei der Polizeiwache Am Hof zu sichern. Nur vier Vermummte können deshalb minutenlang auf das Kommissariat losgehen, mit Brettern zerschlagen sie Fenster und zerdeppern einen Streifenwagen. „Hu! Huuuuu! Hu“, höhnen sie.

Verängstigt blicken Polizistinnen hinter den zerborstenen Scheiben hervor. Es dauert fast eine Minute, bis Einsatzkräfte den Kollegen zu Hilfe eilen.

„Die Randalierer waren schnell und überall“, sagt ein sichtlich erschrockener Polizist. Auch am Stephansplatz explodiert die Gewalt in Sekunden. Demonstranten, die sich mit Knieschützern und Helmen ausgerüstet haben, werfen schwere Metallmistkübel auf Polizisten. Ein Polizist stolpert, er wird fast niedergetreten. Eine Gruppe von Beamten aus Oberösterreich versteckt sich hinter Schildern vor dem Flaschenhagel. Die Truppe wirkt wie ein Haufen überrumpelter Römer in einem Asterix-Heft.

Die Szenen zeigen eine veränderte, eine radikale Unkultur des Protests, die Wien bislang erspart blieb. Über Soziale Medien informierten sich die Demonstranten, wo die Polizei gerade Stellungen aufgibt. Dieser flinken, flexiblen Taktik waren die Beamten offenbar nicht gewachsen.

All das erzeugt am Tag darauf heftige politische Nachwehen. Vertretern der friedlichen Demo-Züge und einigen linken Politikern fällt es sichtlich schwer, das Scheitern der Demo einzugestehen.

Auf Twitter tobt ein reflexhafter Stellungskrieg. Es regieren Sektierer und Anheizer. Der bekannte Starfotograf Manfred Klimek schrieb zu Beginn der Demo: „Ich hätte gerne, dass es heute ordentlich brennt.“ Der freiheitliche Pressesprecher im Nationalrat, Martin Glier, nennt eine Organisatorin der Demos, Natascha Strobl, nach einem TV-Auftritt einen „unglaublich blöden Trampel“ und „eine Kreatur“.

In diesem Szenario verliert die Vernunft. Der Polizeipräsident kündigt an, bei der Rettung die Daten von Verletzten abzugreifen, um sie zu verfolgen. Im ORF laviert der grüne Justizsprecher Albert Steinhauser herum: „Ich finde grundsätzlich in Ordnung, dass die Jungen Grünen helfen wollen, wenn andere rechtsextrem bedroht werden“, sagte er, anstatt auf Distanz zu gehen. Organisatorin Natascha Strobl, eine Ex-VSStÖ-Funktionärin, lobt den „wunderbaren, großen Protest“. Die Ausschreitungen seien lediglich „ein Ergebnis der unsäglichen Hetzkampagne der FPÖ und Eskalationsstrategie der Polizei“.

Man muss nur die Videos auf Youtube ansehen, um die Wahrheit zu sehen. Beim Burgtheater etwa beginnt eine Gruppe von Demonstranten mit Stöcken auf die Polizisten zu schlagen, einfach so. Ein Demonstrant nimmt Anlauf und springt einen Beamten wie ein Verrückter voll an. Die Beamten bleiben noch immer ruhig.

Je später der Abend, desto rätselhafter die Polizeiaktionen. Drei Verdächtige, so geht der Funkspruch, flüchteten zur Akademie der Bildenden Künste, in der ein Tag der offenen Türe stattfand. Hunderte Beamte umstellten das Gebäude, als ob sich darin Amokläufer befänden. „Planlos“ sei das gewesen, klagte die Rektorin Eva Blimlinger. Einzeln hätten ihre Gäste das Gebäude verlassen müssen – wie Verbrecher.

Verängstigte Menschen, eingeschlagene Scheiben, zerstörte Polizeiautos – es war eine rücksichtslose Wut, die Verletzte in Kauf nahm. Selbst am Samstag war damit noch nicht Schluss. Vermummte zogen durch die Stadt und „fahndeten“ nach Burschenschaftern. Die Polizei postierte sich vor deren Buden. Selbst in den Hinterzimmern der Wiener Wirtshäuser suchten Rollkommandos des schwarzen Blocks nach Burschenschaftern, im Josefstädter Gasthaus Blauensteiner etwa.

Klimek, der in Berlin lebende Starfotograf, wird am Tag nach der Demo lakonisch festhalten, dass Wien nur ein „Krawallerl“ erlebt habe, über das Berliner Medien keine Zeile verlieren würden.

In der Tat konzentrierten sich die deutschen Medien auf den Skandal, den die Vermummten mit ihrem Affentheater verdeckten: etwa dass der Ex-Wehrsportler Heinz-Christian Strache neben Holocaust-Leugner John Gudenus am weiträumig gesperrten Heldenplatz das Tanzbein schwingt, während draußen die blaue Exekutivgewerkschaft ihren Kollegen Red Bull reichte, damit sie wach bleiben.

Mitarbeit: Lena Aschauer

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