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„Das war kein Diktat“

Aus dem profil 30/2018 vom 23.07.2018

Wenige haben die Griechenland-Krise so intensiv mitgeprägt und mitverfolgt wie Pierre Moscovici, Wirtschafts-und Währungskommissar der EU-Kommission in Brüssel. Nun läuft das EU-Hilfsprogramm aus, im August werden zum letzten Mal Notkredite überwiesen. War es ein Erfolg oder eher ein Desaster? Ein Bilanzgespräch.

Interview: Joseph Gepp

profil: Herr Moscovici, vor Ihrem Antritt als EU-Kommissar im Jahr 2014 waren Sie sozialdemokratischer Finanzminister von Frankreich. Sozialdemokraten propagieren gern, dass sie für Gerechtigkeit stehen. Blutet Ihr sozialdemokratisches Herz, wenn Sie nach Griechenland blicken?

Moscovici: Meine politischen Ansichten haben sich nicht verändert, seit ich EU-Kommissar geworden bin. Ich weiß, dass die Griechen unter der Krise schwer gelitten haben. Ihre Pensionen wurden gekürzt. Sie sahen ihre Kinder das Land verlassen, weil es keine Zukunft für sie gab. Aber ich kann das mit meinem sozialdemokratischen Herz vereinbaren, weil im Land schlicht die Notwendigkeit für Reformen bestand. Die Wirtschaft in Griechenland stand auf schwachen Beinen; die Steuern gingen nicht ins Staatsbudget. Die staatliche Verwaltung war derart schlecht aufgestellt, dass es nicht einmal einen Kataster gab. Heute hingegen konstatieren wir: Auch wenn der Reformprozess längst nicht abgeschlossen ist, wurden große Fortschritte vollbracht. Es gibt Spielräume, auch für mehr soziale Gerechtigkeit. Die Griechen werden jetzt sehen, dass sich ihre Mühe ausgezahlt hat.

profil: In den vergangenen acht Jahren konnte sich Griechenland nicht auf dem üblichen Weg Geld borgen, mittels Staatsanleihen von internationalen Märkten. Denn diese hätten dem pleitegefährdeten Land derart hohe Zinsen abverlangt, dass es in den Bankrott gerutscht wäre. Deshalb bekam Griechenland Notkredite von anderen Euro-Staaten und musste im Gegenzug harte Einschnitte vornehmen. Im kommenden August läuft das Kreditprogramm aus. Ein Erfolg?

Moscovici:
Die Märkte vertrauen Griechenland wieder. Es hat wieder die Freiheit, seine Politik selbst zu gestalten. Wir haben das Anwachsen der Schuldenlast unterbrochen, sodass die Kredite der Eurozone nicht mehr erforderlich sind. Allein in den letzten drei Jahren des Reformprogramms flossen insgesamt 140 Milliarden Euro nach Griechenland; 450 unterschiedliche Reformen fanden statt. Das Budget weist heute einen Überschuss von 0,8 Prozent auf. Es gibt wieder Wachstum, die Arbeitslosigkeit sinkt -obwohl sie immer noch zu hoch ist.

profil: Treten wir einen Schritt zurück und betrachten wir die Sache grundsätzlicher: Der ganze Zweck der Aktion Europas war doch, dass Griechenland seine Schulden reduziert, damit es wieder kreditwürdig wird und somit keine Eurozonen-Notkredite mehr benötigt. Richtig?

Moscovici: Ja.

profil: Trotzdem lagen die Staatsschulden bei Krisenbeginn 2009 bei 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Heute stehen sie bei 190 Prozent. Da ist doch irgendwas schiefgelaufen.

Moscovici: Eine Krise ist niemals ein Erfolg. Es gab eine jahrelange tiefe Rezession, in der die Schulden weiter angewachsen sind.

profil: Viele Experten glauben aber, dass die tiefen Einschnitte, welche die Eurozone von den Griechen verlangt hat, die Krise noch schlimmer gemacht und die Schulden erst recht hinaufgetrieben haben.

Moscovici: Ich stimme nicht zu. In Griechenland herrschte bereits eine Wirtschaftskrise, als das Programm im Jahr 2010 begonnen hat. Es war nicht die Sparpolitik, die zur Krise geführt hat – sondern umgekehrt, die Krise hat Reformen notwendig gemacht. Ohne sie wäre die Krise noch viel schlimmer ausgefallen. Das bedeutet aber nicht, dass wir keine Fehler gemacht haben. Sie lassen sich kaum vermeiden, wenn man total neue Instrumente entwickelt, um mit bisher unbekannten Herausforderungen umzugehen. Am Anfang der Krise, zwischen 2008 und 2010, haben wir das Ausmaß des Problems unterschätzt. Später haben wir Zeit verloren, als es galt, Instrumente zu entwickeln, um die Krise zu bekämpfen. Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM), aus dem Hilfskredite finanziert werden, war etwa erst ab 2011 funktionstüchtig. Wäre er früher zustande gekommen, hätte man noch besser gegen die Krise vorgehen können.

profil: Als EU-Kommissar war es Ihre Aufgabe, die Fortschritte in Griechenland zu überwachen. Die Notkredite selbst zahlten die Eurostaaten. Nehmen wir an, die Kommission allein hätte die Handlungsmacht gehabt -was hätten Sie anders gemacht?

Moscovici: Ich glaube nicht, dass die Kommission vieles anders gemacht hätte. Ganz allgemein waren wir als Kommission darauf aus, das Leid der griechischen Bevölkerung mitzubedenken und die mit der Sparpolitik verbundenen Härten zu mildern. Es gibt aber einen Punkt, von dem ich sagen kann, dass wir auf der richtigen Seite der Geschichte standen: Wir haben durch all die Jahre stets jede Art eines Grexits, also eines Euro-Austritts, rigoros zurückgewiesen. Im Sommer 2012 und 2015 hatte sich die Krise derart zugespitzt, dass ein Grexit nicht mehr ausgeschlossen schien. Er wäre nicht nur ein enormer Schaden für Griechenland gewesen, sondern eine Gefahr für die ganze Eurozone. Es hätte völlig unabsehbare Dominoeffekte gegeben, vielleicht den Anfang vom Ende des Euro. Ich nehme für mich in Anspruch, immer gegen den Grexit gekämpft zu haben – auch als Sozialdemokrat. Ich war nicht unter denen, die diese Gefahr noch geschürt haben.

Pierre Moscovici (im Gespräch mit profil- Redakteur Joseph Gepp im Wiener Hotel Hansen Kempinski)

profil: Wer hat geschürt?

Moscovici: Das deutsche Finanzministerium. Bei allem Respekt für Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble: Er agierte 2015 zu aggressiv. Als Schäuble einen Grexit nicht mehr kategorisch ausschloss, standen wir vor einer Katastrophe. Es waren intensive und dramatische Momente. Ich glaube nicht, dass Schäuble den Grexit wollte – aber im Ärger über sein damaliges griechisches Gegenüber Yanis Varoufakis ging er zu weit.

profil: Varoufakis war neben Schäuble die zweite wichtige Person, die in der öffentlichen Wahrnehmung mit der Griechenlandkrise verbunden wird. Wie haben Sie ihn erlebt?

Moscovici: Ein brillanter und eloquenter Typ -aber das ist ein Fake. Ich muss es so hart sagen. Varoufakis war die falsche Person zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich habe viele Meetings mit ihm gehabt; wir hatten, zumindest am Anfang, ein gutes Verhältnis. An echten Kompromissen war er aber nicht interessiert. Er hat die anderen immer nur belehrt. Seine Methoden waren nicht jene eines Staatsmanns, sondern eines Spions: Er hat Gespräche, ob privat oder in Verhandlungen, heimlich mitgeschnitten. Ein solches Verhalten hilft vielleicht, mehr Bücher zu verkaufen, aber Vertrauen gewinnt man damit nicht. Darüber hinaus hat Varoufakis mit seinem Gerede über einen Plan B für Griechenland die Gefahr des Grexit extrem geschürt. Es ist ganz normal, wenn Sie mit einigen Ihrer Freunde nicht übereinstimmen. Aber wenn Sie mit allen über Kreuz liegen, sind Sie ein Eigenbrötler.

profil: Ist es denn überraschend, dass in Griechenland im Lauf der Krise jene Kräfte an Bedeutung gewonnen haben, die wenig kompromissbereit sind? Die griechische Wirtschaft ist seit Krisenbeginn um 25 Prozent eingebrochen. Ein solches Desaster entspricht ungefähr dem, was im Jahr 1991 in der Sowjetunion geschah. Kein guter Boden für partnerschaftliche und zivilisierte Krisenbewältigung.

Moscovici: Stimmt, Krisen bringen Populisten hervor. Trotzdem haben sich nicht alle griechischen Politiker verhalten wie Varoufakis. Sein Nachfolger als Finanzminister Euklid Tsakalotos beispielsweise stimmt zwar ideologisch mit Varoufakis überein. Aber Tsakalotos‘ Persönlichkeit ist eine andere: Er versuchte stets, eine gemeinsame Sprache zu finden.

profil: Europas Politiker haben Griechenland absurd harte Forderungen diktiert, zum Beispiel eisernes Sparen mitten in der tiefsten Wirtschaftskrise – macht man es sich da nicht zu leicht, wenn man auf einzelne Hardliner wie Varoufakis deutet?

Moscovici: Das war kein Diktat; die Griechen haben ihre Position stets hart verhandelt. Am 21. Juni dieses Jahres, als wir schließlich das Ende des Kreditprogramms vereinbart haben, haben Griechenlands Politiker deshalb auch umfassende Zugeständnisse für ihr Land herausgeholt. Das zeigt, dass man mit Kompromissbereitschaft durchaus etwas gewinnen kann.

profil: Sie sprechen von der Schuldenumstrukturierung für Griechenland. Diese bekommt das Land anstelle des vieldiskutierten Schuldenschnitts, den die Griechen jahrelang forderten. Die Schulden werden zwar nicht gestrichen, aber immerhin wird die Rückzahlung über lange Zeiträume gestreckt.

Moscovici: Nicht nur das. Dazu kommt beispielsweise, dass Griechenland bis ins Jahr 2032 keinerlei Zinsen auf seine Schulden zahlen muss. Das verschafft entscheidenden finanziellen Spielraum über lange Zeit, Raum für nachhaltiges Wachstum und Investitionen. Es ist ein starkes Paket.

profil: Wäre Ihnen trotzdem ein echter Schuldenschnitt lieber gewesen?

Moscovici: Der Deal vom 21. Juni war der beste, der zu erzielen war. Ich verstehe, dass die Eurostaaten keinen Schuldenschnitt gewähren wollten. Ich selbst war Finanzminister von Frankreich, des zweitgrößten Gläubigers Griechenlands. Die Eurostaaten wollen Schulden nicht einfach erlassen; es geht um ihr Geld und ihre Bürger.

profil: Aber ohne Schuldenschnitt bleibt Griechenland der Staat mit den weltweit zweithöchsten Schulden hinter Japan. Das erhöht die Anfälligkeit für neue Krisen und könnte letztlich erst recht in eine griechische Staatspleite führen -wodurch das Geld der Europäer verloren wäre. Wenn die Eurostaaten heute Griechenlands Schulden teilweise erlassen würden, werden sie morgen ihr verborgtes Geld mit höherer Wahrscheinlichkeit wiedersehen. Glauben Sie nicht?

Moscovici: Sie lassen zwei Dinge außer Acht. Erstens: Wenn man bewerten will, ob Schulden auch zurückgezahlt werden können, blickt man vor allem auf den sogenannten jährlichen Bruttofinanzierungsbedarf eines Landes. Im Fall Griechenlands wurde vereinbart, dass dieser mittelfristig unter 15 Prozent und danach unter 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bleiben soll. Zweitens hat sich die Eurogruppe verpflichtet, im Jahr 2032 zu prüfen, ob zusätzlich Schuldenmaßnahmen erforderlich sind, um die Einhaltung dieser Ziele zu gewährleisten. Gegebenenfalls werden geeignete Maßnahmen ergriffen.

profil: Lassen Sie uns noch über eine Zahl sprechen, die symptomatisch für Europas Umgang mit Griechenland steht. Athen musste sich unter anderem zu Privatisierungen verpflichten, um höhere Einnahmen zu erzielen, mit denen es seine Schulden abbezahlen kann. Damit könne man die gewaltige Summe von 50 Milliarden Euro lukrieren, sagt die Kommission. Aber diese Zahl entspringt mehr oder weniger der Fantasie (hier die Geschichte dazu aus dem Jahr 2015). Erstmals aufgebracht wurde sie von einem griechischen Spitzenbeamten im Jahr 2011, der inzwischen selbst eingestanden hat, dass die Zahl auf gut Glück festgelegt wurde. Warum verwendet die Kommission derart unseriöse Zahlen?

Moscovici: Ich habe die Zahl niemals ins Gespräch gebracht. Die 50 Milliarden kamen 2015 im Rat auf (also bei den Staats-und Regierungschefs, Anm.). De facto spielt die Zahl keine Rolle. Entscheidend ist, dass überhaupt privatisiert wird. Privatisierungen sind gut für die griechische Wirtschaft, das sieht man etwa am Verkauf des Hafens von Piräus.

profil: Die 50 Milliarden sind eine hochoffizielle Zahl, die in milliardenschweren Kreditverträgen auftaucht. Wie kann das sein?

Moscovici: Wie gesagt, die Zahl kam nicht von der Kommission. Ich weiß die richtige Zahl nicht. Wir haben jedenfalls immer gedacht, dass 50 Milliarden ein wenig hoch gegriffen sind. Trotzdem gibt es große Kapazitäten in Griechenland, was mögliche Erlöse von Privatisierungen betrifft.

profil: Eine weitere Fragwürdigkeit tut sich auf, wenn man das griechische Militär betrachtet. Griechenland hat trotz aller Sparvorgaben die höchsten Militärausgaben der Eurozone, gemessen an der Wirtschaftsleistung. Hätte man nicht eher beim Militär sparen können statt im Gesundheitssektor?

Moscovici: Das griechische Militär ist wichtig wegen der geopolitischen Situation des Landes. Griechenland ist ein Land, das den Migrationsströmen nach Europa voll ausgesetzt ist. Zudem grenzt es an die Türkei. Diese gehört zwar zur Nato und ist Europa freundschaftlich verbunden. Dennoch ist das Verhältnis zwischen Griechenland und der Türkei kompliziert.

profil: Es gibt in Europa Staaten, die gar eine Invasion ihres Nachbarn fürchten: zum Beispiel Estland, Lettland und Litauen, die an Russland grenzen. Trotzdem gibt es nicht einmal dort derart hohe Militärbudgets wie in Griechenland. Ist es ein Geschenk an deutsche und französische Rüstungskonzerne, dass bei der Armee nicht so hart gespart werden muss?

Moscovici: Natürlich nicht. Man kann Griechenland überdies nicht mit den baltischen Staaten vergleichen. Letztere hatten gar kein eigenes Militär, ehe sie sich im Jahr 1990 von der Sowjetunion lösten. Griechenland hingegen hat eine Tradition des Militärs. Eine gute Armee in Griechenland nutzt ganz Europa.

profil: Lassen Sie uns am Ende ein Zukunftsszenario entwerfen. Angenommen, der internationale Wirtschaftsaufschwung ebbt ab. Infolgedessen werden, nicht nur in Griechenland, die Staatsschulden wieder höher. Haben Sie Sorge, dass die Märkte in einer solchen Situation das Vertrauen ins ohnehin hochverschuldete Griechenland wieder verlieren – und die Krise sich wiederholt?

Moscovici: Früher oder später wird die wirtschaftliche Lage schlechter werden. Denken Sie allein an die Risiken, die wir derzeit aufgrund der protektionistischen Tendenzen auf internationaler Ebene beobachten. Aber ich glaube, dass Griechenland heute besser gegen eine neue Krise gewappnet ist. Im heurigen Sommer besuchen 32 Millionen Touristen das Land -vor zehn Jahren waren es nur 22 Millionen. Das liegt zwar auch daran, dass derzeit viele Touristen die unsicheren Maghreb-Staaten meiden. Aber Griechenland hat auch viel Geld in Hotels und touristische Services investiert. Ich glaube, das Land hat heute die Möglichkeit, sich wirtschaftlich besser zu entwickeln als der Rest der Eurozone. Dafür haben wir die Voraussetzungen geschaffen.

ZUR PERSON

Pierre Moscovici ist seit 2014 EU-Wirtschaftsund Währungskommissar der Brüsseler EU-Kommission unter Präsident Jean- Claude Juncker. Davor war Moscovici, geboren 1957 in Paris, Frankreichs Finanzminister von 2012 bis 2014. In beiden Positionen hat er die europäische Krisen-und Griechenlandpolitik maßgeblich mitgestaltet. In ihrem Kontext trat der EU-Kommissar stets als eher gemäßigter Vermittler auf. Moscovici gehört der französischen Parti socialiste an.

STICHWORT STAATSSCHULDEN
Die griechischen Staatsschulden werden immer höher – trotz harten Sparens. Wie ist das möglich? Schulden bemessen sich in Relation zur jeweiligen Wirtschaftsleistung. Diese brach in Griechenland infolge von Wirtschaftskrise und Einschnitten um rund ein Viertel ein. Fazit: Auch wenn Griechenland Jahr für Jahr spart und hohe Überschüsse einfährt – die Schulden werden automatisch höher, solange die Wirtschaft nicht wächst.

DIE GRIECHENLANDKRISE
Alles begann Ende 2009. Damals gestand der griechische Premier Giorgos Papandreou, dass Athens Staatsschulden höher lagen als zuvor bekannt. Dadurch konnte sich Griechenland nur noch gegen hohe Zinsen weiterhin verschulden, was die Pleitegefahr zusätzlich vergrößerte. Ab 2010 sprangen die Eurostaaten mit Notkrediten ein. Im geringeren Maß involviert war auch der Internationale Währungsfond (IWF), ab 2011 unter Christine Lagarde. Federführend verantwortlich für das Programm aufseiten der Regierungen waren zunächst Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, später verlagerte sich das Gewicht stärker zu Deutschland. In Form dreier Kreditpakete flossen seit 2010 insgesamt knapp 274 Milliarden Euro an Griechenland. Das Land war (neben Portugal, Irland und Zypern) eines von vier EU-Ländern, die infolge der internationalen Finanz-und Wirtschaftskrise 2008 in Zahlungsprobleme gerutscht waren und Notkredite erhielten -doch nirgends war die Situation derart schlimm. Athen musste sich im Gegenzug zu harten Sparund Reformauflagen verpflichten und tiefe Einschnitte vornehmen, etwa im Gesundheits-und Pensionssystem. Begleitet und überwacht wurde all das von der „Troika“ aus IWF, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission. Bei Letzterer ist seit 2014 Pierre Moscovici für die Griechenlandpolitik verantwortlich. Im Sommer 2015 kündigte die griechische Linksregierung unter Alexis Tsipras die Sparpolitik nach einem Referendum einseitig auf. Tsipras‘ Finanzminister Yanis Varoufakis machte sich in Brüssel durch seinen Verhandlungsstil unbeliebt. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble reagierte mit Härte. Nach Wochen, in denen das Land beinahe aus der Eurozone gekippt wäre, gab Tsipras klein bei und erfüllte alle Forderungen der Gläubiger. Im Juni 2018 schließlich einigte man sich auf das Auslaufen des dritten Hilfspakets. Zuletzt machten die Euro-Finanzminister den Griechen noch Zugeständnisse: So werden unter anderem die Kreditrückzahlungen um zehn Jahre nach hinten verschoben.

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Und Schnitt!

Aus profil 19/2017

Seit Jahren wird über einen Schuldenerlass für das hochverschuldete Griechenland debattiert. Bekommt ihn das Land nun doch? Jedenfalls herrscht seit Langem ein Streit über die Frage zwischen den Gläubigern, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Eurogruppe. Der IWF um Direktorin Christine Lagarde hält die Schuldenlast der Griechen für nicht tragfähig. Er will sich nur an weiteren Hilfsprogrammen beteiligen, wenn die Euro-Gruppe auf Teile ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichtet. Dies lehnt das wichtigste Euro-Land Deutschland radikal ab. Zugleich jedoch hat sich der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble festgelegt, dass weitere Griechenland-Hilfen nur fließen sollen, wenn der IWF sich weiterhin beteiligt. Was also tun? Laut „Handelsblatt“ sucht man in Brüssel und Berlin nach einem Ausweg. Im Gespräch ist eine Art Schuldentausch: Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) – also quasi die Euro-Gruppe – könnte Griechenlands Schulden beim IWF übernehmen. Dafür beteiligt sich der IWF weiterhin am Programm. Mit einer Entscheidung vor den deutschen Bundestagswahlen im September ist eher nicht zu rechnen. Die Regierung in Berlin will ihren Wählern vorher nicht erklären müssen, dass man Griechenland Schulden erlassen muss.

Joseph Gepp

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Ein sauberer Schnitt

Aus profil 32/2015

Alexis Tsipras will ihn, der Internationale Währungsfonds will ihn, viele EU-Regierungschefs wollen ihn. Nur Wolfgang Schäuble will ihn nicht: einen Schuldenschnitt für Griechenland. Kleine Geschichte eines großen Streitthemas.

Von Joseph Gepp

Alexis Tsipras ist eigentlich nicht in der Position, noch etwas zu verlangen. Mitte Juli erzwangen die Gläubigerstaaten vom griechischen Premier ein Abkommen, das allen Positionen seiner linksgeführten Regierung in Athen radikal entgegensteht. Nur von einer Forderung will Tsipras bis heute nicht abrücken. Vielleicht ist es seine größte.

Der Schuldenschnitt für Griechenland war stets eines der wichtigen Ziele der Syriza-Regierung. Im Abkommen vom Juli erklärten sich die Gläubiger nur vage bereit, ihn zu „erwägen“. Doch die Maßnahme sei nicht vom Tisch, sagte Tsipras vergangene Woche im Radio. Im heurigen November werde es schon noch zum Schuldenschnitt kommen.

Tsipras ist in dieser Frage zuversichtlich, denn er weiß mächtige Verbündete an seiner Seite. So fordert etwa auch der Internationale Währungsfonds (IWF), einer der Gläubiger des hochverschuldeten Griechenland, den Schuldenschnitt. Wiewohl weltanschaulich sonst gar nicht auf Linie mit Tsipras, nennt der IWF die Höhe der griechischen Staatsschulden „hochgradig unnachhaltig“.

Dazu halten viele Ökonomen den Schnitt für unumgänglich. Genauso wie etliche EU-Regierungschefs. Nur einer ist strikt dagegen: Deutschlands konservativer Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Woher kommt diese merkwürdige Konstellation für und wider den Schuldenschnitt? Braucht ihn Griechenland wirklich? Und was ist das überhaupt, ein Schuldenschnitt?

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In seiner Reinform würde ein Teil der griechischen Staatsschulden von derzeit mehr als 300 Milliarden Euro einfach gestrichen. Die Gläubiger – hauptsächlich die Eurostaaten – müssten dann auf ihr Geld verzichten. Es gibt aber auch moderatere Varianten: Man könnte zum Beispiel Griechenland mehr Zeit einräumen, um seine Kredite zurückzuzahlen. Oder man reduziert die Zinsen auf diese Kredite. Auch in diesen Fällen müssten die Gläubiger auf einiges Geld verzichten, der Schuldner Griechenland wäre mehr oder weniger entlastet.

Wer die Argument für und gegen einen Schuldenschnitt verstehen will, muss jedenfalls die Bedeutung einer Zahl kennen: der Staatsschuldenquote. Das ist das Verhältnis der Schulden zur jährlichen Wirtschaftsleistung, also zum Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Griechenlands Staatsschuldenquote liegt derzeit bei 177 Prozent des BIP. Und sie wird weiter steigen, auf fast 200 Prozent, warnt der IWF. Die Staatsschulden würden dann also der Wirtschaftsleistung von zwei Jahren entsprechen. Schon heute sind sie in keinem Industrieland außer Japan so hoch wie in Griechenland.

Dieser steile Anstieg kommt nicht etwa daher, dass Griechenland derart viel Geld ausgibt. Im Gegenteil, auf Geheiß seiner Gläubiger spart Athen seit Jahren so eisern wie kaum ein Land in Europa. Allerdings sinkt zugleich das BIP extrem, ungefähr um ein Viertel seit Krisenbeginn 2009. Dementsprechend erhöhen sich die Staatsschulden, weil man sie ja in Relation zum BIP misst.

Nun gibt es beim IWF einen wichtigen Grundsatz: Die Staatsschuldenquote eines Landes darf nicht mehr als 120 Prozent betragen. Alles darüber sei, so die Diktion des Währungsfonds, „nicht tragfähig“. So wie Griechenlands Schulden von 177 Prozent.

Die Logik dahinter: Ein stark verschuldetes Land droht – ähnlich einer stark verschuldeten Privatperson – leicht in eine Schuldenspirale zu geraten. Es muss immer höhere Zinsen auf seine Kredite bezahlen. Ein Teufelskreis in Richtung Pleite kommt in Gang. Eben deshalb fordern der IWF und andere Befürworter den Schuldenschnitt. Zu Recht?

Nein, sagen Schäuble und die Gegner. Denn Griechenlands Staatsschulden könne man nicht ohne Weiteres mit denen anderer Länder vergleichen.

Wer dieses Argument verstehen will, muss zurück ins Jahr 2012. Damals gab es für Griechenland schon einmal einen Schuldenschnitt. Die privaten Gläubiger des Landes – vor allem Banken – mussten auf rund die Hälfte ihres Geldes verzichten. Dafür übernahmen öffentliche Einrichtungen von ihnen die griechischen Staatsschulden. Die größten Gläubiger Griechenlands sind seither die Staaten der Eurozone, der IWF und die Europäische Zentralbank.

Diese neuen Gläubiger wollen eine Pleite Griechenlands verhindern, damit der Euro nicht in Gefahr gerät. Also gewährten sie dem Land – im Gegenzug für harte Sparmaßnahmen – Notkredite zu äußerst günstigen Konditionen. Die Laufzeiten vieler dieser Kredite sind lang, durchschnittlich 31 Jahre. Die Verzinsung ist meist günstig.

Die Folge: Trotz extremer Verschuldung Griechenlands kommen die Schulden das Land vergleichsweise billig. Pro Jahr muss Athen lediglich etwas mehr als vier Prozent seines BIPs an Zinsen bezahlen. Das entspricht ungefähr dem Durchschnitt im Süden von Europa. Italien und Portugal etwa zahlen sogar geringfügig mehr, obwohl deren wirtschaftliche Situation viel besser ist.

Griechenland erstickt also ganz und gar nicht an hohen Schulden. Es bräuchte, streng genommen, keinen Schuldenschnitt. Zumindest nicht, solange das Land weiterhin von den Eurostaaten mit günstigen Notkrediten versorgt wird. Das Problem beginnt erst, sobald Griechenland aus dem Rettungsmodus in den normalen zurückwechseln will. Also sobald es sich wieder Geld am normalen Markt leihen möchte, von Banken und anderen Anlegern, so wie unter Staaten üblich.

In diesem Fall würden die Zinsen sogleich in die Höhe schießen. Schließlich wird ein Kredit desto teurer, je höher das Risiko ist. Und Geld nach Griechenland zu verleihen, ist nach wie vor ein Hochrisikogeschäft. Die Verschuldung des Landes ist extrem, die Pleitegefahr virulent.

An dieser Stelle kommen erneut die Befürworter des Schuldenschnitts zu Wort. Sie fordern, dass Griechenland möglichst bald wieder an den Markt zurückkehren soll. Also eben das, was derzeit wegen der schlechten Konditionen undenkbar ist. Deshalb, so die Befürworter, brauche es den Schuldenschnitt.

Hätte Griechenland infolge des Schnitts niedrigere Staatsschulden, wäre die Pleitegefahr viel geringer – und das Land in den Augen der Investoren wieder vertrauens- und kreditwürdig. Athen könnte sich wieder am freien Markt finanzieren. Die bisherige Unterstützung durch die Gläubigerstaaten wäre nicht mehr notwendig. Zugleich wäre Griechenland auch gezwungen, mit dem geborgten Geld sorgsam umzugehen. Andernfalls nämlich würden Kredite an Athen wieder riskanter für Anleger – die Kosten für das geborgte Geld würden steigen.

Alternatives Szenario: Es gibt keinen Schuldenschnitt. Dann hängt Griechenland wahrscheinlich noch Jahrzehnte am Tropf der Euro-Staaten. Es wäre, so wie derzeit, in einer Art Schuldknechtschaft gefangen. Zwar kann sich Athen die günstigen Notkredite der Eurozone grundsätzlich leisten. Doch aufgrund seiner hohen Staatsschuldenquote hat es keine Chance, in absehbarer Zeit an den Markt zurückzukehren. Und alle paar Jahre bricht neuerlich der Streit darüber aus, welche radikalen Sparmaßnahmen Griechenland setzen muss, damit die Gläubiger weiteren Notkrediten zustimmen.

602 Euro würde es durchschnittlich jeden Europäer kosten, die griechische Schuldenlast bei den Eurostaaten komplett zu streichen, hat Grégory Claeys ausgerechnet, Ökonom am Brüsseler Bruegel-Institut. Die Summe varriert je nach Wohlstand und Größe der einzelnen Staaten: So müsste jeder Luxemburger 1014 Euro zahlen, 75 jeder Ire, 685 jeder Deutsche, 680 jeder Österreicher. Dass die Deutschen eher viel berappen müssten, erklärt ein Stückweit ihren Widerstand gegen einen Schuldenschnitt. Mit der Summe von 602 Euro pro Europäer jedenfalls könnten Griechenlands Schulden von 177 auf null Prozent des BIP gedrückt werden.

Ein solch radikaler Schnitt gilt als extrem unwahrscheinlich, aber laut Claeys „muss man die griechischen Staatsschulden auf ein nachhaltiges Maß zurückbringen, etwa auf 60 Prozent“. Das wäre unter dem derzeitigen Niveau von Deutschland (75 Prozent) oder Österreich (85 Prozent).

Ein solcher Schnitt auf 60 Prozent wäre „nicht insignifikant, aber absolut machbar“, sagt Claeys. „Man muss schließlich an die Alternative denken.“ Die wäre: jahrelang weitere Hilfskredite an das Land – wobei nicht klar ist, ob sie jemals wieder zurückkommen. Falls Griechenland nämlich doch noch irgendwann in den Euro-Austritt schlittert, ist das gesamte Geld wohl weg. Die Kosten für den Schuldenschnitt hingegen wären einmalig zu leisten.

Derzeit verhandeln die Griechen und Gläubiger noch nicht über den Schuldenschnitt. Zuvor will man noch die Details des Sparprogramms klären, das Athen umsetzen muss. In der Vereinbarung von Mitte Juli wurden nur dessen grobe Leitlinien festgelegt. Erst wenn diese Verhandlungen beendet sind, ab Herbst, soll es um den Schuldenschnitt gehen.

Aller Voraussicht nach wird man sich danach auf einen moderaten Schnitt einigen. Denn es gilt einen Ausgleich zwischen zwei Gläubigerfraktionen zu finden. Auf der einen Seite steht der IWF, der auf einen Schuldenschnitt besteht. Auf der anderen stehen viele Griechenland-Hardliner im mächtigen Deutschland. Die dortigen Politiker und (Boulevard-)Medien lehnen den Schnitt ab, weil sie darin eine Belohnung für schlechtes Wirtschaften sehen.

Griechenland wird also wohl ab Herbst etwas geringere Zinsen auf seine Kredite zugestanden bekommen. Oder längere Laufzeiten. Die – ohnehin guten – Konditionen für die Notkredite an Athen werden noch ein bisschen besser. Dass sich Griechenland bald wieder über den Markt finanzieren kann, dafür jedoch werden diese Maßnahmen bei Weitem nicht ausreichen. Die Schulden bleiben. Der Streit geht weiter.


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„Athens leise Katastrophe“: Reportage aus Athen kurz vor dem „Oxi“ (Juli 2015)
Warum Griechenland nicht noch mehr sparen müssen soll (Anfang Juli 2015)

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