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„Ich bin auf der sicheren Seite“

Aus profil 53/2015

Ölpreistief, Russlandsanktionen, forcierter Klimaschutz: Die OMV, Österreichs größtes Industrieunternehmen, erlebte schon bessere Tage. Generaldirektor Rainer Seele lässt Visionen vermissen, hofft auf Sibirien und will nicht ans postfossile Zeitalter glauben.

Interview: Joseph Gepp, Christina Hiptmayr

profil: Herr Seele, der Klimagipfel in Paris ist zu einem überraschenden Ergebnis gekommen: Wie fühlt man sich als hochrangiger Vertreter einer Branche, die zum Sterben verurteilt ist?

Rainer Seele: Ich fühle mich sehr lebendig. Unsere Branche wird auch in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten, davon bin ich überzeugt. Für mich sind diesbezüglich die Studien der Internationalen Energieagentur verbindlich. Diese sagen klar voraus, dass wir die Primärenergieträger Öl und Gas auch in den nächsten Jahrzehnten brauchen werden. Für mich stellt sich eher die Frage, welchen Beitrag wir als OMV leisten können, um zu einer Verminderung des CO2-Ausstoßes zu kommen. Da ist es eindeutig, dass wir künftig stärker auf den umweltfreundlichsten Primärenergieträger setzen werden.

Rainer Seele, 55: Der gebürtige Bremerhavener übernahm im vergangenen Sommer die Führung der OMV. Der ehemalige Wintershall-Chef verfügt über exzellente Kontakte nach Russland und fungiert als Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (Foto: OMV).

Rainer Seele, 55: Der gebürtige Bremerhavener übernahm im vergangenen Sommer die Führung der OMV. Der ehemalige Wintershall-Chef verfügt über exzellente Kontakte nach Russland und fungiert als Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (Foto: OMV).

profil: Sie meinen Erdgas.

Seele: Wir sind der Meinung, dass man Erdgas wesentlich stärker in der Stromerzeugung einsetzen muss und nicht eine Energiepolitik verfolgen soll, die Kohle favorisiert. Damit würden wir einen erheblichen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen leisten. Dies ist allerdings nicht erfolgt, weil CO2-Zertifikate zu günstig sind. Wenn wir eine höhere Besteuerung von CO2 hätten, hätten wir auch eine ökologisch lenkende Wirkung. Dann würden Investitionsentscheidungen anders getroffen werden. Wir haben das durchgerechnet: Alleine in Europa könnten mit dieser Maßnahme 15 Prozent der CO2-Emissionen eingespart werden. Diese Größenordnung lohnt sich.

profil: In Paris hat man sich aber auch das – zugegebenermaßen sehr ambitionierte – Ziel gesetzt, bis 2050 gänzlich aus fossilen Energieträgern auszusteigen. Also auch aus Erdgas.

Seele: Unsere Gasstrategie geht aber nicht bis zum Jahr 2050. Im derzeitigen Umfeld hat die mittelfristige Ausrichtung der OMV für mich höhere Priorität. Wir haben in einem Niedrigölpreis-Umfeld einen Schwerpunkt zu setzen. Ich bin der Meinung, dass ein Ausstieg aus Öl und Gas bis 2050 nicht möglich ist. In der globalen Energieversorgung wird man darauf nicht verzichten können. Viele Entwicklungsländer wollen ihren Lebensstandard erhöhen. Und das geht mit einem höheren Energieverbrauch einher. Bis dato habe ich noch kein einziges Konzept gesehen, wonach die komplette Energieversorgung eines Landes mit Erneuerbaren Energien möglich wäre.

profil: Zusammengefasst lautet die klimapolitische Strategie der OMV also: Von den bösen fossilen Energieträgern arbeiten wir mit dem am wenigsten bösen. Oder haben Sie mehr zu bieten?

Seele:
Wir haben Öl und Gas, wobei Letzteres im Portfolio der OMV künftig ein größeres Gewicht bekommen wird. In erster Linie deshalb, weil die Wachstumsaussichten beim globalen Verbrauch besser sind. Aber auch Öl bietet noch Potenzial: Im Mobilitätssektor etwa ist es nach wie vor unschlagbar. Dazu haben wir ein gesundes Raffineriegeschäft.

profil: Die von Ihnen zitierte Internationale Energieagentur prognostiziert aber, dass sich der Einsatz der Fossilen bis 2040 halbieren wird.

Seele: Alle Prognosen haben eines gemeinsam: Sie stimmen nicht. Man muss eine ausbalancierte Sichtweise entwickeln, die man seinen unternehmerischen Entscheidungen zugrunde legt. Wir sehen eindeutig die gute Perspektive von Erdgas. Insgesamt glaube ich, dass kurzfristig der Verbrauch von fossilen Primärenergieträgern sogar nach oben gehen wird, als Folge des günstigen Preisniveaus. Die Zunahme des Ölverbrauchs beträgt derzeit mehr als eine Million Barrel pro Tag. Das entspricht etwa dem, was ein Produktionsland wie Libyen in seinen guten Zeiten produziert hat. Für nächstes Jahr rechnet die Internationale Energieagentur mit einem mindestens ebenso großen Wachstum.

profil: Ist es denn nicht eine Strategie der Förderländer, den Weltmarkt mit billigem Öl zu schwemmen, um die Weiterentwicklung der Erneuerbaren Energien zu bremsen?


Seele:
Es gibt viele Interpretationen, welche Strategien die Förderländer verfolgen.

profil: Welche halten Sie für die richtige?


Seele:
Wir haben einen Weltrohölmarkt, der derzeit nicht durch das Regulativ OPEC beeinflusst wird (Anm.: Die Organisation erdölexportierender Länder ist nicht imstande, sich auf eine Förderquote zu einigen). Die Förderländer haben die Produktion kräftig gesteigert. Als Strategie dahinter vermute ich, dass sie schlicht die Staatseinnahmen brauchen. Viele Energieunternehmen leiden stark unter dieser Situation, weil die Ölpreise fallen. In den USA beobachten wir einen Förderrückgang, viele Firmen mussten aufhören. Die OMV aber ist in diesem Kontext stark und stabil aufgestellt. Trotz der schwierigen Zeiten.

profil: Wann kommt der Zeitpunkt, an dem die Welt völlig aus fossilen Energien aussteigt und die OMV ihren Geschäftszweck verliert?

Seele: Ich als OMV-Chef werde das nicht erleben. Da bin ich auf der sicheren Seite. Abgesehen davon lautet unsere langfristige strategische Grundannahme, dass der Anteil von Erdgas am Energieverbrauch größer wird, und danach handeln wir.

profil: Erdgas wird vor allem in Russland gefördert, Ihrem großen Hoffnungsmarkt. Überhaupt gelten Sie als Russen-Versteher. Kürzlich haben sich die OMV und Gazprom darauf geeinigt, dass die OMV einen Anteil an einem Gasfeld in Westsibirien bekommt. Gazprom soll dafür ein Asset aus dem Besitz der OMV erhalten. Verraten Sie uns welches?

Seele: Nein. Wir haben die Gespräche dazu vor einem knappen halben Jahr begonnen. Bisher haben wir uns darauf konzentriert, uns als OMV ein Bild von dem Asset zu machen, die wir in Russland erhalten werden. Erst im nächsten Schritt werden wir gemeinsam mit der Gazprom bewerten, welche Assets der OMV für den Tausch infrage kommen. Hier haben wir uns lediglich auf eine Shortlist geeinigt, die wir in den kommenden Wochen diskutieren werden.

profil: Uns liegt ein internes Positionspapier der Arbeiterkammer vor. Diese fürchtet, Gazprom könnte durch dieses Geschäft zu viel wirtschafts- und energiepolitischer Einfluss in Österreich eingeräumt werden.

Seele: Wie soll das passieren? Wie soll man über eine Beteiligung an einem Tochterunternehmen der OMV einen derartigen Einfluss nehmen?

profil: Spekuliert wird, dass es sich bei dem Asset um die Gas Connect Austria handeln könnte, das österreichische Ferngasleitungsnetz. Das wäre wichtige Infrastruktur, die an die Gazprom geht.

Seele: Was die Gas Connect betrifft, werden wir zwar tatsächlich Anteile veräußern. Wir haben einen Bieterwettbewerb gestartet und dafür eine Investmentbank beauftragt. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Gazprom an dem Verkaufsprozess partizipiert, gleich null.

profil: Die Gas Connect steht also nicht auf der streng geheimen Gazprom-Shortlist.

Seele: In der Tat. Wenn ich mich über dieses Asset mit der Gazprom unterhalten würde, könnte ich es ja nicht gleichzeitig hundert anderen Teilnehmern anbieten.

profil: Die Gas Connect ist ein profitables Unternehmen, warum wollen Sie das verkaufen?

Seele: In erster Linie wollen wir den Wert wir den Wert monetarisieren und den Gewinn aus dem Verkauf in lukrativere Projekte stecken. Als Betreiberin des Fernleitungsnetzes ist die Gas Connect von der EU derart stark reguliert, dass wir als OMV keinerlei unternehmerischen Einfluss ausüben können. Wir können nicht einmal das Management selbst besetzen, das ist Sache der Regulierungsbehörde. Die Gas Connect ist für uns fast so etwas wie eine Finanzbeteiligung.

profil: Zurück zur Shortlist. Wie viele Positionen stehen derzeit drauf?

Seele: Drei.

profil: Wie viele davon in Österreich?

Seele: Das sage ich Ihnen nicht.

profil: Ist die Raffinerie Schwechat darunter, wie Medien spekulieren?

Seele: Keine dieser Spekulationen kommentiere ich. Wir haben eine Vertraulichkeitsvereinbarung mit der Gazprom vereinbart. Außerdem will ich die Mitarbeiter nicht beunruhigen und Gerüchte anheizen.

profil: Verstehen Sie die europäische oder österreichische Angst vor Gazprom?

Seele: Ich würde es nicht als Angst bezeichnen, eher als Vorbehalt. Teilweise lässt sich das aus der europäischen Geschichte heraus erklären. Zudem betreibt die Gazprom auch eine Kommunikationspolitik, die nicht unbedingt westlich orientiert ist, um das vorsichtig zu formulieren. Das trägt nicht zum Aufbau von Vertrauen bei. Auf der anderen Seite verstehe ich aber auch die Haltung der Gazprom. Sie argumentiert, die Europäer würden das Signal aussenden, sie sei hier nicht willkommen. Wir als OMV hingegen bekommen aus Russland das Signal: Ihr seid willkommen. Die Gazprom lädt uns ein, an der Ausbeutung einer Lagerstätte teilzunehmen, die eine der besten ist, die man in der Russischen Föderation finden kann. Das alles dient auch der Absicherung der russischen Gaslieferungen nach Österreich.

profil: Das stößt aber nicht auf allen Seiten auf Freude. Die EU wünscht sich eine Diversifizierung der Energiequellen, damit die Abhängigkeit von Russland reduziert wird. Außerdem sind gegen Russland wegen der Besetzung der Krim Sanktionen aufrecht. Darf man mit einem teilstaatlichen Unternehmen wie der Gazprom in diesen Zeiten große, wichtige Geschäfte machen?

Seele: Ich verstehe die Bedenken der EU-Kommission. Aber ich kritisiere, dass sie die Prioritäten falsch setzt. Nur 25 Prozent des europäischen Gasbedarfs stammen aus Russland. Ich bin zwar ein Verfechter einer weiteren Diversifizierung, aber nicht zulasten von Quellen, die sich in der Vergangenheit als verlässlich erwiesen haben. Wo soll denn die Diversifizierung zukünftig herkommen? In Nordafrika etwa haben wir derzeit erhebliche Probleme. Diversifizierung bedeutet für uns als OMV auch Transitsicherheit. Wir wollen Transitunterbrechungen ausschließen und investieren zum Beispiel in das Nord-Stream-2-Projekt. Damit stellen wir eine direkte Verknüpfung der europäischen Verbrauchermärkte mit den russischen Gasquellen sicher.

profil: Halten Sie die europäische Sanktionspolitik für falsch?

Seele: Ich möchte meine persönliche Meinung außen vor lassen. Aber Umfragen unter unseren Mitgliedern der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer ergeben, dass 80 Prozent die Sanktionen für politisch unwirksam halten. Zwei Drittel sagen zudem, dass sie das operative Geschäft stark beeinflussen. Das Handelsvolumen mit Russland ist heuer in Österreich wie in Deutschland um etwa ein Drittel eingebrochen. In Russland haben die Sanktionen die Abschwächung der Konjunktur verstärkt – und das wirkt zurück auf deutsche und österreichische Unternehmen. Denken Sie beispielsweise an die Automobilbranche.

profil: Was hätte man sonst machen sollen?

Seele: Ich verstehe, dass die Politik keine Alternative zu den Sanktionen hatte. Man wollte gegenüber Russland ein Zeichen setzen: Hier wurde eine Grenze überschritten. Dass hingegen die Wirtschaft zugleich gerne die Exportpotenziale in Russland wahrnehmen würde, ist auch keine Frage.

profil: Klimakonferenz, Russland-Sanktionen, Ölpreistief – alles in allem keine rosigen Aussichten für die OMV. Wird es das Unternehmen in 40 Jahren noch geben?

Seele: Ich hätte gehofft, sie sagen 100 Jahre. In 40 Jahren? Aber allemal. Stärker, effizienter, größer, profitabler. Das wird eine tolle OMV sein. Warten Sie mal ab.

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„Griechenland ist wie Russland in den frühen Neunzigern“

Aus profil 36/2015

Nach dem Zerfall der Sowjetunion verordnete der US-Ökonom Jeffrey Sachs Osteuropa marktwirtschaftliche Schocktherapien. Heute wettert er gegen Angela Merkel in der Griechenland-Frage und unterstützt Bernie Sanders, den Links-Kandidaten der amerikanischen Demokraten. Ein Gespräch über die Unterschiede zwischen Europa und Amerika und das richtige Maß zwischen Markt- und Staatswirtschaft.

Interview: Joseph Gepp

profil: Ist der heutige Jeffrey Sachs ein anderer als der vor 20 Jahren?

Jeffrey Sachs: Ich habe mich immer als Sozialdemokrat skandinavischen Zuschnitts gesehen, damals wie heute. Kürzlich bin ich auf ein altes Interview von mir gestoßen, aus dem Jahr 1998 – damals habe ich das auch schon gesagt.

profil: Anfang der 1990er-Jahre brachten Sie als Berater vieler Regierungen im Schnellverfahren den liberalen Kapitalismus nach Osteuropa. Heute unterstützen Sie die US-Linke und kritisieren, etwa in Sachen Griechenland, gern Deutschland. Ist das kein Widerspruch?

Sachs: Es ist eine Frage der Ausgangsbedingungen. Wenn es keine Märkte gibt, muss man welche schaffen – auch wenn man Sozialdemokrat ist. Wenn ein staatssozialistisches System kollabiert, so wie in Osteuropa, ist das ist eine völlig andere Situation, als wenn man zwar über Märkte verfügt, diese jedoch schlecht funktionieren. Im letzteren Fall muss man sie regulieren und sicherstellen, dass sie das Allgemeinwohl befördern. Meine politische Philosophie ist über die Jahre dieselbe geblieben.

profil: Betrachten Sie Ihre marktwirtschaftlichen Schocktherapien in Osteuropa rückblickend als Erfolg?

Sachs:
Natürlich – zumindest dort, wo meine Empfehlungen gut und detailliert umgesetzt wurden. Polen zum Beispiel war ein großer Erfolg. Die Programme haben jedoch in einigen Ländern besser funktioniert als in anderen. Im Rückblick verstehe ich besser, warum das der Fall war. Ausschlaggebend waren weniger ökonomische Faktoren als Geopolitik – vor allem die US-amerikanische. Allgemein gesagt: In jenen Regionen, in die EU und NATO bald vordrangen, waren die Reformen weitgehend erfolgreich, in den anderen weniger.

profil: Wo funktionierten sie nicht so gut?

Sachs: In Russland hatten die geopolitischen Interessen der USA zerstörerische Folgen. Amerika und die ganze westliche Welt sind nicht konstruktiv mit Russland verfahren. Heute, 25 Jahre später, zahlen wir den Preis dafür.

profil: Im Russland der 1990er-Jahre kaperte eine Gruppe von Oligarchen den Staat. Vielleicht geschah das auch deshalb, weil das Land noch nicht reif für den radikalen Marktwirtschaftsschock war, wie Sie ihn empfahlen. Was können die USA dafür?

Sachs: Damals gab es eine schlimme Finanzkrise in Russland. Sie hat die Gesellschaft destabilisiert und die Revolution von 1991 mitausgelöst. In solchen Fällen müsste das Ausland eigentlich helfen, Reformen durchzuführen und Stabilität zu schaffen. Genau das habe ich auch empfohlen, vor allem massive finanzielle Unterstützung. Aber es ist nicht geschehen.

profil: Weil der Westen Russland immer noch als alten Feind betrachtete?

Sachs: Ja, meine Vorschläge von 1992 sahen etwa einen Schuldenerlass und einen Stabilisierungsfonds für den Rubel vor. Die westlichen Staatschefs aber lehnten das ab. Kurz zuvor, im Fall von Polen, waren sie mit gleichlautenden Ideen noch einverstanden gewesen. Was Russland betrifft, war die Sichtweise im Westen damals sehr zynisch. In der US-Regierung meinte man, die Korruption sei gut, solange sie unserer Seite diente – also dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin half, an der Macht zu bleiben. Diese Haltung schwächte die Reformkräfte innerhalb Russlands. Der Fall Russlands in den frühen Neunzigern ist wie der im heutigen Griechenland. Auch dort verweigert man einem Land die Hilfe, die es bräuchte.

„Alle Extreme unterminieren die Demokratie und den sozialen
Zusammenhalt – die reine Staatswirtschaft genauso wie der reine freie Markt“, sagt Jeffrey Sachs.


profil: Was genau bräuchte Griechenland?

Sachs: Das, was in Polen Anfang der 1990er-Jahre funktioniert hat: starke innere Reformen – verbunden mit einem Schuldenerlass von außen. Reformen und äußere Hilfe bedingen einander: Erstere wirken nur nachhaltig, wenn man sie mit Letzterer kombiniert. Verweigert man die äußere Hilfe, werden die politische Instabilität und die sozialen Verwerfungen zu groß. Diese Linie habe ich während meiner ganzen Karriere verfolgt: zum Beispiel im Jahr 1985 in Bolivien, wo es gegen die Hyperinflation vorzugehen galt. Und später in Polen. Heute empfehle ich sie für Griechenland.

profil: Sie gelten als Ökonom, auf dessen Ratschläge viele Staatenlenker hören. Im Fall Griechenlands aber dringen Sie nicht zu den europäischen Regierungschefs durch.

Sachs: Politiker reagieren auf lokale Bedürfnisse und mächtige lokale Interessen. Längerfristige Lösungen interessieren sie nicht. Das gilt in Europa derzeit vor allem für Deutschland. Dort heißt es: Die Griechen waren unverantwortlich, faul, schlecht organisiert und korrupt – jetzt sollen sie dafür büßen. Aber die Realität ist komplexer. Natürlich gab es Missmanagement in Griechenland. Aber wenn es zu einer Finanzkrise kommt, muss man sie lösen. Genau das leistet die derzeitige Griechenland-Politik in Europa nicht. Sie ist unkreativ und verlängert lediglich alte Probleme.

profil: Wie soll der Schuldenerlass für Griechenland genau aussehen?

Sachs: Wir brauchen eine starke Umstrukturierung der Schulden, die ermöglicht, dass das Land ungefähr ein Prozent Zinsen pro Jahr zahlt, bei einer Kreditlaufzeit von 40 Jahren. Das könnte Griechenland bewältigen. Bei der derzeitigen Lösung jedoch bezweifle ich, dass Griechenland jemals auf den freien Kapitalmarkt zurückkehren kann.

profil: Es wird also weiterhin von den Notkrediten der Europäer abhängig sein?

Sachs: Griechenland hat heute Schulden in der Höhe von 180 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts. Noch dazu stammen die Gläubiger aus dem Ausland, sie sind nicht etwa Banken im Inland. Zu der enormen Schuldenlast kommt eine sehr schwache Wirtschaft. Und während der Krise flossen zu allem Überfluss viel Geld und Know-how aus dem Land. Der Internationale Währungsfonds und die US-Regierung haben erkannt, dass ein Schuldenerlass deshalb unumgänglich ist. Aber die Niederlande, Finnland und vor allem Deutschland sind dagegen.

profil: Ist Deutschland zu mächtig in Europa?

Sachs: Deutschland würde sich selbst einen Gefallen tun, wenn es zuließe, dass die Vorgänge in Europa professionalisierter ablaufen. Während der Wirtschaftskrise hat sich gezeigt, dass die Europäische Kommission zu schwach ist, um die Krise zu lösen. Es gelang ihr beispielsweise nicht, Kriterien für die Hilfe für Krisenstaaten festzulegen, die realistisch und erfüllbar waren. Deutschland allerdings hat nicht etwa eine Stärkung der Kommission oder eine Europäisierung betrieben, sondern die Krisenpolitik total dominiert. Viele Maßnahmen wurden nur dahingehend verhandelt, ob sie für die deutsche Seite akzeptabel sind. Diese Politik ist extrem kurzsichtig und führt dazu, dass die Krise noch stärker wird.

profil: Solche Aussagen hört man oft von US-Ökonomen. Wie Sie plädieren etwa auch Paul Krugman und Joseph Stiglitz für eine andere Krisenpolitik in Europa. In Europa hingegen heißt es oft: Zahl’ deine Schulden und schweig! Woher kommt diese Diskrepanz?

Sachs: Sie verläuft meiner Meinung nach weniger zwischen Europa und den USA als zwischen Deutschland und dem Rest. Nicht nur in den USA denken viele Ökonomen wie ich, auch in Frankreich und in Großbritannien, in Südeuropa sowieso. Denken Sie an nur den Franzosen Thomas Piketty. Abgesehen davon gibt es aber auch unter den US-Ökonomen Auffassungsunterschiede. Ich zum Beispiel argumentiere weniger keynesianisch als mein Kollege Krugman; ich glaube weniger an Nachfragestimulation als an Schuldenreduktion. In Griechenland etwa muss man den kleinen und mittleren Unternehmen zu Wachstum verhelfen, weil sie die Basis der griechischen Wirtschaft bilden. Diese ist seit Krisenbeginn um ungefähr 30 Prozent geschrumpft. Die Start-ups im Land brauchen gute Finanzierungsmöglichkeiten und eine niedrige Besteuerung. Allerdings habe ich in den vergangenen sechs Monaten keine profunde Debatte über die Strukturprobleme Griechenlands gehört. Alle sagen nur: Die Griechen müssen sparen und ihre Arbeitsmärkte liberalisieren.

profil: Wen werden Sie bei den US-Präsidentschaftswahlen 2016 unterstützen? Vielleicht den möglichen Linkskandidaten unter den Demokraten, Bernie Sanders?

Sachs: Seine Botschaft ist jedenfalls konkreter als jene von Hillary Clinton. Sie schlägt ja nur ganz allgemein vor, die Superreichen stärker zu besteuern. Sanders hingegen vertritt genau die Politik, die das Land bräuchte. Er ist der einzige Politiker, der offen über Sozialdemokratie spricht. Mit ihm bin ich politisch auf einer Linie. Allerdings halte ich es für extrem unwahrscheinlich, dass Sanders tatsächlich zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wird. Einer wie er hat es im politischen Kontext der USA schwer. Denn unser politisches System ist sehr steuerfeindlich und unternehmenszentriert. Es beruht großteils auf Milliarden Dollar an Wahlkampfspenden. Ich würde sie fast als Schmiergelder bezeichnen.

profil: Also hat Donald Trump bessere Chancen als Bernie Sanders, Präsident zu werden?

Sachs: Gott bewahre! Das ist ein gefährlicher Politikertyp: unsystematisch, extravagant, unverantwortlich – ein wenig wie Silvio Berlusconi.

profil: Es ist verblüffend, dass Bernie Sanders in den USA geradezu als Kommunist gilt, nur weil er beispielsweise eine umfassende staatliche Gesundheitsversorgung fordert. Gleichzeitig kritisieren einflussreiche Ökonomen die Härte der Deutschen gegenüber Griechenland. Wie passt das zusammen?

Sachs: Das liegt daran, dass jene Ökonomen, deren Griechenland-Kommentare in Europa Gehör finden, bei Weitem nicht den US-amerikanischen Mainstream repräsentieren. Wissenschafter wie Krugman oder ich stehen eher links der Mitte. Politisch haben wir in den USA keine richtige Heimat. Die US-Regierung etwa würde ich rechts der Mitte positionieren, mit stark populistischen Elementen. Es gibt zwei Großparteien in den USA: eine zentristische, die Demokraten, und eine rechtsgerichtete, die Republikaner. Es fehlt eine linksgerichtete oder links-zentristische Partei. Im vergangenen Vierteljahrhundert beobachteten wir einen bedeutenden Machtgewinn von Unternehmen und Lobbys: der Wall Street, der großen privaten Gesundheitskonzerne, des militärisch-industriellen Sektors und der großen Ölindustrie. Hier unterscheidet sich die US-amerikanische von der europäischen Politik. In Europa gibt es eine starke politische Bewegung links der Mitte. Sie fordert gesellschaftliche Kohärenz; in manchen Ländern dominiert sie sogar.

profil: Unterstützen Sie das geplante amerikanisch-europäische Handelsabkommen TTIP, für das auch Barack Obama wirbt?

Sachs: Ich sehe es mit gemischten Gefühlen. Es ist definitiv sinnvoll für starke ökonomische Verbindungen zwischen Europa und den USA. Aber warum wird ein solches Abkommen geheim verhandelt? In den USA sind es noch dazu Unternehmenslobbys, die wesentliche Teile des Textes praktisch vorbestimmen. Ich bin besorgt über den Einfluss der Pharmaindustrie und die Schiedsgerichte für Konzerne. Um der Konzernagenda entgegenzuwirken, muss man TTIP offen diskutieren. In Europa herrscht in dieser Hinsicht etwas mehr Offenheit. In den USA jedoch kennen wir wichtige Vertragsbestandteile nur daher, weil sie irgendwann auf Internet-Plattformen wie Wikileaks auftauchen. Dabei grassiert ohnehin bereits so viel Misstrauen gegenüber dem politischen System. Eine solche Geheimhaltung verstärkt das noch.

profil: Sie haben sich Ihr ganzes Berufsleben lang damit beschäftigt, unter welchen Umständen Märkte Wohlstand hervorbringen. Wie lautet Ihr vorläufiges Fazit?

Sachs: Die Marktwirtschaft hat sich – unbestritten – in den vergangenen 200 Jahren als einzige Wirtschaftsform bewährt. Aber in ihrer absolut freien Form war sie niemals erfolgreich. Das gilt in sozialer, in ökologischer, in politischer Hinsicht und ebenso, was die Effizienz des Wirtschaftens betrifft. Wir brauchen also eine regulierte, gemischte Wirtschaft. Die Regierung muss eine wichtige Rolle spielen: zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Technologien, beim Bau von Infrastruktur und beim Investment in die Gesundheit und Bildung der Menschen. Alle Extreme unterminieren Demokratie und sozialen Zusammenhalt – die reine Staatswirtschaft genauso wie der reine freie Markt. Die soziale Marktwirtschaft ist, trotz vieler Enttäuschungen, der beste Weg, um die multiplen Krisen der Gegenwart zu meistern. Mit ihrer Hilfe müssen wir heute das Finanzsystem regulieren, damit es nicht zur Quelle von Instabilität wird. Die Umwelt darf nicht ruiniert, die Ungleichheit nicht zu groß werden. Wir verfügen über eine breite wissenschaftliche und technologische Basis, um diesen Problemen zu begegnen. Jetzt brauchen wir noch den moralisch-politischen Konsens. Ich glaube, das kann funktionieren.

profil traf Jeffrey Sachs am Rand des Forums Alpbach in Tirol (Foto: Luiza Puiu)

profil traf Jeffrey Sachs am Rand des Forums Alpbach in Tirol (Foto: Luiza Puiu)

Jeffrey Sachs: vom Schocktherapeuten zum Weltretter

Umstrittener Wirtschaftsberater in Osteuropa, Kämpfer für den Klimaschutz, Unterstützer von „Occupy Wall Street“: ein Ökonom mit vielen Seiten

Hätte man es nicht etwas sanfter angehen können? Das fragen sich heute viele, die nach Osteuropa blicken.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion verordnete der Westen dem Osten radikale Marktreformen – euphorisiert vom „Ende der Geschichte“, wie der US-Politikwissenschafter Francis Fukuyama damals schrieb. Im Blitzverfahren wurde liberalisiert und privatisiert, die Wirtschaften wurden radikal geöffnet und die Staatsstrukturen umgekrempelt.

Die Folgen: Da und dort, etwa in großen Städten, zogen durchaus Wohlstand und Wachstum ein. Oft brachen aber auch komplette Wirtschaftszweige angesichts potenter Konkurrenz aus dem Westen zusammen, die wohl noch funktioniert hätten. Millionen Menschen wurden arbeitslos, ganze Regionen verelendeten.

Der wichtigste Vertreter der sogenannten „Schocktherapien“ war Jeffrey Sachs, ein heute 60-jähriger Harvard-Ökonom. Seine Karriere als Krisendoktor hatte er im Jahr 1985 in Bolivien begonnen, damals erst Mitte 30, wo er die Hyperinflation erfolgreich beendete. Nach der Wende wirkte Sachs etwa in Polen, Russland und dem damaligen Jugoslawien. Ob seine Rezepte erfolgreich waren, ist heute unter Ökonomen und Historikern umstritten.

Später wandte sich Sachs anderen, scheinbar gegensätzlichen Tätigkeiten zu: Der Ökonom, der heute als einer der einflussreichsten der Welt gilt, engagiert sich stark für Armutsbekämpfung, Klimaschutz und Krankheitsprävention, etwa bei Aids. Seit 2002 leitet Sachs das Earth Institute an der US-amerikanischen Columbia University.

Heute berät er den UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Entwicklungsfragen. In den USA unterstützt er die bankenkritische Bewegung „Occupy Wall Street“. In Europa gilt er als scharfer Kritiker der Krisenpolitik in Griechenland. Anfang Juli etwa schickte Sachs einen offenen Brief an Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, zusammen mit anderen Ökonomen wie Heiner Flassbeck und Thomas Piketty. Darin forderte er Merkel auf, Griechenlands Schulden zu reduzieren und „die gescheiterte Sparpolitik zu überdenken“.

profil traf Jeffrey Sachs am Rand des Forums Alpbach in Tirol. Sachs widmet sich dort dem heurigen Überthema der Veranstaltung: der Ungleichheit – in all ihren Facetten: etwa in der Globalisierung, beim Klimaschutz und in der europäischen Wirtschaft.

Ein Kommentar

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Buch: Kleine Geschichte Russlands

Aus dem FALTER 26/2014

Rezension: Joseph Gepp

In einem knappen und grandiosen Büchlein aus der Beck’schen Reihe legt der Wiener Osteuropahistoriker Andreas Kappeler eine Historie Russlands vor.

Gegliedert in Epochen und Aspekte, erklärt Kappeler den mächtigen russischen Staat, die unterentwickelte städtische Kultur oder etwa die Rolle von Expansion und Extensivität.

Eine weitblickende und verständige Lektüre, die sich wiederzulesen lohnt.

Andreas Kappeler: Russische Geschichte. Beck Wissen, 112 S., € 9,20

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Der große Argisch

Aus dem FALTER 9/2012

Rund eine Viertelmillion Indigene leben in Nordrussland. Ihr Lebensumfeld ist oft von Energiekonzernen bedroht. Zur Sowjetzeit haben Gleichschaltung und Industrialisierung sie entwurzelt und in ein marginalisiertes Unterschichtdasein getrieben. Nicht einmal Russen im Norden des Landes wissen viel über ihre Nachbarn in der Taiga.

Umso erstaunlicher ist ein Buch, das der Wiener Erich Liaunigg in Russland aufgestöbert hat. Es handelt sich um einen Roman von Michail Oscharow, der 1895 nahe der sibirischen Stadt Krassnojarsk geboren wurde.

„Der große Argisch“ stammt aus der Sphäre der Ewenken, die bis heute in den Wäldern südlich der arktischen Nickel-Stadt Norilsk leben – auf einem Gebiet größer als ganz Europa. In klarer, schöner Sprache erzählt das Buch von Liebe und Auflehnung. Zahlreiche Ausdrücke, die heute nur noch hochspezialisierte Ethnologen kennen, zeugen von der versunkenen Kultur der Ewenken, in die Oscharows Hinterlassenschaft einen faszinierenden Einblick gewährt.

Joseph Gepp

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Ein kurzer Besuch in einem befreundeten Land

Aus dem FALTER 31/11

Während die Kritik wegen der Affäre Golowatow anhält, verdichten sich die Hinweise auf eine russische Intervention

Bericht: Joseph Gepp

Die Donnerstagnacht zum 15. Juli verlief für die Beamten der Grenz-inspektion Schwechat nicht gerade erholsam. Glaubt man einem Polizeiprotokoll, läutete im Fünfminutentakt das Telefon. Staatsanwälte, Polizisten und Botschafter zerbrachen sich den Kopf, was mit dem russischen Offizier zu tun sei, der am Nachmittag zuvor mit dem Flug OS602 von Moskau gekommen war.

Die Nacht könnte noch Folgen haben. Das Unverständnis über Österreichs Verhalten in der Causa Golowatow reißt nicht ab. Vergangenes Wochenende forderte Ex-ÖVP-Vizekanzler Erhard Busek von jenen Ministern den Rücktritt, die die „todtraurige Angelegenheit“ verantworten, die Österreichs Ansehen schade. Dazu kam Kritik von Ex-Nationalratspräsident Heinrich Neisser, Ex-EU-Kommissar Franz Fischler und Ex-EU-Parlamentarier Johannes Voggenhuber. Via Litauen erlangte sogar der US-Kongress Kenntnis von der Causa.

Immer mehr fügen sich die Informationen zu einem Bild, wie eine Intervention ausgesehen haben dürfte, die Golowatow eine Auslieferung an Litauen ersparte. In der „Blutnacht von Wilna“ 1991 soll er für 14 Morde verantwortlich gewesen sein.

Zunächst lief alles wie vorgesehen: Um 19.30 Uhr ordnete ein diensthabender Journalstaatsanwalt die Festnahme an, weil ein Haftbefehl aus Litauen gegen Golowatow vorlag. So steht es in einem Protokoll, das die Salzburger Nachrichten und der grüne Aufdecker Peter Pilz veröffentlichten.

Golovatov (Ria Novosti)

Kurz darauf trafen drei russische Diplomaten bei der Grenzinspektion ein, darunter Botschafter Sergey Nechaev. Der Staatsanwalt wartete inzwischen auf die „Entscheidungsfindung im Außen- und Justizministerium“. Um 3.05 Uhr morgens schließlich befahl das Innenministerium Golowatows Überführung in die Justizanstalt Korneuburg.

Dies allerdings schien dem russischen Botschafter nicht recht zu sein: Um 3.20 Uhr rief er Werner Pleischl, Chef der Oberstaatsanwaltschaft, an. Um 3.50 Uhr bat Pleischl, der dem Falter keine Stellungnahme abgeben wollte, die Grenzpolizisten, Golowatow doch in Schwechat zu belassen. Golowatow blieb in Schwechat bis zum folgenden Abend – und flog dann zurück nach Moskau.

So weit zeichnet das Protokoll die Ereignisse nach. Peter Pilz will darüber hinaus von einem „verlässlichen Informanten“ wissen, dass Justizministerin Beatrix Karl etwa um Mitternacht vom Fall Golowatow erfuhr. Pilz vermutet, dass Oberstaatsanwalt Pleischl Karl informierte. Pilz spricht von einem „Krimi“: „Ungefähr so stelle ich mir die Politik in der sowjetischen Besatzungszone in den 50er-Jahren vor.“ Das Justizministerium beharrt darauf, dass alles ohne Einfluss und Interventionen abgelaufen sei.

Während die diplomatischen Folgen der Affäre Golowatow solcherart noch nicht verdaut sind, bereiten litauische Staatsanwälte laut Medien bereits die nächste Klage wegen der Blutnacht vor. Diesmal kommt Michail Golowatows Ex-Vorgesetzter an die Reihe: Michail Gorbatschow.

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Skiurlaub bei Freunden

Aus dem FALTER, 27/2011

Warum behandelte Österreichs Justiz Michail Golowatow so nachsichtig? Die Antwort liegt in der Ramsau

Bericht:
Joseph Gepp
Herwig G. Höller

Neben dem Urlaub am Bauernhof ist der nordische Skisport der ganze Stolz von Ramsau am Fuß des steirischen Dachsteins. Rollerstrecken und Schanzenanlagen bieten Sportlern auch im Sommer Trainingsmöglichkeiten in dem pittoresken Bergdorf. Aus aller Herren Länder strömen sie hierher. Auch jener Mann, der vorvergangene Woche anreisen hätte sollen, wollte sich „einfach nur erholen“, wie ein russischer Gesprächspartner erzählt.

Dazu kam es aber nicht. Stattdessen reiste Michail Golowatow am Abend des 15. Juli flugs zurück nach Moskau. 24 Stunden hatten Österreichs Behörden den KGB-Oberst aus der legendären russischen Spezialeinheit Alfa zuvor am Schwechater Flughafen festgehalten. Während dieser Frist konnten oder wollten sie nicht nachvollziehen, was Litauen dem Russen in einem europäischen Haftbefehl vorwirft: dass er während der Kämpfe um die litauische Unabhängigkeit im Jänner 1991 Kriegsverbrechen begangen habe.

Österreich habe mit der schnellen Enthaftung einer Intervention Russlands nachgegeben, kritisieren seitdem empört die baltischen Staaten. Zeitungskarikaturen zeigen einen rot-weiß-roten Pudel zu Füßen Putins.

Wollte in die Ramsau reisen: der mutmaßliche Kriegsverbrecher Michail Golowatow beim Langlaufen (Foto: Alphagroup)

In Wien verweist man auf einen schwammigen Haftbefehl. Das sechsseitige Dokument vom Oktober 2010, das kurz nach dem Vorfall in russischen Medien auftauchte, enthalte nur allgemeine Informationen, heißt es aus dem Justizministerium. Sie würden sich eher mit Golowatows Militäreinheit als mit individuellen Verbrechen befassen. Wiens Bitte um zusätzliche Informationen sei von Litauen nicht rechtzeitig beantwortet worden. Gestützt werden diese Angaben von einem Parlamentsbericht aus Litauen selbst, der erst kürzlich Schlampereien der Generalstaatsanwaltschaft bei den Ermittlungen der sogenannten „Blutnacht von Wilna“ am 13. Jänner 1991 offenlegte.

Andererseits setzte Österreich Litauen eine unnötig kurze Frist von nicht einmal 24 Stunden, um die Vorwürfe gegen Golowatow zu untermauern. Und dass laut Polizeiberichten kurz nach der Verhaftung ein hektischer Krisensitzungsreigen zwischen Ministern und Diplomaten ausbrach, deutet auch nicht auf den „Akt einer unabhängigen Justiz“ hin, als den Österreichs Politiker den Fall Golowatow darzustellen versuchen.

Ein Blick in die kleine Ramsau, Golowatows Reiseziel, zeigt, warum Österreich so wenig an einem Konflikt mit Russland gelegen ist. Denn die Biografie und Kontakte von Michail Golowatow verweisen auf eine Gemeinsamkeit der beiden Länder: die Bedeutung des Wintersports und seiner Funktionäre. In Russland sind beide traditionell Domänen der mächtigen Geheimdiensteliten um Putin.

Golowatow ist nicht nur hochdekorierter KGB-Veteran und Chef eines Sicherheitsunternehmens. Seit 2004 fungiert er auch als Präsident der Moskauer Langlauf-Föderation und als Vizepräsident der offiziellen Langlauf-Föderation Russlands. In Ramsau wollte er neben seinem Urlaub auch alte Bekanntschaften pflegen: Zum einen trainierten dort vergangene Woche Skispringer und nordische Kombinierer aus Russland. Zum anderen unterhält Golowatow auch Kontakt zu einheimischen Ramsauern.

Zentraler Ansprechpartner für russische Sportfunktionäre in der Ramsau ist der pensionierte Volksschuldirektor Hans Pickl. Mit dem Falter will er nicht sprechen, mit hochrangigen Gästen aus Russland lässt er sich dafür gern fotografieren. Lokalmedien wie die Kleine Zeitung feiern Pickl etwa als Berater von Leonid Tjagatschow – 2005 bis 2010 Vorsitzender des russischen Olympischen Komitees und nun Parlamentsabgeordneter in Moskau. Tjagatschow, der gern mit Putin sportelt, gründete in den 90ern zusammen mit Hans Pickl die Firma T & P Marketing Unternehmensberatung in Graz. Der Zweck der Firma lässt sich nicht mehr feststellen, 2010 wurde sie liquidiert. Co-Eigentümer Tjagatschow hat ebenso wie Golowatow eine Geheimdienstvergangenheit, wie sie für sowjetische Sportfunktionäre nicht unüblich ist: Seit den 70ern arbeitete er laut dem Historiker Yuri Felshtinsky in der fünften Hauptabteilung des KGB, jener für Ideologie. Einem Regimetreuen wie Tjagatschow war gestattet, was für andere Sowjetbürger undenkbar gewesen wäre: lange Aufenthalte im westlichen Ausland, etwa als Pistenkumpan von Toni Sailer.

Jahrzehnte später spielte Tjagatschow als Vorsitzender des russischen Olympischen Komitees bei der Bewerbung von Sotschi für die Winterspiele 2014 eine zentrale Rolle. Wider Erwarten setzte sich die Schwarzmeerstadt 2007 gegen die Favoriten Salzburg und Pyeongchang in Südkorea durch. Wilde Korruptionsgerüchte kursierten damals um Russlands Bewerbung. Heinz Jungwirth, Generalsekretär des heimischen ÖOK, sprach bitter enttäuscht von einer „Bewerbung des Geldes“: „Wenn man weiß, was alles hinter der Bühne läuft, sind wir stolz, dass wir das nicht brauchen.“

Tjagatschow selbst hat das Ereignis etwas positiver in Erinnerung. „Dank Österreich haben wir Olympia in Sotschi bekommen“, sagt er dem Falter. „Österreich hat Russland unterstützt.“ Genauso wie der kurzzeitig verhaftete Golowatow hielt sich auch Tjagatschow vorvergangene Woche in Österreich auf. Reiseziel und -zweck will er allerdings nicht verraten, von der Affäre Golowatow will er gar nichts mitbekommen haben. „Die Sportbeziehungen zu Österreich“, schwärmt Tjagatschow stattdessen allgemein, „waren und sind die allernächsten und die vertrauensvollsten.“

Damit hat er wohl Recht: 2007, nachdem Sotschi zum Austragungsort gekürt worden war, rief Putin bei Bundespräsident Heinz Fischer an. Sotschi werde „auch eine österreichische Olympiade“ sein, soll er gesagt haben. Er versprach, dass österreichische Firmen – Konzerne wie Strabag, Wienerberger oder das Liftunternehmen Doppelmayr – bei den massiven Investitionen in Sotschi mit Aufträgen bedacht würden. Bei Fischers Russlandbesuch im Mai 2011 wurde das Versprechen etwas konkreter: Das Auftragsvolumen, so hieß es, liege bei ungefähr einer Milliarde Euro.

Ein bisschen litauischen Hohn hält man dafür schon aus.

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Überlebensstrategien aus dem Jahre 1000

Erschienen im Falter 10/2011, Buchbeilage

Christina Eibl hat ein lesenswertes Buch über das zeitgenössische und alte Russland geschrieben

Rezension: Joseph Gepp
Es gibt Städte, die ihre Sogwirkung entfalten, sobald man aus dem Haustor tritt. Sie wirbeln, streifen, stoßen, drängen, sie geben keine Sekunde Ruhe. Nach ein paar Stunden flüchtet man sich völlig erschöpft in ein Café. Oder man kehrt erleichtert und atemlos in sein Haustor zurück, obwohl man ja eigentlich „nichts“ gemacht hat die ganze Zeit. Moskau ist so eine Stadt. Zehn Millionen Einwohner, die größte Stadt in Europa, abgesehen von Istanbul, das allerdings zum Teil in Asien liegt.

Moskau ist ein Moloch mit achtspurigen Straßen zwischen stalinistischen Zuckerbäckerbauten; ein eiliges, extremes, immer übernachtiges, niemals ausgeruhtes Ungetüm. Moskau ist eine Stadt, deren mittlerweile geschasster Bürgermeister Luschkow Flugzeuge mit Chemikalien in den Himmel schickte, um für sonnige Feiertage zu sorgen. Es ist eine Stadt, in der vor einigen Jahren der größte Swimmingpool der Welt zugeschüttet wurde, um an seiner Stelle die größte orthodoxe Kathedrale der Welt hochzuziehen. Ein neues Buch beschreibt den Alltag in dieser Stadt auf witzige Weise.
Christina Eibl, promovierte Historikerin, war von 2006 bis 2008 Verlagschefin des Medienkonzerns Gruner + Jahr in Russland. Das liefert ihr eine vielversprechende Perspektive. Denn Eibl ist keine Reiseschriftstellerin oder politische Beobachterin, sondern Wirtschaftstreibende, eine Agentin des westlichen Kapitalismus im Osten. Als solche macht sie andere Erfahrungen als etwa Journalisten, die Politiker treffen und Menschenrechtsaktivisten interviewen.
In der Twerskaja-Straße unweit des Roten Platzes im Herzen Moskaus, wo sie wohnt, rangieren die Mietpreise unter den höchsten weltweit. Zu ihrem Umfeld gehört die neue russische Yuppie-Kaste, die den westlichen Konsumstil übernommen und teilweise bis zur Karikatur überzeichnet hat. Ihrer zutiefst russischen Prägung und Mentalität entkommt diese Schicht dadurch aber keineswegs. Nicht umsonst sagen Russen gern, dass sie von den Europäern nur deshalb als artverwandt betrachtet werden, weil sie zufällig nicht ausschauen wie Inder oder Chinesen.

Eibls „Protagonisten“ sind ihr Chauffeur, die Buchhalterin ihres Verlags, ihre Geschäftspartner – allesamt Improvisationstalente, die ihre unsichere Lebenssituation zwingt, auf unverhoffte Fragen schnell Antworten parat zu haben. Was Eibl über Behördengänge und Finanzamtsbedienstete, über Taxifahrten und Geschäftsessen erzählt, spiegelt den Alltag einer Umbruchgesellschaft wider.
Und klingt dennoch nicht nach Kriegsberichterstattung, wie es in solchen Berichten oft der Fall ist. Sieht man von ein paar Kleinigkeiten ab – wie den andauernd kursiv gedruckten Originalausdrücken und dem sperrigen Titel, dessen oberflächliche Aussage dem Inhalt des Buchs noch dazu überhaupt nicht gerecht wird –, ist das Buch also äußerst lesenswert.
Eibl nimmt sich selbst nicht zu wichtig, aber sie leugnet auch nicht den subjektiven Anteil ihrer Eindrücke und Einschätzungen. Sie fürchtet sich nicht davor, als klischeehaft oder ressentimentgeladen zu gelten – und kann gerade deshalb Klischees und Ressentiments auf humorvolle und ungezwungene Weise auf Wahrheitsgehalte abklopfen.
Zum Beispiel, wenn sie den Besuch bei sinistren Netzwerkern in heruntergekommenen Büros beschreibt, die gegen Bezahlung in Problemfällen bei den „richtigen“ Personen intervenieren. Oder wenn Verlagsmitarbeiter urplötzlich eine Wolja antreten, eine Art spirituelle Reise, ähnlich den französischen und amerikanischen Aussteigern.
Ihre Reportagen sind mit soziologischen und historischen Erläuterungen unterfüttert – und auch hier scheut sich die Autorin nicht, in die Breite und Tiefe zu gehen. Aus der Topografie und Ausdehnung Russlands, aus den einstigen Feldzügen asiatischer Steppenvölker lasse sich viel über die Mentalität seiner Bewohner ablesen, schreibt sie: Gesellschaftliche Pflichten hätten sich im dünn besiedelten Riesenreich stets auf Grenzsicherung und Tribut konzentriert, niemals auf eine Intensivierung und Effektivierung nach innen.

„Unter einer dünnen Schicht moderner Zivilisation“, erläutert Eibl, „scheinen überall jahrhundertealte Versatzstücke durch. Russland ist ein konserviertes Land. Es ist verblüffend, wie präsent die Überlebensstrategien aus dem 10. Jahrhundert und wie erfolgreich asiatisch-mongolische Traditionen noch heute sind.“
Über die Beschaffenheit des russischen Wirtschaftslebens räsoniert sie mit ähnlicher Stoßrichtung: „Nach jahrhundertelanger Subordination, Erpressung von Tributleistungen und Verharren im Kontemplativen ist man mehr Objekt als Subjekt. Angewandt auf das wirtschaftliche Leben heißt das: Das Schicksal bestimmte den ökonomischen Output. Unberechenbare Kräfte sind überall am Werk, warum dann schöpferisch und zielgerichtet tätig werden?“
Das sind besagte Beschreibungen, bei deren Abfassung professionelle Schreiber wohl befürchten würden, ins Ressentiment­eck abgestellt zu werden. Wer Russland allerdings ein wenig kennt, weiß um die Absurditäten seiner Gesellschaft, dass sie sich im Gegensatz zu anderen Staaten Osteuropas nicht allein mit der kommunistischen Vergangenheit erklären lassen – und folgt Eibls Einordnung dessen, was man romantisierend die „russische Seele“ nennt, mit Gewinn.
Ihr Buch lässt Erinnerungen an das bislang erhellendste Werk aus deutscher Feder zum Thema Russland wach werden – an die großartige und preisgekrönte Beschreibung der dreimonatigen Fußwanderung des Zeit-Journalisten Wolfgang Büscher aus dem Jahr 2003 mit dem Titel „Berlin–Moskau“.
Fast ebenso lohnend ist die Lektüre von Christina Eibl.

 

Nicht alle Russen haben Goldzähne, sind immer betrunken,

und auch nicht jeder russische Beamte ist korrupt. Ein Überlebensbericht aus dem Herzen Moskaus

Christine Eibl
2011 | Weissbooks, 190 Seiten, EUR 19,40

 

 

 

 

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Der tote Ort

Igor Tanež ist ein ganz normaler Provinzrusse, Khalmer-Ju ein verlassenes Dorf in der arktischen Tundra. Über einen Mann und einen Ort – und was sie über Russland im Jahr 20 nach der Wende erzählen.

Reportage und Fotos: Joseph Gepp

I
Sein Lachen ist laut, sein Lächeln breit. Igor Tanež ist 44 Jahre alt, er trägt ausgewaschene Jeans, eine graue Jägerkappe, einen Vliespullover, dessen pastellfarbenes Linienmuster man vom vielen Waschen kaum noch erkennt. Sein Kinn ist breit, seine Stimme tief und dröhnend, sein Gesicht klobig und schlaff, etwas verlebt schon vom Wodka und den Wogen der Vergangenheit.
Gestern Abend hat der Taxiunternehmer und „Biesness-Man“ den Kofferraum seines Jeeps aufgemacht und ein Paar Gummistiefel, einen dick gefütterten Armeeoverall, zwei Patronenschachteln und ein halbautomatisches Gewehr in einer Plastikhülle hineingelegt. Er hat danach seine Freunde angerufen und gesagt, sie sollen einen zweiten Jeep organisieren und ihn suchen gehen, falls er sich bis heute, zehn Uhr abends, nicht gemeldet habe. Er fahre nämlich nach Khalmer-Ju.

Die Geschichte von Igor Tanež ist die Geschichte eines ganz gewöhnlichen Provinzrussen. Sie ließe sich Hunderttausende, ja Millionen Male erzählen in einem Land, das in seiner jüngsten Vergangenheit ungemein radikalen Veränderungen unterworfen war. Sein Leben lässt tief blicken in die russische Geschichte und Gesellschaft. Denn Igor Tanež ist ein Kind von Chaos und Umbruch, wie es in Russland eigentlich jeder Über-Zwanzigjährige ist. Sein Beispiel zeigt, wie wenig Achtung und Rücksicht in solchen Zeiten für das einzelne Individuum übrig bleiben.

Er sitzt in seinem Lada Niva, Baujahr 95, ein guter Wagen, sagt Igor, und klopft auf das Armaturenbrett wie auf den Rücken eines folgsamen Pferdes. Der Jeep ist ein Tundra-Modell, mit eigens konstruierter Differentialsperre für meterhohen Schnee und hüfthohen Schlamm. Gut eigentlich für alles außer Straßen, sagt er lachend. Aber die gäbe es hier ohnehin nicht. „Hier gibt’s nur Lichtungen. Deshalb haben wir Russen auch den Krieg gewonnen. Weil es keine Straßen gibt. Die Deutschen sind stecken geblieben. Die konnten das ja nicht wissen.“

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Wodkafrühstück in der Tundra: Igor Tanež tischt auf der Motorhaube seines Lada Niva auf

Die Stadt, in der Igor Tanež lebt, heißt Workuta. Sie ist eine der nördlichsten und abgelegensten Städte der Welt – das erste Attribut ist nachgewiesen, das zweite eher ein Gefühlseindruck. Workuta liegt im europäischen Russland, 80.000 Einwohner, am Fuß des Uralgebirges, 150 Kilometer von der Küste des arktischen Eismeeres entfernt.

II
Der Zug von Moskau benötigt vierzig Stunden bis hierher. In den Abteilgängen dampfen kohlenbetriebene Samoware. Der Zug passiert Kleinstädte mit kupfergrünen Leninstatuen vor heruntergekommenen Bahnhöfen, wo alte Frauen zusammenlaufen und Wegzehrungen zum Kauf bieten: Kübel voller Waldbeeren, eingelegte Pilze, in Geschirrtüchern warmgehaltene Teigtäschchen.
Die letzten zehn Stunden vor Workuta rollt der Zug nur noch durch ein großes Nichts, gelbes Gras wogt hier über dem flachen Land. Kein Schild weist darauf hin, dass man irgendwo auf dieser Strecke den Polarkreis überquert.

Dann erreicht der Zug Workuta.

Die Stadt ist die Ausgeburt eines totalitären Regimes, die Folge einer Geisteshaltung, die im Marsch zu ihrem Ziel weder Ressourcen kalkulierte, noch Einwände gelten ließ. Traditionell siedeln Menschen dort, wo Klima und
Vegetation den Anbau von Nahrungsmitteln erlauben. Dementsprechend lag vor der Sowjet-Zeit die nördlichste menschliche Siedlung Hunderte Kilometer weiter südlich; wo heute Workuta ist, lebten damals nur einige nomadische Ureinwohner vom Volk der Komi-Nenzen. Dann aber,
im Jahr 1928, entdeckten sowjetische Forscher unter
dem Boden der Tundra Kohle. Der sowjetische Diktator Josef Stalin befahl den Bau einer Stadt. Workuta wurde zu
einer von vielen russischen „Monogorody“, Mono-Städten, die nur eines einzigen Wirtschaftszweigs wegen existieren. Die geplante Kohlenausbeutung im großen Stil, meinte
Stalin, ließe sich am billigsten mit permanent angesiedelten Bewohnern bewerkstelligen.

Ab dem Ende der 30-er bis Mitte der 50-er Jahre wurden rund eine Million Zwangsarbeiter nach Workuta verschleppt. Sie lebten in Gulag-Lagern und stampften die Stadt aus dem Boden. Ein Viertel von ihnen starb nach Schätzungen der Opferorganisation „Memorial“ an Mangelernährung und polarer Winterkälte. Erst nach Stalins Tod im Jahr 1953 leerten sich langsam die Lager. Statt der Zwangsarbeiter sorgten nun freie Sowjet-Bürger für Leben und Arbeitskraft in Workuta. Hohe Löhne und Privilegien lockten sie in den unwirtlichen Norden. In den 70-er Jahren lebten rund 320.000 Einwohner in der Stadt. Es war eine vom Regime hofierte Werktätigen-Elite – „Helden der Arbeit“, wie man sie damals nannte.

„So ist das eben bei uns“, sagt Igor, als sein Niva Workuta verlässt. „Woanders würde man wahrscheinlich ein Basislager errichten und Arbeiter mit Hubschraubern hinfliegen. Aber bei uns nicht. Bei uns baut man eine ganze Stadt. Um jeden Preis.“

„Und dann“, fügt er hinzu, „lässt man sie sterben.“

In den späten 80-er Jahren schlossen die ersten Gruben. Die Kohle war knapp geworden, die Ausbeute stand schon lange in keiner Relation mehr zum Arbeitsaufwand. Zwanzig Schächte gab es zur Blütezeit, vier sind es heute. Die Einwohnerzahl sank seit 1990 um mehr als zwei Drittel, von 320.000 auf 80.000 Menschen.
Das letzte neue Gebäude in Workuta wurde im Jahr 1988 errichtet. Seit der Wende hat in der Stadt weder ein Geschäft noch ein Industriebetrieb eröffnet. Rund die Hälfte der Häuser steht heute leer. Eine durchschnittlich große Eigentumswohnung kostet umgerechnet rund 200 Euro.

Igor fährt auf einer Landstraße außerhalb von Workuta, an deren Rand einst Vorstädte lagen. Damals, unter Stalin und dessen Nachfolger Nikita Chruschtschow, blühte die Region auf. Workuta wuchs und vor seinen Toren entstanden Randbezirke mit patriotischen Namen wie „Oktober“, „Sowjet-Stadt“ oder „Komsomolzen-Stadt“. Von „Oktober” stehen heute nur Plattenbau-Ruinen in der Tundra. In Komsomolzen-Stadt harren einige Hundert Alte aus. Der Bus, der früher im Zwanzig-Minuten-Takt von Workuta herfuhr, kommt heute zweimal täglich mit zwei Handvoll Passagieren an.

„Wenn in Russland der Herrscher etwas will, springt das Volk“, sagt Igor. „Das war schon immer so, nicht nur zur Sowjet-Zeit: Der Zar wollte einmal eine Bahnlinie von Moskau nach Petersburg. Er legte das Lineal auf die Landkarte und zog einen Strich von Stadt zu Stadt. Aber sein Finger ragte über die Linie. Also liegt heute, wo der Finger des Zaren war, eine Ausbuchtung an der sonst schnurgeraden Strecke.“

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Wo der Raum nichts wert ist: noch eine Tundraszene

III
Sein Vater war Ukrainer aus Kiew, erzählt er, im Zweiten Weltkrieg sei er wegen „Kollaboration mit dem Okkupanten“ nach Workuta verschleppt worden. Seine Mutter stammt aus Sibirien und wurde eines Tages in den 50-er Jahren ins lokale Komsomol-Büro, zur sowjet-kommunistischen Jugendorganisation, zitiert. Das Volk brauche Arbeiterinnen, erklärte man ihr. Sie durfte sich also aussuchen, wohin sie zur freiwilligen Aufbauarbeit übersiedeln wollte: nach Workuta oder in die kasachische Steppe. Die Mutter hatte von beiden Orten noch nie etwas gehört, auf gut Glück wählte sie Workuta. „Hätte sie abgelehnt, sie hätten sie trotzdem hierher gebracht – als Gulag-Inhaftierte“, sagt Igor. „So war das damals: Wenn du nicht wolltest, zwangen sie dich. Und was du nicht konntest, das brachten sie dir bei.“

Die Eltern von Igor Tanež errichteten hier Bahnstrecken und Gebäude. Die Komsomolzin und der Zwangsarbeiter lernten einander kennen, heirateten und blieben ihr restliches Leben.

Der Niva biegt von der Landstraße in eine Kleinstadt ein, die wenige Kilometer von Workuta entfernt liegt. Sie heißt Sewernij, „die Nördliche“. Hier befindet sich einer der wenigen Kohlenschächte, die noch in Betrieb sind. 3000 Arbeiter wohnen in drei Plattenbau-Vierteln, zwischen denen Kreuze aus zusammengeschweißten Stahlrohren aus dem Schlammboden ragen. Hier kamen in den 50-er Jahren politische Häftlinge ums Leben, überwiegend Russen und Balten. Auf manchen Kreuzen sind die Namen der Toten mit Hammer und Schraubenzieher in die Metallplatten gestanzt. „Aber die Gräber verfallen“, sagt Igor. „Alles Leben hier ist auf Knochen gebaut. Das kann ja langfristig nicht funktionieren.
Es verfällt ja auch alles Lebende. Die Häuser, die Straßen, die Menschen. Wer soll sich da noch um die Toten kümmern?“

Er verlässt Sewernij über eine Seitenstraße und biegt
auf einen schlammigen Feldweg ein, der weit und kerzengerade durch die baumlose Ebene führt. Früher, erklärt Igor, sei dieser Weg die Schienentrasse gewesen, die nach Khalmer-Ju geführt habe, siebzig Kilometer weit. „Wir sind also auf dem richtigen Weg“, sagt er.

„Das müssen wir kurz feiern.“

Er hält am Wegrand neben einem umgestürzten Bahnwaggon. Zeit für eine Stärkung, sagt er, russische Tradition. Er drapiert grob aufgeschnittene Wurst, Brot und geviertelte Zwiebel auf einer Zeitungsseite auf der Motorhaube, fängt dann Blechbecher aus einem Lederetui, gießt großzügig Wodka aus einer Plastikflasche ein. Der Wodka schmeckt, als könnte man mit ihm auch den Jeep betanken. Igor setzt triumphierend den Becher ab, dessen Inhalt er sofort ausgetrunken hat, und ruft: „Die Tundra ist eine Droge!“ Jetzt aber weiter, nach Khalmer-Ju.

Igor Tanež wuchs in Sewernij auf, der Vorstadt mit den Kreuzen. Er arbeitete im Kohlenschacht, wie fast alle Männer des Ortes zu jener Zeit. Es waren die späten 80-er Jahre, eine gute Zeit, sagt er. Er verdiente 800 Rubel im Monat, mehr als das Zehnfache des sowjetischen Durchschnittslohns. Eine Lehrerin zum Beispiel erhielt knapp sechzig Rubel. Das Regime ließ sich seine Pioniere im Norden viel kosten.

Einmal, erzählt Igor, sei er übers Wochenende ans Schwarze Meer geflogen. Das war für die Sowjetunion der späten 80-er ein unerhörter Luxus. Er habe es sich aber leisten können, also nahm er einen Freitag frei, spazierte am Samstag die Palmen bestandene Küstenpromenade von Sotschi entlang, Tausende Kilo-
meter von Workuta entfernt. Im sicheren Bewusstsein, dass er die richtige Berufswahl getroffen hätte. Glücklich, weil er ein gutes, langes und ruhiges Leben vor sich sah.

IV
Khalmer-Ju war die Königin der Gruben, erzählt am nächsten Tag, zurück in Workuta, Sergej Merslerkow.

Er ist ein ehemaliger Bewohner von Khalmer-Ju, wo er bis zum Beginn der 90-er Jahre lebte. Nach der Schließung des dortigen Schachts übersiedelte Merslerkow, 50 Jahre alt, nach Workuta, wo er bis heute als einer von wenigen verbliebenen Grubenarbeitern seinen Lebensunterhalt verdient.

Die Kohle aus Khalmer-Ju hatte höchste Qualität, sagt er. Sie wurde nicht verheizt, sondern in der Metallurgie weiterverarbeitet. Khalmer-Ju, das ungefähr 5000 Einwohner hatte, bezog sein Heizmaterial aus diesem Grund nicht aus dem eigenen Schacht, sondern aus den minderen Gruben um Workuta. Die Konsumgüter für den Ort kamen hingegen eigens aus Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. Auf diese Weise unterschieden sie sich von jenen Waren, die in Workuta und dem restlichen
Provinzrussland zu kaufen waren. Khalmer-Ju war so privilegiert, dass es nicht dem regulären sowjetischen Güterverteilungssystem unterstand.

Mit den Warenlieferungen revanchierte sich Leningrad für die Hilfe, die Khalmer-Ju der Großstadt während der deutschen Blockade im Zweiten Weltkrieg angedeihen hatte lassen. Damals war die Qualitätskohle aus dem hohen Norden über improvisierte Gleise direkt ins besetzte Leningrad gekommen. Später wurde Khalmer-Ju dafür zum verhätschelten Liebkind des Systems. Die dortigen Grubenarbeiter verdienten 2000 Rubel im Monat, mehr als doppelt so viel wie normale Kumpel, etwa Igor Tanež.

Der Niva fährt unterdessen weiter, jetzt über Schneefelder. Linker Hand, am Horizont, stehen zwei große Zelte, die aussehen, als stammten sie aus einem Wild-West-Film. Das sind Komi-Nenzen, sagt Igor. Den Winter verbringen die den grönländischen Inuit verwandten nordrussischen Ureinwohner in Workuta, den Rest des Jahres leben sie in Zelten und ziehen mit ihren Rentierherden an die Eismeerküste.

Aus der Sprache der Nenzen stamme auch der Ortsname: „Khalmer-Ju“ bedeutet „Tal der Toten“, weil das Beutewild die Region immer mied und die nomadischen Jäger deshalb hier kaum Essbares vorfanden.

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Max Max: Mit solchen (selbstgebauten) Gefährten fährt der durchschnittliche Workuta-Bewohner in die frühwinterliche Tundra

In den späten 80-er Jahren war die gute Zeit für die Grubenarbeiter von Workuta und Khalmer-Ju über Nacht vorbei. Sie wachten auf und stellten fest, dass ihre Geldbörsen leer, ihre Jobs in Gefahr und ihre Wohnungen nichts mehr wert waren. Dann gingen sie am Wodka zugrunde. Oder sie hielten sich mit kleinen Geschäften über Wasser.

Zu jener Zeit, erzählt Igor, habe man ihn noch beschimpft, als er eines Tages bei einer Komsomol-Versammlung in einer Jeansjacke aufgetaucht sei. Sie war das Geschenk eines Freundes, ein schönes Stück. Die Komsomolzen nannten ihn deshalb einen Faschisten. Sie warfen ihn aus der Jugendorganisation. Das geschah 1989; noch immer legte die Sowjetunion Wert auf die tagtägliche Abgrenzung vom Klassenfeind.

„Schau“, unterbricht Igor seine Erzählung. „Da ist Khalmer-Ju.“

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Khalmer-Ju: Ein trauriges Panorama

V
Es ist ein trauriges, sehr einsames Bild. Tief in der Tundra – in einer flachen, völlig unstrukturierten Landschaft – taucht wie aus dem Nichts eine verfallene Ortschaft auf.

Rechts der Bahntrasse steht ein alter Industriekomplex, die ehemalige Kohlengrube. Links liegen Bahnhof und Ort. Khalmer-Ju besteht aus zwei großen Plattenbauten aus den 80-er Jahren, mehreren zweistöckigen Wohnhäusern aus den 70-ern, einigen stalinistischen Bauten aus den 50-ern und 60-ern und den Anfängen des Ortes: Häuschen und Holzschuppen aus den 40-ern, die von Zwangsarbeitern errichtet wurden. Am Anfang des Dorfs steht eine metallene Säule, auf der die Aufschrift „Siedlung Khalmer-Ju“ prangt.

Früher seien die Leute aus Workuta manchmal nach Khalmer-Ju gefahren und dort abends ausgegangen, erzählt am nächsten Tag Sergej Merslerkow, der ehemalige Bewohner des Ortes. Es gab ein hervorragendes Bierhaus mit drei Sälen, zwei für Bier und einen für Wein. Es gab Restaurants und ein Café namens „Weiße Nächte“.

Dann kam das Jahr 1989.

Drei Jahre zuvor hatte Michail Gorbatschow, der neue Generalsekretär der KPdSU, in einer Rede vor dem Parteitag von „ernsthaften Rückständen“ gesprochen. Ein neuer Wind begann durch die Sowjetunion zu wehen. Schon seit Jahren hatte das Land Getreide aus dem Westen bezogen und seinerseits Rohstoffe exportiert. Der Rubel sei vom Sowjet-Regime absurd überbewertet, behaupteten die Kapitalisten aus Amerika. Nun schien es, als könnte man solche Probleme nicht länger ignorieren. Das planwirtschaftliche Konstrukt begann zu bröckeln. Und Khalmer-Ju war eines der ersten kleinen Ornamente, die abbrachen und in die Tiefe stürzten.

Die Schließung der Kohlengrube kostete fast alle Dorfbewohner ihren Arbeitsplatz. Manche pendelten nach Workuta und hielten es noch eine Zeit lang in ihrem Heimatort aus. Sie wollten Khalmer-Ju, das bis vor kurzem noch so privilegiert war, nicht aufgeben.
Im Jahr 1995, sechs Jahre nach dem Ende der Grube, versank Russland im postkommunistischen Chaos. Und in Khalmer-Ju hielten immer noch zweihundert Menschen ihrem Schicksal stand. Im Spätsommer kamen schließlich Soldaten und erklärten den Verbliebenen, dass sich ab 1. September niemand mehr im Ort aufhalten dürfe. Und für jene Handvoll, die auch dieser Drohung widerstanden, hieß es: Am 30. Oktober fährt das letzte Mal der Zug nach Workuta. Wer dann noch hier ist, hat Pech gehabt.
Am 31. Oktober 1995 war Khalmer-Ju menschenleer. Die letzten Bewohner vernagelten ihre Fenster und Türen. Sie wollten ihre Besitztümer auf diese Weise bis zu ihrer Rück-kehr vor Plünderungen bewahren.

Igor lässt den Motor des Niva aufheulen und biegt von der alten Bahntrasse in einen schlammigen Weg ein. Es ist die einst ins Ortszentrum führende Ulica Lenina, Leninstraße, die heute unter einer Schlammschicht begraben liegt. Der Wagen kämpft sich durch die Lacken. Einstige Bewohner haben auf eine Mauer mit Spraydose ein Auge gezeichnet, das eine Träne vergießt. „Khalmer-Ju, wir werden Dich nicht vergessen“, steht darunter. „Ganz Russland gedenkt Deiner.“

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„Ganz Russland gedenkt Deiner“

VI
Igor hält vor dem ehemaligen Kulturpalast am Hauptplatz des Dorfes. „Schau du dir ruhig die Ruinen an“, sagt er. „Mich interessiert das nicht so. Ich geh’ inzwischen Enten jagen.“
Neben dem Palast preist ein vergilbtes metallenes Plakat die Fortschritte der jährlich der Erde abgerungenen Kohlenvolumina. Im Inneren des Gebäudes liegt zwischen Ziegelbrocken und Scherben ein zweites Plakat auf dem Marmorboden: Hammer und Sichel samt der Aufschrift „CCCP“.

Ein Schuss hallt durch den Ort, dann noch einer. Igor kommt mit zwei toten Enten zum Niva zurück und legt sie neben die Motorhaube in den Schnee.

Nahe der Leninstraße stehen die Überreste des eingestürzten Feuerwehrhauses. Über zwei Torbögen prangen die Jahreszahlen 1954 und 1956. Es sind Häuser, die noch im Zuckerbäckerstil des eben verstorbenen Stalin erbaut wurden – mit barock hervorspringenden Flügeln und geschwungenen Giebeln.
Vom Kohlebergwerk sind noch rostige Maschinen übrig, Hebebühnen, Pulte mit Steueranlagen und Messanzeigen. Am hinteren Rand des Dorfes steht ein Wasserturm, an dessen Innenwand sich eine rostige Wendeltreppe hinaufschlängelt.
Als sich Igor mit dem Zustandekommen des Feuers abmüht, fährt daran ein Komi-Nenze vorbei. Es ist ein alter Mann mit asiatischen Gesichtszügen und einem langen, mongolisch anmutenden Bart. Er sitzt auf einem niedrigen Holzschlitten, den sechs Rentiere mit buntem Schmuck an Ohren und Zaumzeugen ziehen. Der Nenze grüßt wortlos, lächelt und setzt dann seinen Weg fort. Hinaus aus dem Tal der Toten.

VII

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Der einstige Kulturpalast von Khalmer-Ju

Es gibt Essen, Tee und Wodka, sagt Igor. Russian tradition, er hat eine Pfanne aus dem Jeep geholt und darin Eier und Schweinefleisch über dem Lagerfeuer gebraten, das er im Foyer des ehemaligen Kulturpalastes entzündet hat. Das Bachwasser pfeift im Teekessel und in den Gängen des Kulturpalasts beginnt es nach Rauch zu riechen.

Igor legt neuerlich sein Menü auf Zeitungspapier aus, Gurken, Schokoladeriegel, geviertelte Paradeiser. Wieder fängt er seine Blechbecher aus dem Lederetui: „Jetzt trinken wir darauf, dass wir in Khalmer-Ju sind.“ Was wäre das Leben ohne Wodka, beginnt er, dieses wunderbare Geheimrezept, diese Wohltat für und gegen alles. Aber es dämmert langsam; Igor schlägt vor zurückzufahren. Es seien ja doch siebzig Kilometer nach Workuta und er habe ja bereits erklärt, warum Deutschland den Krieg verloren habe.
In Russland seien die Dinge eben nichts wert, sagt er, während Khalmer-Ju hinter ihm in die Ferne rückt. Eine Stadt verfällt, was soll’s. In diesem Land gäbe es eben immer dringendere Probleme als die Vergangenheit, sagt Igor. Es sei ein instabiles System. Er selbst zum Beispiel sei zweimal reich geworden, und zweimal wieder so arm, dass er am Abend nicht wusste, was er essen sollte.

Der erste Wohlstand kam, als Igor Tanež ein privilegierter Grubenarbeiter wurde, was kurz darauf jedoch die Schließung der Gruben zunichte machte. Der zweite folgte, als Igor seine Konsequenzen aus der gesellschaftlichen Lage zog und kriminell wurde. Es waren wirre Jahre, erzählt er, Mitte der 90-er, Anarchie in Russland, „damals waren wir alle kriminell“. Igor fuhr mit einer Clique junger Männer durch Workuta, sie fielen in die Geschäfte ein, erpressten dort Schutzgeld. Das Geschäft lief gut, es war ein Leben in Hülle und Fülle, aber eines Tages, erzählt Igor, schossen sie auf sein Auto. Die Karosserie wurde durchlöchert, ihm selbst geschah wie durch ein Wunder nichts. Igor nahm es als Zeichen.
„Besser uncool leben, als cool sterben.“ Er wurde gesetzestreu und wieder arm.

Die Freunde der alten Clique seien heute allesamt ermordet, sagt er. In Sewernij, der Vorstadt mit den Kreuzen, ließ die Familie eines Erpressers nach dessen Ermordung eine Holzkirche errichten. Zum Gedenken an den Sohn und die vielen anderen Verstorbenen.
Später wurde Igor „Biesness-Man“ und gründete seine Taxiflotte. Seit bald zehn Jahren gehe das nun so, sagt er.
Es ermögliche ihm ein Leben in kleinem Wohlstand. Die Lage habe sich einigermaßen stabilisiert. Die von Igor und die seines Landes.

Der Jeep überquert wieder die baufällige Brücke, mittlerweile ist es völlig dunkel. Er kämpft sich wieder durch den vom Wasser weggespülten Teil der Trasse.

Er übersiedle bald, erzählt Igor weiter. In die Ukraine, nach Kiew, wo sein Vater herkomme. Das Leben sei dort nicht nur nicht schlechter, sondern sogar besser als zur kommunistischen Zeit. Igor Tanež wird Workuta verlassen – wie viele andere. Ein Haus nahe der ukrainischen Hauptstadt habe er schon. Und ein „Biesness“ lasse sich immer aufziehen.

Die Wohnung in Workuta behalte er aber, ebenso wie den Niva. Jeden Sommer will Igor in die Tundra kommen, solange er lebt. Die Weite, der Wodka, das Chaos, die Narrenfreiheit, die Ruinen von Khalmer-Ju als Staffage. Kurz nach 1995 habe er den Ort übrigens zum ersten Mal betreten, sagt er. Damals habe Khalmer-Ju noch gewirkt, als würden die Bewohner in wenigen Stunden allesamt von einem kollektiven Betriebsausflug zurückkehren.

Heute hingegen fliege das Militär über den verlassenen Ort und beschieße zu Übungszwecken Gebäude. Klar, sagt Igor, warum auch nicht. Sind ja nur Ruinen. Ist ja nur die Tundra. Vor zwei Jahren zum Beispiel, erzählt er, sei der Kulturpalast beschossen worden. Das war damals eine große Sache; ein Schaustück, ein Akt der Präsentation. Die Zeitungen hätten darüber geschrieben, das Fernsehen mitgefilmt. Das Bombardement wollte eine starke Botschaft transportieren: die Kunde vom wieder erstarkten Russland, von einer wehrhaften Politik und Luftwaffe, emporgekommen aus dem demütigenden Chaos der 90-er und nun wieder in der Lage, dem Rest der Welt auf gleicher Höhe in die Augen zu blicken.

Der Schütze zielte zweimal mit einer X-555-Flügelrakete auf den Kulturpalast. Das erste Mal verfehlte er ihn, der Sprengkörper landete im Schlamm neben der Palastmauer und schleuderte nur Holzbretter und Ziegelstücke in die Luft. Beim zweiten Versuch traf der Schütze die Seitenwand des Palastes. Der alte Kino- und Veranstaltungssaal hinter dem Foyer, in dem Igor sein Lagerfeuer entfacht hatte, stürzte ein. Seit diesem Tag klafft in der Mauer ein zwanzig Meter hohes Loch.

Der erfolgreiche Schütze räumte nicht nur zu PR-Zwe-cken bei der Militärübung 2007 in Khalmer-Ju auf. Er rang in Russland auch die 90-er Jahre nieder. Mit ihren guten und schlechten Seiten, mit ihrer Anarchie und ihrer Freiheit.

Sein Name war Wladimir Putin, zu dieser Zeit Präsident der Russischen Föderation.

Nachtrag: Drei Wochen nach dem Besuch im Khalmer-Ju berichtete die russische Wirtschaftszeitung Wedomosti, dass russische Behörden angeblich die „Schließung“ einige „Monogorody“ planen würden. Auch Workuta wurde genannt.

Erschienen im Magazin Fleisch, Nummer 14, Jänner 2010

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Eingeordnet unter Osteuropa, Reportagen

Stalins Perle

Von Häftlingen errichtet und Privilegien erhalten, erzählt die russische Stadt Workuta wie keine zweite die Geschichte des Sowjetkommunismus. Von maßloser Unfreiheit und ihrem Scheitern

Reportage: Joseph Gepp/Workuta

„Jene, die sich an den heutigen Schwierigkeiten der Sowjetunion erfreuen und die dem Zusammenbruch des Reiches erwartungsvoll entgegensehen, sollten sich daran erinnern, dass solche Veränderungen normalerweise einen sehr hohen Preis haben und nicht immer in vorhersehbarer Weise vonstatten gehen“
US-Historiker Paul Kennedy, 1987, „Aufstieg und Fall der großen Mächte“

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Workuta in den Siebzigerjahren (Foto: Georgi Mamulaschwili)

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Dieselbe Straße, heute (Foto: Joseph Gepp)

Wenn du durch die Stadt gehst, sagt Alexander Kalmykow, achte auf die kleinen Holzpflöcke im Boden, du findest sie hier überall.

Sie sind tatsächlich überall, aber nur, wenn man es weiß. Sie lugen aus den Lacken der Hinterhöfe, aus den Rissen in den Gehsteigen, aus den Büschen vor den kommunistischen Denkmälern. Sie sehen aus wie kleine Baumstümpfe. Schmal, meist schlammverschmiert, ragen sie kaum sichtbar aus der Erde.

Die Pflöcke sind die letzten Überreste des Archipels Gulag, sagt Kalmykow, 60, von der Organisation Memorial, die sich der Historie russischer Straflager widmet. Die Stadt Workuta sei der wichtigste Stützpunkt des Archipels im europäischen Russland gewesen. Jetzt heben sich die Pflöcke jedes Jahr etwas mehr über die Erdoberfläche. Der Permafrost treibe sie heraus, erklärt Kalmykow. Wo einer von ihnen auftaucht, sind auch andere nicht weit. Gemeinsam ergeben ihre Anordnungen Grundrisse: Linien, Palisadenzäune. Quadrate, Wachtürme. Rechtecke, Holzbaracken. Jahr für Jahr steigt, einige Zentimeter weiter, das alte Workuta aus dem neuen.

Die Geschichte der nordrussischen Stadt Workuta, 80.000 Einwohner, am polaren Ostende von Europa gelegen, kann man als großes Experiment betrachten. Als Versuch eines totalitären Staates, ein Projekt zu verwirklichen, ohne im Geringsten auf menschliche Ressourcen und natürliche Voraussetzungen zu achten. Es ist ein Experiment, das – im umfassenderen Sinn – bis vor die Tore Wiens reichte, bis Budapest und Bratislava. In diesem Jahr feierte man pompös sein Scheitern vor 20 Jahren, mit Ansprachen, Feuerwerken und dem zweiten Fall der Berliner Mauer.

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Einer von Alexander Kalmykows Holzpflöcken (Gepp)

Aber in Budapest, Bratislava, Ostberlin ist das Experiment unscharf. Von Vorgeschichten verwaschen. Von Widerständen, Nationalismen, Religiositäten zersetzt.

In Workuta hingegen hat der Kommunismus in Reinform stattgefunden. Vor ihm war leere Fläche, nach seinem endgültigen Scheitern wird leere Fläche sein. Denn die arktische Stadt liegt weitab vom Rest der Welt: Von den nördlichsten bewohnten Landstrichen in südlicher Richtung trennt sie hunderte Kilometer Birkenwald. Und im Norden ist nur noch Eiswüste.

Vielleicht lässt sich daher in keinem zweiten Ort der Welt der Verlauf des Experiments so aufschlussreich betrachten wie hier. Vielleicht zeigen sich die Folgen der völligen Missachtung menschlicher Ressourcen und natürlicher Voraussetzungen nirgends so wie in diesem Geschöpf des Totalitarismus, der Stadt am Ende der Welt.

Sie liegt 70 Zugstunden von Wien entfernt, Schlafwagen, nur einmal umsteigen, in Moskau. Ihre Geschichte beginnt 1928, als Sowjetforscher in der Region Kohlevorkommen entdeckten. Für ihre Ausbeutung, lautet die Vorgabe aus dem Kreml, müsse in kurzer Zeit eine Großstadt samt Industrieanlagen entstehen. Das scheint völlig irreal. Woher sollen die Menschen für die Stadt kommen? Was sollen sie essen, womit Häuser bauen? Hier, mitten in der Tundra, auf zehntausenden Quadratkilometern Leere in jede Richtung. Wo nur braune Büsche und Flechten im immerkalten Wind wogen. Wo keine Bäume wachsen und nichts Genießbares gedeiht. Wo die Natur keine sesshafte Besiedlung vorgesehen zu haben scheint.

Der damalige sowjetische Diktator Josef Stalin entkräftet die Einwände mit schlichten Argumenten: Den Arbeitskräftemangel sollen Häftlinge ausgleichen. Und um dem natürlichen Mangel an Lebensmitteln und Baumaterial beizukommen, müsse man die geplante Stadt eben ans Bahnnetz anschließen. So könnten Holz und Nahrung aus dem fruchtbareren Süden nach Workuta gebracht werden.

Der Zug existiert bis heute, er fährt 40 Stunden von Moskau. Es gebe ein Sprichwort über diese Strecke, sagt Alexander Kalmykow: „Unter jeder Schwelle ein Toter.“ Die Schienen waren 1936, acht Jahre nach dem Kohlefund, fertig. Mit vielen toten Zwangsarbeitern hat Stalin sein erstes Ziel, den Bahnanschluss, rasch erreicht.

Die Bewältigung des zweiten, des Baus einer tatsächlichen Stadt, sollte aber dauern. Workuta war ein Dorf, mehr schien bei allem Einsatz so weit im Norden nicht möglich. In den 30er-Jahren bestand es aus einigen Baracken, Kohlegruben hinter Holzverschalungen, einem hölzernen Klubhaus für Wachmannschaften. Diese ersten Gebäude lagen gegenüber der heutigen Stadt, am anderen Ufer eines Flusses. Der Stadtteil heißt heute Rodnik, „Ursprung“. Wie bei den kleinen Holzpflöcken des Alexander Kalmykow muss man auch in Rodnik zweimal hinsehen, um die Geschichte des Ortes gegenwärtig zu finden: In einen Hang hat man balkenverstärkte Stollen getrieben. Sie liegen heute eingebrochen an einer Uferböschung, die Balken sind von der Nässe biegsam und fasrig geworden.

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Rodnik, Stalins Pompeji (Gepp)

In diesen Stollen lebten die ersten Zwangsarbeiter von Workuta. Später errichteten sie hölzerne Baracken als Behausungen. Laut der Organisation Memorial begann auf diese Art die Verschleppung von insgesamt einer Million Menschen in rund 15 Jahren. Rund ein Viertel von ihnen starb an Unterernährung und Kälte bis zu minus 50 Grad. Die Häftlinge waren Polen, Balten, Ukrainer, Ostdeutsche. Es waren aus dem Weltkrieg zurückgekehrte Rotarmisten, die aus dem Westen verwerfliche Ideen mitgebracht hätten haben können. Es waren, zum geringeren Teil, nazideutsche Kriegsgefangene. Es waren Osteuropäer, denen man Kollaboration mit den nationalsozialistischen Besatzern zur Last gelegt hatte.

Es war zum Beispiel Frau Galina Dall, 87 Jahre alt. Bis heute lebt sie in Workuta, in einem baufälligen Holzhaus aus den 50er-Jahren, das man später notdürftig mit Ziegeln ummantelt hat. Galina Dall ist Russlanddeutsche aus der Wolga-Region und wuchs in Kiew, der ukrainischen Hauptstadt, auf.

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Galina Dall (Gepp)

„Eines Tages im Jahr 1944“, erzählt sie über ihren Haftgrund, „riss mein Stiefel. Ich sagte verärgert zu meiner Freundin: ‚Was soll ich jetzt tun? Etwas essen oder den Stiefel richten lassen? Mein Gott, ist das ein gottverfluchtes Land!‘“ Die Freundin zeigte sie an. Dall wurde 1944 wegen Landesverrats zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Sie kam im Viehwaggon nach Workuta und lebte in einem der Stollen.

„Wir waren sechs Frauen in der Brigade. Unser Stollen hatte drei kleine Bettnischen an jeder Seite. Er sah aus wie ein Schweinestall.“ Die Sechserbrigade bestand neben Dall aus einer Estin, einer Litauerin, zwei Wienerinnen, einer russischen Jüdin. Die Frauen mussten Gleise verlegen. Nach Ende ihrer Haftzeit heiratete Dall einen inzwischen verstorbenen Mithäftling, einen Weißrusslanddeutschen. Heute sei ein trauriger Tag, sagt sie unerwartet. Warum? „Heute vor 91 Jahren sind unser geliebter Zar Nikolai II. und seine Familie von den Bolschewiken ermordet worden.“

Als man Galina Dall nach zehn Jahren Haft entließ, im Jahr 1955, war aus Workuta eine Stadt geworden. Stalin, 1953 gestorben, hatte posthum auch sein zweites Ziel erreicht. 27 Jahre hatte es gedauert, dann schien das Projekt zum Bau einer arktischen Großstadt, bei aller ihm innewohnenden Grausamkeit, vollendet.

Kohlenzüge aus Workuta versorgten Leningrad, heute Sankt Petersburg. Die Zwangsarbeiter bauten zum Amüsement der Wachmannschaften ein Stadion mit schönem Portal, einen Kulturpalast, ein Theater. Die monolithische Form der Gebäude, ihre Balustraden und Torbögen entsprachen dem Geschmack des toten Stalin. Im Theater traten inhaftierte Ensemblemitglieder des berühmten Moskauer Bolschoi-Theaters vor ihren Wachen auf, nachdem die Schauspieler das Haus vorher selbst errichten hatten müssen.

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Stalinistischer Prunk. Vor dem Kulturpalast der Bergarbeiter (Gepp)

Die Stadt expandierte. Bald zog man eine 60 Kilometer lange Ringstraße um Workuta, um Platz zu schaffen für mehr Kohlegruben, mehr Gulag-Lager, mehr Wohnraum für Zuzügler, unter denen nun immer mehr freie Bergbauexperten waren. Die neuen Kleinstädte trugen Namen wie „Oktober“, „Komsomolzen-Stadt“ oder „Sowjet-Stadt“.

Doch die Ära der Zwangsarbeiter endete, als sich Stalin-Nachfolger Nikita Chruschtschow von der Politik seines Vorgängers distanzierte. Das „Tauwetter“ begann. Um 1960 waren die Gulags von Workuta verschwunden. Chruschtschow zog eine andere Möglichkeit vor, das Experiment fortzuführen. Von nun an sollte das Versprechen von Wohlstand die Sowjetbürger in die Stadt locken.

Workuta sei damals in der Sowjetunion hoch angesehen gewesen, erzählt Olga Gaun, Bildungsbeauftragte des Rathauses. Als eine Stadt, in der man schnell gutes Geld machen könne. Ein Grubenarbeiter verdiente 800 Rubel im Monat, eine Lehrerin, zum Vergleich, knapp 60. Zwar ließen sich diese Unterschiede wegen der Warenknappheit kaum in tatsächlichen Wohlstand umsetzen. Aber die Grubenarbeiter galten als Helden des Volkes. Sie wurden vom Regime hofiert. Nikita Chruschtschow und sein Nachfolger Leonid Breschnew ließen sich die „Perle des Nordens“, wie Workuta bis heute genannt werden will, viel kosten. Bei Anträgen auf Autos und Wohnungen hatten Schachtkumpel Priorität. Ihre Lebensabende durften sie im klimatisch milden Zentralrussland verbringen. Und ein Hotelzimmer an der sonnigen Schwarzmeerküste für sie und ihre Familien stand allzeit bereit.

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Workuta ist der Vorposten der Entwicklung im Polargebiet, steht hier (G. Mamulaschwili)

Insgesamt schien nun, wo die Ära der Zwangsarbeiter vorbei war, Workuta besser zu funktionieren als je zuvor. 320.000 Menschen lebten in den 70ern in der Stadt, mehr als in Graz. Der absurde Plan, eine Großstadt in die Tundra zu stellen, war ohne Abstriche, ohne Konzessionen an die Wirklichkeit wahr geworden: Eine prosperierende monogorod – eine „Mono-Stadt“, die nur eines einzigen Wirtschaftszwecks wegen existiert – war entstanden.

Die Straßen seien damals voller Passanten gewesen, sagt Olga Gaun. Die frischen Farben der Gebäude hätten geglänzt. Den Leuten sei es gutgegangen im gesamtsowjetischen Vergleich. Und wen störte es da schon, dass viele Kohlegruben allmählich ihren Zenit überschritten, langsam unrentabel wurden? Das waren die wirtschaftlichen Kriterien einer ganz anderen Welt.

In den frühen 80ern, nachträglich das „Zeitalter der Stagnation“ genannt, expandierte Workuta noch eifrig. Anstelle der prunkvollen alten Stalin-Häuser errichtete man nun große Plattenbauviertel, wie in vielen anderen Städten des Ostens. In Workuta zieren die alten Phrasen des Regimes immer noch die heute heruntergekommenen Bauten: „CCCP“, „Friede der Welt“, „Kohle für das Mutterland“.

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Miru mir, steht hier: Friede der Welt (Gepp)

Die Wende kam Mitte der 80er, und vorerst äußerte sie sich in kaum wahrnehmbaren wirtschaftlichen Veränderungen. Manche sowjetischen Geschäfte mit dem Westen, vor allem Getreideimporte und Rohstoffexporte, ließen Luft ins planwirtschaftliche Vakuum dringen. Und im hohen Norden, wo natürliche Bedingungen und menschliche Ressourcen noch weniger galten als im Rest des Landes, spürte man diesen Zug schon, als er noch ein laues Lüftchen war.

1989 schloss die erste Grube nahe Workuta. Drei Jahre zuvor hatte der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow aufgrund „ernsthafter Rückstände“ zur „Beschleunigung der sozioökonomischen Entwicklung“ geraten. Doch statt sie loszutreten, brachte er das ganze System zum Einsturz. Im Dezember 1991, fünf Jahre nach Gorbatschows Rede, waren auf dem vormals sowjetischen Gebiet 14 Nachfolgerepubliken konstituiert. Plus ein neues Russland, das die folgenden zehn Jahre mit der Anarchie ringen sollte.

In Workuta begann ein rasender Abstieg, der – wie sein Aufstieg – fast nach einem tragischen Märchen klingt:

16 von 20 Gruben wurden geschlossen. Plötzlich galt der Kohleabbau nicht mehr als nationaler Stolz, sondern als gestrig, als Hort der Innovationsresistenz. Anfang der 90er blieben die Löhne bis zu einem Jahr lang aus. Die Kumpel streikten, aber sie waren über Nacht machtlos und entbehrlich geworden. Die Arbeiterfamilien, bisher privilegiert, stellten erschrocken fest, dass sie nicht einmal abwandern konnten. Denn der Wert ihrer hochnördlichen Besitztümer war ins Bodenlose gesunken. Das Geld reichte nicht, um sich anderswo eine Existenz aufzubauen. In Workuta, erklärt eine Redakteurin der Lokalzeitung Sapolarje („Hinter dem Polarkreis“), werden heute Eigentumswohnungen um umgerechnet knapp 200 Euro angeboten. In Moskau kosten vergleichbare Wohnungsgrößen bis zu einer Million Euro. Auf diese Art wurden Workutas Bewohner zu Gefangenen ihrer eigenen Stadt.

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Das Ende eines totalitären Projekts (Gepp)

Die Mehrheit der Bevölkerung reagierte aber rechtzeitig und wanderte ab. Die Einwohnerzahl sank zwischen 1991 und 2007 um rund zwei Drittel, auf 110.000 Einwohner. Später kaufte der Stahloligarch Alexej Mordaschow die verbliebenen Kohlegruben. Er unterzog sie schmerzhaften Strukturreformen. Vor zwei Jahren schien es schließlich, als hätte sich Workuta auf niedrigem Niveau konsolidiert.

Dann aber, im Herbst 2008, brach die Wirtschaftskrise aus und traf besonders Russland mit seiner Fixierung auf Großindustrien und Rohstoffhandel. In Workuta hat Mordaschow seitdem rund eine dreiviertel Milliarde Euro Verlust gemacht. Er strich darauf hunderte Arbeitsplätze. Nach inoffiziellen Gemeindeangaben sind deshalb weitere 30.000 Menschen abgewandert. Es bleiben etwa 80.000 Einwohner.

Das Experiment Workuta, das 60 Jahre lang gelaufen ist, scheint nun auf grotesk schnelle Weise zu scheitern.

Als Erstes, in den 90er-Jahren, verschwanden die Städte entlang der Ringstraße. Von „Oktober“ stehen heute nur noch Plattenbaurippen in der Tundra. In „Komsomolzen-Stadt“ harren einige hundert Alte in drei bewohnten Gebäuden zwischen Ruinen aus. Der Vorortebus, der früher im Zwanzigminutentakt die Ringstraße abfuhr, geht heute zweimal täglich. „Wen soll ich denn da noch hinführen?“, sagt der Chauffeur und grinst.

Als Nächstes traf es Workuta selbst. In den späten 90ern gab die Stadt ihre Viertel jenseits des Flusses auf. Rodnik ist heute eine überwucherte Geisterstadt wie aus einem Roman von Rudyard Kipling, nur liegt es in der Arktis. Das Unterholz lässt Stalins Balustraden zerbersten, hinter einer bröckelnden Säulenkolonnade liegt das eingestürzte Dach des einstigen Kulturpalastes.

Am Ende begann die Innenstadt von Workuta selbst zu schrumpfen. Das Stadtzentrum flankieren heute Ruinen, Wohnhäuser wie Industrieareale, Stalins Torten wie Chruschtschows Platten.

Rechnet man den Bevölkerungsschwund hoch, dann wäre Workuta – selbst wenn man eine abflauende Krise und Konsolidierung der Kohleindustrie mitbedenkt – in spätestens 20 Jahren verschwunden. Seine Ruinen könnten dann als Mahnmal dienen, zum Gedenken an die Achtung natürlicher Bedingungen und menschlicher Ressourcen. Aber mit der Stadt verschwände auch die Bahnlinie, die hunderte Kilometer durch die Tundra nach Workuta führt. Die nahesten menschlichen Besiedelungen lägen dann, wie vor Beginn der Sowjetzeit, hunderte Kilometer weiter südlich.

Die Ruinen von Workuta würden demnach praktisch unerreichbar sein. Sie würden langsam in der Tundra verfallen. Und durch ihre Trümmer würden sich, vom Frost getrieben, die kleinen Holzpflöcke schieben, die zeigen, wie alles begann.

Buchtipp
Helmut Altrichter: Russland 1989. Der Untergang des sowjetischen Imperiums. C.H. Beck, 447 S., € 26,90

Zum Thema
Zahlreiche „Mono-Städte“ im einstigen Osten existierten alleine eines Wirtschaftszweigs wegen: Das Spektrum reicht von der ostdeutschen Eisenhüttenstadt über das südpolnische Katowice zum ost-ukrainischen Donbass und sibirischen Städten wie Norilsk (Nickel) und Nowy Urengoi (Erdgas). Workuta (Kohle) unterscheidet sich von vielen dieser Städte durch die klimatisch und geografisch extreme Lage
Drei Wochen nach dem Besuch in Workuta erschien in der russischen Wirtschaftszeitung Wedomosti ein Artikel, wonach russische Behörden die „Auflassung“ einiger Monogorody planen. Unter den genannten Städten war auch Workuta.

Erschienen im Falter 51/09

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