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Goldenes Papier

Aus profil 47/2018 vom vom 19.11.2018

René Benko, der politisch bestens vernetzte Immobilienmagnat aus Tirol, macht jetzt in Medien. Der Milliardär erwirbt Anteile an einer Muttergesellschaft der Tageszeitungen „Kurier“ und
„Kronen Zeitung“. Warum? Eine Erkundung.


Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Die ersten Gläser jungen Weins waren gerade erst ausgeschenkt, da vertrieb sich die fein herausgeputzte Gesellschaft schon die Zeit mit Wetten: „Werden die Dichands kommen?“ Und: „Wird Sebastian Kurz aus Rücksicht auf die Dichands fernbleiben?“

Vergangenen Mittwoch im Wiener Luxushotel Park Hyatt. Der Immobilienunternehmer René Benko hatte zu seinem jährlichen Törggelen geladen, und toute Vienne war seinem Ruf gefolgt. Im gründerzeitlich-noblen Ambiente der ehemaligen Länderbank-Zentrale mutet der bäuerliche Brauch aus Südtirol etwas skurril an. Lederbehoste Musikanten beschallten die Gäste, fein geschnittener Speck wurde auf rustikalen Schneidbrettern offeriert, dazu gab es Keschtn (Maroni) und Äpfel. Üblicherweise meidet Benko die große Bühne konsequent, doch einmal im Jahr hält er hier -als Hausherr -Hof. Dass die Veranstaltung in zeitlicher Nähe mit seinem jüngsten Deal stattfand, dürfte ihm allerdings nicht ganz so recht gewesen sein. Denn an diesem Abend kannte man nur ein einziges Thema. Eines, über das der Gastgeber partout nicht reden will: seinen Einstieg ins Mediengeschäft. Bürotempel, Hotels, Luxuswarenhäuser: Der Tiroler, 41 Jahre, laut dem Wirtschaftsmagazin „Trend“ knapp vier Milliarden Euro schwer und damit auf Platz sieben der reichsten Österreicher, hat mit Immobilien ein Vermögen gemacht. Seit Jahren ist er auf einer rasanten Einkaufstour, die sich zuletzt exponentiell beschleunigte. Nun aber hat er ein Geschäft gemacht, das völlig aus dem Rahmen fällt. Es ist bei Weitem nicht sein bisher größtes, aber wohl das meistdebattierte und rätselhafteste.

Vergangene Woche wurde bekanntgegeben, dass Benkos Signa Holding vom deutschen Medienkonzern Funke 49 Prozent an dessen Tochterunternehmen, der WAZ Ausland GmbH, übernimmt. Die wiederum hält die Hälfte der Anteile an der „Kronen Zeitung“ – die andere Hälfte steht im Eigentum der Verlegerfamilie Dichand -sowie 49 Prozent am „Kurier“ (51 Prozent gehören Raiffeisen). Der Kaufpreis, der geheim gehalten wird, dürfte rund 80 Millionen Euro betragen. Das berichtet zumindest der Erzrivale, die Tageszeitung „Österreich“. Um den Deal zu vollenden, fehlt noch die Zustimmung der Wettbewerbsbehörde – eine Formalie.

Mit diesem Coup vollzieht Benko einen grundlegenden Wandel in seiner Geschäftsstrategie. Ihm gelang es stets, seiner Zeit das entscheidende Stück voraus zu sein. Am Anfang seiner Karriere -als er noch kleinere Brötchen buk – baute er Dachböden aus, lange bevor das große Aufstocken in den Innenstädten begann. Später errichtete er als einer der ersten Gemeinschaftspraxen für Ärzte. Und schließlich -vor ungefähr eineinhalb Jahrzehnten, als viele ihr Geld an die Finanzmärkte trugen – setzte Benko auf innerstädtische Immobilien. Dieses Gespür, ebenso wie gut gepflegte politische Kontakte in alle Richtungen, haben ihn zu einem der großen Player in Österreich und Deutschland gemacht.

Doch nun schwenkt er zunehmend um. Vorbei sind die Jahre, in denen man den Namen Benko ausschließlich mit Immobilien in Toplagen assoziierte -vom Wiener Goldenen Quartier über das Ka-DeWe in Berlin bis zum Luxusressort Villa Eden am norditalienischen Gardasee. Heute setzt er immer mehr auf Geschäftsfelder, deren hohe Zeit eigentlich vorbei scheint. Stichwort Warenhäuser: Zwischen 2013 und 2018 übernahm Benko schrittweise die finanziell angeschlagene Karstadt-und Kaufhof-Kette in Deutschland. In Österreich stieg er mit der Übernahme – um einen symbolischen Euro – der insolvenzgefährdeten kika/Leiner-Gruppe in den übersättigten Möbelhandel ein. Und nun also Zeitungen: eine Branche, der allgemein noch weniger Zukunftschancen als dem stationären Handel eingeräumt werden, weil die sozialen Medien Inseratengelder absaugen. Benko greift trotzdem zu.

In einem vage gehaltenen Presse-Statement begründet er den Deal damit, eine „perfekte Vernetzung von Offline-und Online-Angeboten“ anzustreben und „vertraute Markenwelten mit digitalen Angeboten zu verschmelzen“. Hat der Mann die Fantasie, Potenziale zu erkennen, die andere übersehen? Oder stecken anderen Motive hinter dem mysteriösen Kauf? Läuft Benkos Imperium Gefahr, sich aus dem lukrativen Immo-Segment in Richtung einer indifferenten Gemischtwarenhandlung zu entwickeln, der langfristig der Erfolg abhanden kommen wird? Was will er nur mit den beiden alten Zeitungs-Dampfern?

Beim Törggelen im Park Hyatt gab es darauf keine Antwort. Bei der Begrüßung der Festgäste erwähnte Benko zwar den Medien-Deal, rezitierte aber nur einige Stehsätze aus der dürren Pressemeldung. Das klang derart auswendig gelernt, dass sein Publikum witzelte, man brauche gar nicht erst versuchen, den Gastgeber in ein Gespräch über die Hintergründe des aktuellen Geschäfts zu verwickeln.

Und so blühen die Spekulationen über die Motive des Deals; mitunter widersprechen sie einander. Viele haben damit zu tun, dass die beiden bisherigen Hälfteeigentümer der „Krone“ – die Funke-Gruppe und die Erben des 2010 verstorbenen Zeitungsgründers Hans Dichand – erbittert miteinander streiten. Als die Deutschen 1987 einstiegen, haben sie Dichand umfassende vertragliche Zugeständnisse gemacht, beispielsweise jährliche Vorabzahlungen und Dichands alleinige Hoheit über die inhaltliche Ausrichtung des Blattes. Heute würde sich Funke von den damaligen Zusagen gern befreien. Das allerdings wird von den Dichands, allen voran Hans‘ Sohn und „Krone“-Herausgeber Christoph, scharf bekämpft. Die Zahl der Schiedsgerichtsverfahren in der Schweiz sind Legion.

In diese schwierige Konstellation stößt Benko also vor, wenn er nun 49 Prozent des Funke-Anteils übernimmt. Fungiert er letztlich – so eine der Theorien, die kursieren -als eine Art Strohmann der Dichands, mit dem langfristigen Plan, den Funke-Anteil nach Österreich zurückzuholen und an Dichand weiterzureichen? Oder, ganz im Gegenteil: Hat sich vielmehr die Funke-Gruppe im Dauerstreit gegen die Dichands einen starken Partner zur Seite geholt? Immerhin könnte der Tiroler aufgrund seiner Wirtschaftsmacht in Österreich der Herausgeberfamilie mehr zusetzen als die Deutschen aus dem fernen Essen -und die Dichands vielleicht zu Zugeständnissen zwingen. Funke dürfte sich daran ergötzen, der Verlegerfamilie einen möglichst unangenehmen Partner ins Boot zu setzen. Ein Mitarbeiter der „Kronen Zeitung“ wetzt bereits vorsorglich die Waffen: „Im Haus gibt es eine extreme Loyalität zu Christoph Dichand. Wenn jemand daherkommt und glaubt, er kann da aufmischen, dann hat er sich geschnitten.“

Vielleicht steckt hinter dem Medien-Deal aber auch schlicht ein Immobiliengeschäft. Auch eine solche Theorie kursiert. Immerhin gilt der Gemeinde Wien das Areal rund um das Hochhaus der „Kronen Zeitung“ in der Muthgasse als zukunftsträchtiges Stadtentwicklungsgebiet. Eine lukrative Angelegenheit, bei der sich Benko bereits in Stellung gebracht hat: Erst vor wenigen Wochen erwarb die Signa gleich neben dem „Krone“- Turm ein leerstehendes Bürohochhaus, in dem einst die „Austria Presse Agentur“ logierte. „Wenn er jetzt auch im ‚Krone‘-Turm selber einen Fuß in die Tür kriegt, kann ihm das nicht schaden“, sagt ein Insider.

Doch es gibt auch noch andere Vermutungen. Beobachter verweisen darauf, dass René Benko als Unterstützer von ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz gilt – demgemäß gehe es bei dem Deal in Wahrheit darum, „Krone“ und „Kurier“ politisch auf Regierungslinie zu bringen. Auch wenn sich Benko nicht öffentlich zu politischen Präferenzen äußert und Kurz nie formell unterstützt hat, so „stehen sich die beiden ideell nahe“, drückt es einer aus, der mit den Küngeleien der österreichischen Business-Elite mit der Politik vertraut ist. Vergangenen Mai etwa begleiteten Benko und Signa-Vorstand Christoph Stadlhuber den Kanzler auf eine Reise ins Emirat Abu Dhabi; dort warb Benko unter anderem darum, den milliardenschweren Staatsfonds Mubadala als Investor für seine Signa zu gewinnen. Aber macht all dies die Kurz-These wirklich plausibel? Immerhin entscheiden doch die Dichands über die Inhalte in der einflussreichen „Kronen Zeitung“. Außerdem zeigt sich das Blatt gegenüber der schwarz-blauen Regierung ohnehin oft gewogen, wie etwa die Kommentare zum UN-Migrationspakt zeigen. Da braucht es nicht unbedingt einen Benko, der die „Krone“ auf Kurs bringt.

Überdies: Benko unterhält nicht nur Kontakt zu Kurz, sondern auch zu anderen Politikern oder Ex-Politikern, die mitunter als fürstlich entlohnte Berater im Konzern tätig sind. Ein wichtiger Einflüsterer des Magnaten ist beispielsweise der frühere SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbauer, der dem Signa-Beirat vorsteht – und beim Hyatt-Event stundenlang Hof hielt. Im selben Gremium sitzt auch Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess. Robert Leingruber, Kommunikationschef der Signa, war einst Gusenbauers Kabinettschef. Und Signa-Vorstandschef Stadlhuber werkte im Kabinett von ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.

Ein bestens vernetzter Immobilienunternehmer vollzieht also einen Medien- Deal, auf den sich selbst gut informierte Insider keinen Reim machen können. Denn wie man die Causa auch dreht und wendet: Benko hat von einem Minderheitsbeteiligten -der Funke-Gruppe -einen Minderheitsanteil erworben. Weder inhaltlich noch politisch lässt sich aus dieser Position heraus viel bewerkstelligen. Und auch geschäftsstrategisch, etwa durch die Einführung innovativer Digitalisierungskonzepte, kann Signa nur reüssieren, wenn die Gesellschafter Dichand und Raiffeisen dies unterstützen.

Einig sind sich sämtliche Beobachter nur in einer Sache: Benko verfolgt mit seinem Medienprojekt ein größeres Ziel. Niemand glaubt dem Unternehmer, dass er sich damit begnügen wird, in einer gelähmten Unternehmensstruktur siebter Zwerg von links zu bleiben.

Was schwierige Fälle betrifft, ist Benko jedenfalls Spezialist -vielleicht findet er selbst aus dieser verfahrenen Situation einen Ausweg. So wie ihm das wider Erwarten bei der deutschen Kaufhauskette Karstadt im Jahr 2014 gelang (derzeit 81 Häuser und 19.000 Mitarbeiter). Deren Sanierung sei ein unternehmerisches Himmelfahrtskommando, lautete damals die fast einhellige Einschätzung. Insbesondere durch einen Neuling wie Benko, der erstmals von seinem angestammten Immobiliengeschäft abgewichen war, um sich eines Handelskonzerns anzunehmen. An der Sanierung von Karstadt waren vor Benko schon vermeintlich größere Kaliber gescheitert. Die Skepsis war immens. In Medien wurde Benko als „Möchtegern- Retter“ („FAZ“) tituliert. In Wahrheit gehe es ihm darum, die lukrativen Karstadt-Immobilien in Deutschlands Innenstädten auszuschlachten, so die Kritik. Zudem sorgte ein mutmaßlich windiger Benko- Geschäftspartner für Schlagzeilen in Deutschland. Um die Finanzierung des Karstadt-Deals zu stemmen, holte Benko im Jahr 2012 Beny Steinmetz, einen israelischen Diamantunternehmer. Ermittler in Israel, Großbritannien und im afrikanischen Guinea werfen dem reichsten Israeli Korruption und Geldwäsche vor. Hierzulande kennt man Steinmetz vor allem als Intimus von Tal Silberstein, einem SPÖ-Berater, der im vergangenen Nationalratswahlkampf für Aufregung sorgte.

Und heute? Steinmetz wurde im Jahr 2015 ausbezahlt und ist seither von Benko getrennt. Einige Karstadt-Häuser sperrten zwar ihre Pforten, rund 2000 Mitarbeiter wurden abgebaut – doch als Ganzes ist die Kritik verstummt. Die Kette verbucht seit 2015 wieder operative Gewinne. Als Vorstandschef bei Karstadt setzte Benko den durchsetzungsstarken Deutschen Stephan Fanderl ein -eine von vielen Personalien bei der Signa, die als gelungen gelten. Fanderl beschnitt den Wildwuchs an Marken im Sortiment und straffte die Führungsebene. Heute zeigt sich sogar die deutsche Gewerkschaft mit dem Schicksal von Karstadt einigermaßen zufrieden. „Benko hat die Zusagen, die er beim Karstadt-Kauf gegeben hat, im Großen und Ganzen eingehalten“, sagt Günter Isemeyer, Sprecher des Vorstandes der Gewerkschaft verdi. „Karstadt hat sich erholt.“ Auch wenn es manchmal „einige Irritationen“ gebe – alles in allem attestiert Isemeyer dem Neo-Eigentümer „Verbindlichkeit und ein relativ klares Konzept“. Auch wegen dieses Erfolgs bei Karstadt konnte Benko im heurigen Sommer ein neues, jahrelang geplantes Vorhaben realisieren: Er übernahm zusätzlich die zweite große deutsche Warenhauskette Kaufhof. Der Verkäufer, die kanadische HBC-Gruppe, war zuvor mit der Sanierung gescheitert. Benko hatte bereits seit 2013 immer wieder versucht, Kaufhof zu erwerben, doch all seine Angebote waren abgeschmettert worden. Nun soll Kaufhof mit Karstadt fusioniert werden.

Demnächst soll sich das erfolgreiche Karstadt-Experiment wiederholen. Benko hat nämlich im heurigen Frühjahr eine weitere Handelskette in Österreich erworben, deren Befund kaum weniger kritisch ausfällt. Die kika/Leiner-Gruppe, zweitgrößte Möbelkette hinter XXXLutz, vormals im Besitz der südafrikanischen Steinhoff-Gruppe, kämpft seit Jahren mit finanziellen Problemen. Bei kika/Leiner soll nun der altgediente deutsche Möbelmarktmanager Reinhold Gütebier für Benko den Karren aus dem Dreck ziehen. Gütebier stellt zweistellige Umsatzzuwächse in Aussicht und verspricht, lediglich vier von insgesamt 42 kika/Leiner-Standorten zu schließen. Ob die Sanierung -wie im Fall Karstadt – gelingt, ist offen. Fest steht aber: Benko hat sich inzwischen den Ruf erarbeitet, Problemfälle wie diesen meistern zu können.

Zurück zum aktuellen Medien-Deal. Gegen elf Uhr abends klingt das Törggelen allmählich aus; Prominente und Politiker verlassen das Park Hyatt. Wer hat die Wetten des frühen Abends gewonnen? Die Dichands sind nicht gekommen. Nicht nur dies könnte ein Indiz sein, dass man in der Muthgasse den Benko-Deal nicht goutiert. Außerdem hat Eva Dichand, Christophs Gattin und Herausgeberin der Gratis-Zeitung „Heute“, auf Twitter einen Artikel des SPÖ-Blogs „Kontrast“ geteilt, wonach der „Immobilien-Spekulant“ Benko „zum innersten Kreis“ von Sebastian Kurz gehöre. Der Bundeskanzler hat das Törggelen übrigens mit seinem Erscheinen beehrt und auch brav mit dem Hausherrn für Fotos posiert.

Zudem bereitet die Familie Dichand dem Vernehmen nach über ihre Anwältin Huberta Gheneff eine Klage gegen den deutschen Mitgesellschafter vor. Argument: Funke habe mit dem Verkauf an Benko gegen das Vorkaufsrecht der Dichands verstoßen. Die Anwältin will das gegenüber profil weder bestätigen noch dementieren.

Viele Fragen bleiben also offen. Aus dem Signa-Reich dürfte es sobald keine Aufklärung geben. „Wir sind verschlossen wie eine Auster“, sagt Kommunikationschef Leingruber. Es ist reichlich absurd: Ein Unternehmer, der gerade ins Mediengeschäft eingestiegen ist, spricht nicht mit Medien? Eine schriftliche profil-Anfrage um ein Gespräch über die Geschäftsstrategie wird eher unsanft abgewehrt: durch einen Brief, der auf das eigentliche profil-Ansinnen gar nicht eingeht. Anlasslos weist der Medienanwalt der Signa, Peter Zöchbauer, in einem Schreiben an Hubert Simon (den Rechtsbeistand dieses Magazins), darauf hin, dass er die Erwähnung eines bestimmten Aspekts aus Benkos Vergangenheit in der Berichterstattung für rechtswidrig erachte. Abgesehen davon, dass profil aus medienrechtlichen Gründen gar nicht vorhatte, diese Episode zu thematisieren, ist ein solches Agieren durchaus als Einschüchterungsversuch gegenüber kritischem Journalismus zu werten. So viel also zum Medienverständnis des René Benko.

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Der Leiner ist seiner

Aus dem profil 25/18 vom 18.06.2018

Benko erwirbt Kika/Leiner. Kann das gut gehen? In Deutschland erweist sich eine Übernahme ähnlicher Art jedenfalls bisher als Erfolg.

Von
Joseph Gepp
Christina Hiptmayr

Vergangenen Donnerstagabend. Nach zähen Verhandlungen wird -am Tag vor profil-Redaktionsschluss -bekannt: Die Signa Holding des Tiroler Geschäftsmanns René Benko übernimmt vom angeschlagenen deutsch-südafrikanischen Möbelkonzern Steinhoff die heimische Möbelkette Kika/Leiner. Sie ist hinter XXXLutz die zweitgrößte des Landes. Zuvor hat Kika/Leiner die Pleite gedroht. Jetzt atmet die Öffentlichkeit auf. „5000 Jobs gesichert“, titelt die „Kronen Zeitung“. Aber ist der Jubel nicht verfrüht? Immerhin kennt man den erst 41-jährigen Benko nicht gerade als Einzelhandelsmanager, sondern als Immobilientycoon. Schlaglichter einer kurzen und durchaus auffälligen Karriere: der Kauf des Kaufhaus Tyrol in Innsbruck, des KaDeWe in Berlin, des Goldenen Quartiers in Wien. Allesamt Luxusprojekte mit Fokus auf Immobilien in Top-Lagen, die mit der Übernahme einer Möbelkette wenig gemein haben.

Trotzdem ist Benko in seiner Karriere auch schon einmal ein Wagnis à la Kika/Leiner eingegangen. 2014 übernahm er die – ebenfalls angeschlagene -deutsche Warenhauskette Karstadt (derzeit 81 Häuser und 19.000 Mitarbeiter). Der Tiroler versprach zwar eine Sanierung. Doch die Öffentlichkeit blieb angesichts des „Möchtegern-Retters“ („FAZ“) skeptisch. Es gehe ihm vor allem darum, die Karstadt-Immobilien auszuschlachten, so der Vorwurf. Der Streit mit Gewerkschaftern und Betriebsräten über harte Einschnitte füllte Zeitungsseiten. Und heute? Einige Karstadt-Häuser mussten schließen, rund 2000 Mitarbeiter wurden abgebaut. Doch als Ganzes verbucht die Kette seit 2015 wieder operative Gewinne. Dazu trägt beispielsweise bei, dass der Vorstandsvorsitzende Stephan Fanderl den Wildwuchs an Marken im Sortiment stark einschränkte. Gestrafft wurde auch die Karstadt-Führungsebene. Die Zentrale in Essen verlor laut „Manager-Magazin“ ganze 40 Prozent ihrer Mitarbeiter. Heute zeigt sich sogar die Gewerkschaft mit dem Schicksal von Karstadt einigermaßen zufrieden. „Benko hat die Zusagen, die er beim Karstadt-Kauf gegeben hat, im Großen und Ganzen eingehalten“, sagt Günter Isemeyer, Sprecher des Vorstandes der Gewerkschaft verdi. „Karstadt hat sich erholt.“ Derzeit stehe an, das kollektivvertragliche System für die Mitarbeiter, das in der Krise ausgesetzt worden ist, wieder einzuführen. Auch wenn es dabei „einige Irritationen“ gebe – im Großen und Ganzen attestiert Isemeyer dem Neo-Eigentümer Benko doch „Verbindlichkeit und ein relativ klares Konzept“.

Wird sich das erfolgreiche Karstadt-Experiment in Österreich wiederholen lassen? Kaum eine Branche gilt hierzulande als derart umkämpft und übersättigt wie der Möbelmarkt -es wird also schwierig werden für Kika/Leiner, gegen die mächtigen Konkurrenten XXXLutz und Ikea wieder Meter zu machen. Außerdem könnte der Deal noch platzen; bis Juli hat die Signa ein Rücktrittsrecht. Trotzdem: Vorsichtiger Optimismus ist angebracht.

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Der kaufwütige Tiroler

Aus dem FALTER 35/2014

Er ist 37 Jahre alt und der wichtigste Immobilienmagnat Österreichs. Jetzt erobert er auch Deutschland. Wer ist René Benko?

Porträt in absentia: Joseph Gepp

Wenn reiche Innsbrucker aus dem Fenster schauen, schweifen ihre Blicke über das Häusermeer der Landeshauptstadt hinweg auf die andere Seite des Tals, zum Bergisel. Hungerburg heißt dieses Viertel, hoch über der Altstadt, am Fuß der Nordkette. Aber der Name führt in die Irre. Denn auf der Hungerburg reihen sich schicke Neubauten aneinander, die sich Normalverdiener längst nicht mehr leisten können.

Hier, in einer futuristischen weißen Villa in der Höhenstraße, wohnt auch einer, dessen Geschäftstätigkeit mittlerweile weit über Tirol hinausreicht. Einer, der ursprünglich von unten kommt. Er wuchs im Stadtteil Pradl auf, einem dichtbesiedelten Innsbrucker Mittelschicht-Bezirk neben der Innenstadt. In einer 60-Quadratmeter-Wohnung mit einer vier Jahre jüngeren Schwester, die Mutter Kindergärtnerin, der Vater Beamter bei den Gaswerken.

Heute ist René Benko 37 Jahre alt
und betreibt das größte private Immobilienunternehmen des Landes. Mit über einer halben Milliarde Euro Privatvermögen zählt er zu den reichsten Österreichern. Gerade steigt er zu einem der wichtigsten Immobilienmagnaten Europas auf. Dem Mann mit dem jugendlichen Gesicht und dem Tiroler Zungenschlag gehören Luxusimmobilien in zahlreichen europäischen Städten. In der Wiener Innenstadt etwa ist die Signa Holding, Benkos Firma, laut eigenen Angaben die größte private Immobilienbesitzerin. In Innsbruck kontrolliert Benko mehr als die Hälfte der Geschäftsflächen im Zentrum, wie er in einem Interview sagte. Dazu kommen Immobilien von den Gestaden des italienischen Gardasees bis zum Bankenviertel in Frankfurt. Und die Expansion geht weiter.

Jugendliches Gesicht, Tiroler Zungenschlag: der Tiroler Immobilien-Großunternehmer René Benko (Foto: Signa)

Jugendliches Gesicht, Tiroler Zungenschlag: der Tiroler Immobilien-Großunternehmer René Benko (Foto: Signa)

Vor zwei Wochen hat Benko vom deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen um einen symbolischen Euro die angeschlagene deutsche Kaufhauskette Karstadt übernommen. Es sind 83 Warenhäuser in ganz Deutschland, viele von ihnen angejahrt. Über 17.000 Menschen arbeiten bei Karstadt. Es ist Benkos bislang größter Coup. Viele in Deutschland fragen sich nun, wie es mit Karstadt weitergehen wird. Werden Arbeitsplätze verlorengehen? Wer ist dieser Benko überhaupt?

Diese Frage ist, wie sich zeigt, nicht leicht zu beantworten. Denn man weiß nicht viel über den Unternehmer, außer es dringt geplant nach draußen. Interviews gibt es meist nur, wenn Benko etwas verkündet oder bewirbt. Pressesprecher schirmen ihn ebenso ab wie eine verschworene Clique von Beratern und Managern, die das Tagesgeschäft erledigen. Ein Interview für den Falter? „Keine Chance“, antwortet Benkos Assistent Robert Leingruber. In den vergangenen Tagen hat die Signa Holding hunderte Medienanfragen aus vielen Ländern abgelehnt.

Wissen denn andere Unternehmer etwas über den Mann? Nichts als wohlklingende Plattitüden. Förderer und Weggefährten? Gibt es etliche, aber die scheinen allesamt im Sold des Geschäftsmanns zu stehen. Nennenswerte gesellschaftliche Engagements oder politische Ansichten? Kennt man von Benko nicht, im Gegensatz zu anderen Entrepreneuren wie etwa Strabag-Gründer Hans Peter Haselsteiner.

Benko ist ein Mann, der in Europas Stadtzentren derzeit Objekte im Milliardenwert aufkauft. Er leitet den wohl schnellstwachsenden Immobilienkonzern Europas, als Berater fungieren hochrangige Ex-Politiker. Viele rühmen sein unternehmerisches Geschick und sein kaufmännisches Talent. Andere kritisieren die Intransparenz von Benkos Firmengeflecht. Auch stand er vergangenes Jahr erstmals vor dem Richter, rechtskräftig verurteilt wegen einer Korruptionscausa in Italien. Wie laufen Benkos Geschäfte ab? Wie hat er sein Vermögen gemacht? Wie könnten seine Pläne lauten?

Seine Karriere begann in den späten 1990er-Jahren, Benko war gerade 17. Für einen Innsbrucker Baumeister namens Hans Zittera, einen befreundeten Kleinunternehmer, organisiert er Renovierungen von Dachböden in der zentralen Maria-Theresien-Straße. Zittera stellt dem Burschen ein Büro zur Verfügung. Während Gleichaltrige gerade ihre erstes Bankkonto eröffnen, erweist sich der junge Benko als geschickt. Zur Matura in der Handelsakademie Kaiserjägerstraße tritt er aufgrund vieler Fehlstunden gar nicht erst an. Er steht schon voll im Dachbodengeschäft.

Viele, die den späteren Magnaten kennen, beschreiben Benko als hart arbeitenden Menschen, als peniblen Zahlenkenner, als schnellen Kopfrechner. Es sei verblüffend, wie blitzschnell und zuverlässig er bei Verhandlungen seine Rendite überschlage, erzählt beispielsweise ein Beamter der Stadt Innsbruck, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Benkos Innsbrucker Anwalt Wilfried Plattner sagt über seinen Klienten, er erkenne instinktsicher, in welche Bereiche am Markt man investieren solle. Das Geschäft mit den Dachbodenausbauten etwa, in das Benko in den 90ern einstieg, erwies sich nicht viel später als Goldgrube für Immobilienentwickler.

Bald kommt der junge Benko zu einigem Geld. Er zögert nicht, seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Schulkameraden schildern, wie er samstags seine Schwester abholte, im hautengen Rippshirt, mit Goldkettchen und im geleasten Ferrari. Kurz danach schließt Benko jenes Geschäft ab, das ihn zum Schilling-Millionär machen soll. Er kauft billig das Gesundheitshotel Lanserhof nahe Innsbruck, dessen Besitzer in Geldnöten ist. Benko verkauft es mit stattlichem Gewinn an den Kitzbüheler Hotelier Christian Harisch weiter. „Es hat alles bestens funktioniert“, erinnert sich Harisch heute. Benko erlebe er als „immer arbeitend, immer unter Strom“. Er sei einer dieser Menschen, die man sich gar nicht entspannt vorstellen könne.

Benko jedenfalls geht nach Wien und entwickelt dort vorerst Praxiszentren für Ärzte. Erneut, wie bei den Dachböden, handelt es sich hier um eine Einrichtung, die Anfang der Nullerjahre erst im Aufkommen begriffen ist. Bei der Besichtigung einer Immobilie lernt er Karl Kovarik kennen, damals 53. Das Vermögen des mittlerweile Verstorbenen stammte von 130 Stroh-Tankstellen, die Kovariks Familie 1987 an die OMV verkauft hatte. Im Jahr 2001 vertraut der Erbe sein Vermögen dem jüngeren Benko an, laut Format 26 Millionen Euro. Benko steigt daraufhin endgültig vom gewöhnlichen erfolgreichen Unternehmer zum nationalen Player auf.

„Er kam buchstäblich aus dem Nichts“, erzählt ein Innsbrucker Stadtbeamter über den Mann, der mit viel Geld und vielen Plänen nach Tirol zurückkehrte . Bei Besprechungen sei Benko „mit großen Augen und scheinbar unbedarft dagesessen, sodass man ihn total unterschätzte“. 2004 kauft Benko, damals 27, das heruntergekommene Kaufhaus Tyrol im Zentrum Innsbrucks und lässt es vom Architekten David Chipperfield als modernes Einkaufszentrum neu errichten. Finanziert durch reiche Investoren und Bankkredite, investiert Benko insgesamt 155 Millionen Euro. Die Widerstände gegen das Projekt sind massiv, doch heute loben es selbst Kritiker. „Dass Benko sich drübergetraut hat, dieses Ding neu hinzustellen, bedeutet für Innsbruck eine massive Aufwertung“, sagt Thomas Hudovernik, Obmann der städtischen Geschäftsleute, von denen damals viele gegen das Kaufhaus opponierten.

Das Kaufhaus Tyrol im Zentrum Innsbrucks machte Benko berühmt (Foto: Wikipedia)

Das Kaufhaus Tyrol im Zentrum Innsbrucks machte Benko berühmt (Foto: Wikipedia)

Mit dem Kaufhaus etabliert sich Benko endgültig als Größe in der Branche. Nun entstehen beispielsweise Projekte in Prag, in Luxemburg, am Gardasee. Manche errichtet die Signa selbst, andere kauft sie zu. Bei vielen Immobilien können Investoren einsteigen und in Fonds einzahlen, um danach etwa von laufenden Mieteinnahmen zu profitieren. Andere Objekte dienen eher zu Repräsentationszwecken, wie das luxuriöse Chalet im teuren Vorarlberger Skiort Oberlech, das nach Benkos Frau Nathalie benannt ist. Gemeinsam haben die meisten Projekte Benkos, dass sie glitzern wollen. Repräsentationslust und eine etwas protzige Eleganz kennzeichnen sein Imperium von Wien bis Frankfurt, von Innsbruck bis Mailand. So wie beim Goldenen Quartier in Wiens Innenstadt.

Der Gebäudekomplex zwischen Tuchlauben und Am Hof enthält seit 2012 ein Luxuskonglomerat aus internationalen Edelshops, Penthäusern und einem Hotel. Rund eine halbe Milliarde hat Benko hineingesteckt. Zugute kam ihm dabei, dass große Banken – geschwächt durch die Finanzkrise – ihre teuren Wiener Innenstadtimmobilien abstießen. Wo heute das Goldene Quartier ist, befand sich etwa bis 2009 die Zentrale der Gewerkschaftsbank Bawag; unter dem Dach lag das berühmte Penthaus des Ex-Chefs Helmut Elsner. Benko erwarb 2009 auch zwölf Bank-Austria-Immobilien, darunter das Haus mit dem Meinl am Graben. 2012 schließlich geht auch Otto Wagners Postsparkasse in Ringnähe aus Bawag-Besitz in jenen des Tiroler Aufsteigers über.

Das Goldene Quartier in Wien (Foto: Vienna Review)

Das Goldene Quartier in Wien (Foto: Vienna Review)

Privat soll Benko inzwischen leiser treten als in seinen Jugendtagen im Ferrari. An den meisten Wochenenden geht es vom Wiener Palais Harrach, wo inzwischen das Herz des Unternehmens schlägt, auf die Innsbrucker Hungerburg. Dort lebt Benko mit Frau und zwei Kindern aus zweiter Ehe. Termine am Freitagnachmittag oder Montagfrüh finden vorwiegend in Innsbruck statt, danach reisen Benko und seine Manager im Privatjet zu einem der vielen Projekte des Konzerns. Das einzige Society-Event, das Benko regelmäßig besucht, ist das Kitzbüheler Hahnenkamm-Rennen. „Aber auch dort flitzt er von Meeting zu Meeting“, erzählt ein Bekannter, der ungenannt bleiben möchte.

Nicht alle Projekte laufen heute so glatt wie der Anfangserfolg, das Kaufhaus Tyrol. In Wien beispielsweise dauerte es viel länger als erwartet, bis sich Mieter für das Goldene Quartier fanden. Im Südtiroler Bozen stößt Benko, der dort ein Einkaufszentrum errichten möchte, seit Jahren auf den erbitterten Widerstand lokaler Kaufleute. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb schließlich kaufte Benko 2007 von der Hypo Alpe Adria den Hoto-Tower, ein modernes Hochhaus. Als schwere Baumängel auftraten, kündigte prompt der lukrative Hauptmieter, die Deutsche Telekom. Benko blieb auf der teuren Fehlinvestition sitzen.

George Economou (Foto: Signa)

George Economou (Foto: Signa)

Das Geld für seine Unternehmungen kommt inzwischen längst nicht mehr vom Tankstellenerben Karl Kovarik. Dieser starb 2012. Zwei Jahre zuvor hatte der griechische Reeder George Economou Kovarik als Hälfteeigentümer bei der Signa Holding abgelöst, ein viel potenterer Investor als der Österreicher Kovarik.

Benko und Economou lernten einander bei einem Abendessen der deutschen HSH Nordbank kennen. Der griechische Kunstsammler, der seine Firmen steuerschonend von den Marshallinseln aus verwaltet, ist heute der wichtigste Geldgeber in Benkos Imperium. Andere Investoren sind Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Strabag-Gründer Haselsteiner und der israelische Diamantenhändler Beny Steinmetz. All diese Leute investieren in ein Firmenkonstrukt, dessen Struktur nicht leicht zu durchschauen ist.

Ganz oben steht die 1999 gegründete Signa Holding, die je zur Hälfte zwei Privatstiftungen Benkos sowie Economou gehört. Die Holding verwaltet heute Immobilien im Wert von über sechs Milliarden Euro.

Die wichtigste Tochter der Holding ist die Prime Selection AG, zu der das Goldene Quartier gehört. An dieser Firma sind Investoren wie Wiedeking und Steinmetz beteiligt. Darunter erstreckt sich ein Geflecht von über 100 Subfirmen. Wer in welches Projekt wie viel Geld gesteckt hat und bei welchem Investor Benko in welcher Höhe in der Kreide steht, das lässt sich aus dieser Struktur kaum herauslesen. „Transparenz gehört nicht zu den Tugenden des René Benko“, schrieb die deutsche Zeit Anfang 2014. Die Bilanz der milliardenschweren Signa Holding beispielsweise ist nur drei Seiten lang.

Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer berät Benko

Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer berät Benko

Der Signa Holding steht ein Beirat zur Seite, den Benko mit einflussreichen Persönlichkeiten bestückt hat, etwa mit Ex-SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer und Casinos-Austria-Chef Karl Stoss. Bei Bedarf aktivieren die Beiratsmitglieder ihre Kontakte, um sich für Belange der Signa einzusetzen.
.... genauso wie Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (Foto: Signa)

…. genauso wie Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (Foto: Signa)

Gusenbauer und Benko beispielsweise kennen einander bereits seit der Zeit, als Gusenbauer noch nicht Bundeskanzler war, erzählt der Ex-Kanzler dem Falter. Der Kontakt ergab sich einst auf einer SPÖ-Parteiveranstaltung. Bald nachdem Gusenbauer aus der Politik ausgestiegen war und nachdem der vormalige Kanzlerassistent Robert Leingruber bei Benko angeheuert hatte, läutete auch beim Ex-Kanzler selbst das Telefon. Heute bewertet Gusenbauer bei Benko etwa bevorstehende Projekte und verhandelt mit Bürgermeistern und anderen Betroffenen über Benkos Pläne. Dafür soll er rund 200.000 Euro jährlich verdienen.

Die Kontakte in die Politik verhalfen
Benko bislang aber nicht nur zu Erfolgen, sondern auch zum größten Rückschlag seiner Karriere. Anfang August bestätigte das Wiener Oberlandesgericht ein Urteil von zwölf Monaten bedingter Haft gegen Benko und seinen Innsbrucker Steuerberater Michael Passer. Das Delikt lautet auf versuchte verbotene Intervention, also Korruption.

Ivo Sanader, Kroatien vielfach verurteilter Ex-Premier mit engen Verbindungen nach Innsbruck (Wikipedia)

Ivo Sanader, Kroatien vielfach verurteilter Ex-Premier mit engen Verbindungen nach Innsbruck. Bei ihm fanden Ermitt ler einen Brief, der zu einer Verurteilung Benkos wegen versucher Korruption führte (Wikipedia)

Auslöser waren umfangreiche Ermittlungen gegen Ivo Sanader, Kroatiens konservativen Ex-Premier mit guten Verbindungen nach Innsbruck, wo er einst studiert hatte. Ermittler fanden in Sanaders Tresor in Zagreb einen Brief aus dem Jahr 2009. Darin stellt Steuerberater Passer – übrigens Ex-Mann von Susanne Riess-Passer – dem kroatischen Politiker 150.000 Euro in Aussicht, falls Sanader erreiche, dass Ermittlungen gegen eine Firma Benkos „zu einem positiven Ende“ kommen. Weil es sich um eine Steuer-Causa in Italien handelte, soll Sanader auf den dortigen Ex-Premier Silvio Berlusconi einwirken. Benkos Anwälte entgegnen, Passer habe eigenmächtig gehandelt; die Angelegenheit sei nicht mit Benko abgesprochen gewesen.

Benko zog sich infolge der Affäre mit den beiden Premierministern formell von der Spitze seiner Signa zurück, er fungiert seither nur als Vorsitzender des Beirats der Holding. Abgesehen davon jedoch scheint ihm die Sache nur kurz geschadet zu haben. Die Komplettübernahme von Karstadt vor zwei Wochen ist sein neuester großer Coup. Bereits im Jahr 2013 hat Benko für 1,1 Milliarden Euro einige deutsche Karstadt-Immobilien und drei Luxuskaufhäuser erworben, darunter das KaDeWe in Berlin. Nun folgte der Rest des Konzerns.

Wie geht es weiter? Das fragt sich die deutsche Öffentlichkeit skeptisch. Benko selbst will den Konzern angeblich erhalten und nur unrentable Karstadt-Filialen schließen. Politiker, Gewerkschafter und Medien beobachten den Unternehmer misstrauisch. Viele fürchten mit Blick auf Benkos bisherige Karriere, dass es dem Unternehmer vor allem um die Verwertung der lukrativen Innenstadtimmobilien geht, die er sich nun in deutschen Städten einverleibt hat.

Derzeit wird bei der Signa Holding eilig das Personal aufgestockt. Man sucht fähige Manager für den Umbau der großen Kaufhauskette. Was genau mit Karstadt geschehen wird, das entscheidet sich wohl erst kommendes Jahr, sagen Insider dem Falter. Vorher will man das Weihnachtsgeschäft über die Bühne bringen, das bei Karstadt traditionell den größten Umsatz beschert.

Fest steht: Ob Dachböden, Ärztezentren oder Luxusimmobilien in Innenstädten – bisher bewies Benko stets ein Gespür für einträgliche Investitionen. Stets votierte er für etwas, dessen gute Zeit noch bevorstand. Nun hat sich Benko zum ersten Mal ein Projekt vorgenommen, dessen Blüte Jahrzehnte zurückliegt. Denn das Kaufhaus basiert auf einem Konzept aus der Zwischenkriegszeit, sein Stern ist seit den 70er-Jahren im Sinken begriffen.

René Benko, das Tiroler Talent aus kleinen Verhältnissen, das Europas Innenstädte mit glitzernden Luxusimmobilien überzieht, wird jetzt viel Geld und Geschick brauchen. Er muss die alten Karstadt-Häuser auf modern umrüsten. Er muss neue Kunden gewinnen, genauso wie die deutsche Öffentlichkeit. Er muss vom Immobilien-zum Handelsunternehmer werden. Sein vielgelobtes kaufmännisches Talent wird auf eine harte Probe gestellt.

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