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Totalschaden

Aus profil 40/2015

Volkswagen, Autobauer mit Weltgeltung, zwölf Marken von Škoda bis Lamborghini, 600.000 Mitarbeiter, Deutschlands Vorzeigekonzern schlechthin – seit einer Woche ist in und um Wolfsburg nichts mehr so, wie es einmal war. VW steckt in einer existenziellen Krise. Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn musste zurücktreten, an der Börse verlor das Unternehmen Milliarden, Schadenersatzklagen und Strafzahlungen in ungeahnter Höhe dräuen. Das alles nur wegen eines kleinen Chips zur Manipulation von Schadstoffwerten in Dieselmotoren. Wie konnte es so weit kommen? Und warum hat das Krisenmanagement derart versagt? Die Geschichte einer Vertuschung in acht Schlagzeilen.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

APA, 18. September, 18.46 Uhr.
US-Umweltbehörde zwingt Volkswagen zu Rückruf von fast 500.000 Autos

Kaum jemand ahnte, welche Sprengkraft die knappe Nachricht barg, die vorvergangenen Freitag über die Ticker ratterte. In der Automobilbranche gehören Rückrufe schließlich zum täglichen Geschäft. Volkswagen habe eine Software entwickelt, die Vorgaben zur Luftverschmutzung zwar bei Tests, nicht aber beim normalen Betrieb der Autos erfülle, teilte die US-amerikanische Umweltschutzbehörde EPA („Environmental Protection Agency“) mit. Doch für den deutschen Automobilkonzern ist seither nichts mehr so, wie es war.

„Zykluserkennung“ lautet der Fachbegriff für das, was VW in die wohl größte Krise seiner Geschichte stürzte. Eine Software im Auto erkennt, ob der Wagen tatsächlich auf der Straße fährt oder ob sein Schadstoffausstoß lediglich auf dem Prüfstand gemessen wird. Im letzteren Fall wird die Software aktiv und reduziert den Schadstoffausstoß, vor allem den an gesundheits- und klimaschädlichen Stickoxiden. Der Wagen täuscht also nur das vor, was er vorgeblich immer macht: so sauber wie möglich fahren.

Die US-Forschungsorganisation ICCT („International Council for Clean Transportation“) ging bereits im Jahr 2013 Hinweisen nach, dass mit den VW-Abgaswerten etwas nicht stimmen konnte. Beim Testen eines Jetta und eines Passat stellten der ICCT und die Universität von West Virginia fest, dass der Ausstoß auf der Straße deutlich höher lag als jener auf dem Prüfstand. Konkret um das fünf- bis 35-fache. Die EPA griff die Forschungen auf. Der Skandal beim weltgrößten Autobauer nahm seinen Lauf.

APA, 20. September, 14.54 Uhr.
VW-Dieselskandal – Konzernchef verspricht umfassende Aufklärung

Es scheint offensichtlich: Der Konzern wurde überrascht, eiskalt auf dem falschen Fuß erwischt. Und verharrte in Schockstarre. Zwei Tage vergingen, ehe VW-Chef Martin Winterkorn sich zu einer Stellungnahme durchrang. Zwei Tage; eine lange Spanne, in Zeiten medialen – durch soziale Netzwerke ständig angefachten – Dauerfeuers. „Dieselgate“ wird die Krise auf Twitter längst genannt. Nahezu im Sekundentakt poppen neue Meldungen und Kommentare auf. „Für ein Unternehmen ist das richtig schlimm, wenn eine Krise mit einem solchen Namen gebrandmarkt wird. Das zeigt, die Angelegenheit hat bereits eine Dynamik, der man nur mehr wenig entgegensetzen kann“, sagt Alfred Autischer, Gründer der auf Krisen- und Ligitation-PR spezalisierten Agentur Gaisberg. Dabei handelte man in Wolfsburg ganz nach Lehrbuch: Er „bedauere zutiefst“, das Vertrauen der Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht zu haben, ließ Winterkorn in einem schriftlichen Statement wissen. „Regret“, so lautet die erste Regel der Krisenkommunikation. Nach Ansicht des Experten jedoch kam die Reue zu spät. „Jeder Konzern muss für eine derartige Situation Krisenpläne in der Schublade haben, die es zügig abzuarbeiten gilt. Das verlangen die Versicherungen“, erklärt Autischer. Diese Gebrauchsanweisung dürfte man in der VW-Zentrale verlegt haben. Das Unternehmen hätte unmittelbar auf die Vorwürfe der US-Umweltbehörde reagieren und seine Kunden, Händler, Aktionäre, Mitarbeiter und die Öffentlichkeit klar und transparent über die Sachlage und die weitere Vorgehensweise informieren müssen. Das hat man verabsäumt. So steht nun das Gesicht Winterkorns – erst im Frühjahr ist er aus einem Machtkampf mit dem früheren VW-Patriarchen Ferdinand Piëch siegreich hervorgegangen – nicht für die Lösung, sondern für das Problem.

APA, 21. September, 13.16 Uhr.
VW-Dieselskandal – VW laut Verkehrsclub nur Spitze des Eisbergs

Hat die VW-Affäre System? „Sie ist möglicherweise erst der Anfang“, sagt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ).

Bevor ein Auto für den Verkehr zugelassen wird, gibt es im jeweiligen Herstellerland ein Verfahren, bei dem Verbrauch und Emissionen festgestellt werden. Der Vorwurf: Dieses sei völlig realitätsfern. Mit der Folge, dass die Abgas- und Verbrauchswerte im Prüfstand bis zu sieben Mal niedriger ausfallen als jene auf der Straße – und zwar nicht nur bei VW, sondern bei vielen Autos.

Im Test werden beispielsweise die Rückspiegel abgeschraubt, sodass sich der Luftwiderstand reduziert. Spezialreifen erzeugen wenig Reibung. Die Höchstgeschwindigkeit im Labortest beträgt lediglich 120 Stundenkilometer.

Auf Basis dieses Verfahrens kommen später jene Werte zustande, die in den Prospekten der Autohändler aufscheinen – und in den Typenscheinen der Wagen. Diese Verfahren beeinflussen Kaufentscheidungen, weil Autofahrer Geld sparen oder umweltfreundlich unterwegs sein wollen. Es geht auch um die Höhe von Steuereinnahmen, die sich nach dem Verbrauch des Wagens richten. Ebenso basieren alle angeblichen Fortschritte in Richtung klimafreundliche Mobilität auf diesen geschönten Werten.

„Die Kluft zwischen den offiziellen Angaben und den tatsächlichen Werten wird immer größer“, sagt Gratzer. „Es braucht modernisierte Testverfahren. Und die Autos sollen nicht mehr nur im Labor geprüft werden, sondern auch auf der Straße.“

Tricks wie das Abmontieren der Rückspiegel sind zwar umstritten, aber nicht verboten. Ob darüber hinaus auch andere Autokonzerne verbotene Manipulations-Software einsetzen, ist bisher nicht bekannt. Sie haben jedenfalls dringenden Erklärungsbedarf.

APA, 21. September, 15.10 Uhr.
VW-Dieselskandal – Südkorea nimmt Volkswagen-Modelle unter die Lupe

Das PR-Desaster verbreitet sich mit unaufhaltsamer Konsequenz. Etliche Staaten weltweit wollen nun die Volkswägen auf ihren Straßen prüfen. So wie Frankreich, die Schweiz, Australien und Südkorea. Die Europäische Kommission fordert „null Toleranz bei Betrug“. Die UNO ist „äußerst beunruhigt“.

Nicht einmal die Autofahrerklubs hat VW auf seiner Seite, immerhin verteuern die Tricksereien die Mobilität ihrer Mitglieder. Politiker aller Couleurs, von Bundeskanzlerin Angela Merkel abwärts, drängen auf Aufklärung. Bei US-amerikanischen Gerichten sind inzwischen 37 Klagen gegen VW eingegangen. Ein Ende der Flut ist vorerst nicht abzusehen.

Es bleibt nicht bei den 500.000 vom US-Umweltamt beanstandeten Fahrzeugen. VW gesteht bald darauf ein, dass elf Millionen Motoren weltweit betroffen sind. Darunter, so viel ist inzwischen bekannt, auch die VW-Marken Audi, Seat und Škoda.

APA, 22. September, 11.55 Uhr.
Alarm # Diesel-Skandal zwingt VW zu Gewinnwarnung: 6,5 Mrd. Euro Rückstellung

In wenigen Tagen hat Volkswagen rund 27 Milliarden Euro seines Börsenwerts eingebüßt. Im Vergleich zum Höchststand der Aktie im März dieses Jahres ist die Marktkapitalisierung um fast 60 Prozent gefallen. Ein Drama. Eine sogenannte Gewinnwarnung unausweichlich. Doch auch hier stellt sich die Frage: Hat der Konzern zu langsam reagiert? Die deutsche Finanzaufsicht prüft, ob Volkswagen seine Anleger nicht viel früher über die Manipulation der Abgastests hätte informieren müssen. Schließlich sind börsennotierte Unternehmen verpflichtet, kursrelevante Informationen sofort publik zu machen. Die da wären: Vorstands- und Aufsichtsratsbeschlüsse, gröbere Rechtsstreitigkeiten und Ermittlungen von Behörden, die eine hohes Bußgeld nach sich ziehen könnten – so wie jene der US-Umweltbehörde. Eine versäumte Pflichtmitteilung, eine sogenannte Ad-hoc-Meldung, kann schwerwiegende Konsequenzen haben. Und dabei wäre eine Strafzahlung an die Finanzaufsicht noch das kleinere Übel. Ein Milliardenrisiko stellen etwaige Klagen von sich getäuscht fühlenden und Schadenersatz fordernden Anlegern dar. Deren Anwälte wetzen bereits die Messer.

APA, 23. September, 15.29 Uhr.
VW-Dieselskandal – Händler fühlen sich allein gelassen

Die Meldung ist symptomatisch. Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, findet für das Krisenmanagement des Konzerns folgende Attribute: „Desaströs.“ „Unglaubwürdig.“ „Arrogant.“ „Laienhaft.“ Tatsächlich agiert Volkswagen ziemlich planlos. Händler, Kunden, Mitarbeiter werden völlig im Dunkeln gelassen. „Die Belegschaft weiß auch nicht mehr als das, was in den Medien zu lesen ist“, erzählt ein Insider. Die Nerven liegen blank, viele fürchten um ihre Jobs. VW-Händler in aller Welt haben keine Ahnung, welche Auskunft sie besorgten Dieselfahrern geben sollen. Sie wurden schlicht darüber nicht informiert. „Warum hat man noch immer keine Antworten auf die berechtigten Fragen der Kunden und Aktionäre? Das ist nicht nachvollziehbar“, moniert Krisenkommunikator Autischer. Zwei Fragen müssten schleunigst geklärt werden: Welche Marken und Märkte betrifft das Problem? Und: Was tut VW mit jenen Kunden, die Autos fahren, die höhere Abgaswerte haben als angegeben? Der Konzern, der in Kommunikationsfragen bisher stets auf die eigene Expertise vertraute, hat mittlerweile eine externe PR-Agentur angeheuert. Bisher allerdings fand auch sie nicht die richtigen Antworten. Stattdessen wurden global sämtliche Werbeaktivitäten gestoppt. Wie sollte Volkswagen in so einer Situation seine Modelle auch anpreisen? Zuverlässig? Sauber? Vertrauenswürdig? Eben.

APA, 23. September, 17.02 Uhr.
Alarm # VW-Dieselaffäre – VW-Chef Winterkorn tritt zurück

„Das war der erste richtige Schritt“, kommentiert Automobil-Experte Dudenhöffer die Nachricht. Nachsatz: „Aber er ist zu spät erfolgt.“ Kaum jemand, der den Konzern und die Person Winterkorn näher kennt, hält es für glaubwürdig, dass der VW-Chef nichts von dem Betrug gewusst haben will. Dass dem akribischen und detailverliebten Techniker, der jede Schraube persönlich kennt, eine derart fundamentale und logistisch anspruchsvolle Manipulation entgangen sein soll, ist tatsächlich schwer vorstellbar. Der Schaden ist über VW hinaus auch für die Technologie- und Exportnation Deutschland groß. Der Skandal könnte verheerende Konjunkturfolgen haben.

Es wird nicht die einzige Demission bleiben, so viel ist klar. Neben Winterkorn sind auch bereits Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg, Porsche-Vorstandsmitglied Wolfgang Hatz und VW-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer gegangen worden. „Auch der Aufsichtsrat muss ausgetauscht werden“, fordert Dudenhöffer. Es brauche eine starke Persönlichkeit von außen, die von Belegschaft und Politik unterstützt werde. Gegenüber profil nennt Dudenhöffer seine Idealbesetzung: Wolfgang Reitzle. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende des deutschen Gas- und Technikkonzerns Linde kann auf eine Karriere bei BMW und Ford zurückblicken. „Er würde den Vorstand neu besetzen, den Konzern neu aufstellen und die Macht des Betriebsrats brechen“, so Dudenhöffer. Und er braucht einen langen Atem: Denn diese Krise wird Volkswagen noch auf Jahre begleiten.

APA, 24. September, 8.15 Uhr.
VW-Dieselskandal – Im April Briefe an Kunden in Kalifornien versendet

Je weiter die Affäre voranschreitet, desto deutlicher wird, dass VW nicht so überrascht sein konnte, wie dargestellt.

Die Forschungsorganisation ICCT publizierte ihren Bericht über verdächtig hohe Stickoxid-Ausstöße bei Dieselautos bereits im Mai 2014. Ab diesem Zeitpunkt nahm das US-Umweltamt EPA Ermittlungen auf
– und trat mit dem Konzern in Kontakt. Sowohl Vorstand als auch Aufsichtsrat in Wolfsburg müssen darüber Bescheid gewusst haben. Viele Monate lang habe „VW immer wieder behauptet, die hohen Emissionen (…) lägen an verschiedenen technischen Problemen“, schreibt die EPA in ihrem Brief an VW vom 18. September 2015.

Auch von einer „freiwilligen Rückrufaktion im Dezember 2014“ ist in dem Brief die Rede. Außerdem: Im April 2015 verschickte VW Briefe an Diesel-Fahrer in Kalifornien. Darin hieß es, man solle VWs und Audis zum Händler bringen, eine neue Software sei zu installieren. Den Einsatz einer Manipulations-Software gestand VW erst ein, als die EPA drohte, keine neuen VW-Modelle auf dem US-Markt zuzulassen.

Sollte das Manipulationsprogramm etwa diskret entfernt werden, um dessen Einsatz zu vertuschen? Und warum reagierte VW schließlich derart überfordert, wo der Konzern doch bereits seit Monaten mit dem US-Umweltamt zur Causa korrespondierte? Vieles deutet darauf hin: Volkswagen hat die Angelegenheit schwer unterschätzt und wollte sie bis zuletzt vertuschen. Dazu passt auch, dass der Konzern bis heute nicht sagen kann, welche Modelle, welche Baujahre, in welcher Zahl betroffen sind. In einem Konzern mit global strikt durchorganisierten Produktionsketten sollte man solche Daten auf Knopfdruck parat haben. Möchte man meinen. Fest steht: Zeit, der Affäre eine angemessene Krisenstrategie entgegenzusetzen, hätte das Unternehmen allemal gehabt.

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So viel verdienen Manager … und so viel wir

Aus dem FALTER 11/2013

Während Durchschnittsgehälter sinken, haben sich Managergagen in zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Wie kam es dazu? Und soll man sie nun begrenzen?

Bericht: Joseph Gepp

Eines Tages im Jahr 2005 hatte es Thomas Minder aus Neuhausen in der Schweiz satt. Er selbst, ein parteiloser Parlamentarier und Besitzer einer Zahnpastafabrik mit 18 Mitarbeitern, musste jeden Monat zittern, ob seine Kunden auch pünktlich ihre Rechnungen bezahlen, damit seine Firma über die Runden kam. Gleichzeitig las Minder in den Zeitungen Berichte über die Millionenboni für Schweizer Topmanager, die trotz hoher Verluste ausbezahlt werden. Er hörte von horrenden Abfertigungen und von Begrüßungsgeldern, die Konzerne gewähren, obwohl der neue Vorstandsboss noch nicht einmal seinen Computer aufgedreht hat. Da beschloss Thomas Minder, etwas zu tun.

67,9 Prozent der Schweizer Wahlberechtigten unterstützten Anfang März die „Initiative gegen die Abzockerei“, die Minder lanciert hatte. Ein überwältigender Erfolg, der nun ausgerechnet der wirtschaftsliberalen Schweiz eines der strengsten Vergütungsgesetze der Welt beschert. Und auch im Rest von Europa bringt Thomas Minder einen Stein ins Rollen.

In Deutschland fordern Politiker eine ähnliche Begrenzung von Managergagen, seit bekannt wurde, dass VW-Vorstandschef Martin Winterkorn im Jahr 2011 17,5 Millionen Euro verdient hat. In Brüssel ringen die EU-Institutionen um die Deckelung von Boni für Banker. Und auch in Wien können sich Finanzstaatssekretär Andreas Schieder (SPÖ) und sogar Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) Regeln vorstellen, wie sie Minder in der Schweiz durchgesetzt hat.

Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten steigen die Gehälter von internationalen Spitzenmanagern und -bankern ungebremst, während Durchschnittslöhne stagnieren oder sinken. In den USA betragen sie inzwischen das 200-Fache eines Durchschnittseinkommens. Die meisten Vorstandschefs verdienen heutzutage in einem Jahr mindestens ebenso viel wie ein Normalverdiener im ganzen Berufsleben – und wenn nicht, dann rangieren sie weltweit gesehen weit unten.

Nun aber werden neue Regeln immer mehrheitsfähiger. Vor wenigen Jahren noch hätten sie als destruktiver Eingriff ins Spiel freier Marktkräfte gegolten. Kritikern von Gehaltsexzessen warf man lange vor, Neid zu schüren. Doch seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise vor einigen Jahren ist an die Stelle des alten Schlagwortes Neid ein neues getreten: Gier.

Wie konnte es geschehen, dass Manager – die ja letztlich auch nur Angestellte sind und sich nicht, wie Unternehmensgründer, ihren Wohlstand selbst aufbauen – derart viel verdienen? Was tut man dagegen? Und wie sieht die Situation in Österreich aus?

Alles begann in den 1980er-Jahren an der Wall Street. Im US-amerikanischen Börsenkapitalismus setzte sich, ausgehend von der Finanzwirtschaft, ein neuer Typ von Firmeneigentümer durch: der Aktionär. Im Unterschied zum althergebrachten Firmenbesitzer, dem am langfristigen Gedeihen seines Unternehmens gelegen war, erwarb der Aktionär als einer unter vielen Anteile am Betrieb. Ihn interessierte vor allem, ob sich sein Investment kurzfristig rechnet. Die disparate Schar von Aktionären beauftragte deshalb ein Firmenmanagement, den Betrieb zu führen und Rendite zu erwirtschaften. Dem Management kam in diesem Gefüge immer mehr Macht und Bedeutung zu.

Eine neue „ökonomische Radikalität“ hielt damit Einzug, erklärt der deutsche Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. „Es war eine Kultur, in der das Management fürstlich dafür entlohnt wurde, alle rentabilitätsfremden Gesichtspunkte konsequent auszuschalten“ – also alles, was nicht dem Profit dient.

Jahrzehntelang wuchsen die Gagen, selbst die große Wirtschaftskrise 2009 fügte ihnen nur eine kleine Delle zu. In den USA, dem internationalen Spitzenreiter, verdienen die Chefs der 500 wichtigsten börsennotierten Unternehmen heute laut Institute for Policy Studies im Schnitt je knapp elf Millionen US-Dollar im Jahr. Der größte Teil des jeweiligen Lohns hängt dabei vom Erfolg des Managers ab. Es handelt sich um Boni und Prämien verschiedener Art. Diese Teile des Gehalts richten sich nach den Zahlen im neuesten Quartals- oder Jahresbericht, beispielsweise dem Unternehmensgewinn oder dem Wert der Aktie. Eine gefährliche, oft firmenschädliche Praxis, meinen Kritiker. Denn das schwankende Gehalt lenke das Augenmerk der Manager auf kurzfristige Geschäfte, die hohe Gewinnchancen mit ebensolchem Risiko verbinden. Auch Kapitalmarktexperten sehen diese Form der Entlohnung mit Sorge: Als das deutsche Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung im Krisenjahr 2009 250 Fachleute über die Ursachen der Krise befragte, nannten fast 90 Prozent hohe Managergehälter und Bonuszahlungen.

In Österreich immerhin kommen derartige Belohnungssystem vergleichsweise wenig zum Einsatz. Österreich sei „kein Land der Abzocker“, befand kürzlich die Neue Zürcher Zeitung. Laut Arbeiterkammer ist ein durchschnittliches Spitzenmanagergehalt hierzulande lediglich zu rund 30 Prozent erfolgsabhängig – in vielen anderen Ländern liegt der Wert bei über 50 Prozent. Und auch bei der gesamten Höhe von Managergehältern halten sich heimische Unternehmen im internationalen Vergleich eher zurück.

Die fünf höchstdotierten Firmenvorstände in Österreich (siehe unten) verdienten im Jahr 2011 zwischen 1,2 und 2,5 Millionen Euro pro Person im Jahr. Das ist zwar immer noch ziemlich viel, liegt aber weit unter den höchstbezahlten deutschen Vorständen, die nicht unter fünf Millionen pro Kopf verdienen – also mindestens das Doppelte. Selbst der teuerste heimische Firmenboss im Jahr 2011, Erste-Bank-Chef Andreas Treichl, wäre mit 2,5 Millionen Euro in Deutschland nicht einmal unter die Top Ten gekommen.

Österreichs bestbezahlter Manager, Erstebank-Chef Andreas Treichl, verdiente 2011 rund 2,5 Millionen. In Deutschland wäre er trotzdem nicht unter den Top 10 (Foto: Erstebank)

Österreichs bestbezahlter Manager, Erstebank-Chef Andreas Treichl, verdiente 2011 rund 2,5 Millionen. In Deutschland wäre er trotzdem nicht unter den Top 10 (Foto: Erstebank)

Freilich, dies sind nur Vergleichswerte. Absolut gesehen steigen auch in Österreich die Managergehälter extrem, während Normalverdiener Einbußen hinnehmen müssen. Der heimische Durchschnittslohn – er lag vergangenes Jahr laut Statistik Austria bei 24.843 Euro brutto – ist seit dem Jahr 1998 leicht gesunken, vor allem bei Geringverdienern. Topmanager hingegen verdienten bereits im Jahr 2000 das 20-Fache des Durchschnitts, erklärt die Expertin Christina Wieser von der Arbeiterkammer. Inzwischen ist der Wert auf das 48-Fache angestiegen. Zudem werden fette Boni oft auch dann fällig, wenn der Unternehmenserfolg mehr als zu wünschen übrig lässt – beispielsweise geschehen bei der Flughafen Wien AG nach dem Debakel um das neue Terminalgebäude Skylink.

Ausverhandelt werden die großzügigen Gagen in den Aufsichtsräten der Unternehmen. Das ist jenes Gremium in Firmen, das, von den Eigentümern bestückt, den Vorstand bestellt und kontrolliert, also das mehrköpfige Management. Doch in den Aufsichtsräten sitzen meist Branchenkollegen oder Manager aus Schwesterfirmen im eigenen Konzern, erklärt der Soziologe und Netzwerkforscher Harald Katzmair, der die Rolle von Aufsichtsräten untersucht hat. „Diese Zusammensetzung hat durchaus Sinn, denn die Mitglieder des Aufsichtsrats müssen das Geschäft und seine Gepflogenheiten kennen, um ihrer Tätigkeit nachgehen zu können.“ Allerdings besteht bei solchen Konstellationen wenig Hoffnung, mit den ständig steigenden Löhnen Schluss zu machen.

Katzmair spricht von einer „selbstorganisierten Wachstumsspirale“, die sich bei Gehältern herausgebildet habe. Angetrieben werde sie vom ständigen Vergleich der Manager untereinander, der sich vor allem in zahlreichen Gehaltsrankings ausdrückt. Und weiters von der Drohung der Manager, zu einem Unternehmen zu wechseln, das besser zahlt. Ein Wettlauf nach oben treibt Managergehälter an – ähnlich jenem Wettlauf nach unten, den sich Staaten bei ihren Steuer- und Sozialgesetzen liefern, damit sie als Standorte für internationale Unternehmen attraktiv sind.

Wie wenig Spielraum in diesem System für ein einzelnes Unternehmen und seinen Aufsichtsrat bleibt, erzählt ein Mann, der in mehreren heimischen Aufsichtsräten sitzt. Seinen Namen will er nicht im Falter lesen, schließlich geht es um heikle Lohnverhandlungen. „Die Höhe des Gehalts richtet sich meist nach dem, was der Vorgänger verdient hat“, erzählt das Aufsichtsratsmitglied. Je nachdem, wie begehrt der Bewerber ist, schlage man noch mehr oder weniger Geld drauf. Bei den Verhandlungen ziehen sowohl der Bewerber als auch der Aufsichtsrat normalerweise Anwälte und Personalberater zu Rate. Acht bis zehn Seiten sei so ein Arbeitsvertrag am Ende dick, erzählt der Aufsichtsrat. „Interessanterweise drehen sich die zähesten Verhandlungen oft gar nicht ums eigentliche Gehalt, sondern um die Nebengeräusche wie die genauen Regelungen für Urlaub, Dienstwagen und Reisespesen.“

Wie könnte man gegen die überzogenen Löhne, die aus solchen Verhandlungen resultieren, ankommen? Die Antwort glaubt Thomas Minder, Initiator der erfolgreichen Bürgerinitiative in der Schweiz, genau zu kennen. Minder hat neben einem Verbot bestimmter Sondervergütungen vor allem eine entscheidende Gesetzesänderung in seinem Land durchgesetzt: Künftig entscheidet nicht mehr der Verwaltungsrat, das Schweizer Pendant des Aufsichtsrats, über die Managergehälter – sondern die Hauptversammlung (siehe Grafik unten). Das ist jene große Zusammenkunft aller Aktionäre, die einmal im Jahr stattfindet. Im Gegensatz zum kleinen, elitären Aufsichtsrat repräsentiert die Hauptversammlung eine Vielzahl von Interessen der Anleger, glaubt Thomas Minder. Hier ist die Transparenz ebenso größer wie der Rechtfertigungsdruck, hier können Löhne nicht in derart lichte Höhen klettern.

Eine ähnliche Lösung schwebt auch Wilhelm Rasinger, dem Vertreter der heimischen Kleinanleger, für Österreich vor. „Say on Pay“ heißt Rasingers Modell, das in den USA entstanden ist. Dabei darf die Hauptversammlung zwar nicht gleich zur Gänze über die Gehälter der Manager entscheiden – aber sie gibt zumindest ein nicht bindendes Votum ab. „Allein das schafft schon genug Druck und Öffentlichkeit, um Gehaltsexzessen einen Riegel vorzuschieben“, sagt Rasinger.

Lange dürfte es wohl nicht dauern, bis der Wunsch des Kleinanlegervertreters Wirklichkeit wird. Denn EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier in Brüssel hat sich bereits vom Schweizer Votum beeindruckt gezeigt. Vergangene Woche erklärte der Kommissar, dass auch Aktionäre in der Europäischen Union künftig „mehr Verantwortung bei Gehaltsfragen“ bekommen sollten. Noch in diesem Jahr sollen Gehaltsregeln wie in der Schweiz nun auch auf EU-Ebene durchgesetzt werden.


Woher wir wissen, wie viel Manager verdienen

:: Viele Betriebe in Österreich müssen nicht angeben, wie viel ihre Manager verdienen. Die Teilnahme an diversen Gehaltsumfragen, wie sie etwa das Wirtschaftsforum für Führungskräfte jährlich durchführt, basiert auf Freiwilligkeit. Lediglich GmbH und börsennotierte Unternehmen sind verpflichtet, in ihren Jahresberichten das Einkommen ihrer Manager zu vermerken. Doch auch hier gibt es Einschränkungen.

Bisher mussten die Firmen nur angeben, wie viel die Vorstandsetage als Ganzes verdient – nicht aber das Einkommen der einzelnen Vorstandmitglieder. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn ein Vorstandsvorsitzender verdient im Schnitt 20 Prozent mehr als seine Vorstandskollegen. Wie viel ein heimischer Vorstandsboss genau verdient, konnte man bislang also nur schätzen. Oder aber die Unternehmen machten es freiwillig publik, wie beispielsweise OMV, Erste Bank und Telekom.

Nun jedoch bringt eine EU-Richtlinie einen großen Schritt in Richtung Transparenz. Ab diesem Jahr müssen börsennotierte Unternehmen erstmals – zusätzlich zum insgesamten Vorstandsgehalt – auch die Einkommen der individuellen Vorstände publizieren.

Es ist nicht das erste Mal in den vergangenen Jahren, dass die EU Änderungen in den Aktiengesetzen ihrer Mitgliedsstaaten vornimmt. So schreibt auch seit vergangenem Jahr eine Novelle vor, dass Vorstandsvergütungen „angemessen“ sein und „langfristige Verhaltensanreize zur nachhaltigen Unternehmensentwicklung“ bieten müssen. Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten sind allerdings nicht vorgesehen. „Zahnlos, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung“, nennt deshalb Christina Wieser von der Arbeiterkammer das neue Gesetz.

Auch bei Bankerboni gibt es – ganz unabhängig von der Diskussion um die Begrenzung der Boni, die derzeit in Brüssel läuft – bereits seit vergangenem Jahr umfassende Regeln im heimischen Bankwesengesetz. Boni dürfen „Misserfolge nicht belohnen“, heißt es; außerdem müssen die Vergütungssysteme der Banken jährlichen Prüfungen unterzogen werden. Laut Finanzmarktaufsicht kommen die neuen Regeln heuer erstmals zur Anwendung.

All diese Gesetzesnovellen sind Folgen der Bankenkrise 2009, bei der sich Gehaltsexzesse und überzogene Boni desaströs auf die Wirtschaft ausgewirkt haben.

Wie eine AG funktioniert:

Der Vorstand führt die Geschäfte. Er setzt sich meist aus drei bis acht Mitgliedern zusammen, die einem Vorstandsvorsitzenden unterstehen

Die Hauptversammlung tritt einmal jährlich zusammen. In ihr versammeln sich alle Aktionäre des Unternehmens, oft hunderte. Vom Vorstand einberufen, wählt die Hauptversammlung die Mitglieder des Aufsichtsrats und entscheidet über die Dividende, also die Gewinnausschüttung

Der Aufsichtsrat bestellt und kontrolliert den Vorstand. Seine drei bis 21 Mitglieder prüfen den Jahresabschluss der Firma und legen die Bezüge des Vorstands fest

Gehaltssprünge

Unten die Vorsitzenden jener fünf börsennotierten österreichischen Konzerne, die ihre Vorstände im Jahr 2011 am besten bezahlten. Sie sind allesamt männlich und zwischen 53 und 66 Jahre alt. Bei den Zahlen links handelt es sich nicht um das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden, sondern das Durchschnittsgehalt pro Vorstand – das individuelle Gehalt der Vorstände mussten die Konzerne bislang nicht extra ausweisen. Freiwillig tat es von den hier genannten Firmen lediglich die OMV.

OMV
2011 2,51 Mio. 2010 2,21 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+13,5%

Bei der OMV haben sich die Vorstandsgagen laut eigenen Angaben seit dem Jahr 2000 knapp verdoppelt. Der teilstaatliche Konzern begründet dies damit, dass sich im selben Zeitraum der Unternehmenswert vervierfacht habe und eine „Internationalisierung“ erfolgt sei. Der heutige Vorstandschef Gerhard Roiss verdiente 2011 – damals noch als Untergebener von Exchef Wolfgang Ruttenstorfer – 1,8 Millionen Euro jährlich

Andritz
2011 2,21 Mio. 2010 1,94 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+13,7%

Beim steirischen Anlagenbauer Andritz haben sich die Vorstandsgagen laut Geschäftsberichten seit 2002 knapp verdreifacht. Wie viel Vorstandschef Wolfgang Leitner genau verdient, muss der Konzern erst ab heuer bekanntgeben – bislang war nur die Offenlegung des Gesamtverdienstes der Vorstände erforderlich. Leitner, bereits seit 1994 Vorstandsboss, ist selbst Kernaktionär bei Andritz und verfügt laut Forbes über ein Privatvermögen von zwei Milliarden US-Dollar

Lenzing
2011 2,17 Mio. 2010 0,99 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+118,3%

Beim oberösterreichischen Faserkonzern Lenzing haben sich die Vorstandsgagen seit 2002 mehr als verdoppelt. Laut dem Konzern hat sich der Umsatz im gleichen Zeitraum verdreifacht und die Mitarbeiterzahl auf 7000 verdoppelt. Vorstandschef Peter Untersperger arbeitet bereits seit 1985 bei Lenzing. Der Konzern betont, dass die Vorstandsbezüge im Jahr 2011 aufgrund des Börsegangs viel höher ausfielen als in anderen Jahren

Raiffeisen International
2011 1,66 Mio. 2010 1,54 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+8,0%

Bei der Raiffeisen Bank International haben sich die Vorstandsgagen laut eigenen Angaben seit dem Jahr 2003 mehr als verdoppelt – damals handelte es sich noch um die Raiffeisen Zentralbank. Die Mitarbeiterzahl hat sich in dieser Zeit ebenso verdreifacht wie die Bilanzsumme, gibt der Konzern bekannt. Wie viel Vorstandschef Herbert Stepic verdient, das wird die Öffentlichkeit erstmals mit der heurigen Gesetzesänderung erfahren

Österreichische Post

2011 1,21 Mio. 2010 0,79 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+53,4%

Bei der teilstaatlichen Österreichischen Post AG haben sich die Gagen der Vorstände laut Konzernangaben seit dem Jahr 2001 knapp verdoppelt. Auf Nachfrage verweist der Pressesprecher darauf, dass diese Bezahlung marktkonform sei und sich die Firma inzwischen weit über Österreichs Grenzen hinaus entwickelt habe. Wie viel der Vorstandschef seit 2009 Georg Pölzl verdient, das wies der Konzern bislang nicht gesondert aus

Steine des Anstoßes
Der Schweizer Manager Daniel Vasella bekam von Novartis 60 Millionen Euro für ein Konkurrenzverbot VW-Chef Martin Winterkorn verdiente 2011 in Deutschland 17,5 Millionen Euro Jahresgage. 2012 hat er sein Gehalt freiwillig auf 14,5 Millionen gesenkt

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