Schlagwort-Archive: Marianne Kager

Was uns Zypern lehrt

Aus dem FALTER 13/2013

Die Insel ist gerettet. Kontoinhaber mit viel Geld müssen zahlen. Die EU atmet auf. Ist jetzt alles wieder gut? Sechs Wirtschafts- und Finanzexperten geben Auskunft

Protokolle: Joseph Gepp
Nina Horaczek

Zypern hat - neben dem Tourismus - vor einen Wirtschaftssektor: die Finanzwirtschaft. Diese wird nun von den Euro-Partnern im Gegenzug für Hilfsgelder radikal zurechtgestutzt. Welche Zukunft hat die Insel?

Zypern hat – neben dem Tourismus – vor allem einen Wirtschaftssektor: die Finanzwirtschaft. Diese wird nun von den Euro-Partnern im Gegenzug für Hilfsgelder radikal zurechtgestutzt. Welche Zukunft hat die Insel?

Eva Pichler lehrt Volkswirtschaft an der WU in Wien. Die Professorin und Buchautorin gilt als Kritikerin des Europäischen Rettungsschirms und des Euro insgesamt

„In vielerlei Hinsicht halte ich die nunmehr getroffene Lösung für fatal. Zum einen könnte sich die Tatsache, dass große Bankguthaben in derartigem Umfang eingezogen werden, negativ auf Krisenländer wie Spanien oder Italien auswirken. Eine Kapitalflucht von dort schließe ich nicht aus.

Der zweite Punkt ist, dass Zyperns Parlament beim Rettungspaket überrumpelt wurde. Das ist ein weiteres Beispiel, wie nationale Parlamente umgangen oder die Blauäugigkeit von Abgeordneten in heiklen Finanzfragen ausgenutzt wird. Wenn man jemandem auf solche Art einen Staubsauger verkauft, müsste man ihn zurücknehmen.

Weiters wird sich das Rettungspaket desaströs auf zypriotische Firmen auswirken. Denn auch die haben ja Guthaben über 100.000 Euro auf Konten, nicht nur russische Oligarchen. Wie Firmen jetzt etwa ihre Gehälter zahlen sollen, ist nicht klar.

Vor allem jedoch wird Zypern nun ohne Wirtschaftsstruktur, ja fast ohne Existenz zurückgelassen. Denn außer dem riesigen Banksektor, der nun kollabiert, gibt es ja fast nichts. Weil Zypern weiterhin im Eurosystem ist, sind die Löhne zu hoch. Niemand wird unter solchen Umständen investieren. Eine bessere Lösung wäre gewesen, dass Zypern durch einen Euro-Austritt Wettbewerbsfähigkeit erlangt und danach mit internationalen Hilfskrediten seine Wirtschaft wiederaufbaut.“


Bruno Gurtner war Mitbegründer und langjähriger Präsident der internationalen NGO Tax Justice Network, die Steueroasen durchleuchtet. Der Schweizer Ökonom lebt in Bern

„Was mich erstaunt, ist, dass Europa das zypriotische Geschäftsmodell immer so widerspruchslos hingenommen hat. Im Fall der Schweiz und Liechtensteins beispielsweise war der internationale Protest gegen Steuerflucht und Geldwäsche immer viel lauter. Zypern lag laut Financial Secrecy Index des Tax Justice Network im Jahr 2011 auf Platz 20 unter den Ländern mit den weltweit größten und intransparentesten Finanzsektoren. Zudem ist Zypern der einzige Finanzplatz, der seit der Finanzkrise noch im großen Umfang gewachsen ist. Immer neue Maßnahmen der zypriotischen Politiker zogen russische, ukrainische, griechische und britische Gelder in rauen Mengen an.

Trotz alledem hat sich Europa nie besonders über Zypern als Steuerhafen beschwert. Die Insel war Teil eines internationalen Systems, von dem auch viele Investoren aus der EU profitierten, vor allem aus Großbritannien. Jetzt rächt sich massiv, dass die zypriotischen Banken die riesigen Geldsummen offenbar einseitig und ohne viel Risikostreuung angelegt haben.

Ob mit der nunmehrigen Rettung die Steuerschlupflöcher in Zypern geschlossen werden, kann ich noch nicht beurteilen. Dazu muss man erst das Kleingedruckte in den Verträgen studieren. In jedem Fall jedoch wird das Volumen des zypriotischen Finanzplatzes stark reduziert.“

Sony Kapoor, einer der wichtigsten Finanzmarktexperten weltweit, war Investmentbanker. Heute leitet der Inder einen Thinktank für Reformen im Finanzsystem

„Die Eurozone ist eine Währungsunion mit freiem Kapitalverkehr und großer grenzüberschreitender Wirtschaft, etwas, das es so noch nie gab. In diesem Kontext ist die Größe von Problemstaaten weniger wichtig als ihre Rolle als Präzedenzfälle. Das zeigte sich schon bei Griechenland – und nun bei Zypern.

Trotzdem ist der Fall Zypern anders: In Griechenland brachte das Staatssystem die Banken zum Zusammenbruch, in Zypern lassen die Banken das Staatssystem zusammenbrechen. Nun werden deshalb erstmals Kontoinhaber für die Sanierung der Banken aufkommen, was sich auch auf andere Staaten und die Eurokrise insgesamt auswirken wird. Dazu gibt es keine Alternative. Denn der zypriotische Staat hätte seine Banken nicht weiter unterstützen können, ohne selbst bankrottzugehen. Ich halte die nunmehrige Lösung für die einzig sinnvolle, in dieser ohnehin fast unmöglichen Quadratur des Kreises.

Zypern ist bekannt dafür, dass dort Geld aus zweifelhafter Herkunft angelegt wurde. Würden die zypriotischen Banken, die dieses Geld verwalten, nun mit europäischem Steuergeld gerettet werden, kann man sich die innenpolitische Diskussion etwa in Deutschland gut vorstellen.

Allerdings zeigt sich auch bei Zypern wieder ein großes Problem: die Struktur der Europäischen Zentralbank (EZB), die weltweit wohl die Bank mit den größten demokratischen Defiziten ist. Bei der EZB gibt es eine riesige Kluft zwischen ihrer extremen Macht und ihrer minimalen gesetzlichen Rechenschaftspflicht im Vergleich zur amerikanischen Fed oder zur Bank of England. Nun wird auch noch die europaweite Bankenaufsicht bei der EZB angesiedelt. Vor diesem Hintergrund muss dringend sichergestellt werden, dass die EZB Banken nicht trotz Insolvenz weiter unterstützt. Es geht nämlich nicht zusammen, dass die Zentralbank die Banken dann gleichzeitig beaufsichtigt.

Eben das ist in Zypern geschehen. Monatelang übersah die EZB, dass Zyperns Banken praktisch zahlungsunfähig waren.“

Yanis Varoufakis ist ein griechisch-australischer Ökonom. Der Uni-Professor in Athen und Austin, Texas, war Berater von Griechenlands Ex-Premier Giorgos Papandreou

„Wir erleben derzeit in der Eurozone eine Reihe von Bankrotten von Staaten und Banksektoren. Es handelt sich um eine systemische Krise, die man nicht verstehen kann, wenn man allein auf Zypern blickt.

In diesem Sinn ist das konkrete Problem Zypern nur die Folge dessen, dass ein europaweiter Entschluss vom Juni 2012 nicht respektiert wurde. Am EU-Gipfel wollte man die Staatsschulden- von der Bankenkrise trennen, indem man zulässt, dass der Europäische Rettungsschirm (ESM) Banken direkt rekapitalisiert. Hätte man dies durchgezogen, könnte der ESM heute zypriotische Banken übernehmen und erforderliche Sanierungsmaßnahmen einleiten, ohne den Staat in Mitleidenschaft zu ziehen. Im Gegenzug würde der ESM Eigentumsrechte an den Banken bekommen. Nach einigen Jahren könnte er die gesunden Teile der Banken wieder verkaufen und solcherart sein Geld zurückbekommen. In den USA hat man dies mit dem Troubled Asset Relief Program erfolgreich vorgemacht.

Doch statt ein klares Programm durchzuziehen, lässt die EU eindeutige Beschlüsse vermissen. Sie schummelt sich durch und präsentiert – in Zypern wie bei anderen Krisen – halbherzige und halbfertige Maßnahmen. Statt die Krise als systemische zu betrachten, behandelt sie nacheinander jedes Krisenland wie einen Einzelfall. Dies wirkt destabilisierend. Auf diese Art wandert die Krise von Griechenland über Spanien nach Zypern, und irgendwann wird sie in Berlin ankommen.

Tatsächlich haben wir in Europa drei Krisen: eine der Staatsschulden, eine der Banken und eine, die aus der Rezession resultiert und sich in den schwachen Investitionen ausdrückt. Mit diesen drei Krisen müssen wir umgehen – und wir hätten auch die Institutionen dafür. Der ESM könnte Banken rekapitalisieren, die EZB könnte sich zentral um die Staatsschulden kümmern, und die Investitionen könnte eine gestärkte Europäische Investitionsbank übernehmen. Mit einem solchen geeinten, starken Vorgehen könnte man die Krise von heute auf morgen beenden.“


Christian Felber setzt sich als Wirtschaftspublizist für alternatives Wirtschaften ein. Er ist Mitbegründer der österreichischen Sektion des Antiglobalisierungs-Netzwerks Attac

„Mehrere Dinge wurden bei Zyperns Rettung falsch angegangen und zumindest falsch kommuniziert. Zum einen achteten die Verhandler nicht auf die Reihenfolge derer, die einen Beitrag leisten – korrekterweise müssten es erst Bankeigentümer, dann die Gläubiger, dann, als letzte Gläubigergruppe, die Sparer sein. Wie die Reihung bei den einzelnen Banken tatsächlich aussieht und wie viel Geld dabei herauskommt, das ist bis heute nicht klar kommuniziert worden.

Zudem hat keiner der Verhandler erklärt, warum die Banken nicht abgewickelt, also in die Insolvenz geschickt werden. Immerhin wird seit vier Jahren europaweit gepredigt, dass niemals mehr Steuergelder in eine Bank fließen dürfen. Jetzt sind Zyperns Banken plötzlich so systemrelevant, dass sie erneut mit Steuergeld gerettet werden. Dahinter steht vermutlich Zyperns Angst um den Finanzplatz, der durch Insolvenzen gänzlich vernichtet würde. Aber davon hätte sich die EU erstens nicht beeindrucken lassen dürfen. Und zweitens fehlt offenbar noch immer der politische Wille in Europa, Banken abzuwickeln.

Ein Beispiel für eine gelungenere Bankenabwicklung ist Island 2008. Hier wurden die Sparer mit „Good Banks“ gerettet, hingegen verloren allein die Anleihegläubiger der Banken Ansprüche von 85 Milliarden Euro. Auch niederländische und britische Einleger kamen zum Handkuss. Die isländische Bevölkerung weigerte sich in zwei Volksabstimmungen, die Bankschulden zu bedienen, eine Klage vor dem EFTA-Gerichtshof (Island ist kein EU-Mitglied) wurde zurückgewiesen. Seither geht es in Island, dem eine lange Phase der Rezession prognostiziert wurde, wieder steil bergauf.

Dasselbe müsste in Zypern auch geschehen: Abwicklung und Einbindung der Eigentümer und Gläubiger. Da die Gläubiger in Zypern großteils die Sparer sind, ist es gerecht, Spareinlagen über 100.000 Euro in der Abwicklung heranzuziehen. Außerdem muss die Steueroase Zypern trockengelegt, also alle Vermögen gemeldet und die Körperschaftssteuer auf den EU-Schnitt von 25 Prozent angehoben werden.“

Marianne Kager war Chefökonomin der Bank Austria. Die Expertin für europäische und internationale Finanzmarktregulierung schreibt auch regelmäßig im Falter

„Seit dem Bankenstresstest vergangenen Sommer ist bekannt, dass die großen Finanzprobleme zweier zypriotischer Banken dringend gelöst werden müssen. Die zypriotische Regierung umging dieses Problem jedoch mit einer einfachen Erklärung für die Krise im Land: dem Wertverlust griechischer Staatsanleihen. Als Folge der Griechenland-Krise, so das Argument, seien Banken in eine Schieflage geraten. Deshalb habe die EU nun die Pflicht zu helfen. Man kann aber die Schuld nicht nur auf Griechenland schieben. Zypern hat insgesamt ein Geschäftsmodell der Steueroase praktiziert, das in die Krise geführt hat.

Bei deren Bewältigung hat die EU den Fehler gemacht, den anfänglichen zypriotischen Vorschlag zu akzeptieren, dass auch Sparer unter 100.000 Euro zur Kasse gebeten werden sollen. Das war ein äußerst schädlicher Tabu- und Vertrauensbruch, dem die EU nie nachgeben hätte dürfen. Außerdem hätte Brüssel klarmachen müssen, dass in der EU für Steueroasen kein Platz ist. Denn Zypern wollte Geld aus Brüssel und gleichzeitig auf seinem alten Geschäftsmodell beharren. Warum das so ist, erklärt sich auch aus der Zusammensetzung des Parlaments: Viele Parlamentarier sind Anwälte reicher Russen.

Der ursprüngliche Vorschlag Zyperns, wie bisher auf eine Kapitalertragssteuer zu verzichten und die Körperschaftssteuer von nur zehn Prozent auf lediglich 12,5 Prozent zu erhöhen, war schlichtweg unverfroren. Zum Vergleich: In Österreich liegt die Körperschaftssteuer bei 25 Prozent. Langfristig wird man in Zypern nicht um Steuererhöhungen umhinkommen, um eine Sanierung zu erreichen.

Die nunmehr ausgehandelte Lösung ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Was jedoch die EU betrifft, so muss sie in Zukunft signalisieren, dass Solidarität ihren Preis hat. Steueroasen können keine Hilfe erwarten. Und nichts anderes war der Vorschlag der zypriotischen Regierung: Man schröpft alle Sparer gleichmäßig, lässt Gläubiger und Eigentümer ungeschoren – und geriert sich weiterhin als Steueroase.“

Eine Woche voller Turbulenzen: Was war da in Zypern los?
Joseph Gepp

:: Alles begann Samstag vor einer Woche, in der Nacht. Zypern verhandelte mit den Eurozonen-Finanzministern und der EZB über Rettungsgelder. Das Land ist fast bankrott, hauptsächlich deshalb, weil sich Zyperns riesiger Bankensektor mit griechischen Staatsanleihen verspekuliert hat. Rund 17 Milliarden Euro Rettungsgeld ist notwendig; sieben davon sollte Zypern selbst aufbringen, darauf bestand vor allem Deutschland.

Hintergrund des Ansinnens: Jahrelang haben zypriotische Banken profitiert. Ein laxes Unternehmens- und Bankenrecht hatte dafür gesorgt, dass Schwarzgelder aus ganz Europa in Zypern unterkamen. Hätte Europa nun keinen zypriotischen Beitrag verlangt, wäre der Eindruck entstanden, dass russische Oligarchen und andere zwielichtige Geschäftsleute mit europäischem Steuergeld gerettet würden.

Die Zyprioten wussten allerdings nicht, wo sie die sieben Milliarden hernehmen sollte. Mit sozialen Einschnitten wie anderswo lässt sich in der 900.000-Einwohner-Republik nicht genug Geld für die Sanierung der hochverschuldeten Banken holen. Bankeigentümer abzukassieren hat ebenso wenig Sinn, denn deren Institute sind praktisch pleite. Bleiben also die Bankkunden, die jahrelang von vergleichsweise hohen Zinsen profitiert hatten. So entstand in jener Samstagnacht die Idee der „Sondersteuer“ auf Bankguthaben.

Jeder, so der erste Vorschlag, sollte betroffen sein. Guthaben über 100.000 Euro sollten mit 9,9 Prozent besteuert werden, jene darunter mit 6,7 Prozent. Doch die Teilenteignung von Kleinsparern erregte Empörung in ganz Europa. Schließlich lehnte das Parlament in Nikosia den Rettungspakt ab. Danach suchten Zypern und Europa hektisch nach Alternativen. Denn die EZB drohte am darauffolgenden Dienstag ihre Kredite an Zyperns Banken abzudrehen.

Verhandlungen Zyperns mit Russland über Notkredite scheiterten, ebenso die geplante Verpfändung von Kirchenimmobilien und Pensionsreserven. Erst vergangenen Montag einigten sich Zypern und die EU auf eine Lösung: Kleinsparer unter 100.000 Euro werden nun doch nicht belastet, dafür müssen große umso mehr zahlen.

Bei der größten zypriotischen Bank, der Bank of Cyprus, sollen bis zu 30 Prozent vom Guthaben abgezwackt werden. Die zweitgrößte, die Laiki Bank, wird gar in die Insolvenz geschickt. Konten unter 100.000 Euro werden zur Bank of Cyprus überführt, der Rest wohl zum Großteil eingezogen.

Einen derart weitreichenden Eingriff in Bankguthaben hat Westeuropa seit dem Weltkrieg nicht erlebt. Als Konsequenz wird sich Zypern wohl dauerhaft von seiner Rolle als Steuerhafen verabschieden müssen. Damit verliert die Insel ihren bei weitem größten Wirtschaftssektor.

Der EU hingegen wird desaströses Krisenmanagement vorgeworfen. Die übereilte Rettungsaktion habe, so meiner fast alle Experten, das Vertrauen ins Geldsystem schwer beschädigt. In Zypern kam es fast zum Bankensturm. Das rüde Vorgehen des deutschen Finanzministers erregte ebenso Kritik wie der Kampf zypriotischer Politiker, die Rolle ihrer Insel als Steueroase zu bewahren. Ebendieser soll auch dazu geführt haben, dass Zypern selbst in den Verhandlungen darauf gedrängt hat, Kleinsparer zu belasten. Man wollte die Großanleger nicht verlieren, indem man ausschließlich sie schröpft. Dem Rettungspaket – auch der ersten Version, jener mit den Kleinsparern – stimmten alle Eurostaaten zu, auch Österreich.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Europa, Wirtschaft

Börsenkrise: Entmachtet die Märkte, aber richtig!

Aus dem FALTER 33/11

Katastrophenmeldungen aus der Finanzwelt machen die Menschen ratlos. Vier Experten geben zwölf Antworten zur Krise von gestern, heute und übermorgen


Fragen: Joseph Gepp

Kaum schien das Ärgste überstanden, ging es am Donnerstagabend vor zwei Wochen erneut los. Nur diesmal noch schlimmer.

Gerade erst hatten in den USA Demokraten und Republikaner mittels einer Anhebung des Schuldenlimits eine Staatspleite verhindert. Die EU hatte zugleich massive Rettungsmaßnahmen für ihre schwachen Staaten im Süden beschlossen und sich dabei weit von ihrem Prinzip entfernt, niemals zu einer Transferunion zu werden, in der die Starken die Schwachen subventionieren.

Trotz der Rettungsversuche – oder gerade deshalb – kam es an den Börsen weltweit erneut zu Turbulenzen. Alle wichtigen Indizes verloren massiv an Wert, der Dow Jones, der japanische Nikkei, auch der österreichische ATX. Allein am ersten Tag der Börsenkrise lösten sich Aktienwerte von über zwei Billionen Euro schlicht in Luft auf. Als vergangene Woche zudem das Gerücht aufkam, Frankreichs Rating könnte heruntergestuft werden, büßten die Banken des Landes spontan 20 Prozent ihres Werts ein.

Was ist hier los? Auf die Immobilienkrise folgte 2008 die Bankenkrise, auf die Staatsschuldenkrise folgt nun die Börsenkrise. Inwiefern hängen diese Krisen zusammen? Wie gefährdet ist unser Wirtschaftssystem? Der Falter hat vier Experten um Antworten auf zwölf Grundfragen gebeten.

Robert Misik (RM)
ist freier Publizist zu Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen in Wien

Kurt Bayer (KB) ist Exekutivdirektor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London

Marianne Kager (MK) war über 20 Jahre Chefökonomin der Bank Austria und arbeitet heute als Beraterin in Salzburg

Richard Wimmer (RW) studierte Internationale Beziehungen in Bologna und arbeitete bei der Welthandelsorganisation in Genf

1. Ist das schon eine neue oder noch die alte Krise?

Es ist die nächste Etappe der „alten“ Finanzkrise.

Der Absturz in die Finanzkrise zeigte 2008 zunächst, auf welch tönernem Fundament viele Finanzinstitutionen stehen. Mit Hilfspaketen mussten die Banken gerettet werden. Weil sich viele Verbraucher überschuldet hatten, stürzte auch die Konjunktur ab. Deshalb mussten die Regierungen Konjunkturpakete auflegen, zudem brach das Steuereinkommen ein.

Alles zusammen – Bankenrettungsprogramme, Konjunkturprogramme und Steuerausfälle – führten zur Staatsschuldenkrise. Weil in vielen Staaten die Konjunktur nicht wieder in Schwung geriet, haben private Verbraucher weniger Geld für den Konsum in der Tasche, weshalb erst recht keine wirtschaftliche Belebung einsetzt. Hohe Schuldenstände – von Privaten, Unternehmen und Staaten – bei schwacher Konjunktur sind tödlich. Deshalb kommen wir nicht aus der Krise. RM

2. Gibt es Kapitalismus ohne Krise?

Krise ist nicht gleich Krise. Es gibt immer Auf- und Abschwünge und sektorale Krisen, die mit Modernisierungsprozessen einhergehen. Diese sind aber nicht identisch mit den katastrophalen Krisen im Finanzsektor, die das ganze System an den Rand des Kollaps bringen können.

Das Finanzsystem tendiert zu systemischen Krisen, wenn man es unzureichend reguliert. Strenge Regeln können sie aber verhindern. In Folge der Großen Depression der 30-Jahre hat man in den USA und Europa das Finanzsystem einer Menge rigider Regeln unterworfen – mit dem Ergebnis, dass es zwischen den 40er- und 80er-Jahren keine Finanzkrisen gab. Hinzu kam, dass die Einkommen der normalen Bürger entsprechend dem Wirtschafts- und dem Produktivitätswachstum stiegen, was die Konjunktur stabilisierte. Kurzum: Ja, ein gerechter Kapitalismus, der systemische Risiken des Finanzsektors begrenzt, kann stabil prosperieren. Ein Hochrisiko-Kapitalismus mit Fantasierenditen und Narrenfreiheit für Finanzmärkte ist dagegen nicht nur aus Gerechtigkeitsaspekten fragwürdig – er ist auch ökonomisch weniger funktionstüchtig. RM


3. Wer profitiert von der Krise?

Natürlich, es ist leicht zu sagen: die Spekulanten. Doch so einfach ist es nicht. Die Frage müsste sein: Wie kam es überhaupt zur Krise, die immer Ausdruck eines Ungleichgewichtes ist? Wer profitierte von den Entwicklungen, die zur Krise führten?

Die Zeit davor war charakterisiert von Deregulierung und Globalisierung der Finanzmärkte, gepaart mit einem enormen Wachstum dieses Sektors. Die Profiteure dieser Entwicklung waren zunächst die Akteure selbst: Manager mit riesigen Boni, Aktionäre von Finanzinstituten, deren Aktien stiegen, aber auch all jene, deren Wertpapiere, Fonds und Aktien satte Renditen erzielten. Die Politik des billigen Geldes produzierte darüber hinaus Blasen, vorneweg am Immobilienmarkt.

Krisenzeiten sind auch von starken Marktschwankungen geprägt. Spekulation kann sehr erfolgreich sein. Man denke nur an Leerverkäufe von Credit Default Swaps (CDS: Absicherungen gegen den Wertverlust von Krediten oder Wertpapieren). Im Prinzip funktioniert das so, dass ich eine Versicherung etwa für ein Wertpapier kaufe, ohne das Wertpapier zu besitzen. Der Kauf signalisiert dem Markt, dass das Risiko für dieses Papier gestiegen ist. Damit steigen auch die Risikoprämien für den Swap, der nun wiederum mit Gewinn weiterverkauft werden kann – und die Abwärtsspirale läuft.

Doch nicht alle Krisen werden durch Spekulationen ausgelöst. In der hochautomatisierten Finanzwelt, in der Käufe- und Verkäufe von Computermodellen gesteuert sind, haben wir auch mit selbstverstärkenden Trends zu rechnen. Vereinfacht gesagt: Steht die Ampel für ein Papier auf Rot, muss der Portfoliomanager verkaufen, sonst hat er erheblichen Erklärungsbedarf. Mk

4. Wer wird für die Krise zahlen?

In Summe zahlen wir alle.

Die Industriestaaten sind in eine Rezession gestürzt. Der damit einhergehende Wachstumsverlust ist verlorener Wohlstand, das trifft uns alle. Darüber hinaus erleiden all jene Verluste, deren Vermögen in Finanzprodukten veranlagt ist, also Besitzer von Aktien, Anleihen, Fonds, Pensionsversicherungen. Das betrifft nicht nur Superreiche, sondern auch Durchschnittsbürger, etwa wenn Pensionsversicherungen an Wert verlieren. Es zahlen auch jene, die im Zuge der Krise arbeitslos wurden, oder jene, deren Häuser durch die Immobilienkrise enorm an Wert verloren haben.

Schließlich haben die Milliarden an Bankenrettungsgeldern die Verschuldungskrise von Europa und den USA massiv verschärft. Sparen ist angesagt, Steuererhöhungen sind nicht ausgeschlossen. Das trifft in Form gestrichener Sozialleistungen die unteren Einkommensschichten, die mangels Ersparnissen vom Vorkrisenhöhenflug ebenfalls nichts hatten.

Am stärksten treffen wird es die Alten (Pensionsfonds, Pensionsleistungen), die Jugend (Arbeitslosigkeit) und Sozialhilfeempfänger (Sparprogramme aufgrund der Budgetsanierung) treffen. Die Jugendarbeitslosigkeit war schon vor der Krise hoch, nun ist sie in vielen Ländern unerträglich. In Spanien sind 45 Prozent der Jungen ohne Job, in Griechenland 40, in Italien 29. Wen wundern da europaweite Proteste? Mk


5. Inwiefern lässt sich Ökonomie nachvollziehen – oder ist Wirtschaftswissenschaft nur eine Pseudowissenschaft?

Ganz so schlimm ist es nicht – wenn sich Ökonomen endlich darauf einigen würden, dass Ökonomie keine physikalische, sondern eine Sozialwissenschaft ist, in der es um menschliche Reaktionen geht.

Damit fallen „eindeutige“ Kausalbeziehungen flach. Allerdings kann man, mit viel Vorsicht, aus vergangenen Reaktionen doch auf zukünftige schließen. Zudem kann man in der Verhaltensökonomie an tatsächlichen Experimenten abtesten, wie Menschen reagieren.

Natürlich ist es Unfug, das komplizierte ökonomische Geschehen auf eine einzige Maßzahl, etwa das Bruttoinlandsprodukt, zu reduzieren. Hintergrund ist, dass die Politiker sich nicht gerne mit Wenn-dann-Aussagen zufriedengeben, sondern von den ökonomischen Politikberatern „eindeutige“ Antworten verlangen. kB

6. Wer ist an der Krise schuld?

Es gibt einen Spruch, der heißt: Der Fisch stinkt vom Kopf. Eine Krise hat viele Köpfe, versuchen wir einige zu identifizieren.

Liberalisierung und Globalisierung sind letztlich Produkte der Politik. Die Liberalisierung der Finanzmärkte hat vieles erst möglich gemacht, was zur Krise führte. Man kann also auch Aufsichtsbehörden nicht aus ihrer Verantwortung entlassen.

Das Hauptproblem lag aber bei der Corporate Governance der Finanzinstitute. Das wirkliche „Kapital“ der Finanzmärkte ist das Vertrauen ihrer Kunden. Wenn die langfristige Kundenbeziehung dem kurzfristigen Gewinnstreben der Manager, das zugleich die Maximierung ihrer jährlichen Boni verkörpert, geopfert wird – dann ist Gefahr im Verzug. Wenn Bank- oder Hedgefonds-Manager Milliarden Dollar an Boni kassieren, ist entweder das Entlohnungssystem a priori falsch oder das Unternehmen fährt bewusst eine extreme Risikoposition. Und genau das ist passiert. Manager haben Boni maximiert und das Wohl ihres Instituts und das ihrer Kunden vergessen. Das Ergebnis ist uns allen bekannt.

Conclusio: Die Schuldigen sind sowohl auf der politischen als auch auf der betrieblichen Ebene zu sehen. Mk

7. Wer steht hinter den Finanzmärkten?

Die Vermittler zwischen Sparkapital und jenen Aktivitäten, die Rendite bringen: biedere Sparkassenbeamte, Anleihehändler, Broker, Devisenhändler, Rohstoffspekulanten, Investmentbanker und Ratingagenturen. Diese Akteure setzen sekündlich, minütlich und täglich einen riesigen Finanzkreislauf in Gang, getrieben durch die Suche nach Rendite.

Während früher Zahlungsvorgänge hauptsächlich zur Begleichung realwirtschaftlicher Vorgänge – Kauf von Materialien, Vorfinanzierung von Gehältern, Ex- und Importe – dienten und damit ein enger Konnex zur Realwirtschaft bestand, haben sich moderne Finanztransaktionen so weit vom Realen gelöst, dass dieses nur mehr einen Bruchteil der täglichen Umläufe ausmacht. Vielfach werden Kauf- und Verkaufssignale, die auf komplizierten mathematischen Modellen basieren, durch millionenfachen Vergleich von minimalsten Bewertungsunterschieden ausgelöst.

Da alle Händler dieselben Modelle verwenden, wird – entgegen der These, dass Finanzmärkte die perfektesten Märkte darstellen – ein Herdenverhalten produziert, das zu starken Schwankungen der Preise und Kurse führt. Da jeder Kauf- und Verkaufsvorgang Provisionen nach sich zieht, besteht für Profiteure ein Anreiz, möglichst viele Transaktionen zu tätigen, die natürlich immer auch Aussicht auf Rendite versprechen. So wird jeder Rohstoff vielfach ge- und verkauft, bevor er zum Verbraucher gelangt. kB


8. Wie könnte man die Finanzmärkte entmachten?

Staatsfinanzierung durch Anleihen soll den irrational agierenden Finanzmärkten entzogen werden.

Hier geht es um längerfristige Finanzierungen, die nicht durch Tagesereignisse beeinflusst werden dürfen. Die Entscheidungen von Finanzministern über Steuern und Staatsausgaben sind langfristige politische Entscheidungen mit finanziellen Folgen – daher sollen sie auch von politisch rechenschaftspflichtigen Institutionen, also öffentlichen Stellen, getroffen werden. Sie müssten die Zinskosten für Staatsanleihen festlegen – je nach Einschätzung der Wirtschaftspolitik des jeweiligen Staates.

Damit die Finanzminister nicht zu gierig werden, könnte dies von internationalen Gremien überprüft werden, wie es derzeit etwa der Internationale Währungsfonds schon tut. So würde die Irrationalität der Finanzmärkte ausgeschaltet: Bis 2008 haben sie etwa Griechenland-Anleihen fast gleich wie jene Österreichs bewerteten, seither verlangen sie jedoch ein Vielfaches der österreichischen Renditen. kB

9. Warum werden die Probleme an den Börsen ausgerechnet in diesen Wochen akut?

Das weiß niemand genau. Möglicherweise wegen des Zusammentreffens der Euro-Krise mit dem politischen Stillstand in den USA. Gegen derartige Börsenpaniken mit vernichteten Folgen könnte man etwa mittels Verlangsamung des Börsengeschehens – etwa durch Besteuerung von Finanztransaktionen. kB

10. Wie lange wird die Krise noch dauern? Wird unser Wirtschaftssystem am Ende gar untergehen?

Das Problem ist, dass verschiedene Dinge getan werden müssen, die sich wechselseitig erschweren: Banken und Regierungen müssen Schulden reduzieren. Die Verbraucher vieler Länder können nicht mehr so viel konsumieren. Und diese Konsolidierungen müssen so hingekriegt werden, dass die Konjunktur nicht noch mehr einbricht. Denn es ist eine dumme Strategie, die Schulden eines Landes zu reduzieren, indem man das Nationaleinkommen verringert. Bessere Möglichkeiten – etwa Vermögenssteuern – gibt es zwar, aber es fehlt die politische Handlungsfähigkeit. So oder so wird die Phase der Instabilität wohl mindestens zehn Jahre andauern.

Unser Wirtschaftssystem kann während dieser Zeit jeden Moment zusammenbrechen. Ein fataler Fehler reicht. Kommt ein Dominoeffekt mit Staatspleiten und Bankenzusammenbrüchen in Gang, kann die gesamte globale Ökonomie verwüstet werden. RM

11. Wird es nach der Krise noch einen Euro und die EU geben?

Wer in den USA seinen Job verliert, zieht schon mal ein paar Tausend Kilometer weiter, um in einer Boomregion sein Glück zu versuchen. Sprachliche und kulturelle Homogenität hilft beim Entstehen eines optimalen Währungsraums. Und eine gemeinsame Wirtschaftspolitik erleichtert das Abfangen wirtschaftlicher Schocks. Allerdings: Der Euro wurde bei seiner Geburt weitgehend ohne diese Voraussetzungen auf den Weg geschickt.

Ob die Politiker von heute jene Entscheidungen treffen werden, denen sie damals ausgewichen sind, ist zweifelhaft. Schon jetzt wehren sich reiche Länder gegen die „Pleitegriechen“, Rechtspopulisten gegen die gemeinsame Währung. Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion ist nicht auszuschließen.

Dennoch: Die EU wurde über die Dauer von bald 60 Jahren schichtweise errichtet und verzahnt, der Euro dagegen ist ein vergleichsweise junges Projekt. Eine Mehrheit der Europäer will nicht zurück in die Enge und Ohnmacht kleiner Nationalstaaten. Selbst ein teilweiser Zerfall des Euro – gewiss ein heftiger Rückschlag mit enormen Folgeproblemen – würde nicht die EU als Ganzes sprengen. RW

12. Was soll ich mit meinem Geld machen?

„Nichts hat das deutsche Volk so erbittert, so hasswütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation“, schrieb Stefan Zweig. Als Anfang der 20er die Hyperinflation tobte, bestellten Gäste in deutschen Schenken angeblich gleich zwei Biere – ehe sie das erste ausgetrunken hatten, erhöhten die Wirte den Preis.

Dass sich die Österreicher von ihrem Einkommen morgen nichts mehr kaufen können, widerlegen die Preissteigerungen der letzten Jahre, die – auch wegen wirtschaftspolitischer Krisenmaßnahmen – kaum höher als zwei Prozent waren. Auch heuer rechnet die Statistik Austria mit einer moderaten Inflation von 2,9 Prozent. Bei geringem Lohndruck der schwächelnden Wirtschaft und dank des relativ starken Euro wird dies auf absehbare Zeit so bleiben. Dafür sorgt auch die EZB, deren Ziel die Preisstabilität ist.

Ist Gold ein sicherer Hafen? Vor zehn Jahren hatte das Edelmetall ein Sechstel des aktuellen Werts, dieser kann auch wieder dahinschmelzen. Das gleiche gilt im Prinzip für Immobilien. Die US-Amerikaner, Spanier und Briten dachten, es könne nur bergauf gehen – 2008 brachen die Immobilienpreise massiv ein. Wer sein Risiko verringern will, für den gilt: Don’t put all your eggs in one basket. Absolute Sicherheit gibt es bei keiner Geldanlage. Vulkanausbrüche, Kriegserklärungen oder Kernschmelzen können die beste Anlagestrategie zur Makulatur machen.

Treffend formulierte der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in einem anderem Zusammenhang: Es gibt unbekanntes Nichtwissen, unknown unknowns – Sachen, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen. RW

Börse alt (Wikipedia)

Wo werden in Wien Wertpapiere und Aktien gehandelt? Jedenfalls nicht – wie viele meinen – im Börsengebäude am Ring. Dort befinden sich heute nur noch Mietbüros und Kaffeehäuser. Die Börse selbst übersiedelte 2000 in das

Börse neu

barocke Palais Caprara-Geymüller in der innerstädtischen Wallnerstraße. Einen Raum für Broker gibt es auch dort nicht, denn der Handel findet ausschließlich online statt. In den Büros der Börse wird er lediglich überwacht und administriert. Die Wiener Börse ist selbst als AG organisiert. Größter Aktionär ist mit 13 Prozent die Uni-Credit-Group

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein