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Auswärtsspiel

Aus profil 26/2017

Gerhard Eschelbeck? Wolfgang Neumann? Monisha Kaltenborn? Sagt Ihnen nichts? Neben klassischen Exportgütern ist auch österreichisches Humankapital im Ausland gefragt. Zehn Porträts von Menschen, die jenseits der Grenzen Karriere gemacht haben und deren Namen man kennen sollte.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Als der Tiroler Severin Schwan jüngst als bestverdienender Manager Europas geoutet wurde, ging ein Rauschen durch Blätterwald und digitales Dickicht. Ein Wirtschaftskapitän aus dem kleinen Österreich, genauer: aus Hall, an der Spitze eines Unternehmens mit Weltgeltung. Und kaum jemanden war der Name ein Begriff. Dabei reiht sich der Vorstandschef des Schweizer Pharmakonzerns Roche in eine immer opulentere Liste von Österreichern, die es fern der Heimat nach ganz oben geschafft haben. Sie leiten Weltkonzerne, bauen Fluglinien auf, scheitern mit Formel-1-Teams und schauen als Aufsichtsrats-Bosse Spitzenbankern auf die Finger. Viele davon stammen übrigens aus der heimischen Provinz, überproportional aus Oberösterreich.

Rund 546.700 Landsleute leben im Ausland. Damit ist „Österreichs zehntes Bundesland“ erstaunlich bevölkerungsstark. Gelten die Österreicher doch gemeinhin als wenig mobil. Eine vollzählige Auflistung würde den Rahmen sprengen – hier nicht umfasst sind beispielsweise Medienmanager Gerhard Zeiler, Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter und Michael Grabner, der über ein Vierteljahrhundert den deutschen Holtzbrinck-Verlag prägte.

Eine Auswahl derjenigen, die dem Ruf der großen, weiten Welt gefolgt sind und recht erstaunliche Karrieren hingelegt haben.

Der Pillendreher: Severin Schwan, ROCHE

Als großer Netzwerker gilt Severin Schwan eigentlich nicht. Dennoch hat der Tiroler eine erstaunliche Karriere hingelegt. Nach dem Wirtschafts- und Jus-Studium an der Uni Innsbruck heuert er als Trainee in der Finanzabteilung beim Pharmakonzern Roche in Basel an. Und er blieb dem Unternehmen seine gesamte Laufbahn treu. Manager-Karrieren, die sich ausschließlich in einem Unternehmen abspielen, haben heutzutage Seltenheitswert.

Schon als 28-Jähriger wurde er Finanzchef in Brüssel. Schwan musste eine Fabrik schließen, mit Behörden verhandeln, das kriselnde Geschäft wieder auf Vordermann bringen. Die Übung gelang, der gebürtige Haller befand sich somit auf der internen Karriereroute. 2004 dann der Wechsel vom Finanzbereich auf die operative Ebene. Er zog mit Frau und drei Kindern nach Singapur und wurde Leiter des Asien-Pazifik-Geschäfts der Diagnostiksparte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schwan längst die Aufmerksamkeit des damaligen Roche-Vorstandschef Franz Humer (ebenfalls ein Österreicher), der ihn sukzessive zum Kronprinzen aufbaute. „Wegen seiner umgänglichen Art hat er keine Feinde auf den Plan gerufen -vielleicht auch, weil er oft unterschätzt und nicht als gefährlicher Konkurrent angesehen wurde“, sagte einmal ein Wegbegleiter über ihn. 2008 gelangte er mit gerade einmal 40 Jahren an die Spitze: die Roche-Generalversammlung wählte ihn zum Vorstandsvorsitzenden. Schwan ist damit Chef von über 94.000 Mitarbeitern. Top ist auch sein Gehalt. Wie kürzlich bekannt wurde, ist er Europas bestverdienender Manager. 2016 kam er auf eine Vergütung von über 13 Millionen Euro.

Die Bruchpilotin: Monisha Kaltenborn, SAUBER MOTORSPORT

Bis vor wenigen Tagen fand sich in der erlesenen Riege der bekannten österreichischen Spitzenmanager im Ausland auch eine Frau. Und noch dazu eine Migrantin. Zwei Eigenschaften, die in dieser Gruppe eher rar gesät sind.

Monisha Kaltenborn, 46, geboren in Indien, war die erste weibliche Formel-1-Teamchefin überhaupt. Sie leitete den Schweizer Rennstall Sauber Motorsport AG. Bis vergangenen Mittwoch. Da wurde verlautbart, dass sich Sauber mit sofortiger Wirkung von Kaltenborn trennt.

Bis zur Nachricht von ihrem Abgang hat die Frau eine schillernde Karriere im Motorsport hingelegt -einer ansonsten extrem männerdominierten, als chauvinistisch geltenden Branche. Ihre Eltern, Unternehmer aus dem indischen Uttarakhand, wanderten einst nach Österreich aus, als Monisha acht Jahre alt war. In Wien studierte sie Mitte der 1990er- Jahre Jus und arbeitete danach in Anwaltskanzleien in Deutschland, Österreich und Liechtenstein. Dadurch kam sie mit Sauber in Kontakt, einer Gründung des ehemaligen Schweizer Rennfahrers Peter Sauber, dessen Rechtsagenden sie betreute. 2001 wechselte sie in die Geschäftsführung von Sauber. Anfang 2010 wurde Kaltenborn CEO, schließlich Team-Chefin und -Mitbesitzerin.

Kaltenborn, die mit Mädchenname Narang heißt, ist mit dem deutschen Rechtsanwalt Jens Kaltenborn verheiratet -die Trauung erfolgte nach Hindu-Ritus am Fuß des Himalaya. Privat praktiziert sie Yoga, geht in die Oper und spielt Tennis. Das Paar hat zwei Kinder und lebt im Schweizer Küsnacht, wo auch das Sauber-Team seinen Sitz hat.

Eine räumliche Nähe, die es nun nicht mehr braucht. Denn zuletzt lief es für die Managerin nicht gut. Die sportlichen Erfolge des Rennstalls waren bescheiden, die finanzielle Lage angespannt. Kaltenborn stand wegen umstrittener Entscheidungen in der Kritik, etwa was die Auswahl von Motoren für die Formel-1 betrifft . Dazu hatte die Managerin vor Saisonbeginn 2015 vier Fahrer für nur zwei Cockpits verpflichtet – aus finanziellen Gründen, so viele Kritiker, weil jeder Fahrer auch Sponsorengelder mitbringt. Die Angelegenheit zog sich jedenfalls bis vor die Gerichte – teuer und peinlich für Kaltenborn. Die Episode war mit ein Grund, warum sie ihren Job verlor.

Der Netzwerker: Gerhard Eschelbeck, GOOGLE

„Ein Jahr lang schaue ich mir das an, dann komme ich an die Universität zurück“, sagte Gerhard Eschelbeck im Jahr 1997, nachdem er von der Linzer Johannes-Kepler-Universität in die USA gewechselt war. Es ist ganz anders gekommen.

Eschelbeck, 52, aufgewachsen im oberösterreichischen Peuerbach, gilt heute als weltweit führender Experte auf dem Gebiet der Internet-Sicherheit. Der Professor für Informatik an der Uni Linz arbeitete seit den späten 1990er-Jahren bei mehreren wichtigen Cyber-Security-Anbietern im Silicon Valley in den USA. Seine Karriere dort begann, nachdem eines dieser Unternehmen, der Security-Software-Spezialist McAfee, eine Sicherheits-Software aufgekauft hatte, die Eschelbeck entwickelt hatte.

2014 folgt der bisherige Höhepunkt seiner Karriere: Eschelbeck wird Chef der Google-Abteilung für „Security and Privacy“ mit rund 600 Mitarbeitern. Dass E-Mail-Konten nicht gehackt werden und Geheimdienste keine Google-Nutzer ausspionieren, fällt seither in seinen Verantwortungsbereich. Eschelbeck lebt heute mit Frau und zwei Kindern im kalifornischen Cupertino.

Im vergangenen März wurde Eschelbeck neben seinem Google-Job in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank gewählt, des größten deutschen Kreditinstituts. Dort muss er sich als Österreicher nicht einsam fühlen: Aufsichtsratschef Paul Achleitner, ehemals Goldman-Sachs-Banker und Vorstand der Müncher Allianz-Versicherung, stammt ebenfalls aus Oberösterreich. Mit Alexander Schütz – Vermögensverwalter und Gründer des Investmenthauses C-Quadrat – einem Wiener, ist das österreichische Aufsichtsrats-Trio komplett.

Der Geldverschieber: Hikmet Ersek, WESTERN UNION

Während der Flüchtlingskrise 2015 konnte man es täglich beobachten: Flüchtlinge, etwa aus Syrien, standen bei Schaltern an, um Geld abzuholen, das ihre Verwandten im Heimatland für sie zusammengekratzt hatten. Oder umgekehrt: Sie schickten ihr Erspartes nach Hause an ihre Familien, die häufig Not leiden.

Mit normalen Banken lassen sich derlei Transaktionen in Krisenregionen nicht bewerkstelligen. Also kommen Bargeldtransferdienste zum Einsatz. Der Weltmarktführer: Western Union in Denver in US-Bundesstaat Colorado. Der Konzern mit einem Jahresumsatz von rund 5,5 Milliarden Dollar gehört zu den 500 umsatzstärksten der Welt.

Geleitet wird Western Union von einem Österreicher, der selbst Migrationserfahrung aufweist. Hikmet Ersek, Sohn eines Türken und einer Österreicherin, zog mit 19 Jahren von Istanbul nach Wien, um hier an der WU zu studieren. Später arbeitete er in Wien bei Master Card und General Electric; schließlich stieg er bei Western Union bis zum Europa-Chef mit Büro am Wiener Schubertring auf. Im Jahr 2010 wechselte Ersek als Vorstandschef nach Denver. Kein Österreicher hat es in der US-Wirtschaft so weit nach oben geschafft.

Der großgewachsene Mann, der in seiner Jugend Basketball spielte, herrscht heute über ein Reich von weltweit knapp einer halben Million Western-Union-Filialen. Mitunter sind es winzige Kioske in kaum zugänglichen Gegenden. Die wichtigste Zielgruppe des Unternehmens: Arbeitsmigranten. Und: Flüchtlinge. Hunderte Milliarden Euro schicken diese Gruppen jährlich in ihre Heimatländer.

Dabei werden sie von Western Union durchaus abgezockt, monieren Kritiker immer wieder – sogar die Weltbank hat bei Ersek Protest eingelegt. Denn auf jede Überweisung fallen bis zu 20 Prozent Gebühren an. Die Spesen werden häufig umso höher, je weniger Optionen es gibt, Geld abseits von Western Union in eine gewünschte Region zu transferieren.

Auf diese Kritik angesprochen, verweist Ersek gern auf das dichte Filialnetz seines Unternehmens, das es schließlich zu erhalten und finanzieren gelte. Auch er selbst, erzählt er gern in Interviews, schicke Geld über Western Union – zum Beispiel an seinen Vater in der Türkei.

Der Wasserträger: Peter Brabeck-Letmathe, NESTLÉ

Manche Auftritte bleiben im Gedächtnis hängen. Zum Beispiel ein Interview, das Nestlé-Konzernchef Brabeck-Letmathe im Jahr 2005 dem österreichischen Filmemacher Erwin Wagenhofer für dessen Dokumentation „We Feed The World“ gab. Dass jedermann das Recht auf sauberes Trinkwasser haben solle, nannte Brabeck eine „Extremposition“, die von Globalisierungskritikern vertreten werde. Eben jene sehen seither in dem Mann gern ihren Lieblingsfeind.

Brabeck, 1944 in Villach geboren, zählt zu den wichtigsten Managern Europas. Von 1997 bis 2008 leitete er Nestlé. 2005 wurde er außerdem an die Spitze des Verwaltungsrats bestellt – eine Position, die er bis heute innehat. Nestlé, weltgrößter Lebensmittelkonzern und größtes Schweizer Industrieunternehmen, vereint 6000 Marken unter seinem Dach. Dazu zählen Maggi, Nespresso oder etwa das umstrittene Unternehmen Pure Life, das auf die Vermarktung von Wasser in Entwicklungsländern spezialisiert ist.

Brabeck, Abkömmling einer Adelsfamilie aus dem deutschen Iserlohn, studierte an der Wiener Hochschule für Welthandel, der späteren Wirtschaftsuniversität (WU). 1968, vor 49 Jahren, begann er bei Nestlé Österreich als Produktmanager. Viele Jahre lang gelang es ihm, im Konzern eine mächtige Stellung zu verteidigen. Im Jahr 2005 zum Beispiel liefen die Aktionäre Sturm, als Brabeck zusätzlich zum Konzernvorsitzenden den Posten des Verwaltungsratspräsidenten anstrebte. Brabeck drohte darauf mit Rücktritt – und setzte sich durch. Sein Privatvermögen beträgt laut Schweizer Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ umgerechnet eine Viertelmilliarde Euro. Hintergrund: Brabeck bezog als Teil seiner Entlohnung regelmäßig gut dotierte Nestlé-Aktienpakete. Der begeisterte Bergsteiger und Hubschrauberpilot investiert das Geld in Immobilien, Hotel und Fischzuchtanlagen.

Inzwischen ist es ruhiger geworden um Brabeck. Heuer wird er als Nestlé-Verwaltungsratschef abtreten. Seit er vor zwei Jahren eine schwere Krebserkrankung überwand, befasst er sich intensiv mit Technologien für eine gesunde Ernährung. Vergangenes Jahr erschien Brabecks Buch „Ernährung für ein besseres Leben“. Das ist, wenn man so will, die andere Seite des Wasserprivatisierers.

Der Geistreiche: Robert Kunze-Concewitz, CAMPARI

Die Internationalität liegt Robert „Bob“ Kunze-Concewitz quasi im Blut: In Istanbul geboren, in Frankreich zur Schule gegangen, in den USA und Großbritannien studiert. Spricht fünf Sprachen fließend. Er lebte zwar nie in Österreich, besitzt aber einen österreichischen Pass. Diesen verdankt er seinem Urgroßvater väterlicherseits, der seinerzeit vom Wiener Hof als Richter der österreichischen Gemeinde im damaligen Konstantinopel eingesetzt wurde.

Seine Karriere startete Kunze-Concewitz bei Procter & Gamble. Der Konsumgüterkonzern gilt als Marketing-Kaderschmiede. Im Laufe der Jahre besetzte er dort verschiedene Positionen in mehreren Ländern. Zuletzt stieg er zum Chef der Global Prestige Products des US-Unternehmens auf, wo er für Luxusprodukte wie Parfüms von Hugo Boss und Gucci verantwortlich war. 2005 wurde er zum Marketing-Chef der Davide Campari-Milano S. p. A. bestellt, zwei Jahre später wurde er deren Vorstandsvorsitzender. Wenn Kunze-Concewitz über das Unternehmen und seine Marken spricht, outet er sich als Marketingmensch durch und durch. Campari sei eine „Liebe auf das erste Glas“ gewesen, und das Unternehmen verkaufe ein „mediterranes Lebensgefühl“. Für jede Marke ist ein bestimmtes Image festgelegt. Aperol sei „jung, dynamisch“, Campari „sinnlich und erwachsener“. Unter Kunze-Concewitz‘ Ägide wuchs das Portfolio auf über 50 Marken an. In den vergangenen Jahren hat er 26 Akquisitionen unter Dach und Fach gebracht. Zum Campari-Imperium gehören etwa Averna, Cynar, Grand Marnier, Skyy Vodka, Wild Turkey Bourbon sowie die Wermut-Marke Cinzano, die sein italienisch-maltesischer Großvater mütterlicherseits einst schon in Konstantinopel vertrieben hat. Der Umsatz des an der Mailänder Börse notierten Konzerns stieg in den vergangenen zehn Jahren von 0,9 auf 1,7 Milliarden Euro. Während der Umsatz kontinuierlich stieg, musste Campari beim Ergebnis zuletzt Einbußen hinnehmen: Im Geschäftsjahr 2016 ging der Gewinn um fünf Prozent auf rund 166 Millionen Euro zurück.

Der Kapitän: Helmut Sohmen, BERGESEN WORLDWIDE

Seine Eltern verschlug es einst als sudetendeutsche Flüchtlinge nach Oberösterreich. Er selbst maturierte an der Linzer Fadingerschule und begann ein Jus-Studium in Wien. Wie sich sein Leben danach weiterentwickeln würde, das hätte er „nicht im Traum“ vermutet, erzählte Helmut Sohmen vergangenes Jahr dem „Kurier“.

Sohmen besitzt heute eine der international größten Reedereien, die BW-Gruppe („Bergesen Worldwide“) mit Sitz im chinesischen Hongkong. Laut eigenen Angaben betreibt das Unternehmen 173 Schiffe, die vor allem Öl und Gas befördern. Das US-Magazin „Forbes“ schätzt Sohmens Vermögen auf 1,8 Milliarden Dollar. Damit wäre er sechsreichster Österreicher und auf Platz 771 der Weltrangliste.

Begonnen hat alles im Jahr 1967, als Sohmen Anna Pui Hing Pao heiratete -die Tochter eines der damals wichtigsten Reeder -, die er während eines Studienaufenthalts in den USA kennengelernt hatte. Der Hongkonger Yue-Kong Pao war einst vor den chinesischen Kommunisten in die britische Kronkolonie geflohen. 1970 stieg Sohmen ins Unternehmen des Schwiegervaters ein. Nachdem sich Yue-Kong Pao 1986 zur Ruhe gesetzt hatte, übernahm er es zur Gänze. Auf eine Phase des Geschäftsrückgangs und der Konsolidierung in den 1990er-Jahren folgte ein Expansionskurs mit großen Zukäufen, etwa die norwegische Bergesen-Flotte im Jahr 2003.

Vor zwei Jahren schließlich übernahm Sohn Andreas Sohmen-Pao das Steuerrad – auch er Inhaber der österreichischen Staatsbürgerschaft . Das Firmenkonglomerat, das mittlerweile von Singapur aus geführt wird, beschäftigt heute 4500 Mitarbeiter, etwa in China, Indien, den Bermudas, Zypern und Norwegen.

Der Gastgeber: Wolfgang Neumann, REZIDOR HOTEL GROUP

Österreicher, die Hotels im Ausland führen, gibt es zuhauf. Sie leiten Bettenburgen, exklusive Resorts, Luxus- oder Designhotels rund um den Globus. Doch nur wenige haben es ganz nach oben geschafft: in die Führungsetagen der großen Tourismuskonzerne. Wolfgang Neumann ist einer davon. Der Salzburger ist seit Kurzem Aufsichtsrat der Rezidor-Gruppe (früher SAS International Hotels), zu der unter anderen die Radisson Hotels gehören. Davor führte er den an der Stockholmer Börse notierenden Hotelkonzern vier Jahre als Vorstandsvorsitzender. Dabei war er für über 480 Hotels in mehr als 80 Ländern verantwortlich, die fast eine Milliarde Umsatz erwirtschaften.

Seine Laufbahn begann der Vater dreier Kinder an der Tourismusschule Kleßheim. Es folgten über 20 Jahre bei der Hilton-Kette, wo er Direktorenstellen in Frankfurt, Brüssel, Paris und London bekleidete und es bis zum Generaldirektor für Europa und Afrika brachte. 2009 kehrte er für ein kurzes Gastspiel in die Salzburger Heimat zurück, wo er das Schlosshotel Fuschl führte. Doch das Fernweh schlug bald wieder zu. Einmal auf Achse, immer auf Achse.

Der Abgehobene: Wolfgang Mayrhuber, LUFTHANSA

Eigentlich wollte er Pilot werden. Doch die AUA hatte ihn abgelehnt. Heute ist er einer der bekanntesten aus der Riege der österreichischen Manager-Elite im Ausland, sein Name untrennbar mit einer der größten Fluglinien Europas verbunden. „Ich habe 20 Mal die Firma gewechselt, ohne die Firma zu wechseln“, sagte Wolfgang Mayrhuber in einem Interview in profil. „Die Firma“, das ist die deutsche Lufthansa AG. Nach der HTL für Maschinenbau in Steyr begann der Sohn eines Journalisten und einer Lehrerin als Ingenieur bei der Triebwerksinstandhaltung. In den Folgejahren durchlief er alle Führungsebenen sämtlicher Geschäftsbereiche der Lufthansa-Technik. 1992 zog er in den Lufthansa-Vorstand ein, 2003 folgte er Jürgen Weber als Vorstandsvorsitzender nach. Er hat Sparprogramme entworfen und durchgesetzt und die Lufthansa schnell aus den roten Zahlen geflogen. Doch in seiner siebenjährigen Ägide drückte Mayrhuber vor allem bei der Expansion in Europa aufs Tempo. Binnen weniger Jahre wuchs die Lufthansa-Gruppe um Swiss, AUA, Brussels Airlines und außerdem erwarb er die Mehrheit bei der britischen Fluggesellschaft BMI. Mayrhubers damalige Einkaufstour erregt bis heute die Gemüter von Aktionären und Mitarbeitern. Die Lufthansa habe dabei zu viele Verlustbringer erworben, die aufwendig saniert und unzureichend integriert worden seien.

Als der Wahl-Hamburger 2013 Pläne für eine Kandidatur als Lufthansa-Aufsichtsratchef bekanntgab, gingen die Wogen hoch. Er habe zu wenig Distanz zu seinem Ex-Arbeitgeber und zu viele Kontrollposten bei anderen Unternehmen angesammelt, kritisierten Aktionärsvertreter. Er ziehe seine Kandidatur zurück, ließ Mayrhuber verlauten. Was ihn freilich nicht daran hinderte, doch anzutreten. Er erhielt eine knappe Mehrheit der Aktionärsstimmen. Zuletzt wurden Gerüchte laut, dass Mayrhuber möglicherweise noch dieses Jahr sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niederlegen würde. Die Lufthansa wollte das nicht kommentieren.

Der Wechselflieger: Wolfgang Prock-Schauer, GOAIR

22 Jahre war Wolfgang Prock-Schauer für die AUA tätig und bekleidete bei der österreichischen Fluglinie Funktionen im Top-Management. Zweifellos hat ihn dieser Beruf um die Welt geführt, doch im Ausland lebt und arbeitet er erst seit 2003. Damals bot ihm der indische Unternehmer Naresh Goyal den Posten des Chief Executive Officer (CEO) seiner defizitären Inlandsfluglinie Jet Airways an. Sechs Jahre diente er der zweitgrößten indischen Fluglinie. Er sanierte sie, brachte sie an die Börse und baute das Auslandsgeschäft auf. In Indien war er ein gefragter Manager. Ein Angebot des indischen Konkurrenten Kingfisher lehnte er 2008 ab. Ende 2009 holte ihn der damalige Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber zur schwer defizitären Tochter British Midland. Die Lufthansa verkaufte die Beteiligung schließlich mit großen Verlusten. Im Oktober 2012 heuerte Prock-Schauer als Netzwerkplaner bei der hochverschuldeten Air Berlin an. Nur wenige Monate später löste er Hartmut Mehdorn als Chef ab. Seine Ära bei der deutschen Airline endete weitgehend glücklos. Die Sparanstrengungen reichten nicht aus, um sie wieder in die Gewinnzone zu führen. Anfang 2015 warf er das Handtuch und kehrte nach Indien zurück. Diesmal als CEO der Billigfluglinie GoAir. Dort läuft es nun deutlich besser. Die vielen Stationen abseits der Heimat milderte der aus Horn stammende Prock-Schauer, indem er mindestens einmal im Monat nach Österreich flog, wo seine Frau und die drei Kinder in Klosterneuburg leben.

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So viel verdienen Manager … und so viel wir

Aus dem FALTER 11/2013

Während Durchschnittsgehälter sinken, haben sich Managergagen in zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Wie kam es dazu? Und soll man sie nun begrenzen?

Bericht: Joseph Gepp

Eines Tages im Jahr 2005 hatte es Thomas Minder aus Neuhausen in der Schweiz satt. Er selbst, ein parteiloser Parlamentarier und Besitzer einer Zahnpastafabrik mit 18 Mitarbeitern, musste jeden Monat zittern, ob seine Kunden auch pünktlich ihre Rechnungen bezahlen, damit seine Firma über die Runden kam. Gleichzeitig las Minder in den Zeitungen Berichte über die Millionenboni für Schweizer Topmanager, die trotz hoher Verluste ausbezahlt werden. Er hörte von horrenden Abfertigungen und von Begrüßungsgeldern, die Konzerne gewähren, obwohl der neue Vorstandsboss noch nicht einmal seinen Computer aufgedreht hat. Da beschloss Thomas Minder, etwas zu tun.

67,9 Prozent der Schweizer Wahlberechtigten unterstützten Anfang März die „Initiative gegen die Abzockerei“, die Minder lanciert hatte. Ein überwältigender Erfolg, der nun ausgerechnet der wirtschaftsliberalen Schweiz eines der strengsten Vergütungsgesetze der Welt beschert. Und auch im Rest von Europa bringt Thomas Minder einen Stein ins Rollen.

In Deutschland fordern Politiker eine ähnliche Begrenzung von Managergagen, seit bekannt wurde, dass VW-Vorstandschef Martin Winterkorn im Jahr 2011 17,5 Millionen Euro verdient hat. In Brüssel ringen die EU-Institutionen um die Deckelung von Boni für Banker. Und auch in Wien können sich Finanzstaatssekretär Andreas Schieder (SPÖ) und sogar Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) Regeln vorstellen, wie sie Minder in der Schweiz durchgesetzt hat.

Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten steigen die Gehälter von internationalen Spitzenmanagern und -bankern ungebremst, während Durchschnittslöhne stagnieren oder sinken. In den USA betragen sie inzwischen das 200-Fache eines Durchschnittseinkommens. Die meisten Vorstandschefs verdienen heutzutage in einem Jahr mindestens ebenso viel wie ein Normalverdiener im ganzen Berufsleben – und wenn nicht, dann rangieren sie weltweit gesehen weit unten.

Nun aber werden neue Regeln immer mehrheitsfähiger. Vor wenigen Jahren noch hätten sie als destruktiver Eingriff ins Spiel freier Marktkräfte gegolten. Kritikern von Gehaltsexzessen warf man lange vor, Neid zu schüren. Doch seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise vor einigen Jahren ist an die Stelle des alten Schlagwortes Neid ein neues getreten: Gier.

Wie konnte es geschehen, dass Manager – die ja letztlich auch nur Angestellte sind und sich nicht, wie Unternehmensgründer, ihren Wohlstand selbst aufbauen – derart viel verdienen? Was tut man dagegen? Und wie sieht die Situation in Österreich aus?

Alles begann in den 1980er-Jahren an der Wall Street. Im US-amerikanischen Börsenkapitalismus setzte sich, ausgehend von der Finanzwirtschaft, ein neuer Typ von Firmeneigentümer durch: der Aktionär. Im Unterschied zum althergebrachten Firmenbesitzer, dem am langfristigen Gedeihen seines Unternehmens gelegen war, erwarb der Aktionär als einer unter vielen Anteile am Betrieb. Ihn interessierte vor allem, ob sich sein Investment kurzfristig rechnet. Die disparate Schar von Aktionären beauftragte deshalb ein Firmenmanagement, den Betrieb zu führen und Rendite zu erwirtschaften. Dem Management kam in diesem Gefüge immer mehr Macht und Bedeutung zu.

Eine neue „ökonomische Radikalität“ hielt damit Einzug, erklärt der deutsche Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. „Es war eine Kultur, in der das Management fürstlich dafür entlohnt wurde, alle rentabilitätsfremden Gesichtspunkte konsequent auszuschalten“ – also alles, was nicht dem Profit dient.

Jahrzehntelang wuchsen die Gagen, selbst die große Wirtschaftskrise 2009 fügte ihnen nur eine kleine Delle zu. In den USA, dem internationalen Spitzenreiter, verdienen die Chefs der 500 wichtigsten börsennotierten Unternehmen heute laut Institute for Policy Studies im Schnitt je knapp elf Millionen US-Dollar im Jahr. Der größte Teil des jeweiligen Lohns hängt dabei vom Erfolg des Managers ab. Es handelt sich um Boni und Prämien verschiedener Art. Diese Teile des Gehalts richten sich nach den Zahlen im neuesten Quartals- oder Jahresbericht, beispielsweise dem Unternehmensgewinn oder dem Wert der Aktie. Eine gefährliche, oft firmenschädliche Praxis, meinen Kritiker. Denn das schwankende Gehalt lenke das Augenmerk der Manager auf kurzfristige Geschäfte, die hohe Gewinnchancen mit ebensolchem Risiko verbinden. Auch Kapitalmarktexperten sehen diese Form der Entlohnung mit Sorge: Als das deutsche Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung im Krisenjahr 2009 250 Fachleute über die Ursachen der Krise befragte, nannten fast 90 Prozent hohe Managergehälter und Bonuszahlungen.

In Österreich immerhin kommen derartige Belohnungssystem vergleichsweise wenig zum Einsatz. Österreich sei „kein Land der Abzocker“, befand kürzlich die Neue Zürcher Zeitung. Laut Arbeiterkammer ist ein durchschnittliches Spitzenmanagergehalt hierzulande lediglich zu rund 30 Prozent erfolgsabhängig – in vielen anderen Ländern liegt der Wert bei über 50 Prozent. Und auch bei der gesamten Höhe von Managergehältern halten sich heimische Unternehmen im internationalen Vergleich eher zurück.

Die fünf höchstdotierten Firmenvorstände in Österreich (siehe unten) verdienten im Jahr 2011 zwischen 1,2 und 2,5 Millionen Euro pro Person im Jahr. Das ist zwar immer noch ziemlich viel, liegt aber weit unter den höchstbezahlten deutschen Vorständen, die nicht unter fünf Millionen pro Kopf verdienen – also mindestens das Doppelte. Selbst der teuerste heimische Firmenboss im Jahr 2011, Erste-Bank-Chef Andreas Treichl, wäre mit 2,5 Millionen Euro in Deutschland nicht einmal unter die Top Ten gekommen.

Österreichs bestbezahlter Manager, Erstebank-Chef Andreas Treichl, verdiente 2011 rund 2,5 Millionen. In Deutschland wäre er trotzdem nicht unter den Top 10 (Foto: Erstebank)

Österreichs bestbezahlter Manager, Erstebank-Chef Andreas Treichl, verdiente 2011 rund 2,5 Millionen. In Deutschland wäre er trotzdem nicht unter den Top 10 (Foto: Erstebank)

Freilich, dies sind nur Vergleichswerte. Absolut gesehen steigen auch in Österreich die Managergehälter extrem, während Normalverdiener Einbußen hinnehmen müssen. Der heimische Durchschnittslohn – er lag vergangenes Jahr laut Statistik Austria bei 24.843 Euro brutto – ist seit dem Jahr 1998 leicht gesunken, vor allem bei Geringverdienern. Topmanager hingegen verdienten bereits im Jahr 2000 das 20-Fache des Durchschnitts, erklärt die Expertin Christina Wieser von der Arbeiterkammer. Inzwischen ist der Wert auf das 48-Fache angestiegen. Zudem werden fette Boni oft auch dann fällig, wenn der Unternehmenserfolg mehr als zu wünschen übrig lässt – beispielsweise geschehen bei der Flughafen Wien AG nach dem Debakel um das neue Terminalgebäude Skylink.

Ausverhandelt werden die großzügigen Gagen in den Aufsichtsräten der Unternehmen. Das ist jenes Gremium in Firmen, das, von den Eigentümern bestückt, den Vorstand bestellt und kontrolliert, also das mehrköpfige Management. Doch in den Aufsichtsräten sitzen meist Branchenkollegen oder Manager aus Schwesterfirmen im eigenen Konzern, erklärt der Soziologe und Netzwerkforscher Harald Katzmair, der die Rolle von Aufsichtsräten untersucht hat. „Diese Zusammensetzung hat durchaus Sinn, denn die Mitglieder des Aufsichtsrats müssen das Geschäft und seine Gepflogenheiten kennen, um ihrer Tätigkeit nachgehen zu können.“ Allerdings besteht bei solchen Konstellationen wenig Hoffnung, mit den ständig steigenden Löhnen Schluss zu machen.

Katzmair spricht von einer „selbstorganisierten Wachstumsspirale“, die sich bei Gehältern herausgebildet habe. Angetrieben werde sie vom ständigen Vergleich der Manager untereinander, der sich vor allem in zahlreichen Gehaltsrankings ausdrückt. Und weiters von der Drohung der Manager, zu einem Unternehmen zu wechseln, das besser zahlt. Ein Wettlauf nach oben treibt Managergehälter an – ähnlich jenem Wettlauf nach unten, den sich Staaten bei ihren Steuer- und Sozialgesetzen liefern, damit sie als Standorte für internationale Unternehmen attraktiv sind.

Wie wenig Spielraum in diesem System für ein einzelnes Unternehmen und seinen Aufsichtsrat bleibt, erzählt ein Mann, der in mehreren heimischen Aufsichtsräten sitzt. Seinen Namen will er nicht im Falter lesen, schließlich geht es um heikle Lohnverhandlungen. „Die Höhe des Gehalts richtet sich meist nach dem, was der Vorgänger verdient hat“, erzählt das Aufsichtsratsmitglied. Je nachdem, wie begehrt der Bewerber ist, schlage man noch mehr oder weniger Geld drauf. Bei den Verhandlungen ziehen sowohl der Bewerber als auch der Aufsichtsrat normalerweise Anwälte und Personalberater zu Rate. Acht bis zehn Seiten sei so ein Arbeitsvertrag am Ende dick, erzählt der Aufsichtsrat. „Interessanterweise drehen sich die zähesten Verhandlungen oft gar nicht ums eigentliche Gehalt, sondern um die Nebengeräusche wie die genauen Regelungen für Urlaub, Dienstwagen und Reisespesen.“

Wie könnte man gegen die überzogenen Löhne, die aus solchen Verhandlungen resultieren, ankommen? Die Antwort glaubt Thomas Minder, Initiator der erfolgreichen Bürgerinitiative in der Schweiz, genau zu kennen. Minder hat neben einem Verbot bestimmter Sondervergütungen vor allem eine entscheidende Gesetzesänderung in seinem Land durchgesetzt: Künftig entscheidet nicht mehr der Verwaltungsrat, das Schweizer Pendant des Aufsichtsrats, über die Managergehälter – sondern die Hauptversammlung (siehe Grafik unten). Das ist jene große Zusammenkunft aller Aktionäre, die einmal im Jahr stattfindet. Im Gegensatz zum kleinen, elitären Aufsichtsrat repräsentiert die Hauptversammlung eine Vielzahl von Interessen der Anleger, glaubt Thomas Minder. Hier ist die Transparenz ebenso größer wie der Rechtfertigungsdruck, hier können Löhne nicht in derart lichte Höhen klettern.

Eine ähnliche Lösung schwebt auch Wilhelm Rasinger, dem Vertreter der heimischen Kleinanleger, für Österreich vor. „Say on Pay“ heißt Rasingers Modell, das in den USA entstanden ist. Dabei darf die Hauptversammlung zwar nicht gleich zur Gänze über die Gehälter der Manager entscheiden – aber sie gibt zumindest ein nicht bindendes Votum ab. „Allein das schafft schon genug Druck und Öffentlichkeit, um Gehaltsexzessen einen Riegel vorzuschieben“, sagt Rasinger.

Lange dürfte es wohl nicht dauern, bis der Wunsch des Kleinanlegervertreters Wirklichkeit wird. Denn EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier in Brüssel hat sich bereits vom Schweizer Votum beeindruckt gezeigt. Vergangene Woche erklärte der Kommissar, dass auch Aktionäre in der Europäischen Union künftig „mehr Verantwortung bei Gehaltsfragen“ bekommen sollten. Noch in diesem Jahr sollen Gehaltsregeln wie in der Schweiz nun auch auf EU-Ebene durchgesetzt werden.


Woher wir wissen, wie viel Manager verdienen

:: Viele Betriebe in Österreich müssen nicht angeben, wie viel ihre Manager verdienen. Die Teilnahme an diversen Gehaltsumfragen, wie sie etwa das Wirtschaftsforum für Führungskräfte jährlich durchführt, basiert auf Freiwilligkeit. Lediglich GmbH und börsennotierte Unternehmen sind verpflichtet, in ihren Jahresberichten das Einkommen ihrer Manager zu vermerken. Doch auch hier gibt es Einschränkungen.

Bisher mussten die Firmen nur angeben, wie viel die Vorstandsetage als Ganzes verdient – nicht aber das Einkommen der einzelnen Vorstandmitglieder. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn ein Vorstandsvorsitzender verdient im Schnitt 20 Prozent mehr als seine Vorstandskollegen. Wie viel ein heimischer Vorstandsboss genau verdient, konnte man bislang also nur schätzen. Oder aber die Unternehmen machten es freiwillig publik, wie beispielsweise OMV, Erste Bank und Telekom.

Nun jedoch bringt eine EU-Richtlinie einen großen Schritt in Richtung Transparenz. Ab diesem Jahr müssen börsennotierte Unternehmen erstmals – zusätzlich zum insgesamten Vorstandsgehalt – auch die Einkommen der individuellen Vorstände publizieren.

Es ist nicht das erste Mal in den vergangenen Jahren, dass die EU Änderungen in den Aktiengesetzen ihrer Mitgliedsstaaten vornimmt. So schreibt auch seit vergangenem Jahr eine Novelle vor, dass Vorstandsvergütungen „angemessen“ sein und „langfristige Verhaltensanreize zur nachhaltigen Unternehmensentwicklung“ bieten müssen. Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten sind allerdings nicht vorgesehen. „Zahnlos, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung“, nennt deshalb Christina Wieser von der Arbeiterkammer das neue Gesetz.

Auch bei Bankerboni gibt es – ganz unabhängig von der Diskussion um die Begrenzung der Boni, die derzeit in Brüssel läuft – bereits seit vergangenem Jahr umfassende Regeln im heimischen Bankwesengesetz. Boni dürfen „Misserfolge nicht belohnen“, heißt es; außerdem müssen die Vergütungssysteme der Banken jährlichen Prüfungen unterzogen werden. Laut Finanzmarktaufsicht kommen die neuen Regeln heuer erstmals zur Anwendung.

All diese Gesetzesnovellen sind Folgen der Bankenkrise 2009, bei der sich Gehaltsexzesse und überzogene Boni desaströs auf die Wirtschaft ausgewirkt haben.

Wie eine AG funktioniert:

Der Vorstand führt die Geschäfte. Er setzt sich meist aus drei bis acht Mitgliedern zusammen, die einem Vorstandsvorsitzenden unterstehen

Die Hauptversammlung tritt einmal jährlich zusammen. In ihr versammeln sich alle Aktionäre des Unternehmens, oft hunderte. Vom Vorstand einberufen, wählt die Hauptversammlung die Mitglieder des Aufsichtsrats und entscheidet über die Dividende, also die Gewinnausschüttung

Der Aufsichtsrat bestellt und kontrolliert den Vorstand. Seine drei bis 21 Mitglieder prüfen den Jahresabschluss der Firma und legen die Bezüge des Vorstands fest

Gehaltssprünge

Unten die Vorsitzenden jener fünf börsennotierten österreichischen Konzerne, die ihre Vorstände im Jahr 2011 am besten bezahlten. Sie sind allesamt männlich und zwischen 53 und 66 Jahre alt. Bei den Zahlen links handelt es sich nicht um das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden, sondern das Durchschnittsgehalt pro Vorstand – das individuelle Gehalt der Vorstände mussten die Konzerne bislang nicht extra ausweisen. Freiwillig tat es von den hier genannten Firmen lediglich die OMV.

OMV
2011 2,51 Mio. 2010 2,21 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+13,5%

Bei der OMV haben sich die Vorstandsgagen laut eigenen Angaben seit dem Jahr 2000 knapp verdoppelt. Der teilstaatliche Konzern begründet dies damit, dass sich im selben Zeitraum der Unternehmenswert vervierfacht habe und eine „Internationalisierung“ erfolgt sei. Der heutige Vorstandschef Gerhard Roiss verdiente 2011 – damals noch als Untergebener von Exchef Wolfgang Ruttenstorfer – 1,8 Millionen Euro jährlich

Andritz
2011 2,21 Mio. 2010 1,94 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+13,7%

Beim steirischen Anlagenbauer Andritz haben sich die Vorstandsgagen laut Geschäftsberichten seit 2002 knapp verdreifacht. Wie viel Vorstandschef Wolfgang Leitner genau verdient, muss der Konzern erst ab heuer bekanntgeben – bislang war nur die Offenlegung des Gesamtverdienstes der Vorstände erforderlich. Leitner, bereits seit 1994 Vorstandsboss, ist selbst Kernaktionär bei Andritz und verfügt laut Forbes über ein Privatvermögen von zwei Milliarden US-Dollar

Lenzing
2011 2,17 Mio. 2010 0,99 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+118,3%

Beim oberösterreichischen Faserkonzern Lenzing haben sich die Vorstandsgagen seit 2002 mehr als verdoppelt. Laut dem Konzern hat sich der Umsatz im gleichen Zeitraum verdreifacht und die Mitarbeiterzahl auf 7000 verdoppelt. Vorstandschef Peter Untersperger arbeitet bereits seit 1985 bei Lenzing. Der Konzern betont, dass die Vorstandsbezüge im Jahr 2011 aufgrund des Börsegangs viel höher ausfielen als in anderen Jahren

Raiffeisen International
2011 1,66 Mio. 2010 1,54 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+8,0%

Bei der Raiffeisen Bank International haben sich die Vorstandsgagen laut eigenen Angaben seit dem Jahr 2003 mehr als verdoppelt – damals handelte es sich noch um die Raiffeisen Zentralbank. Die Mitarbeiterzahl hat sich in dieser Zeit ebenso verdreifacht wie die Bilanzsumme, gibt der Konzern bekannt. Wie viel Vorstandschef Herbert Stepic verdient, das wird die Öffentlichkeit erstmals mit der heurigen Gesetzesänderung erfahren

Österreichische Post

2011 1,21 Mio. 2010 0,79 Mio. Durchschnittliche Vorstandsgage pro Kopf in Euro
+53,4%

Bei der teilstaatlichen Österreichischen Post AG haben sich die Gagen der Vorstände laut Konzernangaben seit dem Jahr 2001 knapp verdoppelt. Auf Nachfrage verweist der Pressesprecher darauf, dass diese Bezahlung marktkonform sei und sich die Firma inzwischen weit über Österreichs Grenzen hinaus entwickelt habe. Wie viel der Vorstandschef seit 2009 Georg Pölzl verdient, das wies der Konzern bislang nicht gesondert aus

Steine des Anstoßes
Der Schweizer Manager Daniel Vasella bekam von Novartis 60 Millionen Euro für ein Konkurrenzverbot VW-Chef Martin Winterkorn verdiente 2011 in Deutschland 17,5 Millionen Euro Jahresgage. 2012 hat er sein Gehalt freiwillig auf 14,5 Millionen gesenkt

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