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Beitritt ohne Freude

Aus dem FALTER 25/2013

Kroatien wird am 1. Juli das 28. Mitgliedsland der Europäischen Union. Was bedeutet der Beitritt konkret? Und wem nützt er?


Realitätscheck: Joseph Gepp

Wenn Kroatien am 1. Juli 2013 der EU beitritt, ist das vielleicht die letzte Erweiterung der Union für lange Zeit.

Denn die Freude, die bei den EU-Erweiterungsrunden 2004 und 2007 zumindest ansatzweise zu spüren war, ist längst verflogen. Das Adrialand mit den tiefreichenden wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Österreich kommt als Nachzügler in die Union – mitten in der europaweiten Wirtschaftskrise. „Das ökonomische Umfeld hat sich in den letzten Jahren radikal verändert“, sagt Hermine Vidovic vom Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche.

Entsprechend niedrig sind die Erwartungen. In Kroatien selbst assoziieren 58 Prozent der Bürger den Beitritt vor allem mit höheren Preisen, wie eine Umfrage der EU-Delegation ergab. Noch düsterer sieht ihn das EU-Ausland: In wichtigen Zeitungen, von der Bild bis hin zur renommierten Süddeutschen, wird Kroatien als wirtschaftlich schwach und kaum europareif geschildert. Den Tenor der Medien prägen die Schuldenkrise, Rettungsschirme und Staatsanleihennotkäufe. Er lautet: Europa hat auch ohne Kroatien schon genug Problemkinder.

Ist die Angst gerechtfertigt? Oder sehen Kroaten und EU-Ausländer den Beitritt zu negativ? Und überhaupt: Was ist das eigentlich genau, so ein EU-Beitritt?

Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst sagen, was der Beitritt nicht ist. Er bedeutet keine Grenzöffnung – diese erfolgt erst mit Kroatiens Eintritt in die Schengen-Zone ab 2015. Er bedeutet auch nicht den freien Verkehr von Arbeitskräften – hierfür existieren, wie bei vorangegangenen Erweiterungen, Übergangsfristen von maximal sieben Jahren. Der EU-Beitritt bedeutet schließlich auch nicht, und das ist ein entscheidender Punkt, dass Kroatien den Euro einführt. Dafür erfüllt Kroatien derzeit nicht die Kriterien. Dieser letzte Aspekt entlarvt etwaige Vergleiche mit Griechenland als irrational. Denn die hohen Rettungskosten in Europa sollen die Währung stabilisieren und fallen demnach für Euroländer an, nicht für jene außerhalb der Gemeinschaftswährung.

Was also bedeutet nun der EU-Beitritt? Im Wesentlichen eine Anpassung tausender Gesetze an die EU-Rechtslage. Von 2006 bis 2011 verhandelten darüber EU-Kommission und kroatische Regierung. Das Spektrum umfasste 35 Kapitel, vom „Schutz geistigen Eigentums“ bis hin zu „Statistiken“. Es sei um viele kleine Dinge gegangen, die im Ganzen viel ausmachen, erklärt Roman Rauch, Delegierter der Wirtschaftskammer in Zagreb. „Etwa Regeln für Lizenzierungen, Prozeduren beim Warenimport oder Qualitätskontrollen.“

Das klingt kompliziert, doch all diese Vereinheitlichungen dienen einem klaren Ziel: Zur Förderung von Wachstum und Wohlstand will man den grenzüberschreitenden Handel erleichtern – und zwar beidseitig: Kroatische Unternehmen sollen ebenso leichter im EU-Raum investieren können wie EU-Unternehmen in Kroatien.

Neu in der EU: Kroatien

Neu in der EU: Kroatien

Dies betrifft im hohen Maß Österreich. Denn heimische Firmen sind die größten Investoren in Kroatien, vor niederländischen und deutschen. Über ein Viertel aller dortigen Auslandsinvestitionen tätigen laut Wirtschaftskammer rund 750 heimische Unternehmen. Das reicht von der Skandalbank Hypo Alpe Adria bis zum Mittelständler, der auf dem Balkan produziert. Wie werden diese Firmen den EU-Beitritt konkret spüren? Der Baukonzern Porr beispielsweise, einer der größten heimischen Investoren im Osten, streicht auf Falter-Nachfrage die „an die europäische Norm angepasste Ausschreibungstätigkeit“ als künftigen Vorteil hervor. Der steirische Versicherer Merkur glaubt, von „weitreichenderen Möglichkeiten bei der Veranlagung“ von Geldern zu profitieren. Die Telekom Austria schließlich, größter heimischer Investor in Kroatien, führt auch einen Nachteil an: Der Wegfall der Roaming-Gebühren beim Telefonieren werde die Gewinne der Firma schmälern.

All diese Neuerungen gelten zwar umgekehrt auch für kroatische Unternehmen im Westen – nur wird sich dies viel weniger stark auswirken. Weil viele westliche Unternehmen nach der Wende massiv in den Osten expandierten, sind sie dort viel präsenter als östliche im Westen. „Heimische Unternehmen zählen sicher zu den Gewinnern des Beitritts“, sagt Rauch.

Der Beitritt bringt also vor allem vereinheitlichte Regeln, weniger Bürokratie und Rechtssicherheit für Unternehmen – schön und gut. Aber was haben die kroatischen Bürger davon? Abgesehen von speziellen Maßnahmen wie EU-Projektsubventionen hegen Ökonomen hier vor allem eine Hoffnung: dass all die Erleichterungen zu einer besseren Wirtschaftsentwicklung führen, die wiederum insgesamt eine Aufwärtsbewegung auslöst. So soll etwa die europäisierte Rechtslage in Kroatien Konzerne animieren, dort Arbeitsplätze zu schaffen.

Das wäre jedenfalls dringend notwendig. Die Jugendarbeitslosigkeitsrate in Kroatien liegt derzeit bei über 50 Prozent. Hinter Griechenland und Spanien wird sie die dritthöchste in der EU sein.

EU-Erweiterungen
2004 traten zehn osteuropäische Staaten von Estland bis Zypern der EU bei. 2007 folgten Rumänien und Bulgarien. Damals war die wirtschaftliche Lage noch weit rosiger

Kroatien
Das Land, Hauptstadt Zagreb, hat 4,5 Millionen Einwohner und rund zwei Drittel der Fläche Österreichs. Rund 18 Prozent des BIP erwirtschaftet das Land durch den Tourismus an der Adriaküste. Am 1. Juli tritt es der EU bei

Ö1-Schwerpunkt

Von 18.6. bis 6.7. präsentiert Ö1 einen umfangreichen Kroatien-Schwerpunkt. Infos unter: oe1.orf.at

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Eingeordnet unter Balkan, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Wirtschaft

Volim te Hrvatsko

REPORTAGE Am Wochenende war Wien kroatischer als alle kroatischen Städte zusammen. Wie es aussieht, wenn der Balkan in die Stadt kommt. JOSEPH GEPP

Seit Monaten redet man nun über die EM, über Hooligandateien und Polizeikontrollen, inszenierte Begeisterung und tatsächliche Aussichtslosigkeit, Paninipickerl, Europhorie und teures Bier. Und dann, vergangenen Freitag, 16.16 Uhr, piepte das Handy eines kroatischen Freundes: „Schick diese SMS an alle Kroaten in deinem Telefonbuch! Treffpunkt aller Fans am Sonntag, 14 Uhr, vor der kroatischen Kirche. Marsch durch den ersten Bezirk bis zum Praterstern. Weiterschicken!“ Abseits offizieller Zonen und außerhalb des Beschallungsradius der großen Uefa-Schirme will man sich also treffen. Wo die kroatische Party stattfindet, das suchen sich die Fans selbst aus.

Wenn Kroaten nach Wien kommen, dann haben sie vor allem zwei Bezugspunkte. Erstens das Grätzl um die Ottakringer Straße, die „Balkanstraße“, wo viele ihr Lager bei Onkeln, Neffen oder Cousinen aufschlagen. Little Zagreb wird dann noch kroatischer, als es schon ist, wenn nicht gerade EM stattfindet. Zweitens die Kirche am Hof, wo jeden Sonntag – fast unbemerkt von der österreichischen Öffentlichkeit – kroatische Messen gelesen werden. Vor vollem Haus. Kroatien ist ein Land, in dem Nationalspieler dem Fernsehen erklären, welches Gebet sie vor dem Match sprechen. Familie und Kirche sind Fixpunkte der meisten Kroaten und kroatischer Fußballfans. Dementsprechend sieht das Programm aus: Samstagabend zog man zu tausenden johlend und Fahnen schwenkend nach Ottakring, um sich dort auf die Lokale zu verteilen und auf der Straße zu feiern. Am darauf folgenden Sonntag, Spieltag, 14 Uhr, trifft man sich am Hof.

Was dort stattfindet, hat die Zweite Republik mit einiger Wahrscheinlichkeit noch nicht erlebt. Die begeisterte und euphorisierte Menschenmenge zieht sich von der Kirche über die Tuchlauben und den Graben bis zum Stephansplatz. 50.000 kroatische Fußballfans sollen laut Polizei in der Stadt sein. Ein Meer im rot-weißen Schachbrettmuster. Die Fans stehen auf Schanigartentischen und tanzen, blasen in Tröten, schwenken Fahnen und klettern auf Fassaden, um Transparente aufzuhängen. Sie versprühen bengalische Feuer und vergießen Lacken von Bier. Sie singen Lieder, zu hunderten, in atemberaubender Lautstärke. „Kroatien, die goldene Kraft deines Weizens, die blauen Augen deiner See.“ Der Weizen steht für die Binnenregion Slawonien, die blauen Augen für die Adriaküste. „Volim te Hrvatsko“, skandieren sie. „Ich liebe dich, Kroatien.“ Zwei oder drei Tage halten sich die meisten von ihnen in Wien auf, gekommen sind sie aus Zagreb, aus der Küstenregion Dalmatien und aus Bosnien-Herzegowina. „Wir sind so viele, ihr kommt nicht an gegen uns“, singen sie. Das klingt kämpferisch, aber die Stimmung ist friedlich. So heiter, dass selbst die Polizisten sich anstecken lassen. Die Fans herzen und umarmen sie, man tanzt mit ihnen Polonaise. Am Stephansplatz grinsen die Aida-Verkäuferinnen, als 30 Kroaten den Balkon der Konditorei stürmen und eine Fahne des FC Rijeka hissen. Zwei alte Wienerinnen lächeln amüsiert, als sie sich ihren Weg unter einer kroatischen Fahne hindurch bahnen. Sie hat die Fläche einer kleinen Wohnung und wird von einigen Dutzend Menschen in die Höhe gehalten. Das Sonnenlicht zeichnet den Fans darunter rote und blaue Schatten ins Gesicht. Die alten Damen finden das witzig. Wien zeigt sich heute von seiner toleranten Seite.

Mittendrin einige Polen, Türken und Deutsche, die erst später mehr werden sollen. Und eine verschwindend geringe Anzahl österreichischer Fans. Sie verlieren sich allesamt im balkanischen Taumel. Was sie an Tröten, Gesängen, Flaggen und bunter Schminke aufzubieten haben, kommt gegen die Kroaten nicht an. Es ist keine Manifestation gegen Österreich, die hier stattfindet, dafür scheint der Gegner aus dem Norden den Kroaten zu unwichtig. Es ist auch nicht der Geist des Jugoslawienkriegs, der sich hier zeigt. Ein paar antiserbische Lieder und ein paar Rechtsradikale mit faschistischen Symbolen auf Poloshirts können dem Gesamteindruck nichts anhaben: ein betrunkener, spaßiger Patriotismus, vorgeführt von einer jungen Nation, die sich für Fußball wahrhaft begeistert. Man stülpt sogar Babys und Hunden das Schachbrettmuster über. Man grüßt Türken mit Hupkonzerten und Österreicher mit Schulterklopfen. Wir sind da, wir mögen euch, und besser sind wir sowieso, scheinen die Kroaten zu sagen.

Vergangenen Sonntag wurde die sonst vergleichsweise beschauliche Innenstadt so zu einer großen, wilden und besoffenen Partymeile. Im Café Alt-Wien, wo sonst bei Rotwein und Zigaretten über Gott und die Welt schwadroniert wird, sitzt Petar, ein Fußballfan aus Zagreb. Er passt gar nicht ins Café, so wie er die Beine über die Sessellehne hängt, sich den Schweiß von der roten Stirn streift und Bier für alle bestellt. Voll Stolz erzählt er von einem Ereignis in der Tiefgarage: Zwei Tage lang habe er sein Auto dort stehen gehabt, 60 Euro hätte er dafür zahlen sollen. Zu viel für das Abstellen eines Fahrzeugs, wie Petar meint. Also ging er nochmals zum Automaten, löste ein weiteres Ticket und verließ mit jenem um fünf Euro die Garage. Er lacht schelmisch und schallend und rechnet sich aus, wie viel Bier er um 55 Euro trinken kann. „You cannot fuck a Balcanian“, resümiert Petar in holprigem Englisch. Seine Sitznachbarin lächelt und meint: „An solchen kleinen Dingen ist Jugoslawien zerfallen.“

Derart friedlich und leicht anarchistisch ist die Stimmung in Wien an diesen beiden außergewöhnlichen Tagen. Als Petar das Café verlässt, löst sich die Menschenmenge langsam auf. Sie zieht in die Leopoldstadt. Es ist 16 Uhr, zwei Stunden bis zum Anpfiff. Der Alkoholpegel steigt. Zehntausende Menschen wanken jetzt jubelnd in Richtung Stadion. Es wird ein friedlicher und spannender Abend werden.

Erschienen im Falter 24/08

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