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Ausgeliefert

Aus dem profil 02/2019 vom 07.01.2019

Seit Jahren wird beklagt, dass die großen Supermarktketten kleine Landwirte und Lebensmittelproduzenten ausbeuten. Jetzt will die Politik in Wien und Brüssel mit neuen Gesetzen gegen unlautere Geschäftspraktiken vorgehen.


Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Ein Wochenende im Frühsommer. Die Österreicher zieht es ins Freie, die Grillsaison steht an. Der Lebensmittelhandel rechnet damit, dass die Konsumenten in den kommenden Tagen massenhaft Salat kaufen werden, um ihn zum Grillfleisch zu verzehren. Also ordern die Supermarktketten bei ihren Lieferanten Zehntausende Salathäuptel. Doch es regnet, und die Grillpartys fallen buchstäblich ins Wasser. Den liegen gebliebenen Salat schicken die Ketten zurück an die Produzenten, auch wenn das in keinem Vertrag jemals so vorgesehen war. Die Landwirte bekommen keinen Cent, obwohl sie den Salat nur noch wegwerfen können. Überdies müssen sie die Kosten für die Entsorgung tragen.

Es ist eine Episode von vielen. Sie wirft ein Schlaglicht auf einen Missstand in Österreich, über den kaum jemand spricht. Im Lebensmittelhandel stehen Tausende kleine und mittelständische Produzenten einer Handvoll großer Ketten gegenüber. Die Konstellation führt zu einem dramatischen Machtungleichgewicht. Die großen Konzerne, so geht seit Jahren die Klage, diktieren ihren Lieferanten gnadenlos Bedingungen, beuten sie aus und setzen sich über vertragliche Verpflichtungen einfach hinweg.

Kaum jemals deklarieren sich Betroffene öffentlich – immerhin steht häufig ihre wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel. Dennoch ist das Problem so virulent, dass sich die EU-Institutionen in Brüssel Ende Dezember -noch unter der Ägide der österreichischen Ratspräsidentschaft -auf ein umfangreiches Gesetzesbündel geeinigt haben. Ein „Verbot von unlauteren Handelspraktiken in der Lebensmittelversorgungskette“ soll mehr Fairness sicherstellen. „Wir müssen denjenigen zur Gerechtigkeit verhelfen, die sich völlig unverschuldet in einer schwachen Verhandlungsposition befinden“, sagt Phil Hogan, Landwirtschaftskommissar in Jean-Claude Junckers EU-Kommission und selbst Sohn irischer Bauern.

Auch in Österreich tut sich etwas. ÖVP- Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger – sie entstammt ebenfalls einer Bauernfamilie und begann ihre politische Karriere im schwarzen Bauernbund – hat das Thema nicht nur auf EU-Ebene zum Schwerpunkt erklärt, sondern stieß auch hierzulande Maßnahmen an. „Wir sehen das Problem der Übermacht der Handelsketten“, erklärte die Ministerin. Künftig soll es etwa eine Ombudsstelle geben, bei der Handelsunternehmen und ihre Lieferanten außergerichtlich Streitigkeiten beilegen können. Außerdem wurde bei der Bundeswettbewerbs behörde eine anonyme Hotline eingerichtet, bei der Betroffene Missstände melden können. Wie wirkungsvoll sind diese Initiativen? Ist es notwendig, dass die Politik mit Verboten in Geschäftsbeziehungen auf dem freien Markt eingreift? Und wie stellen sich die Missstände im Einzelnen dar?

Die Grundkonstellation ist jedenfalls problemanfällig, so viel steht fest. In Österreich etwa haben die drei größten Ketten Spar, Rewe (Billa, Merkur, Bipa, Penny) und Hofer gemeinsam einen Marktanteil von 86 Prozent. Die EU-Kommission ortet „unterschiedlich starke Verhandlungspositionen der einzelnen Akteure in der Lebensmittelversorgungskette“. Die Folge: „Lieferanten müssen eine Fülle von offiziellen und versteckten Rabatten akzeptieren, wenn sie mit dem Handelsunternehmen in Geschäftsbeziehung bleiben wollen“, erklärt Christian Jochum von der Landwirtschaftskammer. „Dazu kommen verspätete Zahlungen vonseiten der Ketten und einseitig vorgeschriebene Qualitätsanforderungen ohne preisliche Abgeltung.“

Konkrete Fälle werden kaum je publik. Nur wenige – meist prominentere – Unternehmen haben es sich in den vergangenen Jahren geleistet, gegen die Ketten aufzubegehren. Eines davon ist der Fleischereibetrieb Neuburger aus dem oberösterreichischen Mühlviertel. Im Jahr 2004 entfernte Billa den Neuburger-Leberkäse aus seinem Sortiment, weil das Unternehmen darauf bestand, aufgrund höherer Produktionskosten den Verkaufspreis zu erhöhen. Neuburger geriet zwar in wirtschaftliche Turbulenzen, konnte sich letztlich aber durchsetzen. Nach zwei Jahren hielt der Leberkäse wieder Einzug in den Billa-Regalen.

Doch man muss gar nicht so weit in die Vergangenheit zurückblicken, um die Ungleichgewichte in diesen Geschäftsbeziehungen auszumachen. So hatten etwa Österreichs Erdäpfelbauern immer wieder mit schwerem Schädlingsbefall zu kämpfen: Der Drahtwurm vernichtete in der vergangenen Saison in manchen Regionen bis zu 40 Prozent der Ernte. Obwohl es Schädlingsbekämpfungsmittel gibt, die laut Gesetz auch verwendet werden dürfen, akzeptierten die Lebensmittelketten aufgrund eigener, schärferer Umweltschutzauflagen den Einsatz nicht. „Im Jahr davor haben wir Bauern von diesem Verbot erst erfahren, als die Erdäpfel schon gelegt waren“, sagt Lorenz Mayr, Landwirt in Niederösterreich. Die Folge: Jene Bauern, die Pflanzenschutzmittel eingesetzt hatten, fanden für ihre einwandfreien Feldfrüchte ebenso wenig Abnehmer wie jene, die darauf verzichteten. Denn wurmstichige Kartoffeln kauft niemand. Und so wanderten Tausende Tonnen Erdäpfel statt ins Supermarktregal in die Biogasanlage. „Die Kosten dafür werden auf die Produzenten abgewälzt“, sagt Mayr.

Bereits im kommenden März werden voraussichtlich keine heimischen Erdäpfel mehr im Handel erhältlich sein. Stattdessen muss man sie importieren, etwa aus Israel oder Ägypten. Dies führt die Bemühungen der Handelsketten um hohe Umweltschutz-und Biostandards erst recht ad absurdum – denn die Importware unterliegt, im Gegensatz zur heimischen, keinen strengen Regelungen. Das heißt, die Konsumenten greifen ab März zu Gemüse, das deutlich stärkerem Pestizideinsatz ausgesetzt war und außerdem Tausende Kilometer weit transportiert wurde.

Um gegen solche Missstände anzugehen, haben sich kurz vor Weihnachten EU-Kommission, Rat und Europaparlament überraschend auf neue Regeln geeinigt. In rund 20 EU-Staaten gibt es zwar bereits nationale Regelungen für Fairness in den Geschäftsbeziehungen. Doch diese unterscheiden sich erheblich voneinander. Nun wurden EU-weit 16 unlautere Handelspraktiken definiert, um einen Mindestschutz in der gesamten Union zu gewährleisten. Gelten sollen die Regelungen ab 2021. Zwar müssen sie von EU-Parlament und Mitgliedsstaaten noch offiziell angenommen werden. Doch das gilt als Formsache.

So dürfen künftig – unter anderem – Werbeausgaben nicht mehr auf die Lieferanten abgewälzt werden. Bei der Lieferung von verderblichen Waren müssen Stornierungen mindestens 30 Tage im Voraus getätigt werden. Verspätete Zahlungen von verderblichen Waren werden nicht mehr akzeptiert. Verträge dürfen nicht mehr einseitig oder rückwirkend geändert werden.

Dass man ein Verbot des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln den Bauern erst nach Aussaat mitteilt, wird also nicht mehr erlaubt sein. Genauso wenig dürfen etwa Salathäuptel nicht mehr ohne Vorankündigung und Entschädigungszahlung an Lieferanten zurückgeschickt werden.

Bei Zuwiderhandlungen ist mit Geldbußen zu rechnen. Dafür sorgen soll eine Behörde, die in jedem Mitgliedsland neu zu gründen ist. In Österreich wird die Aufgabe aller Voraussicht nach die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) übernehmen. Bereits im Sommer präsentierte die BWB gemeinsam mit Landwirtschaftsministerin Köstinger einen Katalog „für unternehmerisches Wohlverhalten“. Der Leitfaden soll Unternehmen, aber auch landwirtschaftlichen Betrieben dabei helfen, „zu erkennen, welche Handlungsweisen als fair betrachtet werden“, sagte BWB-Chef Theodor Thanner bei der Präsentation. Der Katalog listet einige „Ausbeutungspraktiken“ auf, wie zum Beispiel das „Fordern sachlich nicht gerechtfertigter Rabatte oder Sonderkonditionen“.

Wer sich unfair behandelt fühlt, kann dies auch anonym bei der BWB melden – mittels einer Whistleblower-Website, die neu eingerichtet wurde. 24 Nachrichten seien auf diese Weise bisher bei der BWB eingelangt, berichtet Sarah Fürlinger, Sprecherin der Behörde. Die Meldungen bezögen sich aber nicht nur auf Lebensmittelhändler und deren Lieferanten, sondern umfassten alle Branchen, so Fürlinger.

Landwirtschaftsvertreter sehen in diesen Maßnahmen einen Erfolg. „Sie bringen für alle Beteiligten mehr Fairness und Transparenz und führen dazu, dass kleine Erzeuger vor unfairen Geschäftspraktiken geschützt sind“, sagt Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger. Er lobt auch Köstinger dafür, sich „des Themas intensiv angenommen“ zu haben. Was aber sagen die Handelskonzerne dazu? Rainer Will -Geschäftsführer des Handelsverbandes, der Österreichs Supermarktketten vertritt -nennt die heimischen Handelskonzerne ohnehin „EU-weite Vorreiter“ im Kampf gegen unlautere Geschäftspraktiken. Dass nun neue Maßnahmen in Kraft treten, begrüße man prinzipiell. „Sie bringen weitere Verbesserungen entlang der Wertschöpfungskette“, sagt Will: „Damit haben wir absolut kein Problem.“

Nur etwas missfällt dem Handel: Die neue EU-Richtlinie wird für alle Lieferanten mit einem Jahresumsatz bis 350 Millionen Euro gelten. Diese Umsatzgrenze sei zu hoch, kritisiert Will. Sie schütze nicht nur Landwirte, sondern etwa auch internationale Großkonzerne. „Das ist ein unverhältnismäßiger Eingriff in den Wettbewerb und grob fahrlässig.“ Die Landwirtschaftskammer hält auf profil-Anfrage mit einem Beispiel dagegen: Auch Österreichs Molkereien -die von den Bauern beliefert werden -erzielten einige Hundert Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Demnach bedeute ein hoher Umsatz allein noch nicht, dass keine Schutzbedürftigkeit im Sinn der neuen EU-Regeln besteht.

Die neuen Regeln auf österreichischer und europäischer Ebene werden mit einiger Wahrscheinlichkeit dazu beitragen, Missstände zu bekämpfen – auch deshalb, weil aufgrund der intensiven Debatte zwischen Handelsketten und Lieferanten künftig wohl ein höheres Problembewusstsein besteht. Allerdings können die neuen Regeln an einem grundlegenden Dilemma nur wenig ändern: Im stark umkämpften österreichischen Supermarktsektor wetteifern auch weiterhin wenige Ketten gegeneinander. Die Leidtragenden werden, über weite Strecken, auch künftig Landwirte und Lieferanten sein.

Beispiel Bio-Lebensmittel. Ihre angebotene Vielfalt ist erfreulich für die Konsumenten, weite Teile der Bauernschaft stellt sie aber vor erhebliche Probleme. Da kämpfen Rewe mit „Ja! natürlich“, Spar mit „Natur pur“ und Hofers „Zurück zum Ursprung“ um Marktanteile. Um sich von den Mitbewerbern abzugrenzen, werden von den Lieferanten immer strengere Auflagen verlangt. Seit 2016 stammt Milch von „Ja! natürlich“ von Kühen, die niemals im Stall angebunden werden. Nun will „Zurück zum Ursprung“ nachziehen. Für viele Landwirte ist das aber nicht machbar. Der Hintergrund: Vor allem in Österreichs Gebirgsregionen können die Tiere schon aufgrund der klimatischen Bedingungen nicht das gesamte Jahr im Freien auf der Weide verbringen. Im Winter müssen sie in den Stall. Das lässt sich zwar bewerkstelligen, wenn die Bauern großzügig dimensionierte Laufställe bauen, in denen sich die Tiere frei bewegen können. Aber: Für solche Laufställe fehlen vielen Bauern nicht nur die Kapitalmittel, sondern schlicht auch Flächen, zum Beispiel in steilen Hanglagen.

Die Folge: Auch die Produkte jener Bauern, die auf das Tierwohl achten, fliegen aus den rigoros konzipierten Bio-Programmen der Supermärkte. „Wir verwenden keinen Kunstdünger und arbeiten nach biologischen Grundsätzen“, sagt etwa ein Milchbauer aus dem Flachgau. „Trotz alledem können wir aber keine Biomilch verkaufen, weil die Maße unseres Laufstalles nicht zu den Vorgaben des Handels passen.“ Nachsatz: „Die Entwicklungen gehen immer schneller, aber die Preise gehen nicht mit.“

Die Auswüchse eines rabiaten Wettbewerbs unter wenigen Großen landen also auf dem Rücken vieler kleiner Landwirte und Lieferanten. Daran können auch die neuen EU-Regeln nur wenig ändern.

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Kein Weg

Aus profil, 36/2018 vom 03.09.2018

Österreichs Supermärkte bieten neuerdings Milch in Glasflaschen statt in Kartons an. Ökologisch jedoch bringt das rein gar nichts, weil es sich um Einwegbehältnisse zum Wegwerfen handelt. Mehrweg-Getränkeverpackungen hingegen haben seit Jahren einen schweren Stand.

Von
Joseph Gepp

Neues gibt es derzeit in Österreichs Supermarktregalen. Erstmals seit vielen Jahren bieten die Handelsketten Spar, Billa und Hofer wieder (Bio-)Milch und Joghurt in Glasflaschen an statt in Bechern und Tetra-Packs. Allerdings: Was manch Kunden aus nostalgischen Gründen erfreuen mag, bringt ökologisch rein gar nichts. Bei den neuen Glasverpackungen handelt es sich um Wegwerfgebinde für den einmaligen Gebrauch. Selbst wenn man sie brav im Altglascontainer entsorgt, ist der Ressourcen-und Energieaufwand mindestens ebenso hoch wie bei den bisherigen Kartons. „Mit Einweg-Glas hat man sich für den falschen Weg entschieden“, kritisiert die Wiener Umweltberatung in Richtung der Handelskonzerne.

Diese rechtfertigen sich mit Verweis auf einen Mangel an Alternativen. „In Österreich gibt es derzeit leider keinen Betrieb, bei dem die Abfüllung in Glasgebinde im Mehrwegsystem möglich wäre“, heißt es etwa vonseiten der Billa-Mutter Rewe. Wie sieht es generell aus bei Mehrweggetränkeverpackungen in Österreich?

Diese sind zwar laut einhelliger Expertenmeinung die eindeutig umweltfreundlichere Variante – eine Mehrwegflasche kann bis zu 40 Mal wiederverwendet werden. Dennoch haben sie seit Jahren einen schweren Stand. Der Anteil an Mehrwegverpackungen stürzte in den vergangenen Jahrzehnten geradezu ab. Im Jahr 1997 lag er noch bei knapp 70 Prozent aller Getränkeverpackungen; im Vorjahr betrug er laut Wirtschaftskammer nur noch 22 Prozent.

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Hinter dem rapiden Rückgang steckt eine „Deregulierungsgeschichte, made in Austria“, kritisiert Christian Pladerer vom österreichischen Ökologie- Institut. Früher gab es noch fixe gesetzliche Quoten, wie hoch der Mehrweganteil je Getränkesegment sein musste – und der Anteil hielt sich stabil. Im Lauf der 1990er-Jahre jedoch wurden die Vorgaben gelockert, ehe sie die erste schwarz-blaue Regierung 2001 ganz abschaffte. Anstelle der bisherigen Quoten trat eine freiwillige Selbstverpflichtung der Getränkewirtschaft. Eine Maßnahme, die ihren Zweck seither nicht erfüllt hat. Derzeit fallen in Österreich laut Schätzung der Umweltabteilung der Stadt Wien jährlich vier Milliarden Stück Einwegflaschen und -dosen als Abfall an.

In den vergangenen Jahren konnte sich der Mehrweganteil immerhin – auf niedrigem Niveau – stabilisieren. Dies ist vor allem den Brauereien zu verdanken, die ihr Bier immer noch oft in klassische Halbliterflaschen füllen, traditionell Mehrwegbehältnisse. Auch in Gastronomiebetrieben ist der Mehrweganteil hoch. Und auch Mineralwasser gibt es immer wieder in Mehrweg-Glasflaschen.

In vielen anderen Bereichen jedoch heißt es: Wegwerfen bitte! Fruchtsäfte bekommt man in Österreichs Supermärkten eher selten in Mehrwegverpackungen, ebensowenig wie Limonaden. Und die besagte Milch? Konsumenten haben kaum Möglichkeiten, sie in umweltfreundlichen Mehrwegglasflaschen zu erwerben. Die Einzigen, die dies derzeit anbieten, sind einige verstreute Bio-Läden – und Milchbauern.

Mehrweganteil bei Getränken in Österreich (ohne Milch, Soda, Fässer und Container)

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Raufhandel

Aus profil 25/2017

Der Online-Handel verändert unser Verständnis des Einkaufens grundlegend. Jetzt kommt er auch in Österreichs Supermärkten an. Während das Geschäft in den Filialen stagniert, wächst jenes im Internet stark an. Was die Online-Wende für Handelsketten, Beschäftigte und Konsumenten bedeutet.

Von
Joseph Gepp

Alles hier wartet darauf, dass die Zukunft beginnt. Die Wände riechen noch nach frischem Verputz, die Öfen zum Aufbacken von Brot glänzen fabriksneu. Die Markierungen auf dem Boden, die den Mitarbeitern den Weg weisen sollen, strahlen in frischem Gelb, ohne Kratzer und Schlieren. Wien, Inzersdorf, südlicher Stadtrand. Diese neue Anlage hier hat kürzlich die Handelskette Billa eröffnet, eine Tochter der deutschen Rewe-Gruppe. In den kommenden Wochen werde der Betrieb ganz anlaufen, sagt Billa-Vorstandsdirektor Robert Nagele. Hallen, Gänge, Auslieferungsrampen – es wirkt wie ein großes Lager. Doch es ist mehr als das. 90 Beschäftigte sollen hier bald arbeiten. Die Supermarktkette rüstet sich für das, was kommt – und zwar im großen Stil.

Hier werden ausschließlich Online-Bestellungen bearbeitet, welche die Kunden zuvor auf der Billa-Website eingegeben haben. Tippt ein Benutzer zu Hause eine Order in seinen Computer, erscheint sie hier bald darauf auf dem Lesegerät eines Mitarbeiters, eines sogenannten Kommissionierers. Dieser eilt dann durch Kilometer an Gängen, vorbei an blechernen Regalen. Er packt die gewünschten Produkte in eine Kiste. Danach wird per Lkw ausgeliefert.

Seit Jahren revolutioniert der Online-Handel unser Verständnis des Einkaufens. Einige Branchen, wie Bücher, Textilien und Unterhaltungselektronik, hat er richtiggehend umgewälzt. Jetzt kommt er allmählich in der Königsklasse des Konsums an: im Lebensmittelhandel. Hier geht es -wegen der Verderblichkeit der Waren -um die sensibelsten Produkte. Hier gibt es die größten Verkaufsflächen, die meisten Mitarbeiter, die höchsten Umsätze.

Dräut eine völlig veränderte Konsumwelt? Wird der Supermarkt ums Eck zum Auslaufmodell, so wie einst der Greißler? Was bedeutet das für Handelsunternehmen, für Beschäftigte, für Konsumenten, für das Straßenbild der Städte?

Österreichs Handelsketten sind jedenfalls aufgeschreckt – allen voran Rewe (Billa, Merkur, Adeg, Penny, Bipa) und Spar, die gemeinsam zwei Drittel des Marktes beherrschen. Denn vor einem Monat hat der US-Online-Konzern Amazon begonnen, vorerst in den deutschen Städten Berlin und Potsdam, die Lieferung von Lebensmitteln anzubieten. „Amazon Fresh“ heißt das Service, das in den USA bereits weit verbreitet ist. Die Auswahl in Berlin entspricht mit 100.000 Produkten jener eines großen Supermarkts.

Bei Österreichs Supermärkten ist der Online- Anteil am Gesamtgeschäft bisher zwar gering. Aber er legt stark zu, während das stationäre Ladengeschäft stagniert. „Wir müssen damit rechnen, dass sich der Markt verändert und neue Player hereindrängen“, sagt Werner Schickmayr von Unimarkt, einer kleineren Handelskette mit Schwerpunkt in Oberösterreich -der ersten hierzulande, die voll auf ihr Internet-Angebot setzte. „Es ist besser, vorne dabei zu sein.“

Das neue Billa-Online-Lage (Billa)

Wer wissen will, wohin die Entwicklung geht, sollte in die USA blicken. Dort findet gerade eine Umwälzung statt, die irgendwann auch in Österreich ankommen könnte. Zahlreiche Geschäfte jedes Typs sperren dort zu -laut einer Analyse der Schweizer Bank Credit Suisse waren es allein vergangenes Jahr 4000, so viele wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise im Jahr 2009. Doch diesmal ist keine Krise schuld, sondern ein florierender Online-Handel.

Annähernd ein Zehntel des gesamten Umsatzes aller US-amerikanischen Geschäfte ist ins Internet abgewandert. Dies führt auch dazu, dass die berufliche Zukunft jener 16 Millionen Amerikaner unklar ist, die im Handel arbeiten. Das entspricht einem von neun US-Beschäftigten. „Seit dem Niedergang der Industriebetriebe in den 1980er-Jahren stand keine Branche mit derart vielen Mitarbeitern vor einem derart einschneidenden Wandel“, beschreibt der britische „Economist“ die Entwicklung.

In Österreich taxiert das Wiener Institut KMU Forschung Austria den Umfang des Online-Handels im Jahr 2016 auf fünf Prozent des Volumens des gesamten Einzelhandels, also aller Geschäfte zusammen -etwa 3,4 Milliarden Euro jährlich. Eine genaue Aufschlüsselung dieser Zahl liegt schon einige Jahre zurück: Im Jahr 2014 waren laut KMU Forschung die am stärksten betroffenen Branchen Bücher, Unterhaltungselektronik und Kleidung. Im Lebensmittelhandel hingegen machte der Online-Anteil lediglich ein Prozent aus.

Doch er wächst rasant. Bei Billa legte das Internet-Geschäft vergangenes Jahr um 160 Prozent zu, rechnet Vorstand Nagele vor – die Erlöse bleiben jedoch bescheiden. Der Anteil des Online-Handels am Billa-Gesamtumsatz liege „im niedrigen einstelligen Prozentbereich“. Bisher sind Online-Bestellungen immer in einzelnen Billa-Filialen miterledigt worden. „Aber mit diesem System stoßen wir kapazitätsmäßig an unsere Grenzen.“ Daher das neue, eigens auf den Online- Handel fokussierte Zentrum in Inzersdorf.

800 bis 1000 Kunden täglich ordern derzeit Produkte auf der Billa-Website, pro Einkauf geben sie durchschnittlich 80 Euro aus. Die Auswahl des Billa-Online-Shops entspricht jenem Sortiment, das auch in den Läden zur Verfügung steht. Fünf Mal täglich verlassen Lastwagen mit Kisten das Gelände. Sobald der Betrieb im neuen Verteilzentrum in den kommenden Wochen voll angelaufen ist, sollen die Kunden innerhalb von zwei Stunden ihre Lieferung zugestellt bekommen.

Gewinne kann Billa mit all dem nicht lukrieren. Erst zwischen 2020 und 2025 hofft man, mit dem neuen Online-Verteilzentrum Profite einzufahren, so Nagele. Grund: Die Logistik ist zu teuer. „Wenn ein Kunde im Internet bestellt, geht faktisch ein Supermarkt-Mitarbeiter für ihn einkaufen und bringt ihm die Waren nach Hause“, erklärt Unimarkt-Manager Werner Schickmayr. „Das rechnet sich derzeit für kein Handelsunternehmen.“ Die Online-Expansion ist eine Investition in die Zukunft – angetrieben vor allem von der Sorge, von einem sich rasch verändernden Markt überrollt zu werden.

Ein Schicksal, das einigen Handelsketten sowieso nicht erspart bleiben wird, glaubt Eva Steindorfer von der Beratungsagentur New Venture Scouting in Wien, die sich der Verknüpfung von jungen Start-up-Unternehmen mit etablierten Betrieben verschrieben hat. „Wir erleben eine Phase des rasanten Wandels. In solchen Perioden steigen immer neue Akteure auf. Es wird Verlierer unter den alten Handelsketten geben.“

Diese müssten sich innovative Geschäftsmodelle überlegen, um zu bestehen, sagt Steindorfer – das althergebrachte Sortiment einfach ins Internet zu übertragen, reiche nicht. Sie verweist auf internationale Beispiele: Der britische Online-Supermarkt Ocado etwa, der keine stationären Filialen betreibt, benutzt die Daten seiner Kunden, um ihnen maßgeschneiderte Angebote zu unterbreiten. Oder eine südkoreanische Tochter der britischen Handelskette Tesco: Sie betreibt in der Hauptstadt Seoul gar sogenannte virtuelle Supermärkte: In den U-Bahn-Stationen hängen Bilder von Supermarktregalen voller Waren. Scannt der gestresste Pendler auf der Heimfahrt vom Büro deren Code, bekommt er sie bis zum Abendessen prompt nach Hause geliefert.

Doch nicht nur auf die Manager von Handelsketten könnten unruhige Zeiten zukommen, auch auf deren Beschäftigte. Die Supermärkte sind eine der heimischen Branchen mit dem höchsten Bedarf an Arbeitskräften. Laut Wirtschaftskammer arbeiteten vergangenes Jahr 125.000 Menschen im Lebensmittelhandel , das entspricht 3,5 Prozent der unselbstständig Beschäftigten. Lediglich von den Metallarbeitern gibt es noch mehr (132.000). Für zusätzlich Zehntausende Jobs sorgen Branchen wie der Bekleidungs-, Möbel-und Elektronikhandel. Zwar entstehen durch das Online-Geschäft durchaus neue Arbeitsplätze – aber, wie bisherige Erfahrungen aus den USA zeigen, handelt es sich um rund dreimal weniger. Fazit: Sollte sich der Internet-Handel dereinst vom Zusatzangebot in Richtung Hauptgeschäft entwickeln, ergeben sich daraus auch schwerwiegende Veränderungen des Arbeitsmarktes. Fraglich bleibt allerdings, ob der Supermarkt ums Eck tatsächlich bald ausstirbt. Dazu könnte es vor allem in Dörfern und Kleinstädten kommen, wo das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln schwach und die Zentren bereits heute oft verödet sind, sagt die Wiener Raumplanerin Betül Bretschneider, deren Consulting-Büro Urban Tansform sich mit der Entwicklung städtischer Räume auseinandersetzt. „In größeren Städten jedoch sehe ich auch gegenläufige Tendenzen.“ Zum Beispiel begreifen jene Konsumenten, die über ein höheres Einkommen und höhere Bildung verfügen, den Einkauf heutzutage zunehmend als Erlebnis. „Ein Trend, der nicht ins Internet abwandern kann“, sagt Bretschneider. Diese Kunden erwerben beispielsweise auf einem innerstädtisch gelegenen Markt teure Frischware und verbinden dies gleich mit einem Brunch. „Die Grenze zwischen Handel und Gastronomie verschwimmt.“

Aber auch eine zweite, ganz andere Konsumentengruppe hat mit dem Internet-Handel bisher nichts am Hut: jene mit niedrigem Einkommen, etwa Migranten. Spurlos vorbeigehen wird der Online-Trend wohl noch längere Zeit an den zahlreichen Billigläden in Österreichs Städten, die von Migranten geführt werden. Und nicht nur das: Auch die großen Diskonter Lidl und Hofer hierzulande sind -im Gegensatz zu Rewe und Spar -bisher nicht ins Verlustgeschäft mit den Online-Shops eingestiegen. Sie bieten lediglich Spezial-Services wie Reisen, Fotos oder Handy-Wertkarten im Internet an. „Wir beobachten den Markt laufend“, sagt Lidl-Sprecher Hansjörg Peterleitner. „Aber unsere Filialen in Österreich funktionieren sehr gut. Bisher war ein eigener Online-Shop für uns nicht sinnvoll.“ Auch bei Hofer will man „das Einkaufserlebnis in den Filialen weiter optimieren“.

Billa hingegen setzt voll auf die Zukunft im Internet. Das Verteilzentrum Inzersdorf lasse sich bei Bedarf erweitern, sagt Vorstand Nagele -bis hin zum Zehnfachen seiner derzeitigen Kapazität. Wer derzeit in stationären Billa-Läden einkauft, bekommt mitunter Gutscheine für den Online-Shop geschenkt. Sie sollen anregen, auch einmal die Website zu besuchen. Wenn der Wandel über den Handel hereinbricht, will Billa gerüstet sein.

Derzeit allerdings hat die Online-Zukunft noch nicht so richtig begonnen, wie ein profil-Selbstversuch zeigt. Wer den Shop auf der Billa-Website aufruft, die gewünschten Produkte auswählt, seine Adresse hinterlässt und danach auf „Zur Kassa“ klickt – der wird vorerst vertröstet. Die nächstmögliche Auslieferung, steht da zu lesen, könne erst in fünf Tagen erfolgen. Bis dahin seien alle Termine ausgebucht.

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Eingeordnet unter Konsum, Wirtschaft

Hallo, hier spricht Unbekannt

Aus profil 49/2015

Fast überall sonst ist es verboten, nur in Österreich bleibt es erlaubt: das anonyme Wertkartenhandy. Oft dient es nicht nur harmlosen praktischen, sondern handfesten kriminellen Zwecken.

Von Joseph Gepp

1,99 Euro. Die neue Handynummer kostet beim Diskonter Hofer nicht mehr als zwei Packungen Kaugummis. Sie lautet 0677 617 979 34. Um zehn oder mehr Euro extra kann man auch gleich Gesprächsguthaben dazukaufen. Namen und Adresse muss der Kunde nicht angeben; auch ein Ausweis ist nicht erforderlich. Nach keiner vollen Minute ist der Kauf vollbracht. Jetzt kann es losgehen mit dem Telefonieren, und zwar ganz anonym.

Rund 4,1 Millionen Wertkarten- oder Prepaid-Telefonnummern kursieren derzeit laut der heimischen Telekom-Regulierungsbehörde in Österreich. Das sind halb so viele, wie das Land Einwohner hat. Vielen Nutzern dürfte nicht bewusst sein, dass ihre Telefonie-Praxis eine exotische ist. Denn viele andere Staaten haben längst verboten, dass man im Supermarkt anonyme Nummern erwerben kann.

Bei Österreichs Nachbarn Italien, Deutschland und Tschechische Republik beispielsweise ist die Praxis seit rund einem Jahrzehnt untersagt. Überall muss man zumindest einen Ausweis vorlegen oder sich registrieren – aus Gründen der Terror- und Verbrechensprävention. Nach den Anschlägen von Paris soll nun auch in Belgien und Luxemburg bald mit anonymen Nummern Schluss sein. Er wolle nicht, dass Luxemburg eines der wenigen Länder bleibe, in denen man sie noch erhalten könne, sagt der dortige Premier Xavier Bettel.

Und Österreich? Gerüchteweise denkt die SPÖ-ÖVP-Regierung auch hier über ein Verbot nach, doch auf Medienanfragen hin wiegelt man ab. Die Maßnahme werde derzeit nicht diskutiert, verlautbarte gegenüber der APA das Büro von SPÖ-Verkehrsminister Alois Stöger, in dessen Ressort die Telekommunikation fällt. Auch im ÖVP-geführten Innenministerium gibt es laut Ministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck keinen aktuellen Vorstoß in diese Richtung: „Für den heutigen Terrorismus sind andere Kommunikationsmittel von viel größerer Bedeutung.“

Ist die Gefahr, die von den anonymen Wertkarten ausgeht, tatsächlich vernachlässigbar, obwohl sie so viele Länder in Europa verbieten?

Das nunmehrige Verbot in Belgien und Luxemburg dürfte jedenfalls vor allem daraus resultieren, dass nach den Anschlägen von Paris ein Handy auftauchte. Die Ermittler fanden es nahe dem Musikklub Bataclan in einer Mülltonne. Darauf gespeichert: verdächtige SMS („Es geht los, wir fangen an“) und Geodaten, welche die Polizisten zu einem Hotel im Pariser Vor-ort Alfortville führten. Dort sollen sich einige der Terroristen vor den Attacken einquartiert haben. Genaueres allerdings ist bislang nicht bekannt, etwa ob das Handy ein anonymes war und aus welchem Land es stammte.

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Konkreter sind Hinweise auf anonyme Wertkartenhandys bei weiter zurückliegenden Anschlägen. Sowohl in New York 2001 als auch in Madrid 2004 kamen solche zum Einsatz. Im Jahr 2002 gab die Schweizer Polizei bekannt, dass Terroristen aus dem engen Umfeld der 9/11-Attentäter mit Schweizer Wertkartenhandys telefoniert hätten – genauso wie in Madrid zwei Jahre später. Die Regierung in Bern verbot daraufhin das anonyme Telefonieren, weil es „zur Vorbereitung und Durchführung krimineller und terroristischer Taten“ gedient habe.

Eines jedoch muss man bedenken: Die Welt der Telekommunikation hat sich seit 2004 rasant entwickelt. Aufgrund viel avancierterer Möglichkeiten des Informationsaustausches sind Terroristen heute weniger auf Handys angewiesen als vor einem Jahrzehnt. Wie der Aufdecker Edward Snowden 2013 enthüllte, observieren US-Geheimdienste etwa die Kommunikation in Online-Spielen wie „World of Warcraft“, weil diese zur Planung von Anschlägen diene. Wertkartenhandys hingegen haben wohl viel von ihrer Bedeutung eingebüßt.

Das gilt allerdings nicht für ein weites Feld der Kriminalität abseits des Terrors. Hier scheint die anonyme Telefonie immer noch eine große Rolle zu spielen. Zwar gibt es keine Statistiken über den Zusammenhang mit der Häufigkeit von Verbrechen. Aber eine große Zahl von Berichten kündet von einem breiten kriminellen Einsatzspektrum der Wertkarten. Es reicht von kaum durchdachten Dummheiten bis hin zur Mordvorbereitung.

Beispiele: Die Wiener „Eis-Lady“ Estibaliz Carranza orderte 2010 telefonisch Kettensäge und Beton, bevor sie ihren Mann umbrachte – unter falschem Namen mit anonymem Handy. Ein 30-jähriger Vorarlberger wiederum drohte 2012 anonym mit einer Bombe im Zug nach Bludenz. Drinnen saß die Freundin, die ihn soeben verlassen hatte.

Eine große Rolle spielen Wertkarten zudem im Drogenhandel. Luxemburgs Premier führt ihn als einen Hauptgrund für das geplante Verbot in seinem Land an. In Österreich gehören Wertkartentelefone, oft viele gleichzeitig, „zur Standardausstattung von Dealern“, sagt der Wiener Rechtsanwalt Roland Friis, der mit Suchtdelikten befasst ist. Größere Drogenhändler verschenken laut Ermittlern oft Handys an gute Kunden, um sorgenfrei Bestellungen entgegennehmen zu können.

Zum Einsatz kommen Wertkartenhandys auch oft zum Zweck des Stalking. Davon zeugen nicht nur zahlreiche Klagen von Betroffenen in Internet-Foren – auch darüber, dass sich die Ausforschung der Täter aufgrund der Anonymität extrem kompliziert und zeitaufwendig gestaltet. Vergangenen März wurde etwa das Wiener Model Victoria Belicka, Gewinnerin eines Schönheitswettbewerbs im Privatfernsehen, Opfer massiver anonymer Telefon-Drohungen.

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Zu den prominentesten Wertkartenbenutzern hierzulande zählt etwa Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der „seine SIM-Karten öfter wechselt als andere die Unterhosen“, wie es in einem Einvernahmeprotokoll heißt, das 2013 das Magazin „Format“ veröffentlichte. Oder etwa Robert Mang, der 2003 das „Saliera“-Salzfass aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum stahl. Anschließend drohte er per SMS mit dessen Einschmelzung. Die Polizei kam Mang auf die Schliche, weil sie ermittelte, dass die SIM-Karte in einem Mobilfunkgeschäft in der Mariahilfer Straße gekauft worden war. Dort tauchte Mang schließlich auf den Bildern der Überwachungskamera auf.

Sollte man anonyme Wertkartenhandys also verbieten? Der Wiener Datenschutzexperte Andreas Krisch – er sitzt auch für die Grünen im Datenschutzrat – ist skeptisch. „Daraus würde eine große, staatlich angeordnete Datenverarbeitung folgen“, sagt er. Man müsse sich fragen, „ob das verhältnismäßig und notwendig ist und ob es einfachere Lösungen gibt“. Der Experte verweist darauf, dass Kriminalfälle wie der Saliera-Diebstahl auch trotz anonymer Wertkarten aufgeklärt werden konnten.

Aber vielleicht würde sich das Verbot gar nicht so sehr auf die großen, komplexen Fälle auswirken. In diesen nutzt die Polizei nämlich ohnehin all ihre technischen Möglichkeiten. Überdies: Wer heutzutage einen Terroranschlag oder eine raffinierte Erpressung plant, findet wohl ohnehin einen Weg, anonym zu kommunizieren.

Vielleicht würde ein Verbot eher jene treffen, die zu Verbrechern werden, weil es leicht geht – ob Stalker oder kleine Drogenkuriere. Von diesen würden sich möglicherweise einige ihre Tat zwei Mal überlegen, wenn es vorher an der Hofer-Kassa heißt: Den Ausweis bitte!

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