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Aufgedeckt: Spindis Brief an die Steuerzahler

Aus dem FALTER 24/2014

Glosse: Joseph Gepp

Liebe unselbstständig beschäftigte Steuerzahler!

Ich weiß, ihr fordert eine Steuerreform, und bisher schaut ’s eher schlecht damit aus. Und wisst ihr was: Ihr habt recht. Wir wollen die Reform jetzt auch. Aber anders als unser Koalitionspartner.

Ich habe nämlich einen Plan: Das Steuersystem wird freiwillig. Bei den Reichen fangen wir an. Ich habe ihnen schon einen netten Brief geschrieben. Und glaubt mir, sie klingen gar nicht so abgeneigt. Als Nächstes seid ihr dran, liebe Beschäftigte. Lohnsteuer, Mehrwertsteuer – jeder zahlt, was er will! Ist das nicht super? Die beste Idee seit der Flat Tax. Gut für die Wirtschaft, gut für den Konsum – gut für euch.

Ich bin sicher, liebe Beschäftigte, ihr wisst, was ihr mir und eurem Land zu verdanken habt. Also: Ich warte.

Euer Finanzminister Michael S.

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Eingeordnet unter Innenpolitik, Kurioses

Die Zombieratte, oder: Wiens inkonsistenter Weg der Volksaufklärung

Aus dem FALTER 23/2014

Glosse: Joseph Gepp

Kürzlich haben wir uns an dieser Stelle mit einem Verbotsschild neben einem Teich im Prater befasst. Darauf steht statt des harschen Kommandos „Entenfüttern verboten“ eine diffizile Abhandlung über das Ökosystem Teich. Sie legt dar, warum es besser ist, das Füttern zu unterlassen. Wie antiautoritär und wie vernünftig, dachten wir uns. Aber Wien kann auch anders, und zwar wieder auf einem Schild.

Diesmal ist nicht das Entenfüttern verboten, sondern jenes von Tauben. Wer Tauben füttert, füttert nämlich auch Ratten. Um dies auszudrücken, haben die Stadtväter einen Rattenkopf auf einen Taubenkörper montiert. Ein bizarres, verstörendes, grusliges Bild.

Wie jetzt, Gemeinde Wien? Willst du deine Bürger sanft und antiautoritär auf den richtigen Weg leiten? Oder bevorzugst du doch lieber Schockfotos von Rattentauben?

Foto: uniqe

Foto: uniqe

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Wenn Tests auch nicht helfen: über Minister und Elche

Aus dem FALTER 16/2014

Glosse: Joseph Gepp

Soso, Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter will also einen Elchtest für Minister. In Zeiten schwindenden Vertrauens in Führungskräfte soll Derartiges wohl eine gewisse Mindestqualität sicherstellen.

Elchtest, dieses Wort stammt eigentlich aus der Autobranche und meint ein Szenario, in dem ein Hindernis – der Elch – den Wagen rammt. Aber Rupprechter meint das metaphorisch. In seinem Fall ist der Elch ein ungeplantes Ereignis. Die Hypo etwa, der fette Elch. Der elchgetestete Minister stellt sich ihr wie ein Stierkämpfer, statt in Deckung zu gehen und nichts zu tun. Dann erweist sich der Elch vielleicht als nicht so gefährlich wie gedacht, während ihn umgekehrt das Nichtstun richtig groß macht. Aber woher weiß man eigentlich, wie aggressiv so ein Elch werden kann? Tja – da hilft wohl nur ein Stresstest.

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Gegen den Klimawandel: Schafft ein, zwei, viele Alt-Wiener Vorhänge!

Aus dem FALTER 13/2014

Glosse: Joseph Gepp

Eine verantwortungsvolle Stadtzeitung wie der Falter achtet stets darauf, welche Wiener Besonderheit das Potenzial hat, der Welt in der schwierigen Zeit des Klimawandels weiterzuhelfen. Und hier sind wir kürzlich auf etwas Brauchbares gestoßen: den Alt-Wiener Windschutzvorhang.

Den Windschutzvorhang findet man in Kaffeehäusern, wo er hinter der Eingangstür ein Halbrund beschreibt. Wind und Kälte bleiben draußen, Zigarettenrauch bleibt drinnen. Dort bewirkt er auch eine angenehme Ritterburg-Atmosphäre. Eine Abart des Vorhangs findet sich auch in Straßenbahnen, wo er als schwerer Lederlappen Fahrer von Fahrgästen trennt.

Wie viel Energie könnte man sparen, würde man den Vorhang einfach allen Bürgern gesetzlich vorschreiben. Also, EU oder sonst wer: Baut keine Mauern – spannt Vorhänge!

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Eingeordnet unter Kurioses, Stadtleben, Wien

Entenfüttern, oder: von den kleinen Problemen einer aufgeklärten Stadt

Aus dem FALTER 8/2014

Glosse: Joseph Gepp

Dass Wien eine aufgeklärte Stadt sein will, die der Vernunft ihrer Bewohner vertraut, das merkt man an kleinen Dingen. Zum Beispiel an dem Hinweisschild neben dem Teich im Prater. Darauf steht nicht etwa ein harsches Kommando wie „Vögelfüttern verboten“. Nein, vielmehr liest man eine kleine Abhandlung über das fragile Ökosystem Teich. Zu viel Vogelfüttern führt zu zu vielen Vögeln, steht da. Daraus resultieren Sauerstoffmangel, Fäulnisbildung und Rattenbefall. Deshalb, bitte, liebe Städter, lasst es.

Neben dem Schild steht eine alte Frau. Semmel um Semmel schmeißt sie, grob zerteilt, ins Wasser. Die Semmeln gehen auf und schauen bald aus wie weiße Blasen. Der Teich hat richtiggehend Geysir-Anmutung, als endlich die Enten angepaddelt kommen.

Was ist schon Sauerstoffmangel gegen fünf glückliche Enten?

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Eingeordnet unter Stadtleben, Wien

In der Straßenbahn: Hommage an einen Holzboden

Aus dem FALTER 5/2014

Glosse: Joseph Gepp

Dies ist eine Hommage an einen Boden – den Holzboden in den hinteren Wägen der alten Wiener Straßenbahnen. Er hat schon 40 Jahre auf seinen Leisten, und das sieht man ihm auch an. Er ist graubraun und zerfurcht. In den Schluchten zwischen seinen Dielen verliert sich jede Münze, die runterfällt, garantiert auf ewig. Je nach Witterung draußen drängt der Boden dem Straßenbahninneren seinen starken Geruch auf: im Sommer nach Parkettbodenwachs, im Winter eher nach Eislaufplatzgarderobe.

Ab dem Jahr 2017 werden die alten Garnituren ausgemustert, das gaben die Wiener Linien vergangene Woche bekannt. Der Holzboden gehört dann endgültig der Vergangenheit an. Wir werden ihn vermissen. Und kein niederfluriges Wunderwerk mit Plastikboden wird uns je über diesen Verlust hinwegtrösten.

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Eingeordnet unter Kurioses, Verkehr

Im Zug: ein Hauch von Improvisation in einer durchgestylten Stadt

Aus dem FALTER 4/14

Glosse 

Aus Gründen, die sicher tief im Unterbewusstsein verborgen liegen, freuen wir uns immer diebisch, wenn wir in dieser durchorganisierten und durchgestylten Stadt auf Spuren von Improvisation und Zweckentfremdung stoßen. Wie zum Beispiel bei den Haken in den Schnellbahnen, an denen man die Fahrräder aufhängt. Und ja, das ist völlig unironisch gemeint.

Diese Haken sind mit Plastik überzogen, damit sie nicht zerkratzen. Es handelt sich aber nicht etwa um ein spezielles Fahrradhakenschutzplastik oder dergleichen – sondern schlicht um zugeschnittene Gartenschläuche.

Dahinter steckt irgendein kreativer Kopf. Arbeitet er bei den ÖBB? Oder bei der Firma, die die Waggons baut? Hat sein Chef geschimpft wegen der Dilettanterei? Oder ihn gelobt? Wir wissen es nicht. Aber wir bedanken uns. Und bitten um mehr davon.

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Eingeordnet unter Kurioses, Verkehr, Wien

Aufrufe am Flughafen: das Ende einer kleinen Reisetradition

Aus dem FALTER 45/2013

Glosse: Joseph Gepp

Es war immer ein kurzer Blick in fremde Leben, wenn am Flughafen der Lautsprecher erklang. „Letzter Aufruf für Passagier XY, kommen Sie umgehend zu Gate XY, Flug nach XY.“ Wo jetzt „XY“ steht, muss man sich sehr exotische Namen vorstellen, deren Träger in exotische Städte reisen.

Jetzt aber schafft der Flughafen Wien die Passagieraufrufe ab. Der Lärmpegel wird als Grund genannt. Andere Flughäfen wie Frankfurt hätten auch keine Aufrufe mehr, heißt es. Sie kommen wohl aus der Mode.

Doch der Flughafen Wien übersieht zwei Dinge: Erstens gehört Lärm unweigerlich zu jeder Reise. Zweitens schüren die Aufrufe das Fernweh, wirken also geschäftsfördernd. Also: Gebt sie uns wieder! Sollten zu wenige Passagiere zu spät kommen, muss man eben Namen und Städte erfinden. Aber bitte möglichst exotisch.

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Favoriten, oder: die tiefe Kluft zwischen gefühlter und echter Sicherheit

Aus dem FALTER 43/2013

Glosse: Joseph Gepp

Vor Jahren in einem Schanigarten im steirischen Frohnleiten. Die Sonne fällt auf das Städtchen, während sich am Nachbartisch eine Runde über das Böse in der Welt unterhält. Der Reumannplatz in Favoriten zum Beispiel. Über den könne man nicht gehen, ohne von Türkenbanden überfallen zu werden, sagt einer. Das sei ungeschriebenes Gesetz. Ach so?

Nun, sei’s drum. Frohnleiten ist weit weg, und der junge Mann wollte vielleicht mit seinem harten Leben prahlen. Aber dann, neulich im Kurier, bei der Vize-Chefredakteurin. Favoriten sei eine „No-go-Area“. Ach so?

Lieber Frohnleitner, liebe Vize-Chefin, gehet über den Reumannplatz. Zum Beispiel zum Tichy. Und gehen Sie dann vielleicht zur Ankerbrotfabrik und in den Böhmischen Prater auf ein Bier. Sie werden wohlbehalten wieder heimkommen.

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Eingeordnet unter Wien

Über rumänische Straßen und Lasagne aus Pferdefleisch

Aus dem FALTER 7/2013

Glosse

Was haben rumänische Straßen mit britischer Pferdefleischlasagne zu tun? Darauf gab der Guardian eine faszinierende Antwort.

Es ist so: Weil sich die rumänische Infrastruktur zusehends weiterentwickelt, werden immer mehr Straßen saniert. Danach verbieten Behörden den Bauern zunehmend die Benutzung jener Pferdekarren, die in unseren Breiten ja geradezu als romantisches Sinnbild des rückständigen Osteuropa gelten. Die Bauern verkaufen ihre Pferde an Schlachthöfe. Und weil die sowieso unter Preisdruck stehen, landet der Karrengaul flugs im Fleischkarton.

Wer sich also nach Einfachheit sehnt, nach Unberührtheit von den Gefahren der modernen Welt, nach einem Leben ohne Pferdefleischlasagne, der soll einfach mal auf seinen Teller blicken. Vielleicht verzehrt er ja gerade die Reste davon.

AUCON9

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa