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Das war meine Woche

Aus profil 11/2017

Kolumne: Joseph Gepp

Ich frage mich, was ich anstellen würde, besäße ich 65 Millionen Dollar. Mir fiele sicher etwas ein. Aber auf das, was die Brüder Tyler und Cameron Winklevoss tun, wäre ich garantiert nicht gekommen. Die US-Amerikaner sind jenes Gespann, dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg einst angeblich die Idee für sein soziales Netzwerk abgeluchst hat. Im Jahr 2008 erhielten sie als Entschädigung besagte 65 Millionen. Diese nutzen sie seither, um einen Plan voranzutreiben. Am kommenden Montag soll dafür die Bewilligung durch die US-Börsenaufsicht erfolgen: Die Winklevoss-Brüder wollen den weltweit ersten Bitcoin-Fonds gründen.

Bitcoin ist jene Krypo-Währung, die nur in Form digitaler Impulse existiert. Die Erzeugung neuer Bitcoins ist derart programmiert, dass immer weniger von ihnen entstehen, je mehr es bereits gibt. Die Bitcoins werden also knapper. So etwas freut Spekulanten. Der Bitcoin-Kurs schwankt zwar extrem, hat sich aber insgesamt in den vergangenen Jahren mehr als verfünffacht. Derzeit erreicht der Bitcoin nie gekannte Höhen; einer ist rund 1100 Euro wert.

Warum der Höhenflug? Eben wegen des geplanten Bitcoin-Fonds. Sobald (und sofern) er zustande kommt, muss man nicht mehr auf komplexen und intransparenten Handelsplattformen Bitcoins erwerben, um von deren Wertzuwachs zu profitieren. Ich kann meine Euro stattdessen dem – vergleichsweise transparenten – Winklevoss-Fonds überantworten, der Bitcoins ankauft. Wenn der Bitcoin steigt, wird auch mein Geld mehr.

Wie wird sich der neue Fonds also auf den Wert des Bitcoin auswirken? Erraten! Er wird, zumindest kurzfristig, weiter steigen. Bis die Bitcoin-Blase möglicherweise platzt. Momentan aber reißen sich noch viele Anleger um Bitcoins.

All das erklärt wohl auch, warum sich die Gebrüder Winklevoss für ein derart schräges Projekt wie den Bitcoin-Fonds ins Zeug hauen. Sie besitzen nämlich laut eigenen Angaben ungefähr ein Prozent aller Bitcoins, die im Umlauf sind.

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Das war meine Woche

Aus profil 9/2017

Kolumne: Joseph Gepp

Ich staune, wie einfach es heutzutage ist, einen Kredit zu bekommen. Zum Beispiel bei der UniCredit Bank Austria. Die wirbt derzeit intensiv mit einem „Online-Wunschkredit“. Die Kreditsumme (ab nur 1000 Euro) langt innerhalb von lediglich zwei Werktagen beim Kreditnehmer ein. Man muss dafür nicht einmal eine Bankfiliale betreten.

Noch rascher: das neue Wiener Finanz-Start-up „Cashpresso“. Hier braucht man überhaupt nur das Handy. Man übermittelt seine Daten per App, identifiziert sich mittels Videotelefonat – und zehn Minuten später ist das Geld da. Auf so manchen Espresso wartet man länger.

Mit der problematischen Seite solcher Entwicklungen schlägt sich gerade die Landesregierung des Burgenlands herum. Dort bieten die Pflichtschulen neuerdings eine „finanzielle Grundausbildung“ im Ausmaß von acht Schulstunden an. Die Verschuldung werde immer höher, begründen burgenländische Schuldnerberatung und Landesschulrat die Aktion, die Schuldner immer jünger. Der Misere soll nun in frühem Stadium vorgebeugt werden.

Einen kreativeren Ausweg bietet die Firma „Three Coins“. Wie Cashpresso handelt es sich dabei um ein Start-up aus Wien. Dieses Unternehmen will Jugendlichen spielerisch den verantwortungsvollen Umgang mit Geld beibringen. Das geschieht beispielsweise in Workshops. Oder auch mittels witziger Handy-Spielchen. Bei denen muss man sich die virtuellen Ressourcen, die man zur Verfügung hat, raffiniert einteilen. Eine Geisteshaltung, die man anschließend auf das echte Leben überträgt, hoffen die Firmengründer.

Es gibt also eine App, die es mir ermöglicht, in nur zehn Minuten einen Kredit zu bekommen. Und eine andere, die mir ausreichend Finanzverantwortung beibringt, sodass ich den Zehn-Minuten-Kredit lieber bleiben lasse. Die digitale Welt hält schon viele Möglichkeiten bereit.

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Das war meine Woche

Aus profil 6/17

Kolumne: Joseph Gepp

Ich stehe bereits seit einer halben Stunde wartend vor dem Bankomaten. Wo? Nicht hierzulande, wo es gewöhnlich schnell geht, sondern in Indien. In dem asiatischen Land spucken viele Bankomaten schon seit Monaten nur unregelmäßig Geld aus.

Dahinter steckt das bisher wohl größte Bargeldexperiment der Weltgeschichte. Im vergangenen November erklärte der rechtsnationale Premier Narendra Modi rund 80 Prozent der indischen Rupien-Banknotenmenge zum Auslaufmodell – und ließ alle höheren Scheine durch neue ersetzen. Zwei Monate Frist blieben den 1,3 Milliarden Indern im Anschluss an das Diktat, ihr altes Bargeld bei Banken in neues umzutauschen. Mit Jahreswechsel wurden die alten Noten ungültig.

Die Schocktherapie sollte den Gebrauch des Baren massiv eindämmen. Statt alte in neue Noten zu tauschen, sollten die Inder ihr Geld lieber gleich aufs Konto legen und künftig Kreditkarten verwenden. Solcherart will Modi den ausufernden informellen Sektor, also die Schwarzarbeit, bekämpfen, die sich schlecht mit Plastikgeld bezahlen lässt. Zusatznutzen: Wenn Unlautere bei Banken den Umtausch großer Mengen Bargelds erbitten, könnten sie die Herkunft nur schwer plausibilisieren.

Doch nach Meinung vieler Kritiker geriet die Reform zum Desaster. Indiens Behörden und Banken kommen seit Monaten mit der Versorgung des Landes mit neuem Bargeld kaum nach. Nicht nur Bankomaten bleiben seit November leer. Mancherorts gab es sogar Tote bei Rangeleien ums Geld. Viele Inder trauen sich selbiges angesichts der Krise nicht auszugeben, weshalb das Wirtschaftswachstum einbricht. Zugleich sollen korrupte Beamte und Banker neues Bargeld in rauer Menge in die Villen von Oligarchen liefern – quasi frei Haus.

Ich hingegen gedulde mich vor dem Bankomaten. Bis ich endlich an die Reihe komme. Und mir der Apparat auf seiner Anzeige mitteilt, dass ihm das Geld ausgegangen sei.

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Schöpfungsgeschichte

Aus profil 36/2016

Geld ermöglicht Fortschritt und fördert zugleich den Exzess. 25 Einblicke in die scheinbar selbstverständlichste Einrichtung der Welt.

Von
Joseph Gepp

Was ist Geld?

Geld ist das Versprechen von Wert. Es ist eine Vereinbarung, an die sich alle halten, beglaubigt durch die Zentralbank. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihre Euro im Supermarkt nicht gut ankamen?

Geld ist also eine Art Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage?

Zumindest lautet so die gängigste Geldtheorie. Geld ist eine Einrichtung, die uns praktischerweise die Tauschwirtschaft erspart, indem sie sich als Medium zwischen die Waren schiebt. Auf die Werte der Güter selbst wirkt es sich dabei nicht aus, glauben Ökonomen. Allerdings stellen dies neue Forschungen infrage. Wenn es mehr Geld gibt, argumentieren sie, werden auch die Werte von Gütern höher. Geld beeinflusst Werte, etwa Immobilien.

Und wie entsteht Geld?

Das meiste Geld – ungefähr 90 Prozent – wird von Banken geschaffen. Und zwar immer dann, wenn sie Kredite vergeben.

Aber wieso? Man kann Geld doch nur hergeben, wenn man bereits welches hat.

Als Privatperson schon. Eine Bank jedoch kann neues Geld erschaffen. Wenn sie einen Kredit vergibt, wird das Geld dafür nicht etwa irgendwo abgezwackt, zum Beispiel von den Einlagen der Konteninhaber. Sondern neu geschöpft, also geschaffen. Die Bilanzsumme der Bank vermehrt sich dann um die Summe des Kredits. Genauso wie die Geldmenge insgesamt.

Wow, eine Bank kann einfach so neues Geld erzeugen!

Genau so läuft es, so hat es sich in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt. Banken schöpfen Geld. Allerdings: Ganz autonom sind sie dabei nicht. Sonst bräuchte es keine Zentralbank wie die EZB im Euro-Raum. Die EZB versucht, die Geldschöpfung der privaten Banken mit Instrumenten zu steuern.

Welchen?

Mit den sogenannten Reserven. Das ist, wenn man so will, ein Grundstock an Kapital. Von diesem muss jede Bank eine Mindestmenge bei der EZB halten. Die Reserven können nicht einfach geschöpft werden wie die Kredite. Wenn eine Bank neues Geld schafft, muss sie dabei immer ihre Reserven im Auge behalten. Denn die Menge der Einlagen muss in einem bestimmten Verhältnis zu den Reserven stehen. Das legt die Zentralbank fest. In der EU zum Beispiel beträgt der sogenannte „Mindestreservesatz“ der EZB zurzeit einen Prozent. Wenn eine Bank also 100 Millionen Euro Kredite und Einlagen verwaltet, muss sie mindestens eine Million Reserven bei der EZB halten. Die Reserven kann man sich also wie ein Fundament vorstellen, auf dem das Haus der Kredite aufbaut. Man nennt sie deshalb auch „Zentralbankgeld“ oder“Geldbasis“.

Und woher kommen die Reserven?

Sie werden meist von der Zentralbank verliehen. Dafür bezahlt die normale Bank einen bestimmten Zinssatz, den Leitzins.

Ach ja, jener, der derzeit so niedrig ist. Und der Zweck des Leitzinses war…

Damit beeinflusst die Zentralbank, wie viel Geld die Banken schöpfen. Das geht so: Wenn sie den Leitzins erhöht, muss die Bank mehr für ihre Reserven bezahlen, also für den Grundstock. Er wird teurer. Diese höheren Kosten wird die Bank bei Kreditvergaben an ihre Kunden weiterreichen. Also werden deren Kreditzinsen höher und Kredite unattraktiver. Weniger Kredite bedeutet weniger neu geschöpftes Geld. Mit Leitzins und Mindestreservesatz steuert die Zentralbank, wie viel Geld die privaten Banken erschaffen.

Welche Rolle spielt in diesem Gefüge das Bargeld? Drucken das auch die Banken?

Nein, Bargeld kommt ausschließlich von der Zentralbank. Es zählt zu den Reserven. Das Geld, das die Banken schöpfen, ist immer Buchgeld. Also jenes, das nur in Form elektronischer Buchungszeilen vorliegt, etwa auf Bankkonten.

Bekommt die Bank die Reserven ohne jede Gegenleistung von der Zentralbank?

Nein, sie muss ihr quasi beweisen, dass sie ihrer würdig ist. Wenn sie sich Reserven ausleiht, hinterlegt sie dafür Sicherheiten wie Wertpapiere. Zum Beispiel Staatsanleihen. Diese wiederum sind Belege dafür, dass ein guter Schuldner, idealerweise ein Staat, der jeweiligen Bank Geld schuldet.

Die Banken schöpfen also Geld. Sie brauchen dafür eine kleine Basis von der Zentralbank. Die bekommen sie, indem sie belegen, dass jemand bei ihnen Schulden hat. In Wahrheit basiert unser Geldsystem auf einer Kette von Schulden und Versprechen, dass diese wieder zurückgezahlt werden.

Kann man so sagen. Aber das war nicht immer so. Denn früher gab es erstens viel mehr Bargeld als heute, also eine größere Geldbasis. Und außerdem gab es noch etwas anderes: den Goldstandard.

Was ist das?

Die Praxis, dass Geld durch Gold gedeckt ist. Bis zum Jahr 1971 etwa konnte man es bei der US-Zentralbank FED gegen Gold tauschen, genau 35 Dollar für eine Unze Gold, also 28 Gramm. Danach kündigte Präsident Richard Nixon dieses System auf. Der Dollar hing in einem fixen Verhältnis am Gold. Und alle anderen Währungen hingen in fixen Verhältnissen am Dollar. Am Grund des weltweiten Geldsystems lag also viel Gold in den Tresoren der US-Zentralbank.

Wenn ich heute zur Zentralbank gehe, bekomme ich dann auch irgendetwas für mein Geld?

Nein. Früher war Geld ein Stellvertreter für etwas, heute steht es gewissermaßen für sich selbst. Früher trugen die Banken Gold zur Zentralbank – und dafür erhielten sie Banknoten. Heute tragen die Banken Schulden zur Zentralbank – und erhalten dafür Reserven. Auf deren Basis betreiben sie dann ihre Schöpfung von Buchgeld. Ist gleich Kredite. Ist gleich neue Schulden.

tausend-kronen

Dann war früher also alles besser.

Halt, der Goldstandard ist 1971 gescheitert. Auch zuvor in seiner Geschichte war er immer wieder ausgesetzt worden. Er hatte sich nämlich als äußerst starr erwiesen. Man konnte nur so viel Geld ausgeben, wie Gold in den Tresoren lag. Es gibt aber Phasen, in denen eine Gesellschaft mehr braucht, als das Gold hergibt. Zum Beispiel, wenn sie mit Investitionen eine Wirtschaftskrise bekämpfen will. Oder in einem Krieg. Oder bei technologischen Umbrüchen, wenn es wichtige Forschungen zu finanzieren gilt. Manche Wirtschaftshistoriker glauben, jegliche Industrialisierung hänge davon ab, dass in bestimmten Phasen mehr Geld ausgegeben wird, als in Systemen mit Goldstandard zur Verfügung steht. Unsere heutige Art der Geldschöpfung hat also auch einen großen Vorteil: Sie reagiert flexibel auf die Bedürfnisse und Entwicklungen der Wirtschaft und Gesellschaft.

Aber wenn das Fundament nicht passt, sind das doch Luftschlösser.

Stimmt schon, aber es funktioniert. Zumindest solange die meisten Menschen daran glauben. Am Grund des weltweiten Geldsystems liegt heute nicht mehr Gold, sondern Vertrauen. Geld basiert auf nichts mehr. Trotzdem müssen alle daran glauben, damit das System funktioniert.

Vertrauen? Wir erleben doch seit Jahren eine Wirtschaftskrise!

Stimmt. Die Krise seit dem Jahr 2008 ist jedenfalls ein großer Riss im System des Vertrauens. Ihr Ursprung liegt darin, dass Banken und Finanzinstitutionen in den USA und Europa zu viele Kredite vergeben haben. Damit wären wir auch gleich beim großen Nachteil des derzeitigen Systems: Es mag flexibler sein als der einstige Goldstandard. Aber es fördert zugleich den Exzess in der Kreditvergabe, also der Geldschöpfung. Schließlich hindert einen heute kein Gold daran. Das untergräbt eben jenes Vertrauen, auf dem das ganze System aufbaut. So geschehen etwa während der US-Immobilienkrise: Die Banken vergaben massenhaft Kredite an Hauskäufer mit teils fragwürdiger Bonität. Immerhin winkt bei jedem Kredit ein Gewinn. Als die Schuldner das Geld nicht mehr zurückzahlen konnten, platzte die Blase. Die Häuserpreise stürzten ab, die sozialen Verwerfungen waren enorm. Die jahrelange Krise nahm ihren Lauf.

Wie reagieren die Zentralbanken darauf?

Mit ihren üblichen Instrumenten, vor allem der Senkung des Leitzinses. Er liegt heute auf historischen Tiefstständen, im Euro-Raum etwa bei null Prozent. Dies sollte eigentlich dazu führen, dass die Kreditnehmer mit billigen Krediten und mehr Geld regelrecht überflutet werden. Allerdings – und jetzt kommt das nächste Problem: Seit der Krise funktionieren die Instrumente der Zentralbanken nicht mehr richtig. Sie scheinen die Kontrolle über die Geldschöpfung zu verlieren. Kredite, Geldmenge, Inflation, Wirtschaft – trotz der Interventionen wächst nichts im wesentlichen Maß. Nur die Werte von Aktien und anderen Vermögensgütern steigen. Die EZB praktiziert derzeit weitere, bislang unerprobte Maßnahmen, etwa Negativzinsen und den direkten Kauf von Anleihen. Alles ohne großen Erfolg. Im heurigen März antwortete EZB-Präsident Mario Draghi sogar auf eine Journalistenfrage, man werde das Konzept des sogenannten Helikopter-Geldes „beobachten“. Das würde bedeuten: Jeder Europäer würde von der EZB Geld auf sein Konto bekommen. Derartige Methoden auch nur zu erwägen, galt bislang als Tabubruch. Manche sagen, das Maß an Schulden in unserem Geldsystem sei einfach zu groß geworden. Es stößt an seine Grenzen. Wir verlieren den Grundstoff Vertrauen, der einst als Ersatz für das Gold diente.

Oje, oje, was sollen wir nur tun?

Die Versuche, das Vertrauen wiederherzustellen, zielen in mehrere Richtungen. Viele sehnen sich zum Beispiel danach, dass wieder mehr als nur Vertrauen hinter dem Geld steckt. So wie früher, beim Goldstandard. Derartiges entsteht in Nischen. Zum Beispiel im Internet, beim digitalen Zahlungssystem Bitcoin („digitale Münze“).

Was war das nochmals?

Bitcoin ist eine Krypto-Währung. Entwickelt wurde sie 2008 von einer Person mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. Bitcoin ist nicht, wie andere Währungen, von Staaten und Zentralbanken organisiert. Sondern von der Gesamtheit seiner Benutzer. Auf Basis eines Computer-Protokolls, das im Hintergrund Regeln vorgibt, überprüfen sich alle Benutzer permanent gegenseitig (die sogenannte „Blockchain“, siehe Seite 46). Bitcoin ist, wenn man so will, eine Art Wikipedia in Geldform.

Schön und gut, aber inwiefern steckt hinter Bitcoin mehr als nur Vertrauen?

Das Entscheidende ist, dass bei der Entstehung von Bitcoins eine Art automatische Begrenztheit herrscht. Das Netzwerk gibt sie fix und unabänderlich vor. Derzeit existieren rund 15,8 Millionen Bitcoins, alle zehn Minuten kommen 12,5 neue hinzu. Bis zum Jahr 2035 werden 99 Prozent aller Bitcoins, insgesamt 21 Millionen, von Computern mit hoher Rechenleistung erzeugt worden sein. Genauso hat es Nakamoto seinerzeit programmiert. Das Wachstum der Geldmenge verlangsamt sich stetig, ohne Schwankungen. Wenn man so will, ist Bitcoin eine Art Goldstandard des digitalen Zeitalters. Nur sorgt kein Edelmetall für Begrenztheit, sondern die strikte technische Vorgabe. Bitcoin ist „in digitalen Stein gemeißelt“, sagt Johannes Grill vom Verein Bitcoin Austria.

Halt! Ein Protokoll, das irgendein anonymer Internet-Freak geschrieben hat, soll für etwas garantieren?

Viele glauben daran. Wie groß die Nachfrage nach Bitcoins ist, zeigt allein der Kurs zum Euro. Für einen Bitcoin bekam man 2013 noch rund 50 Euro, heute 500.

Na, dann machen wir Bitcoin doch zur neuen Weltwährung.

Tja, nach einiger Zeit würde sich wohl ein neues altes Problem einstellen: Was geschieht, wenn man mehr Geld braucht, als das System hergibt? Wie einst beim Gold kann man ja nur eine begrenzte Anzahl von Bitcoins erzeugen. Wahrscheinlich würde der Bitcoin-Standard ähnlich enden wie der Goldstandard. Bitcoin funktioniert wohl vor allem als Nischenprogramm.

Vertrackt. Gibt es keine andere Lösung?

Manche wünschen sich eine Reform der Finanzwelt, zum Beispiel der deutsche Soziologe Joseph Huber. Er plädiert für das sogenannte Vollgeld-System. In diesem Konzept sollen Banken künftig kein Buchgeld mehr schöpfen dürfen. Alles Geld soll also aus Reserven bestehen. Der Mindestreservesatz läge bei 100 Prozent. Das bedeutet: Die Banken würden nur jenes Geld in Form von Krediten weiterreichen, das sie tatsächlich von der Zentralbank bekommen. Diese könnte die Geldmenge direkt steuern. Keine Bank würde sich in einem Kreditexzess ergehen können. Finanzblasen und Vertrauensverlust wären passé, hoffen die Befürworter.

Klingt gut, aber schwer realisierbar.

Der Eingriff ins Geldsystem wäre fundamental, mit der Gegenliebe der Banken ist nicht zu rechnen. Es bleiben zudem auch abseits von der Realisierbarkeit offene Fragen beim Vollgeld, etwa wie das Wachstum der Geldmenge festgesetzt werden soll.

Gibt es nicht realistischere Möglichkeiten, das Vertrauen ins Geldsystem zu stärken?

Unserem System wohnt generell die Neigung zum Exzess inne. Letztlich geht es also darum, Anzeichen dieser Exzesse, also einer Finanzblase, rechtzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Das ließe sich beispielsweise bewerkstelligen, indem man Preisentwicklungen genau beobachtet -und dann interveniert. Wenn etwa Preise für Immobilien übermäßig steigen, könnte man Kreditvergaben in diesem Bereich strenger gestalten. Oder Banken vorschreiben, dass sie ihre Geschäfte mit weniger Schulden finanzieren müssen, sondern eher mit dem Geld ihrer eigenen Aktionäre. Einige solcher Bemühungen laufen schon seit der Finanzkrise auf globaler und europäischer Ebene. Wenn das Geld problemlos seinen Zweck erfüllt, dann braucht es auch nichts, was ihm zugrunde liegt.

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Geld oder das Wägen der Unwägbarkeiten

Aus dem FALTER 11/2015,Buchbeilage

Wirtschaft: Der Philosoph Christoph Türcke hat eine exzellente Geschichte des Geldes geschrieben

REZENSION:JOSEPH GEPP

Es gibt viele schlechte Bücher von Philosophen. In ihnen findet man zum Beispiel zeilenlange Definitionen und hat nachher nicht das Gefühl, schlauer zu sein. Oder die Autoren beziehen sich über Seiten auf Debatten, die nur Fachleute kennen. Es gibt aber auch gute Bücher von Philosophen. Sie beschreiben etwas scheinbar Bekanntes mit nur wenigen Worten anders – und schon regt es zum Nachdenken an.

Oder sie stellen neue, unkonventionelle Querverbindungen her – und am Ende hat man etwas begriffen.

„Mehr!“ von Christoph Türcke fällt definitiv unter die guten, um nicht zu sagen faszinierenden Bücher, und ist noch dazu glänzend geschrieben. Türcke legt damit eine Theorie des Geldes als „Verflüchtigungsgeschichte“ vor, von ursprünglichen Tempelgaben bis hin zu Computerimpulsen. Seine These: Unser Zahlungsmittel hat sich in seiner Historie immer mehr entmaterialisiert.

Geld, so die Lehrmeinung unter den Ökonomen, hat drei Funktionen. Es dient als Tauschmittel, kann Werte aufbewahren und misst selbige. Wer Türckes Buch liest, begreift: Geld ist viel mehr als die Summe dieser drei Eigenschaften. Es formt die Menschen, ebenso wie sie es formen. Es prägt unser Leben wie kaum etwas anderes, auch wenn wir kaum darüber nachdenken.

Christoph Türcke: Mehr! Philosophie des Geldes. C. H. Beck, 480 S., € 30,80

Christoph Türcke: Mehr! Philosophie des Geldes. C. H. Beck, 480 S., € 30,80

Am Beginn des Buches steht die Historie des Geldes – nach einem Prolog, der einen Rahmen schafft, indem er verschiedene Definitionen von Geld und die philosophischen Fragen dahinter erläutert. Sogar Orang-Utans kann man in Laborversuchen dahingehend trainieren, liest man hier, dass sie verschiedenfarbige Marken gegen Belohnungen eintauschen. Die menschliche Geschichte des Geldes hingegen beginnt, soweit bekannt, in der Sphäre des Sakralen, bei Tempelgaben in Mesopotamien.

Die Tempel entwickelten sich allmählich zu Umschlagplätzen, verbunden durch Karawanen. Es hat wohl auch mit diesem religiösen Ursprung zu tun, dass das Geld bald die Form von Edelmetallmünzen annahm, denn sie schimmern wie Sterne – und wirken dadurch „göttlicher“ als der irdische Ton, aus dem Opfergaben zuvor bestanden hatten.

Trotzdem genügte die Münze irgendwann nicht mehr. Im England der frühen Neuzeit nahm der „historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel“ seinen Ausgang, das, was wir heute Kapitalismus nennen. Im immer dichteren Netz aus Handelswegen reichte das Edelmetall mit seiner unzuverlässigen Förderung nicht mehr, um einen steten Strom von Waren sicherzustellen. Also ersetzte man Münzen zunehmend durch Wechselbriefe. Damit entstand ein Charakteristikum des Kapitalismus: das „professionelle Wägen von Unwägbarkeiten“. Denn ob der Wechsel tatsächlich am Ende in den Münzbetrag aufgelöst wird, auf den er lautet, das ist nie ganz gewiss.

Zentralbanken sollten Abhilfe schaffen. Angefangen mit der Bank of England sorgten sie dafür, dass Papiernoten „nunmehr kursieren, als ob sie Münzen wären“:“Das Gedeckte (die Noten) und die Deckung (die Münzen) hatten gleichen Rang.“ Das funktioniert allerdings nur, wenn jemand mit möglichst viel Macht dafür geradesteht, also der König oder der demokratische Souverän. Und selbst unter diesen Umständen bleibt es bis heute fraglich, ob der Ersatz je wirklich zum Original werden kann.

Bald wurden Noten nur noch teilweise durch Edelmetall gedeckt, weil Letzteres knapp war. Im 20. Jahrhundert schließlich gab man die letzten Reste des Goldstandards auf und setzte stattdessen auf flexible Wechselkurse. Die Schwankungen, die man früher gefürchtet hatte, wurden zu Erwartungen, mit denen man spekulierte – und die angeblich aus dem Nichts Werte schufen.

Gegen Ende seines Buches scheut sich Türcke nicht, auch auf aktuelle Debatten einzugehen. Er befasst sich etwa mit der Rolle der Europäischen Zentralbank in der Griechenlandkrise und der Steuervermeidung internationaler Konzerne. Geld, das nur noch auf sich selbst verweist, bleibt am Ende trotzdem Ersatz für irgendetwas, lautet sein Fazit. Und zwar nicht nur für die Waren, die man dafür kaufen kann. Es hat auch einen „utopischen Überschuss“, wie Türcke es ausdrückt. Das Geld steht etwa für „Trost, Genugtuung, Geborgenheit, Genuss, Potenz“.

Aber: „Den Ersatz für die Sache selbst zu nehmen, ist geradezu pervers.“ Türcke plädiert für eine Rückkehr zum Bewusstsein, dass dem Geld irgendetwas zugrunde liegen muss. Das Geld kommt in letzter Konsequenz in die Welt, um sich selbst überflüssig zu machen, indem Bedürfnisse mit seiner Hilfe erfüllt werden. Doch de facto nutzt man es lediglich, um immer mehr davon zu bekommen. Davon gelte Abstand gewinnen, um „das globale System der Plusmacherei“ zu beenden.

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