Schlagwort-Archive: Gasprom

Von Baku nach Baumgarten

Die Pipeline Nabucco soll Europa von Russland unabhängiger machen. Nur: Woher soll das Gas kommen?

Analyse: Joseph Gepp

Der Weg aus der energiepolitischen Abhängigkeit von Russland ist 3000 Kilometer lang und 1,42 Meter breit. Er heißt „Nabucco“, nach einer Verdi-Oper, in der ein Gefangenenchor ein rührendes Stück für die Freiheit singt. Er durchquert das Marchfeld, die Große Ungarische Tiefebene und die Steppen Anatoliens. Am Montag wurde nach jahrelanger Verzögerung im türkischen Ankara der Vertrag unterzeichnet – er soll eine neue Ära europäischer Energieversorgung einleiten, so sich die großen Pläne realisieren lassen.

Nabucco ist eine Gaspipeline, ein Gemeinschaftsprojekt Österreichs, Ungarns, Rumäniens, Bulgariens und der Türkei, mit deutscher Beteiligung und unter Leitung der OMV. Ab 2014 soll sie von Aserbaidschans Hauptstadt Baku ins Marchfelder Dörfchen Baumgarten reichen, jenen Knoten, von dem aus das Gas nach Westeuropa weiterverteilt wird.

Auf geschäftlicher Ebene will die OMV damit ihren Status als Big Player auf dem europäischen Energiemarkt festigen. Auf geopolitischer Ebene soll Nabucco Schluss machen mit einem beunruhigenden Faktum: dass der Großteil des Heizgases aus der sibirischen Tundra kommt, also von Moskau, einem Geschäftspartner, der schon mal Leitungen dichtmacht, wenn störrische Anrainerstaaten zur Ordnung gerufen werden soll.

„Diversifizierung“ heißt die Devise am Energiemarkt. Dass sie notwendig ist, zeigte – erneut – der Jänner 2009, als Russland der Ukraine das Gas zudrehte. Als Folge mussten etwa die Slowaken den Energienotstand ausrufen, auch in Österreich sank der Druck. „Für die EU ist Nabucco außerordentlich wichtig“, erklärte EU-Energie-kommissar Andris Piebalgs 2008 dem Falter. „Das Gas kommt aus anderen Regionen, das schafft Versorgungssicherheit und Wettbewerb.“ Piebalgs ist Lette, er schätzt eine gewisse Unabhängigkeit von Moskau.

NabuccoPipeline
Quelle: Euroticker

Der EU ist Nabucco ein Herzensanliegen: Denn bliebe der Weg über Osteuropa versperrt, könnte Nabucco mit einer Alternative im Süden aufwarten und Erdgas aus dem Kaukasus nach Europa holen. Die Frage ist nur: Woher genau?

Denn laut Experten kann Aserbaidschan langfristig nur vier der 31 Milliarden Kubikmeter Gas liefern, die Nabucco jährlich zu leiten imstande wäre. „Für die Rentabilität des 7,9-Milliarden-Euro-Projekts reicht Baku bei weitem nicht“, sagt der Innsbrucker Russlandexperte Gerhard Mangott. Nun liegen zwar auch hinter der Kaspischen See rohstoffreiche Staaten – die bringen aber enorme politische Probleme mit sich.

Da wäre etwa der Iran, dessen Regime europäische Firmen freudig empfangen würde. Aber der politische Widerstand ist massiv, und dass kürzlich auf den Straßen Teherans Regimegegner niedergeschossen wurden, macht die Sache nicht einfacher.

Da wären weiters die Staaten Zentralasiens. Auch bei Turkmenistan und Kasachstan handelt es sich jedoch um Diktaturen, die zudem bereits umfassende Lieferverträge abgeschlossen haben – vor allem mit China, das immer mehr auf den internationalen Gasmarkt drängt.

Bleiben noch der politisch extrem unsichere Irak und Ägypten, dessen Reserven für die Nabucco-Kapazität mittelfristig zu gering sind.

Rohstoffreichtum wirkt nicht demokratiefördernd, das zeigen Beispiele von Venezuela bis Saudi-Arabien. Den Europäern bleibt daher die Wahl zwischen Pest und Cholera: Es kann Diktaturen stützen, indem es mit ihnen handelt. Oder es stützt Russland, indem es seinem Gasmonopol – und damit oft aggressivem Machtausbau – nichts entgegensetzt.

Wie mit diesen Aussichten verfahren werden soll, scheint vorerst nicht einmal den Errichterländern klar. So meinte der türkische Premier Recep Tayyip ErdogØan am Montag, dass auch iranisches Gas bald ins Rohr eingespeist werden sollte. Prompt konterte der deutsche Energieversorger RWE: Der Iran spiele vorerst sicher keine Rolle.

Erschienen im Falter 29/09

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Energie

Machtlose Transitländer

Wien – Eine vom Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) organisierte Podiumsdiskussion am Mittwoch brachte Erhellendes zur russischen Energiepolitik: Der Gasprom-Konzern, im russischen Inland weit gehend Monopolist, versucht auf internationaler Ebene seine Gastransitrouten auf mehrere Staaten zu verteilen – um zu verhindern, dass die Transitländer im Krisenfall über das Erdgas verfügen. Wie schon einmal passiert im Gasstreit mit der Ukraine im Winter 2005: Um eine Erhöhung des Preises zu erzwingen, wurde der Ukraine kurzerhand der Gashahn zugedreht.

Das Erdgas in den Westen floss allerdings weiter fast ausschließlich durch ukrainische Pipelines – die Ukrainer zapften einfach das für den Westen gedachte Gas an, worauf in den westeuropäischen Pipelines der Druck sank und Russland plötzlich als unzuverlässiger Lieferant dastand.

Lehrbeispiel

Es handle sich, wie Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck erklärte, dabei um ein Lehrbeispiel, wie Politik und Wirtschaft in Russland zusammenspielen: Die Strategie der Diversifikation im Anschluss an den Gasstreit stärkte in wirtschaftlicher Hinsicht den Gasprom-Konzern und sorgte in politischer Hinsicht dafür, dass derartige Unpässlichkeiten nicht mehr vorkommen. Bis 1999 floss das gesamte russische Erdgas über ukrainisches Territorium in den Westen, heute sind es nur noch zirka zwei Drittel.

Zwischenzeitlich wurden zwei neue Pipelines über Weißrussland und die Türkei errichtet, zwei weitere Seerouten sind in Bau. Die Gefahr, dass das Transitland Ukraine noch einmal nach Gutdünken über russisches Gas verfügt, dürfte damit gebannt sein. (Joseph Gepp, DER STANDARD, Printausgabe 6.7.2007)

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Energie, Osteuropa