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„In strengen Wintern gibt es schlicht mehr Feinstaub“

Joseph Gepp

Wiens Feinstaubwerte klettern in gefährliche Höhen (siehe Falter 7/11) – SPÖ-Umweltstadträtin Ulli Sima nimmt dazu Stellung.

Falter:
Frau Sima, Wien hatte 2010 den zweithöchsten Feinstaubwert im deutschen Sprachraum. Warum?

Ulli Sima: 2010 waren die Werte in ganz Europa hoch. Studien zeigen, dass es in strengen Wintern mehr Feinstaub gibt. Wenn Sie sich aber die Jahresmittelwerte seit den 90ern anschauen, sehen Sie, dass die Belastung in Wien eindeutig rückläufig ist.

Was tun Sie gegen den Feinstaub?

Sima: Unsere Studien zeigen, dass ungefähr drei Viertel importiert sind. Den Rest machen wir uns selber. Hier gibt es etwa eine Partikelfilterpflicht für Baumaschinen. Oder die Reduktion des Streusplitts von 130.000 Tonnen 1995 auf rund 3000 letzten Winter. Oder das Fahrverbot für die Euro-0-Lkws, die ganz alten Stinker.

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2010 war ein schlechtes Feinstaubjahr, sagt SPÖ-Umweltstadträtin Ulli Sima (Foto: Gemeinde Wien)


Aus den Ergebnissen liest man aber, dass vor allem der Verkehr den hausgemachten Teil des Feinstaubs aufwirbelt. Die höchste Belastung gab’s nahe Gürtel, Tangente und Triester Straße.

Sima: Der Verkehr macht rund ein Viertel des hausgemachten Feinstaubs aus. Aber 2010 lag sogar die Messstelle Illmitz im Burgenland über den 35 Überschreitungstagen, die die EU erlaubt. So schlecht waren die Werte.

Nahe Gürtel und Tangente waren sie aber noch viel schlechter.

Sima: Ja, Illmitz zeigt nur, dass 2010 schon die Grundbelastung enorm war. Wenn noch Verkehr, Hauswärme und so weiter dazukommen, ist die Überschreitung schnell sehr hoch.

Was wird im geplanten dritten Maßnahmenpaket stehen?

Sima: Dazu kann ich noch nichts sagen, außer, dass wir bei allen Emittenten, Verkehr, Bauwirtschaft, Hauswärme und Industrie, ansetzen werden.

Wann wird Wien den EU-Höchstwert von 35 Tagen im Jahr erreichen?

Sima: Schwierig zu sagen. Vor 2010 waren wir schon wesentlich besser. Wichtig wäre es, mit konkreten Förderungen auch in östlichen Nachbarländern anzusetzen.

Erschienen im Falter 8/2011

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Dicke Luft im sauberen Wien: das Feinstaubdilemma

Nicht nur Graz, auch Wien erstickt zunehmend im Feinstaub. Wer trägt die Verantwortung für die hohe Umweltbelastung?

Bericht: Joseph Gepp

Auf dem Belgradplatz, einem Beserlpark nahe der Triester Straße, steht eine Hütte mit Stahlzylinder auf dem Dach. Darin befindet sich eine von 13 Messstellen, die Wiens Feinstaub registrieren. 87 Mal schlug sie vergangenes Jahr an. Der Belgradplatz weist somit die zweithöchste Belastung im deutschen Sprachraum auf – höher als etwa Berlin oder Ruhrstädte, überboten nur vom Stuttgarter Neckartor.

Feinstaub entsteht durch Treibstoffe, Heizmaterial, Reifenabrieb oder Streusplitt. Ab 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft drohen Asthma, Kreislauferkrankungen und Allergien. In Österreich legt das Gesetz fest, dass der Höchstwert an nur 25 Tagen pro Jahr überschritten werden darf – eine Steilvorlage, wie dieser Tage Graz zeigt. Dort war schon Anfang Februar das Jahreskontingent aufgebraucht. Graz liegt jedoch in einem Talkessel, wo die verschmutzte Luft kaum entweichen kann.

Und Wien? 14 Mal hat die Stadt heuer bereits den Höchstwert überschritten. 2010 lag die Belastung sogar über dem geografisch exponierten Graz. Der Green City Index, das Umwelt-Ranking europäischer Städte, preist Wien zwar in Sachen Energie und Wasser – bei der Luftqualität findet sich die Stadt, die gern mit ihrer Sauberkeit wirbt, abgeschlagen auf Platz zehn.

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Feinstaubmessstelle am Belgradplatz
Foto von Heribert Corn

Wie kommt es dazu? Im Büro von Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) gibt man äußeren Faktoren die Schuld. Zwar müssten noch mehr „Hausaufgaben gemacht“ werden. Aber vor allem die Witterung und Abgase osteuropäischer Fabriken würden Tonnen an Feinstaub nach Wien wehen .

Der Luftexperte Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt bestätigt, dass die Belastung in langen, kalten Wintern ansteige. Und tatsächlich führe Wiens Lage dazu, dass Schadstoffe aus ganz Mitteleuropa hier landen. Rund die Hälfte der Feinstaubbelastung sei – wenn überhaupt – nur durch eine europaweite Koordination beeinflussbar, sagt Schneider.

Und die andere Hälfte? Die sei ein „Auftrag an die Stadtregierung, mehr zu tun“, so der Fachmann. Im Jahr 2005 hat das Rathaus etwa die Winterstreuung und den Staub auf Baustellen reduziert. Der größte Produzent des Feinstaubs wird jedoch geschont: das Auto.

Entgegen dem europäischen Trend nimmt der Pendlerverkehr in und nach Wien noch immer zu. Die höchstbelasteten Zonen liegen deshalb am Gaudenzdorfer Gürtel, nahe der Simmeringer Südosttangente und am Belgradplatz, wo neben der nahegelegenen Triester Straße auch noch eine benachbarte Baustelle staubt. Am saubersten ist Wiens Luft übrigens in der Lobau und im Währinger Schafbergbad.

Die Zahlen zeigen zwei Dinge: Erstens wäre Wien trotz Witterung und Ostindustrie durchaus in der Lage, Feinstaub zu reduzieren. Zweitens gehen Umweltprobleme mit sozialen Problemen einher. Wo der Feinstaub am dichtesten ist, ist der Lebensstandard niedrig. In billigen Erdgeschoßwohnungen gesellen sich zum Staub auch Lärm und schlechte Bausubstanz.

Nun will die EU Österreich zu Reformen drängen. Bis Mitte Juni gibt die Europäische Kommission den Mitgliedsstaaten noch Zeit, die Feinstaubwerte einzudämmen. Sonst drohen Strafen in der Höhe von 300.000 Euro – pro Überschreitungstag.

Laut dem Green City Index, der Europas Städte in Umweltdingen
vergleicht, liegt Wien hinter Kopenhagen, Stockholm und Oslo
auf dem vierten Platz – und steht damit sehr gut da. Besonders
gelobt werden Wasserqualität und erneuerbare Energie.
Schwachpunkte sind die CO2-Belastung (Platz Acht) und v. a. die
Luftqualität (10)

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