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Extremisten unter uns

Aus dem FALTER 31/11

Rund ein Drittel der Bevölkerung gilt als potenziell extremistisch. Wie kann man Gewalttaten wie die von Anders Behring Breivik verhindern?

Bericht: Joseph Gepp

Hinter dem Weltgeschehen einen roten Faden zu erkennen ist eigentlich ganz einfach. Man muss nur die Zeichen sehen.

Der Endkampf zwischen Christentum und Islam tobt schon seit einem Jahrtausend, glaubt Anders Behring Breivik. Einst äußerte sich der Kampf in den Kreuzzügen, später im osmanischen Vormarsch, der 1683 vor Wien zum Stillstand kam. Heute ist er in eine kritische Phase eingetreten. Denn der islamische Urfeind hat sich mit verräterischen europäischen Eliten verbündet, die einer multikulturalistischen Ideologie huldigen. Aus dem Inneren wollen die Kräfte nun das Abendland zu Fall bringen – durch Zuwanderung bis zur demografischen und kulturellen Hegemonie.

Breivik, 32, hielt sich für einen, der hinter all den Täuschungen die Wahrheit erblickt. Einen, der deshalb handeln muss. Am 22. Juli, 15.26 Uhr, zündete er in Oslo eine Autobombe, die acht Menschen tötete. Eineinhalb Stunden später eröffnete er auf der Ferieninsel Utøya das Feuer. 32 Kilometer von der Hauptstadt entfernt erschoss er 68 Menschen, hauptsächlich Jugendliche, die an einem Ferienlager der sozialdemokratischen Partei teilnahmen.

Der Bürgerkrieg im Kopf

Breivik hielt seine „grausame, aber notwendige“ Tat für den Beginn eines Bürgerkriegs. So führt er es in einer 1518-Seiten-Schrift aus, die er vor dem Verbrechen im Internet veröffentlichte. Mit derselben Willkür, mit der der Täter darin die Historie einteilt, zwingt er auch der Zukunft seine Ordnung auf: 72 Jahre lang werde von jetzt an der Krieg zwischen der „multikulturalistischen Allianz“ und den „Widerstandsbewegungen“ andauern, schreibt er. Danach, 2083, zum 400. Jahrestag der Türkenbelagerung, werde die Bewegung gesiegt haben, als deren Gründungsvater sich Breivik versteht und als deren Gründungsdokument er sein „Manifest“ betrachtet.

Breivik

Das Dokument, mit dem der Attentäter seine Tat erklären will, ist ein Amalgam aus Gerüchten, Einzelfällen und lückenhaftem Geschichtswissen. In verschwörungstheoretischer Manier ergibt die riesige Sammlung von isolierten Wissenshäppchen und Copy-and-Paste-Dokumenten das große Bild vom religiösen Endkampf.

Faktisch und methodisch kann man das Werk zwar leicht widerlegen – so fochten den erbittertsten europäischen Glaubenskrieg Katholiken und Protestanten untereinander aus, ebenso plünderten die angeblich so glaubensfesten Kreuzritter 1204 das christliche Konstantinopel. Doch die Frage nach der Wahrheit ist zweitrangig.

Entscheidend ist, dass Breiviks Sichtweisen keine Seltenheit sind; dass er sich keine beliebige Fantasiewelt à la „Herr der Ringe“ zusammengezimmert hat, mit der er seine Tat legitimiert. Der Einzeltäter denkt, was viele denken.

Woher kommen die Hassideologien im wohlhabenden und aufgeklärten Europa 2011? Wie viele Leute glauben an sie? Und wie weit sind sie zu gehen bereit?

Wer im Internet surft, wer in Vorstadtbeisln – in Wien oder anderswo – mit Gästen spricht, der merkt, wie weitverbreitet Weltbilder wie das Breiviks sind. Nicht nur wird der Islam als Gefahr begriffen, unberechenbar, expansiv, anmaßend und Gegenwehr herausfordernd. Auch nach der Mär vom Bündnis zwischen Muslimen und Politikern zur Verdrängung der Mehrheit muss man in den Gassen von Favoriten und Simmering nicht lang suchen. Radikale Hassthesen sind längst nicht mehr nur Programm einiger rechtsextremer Hetzer. Ein Klima der Wut, ein Gefühl, unterdrückt zu werden und ausgeliefert zu sein, greift um sich – gerichtet gegen Muslime.

In Zahlen ausdrücken lässt sich die gesellschaftliche Tendenz kaum. Einen Hinweis liefern die große Leserschaften manch radikaler Websites, etwa des FPÖ-nahen SOS Österreich oder des Verschwörungsblogs „Honigmann“, das zu den meistgelesenen Blogs in Deutschland zählt.

Die Schlacht am Kahlenberg zwang 1683 die Osmanen zum Rückzug und beendete die Wiener Türken-belagerung. Breivik und andere Extreme beziehen sich oft auf das Ereignis

Der schweizerische Psychoanalytiker Arno Gruen bezeichnet knapp ein Drittel der Bevölkerung westlicher Demokratien als anfällig für Extremismen, Verschwörungstheorien und Autoritarismus. Inwiefern sich das radikale Potenzial dieses Drittels tatsächlich entfaltet, hänge davon ab, wie weit das Umfeld derartige Haltungen gutheißt und ob ökonomische Unsicherheiten den Hang zur Gewalt verstärken.

Ein Rechtsextremismus neuer Art

In Österreich und Europa hat das Drittel in den vergangenen Jahren einen Rechtsextremismus neuer Art hervorgebracht. Der findet fast ausschließlich online statt und nennt dort ganz konkrete Ursachen für die diffuse Angst breiter Bevölkerungsschichten.

Die alte Nazi-Symbolik hat diese neue Rechte ebenso abgelegt wie Bezüge zur braunen Vergangenheit. Der Hauptfeind sind meist nicht mehr Juden, sondern Muslime. Juden werden gar als Verbündete im Kampf gegen den Islam begriffen, weshalb sich viele Extremisten proisraelisch geben. Konventionelle Politik und Medien werden als Kräfte betrachtet, die im Namen von Multikulti, Feminismus und politischer Korrektheit die Meinungsfreiheit unterdrücken. Unterwandert von geheimen Mächten, „unterbreiten sie dem Durchschnittsbürger durch Massenmedien die sogenannte öffentliche Meinung“, schreibt der Blogger „Honigmann“.

Unter solchen Bedingungen entstehen paranoide Gedankengebäude wie bei Breivik. Eine ideologische Klammer, die früher der Neonazismus darstellte, vereint die Extremisten von heute ebenso wenig wie eine gemeinsame Szene. Sie sind disparate Schreibtischtäter, „einsame Wölfe“, postmoderne Sucher nach Orientierung, die aus einem breiten Angebot wählen können. Dazu passt, dass vier Fünftel der rund 1000 heimischen Wiederbetätigungsdelikte 2010 von „Einzeltätern ohne Szenebezug“ begangen wurden, wie Peter Gridling, Chef des Verfassungsschutzes, sagt. „Die österreichische Rechtslage ist stark an den Tatbestand der Wiederbetätigung angelehnt. Aber wir beobachten oft, dass dies auf moderne Rechtsextreme nicht mehr zutrifft.“

Weltanschaulicher Wildwuchs

Hinter dem weltanschaulichen Wildwuchs steht eine Entwicklung, die mehr umfasst als nur radikale Online-Demagogen: Verbindliche Ideologien, die komplette Lebensentwürfe anbieten, seien in allen Bereichen zerbröselt, erklärt der Kulturwissenschaftler Roman Horak. „In Österreich hat das sozialdemokratische Bildungs- und Erziehungsmodell – bestehend aus Arbeiter-Zeitung, Volkshochschulkurs und Gemeindewohnung – genauso ausgedient wie das christlichsoziale aus Kirchgang, Eigenheim und Raika-Sparbuch.“ Anstelle fixfertiger sind selbstgemachte Entwürfe getreten, die sich aus allen denkbaren Quellen speisen. Man kann zum Buddhismus konvertieren, im Wohnwagen hausen oder eben Extremist werden. Befeuert wird dies durch die Informationsflut des Internets. Dort finden Radikalismen dem deutschen Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber zufolge „weitaus breiter und schneller Verbreitung“ als früher.

Eine Folge der Unübersichtlichkeit ist, dass einzelne Bestandteile der neuen extremistischen Weltbilder nach klassischer Lesart oft gar nicht zusammenpassen. Für Außenstehende wird es dadurch fast unmöglich, ihr Gefahrenpotenzial abzuschätzen.

So verstand sich Breivik gleichzeitig als Christ und antiklerikaler Freimaurer, worin er keinen Widerspruch sah. Noch bunter treiben es Websites wie der deutsche „Fahnentraeger“: Sie verwenden den Hitlergruß-Code „88“, fordern zugleich Arbeiterräte oder feiern etwa Erfolge von „lateinamerikanischen Linksnationalisten“. Laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) sind viele moderne Nazi-Seiten punkig gestaltet – inhaltlich wie optisch nehmen Rechte Anleihe bei ihren Widersachern, den Linksradikalen.

Dennoch schäle sich seit 2004 aus dem Wirrwarr eine islamophobe Hauptrichtung heraus, erklärt DÖW-Experte Heribert Schiedel, der sich in einem neuen Buch mit Europas Rechten befasst. Auslöser waren der islamistische Terror von Madrid und der Mord am niederländischen Regisseur Theo van Gogh. Schwerpunkt sei das bedrohte Abendland, Feindbilder würden entsprechend nachjustiert. Internationale Konflikte wie im Libanon oder in Ex-Jugoslawien würden als Variationen eines christlich-islamischen Kampfes gedeutet, so wie auch Breivik das sieht.

„Abendland in Christenhand“

Mittlerweile sind viele islamophobe Spielarten entstanden. Breivik etwa bezieht sich in seinem Traktat auf den rechtskonservativen Blogger Fjordman und die Websites Gates of Vienna und Brussels Journal. Eine andere Gruppe aus Deutschland will den „Fäkal-Djihad“ belegen, demzufolge Muslime den Ehec-Erreger als Bio-Waffe nach Europa geschmuggelt hätten.

In Österreich dominiert vor allem die Seite SOS Österreich: Die anonymen Autoren sammeln „islamkritische“ Meldungen aus ganz Europa. Daneben toben sich Leser in Postings aus, wünschen „Verräter“-Politikern einen „Säureunfall“ oder „dass der Irre von Norwegen in eine Moschee statt auf eine Ferieninsel gegangen wäre … zum Beten natürlich“.

Von den Online-Meinungsbildnern tröpfelt der Hass in die Masse, trifft auf einen radikalisierten Stammtisch, vermittelt von rechtspopulistischen Parteien.

Enge Kontakte pflegen in Österreich etwa die FPÖ und SOS Österreich: Immer wieder verlinken Politiker von Heinz-Christian Strache abwärts auf die Website. Dazu kommen andere Naheverhältnisse: Die Bloggerin Elisabeth Sabaditsch-Wolff, Vortragende an der FP-Parteiakademie, wurde wegen Herabwürdigung religiöser Lehren noch nicht rechtskräftig verurteilt und gilt seitdem auf Websites, die auch Breivik besuchte, als Heldin. Der Nationalratsabgeordnete Werner Königshofer stand mit der Nazi-Seite Alpen-Donau-Info in Kontakt und wurde nun aus der FPÖ ausgeschlossen, weil er Breiviks Anschlag mit der Fristenlösung und dem islamistischen Terror verglich.

Österreichs Regierung nimmt die Attentate und die Terrorangst zum Anlass, mehr Überwachungsmöglichkeiten zu fordern. Gleich nach dem Anschlag, als in Oslo Offenheit und Toleranz beschworen wurde, forderte ÖVP-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner schon ein neues „Anti-Terror-Paket“. Mehr Befugnisse und internationale Zusammenarbeit sollen helfen, Online-Hassprediger zu überführen.

NGOs und Experten wie Heribert Schiedel vom DÖW sind jedoch dagegen. „Damit würde man ausführen, was die Radikalen wollen“, sagt Schiedel und plädiert stattdessen für eine Reform des Verhetzungsparagrafen, dessen Tatbestände man genauer definieren müsse.

Transparenz gegen Extremismus

Was könnte man abgesehen vom Strafrecht gegen Extremismus tun? Wie das Problem an der Wurzel packen?

Generell hänge die Empfänglichkeit von der gesellschaftlichen Sicherheit ab, sagt der Innsbrucker Sozialpsychologe Josef Berghold. In Zeiten von Umwälzungen – nach der Französischen und Russischen Revolution, nach dem Fall der Sowjetunion – stieg etwa die Neigung der Menschen, an Verschwörungstheorien zu glauben. „Heute sind Muslime die unfreiwilligen Boten der Globalisierung“, erklärt Berghold. „Als Migranten künden sie am offensichtlichsten von großen Veränderungen, die die Mehrheit nicht versteht – also bestraft sie die Migranten für die überbrachte Botschaft.“

Komplexe Krisen der Politik und des Finanzmarkts würden Europäer und US-Amerikaner überfordern und für einfache Botschaften empfänglich machen, sagt der Psychologe. Transparenz in der Politik, zum Beispiel beim Management der Finanzkrise, wäre ein erster Schritt, um den Einfluss von Extremisten einzudämmen.

Wer ein Argument versteht, der muss sich nicht, wie Breivik, seinen eigenen roten Faden zusammenreimen.

Tempelritter, Rechtspopulisten und die „Bajuwarische Befreiungsarmee“
worauf sich der Attentäter von Norwegen bezieht

Inwiefern verschiedene Theorien und Hetzschriften aus dem Internet Breiviks individuellen Wahnsinn ergänzten und ihn zur Tat verführten, wird in den kommenden Monaten wohl noch ausführlich diskutiert werden. Im Folgenden einige Ideen, auf die er sich bezog, sowie weitere Parallelen und Einschätzungen:

Freimaurer
In dem aufklärerischen und antiklerikalen Geheimbund sehen Verschwörungstheoretiker gern die geheimen Herrscher der Welt, auch mit antisemitischen Untertönen. Breivik hingegen sah in den Freimaurern eine christliche Nachfolgeorganisation der Tempelritter und trat der Loge St. Olav zu den Drei Säulen in Oslo bei. Dazu passt, dass sich skandinavische Freimaurer dem in Norwegen dominierenden Protestantismus näher fühlen als etwa heimische dem Katholizismus. Im Traktat äußert sich Breivik jedoch enttäuscht über die unpolitische Praxis seiner Loge. Ein ins Internet gestelltes Foto zeigt ihn in der Montur eines Freimaurers. Die Freimaurer schlossen ihn nach der Tat umgehend aus und distanzierten sich in einer Erklärung auf ihrer Website.

Tempelritter
Der Ritterorden wurde während der Kreuzzüge 1118 als „Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem“ gegründet und 1312 wieder aufgelöst. Er sollte christliche Pilger im Nahen Osten beschützen. Der Name bezieht sich auf den Jerusalemer Tempelberg, wo das Hauptquartier lag. Die Templer spielen in der braunen Esoterik eine wichtige Rolle, die im „Dritten Reich“ federführend von Heinrich Himmler betrieben wurde. Breivik bedachte sich mit dem Fantasietitel „Justicar Knight Commander of the Knights Templar“.

Christentum
Breiviks Christentum ist weniger gläubiges Regelwerk als vielmehr Instrument der Abgrenzung gegen den Islam. Der Attentäter zog den Katholizismus dem Protestantismus vor, den er als verweichlichter betrachtet.

Politische Korrektheit
Neben „Multikulturalismus“, „Kulturmarxismus“ und „Feminismus“ kommt der Begriff „Political Correctness“ unzählige Male im Traktat vor. Er entstand in den 80ern in der US-Bürgerrechtsbewegung, wurde aber schon bald jene Kampfvokabel der amerikanischen Rechten, die sie bis heute ist. Anfang der 90er taucht die Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Phrase im deutschen Sprachraum auf.

Rechtspopulismus
Breivik gehörte 1999 bis 2006 der norwegischen Fortschrittspartei (FrP) an, die gegen Migranten und die skandinavische „Wohlfahrtsdiktatur“ wettert. Er verließ sie, weil sie ihm zu lasch war. „Mit dem Gerede, dass Einwanderer unsere Kultur zerstören, muss jetzt wohl Schluss sein“, sagte nach den Anschlägen FrP-Politiker Knut Hauselmann. Bei den Parlamentswahlen 2009 erreichte seine Partei 22,9 Prozent, jetzt werden ihr Verluste vorausgesagt. Sympathie äußerte Breivik daneben etwa für das deutsche Bündnis Pro-Köln, das sich unter 1002 rechtspopulistischen Adressaten in ganz Europa findet, denen er vor der Tat seine Schrift per Mail schickte. War auch die FPÖ darunter? „Wenn, dann ist es im Spam gelandet“, sagt ein Parteisprecher auf Falter-Nachfrage.

Österreich
Oft kommt das Land im Traktat vor, nicht nur in Bezug auf die Türkenbelagerung. Breivik bedankt sich bei den „Brüdern und Schwestern“ aus Österreich und meint trotzdem, dass es „mehr oder weniger unter islamischer Herrschaft“ stehe. Er droht mit einem Atomangriff und nennt die Raffinerie Schwechat als Terrorziel. Thema sind auch die Sanktionen gegen Schwarz-Blau 2000, die eine „EU-Kampagne der psychologischen Kriegsführung“ gegen Österreich ausdrücken würden. SPÖ, ÖVP und Grüne seien „Kulturmarxisten, selbstmörderische Humanisten, kapitalistische Globalisten“, FPÖ und BZÖ dagegen „Anti-Einwanderungsparteien“.
Am 4. und 11. März 2005 hielt sich Breivik kurz in Österreich auf – er flog nach Weißrussland und wechselte in Wien-Schwechat das Flugzeug.

Ähnliche Anschläge
Auf der Suche nach Parallelen zu Breiviks Tat nennen Experten den US-Briefbomben-Terroristen Ted Kaczynski („Una-Bomber“), der ebenfalls ein Manifest verfasste, aufgrund dessen er 1995 geschnappt wurde. Breivik zitiert Kaczynski, ohne ihn zu nennen. Weitere Parallelen sehen Experten auch zur rechtsradikal-paranoiden Weltsicht des Oklahoma-Bombers Timothy James McVeigh 1995. Österreicher erinnert der Stil seines Traktats an Schriften und Ausführungen des Briefbombenbauers Franz Fuchs und seiner „Bajuwarischen Befreiungsarmee“.

Historische Vorbilder
Breivik nennt in einem zwölfminütigen Video, das er wie sein Traktat ins Internet stellte, sieben historische Vorbilder. Es sind der Frankenherrscher Karl Martell, der spanische Reconquista-Ritter El Cid, der englische König Richard Löwenherz, Templer-Großmeister Jacques de Molay, Polenkönig Jan Sobieski, Zar Nikolaus I. und der rumänische Adelige Vlad Tepes. Unter völlig verschiedenen Ausgangsbedingungen waren alle diese Personen in irgendeiner Form in Kämpfe gegen Muslime involviert.

Verschwörungstheorien
Etliche kursieren bereits Stunden nach der Tat. Am populärsten: Hinter dem Anschlag stecke in Wahrheit der israelische Geheimdienst Mossad, der Breivik unter Drogen gesetzt habe – und dass Anders Behring Breivik in Wahrheit der Wikileaks-Gründer Julian Assange sei.

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Die Wut der Arbeiterkinder in der Vorstadt

Aus dem FALTER, 20/2011

Was hilft gegen den Radikalismus in Wiener Randbezirken? Eine Begegnung mit der Bezirkschefin von Simmering

Bericht:
Joseph Gepp

Foto:
Christian Wind

Hin und wieder ahnt man, dass die zivilisatorische Decke dünn und der soziale Friede ein bedrohtes Gut ist. „Manchmal ist es zum Verzweifeln“, sagt Renate Angerer. „Zum Beispiel, wenn alte Leute zu mir kommen und sagen: ‚Warum haut ihr die Türken nicht einfach auf Lastwägen und führt sie weg?‘“

Angerer, 63, eine resolute Dame mit dem Zungenschlag der Vorstadt, ist Bezirksvorsteherin der ehemaligen Arbeiterhochburg Simmering. Heute, wo sich der einst ausgebeutete Proletarierstand Urlaube und gepflegte Wohnungen leisten kann, hat Angerers SPÖ immer noch 49 Prozent im Bezirk inne. Dennoch beschleicht einen mitunter ein mulmiges Gefühl, wenn man in den Beisln des Bezirks alteingesessene Bewohner nach ihrem Befinden fragt.

Wie aus einem Bürgerkrieg klingen oft die Schilderungen. Türkische Banden sollen im Park die Messer wetzen, ganze Straßenzüge zu No-go-Areas verkommen. Sozialleistungen und Gemeindewohnungen, Auflagen für Gaststätten und Nutzungen von Sportplätzen – überall stehe, so die Bewohner, die entrechtete angestammte Mehrheit einer politisch protegierten und stetig wachsenden Masse türkischer Einwanderer gegenüber.

Vorige Woche porträtierte der Falter Anton Haller, einen Simmeringer mit Job, Wohnung und Auto, der sich von Türkischstämmigen dermaßen bedroht fühlt, dass er ihre Zuwanderung für einen gezielten Verdrängungsplan hält (siehe Falter 19/11, S. 14). Er ist bei weitem kein Einzelfall, wie Umfragen und Wahlergebnisse zeigen.

35,5 Prozent der Simmeringer wählten bei der Wienwahl 2010 FPÖ. Laut dem Institut Sora stimmten 68 Prozent für die Partei, weil diese „gegen Zuwanderung auftritt“. Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen klassifiziert knapp ein Drittel aller Bevölkerungsschichten westlicher Demokratien als anfällig für Extremismen, Verschwörungstheorien und Autoritarismus.

Renate Angerer ist Teil einer erodierenden Bewegung. In Simmering wie ganz Europa verlieren Sozialdemokraten an Einfluss, weil sich die Arbeiterkinder den Rechtspopulisten zuwenden. In Simmering wie ganz Europa sind Fremdenhass und Paranoia zum politischen Faktor geworden, weil mit ihnen Macht errungen und neu verteilt wird.

Wie sollen Demokratien mit jenem Drittel umgehen, das nach Gruen dem Radikalismus zugeneigt ist? Wie sollen sie Leute wie Anton Haller einbinden, die die Welt von den „Rothschilds“ beherrscht wähnen und keinem Argument zugänglich sind?

"Angespannte Lage“: Renate Angerer, 63, SPÖ-Bezirksvorsteherin von Simmering

Angerer ist eine Frontfrau. Sie kennt die Sorgen der Bezirksbevölkerung aus Gesprächen, die zu führen einen Gutteil ihres Berufsalltags ausmacht. Sie wuchs selbst in Simmering auf, betrieb hier lange ein Blumengeschäft. Seit 1961 ist sie SPÖ-Mitglied. Das Parteilokal sei damals der einzige Ort gewesen, wo man sich treffen konnte, erzählt sie. Als Kind habe sie im Sommer „bloßhappat“ gehen müssen, um ihr einziges Paar Schuhe zu schonen. Als Jugendliche habe ihre Mutter Schnitzel und Gurkensalat eingepackt, dann sei sie zum Winterhafen baden gegangen. „Ein Kaffeehaus zu betreten, war für mich undenkbar“, sagt sie. „Urlaub oder Auto sowieso.“

Wenn heute jemand auch nur ansatzweise ein solches Leben führt, dann viele der Migranten. Deren Lebensstil, sagt die Bezirkschefin, erinnere alteingesessene Simmeringer an eigene bescheidene Anfänge nach dem Krieg – und das schaffe Furcht vor dem Rückfall in die Armut. Um Wohlstand zu erlangen, wählten die Simmeringer einst Sozialisten. Um ihn zu bewahren, wählen sie Rechtspopulisten.

„Angespannt“ nennt Angerer die Lage in Simmering. In den Gemeindebauten etwa, die 2006 für Nicht-EU-Ausländer geöffnet wurden, leben kinderreiche Familien neben einer gealterten und ruhebedürftigen ersten Generation von Bewohnern. Letztere hätten den Umzug in den Bau noch als Quantensprung in Richtung Wohlstand erlebt, sagt Angerer. Nun komme es gerade in 60er-Jahre-Bauten zu Konflikten, weil sich dortige große Wohnungen gut für Familien eignen. „Die Alten denken: Das wissen die doch gar nicht zu schätzen.“

Wie könnte man all diesen Gefühlen begegnen? Wie dafür sorgen, dass die zunehmende Radikalisierung nicht eines Tages in Gewalt umschlägt? Wissenschaftler wie der Psychoanalytiker Arno Gruen sprechen neben dem potenziell radikalen Gesellschaftsdrittel von einem weiteren knappen Drittel, das „demokratisch reif“ denkt. Dazwischen liege eine Mitte von ungefähr vierzig Prozent, die sich je nach gesellschaftlicher Lage nach oben oder unten orientiere. „Diese muss vom reifen Drittel mitgenommen werden“, sagt der Innsbrucker Sozialpsychologe Josef Berghold.

Wie könnte das gelingen? Berghold rät dazu, „demokratische Streitkultur und demokratische Werte wie Fairness und Menschenrechte offensiv und mit Führungsstärke zu vertreten“. Renate Angerer zögert kurz, als sie die Frage hört. „Probleme direkt ansprechen, egal ob bei In- oder Ausländern“, sagt sie dann. „Die SPÖ ist ja immer nur am Verteidigen.“

Zum neuen Fremdenrecht, das ihre Partei kürzlich im Parlament mitbeschlossen hat, will die Bezirkschefin nichts sagen.

Zur Geschichte im Falter 19/2011:
Anton Haller (Name geändert) glaubt an eine Verschwörung –
ausgehend von seinem Ärger über eine türkische
Veranstaltungshalle
(siehe Falter 19/11). Sie kenne die Halle,
sagt Renate Angerer. Zwei- bis dreimal im Jahr würden sich
Simmeringer bei ihr über diese beschweren

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Das Fremde um ihn

Aus dem FALTER 19/2011

Er lebt in Simmering und mag keine Türken. Wo genau liegt Anton Hallers Problem? Psychogramm eines Vorstadtwieners, um den die Politik buhlt

Porträt: Joseph Gepp
Fotos: Christian Wind

Es ist Montag, 25. April 2011, da platzt Anton Haller endgültig der Kragen, nach acht Jahren.

So lang, erzählt er, sei ihm schon aufgefallen, dass sich die Zustände in Simmering verschlechtern. Keinen Mucks habe er gemacht all die Jahre. Jetzt klappt Haller den Laptop auf und tippt ein E-Mail. „Was sich hier abspielt, reicht jetzt! Ich ersuche, für Ordnung zu sorgen!“, schreibt er. Er habe ja „nichts gegen Integration“. Doch „dann bitte anpassen an mein Gastland“. Haller schickt das Mail an die lokale SPÖ, ÖVP und FPÖ.

Anton Haller*), 46, wohnt in einer ruhigen und ordentlichen Zweizimmerwohnung in Simmering, nahe der Geiselbergstraße. Mehrere niedrige Wohnblocks aus den 60ern, einer wie der andere, formen hier eine Siedlung. Dazwischen wächst Gras und Flieder. An Fußballverbotsschildern vorbei führen asphaltierte Pfade zu Altglassammelstellen. Hallers Wohnblock könnte auch in einem Vorort von Bratislava stehen, aber dann wäre er größer, gleichförmiger und abweisender als am Wiener Stadtrand. Simmering ist aus Notwendigkeit schlicht, nicht aus Überzeugung.

Über dem Esstisch hängt das Ikea-Bild mit Muscheln im Sand. Im Wohnzimmer steht eine afrikanische Holzmaske. Im Regal bilden einige Bücher eine willkürliche Auswahl, Gesundheitstipps, Wanderführer, Erotic Visions. Haller serviert Kaffee und Guglhupf. Er habe ein Problem mit Türken in seinem Viertel, sagt er. Langsam, aber sicher halte er es nicht mehr aus.

Fühlt sich von Türken eingekreist: Anton Haller, 46, Simmeringer

Alle reden über Zuwanderung. Die politische Debatte darüber ist die vielleicht größte in Österreich. Immerzu kocht sie in neuen Aufregern hoch, kürzlich etwa um das verschärfte Fremdenrecht und den neuen jungen ÖVP-Integrationsstaatssekretär. Dass sich das Unbehagen gegenüber Migranten in Wählerstimmen für die FPÖ ausdrückt, hat die politische Szene des Landes in zwei Jahrzehnten maßgeblich umgestaltet. Im Kampf gegen Ausländer inszeniert sich die Rechte erfolgreich als Volksversteher. Aber um welche Konflikte geht es eigentlich? Wo sind die Sorgen der Menschen, die ernst genommen werden müssen? Was macht alteingesessenen Österreichern wie Anton Haller aus Simmering das Leben schwer?

Er ist ein stämmiger Mann von zwei Metern Größe. Er trägt ein Kinnbärtchen, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Sailing Club“. Er spricht Dialekt, ein bisschen Düringer, ein bisschen „Kaisermühlen-Blues“. Haller arbeitet bei einem großen Betrieb der Stadt Wien, wo er ungefähr 1700 Euro brutto im Monat verdient. Zu Wahlen gehe er nicht, sagt er, Politik interessiere ihn kaum. Einzig auf Landesebene stimme er für die SPÖ, sagt er, „wegen der Kohle, die zahlen ja mein Gehalt“. Im Gespräch wirkt Haller gutgelaunt. Er gehört zu der Type Mensch, die Witzphrasen dreschen wie „Keine Panik auf der Titanic“ oder „Alles Roger in Kambodscha“.

Wo er lebt, dünnt sich Wien zwischen Schrebergärten und verlassenem Industriegelände aus. Hier ballen sich die Notwendigkeiten zusammen, damit der Rest der Stadt gut funktioniert. Ausfallstraßen, Rangiergleise, die Betonträger der Südosttangente. Dazwischen haben sich einstige Fabriksgebäude in Veranstaltungshallen für Feste verwandelt. „Pascha Palast“ heißen sie zum Beispiel. Hier, zwischen Schienensträngen und Autobahnästen, feiern Wiens Türken die schönsten Tage ihres Lebens.

Jeden Samstag kämen sie, sagt Haller. 500 bis 800 Leute. Dann verwandle sich das Areal in den „wüsten Balkan“. Dann verstellten die Hochzeitsgäste mit ihren Autos die Straße, sodass sonst keiner mehr durchkommt. Dann verpeste ihre Grillerei die Luft. Keine drei Meter könne man noch sehen, sagt Haller. Die Kinder spielten mitten auf der Straße, die Jugendlichen lieferten sich in tiefergelegten BMW Wettrennen.

Haller selbst besitzt einen Chevrolet Pick-up, einen ausladenden Wagen, passender für den amerikanischen Mittelwesten als für die Gassen Wiens. Drinnen fühlt er sich sicher, „da gibt’s keine Jugos und Türken“, sagt er, lacht und führt dorthin, wo angeblich das Türkenchaos regiert.

„Da sind sie schon.“ Er deutet aus seinem Jeep wie bei einer Safari. Haller will seine Gäste nicht nach draußen begleiten, aus Angst, die Fremden könnten ihm den Lack zerkratzen. Vier türkischstämmige Jugendliche lehnen an einer Mauer und teilen sich eine Flasche Cola light. Hochzeit findet gerade keine statt; die Burschen scheinen einer Art Vorhut anzugehören. Hosgeldiniz, „Willkommen!“ steht in roten Lettern über dem Tor des Pascha Palasts. Einige Frauen mit Kopftüchern schlurfen zum Eingang des heruntergekommenen Fabrikbaus. Ein weiblicher Teenager holt einen Tortenkarton von der Rückbank eines Autos. Unweit stehen ein leeres Partyzelt und ein gemauerter Grill, es riecht etwas nach kaltem Rauch. „Jetzt ist nicht viel los“, sagt Haller. „Wenn Sie am Wochenende kommen, sehen Sie, was ich meine.“

"Da sind sie schon": Im Pascha-Palast feiern Wiens Türken Hochzeit

Kein einziges Mal in all den Jahren hat er versucht, sich bei den Betreibern über die angeblichen Missstände zu beschweren. „Ich wollte mir die blöde Antwort ersparen.“ In seinen Augen haben Türken, diese „Integrationsanwärter“, sowieso die besseren Karten. „Wenn die Behörde die Halle kontrolliert, schreien sie: Rassismus! Und die Sache hat sich.“ Zuwanderung, das ist nach Anton Haller insgesamt ein böses Projekt, ein perfider politischer Plan. „Die SPÖ und auch die Grünen holen sich die Türken aus Anatolien, weil sie im Gegensatz zu uns bei Wahlen verlässlich das richtige Kreuzerl machen.“ Deshalb würden Auflagen, in Simmering wie sonstwo, nicht für Zuwanderer gelten. Vor allem nicht für Türken. Denn gegen Ex-Jugoslawen oder andere Nationalitäten hat Haller viel weniger. Die seien integrationswilliger, erklärt er. Was hält er vom berüchtigten serbischen Gastarbeiter, der nach Jahrzehnten in Österreich noch immer kaum Deutsch spricht? Den gebe es doch nicht, reagiert Haller fast empört. „Zeigen Sie mir einen Einzigen!“

Sein Jeep passiert inzwischen den Simmeringer Herderpark, eingeklemmt zwischen Gemeindebauten aus den 20er-Jahren. Er soll ein weiterer Brennpunkt sein, wo Gegensätze aufeinanderprallen. „Total verdreckt von den Türken“, befindet Haller. „Sie grillen sogar auf der Wiese, hat mir einer erzählt.“ Er selbst komme höchstens einmal im Jahr hierher, „und dann fahr ich auch nur mit dem Rad durch“. Hallers Worte klingen, als wäre der Park eine Müllhalde. Tatsächlich präsentiert er sich aus dem Autofenster so sauber und gewöhnlich wie andere in Wien.

"Frisör Cuccu, Handy Celan, Frisör Mezopotamya": türkischer Handy-Laden in der Geiselbergstraße

Auf der Simmeringer Hauptstraße sind es türkische Geschäfte, die Anton Haller aufregen. „Frisör Cuccu, Handy Celan, Kebab FS, Frisör Mezopotamya“, zählt er auf und deutet aus dem Fenster. „Türkisch, türkisch, türkisch.“ Die Türken würden alle Läden boykottieren außer die eigenen. Der Kebabhändler sei früher ein Radatz gewesen, der Friseur eine Café-Konditorei. Aber durch „Seilschaften“ und „Mentalitäten“, durch „einen Zusammenhalt, auf den wir eigentlich neidisch sein müssten“, hätten sich die Fremden die Straße erobert.

Wie sich Stadt und Bewohner verändern, wie sich Gesicht und Gepräge entwickeln, das unterliegt in Anton Hallers Augen nicht vielen gesellschaftlichen Kräften, die mitunter auch gegeneinander wirken. Sondern allein dem geheimen Bündnis zwischen Politik und Minderheit. Haller spricht von der „dritten Türkenbelagerung“, von „Zuchtmaschinen“. Er vermutet eine berechnende Vorgehensweise der Zuwanderer, die er zur ständigen Bedrohung überhöht. Weil sich Türken – „kaum hierhergeholt“ – in großer Zahl in kleinen Wohnungen zusammendrängen würden, seien ihre Fixkosten niedrig, erklärt Haller. Dadurch horteten sie Geld für noch mehr Kinder, noch mehr Lokale, noch mehr gesetzlose Veranstaltungshallen. Haller fühlt sein Terrain schwinden. Nur im großen Chevrolet bleibe noch Platz für ihn. Er wirkt verbittert, als das Auto gegen Ende der Fahrt ein verwaistes Grundstück passiert, auf dem früher die Wiener Kinderfreunde einen Standort betrieben. „Da habe ich selber noch gespielt“, sagt er wehmütig. „Jetzt will hier niemand mehr her, weil rundherum alles voller Türken ist.“ Dann schiebt Haller den Jeep in eine Parklücke nahe seines friedlichen 60er-Jahre-Wohnblocks.

Der Sebastian Kurz, beginnt er, wie solle der denn das Land führen in Integrationsfragen? Ohnehin sei einer wie Kurz nur eine Schachfigur. In Wahrheit, sagt Haller, würden zwei bis drei Familien das Weltgeschehen dominieren, „sicher auch die Rothschilds“. Plötzlich scheint der Mann im Chevrolet zu bemerken, dass er sich immer mehr wie ein Verschwörungstheoretiker anhört. Er rudert zurück, ringt um Worte. „Alles ist irgendwie gesteuert. Das klingt jetzt weit hergeholt. Aber irgendwer muss ja entscheiden. Selbst können wir Österreicher es offensichtlich nicht.“

Samstag, 16 Uhr, Pascha Palast. Haller hat gesagt, am Wochenende könne man sehen, wie Autos und Grillschwaden das Areal in den „wüsten Balkan“ verwandelten.

Tatsächlich findet gerade eine Hochzeit statt. Türken feiern traditionell nachmittags. Vor der Halle wartet der Festwagen des Brautpaars, ein älterer Audi. Rundherum stehen rund 30 Leute in Gruppen. Sie schwatzen. Kein Griller raucht, man hört keine Musik. An den Straßenrändern parken deutlich mehr Autos als werktags, aber selbst für Hallers großen Chevrolet wäre die Fahrbahn frei.

Dann und wann mag schon Grillgeruch zu bemerken gewesen sein in der Nachbarschaft. Dann und wann mag auch ein Auto die Straße verstellt haben. Aber das ist nicht Hallers echtes Problem. Es ist – das ahnt man, wenn man die beeinanderstehenden Festgäste sieht – die geballte Präsenz des Fremden. Ihr bloßes Dasein, der Raum, den sie dabei einnehmen. Hier, zwischen Schienensträngen und Autobahnästen, wo Wiens Türken den schönsten Tag ihres Lebens feiern.

*) Name von der Redaktion geändert


Extremisten in der Vorstadt: wenn Angst zum politischen Faktor wird

Woher kommt die Paranoia, die die FPÖ zum bedeutenden politischen Faktor in Österreich gemacht hat?

In der Monarchie zielte das Ressentiment der Unterschicht trotz massiver Zuwanderung noch auf den Klassenkampf – wenn auch antisemitisch verbrämt. Als Feind galt der „ausbeuterische Hausherr oder Fabrikant“, so Richard Lein von der Uni Wien.

Heute hingegen wechseln Feindbilder, sagt Dieter Schindlauer von Zara. Was vor 15 Jahren der schnaubärtige Gastarbeiter verkörperte und vor fünf der Schwarze, ist nun das 14-jährige Kopftuchmädchen.

Politologen sprechen angesichts einer flexibilisierten Arbeitswelt vom „Verteilungskampf am unteren Rand der Gesellschaft“. Das beantwortet wohl auch die Frage, was es braucht, damit der verschwörerische Extremismus vieler Vorstadtwiener nicht eines Tages in Gewalt umschlägt: weiterhin Massenwohlstand.

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