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Über rumänische Straßen und Lasagne aus Pferdefleisch

Aus dem FALTER 7/2013

Glosse

Was haben rumänische Straßen mit britischer Pferdefleischlasagne zu tun? Darauf gab der Guardian eine faszinierende Antwort.

Es ist so: Weil sich die rumänische Infrastruktur zusehends weiterentwickelt, werden immer mehr Straßen saniert. Danach verbieten Behörden den Bauern zunehmend die Benutzung jener Pferdekarren, die in unseren Breiten ja geradezu als romantisches Sinnbild des rückständigen Osteuropa gelten. Die Bauern verkaufen ihre Pferde an Schlachthöfe. Und weil die sowieso unter Preisdruck stehen, landet der Karrengaul flugs im Fleischkarton.

Wer sich also nach Einfachheit sehnt, nach Unberührtheit von den Gefahren der modernen Welt, nach einem Leben ohne Pferdefleischlasagne, der soll einfach mal auf seinen Teller blicken. Vielleicht verzehrt er ja gerade die Reste davon.

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa

„Selbstmord mit Messer und Gabel“

Aus dem FALTER 39/2011

Karen Duve über die Piratenpartei, mongolischen Hammelbraten und banale Entscheidungen im Supermarkt

Das richtige Buch zur richtigen Zeit lieferte Karen Duve Anfang 2011. Als Selbstversuch probierte sie sich ein Jahr durch den vegetarischen, veganen und schließlich frutarischen Ernährungsstil – bei Letzterem isst man nur, was die Pflanze von sich aus hergibt. Ihr Buch wurde zum Bestseller, weil es das Unbehagen an ungesunder Ernährung und Massentierhaltung auf den Punkt brachte.

Falter: Frau Duve, am Ende Ihres Buches werden Sie sogar Frutarierin. Was sind Sie heute?

Karen Duve: Heute lebe ich vegetarisch – wobei es mir nicht auf Vereinszugehörigkeit ankommt. Ich kann nicht ausschließen, dass ich irgendwann wieder Fleisch esse. Dann macht es aber einen Unterschied, ob das einmal im Jahr passiert – oder ob ich sage: „Wenn ich einmal Fleisch esse, bin ich kein Vegetarier mehr und kann genauso gut ständig Fleisch essen.“

Aber wer einmal im Jahr Fleisch isst, bekommt Lust auf mehr, oder?

Duve: Genau. Deswegen lasse ich es auch. Aber falls ich mal eine Reise durch die Mongolei mache, gibt es dort womöglich bloß Hammelfleisch. Es geht mir nicht um Identität, sondern darum, möglichst wenig Leid und Schaden anzurichten.

Wer anständig essen will, muss vieles bedenken – Anbaumethoden, Artenvielfalt, Herstellungsweise, Herkunft. Wie kann man anständiger Esser werden, ohne für eine Buchrecherche Ernährungsstile zu studieren?

Duve: Mit Tierquälerei oder Kinderarbeit hergestellte Waren sollten eigentlich gar nicht erst in Supermärkte gelangen. Es ist eigentlich eine Zumutung, dass nicht Politiker, sondern Verbraucher selbst darauf achten müssen, dass sie beim Einkaufen keine Verbrechen unterstützen. Grundsätzlich soll man versuchen, sich mehr Zeit für Einkäufe zu nehmen und sich zu informieren. Eine so wichtige Angelegenheit wie Ernährung verdient Aufmerksamkeit. Lebensmittelauswahl im Supermarkt scheint banal, hat aber Auswirkungen auf Welthunger, Umwelt und Tierhaltung – und natürlich auf den eigenen Körper.

Welchen kurzgefassten Rat würden Sie einem durchschnittlichen Konsumenten geben, der kein besonderes Vorwissen mitbringt?

Duve: Je nachdem, was ihm wichtig ist. Wenn er Tieren Qualen ersparen möchte, sollte er vor allem kein Fleisch essen. Wenn er die Klimaerwärmung stoppen will, sollte er darüber hinaus Milchprodukte weitestmöglich reduzieren. Wenig Fleisch und tierische Produkte, das ist der gemeinsame Nenner von vielem. Außerdem: regional kaufen, saisonal und bio.

Der allergrößte Teil der Weltbevölkerung isst, was eine hochindustrialisierte Landwirtschaft hergibt. Ist es da nicht nur eine beruhigende Lüge, wenn sich der wohlhabende Berliner und Wiener seine Kresse auf dem Fensterbrett selber zieht?

Duve: Sicher auch. Letztlich muss die Politik das entscheiden. Allerdings können die Konsumenten durch einen Trend zu Bio-Lebensmitteln deutlich machen, was sie von Politikern erwarten. Konsumentenmacht ist letztlich eine sehr direkte Macht, vielleicht wirkungsvoller als wählen.

Wie könnte man auch jene zu mächtigen und bewussten Konsumenten erziehen, die beim Lebensmittelkauf auf die Geldbörse schauen müssen?

Duve: Es ist ein Mythos, dass konventionell hergestellte Lebensmittel billig sind. Wir alle zahlen hohe Preise über Subventionen. Statt die Landwirtschaft zu subventionieren, sollte das Geld lieber direkt an jene gehen, die knapp bei Kasse sind.

Würden Menschen gesünder essen, wenn sie mehr Geld dafür hätten?

Duve: Ach was! Gemüse ist doch nicht teurer als Fleisch. Unsere Gesellschaft hat ein Problem mit Überernährung. Selbst konservative Ärzte schätzen, dass die Europäer dreimal so viel Fleisch essen, wie ihnen gut tut – diesen Selbstmord mit Messer und Gabel sollte man nicht auch noch subventionieren. Bedenken Sie: Die meisten Menschen finden zwar, dass man Tiere grundsätzlich essen darf. Gleichzeitig gibt es aber auch einen Konsens, dass man Tiere nicht quälen darf. Niemand würde sich trauen, Tiere bei uns auf der Straße so zu quälen, wie es hinter den Wellblechwänden der Schlachthöfe tagtäglich passiert.

In Berlin wurden gerade die Grünen abgestraft, weil sie zu tugendhaft daherkommen. Hoch gewonnen hat dafür die Piratenpartei, die sich rebellisch gibt. Darf man Leuten vorschreiben, gegen Zigaretten, dicke Autos und schlechtes Essen zu sein?

Duve:Es stimmt, dass man schnell in den Verdacht gerät, moralinsauer zu sein. Man muss aber unterscheiden zwischen einen moralischen Kanon à la 1950er – und der legitimen Frage, ob mein Verhalten das Wohlbefinden anderer beeinträchtigt oder sogar Lebensraum zerstört. Die Grünen haben Fehler gemacht. Tempo 30 im gesamten Stadtgebiet – wer über eine Mindestration politischen Überlebenswillen verfügt, kommt vor einer Wahl nicht mit so einem Vorschlag. Die Piraten haben ihren Erfolg aber weniger den Fehlern der Grünen, sondern ihrer Nähe zum Internet zu verdanken. Mit Unmengen an Twitter-Freunden und deren Freunden konnten sie eine Masse mobilisieren, die die Wahl entscheidend beeinflusst hat.

Anständig essen: Was bitte hat essen mit Moral zu tun?
Am Donnerstag, 6. Oktober, spricht Karen Duve im Bildungszentrum der Arbeiterkammer mit Peter Huemer zum Thema. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr, AK-Bildungszentrum, Großer Saal, 4., Theresianumgasse 16 bis 18.


Zur Person
Karen Duve ist eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin.
Ihr Anfang des Jahres veröffentlichtes Buch „Anständig essen“ wurde zum Bestseller. Erschienen im Verlag Galiano, 335 S., € 20,60

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Eingeordnet unter Konsum

Käsekrainer vs. Kebab: Zwei Imbissstände sind einer zu viel

Aus dem FALTER, 16/2011

Foto: Hans Hochstöger

Zwei Imbissstände auf engem Raum: Dominique Reinprecht, Betreiberin eines Würstelstandes am Alserspitz, freut sich, dass der benachbarten "pizza kebab world“ der Betrieb behördlich untersagt wird

Die Leute“, sagt Dominique Reinprecht, 20, „lassen sich ein Pizzastück einpacken, hüpfen in die Straßenbahn, und weg sind sie. Das ist nicht gut für uns.“ Reinprecht betreibt einen Würstelstand am Alserspitz, wo Alserstraße und Skodagasse zusammenlaufen. Aber ihre Frankfurter und Käsekrainer dampfen immer öfter unberührt auf dem Grill. Denn keine zwei Meter vor ihrem Stand macht die ungleich auffälligere „pizza kebab world“ Kunden abspenstig, betrieben von Dursun Taskin, Besitzer eines guten Dutzends Wiener Kebabstände.

Seit Jahren tobt in der Josefstadt ein kurioser Streit um Fastfood. Taskins Bude, ursprünglich Zeitungskiosk, verwandelte sich 2008 plötzlich in einen Imbissstand – zum Leidwesen des Konkurrenten und ohne Betriebsbewilligung des Bezirks. Der verfügte jetzt nach langem Zögern die Schließung von Taskins Kebab-Welt. „Gut so“, befindet Reinprecht. „Versteckt hinter unserem großen Nachbarn hat uns ja keiner mehr gesehen.“

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Eingeordnet unter Behörden, Reportagen, Wien

„Seit wann kommt Mozzarella aus Österreich, Herr Schöttl?“

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Französischer Brie, griechischer Feta, italienischer Mozzarella – früher war es schick, wenn Käse aus dem Ausland kam. Immerhin sagt man einer Spezialität, die mit einem bestimmten Land assoziiert wird, Authentizität nach. Heute jedoch scheinen die vermeintlichen Vorzüge heimischer Produktion mehr zu zählen als der Reiz der weiten Welt. Zumindest für das oberösterreichische Unternehmen Berglandmilch, besser bekannt als Schärdinger, das den „einzigen österreichischen Mozzarella“ im Lebensmittelhandel anbietet.

Wollen die Leute denn den Ösi-Mozzarella? Die ersten Reaktionen seien sehr positiv, antwortet Berglandmilch-Marketingchef Ulfried Schöttl. „Nach dem Motto: Endlich auch ein österreichischer Mozzarella.“

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Schärdinger bürgert den Mozzarella ein
(Foto: Berglandmilch)

Deshalb bietet Berglandmilch inzwischen ein zweites Produkt derselben Art an: ein Pendant zu Parmesan oder Grana, das unter dem Namen „Pastakäse“ firmiert. Warum streicht man solcherart die heimische Herkunft hervor, statt zum Beispiel Bioproduktion oder schonende Tierhaltung zu betonen? „Österreichische Herkunft impliziert schon diese Werte“, sagt Schöttl. „Die Menschen vertrauen dadurch in die natürliche, tierfreundliche Herstellung.“ Und abgesehen davon: Jene Mozzarellas im Supermarkt, deren Verpackungen italienische Herkunft suggerieren würden, kämen tatsächlich auch meistens von deutschen Produzenten.

Hätte die starke Betonung der Herkunft früher auch schon funktioniert? „Wohl nicht so stark“, sagt Ulfried Schöttl. „Es gab damals schon einen Mozzarella von Schärdinger. Allerdings hat man voll auf eine italienische Herkunftsanmutung gesetzt.“ Das Produkt hieß „Carlo Mozzetti“ und trug den Hinweis „nach italienischer Art“. Und das, sagt Schöttl, „obwohl Milch und Produktion damals auch österreichisch waren“.

Erschienen im Falter 8/2011

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