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Energiearm

Aus profil 46/2016

Seit vergangenem Jahr gilt in Österreich das neue Energieeffizienzgesetz. Heimische Unternehmen können Geld verdienen, indem sie Energie sparen und das Klima schonen. Doch Lobbying-Aktionen und Alibi-Maßnahmen ließen das Projekt bisher scheitern. Protokoll eines ambitionierten Plans mit mangelhafter Umsetzung.

Von
Joseph Gepp

Kurz vor Büroschluss im Kundenzentrum von Wien Energie im 9. Wiener Gemeindebezirk. Es ist einiges los beim städtischen Energieversorger. Kunden wedeln mit Stromrechnungen und fragen die Schaltermitarbeiter nach dieser oder jener Unklarheit. Daneben liest jemand seine Gasanschlussnummer von einem Zettel ab.

Doch es gibt auch einen Schalter, an dem es schnell geht. Hier braucht man keine Unterlagen. Stattdessen bekommt jeder, der möchte, ein Geschenk. Ein sogenanntes Energiesparpaket. Darauf abgebildet: ein glücklich lächelndes Pärchen. Inhalt: eine Broschüre mit Energiespartipps, zwei Energiesparlampen, ein Werkzeug zur Entlüftung von Heizkörpern und weitere Utensilien zum Energiesparen (siehe Bilder). Wie nett, Wien Energie verteilt Geschenke. Einfach so? Weil es der Umweltschutzgedanke gebietet? Nicht ganz. Denn hinter diesem Paket -und ähnlichen Aktionen anderer Energieunternehmen – steckt die Geschichte eines wichtigen Gesetzes: des Energieeffizienzgesetzes (Eeffg), das im Jahr 2014 von der SPÖ-ÖVP-Regierung beschlossen wurde.

ENERGIESPARLAMPE Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 12 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr 18 Stunden auf einem Großbild-TV fernsehen.

ENERGIESPARLAMPE
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 12 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr 18 Stunden auf einem Großbild-TV fernsehen.

Bei der Klimakonferenz von Paris vor einem Jahr hat sich die Weltgemeinschaft entschlossen, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen. Es ist ein herausforderndes Ziel, für das 80 Prozent der weltweiten Energieversorgung auf neue Beine gestellt werden müssen. Beim derzeitigen Treffen in Marrakesch wird nun die Umsetzung debattiert. Österreichs Energieeffizienzgesetz ist im internationalen Kampf gegen den Klimawandel nur eine Schlacht – aber keine unwesentliche. Basierend auf einer Richtlinie der EU sollen heimische Unternehmen und Haushalte bis zum Jahr 2020 insgesamt 20 Prozent weniger Energie verbrauchen, als sie es würden, wenn der derzeitige Energiekonsum unvermindert weiterginge.

Doch das Gesetz ist umstritten. Umweltschützer, Politiker und auch Unternehmer kritisieren es scharf. „Es gibt zu viele Alibimaßnahmen“, sagt Christian Rakos, Geschäftsführer der Firma Save Energy Austria GmbH im niederösterreichischen Wolfsgraben. Rakos entwickelt Energiesparkonzepte, die er an andere Unternehmen verkauft. „Das Gesetz ist nicht so umgesetzt, dass es zu echten Einsparungen kommt.“

Schummelt sich Österreich über wichtige Klimaschutz-Maßnahmen hinweg? Und was hat das alles mit dem Päckchen von Wien-Energie zu tun?

Das Energieeffizienzgesetz betrifft jedenfalls jedes größere heimische Unternehmen, das Energie jeder Art an Endkunden verkauft. Zum Beispiel Tankstellen, Heizwerke und Holzpellets-Lieferanten. Sie alle müssen jährlich 0,6 Prozent Energie sparen, im Vergleich zur jeweiligen Vorjahresmenge. Kontrolliert und verwaltet wird dies von der sogenannten „Monitoring-Stelle Energieeffizienz“ in Wien.

Erreichen die Betriebe das Ziel nicht, ist eine Strafe fällig: 20 Cent je überzähliger Kilowattstunde. Mit einer Kilowattstunde Energie kann man etwa eine Stunde staubsaugen oder ein Mittagessen für vier Personen zubereiten.

WASSEREDUZIERER Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 234 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr von Wien nach München mit dem Auto fahren.

WASSEREDUZIERER
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 234 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr von Wien nach München mit dem Auto fahren.

Gelingt es hingegen einem Betrieb, mehr als die 0,6 Prozent einzusparen, geht dieser Effizienzgewinn nicht verloren. Stattdessen kann das Unternehmen seine zusätzlich eingesparten Kilowattstunden an andere verkaufen, die sich schwerer tun, das Ziel zu erreichen. Die Energie-Ersparnis wird gutgeschrieben und auf privaten Internet-Plattformen gehandelt. Solcherart soll ein Markt für eingesparte Energie entstehen. Die Wirtschaftstreibenden, so der Hintergedanke, bekommen dadurch einen starken Anreiz, zum Klimaschutz beizutragen: nämlich Gewinne.

Blickt man auf die Zahlen, wirkt diese Idee wie ein durchschlagender Erfolg. Im ersten Jahr seit Inkrafttreten des Gesetzes 2015 haben „die Unternehmen die Vorgaben übertroffen“, freute sich im Februar der zuständige ÖVP-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Die Betriebe haben in Summe nicht nur die geforderten 0,6 Prozent Energie eingespart, sondern fast das Doppelte, mehr als ein Prozent.

Zugleich ist der Preis für die Energieeffizienz-Reserven abgestürzt. Vor mehr als einem Jahr war eine Kilowattstunde eingesparter Energie noch 15 Cent wert. Mittlerweile liegt der Preis laut „Energieeffizienz-Radar“ der Wirtschaftskammer bei nur rund einem Cent.

Offenbar fällt es den Unternehmen also ziemlich leicht, effizient zu werden. Derart leicht, dass nach überschüssiger Energieersparnis kaum Nachfrage besteht. Geht das Sparen gar so einfach? Nein, sagt Kritiker Rakos. „Der Grund ist, dass zahlreiche fragwürdige Maßnahmen als Energieeffizienzmaßnahmen anerkannt werden. Solcherart können die Unternehmen die Anforderungen des Gesetzes mit minimalem Aufwand erfüllen -nur wird in Wahrheit gar keine Energie gespart.“ Der Markt werde „mit Maßnahmen geflutet“.

Das führt zur Frage, was denn laut Energieeffizienzgesetz konkret als Sparmaßnahme gilt. Dies steht unter anderem im Anhang einer Verordnung des Wirtschaftsministeriums. 239 Seiten, rund 100 Maßnahmen, komplizierte Formeln, die regelmäßig auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Derartige Umsetzungsdokumente wurden durch massives Lobbying verwässert, klagen Kritiker wie Rakos.

Ein Beispiel: die sogenannten Diesel-Additive. Dabei handelt es sich um Zusätze, die in den Diesel geleert werden. Dies reinigt die Motordüsen der Autos, wodurch sie rund drei Prozent weniger Treibstoff verbrauchen. Damit erhöht die Maßnahme die Energieeffizienz. Die Additive sorgen laut Experten deshalb für rund ein Viertel aller gutgeschriebenen Effizienz, die sich im Umlauf befindet.

BROSCHÜRE "ENERGIESPAREN" Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 32 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man sich 100 Jahre lang drei Mal täglich elektrisch rasieren.

BROSCHÜRE „ENERGIESPAREN“
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 32 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man sich 100 Jahre lang drei Mal täglich elektrisch rasieren.

Grundsätzlich ist dieser Einspareffekt zwar unbestritten. Kritiker monieren allerdings: In vielen handelsüblichen Kraftstoffen in Österreich seien bereits standardmäßig -ganz unabhängig vom Energieeffizienzgesetz – Reinigungsadditive beigemengt. Verringert es den Verbrauch nun noch mehr, wenn man weitere von ihnen dazuschüttet? Nein, kritisieren etwa die Grünen. Sie orten einen „Energieeffizienz-Betrug“.

Im Oktober bekam die Kritik an den Additiven neue Nahrung (profil berichtete hier und hier). Messergebnisse, welche die Umweltschutzorganisation Global 2000 präsentierte, zeigen: Jene Labors, welche die Einsparwirkung der Additive überprüfen, benutzen dafür einen Test-Diesel -aber der enthält vorab keine Additive.

Doch die Additive sind nicht der einzige Kritikpunkt. Auf Widerstand stoßen auch die „Wasserreduzierer“, kleine Plastiksiebe, die man in Wasserhähne schraubt. Damit fließt weniger Wasser aus der Leitung. Eine prinzipiell sinnvolle Maßnahme, denn dessen Erwärmung macht in einem durchschnittlichen heimischen Haushalt ein Viertel des Energieverbrauchs aus. Allerdings: Findige Energieunternehmen verschickten die Siebe per Postwurfsendung einfach massenhaft an österreichische Haushalte. Laut Verordnung gilt dies bereits als Energieeffizienzmaßnahme. Ob die Empfänger die Wasserreduzierer auch wirklich einbauen oder eher wegwerfen, bleibt unberücksichtigt. Jedenfalls: Jedes Sieb bringt eine rechnerische Einsparung und Effizienz-Guthaben von stolzen 650 Kilowattstunden pro Jahr. Das entspricht der Energie eines vollen Autotanks. Womit wir zurück beim Geschenkpäckchen von Wien Energie wären. Inhalt: zwei Energiesparlampen, ein Heizungsentlüftungsschlüssel, zwei Wasserreduzierer, eine Info-Broschüre. Ergibt in Summe 525 Kilowattstunden formelle Ersparnis, die sich Wien Energie gutschreiben lassen kann – für jede Person, die sich ein solches Päckchen abholt.

ENTLÜFTUNGS-SCHLÜSSEL Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: von der Monitoring-Stelle Energieeffizienz noch nicht festgelegt

ENTLÜFTUNGS-SCHLÜSSEL
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: von der Monitoring-Stelle Energieeffizienz noch nicht festgelegt

Was sagt zu all dem das Wirtschaftsministerium, das für die Energieeffizienz-Verordnung verantwortlich ist? Die Energiemaßnahmen „basieren auf wissenschaftlichen Studien, geltenden technischen Normen sowie der Einbeziehung von Experten“, heißt es auf profil-Anfrage. Österreich habe ein strengeres System als viele andere EU-Staaten. In manchen Bereichen brauche es trotzdem „einen Mittelweg, damit der bürokratische Aufwand für die Betroffenen nicht überbordend ausfällt“. Ähnlich argumentiert Stephan Schwarzer, Leiter der Abteilung für Umwelt-und Energiepolitik der Wirtschaftskammer, welche die Interessen der Unternehmen vertritt. „Das Energieeffizienzgesetz ist noch ziemlich neu und hochkomplex“, sagt er. „Manche Regelungen und EDV-Tools funktionieren noch nicht optimal, aber es ist ein Work in progress.“ Und: „Ein gewisses Maß an Verallgemeinerung ist nicht zu vermeiden. Man kann nicht in jeden Haushalt hineinschauen, wie stark Effizienzmaßnahmen tatsächlich wirken.“ Schwarzer verweist auf die laufenden Überarbeitungen der Verordnung durch die Monitoring-Stelle: So sind manche Typen Wasserreduzierer in der letztgültigen Fassung nicht mehr enthalten. Und für Energiesparlampen bekommt man neuerdings weniger Effizienz gutgeschrieben als zuvor. Trotzdem: Das ambitionierte Projekt, einen Markt für Energieeffizienz zu schaffen, ist vorerst gescheitert. „Die Unternehmen haben sich massenweise mit spottbilligen Maßnahmen eingedeckt“, sagt Werner Krenek, Anwendungstechniker bei der Honeywell Austria GmbH in Wien, die Effizienzmaßnahmen entwickelt. „Damit ist der Markt auf Jahre ruiniert. Die Energielieferanten sind teilweise jetzt schon für die kommenden fünf Jahre über Bedarf mit Maßnahmen versorgt.“

Wir müssen also noch fünf weitere Klimakonferenzen abwarten. Danach kann die Sache mit der Energieeffizienz in Österreich von Neuem beginnen.

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Eingeordnet unter Energie, Wirtschaft

Hinter dem A+++

Aus profil 50/2015

Waschmaschinen, Staubsauger, Fernseher: Sie alle tragen die EU-Energieeffizienzplakette. Das soll Verbrauchern helfen, Geld zu sparen und das Klima zu retten. Doch die Hersteller der Geräte tricksen, der Energieverbrauch verringert sich kaum – dank eines Alibi-Systems, das an der Wirklichkeit vorbeigeht.

Von Joseph Gepp

Das ist die Geschichte einer Plakette, sie ist ungefähr zehn mal zwanzig Zentimeter groß, aus Karton, in Plastik eingeschweißt, bedruckt mit bunten Pfeilen und Buchstaben, und sie ist viel viel Geld wert.

Das sogenannte europäische Energieeffizienz-Label zeigt an, wie sparsam Haushaltsgeräte laufen. Es hängt es auf Waschmaschinen, Staubsaugern, Gasthermen oder Kühlschränken. „D“, steht dort beispielsweise in roter Farbe. Oder „A“ in gelber. Oder „A+++“ in grüner. Je grüner, desto besser. Bei 57 Prozent der Konsumenten fließen solche Angaben in die Kaufentscheidung mit ein, heißt es in einer Umfrage des deutschen Forsa-Instituts. Ein Konzern von heute kann auf gute Labels für seine Produkte nicht mehr verzichten. Allerdings: „Hier wird heftig getrickst“, sagt Sepp Eisenriegler. „Das ganze System ist hinterfragenswert.“

Eisenriegler, ein 62-jähriger Wiener, Gründer des sogenannten Reparatur- und Servicezentrums, steht in einer Hinterhofhalle in Wien-Penzing. Hier betreibt er seine Werkstatt. 21 Leute reparieren unter Eisenrieglers Leitung gegen Bezahlung gebrauchte Geräte, die ihre Besitzer nicht wegwerfen wollen. In den Regalen hinter ihm stapeln sich Espressomaschinen, Fritteusen und Plattenspieler. Auf Eisenrieglers Geräten hängen ebenfalls Plaketten, aber nicht die bunten der Energieeffizienz, sondern weiße, auf denen mit schwarzem Filzstift die Namen der Besitzer gekritzelt stehen. Eisenriegler kennt sich aus bei Haushaltsgeräten. „Den Kunden wird etwas vorgegaukelt“, sagt er. „Mit Sparen hat das alles kaum etwas zu tun.“

Seit Monaten erschüttert der VW-Skandal die Autowelt. Der deutsche Autokonzern hat illegale Software in seinen Wagen installiert. Der Ausstoß giftiger Abgase war dadurch zwar im Testlabor niedrig, beim echten Fahren der Autos auf der Straße jedoch hoch. Die VW-Affäre hat zahlreiche Debatten ausgelöst. Ähnliche Vorwürfe gibt es inzwischen auch in Richtung Audi, Porsche und Renault. Und bei Haushaltsgeräten?

Eines „Verhaltens ähnlich wie im Volkswagen-Skandal“ bezichtigte im Oktober der britische Staubsauger-Hersteller James Dyson seinen deutschen Konkurrenten Bosch. Dieser, so Dyson, würde mittels Sensor den Energieverbrauch seiner Staubsauger manipulieren, und damit die Angaben auf der Plakette. Die Stiftung Warentest wiederum, die Konsumentenschutzorganisation in Berlin, stößt bei ihren Produkttests regelmäßig auf „Täuschungsmanöver“, was den Energieverbrauch von Geräten betrifft. Was ist da los? Werden die Konsumenten belogen? Die schöne bunte Plakette – ein Betrug, so wie bei VW?

Die umstrittenen EU-Energieeffizienz-Labels (hier für Staubsauger) sollen anzeigen, wie sparsam Haushaltsgeräte laufen (Umweltbundesamt)

Die umstrittenen EU-Energieeffizienz-Labels (hier für Staubsauger) sollen anzeigen, wie sparsam Haushaltsgeräte laufen (Umweltbundesamt)

Die Ausgangsbedingungen jedenfalls wären bei Haushaltsgeräten und Autos ähnlich: Hier wie dort versucht die europäische Politik seit Jahrzehnten, den Energieverbrauch zu senken. Das Klima, über dessen Schutz bei der Konferenz in Paris gerade verhandelt wird, soll damit geschont werden. Und die Geldbörse des Verbrauchers: Bei Haushaltsgeräten etwa soll die Stromrechnung eines durchschnittlichen europäischen Haushalts ab dem Jahr 2020 um 465 Euro jährlich niedriger ausfallen, sagt die EU-Kommission – dank zahlreicher Energieeffizienz-Gesetze. So wie den bunten Buchstaben von G bis A+++, die derzeit für 15 Produkte vorgeschrieben sind. Neben Staubsaugern und Waschmaschinen etwa für Klimaanlagen, Fernseher und Geschirrspüler.

Allerdings: Leistungsstarke Staubsauger saugen trotzdem besser als schwache. Heißes Waschmaschinenwasser, das mit hohem Stromverbrauch erhitzt wird, reinigt gründlicher als kaltes. Und so ist der Grundkonflikt bei Haushaltsgeräten derselbe wie bei Autos: Hohe Leistung würde es angenehmer machen für den Konsumenten. Doch niedrige kommt ihn billiger und macht sich besser in der Klimabilanz.

Wer wissen will, wie die Haushaltskonzerne mit diesem Spagat umgehen, muss zurück in die Hinterhofwerkstatt von Sepp Eisenriegler. Dort führte er im Jahr 2010 ein Experiment durch. Eisenriegler wollte wissen, mit wie wenig Strom Waschmaschinen auskommen, ohne dadurch schlechter zu funktionieren.

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Sogleich jedoch stieß er auf ein Problem. Die Ergebnisse seiner Verbrauchstests sollten ja vergleichbar sein mit jenen offiziellen Tests, wie sie Prüfinstitute in ganz Europa durchführen. Bei diesen werden Verbrauch und Energieeffizienz ermittelt; die Ergebnisse liegen der EU-Energieeffizienzplakette zugrunde. Eisenriegler musste sich also in die komplexe Welt der Normung einarbeiten und die diffizilen Regeln strikt standardisierter Produkttests kennenlernen. „Da reicht es bei Weitem nicht“, sagt er, „wenn man eine Waschmaschine aufdreht und einen Stromzähler dranhängt“.

Eisenriegler richtete also beispielsweise eine Klimakammer ein, denn die Außentemperatur bei den Tests muss immer gleich sein – es ist ein fensterloser, gefliester Raum hinter einer dicken Metalltür. Er kaufte bei Spezialfirmen Normtextilien aus Baumwolle, wie sie bei Waschmaschinentests statt normaler Schmutzwäsche verwendet werden. Diese Textilien sind mit Normflecken versehen, Öl, Blut, Kakao, Rotwein. Danach wird alles mit Normwaschmittel gewaschen. „Solche Tests kosten inklusive Vorbereitung bald einmal ein paar Hunderttausend Euro“, sagt er.

Was Eisenriegler im kleinen Maßstab machte, führen im großen zertifizierte Prüfinstitute durch. Die Bedingungen, unter denen die Tests ablaufen, werden zuvor in einem komplexen Prozedere ausverhandelt. Tausende Beteiligte sind europaweit darin involviert. In Österreich zum Beispiel informiert das Austrian Standards Institute (ASI), ein gemeinnütziger Verein in Wien, alle Stellen, die daran interessiert sein könnten, wie neue Normen für ein bestimmtes Produkt aussehen sollen. Es können Unternehmen sein, Behörden, Umweltschützer oder Wissenschafter. Danach treffen sich Beteiligte aus allen europäischen Ländern in Brüssel. Jeder, der Interesse hat und vom Fach ist, kann mitverhandeln, wie die Tests ablaufen.

Die Organisatoren dieser Verfahren sind die Normungsinstitute aus den einzelnen EU-Ländern, also etwa Österreichs ASI. Manche von ihnen, wie das ASI, verraten der Öffentlichkeit, wer genau aus dem jeweiligen Land an den Verhandlungen teilnimmt. Andere Institute jedoch tun das nicht. Folge: Für ganz Europa lässt sich nicht nachvollziehen, wer beispielsweise die Kriterien für Waschmaschinentests festlegt und wie diese Verhandlungen genau ablaufen. Kritiker beklagen eine Übermacht der Konzerne. Jedenfalls: Was bei den Verfahren herauskommt, ist oft „nicht sehr realitätsnah“, kritisiert die deutsche Stiftung Warentest, einer der größten unabhängigen Tester von Haushaltsgeräten.

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Zum Beispiel Kühlschränke. Sie sind im Test prinzipiell leer, weil die Testbedingungen dies so vorsehen – dabei würden sie mit Inhalt mehr Energie verbrauchen. Oder Fernseher: Bei ihnen ist das Bild auf maximale Dunkelheit gestellt. Oder Staubsauger: Sie werden nicht nur immer mit leerem Beutel getestet, sondern auch mit energieschonenden Spezialdüsen. Die saugen sich derart stark am Boden fest, dass man sie unter Haushaltsbedingungen gar nicht verwenden könnte.

Oder eben Waschmaschinen. Hier werden für die Energieeffizienz-Tests nicht etwa alle Waschgänge berücksichtigt, sondern nur bestimmte. Es sind vor allem Öko-Programme, die oft mehrere Stunden lang laufen. Auf ihnen basiert dann der Energieverbrauch, der auf der Plakette angegeben ist. In Wahrheit jedoch ist er viel höher, sobald der Benutzer die üblichen Normalprogramme auswählt. Die schonen dann weder das Klima noch die Geldbörse des Konsumenten.

Andere Praktiken wirken fast kurios. So könnte man als Konsument annehmen, dass die Wassertemperatur in der Maschine 60 Grad erreicht, wenn man einen 60-Grad-Waschgang auswählt. Das ist aber nicht der Fall, wie Messungen der Stiftung Warentest ergeben. Stattdessen erreicht die Temperatur etwa im 60-Grad-Öko-Waschgang nur 43,2 Grad (bei einer Miele-Maschine) oder gar 26,9 (bei einer von AEG). Der Grund: Die Wassertemperatur ist bei den Tests kein zwingendes Kriterium.

Auf einen speziellen Trick stieß die Stiftung Warentest außerdem bei einigen Bosch-Siemens-Waschmaschinen. Die Prüfer der deutschen Organisation messen die Wassertemperatur gemeinhin am Anfang eines Waschgangs. Die Maschinen waren deshalb so konstruiert, dass am Beginn kurz 60-Grad-Wasser in sie geleitet wird. Gleich darauf jedoch folgt kälteres, sodass die Durchschnittstemperatur lediglich 40 Grad beträgt.

Wie rechtfertigen die Konzerne solche Praktiken? Auf profil-Anfrage argumentiert Bosch-Siemens mit der „Waschwirkung“. Diese sei entscheidend, nicht die Wassertemperatur: „Es kommt nicht darauf an, dass die Wäsche mit genau 60 Grad gewaschen wird, sondern dass die Waschwirkung auf 60-Grad-Wäsche optimiert ist.“ Überdies weist der Konzern mit Sitz in München darauf hin, dass es durchaus auch Waschprogramme gebe, die tatsächlich die angegebenen 60 Grad erreichen. Nur brauchen diese eben deutlich mehr Energie.

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Ähnlich ist die Kritik bei Staubsaugern. „Bosch installiert in einigen seiner Maschinen eine Elektronik, um das EU-Energielabel zu umgehen“, klagt der britische Unternehmer James Dyson im „Daily Telegraph“. Dyson hat Interesse daran, die Causa zu skandalisieren, weil seine Firma im Gegensatz zum deutschen Konkurrenten nur beutellose Staubsauger anbietet.

Bei jenen mit Beutel nimmt die Saugleistung tendenziell ab, je voller der Beutel ist. Und genau hier trickse Bosch, behauptet Dyson. Ein Sensor im Gerät sorge dafür, dass die Leistung der Geräte von 750 auf 1600 Watt hochschnellt, sobald sich Staub im Beutel befindet. Das bedeutet: Mit leerem Beutel glänzen die Staubsauger mit der Bestnote A+++. Sobald beim echten Benutzen Staub ins Spiel kommt, erreichen sie nur noch ein E oder F.

Bei Bosch-Siemens bestreitet man die Existenz des Sensors gar nicht. Nur sei das kein Trick, sondern völlig legitim, weil regelkonform, argumentiert der Konzern. Offiziell gemessen wird der Energieverbrauch nämlich nur mit leerem Beutel, so sehen es die Testkriterien bei Staubsaugern vor.

Hinter diesem Argument steckt auch der große Unterschied zur VW-Affäre: Volkswagen hat Gesetze gebrochen, Bosch-Siemens und andere Konzerne nicht. Sie bewegen sich, zumindest so weit bisher bekannt, im Rahmen der Vorschriften. Dementsprechend hat der Europäische Gerichtshof Mitte November eine Klage von Dyson gegen Bosch-Siemens abgewiesen. Das deutsche Unternehmen habe nichts Unrechtes getan – es nutzt nur die Lücken in den Prüfverfahren maximal aus. Allerdings: Für das Klima ist diese Unterscheidung egal, und für die Geldbörse des Verbrauchers auch.

Weil Umwelt- und Konsumentenschutzorganisationen deshalb scharfe Kritik an der EU-Energieeffizienz-Plakette üben, arbeiten die europäischen Institutionen in Brüssel an einer Reform. Momentan verhandeln Mitgliedsstaaten und EU-Parlament. Bei Staubsaugern zum Beispiel werde die EU-Kommission wohl bald bei den Normungsinstituten erwirken, dass Tests mit teilbefülltem statt leerem Beutel stattfinden, sagt Chris Spiliotopoulos von der Umweltorganisation Ecos in Brüssel.

Für Sepp Eisenriegler, den Tüftler aus Penzing, ist das bei Weitem nicht genug. Geht es nach ihm, sollten Europas Politiker nicht nur transparente und vernünftige Testkriterien durchsetzen. Sondern überhaupt das ganze Konzept der Energieeffizienz infrage stellen. „Wir müssen breiter denken“, sagt er.

Denn die Energieeffizienz ist kein absoluter Wert, sondern bemisst sich im Vergleich zur Größe des Geräts. Und Letztere wächst seit Langem stark an. Fernseher haben heute größere Bildschirme als früher, Kühlschränke fassen mehr Lebensmittel, Waschmaschinen mehr Wäsche. Eine durchschnittliche Waschtrommel etwa fasst heute laut dem deutschen Bundesverband der Verbraucherzentralen fast einen halben Kilo mehr Wäsche als im Jahr 2012. Das bedeutet: Was an Effizienz gewonnen wird, geht wegen der Größe wieder verloren. Bei manchen Produkten steigt trotz großer Effizienzgewinne der absolute Stromverbrauch sogar an.

Experten wie Chris Spiliotopoulos von Ecos fordern aus solchen Gründen – neben realitätsnahen Testbedingungen – gleich eine Neuaufstellung des EU-Energieeffizienzlabels. Dieses solle in seiner Bewertung mehr abbilden als nur die Effizienz, sagt er. Wenn zum Beispiel das Gerät nach der Entsorgung gut verwertbar ist, soll das ebenfalls die Bewertung verbessern. Oder wenn es die dazugehörigen Ersatzteile lange Zeit im Handel zu kaufen gibt.

Das ist die Geschichte einer Plakette, sie ist ungefähr zehn mal zwanzig Zentimeter groß, bedruckt mit bunten Pfeilen und Buchstaben, und sie ist viel viel Geld wert. Vergangene Woche legten die EU-Energieminister in Brüssel einen ersten groben Entwurf vor, wie eine Neuordnung des EU-Energieeffizienzlabels aussehen könnte. Nach einer tiefgreifenden Reform sieht es nicht aus.

Ob die Testverfahren künftig realitätsnäher ablaufen, ist noch weitgehend offen. Dazu flossen die Forderungen nach einer Neuaufstellung, wie jene von Spiliotopoulos, kaum in den Entwurf ein. Stattdessen soll der Konsument künftig nur noch schneller erkennen, welches Gerät effizient ist und welches nicht. Zu diesem Zweck plant man beispielsweise, dass die vielen Plus-Zeichen hinter der Bestbewertung A verschwinden. Und die besten Geräte, die es derzeit zu kaufen gibt, sollen überhaupt nur die Klasse B erreichen. Damit Luft nach oben ist. Für noch mehr Effizienz.

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