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Was ist in Güssing schiefgelaufen, Herr Groll?

Aus dem FALTER 32/2013

Interview: Joseph Gepp

Schon im Jahr 2011 kritisierte der Journalist und Sachbuchautor Markus Groll („Die 50 größten Energiespar-Lügen“) die burgenländische Stadt Güssing als „Potemkin’sches Dorf der Energieautonomie“. Jetzt wäre das dortige Biomassekraftwerk fast in Konkurs gegangen. Was hat Güssing falsch gemacht, Herr Groll?

Herr Groll, Sie haben bereits 2011 das damals noch hochgelobte Güssing scharf kritisiert. Warum?

Güssing hat mit einer guten Idee angefangen, aber irgendwann ist das vermittelte Bild immer mehr von der Wirklichkeit abgedriftet. Das Modell basierte nur noch auf massiven Förderungen, großspurigen Versprechungen und geschicktem Marketing.

Was hat man versprochen?

Man präsentierte Güssing als Vorbild für ganz Österreich. Dabei hat das Konstrukt wirtschaftlich nicht funktioniert, und selbst über die ökologische Rechnung könnte man streiten. Mit der gleichen Berechtigung hätten sich Dutzende andere Gemeinden genauso vermarkten können. Das war ein Schmäh. Er könnte dem Thema Energiewende aber am Ende mehr geschadet als gebracht haben.

Wenn eine Gemeinde ihr Energiesystem nachhaltig gestalten will, was kann sie richtiger machen als Güssing?

Zunächst soll sie nicht mehr versprechen als sie halten kann. Zweitens würde ich mich vom Konzept der „Energieautarkie“ verabschieden, zumindest auf Gemeindeebene. Das ist ein hochgradig falscher Zugang – was ist schlecht daran, überregionale Vernetzung zu nutzen? Drittens würde ich stärker auf ausgereiftere und wirtschaftlich tragfähigere Technologien setzen. Güssing war ein First Mover im Energiebereich und ist dementsprechend in viele Fallen gerannt. Die Infrastruktur für Fernwärme zum Beispiel ist furchtbar teuer und von Abnehmern abhängig.

Gibt es andere Gemeinden, die es besser machen?

Ja, zum Beispiel Mureck oder die Öko-Region Kaindorf in der Steiermark.

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Buch: Über den Ausstieg vom Ausstieg

Aus dem Falter 11/2011

Noch vor Tagen lag die letzte große Atomkraftpanne, die von Tschernobyl, 25 Jahre zurück – und die Befürworter des „Ausstiegs vom Ausstieg“ erlebten angesichts von Klimawandel und Emissionsbelastung einen Aufschwung. Einer der wichtigsten Proponenten: der deutsche Physiker Konrad Kleinknecht von der Uni Mainz, der Atomkraft für das „kleinere Übel“ hält. Sein Buch von 2007 ist differenziert, gut geschrieben und erklärt dem Laien das Problem auch dann auf kluge Art, wenn man die Argumente nicht teilt. Denn eins macht es in jedem Fall klar: Zugleich das Klima zu retten und auf Atomkraft zu verzichten, wird ohne tiefe Einschnitte in westlich-verschwenderische Lebensweisen nicht möglich sein. Wer sich – wie Österreich – von Atomkraft distanziert und gleichzeitig (bis zum Jahr 2000) Energie aus Tschernobyl bezieht, der macht es sich nämlich allzu einfach.

Konrad Kleinknecht: Wer im Treibhaus sitzt. Wie wir der Klima- und Energiefalle entkommen. Piper Verlag, 256 S., € 14

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Machtlose Transitländer

Wien – Eine vom Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) organisierte Podiumsdiskussion am Mittwoch brachte Erhellendes zur russischen Energiepolitik: Der Gasprom-Konzern, im russischen Inland weit gehend Monopolist, versucht auf internationaler Ebene seine Gastransitrouten auf mehrere Staaten zu verteilen – um zu verhindern, dass die Transitländer im Krisenfall über das Erdgas verfügen. Wie schon einmal passiert im Gasstreit mit der Ukraine im Winter 2005: Um eine Erhöhung des Preises zu erzwingen, wurde der Ukraine kurzerhand der Gashahn zugedreht.

Das Erdgas in den Westen floss allerdings weiter fast ausschließlich durch ukrainische Pipelines – die Ukrainer zapften einfach das für den Westen gedachte Gas an, worauf in den westeuropäischen Pipelines der Druck sank und Russland plötzlich als unzuverlässiger Lieferant dastand.

Lehrbeispiel

Es handle sich, wie Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck erklärte, dabei um ein Lehrbeispiel, wie Politik und Wirtschaft in Russland zusammenspielen: Die Strategie der Diversifikation im Anschluss an den Gasstreit stärkte in wirtschaftlicher Hinsicht den Gasprom-Konzern und sorgte in politischer Hinsicht dafür, dass derartige Unpässlichkeiten nicht mehr vorkommen. Bis 1999 floss das gesamte russische Erdgas über ukrainisches Territorium in den Westen, heute sind es nur noch zirka zwei Drittel.

Zwischenzeitlich wurden zwei neue Pipelines über Weißrussland und die Türkei errichtet, zwei weitere Seerouten sind in Bau. Die Gefahr, dass das Transitland Ukraine noch einmal nach Gutdünken über russisches Gas verfügt, dürfte damit gebannt sein. (Joseph Gepp, DER STANDARD, Printausgabe 6.7.2007)

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