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Fehltherapie

Aus profil 6/2018

Vor bald zehn Jahren löste der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers eine globale Finanzkrise aus. Die Folgen sind auch eine Dekade später nicht überwunden. Ist die Weltwirtschaft heute stabiler als damals? Nein, meint Joseph Gepp. Teil 1 einer losen Serie zum zehnten Jahrestag der Krise.

Oft hört man in Politik und Medien den Vorwurf, jemand bekämpfe anstelle eines echten Problems lediglich die Symptome. Das ist ungerecht. Denn es ist wichtig, Symptome zu bekämpfen. Auch Symptome können töten, ob hohes Fieber oder schwerer Durchfall. Nur: Auf die Symptombekämpfung muss noch etwas folgen. Vor zehn Jahren begann, was wir heute „Große Rezession“ nennen. Oder schlicht: „die Krise“. Zunächst setzte ein starker Wirtschaftsabschwung in den USA ein. Darauf folgte eine jahrelange Serie an internationalen Verwerfungen, die sich zur größten Wirtschaftskrise seit 1929 auswuchs. Die Wegmarken: Bankenpleiten von Lehman Brothers bis zur isländischen Kaupthing Bank. Platzende Immobilienblasen in vielen Ländern. Schuldenkrisen in Griechenland und anderen Staaten.

Heute, so scheint es, ist alles wieder in Ordnung. Vielerorts wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) so stark wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr; in Österreich sind für 2018 drei Prozent prognostiziert. Die Angst vor dem Zerfall des Euroraums ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Wirtschaftsleistung der EU erreichte im Vorjahr erstmals wieder das Niveau des Jahres 2007, also von vor der Krise. Die Arbeitslosenzahlen sinken; selbst im gebeutelten Südeuropa gibt es Anzeichen einer Erholung. Ein Kreislauf zum Besseren ist in Gang gekommen, zumindest vordergründig. Ein Jahrzehnt nach 1929 brach der Zweite Weltkrieg los – heute hingegen, ein Jahrzehnt nach 2008, klingen die Wirtschaftsmeldungen positiv. Wurde die große Krise also erfolgreich überwunden? Oder trügt der Schein? Was lehrt uns der Vergleich zwischen 2008 und 1929? Und wie könnte und soll es weitergehen?

Womit wir wieder beim Thema Symptombekämpfung wären. Eben diese nämlich hat bei der Krise 2008 ausnehmend gut funktioniert. Die oft gescholtenen Politiker – in Wien, in Brüssel, bei den Konferenzen der 20 wichtigsten Staats-und Regierungschefs – haben entschlossen und schnell auf Symptome der Krise reagiert. Sie schnürten Konjunkturpakete, um die Wirtschaft zu stützen (in Österreich stellte die damalige SPÖ-ÖVP-Koalition 2008 eine Milliarde Euro für mittelständische Unternehmen zur Verfügung). Die Politiker konzipierten Notprogramme à la Kurzarbeit, um die Arbeitslosigkeit in Zaum zu halten. Die Zentralbanken in Frankfurt und Washington senkten die Leitzinsen radikal – denn wenn die Zinsen niedrig sind, nehmen mehr Leute Kredite auf und halten damit die Wirtschaft am Laufen. Und: Die Regierungen nahmen Steuergeld in die Hand, um Bankenpleiten zu verhindern. Dies war zwar hochumstritten, aber notwendig. Denn infolge der Pleiten hätte sich Panik breitgemacht. Bankkunden hätten ihre Konten leergeräumt, wodurch die Zahlungsfähigkeit weiterer Banken bedroht gewesen wäre. Am Ende hätten die Bankomaten möglicherweise kein Geld mehr ausgespuckt; das Finanzsystem wäre kollabiert.

Wie hingegen eine Krise verläuft, deren Symptome nicht bekämpft werden, das zeigt die Große Depression von 1929. Damals unterblieben die Maßnahmen, die 2008 gesetzt wurden. Der wichtigste Grund für die Untätigkeit war, dass alle wichtigen Währungen mit Gold gedeckt waren. Infolge des Goldstandards konnten die Zentralbanken die Leitzinsen nicht senken -die Leute hätten ihr Geld sogleich in Gold umgetauscht, die Goldreserven der Staaten wären weggeschmolzen. Auch konnten die Politiker keine relevanten Konjunktur-und Bankenpakete schnüren, da die verfügbare Geldmenge starr vom Gold abhing, welches die Länder gebunkert hatten. Erst nach Jahren beschlossen die meisten Regierungen, den Goldstandard aufzugeben. Aber da war es schon zu spät.

Bank Run in den USA 1933: Was unterscheidet die damalige Krise von der heutigen? (Wikipedia)

Die Industrieproduktion in den USA sank zwischen 1929 und 1931 um ein Drittel. Die Arbeitslosigkeit in Österreich im Jahr 1933 betrug 27 Prozent der Erwerbstätigen, in Deutschland 44 Prozent – wobei es kaum Sozialsysteme gab, welche die Arbeitslosen vor dem Sturz ins Elend bewahrten. Die soziale Situation, die daraus resultierte, hat viel zum Aufstieg des Faschismus beigetragen.

2008 hingegen verhinderten besagte Sofortmaßnahmen das Schlimmste. Zwar sackte die deutsche Industrieproduktion ebenfalls um 19 Prozent ab, jene von Japan gar um 33. Viele Aktienmärkte brachen sogar stärker ein als einst im Jahr 1929. Aber insgesamt konnten die Regierungen den Kollaps von Bankensektor und Realwirtschaft verhindern. Funktionierende Sozialsysteme sorgten dafür, das sich kein Elend breitmachte. Österreichs Wirtschaftsleistung beispielsweise ging im Jahr 2009 um knapp vier Prozent zurück, wuchs aber bereits 2010 wieder leicht um 2,1 Prozent.

Allerdings: Was folgte auf die erfolgreiche Symptombekämpfung? Auch hier ist ein Blick auf die Weltwirtschaftskrise 1929 aufschlussreich. In ihrem Gefolge etablierte sich in den Ländern des Westens ein völlig neues System: ein Wandel hin zum Sozialstaat. Der Paradigmenwechsel vollzog sich langsam, mit Brüchen, von Land zu Land unterschiedlich – aber doch. „Die Weltwirtschaftskrise zerstörte den wirtschaftlichen Liberalismus für die Dauer eines halben Jahrhunderts“, schrieb der britische Historiker Eric Hobsbawm. Stattdessen trat ein staatlich gebändigter Kapitalismus auf den Plan. Die Währungen waren fix aneinandergekoppelt, die Banken strikt reguliert. Die Regierungen intervenierten in die Wirtschaft, legten Lohnhöhen und Produktionsziele fest, bedachten ihre Bürger mit großzügigen Sozial-und Arbeitslosenhilfen und betrieben selbst Unternehmen. All das sorgte für Massenwohlstand und -kaufkraft, welche der Wirtschaft hohes Wachstum ermöglichten. Das System erwies sich als stabil und krisenresistent – bis in die 1970er-Jahre, als es infolge von Wirtschaftskrisen und Inflation erstmals aufgeweicht wurde.

Dräut im Gefolge der Krise 2008 ebenfalls ein Systemwechsel? Und wenn ja, wie könnte er aussehen -so wie anno 1929 oder anders? Derzeit scheint die Politik, nachdem sie das Schlimmste abgewendet hat, nicht an tiefergehenden Reformen interessiert. Die Untätigkeit könnte sich rächen. Denn die aktuell gute Wirtschaftslage resultiert nicht etwa daraus, dass man tiefere Ursachen der Krise erfolgreich angegangen wäre. Die positiven Nachrichten hängen vielmehr nach Ansicht vieler Ökonomen damit zusammen, dass China – die neue ökonomische Supermacht mit 1,4 Milliarden Einwohnern – in den vergangenen Jahren unterschiedliche wirtschaftsfördernde Maßnahmen gesetzt hat. Insgesamt betrachtet jedoch ist die Weltwirtschaft im Vergleich zu 2008 kaum krisenresistenter geworden. Der Ökonom Karl Aiginger etwa, Ex-Chef des Wiener Wirtschaftsforschungsinstituts, spricht von einem „verlorenen Jahrzehnt“ seit 2008. Echte Verbesserungen sind nicht erfolgt. Vielleicht lauert um die Ecke schon die nächste Krise.

Beispiel Finanzmarktregulierung. Banken werden heute zwar durchaus strenger überwacht als 2008; Europas 150 größte Finanzinstitute etwa unterstehen seit 2014 direkt der Kontrolle der Europäischen Zentralbank. Doch abseits solcher Regulierungsoffensiven wuchern neue, ungeregelte Bereiche. So stammt laut Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) jeder vierte Kredit in der Eurozone von einer sogenannten Schattenbank. Das sind keine regulären Institute, die Konten verwalten und Sparbücher herausgeben -sondern beispielsweise Investmentfonds, Wertpapierhäuser oder Banking-Abteilungen von Konzernen. Schattenbanken fallen nicht unter das Regelwerk klassischer Geschäftsbanken. Laut IWF wächst ihre Bedeutung rapide. Und zwar desto stärker, je strikter die Regulierungen konventioneller Banken ausfallen.

Für manche Schattenbanken, etwa Investmentfonds, gelten durchaus Regeln. Für andere hingegen nicht. Die Wiener Finanzmarktexpertin Elisabeth Springler verweist zum Beispiel auf Auslandsfinanzierungen als Quelle möglicher Verwerfungen. Hintergrund: Immer öfter beteiligen sich Investoren aus Schwellenländern wie China und Brasilien an EU-Unternehmen. Ob deren Geld aus Schattenbanken stammt und wie stabil sie überhaupt finanziell aufgestellt sind, weiß niemand. Bricht im Schwellenland eine Finanzkrise aus, könnten die Investoren ihr Kapital schnell abziehen – und dem Unternehmen in Europa droht unversehens eine Notlage. Um der Gefahr zu begegnen, wünscht sich die Brüsseler EU-Kommission, dass Investitionen aus Nicht- EU-Ländern künftig in Form sogenannter „Investment Screenings“ auf ihre Transparenz geprüft werden sollen. Doch der Erfolg dieses Vorhabens ist fraglich. Schließlich freut es jede EU-Regierung, wenn Geldgeber aus Übersee anklopfen, um hierzulande für Arbeitsplätze zu sorgen.

Damit verbunden gibt es ein zweites unerledigtes Problem: der freie Fluss von Kapital über alle Staatsgrenzen hinweg. In hoher Geschwindigkeit saust es derzeit quer über die Erde. In der ökonomischen Theorie ist die Kapitalfreiheit begrüßenswert, weil Geld dorthin gelangt, wo es sinnvoll investiert werden kann. Praktisch aber sorgt sie für Probleme. Denn das Geld kann blitzschnell aus Staaten abgezogen werden -zum Beispiel infolge einer Marktpanik, die lediglich aus Gerüchten und dem Herdentrieb von Anlegern resultiert. Mit dem Kapitalabfluss stürzt der Wert der Landeswährung ab, die Geldquellen nationaler Unternehmen versiegen, eine Wirtschaftskrise droht.

Dazu kommt ein verhängnisvoller Nebeneffekt: Um sich vor der Gefahr plötzlicher Geldabflüsse zu schützen, halten viele Regierungen Reserven in Dollar und US-Wertpapieren. Dies führt zu international hoher Nachfrage nach dem Dollar. Weil alle Welt die US-Währung horten möchte, können sich die USA überall günstig verschulden. Das bedeutet: In den USA steigt die Gefahr finanzieller Blasen, zum Beispiel im Immobiliensektor, weil derart viel billig geborgtes Kapital zur Verfügung steht.

Um solchen Problemen zu begegnen, bräuchte es eine internationale Finanzarchitektur, die darauf abzielt, Kapitalströme zu steuern und zu verlangsamen. Doch Reformen in diese Richtung – fundamentaler als die Symptombekämpfung nach 2008 – bleiben aus. Dabei gäbe es vielversprechende Ansätze. Im Jahr 2010 zum Beispiel präsentierte die EU-Kommission den Plan einer Finanztransaktionssteuer: einer geringen Gebühr, sobald Gelder Grenzen überqueren. Dies würde den Fluss des Kapitals etwas bremsen. Allerdings scheiterte das Projekt am Widerstand von Bankenvertretern und einzelner EU-Regierungen. Ebenso misslang beispielsweise im Jahr 2015 ein EU-Plan zur Regulierung eines Typs von Schattenbanken: einer bestimmten Art besonders riskanter Geldmarktfonds (sogenannte „Constant Net Asset Value Money Market Funds“, abgekürzt CNAVs). Das Projekt scheiterte am Widerstand von Irland und Luxemburg, wo viele Anbieter derartiger Fonds sitzen.

Was wird geschehen, wenn tatsächlich eine neue Krise ausbricht? Man wird sich jedenfalls nicht darauf verlassen können, dass die Symptombekämpfung ebenso gut funktionieren wird wie 2008. Denn im Kampf gegen die Rezession 2008 haben die Staaten bereits viel Pulver verschossen. Die Leitzinsen befinden sich heute noch immer auf Tiefständen -es würden den Zentralbanken also schwerfallen, mit Zinssenkungen die Wirtschaft weiter anzukurbeln. Auch Konjunktur-und Bankenrettungspakete zu schnüren, wäre schwieriger als 2008. Denn die Staaten haben heute ungleich höhere Schulden als vor einem Jahrzehnt. Der Kampf gegen die Krise hat sie viel Geld gekostet.

Die Weltwirtschaftskrise 1929 hat einst Katastrophen nach sich gezogen, aber schließlich folgten Jahrzehnte wirtschaftlicher Stabilität. Die Große Rezession 2008 hatte durchaus kritische Momente, doch das echte Desaster blieb aus. Und damit auch der Systemwechsel.

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„Die großen Banken sind sicherer geworden“

Aus dem FALTER 1–3/15

Was hat sich seit dem Lehman-Crash 2008 bei der Bankenregulierung in Österreich und Europa getan? Die Wiener Expertin Elisabeth Springler im Gespräch


INTERVIEW: JOSEPH GEPP

Vor sechs Jahren geriet die Finanzwelt in Schockstarre. Im Herbst 2008 war die US-Investmentbank Lehman Brothers pleitegegangen, danach kam eine internationale Großbank nach der anderen ins Taumeln. Seitdem wurden etwa in Europa über 1,5 Billionen Euro an Steuergeld in den Bankensektor gesteckt – und die Politik hat sich fest vorgenommen, die Bankenwelt stabiler zu machen. Ist es bisher gelungen? Die Wiener Finanzmarktexpertin Elisabeth Springler gibt Antworten.

Falter: Frau Springler, ist die Bankenwelt seit Lehman 2008 sicherer geworden?

Elisabeth Springler: Es gibt viele Bemühungen in diese Richtung. Ob diese in letzter Konsequenz reichen würden, um einen neuen Bankencrash zu verhindern, das ist schwer abzuschätzen. Ganz sicher ist man sich seit 2008 vieler Probleme bewusst geworden. Die internationale Politik, die Regulierer und Ökonomen haben definitiv erkannt, dass es starke Institutionen braucht, um den Finanzmarkt zu regulieren.

Wer an Bankenregulierung denkt, dem kommen vor allem große Maßnahmen auf europäischer Ebene in den Sinn, zum Beispiel der EZB-Stresstest oder die Bankenunion. Wie bewerten Sie den Erfolg dieser Maßnahmen?

Springler: Zunächst will ich sagen, dass dieser Eindruck ein Stück weit täuscht. Die nationalstaatliche Ebene ist viel bedeutender, als viele annehmen. Wir haben in Europa ein komplexes System unterschiedlicher Bankenregulierungen, die mit jeweils unterschiedlichen nationalen Finanzmärkten konfrontiert sind. Die EU gibt in diesem Gefüge lediglich die großen Linien vor. Die EZB hat zwar seit November 2014 die Aufsicht über alle Banken in Europa – direkt schaut sie sich jedoch nur die Großbanken an, die sogenannten systemimmanenten.

Erfolgreich?

Springler: Ich würde sagen, ja. Bei den Großbanken hat man definitiv die Erkenntnis gewonnen, dass sie zu stark verflochten sind und dass man als Staat sein Augenmerk auf diese Probleme legen muss. Daher ist einiges weitergegangen, was zum Beispiel Transparenz, Risiken und Eigenkapital betrifft. Zumindest die großen Banken sind definitiv sicherer geworden.

Und die kleinen und mittleren?


Springler:
Hier wird sich erst zeigen, wie die europäischen Vorgaben auf nationaler Ebene ausgestaltet werden. Es gilt, das Mandat der EU richtig zu nutzen.

Gibt es Bereiche, an die sich die internationale Bankenregulierung noch nicht herangewagt hat?

Springler: Es gibt die sogenannten Schattenbanken, den bisher unregulierten Bankensektor. Hier hat die EU-Kommission ein Grünbuch vorgelegt, eine Art Gesetzesvorschlag. Aber das war es dann auch schon. Man weiß bisher nur, dass der Schattenbankensektor enorme Ausmaße hat, ungefähr 40 Billionen Euro. Diese Summe steht jener im regulären Bankensektor in nichts nach. Hier herrscht riesige Intransparenz, hier schlummern große Risiken.

Wie könnte man diesem Problem begegnen?

Elisabeth Springler; FHbfiSpringler: Derzeit gibt es leider nur einen einzigen Ansatz -und der ist bei Weitem nicht zufriedenstellend: Man macht den regulären Bankensektor durch die zunehmende Regulierung stabiler, sodass man den Schattenbanken den Boden entzieht. Der Gedanke ist, dass es für Anleger unattraktiv wird, in den riskanten Schattenbankensektor zu investieren. Es gibt aber noch ein weiteres großes Problem neben den Schattenbanken, das die Bankenregulierung seit 2008 überhaupt nicht angegangen hat: die Trennung zwischen Real-und Finanzinvestitionen.

Was meinen Sie damit?

Springler: Nehmen wir an, ein mittelständisches Unternehmen will expandieren. Also braucht es von seiner Bank einen Kredit. Um diesen konkurriert es zunächst mit anderen Unternehmen, die möglicherweise über eine bessere Bonität verfügen. Darüber hinaus konkurriert die Firma aber auch mit Finanzgeschäften, die die Bank tätigt und die weitaus höhere Renditen für sie abwerfen. Es gibt also ein Konkurrenzverhältnis zwischen Real-und Finanzwirtschaft. Wohin verpufft denn das viele billige Geld, das die EZB derzeit zur Verfügung stellt? Bei den Unternehmen kommt es jedenfalls nicht an.

Wie könnte man das ändern?

Springler: Man müsste beispielsweise darauf schauen, welche Rolle spekulative Finanzinstrumente in einer Bankbilanz spielen. Dann könnte man verfügen, dass die Bank Rücklagen halten muss -in dem Ausmaß, in dem sie Finanzgeschäfte tätigt. Oder man schreibt der Bank vor, dass sie Kredite in derselben Höhe an kleine und mittlere Unternehmen vergeben muss. Das ist bisher der große Schwachpunkt der Bankenregulierung. Man müsste ihn auf europäischer und internationaler Ebene angehen.

Und was erwarten Sie sich auf österreichischer Ebene, damit das Bankensystem stabiler wird?

Springler: In Österreich spielt das Konkurrenzverhältnis zwischen Real-und Finanzwirtschaft eine kleinere Rolle, wenn man kleinere regionale Banken betrachtet, weil diese Banken großteils in die Realwirtschaft investieren. Hier stehen wir eher vor der Herausforderung, dass wir zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen haben, die eine adäquate Finanzierung durch Banken brauchen. Wie können wir dies nun sicherstellen? Ich denke, indem wir auf jeden Fall die Struktur von kleinen und mittleren Banken aufrechterhalten, die es in Österreich gibt. Denn diese vergeben die meisten Kredite.

Das klingt nicht schwierig.

Springler: Ja, aber es gibt ein Problem dabei, ein spezifisch österreichisches. Die heimischen Banken sind möglicherweise nicht so klein, wie sie scheinen. Denn sie sind untereinander sehr verwoben. Es gibt zahlreiche Querverbindungen, Haftungsstrukturen und Ähnliches. Oft steht im Hintergrund jemand ganz anderes für die Geschäfte der Bank gerade -man denke nur an die Kärntner Landeshaftungen im Fall der Hypo Alpe Adria. Diese Intransparenz schafft Unsicherheit. Man könnte ihr zum Beispiel begegnen, indem man verflochtenen Banken striktere Eigenkapitalvorschriften auferlegt. F

Stichwort Stresstest Vergangenen Oktober unterzog die EZB die europäischen Großbanken einem Stresstest. In Österreich bestanden ihn alle außer die Volksbanken AG

Bankenunion Sie besteht aus drei Säulen: einer gemeinsamen europäischen Bankenaufsicht, einer ebensolchen Einlagensicherung für Sparer sowie einer europaweit geordneten Insolvenzmöglichkeit für Krisenbanken. Die EZB startete im November 2014 mit der gemeinsamen Aufsicht, zunächst über die größten Institute

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