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„Die Eliten begreifen, dass noch mehr Ungleichheit nicht in ihrem Interesse liegt“

Aus dem profil 47/2016

Trump, Brexit, der Aufstieg der Populisten – dahinter steckt vor allem die zunehmende öko nomische Ungleichheit in den westlichen Staaten, sagt der renommierte serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanović. Während in Europa und den USA die Mittelschicht zunehmend unter die Räder kommt, entsteht in Asien eine neue. Ein Gespräch über Widersprüche in der Entwicklung des globalen Wohlstands, verödete französische Städte und den österreichischen Sozialstaat.

Von

Joseph Gepp

Auch eine Grafik kann berühmt werden. Zum Beispiel die sogenannte „Elefantenkurve“ des serbisch-amerikanischen Ökonomen Branko Milanović. Sie hat die Form eines Elefanten, der den Rüssel hebt. Die Grafik zeigt die Entwicklung des Einkommens der Weltbevölkerung seit dem Jahr 1988. Sie ist in den vergangenen Jahren zum einprägsamen Symbol geworden für den ökonomischen Abstieg der Mittelschicht in den westlichen Staaten, genauso wie für den Aufstieg derselben in Asien.

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Seit seiner Zeit an der Universität Belgrad in den 1980er-Jahren beschäftigt sich der heute 63-jährige Milanović mit den Themen Einkommensverteilung, Armut und Ungleichheit – sowohl zwischen reichen und armen Ländern als auch innerhalb einzelner Gesellschaften. Allein während seiner Zeit in der Forschungsabteilung der Weltbank hat er rund 40 Arbeiten dazu publiziert. Heute zählt Milanoviæ zu den weltweit einflussreichsten Ökonomen. Er forscht hauptsächlich an der US-amerikanischen City University Of New York. Ein aktuelles Buch, in dem er die Erkenntnisse seiner jahrzehntelangen Forschungen zusammenfasst, ist soeben in deutscher Sprache erschienen („Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht“, Suhrkamp, 312 S., 25,70 Euro).

profil: Inwiefern hat die Ungleichheit in den USA zum Sieg Trumps beigetragen?

Branko Milanović:
Wir wissen aus den Daten, dass in den vergangenen 30 Jahren die Einkommen der US-Mittelschicht bestenfalls stagnierten und dass diese Schicht insgesamt geschrumpft ist (Anm.: definiert als jene Gruppe, die ein Viertel mehr oder weniger verdient als der Medianwert). Genau diese Leute – überwiegend weiß, Mittelschicht, männlich – haben Trump gewählt. Daneben gibt es zwar auch weitere Faktoren, die zu Trumps Erfolg beigetragen haben, beispielsweise die Folgen von Globalisierung und Migration. Aber auch bei denen kann man argumentieren, dass sie mit dem Thema Ungleichheit verbunden sind. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch eine Erhebung zum Wahlverhalten in 3000 US-Wahlbezirken: Trump fuhr vor allem dort Erfolge ein, wo mehr als 40 Prozent der Beschäftigten in sogenannten Routineberufen arbeiten. Dabei handelt es sich um Jobs mit niedrigem oder mittlerem Qualifikationslevel, die keine klassischen Dienstleistungsberufe sind. Also genau jene, deren Fortbestand massiv vom technischem Wandel und der Verlagerung in andere Weltgegenden bedroht ist.

profil: Trotzdem haben die armen US-Amerikaner eher Hillary Clinton gewählt, während Trump der Kandidat der Mittelschicht war.

Milanović: Das liegt am ethnischen Element. Die armen Leute, die für Hillary stimmten, sind häufiger schwarz.

profil: In Ihrem neuen Buch schildern Sie eine widersprüchliche Entwicklung auf globaler Ebene. Einerseits verringert sich die Ungleichheit zwischen den Staaten, etwa durch die Entstehung neuer Mittelschichten in Asien. Gleichzeitig jedoch wird die Ungleichheit innerhalb von Staaten größer, zwischen einzelnen Gesellschaftsschichten. Bewegen wir uns auf eine Welt voll gleich wohlhabender Staaten zu, deren Bevölkerungen allerdings extrem in Klassen unterteilt sind?

Milanović: Es geht in diese Richtung, auch wenn der Weg dorthin noch weit ist. Wenn wir zurückblicken in die Welt vor der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert, sehen wir, dass damals die Unterschiede beim Durchschnittseinkommen verschiedener Staaten relativ gering waren. Das Verhältnis zwischen den reichsten Ländern, beispielsweise den Niederlanden, und den ärmsten, etwa Sri Lanka, betrug höchstens 1:3. Später jedoch begannen sich die heutigen reichen Staaten rasant zu entwickeln. Im späten 20. Jahrhundert lag das Verhältnis, etwa zwischen den reichen USA und armen Ländern Asiens, bei fast 1:100.

profil: Und heute?

Milanović: Es beginnt eine neue Phase. Die Unterschiede zwischen den Ländern werden wieder kleiner. Überwiegend hängt das mit den hohen Wachstumsraten in den bevölkerungsreichen Staaten Asiens zusammen. In Staaten wie China, Indien und Vietnam entstehen gerade neue Mittelschichten.

Branko Milanović

Branko Milanović


profil: Wann wird diese globale Mittelschicht einkommensmäßig zur westlichen Welt aufschließen?

Milanović: Das dauert noch. Derzeit verdient sie pro Kopf noch immer ungefähr nur ein Drittel des Einkommens der Ärmsten im Westen. Trotzdem: Wenn die chinesische Wirtschaft weiter wächst wie bisher, wird das Land im Jahr 2030 das Einkommensniveau der EU erreicht haben. 2070 wären wir global gesehen wieder dort, wo wir vor der Industriellen Revolution standen. Die Ungleichheit zwischen den Staaten wird dann sehr gering sein. Dafür allerdings wird die Ungleichheit innerhalb der Staaten extrem ausgeprägt sein.

profil: In den westlichen Ländern hängt eine kleine Oberschicht bereits seit drei Jahrzehnten die breite Masse ab, was Einkommen und Vermögen betrifft. Gilt das auch für Staaten wie Indien und China, trotz der neuen Mittelschichten?

Milanović: Ja, eindeutig. Dies übersieht man im Westen gern, weil wir uns für unsere eigene Ungleichheit interessieren und mit Trump, Brexit und dem Aufstieg der Populisten die Konsequenzen erleben. Aber auch in Schwellenländern ist die Ungleichheit in den vergangenen 30 Jahren stark gestiegen. In China ist der Anstieg sogar geringfügig größer als in den USA. Auch für Indien zeigen aktuelle Daten eine extreme Ungleichheit, fast so hoch wie in Lateinamerika.

profil: Geht es überhaupt ohne steigende Ungleichheit, wenn sich Gesellschaften derart rasant entwickeln wie in China und Indien?

Milanović: Nicht ganz. China beispielsweise war früher landwirtschaftlich geprägt und ist noch dazu kommunistisch. Die Fabrikslöhne in den Städten waren alle weitgehend gleich hoch. Wenn man nun Wettbewerb und freie Lohnbildung zulässt, führt dies automatisch zu steigender Ungleichheit. Außerdem trägt in China die tiefe Kluft zwischen Stadt und Land zur Ungleichheit bei. Dazu kommt, dass Kapitaleinkommen stark an Bedeutung gewonnen haben (Anm.: alle Einkommen, die nicht aus Arbeit resultieren, sondern etwa aus dem Besitz von Unternehmen, Wertpapieren und Immobilien). Zuvor haben sie in China kaum eine Rolle gespielt.

profil: Wie wird sich die Ungleichheit im Westen weiterentwickeln?

Milanović: Ich bin nicht so pessimistisch. Meiner Ansicht nach sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die politischen Eliten im Westen begreifen, dass noch mehr Ungleichheit nicht mehr in ihrem Interesse liegt.

profil: Weil sonst die Populisten kommen?

Milanović: Ja, die Eliten realisieren langsam, dass sie etwas für den Fortbestand der Mittelschicht tun müssen. Dieser Sinneswandel lässt sich auch an den Daten ablesen. In Großbritannien beispielsweise ist die Ungleichheit seit dem Jahr 2007, trotz einiger Schwankungen, nicht weiter gestiegen. Die jüngsten Gesetze betreffen, trotz der staatlichen Sparpolitik, nicht mehr die Sozialtransfers für die Armen. Wir müssen allerdings aufpassen, dass eine solche Umorientierung nicht zu spät kommt. In Frankreich etwa, wo sich kommendes Jahr Marine Le Pen der Präsidentenwahl stellt, sind aus manchen Städten, ähnlich wie in den USA, nahezu alle Industrie-Jobs verschwunden. Dort ballen sich die Verlierer der Globalisierung zusammen.

profil: Wie wird sich die Ungleichheit entwickeln, wenn die Populisten einmal die Macht ergriffen haben?


Milanović:
Schwierig zu prognostizieren. Mitunter stellen sie ja gleich die komplette internationale Wirtschaftsarchitektur infrage, die sich seit der Nachkriegszeit entwickelt hat. Le Pen fordert den Euro-Austritt Frankreichs, Trump hohe Schutzzölle für die USA. Ich zweifle daran, dass solche Radikalmaßnahmen durchführbar sind. Erstens finden sich viele Verbündete der neuen Populisten im alten System, in den Chefetagen und Parlamenten. Zweitens sind die grenzüberschreitenden Verbindungen der modernen Welt schlicht zu engmaschig und weitverzweigt, als dass sie sich einfach lösen ließen. Man sieht das beim Brexit. Es war leicht für die Briten, für ihn zu stimmen – aber es ist schwierig, das Votum zu implementieren.

profil: Was müssen die traditionellen politischen Eliten tun, um die Ungleichheit zu verringern und gegen die Populisten zu bestehen?

Milanović: Eine Möglichkeit sind Steuern. Sicherlich hilfreich ist eine Erhöhung der Erbschaftssteuern, die in vielen Staaten in den vergangenen Jahrzehnten signifikant gesenkt worden sind. Aber ich glaube, eine solche Politik muss sich auch bewusst sein, dass sie begrenzt ist. Die breite Masse der Bevölkerung lehnt Steuererhöhungen ab. Zudem kann das Kapital heute rasch ins Ausland fliehen. In Europa reicht mancherorts eine Entfernung von zehn Kilometern – und schon untersteht man einem völlig anderen Steuer-Regime.

profil: Welche Möglichkeiten gibt es sonst?

Milanović: Wenn wir die Ursachen der Ungleichheit erforschen, stoßen wir auch auf die extreme Konzentration der Kapitaleinkommen. Die zehn reichsten Prozent der Bevölkerung kassieren derzeit 90 Prozent davon. Noch dazu werden die Kapitaleinkommen größer, während die Einkommen aus Arbeit eher sinken. Man müsste also die hohe Konzentration der Kapitaleinkommen reduzieren – heißt: sie gleichmäßiger verteilen.

profil: Wie?

Milanović: Zum Beispiel, indem man Arbeiter dazu bringt, Aktien jener Unternehmen zu erwerben, bei denen sie beschäftigt sind. Die Regierungen könnten, beispielsweise mittels Steuererleichterungen, der Mittelschicht zu mehr Wertpapierbesitz verhelfen. Mit einer Art Minimalgarantie könnten sie diese auch vor Verlusten schützen. Die britische Premierministerin Theresa May schlägt derartige Modelle vor. Bereits praktiziert werden sie in reichen asiatischen Staaten wie Taiwan und Südkorea. Dort wird viel weniger umverteilt als in Europa und Kanada (Anm.: also weniger hohe Steuern und Abgaben eingehoben, um diese den Ärmeren zukommen zu lassen, etwa als Sozialleistungen). Die asiatischen Staaten brauchen die Umverteilung nicht so sehr, denn der Kapitalbesitz ist dort breit und gleichmäßig gestreut. Und damit auch die Gewinne aus ihm.

profil: Das sozialstaatliche Konzept in Österreich und in anderen Staaten Europas basiert hingegen eher auf der klassischen Umverteilung. Viele Leute sorgen sich aber, dass es in Zeiten der Globalisierung langfristig nicht aufrechterhalten werden kann. Kapital strömt heute ungehindert über Grenzen; Arbeitskräfte bewegen sich innerhalb der Europäischen Union frei von Land zu Land. Wie beurteilen Sie angesichts dessen die Zukunft des Sozialstaates?


Milanović:
Ich habe Zweifel. Die Sozialstaaten entstanden in den 1950er-Jahren, als die Mobilität von Menschen und Kapital geringer und die Gesellschaften ethnisch und wirtschaftlich homogener waren. Österreich entwickelte sich damals zu einem korporatistischen Staat mit niedriger Einkommensungleichheit. Heute jedoch sind die Grenzen durchlässiger; innerhalb der EU gibt es einen freien Fluss der Arbeitskräfte. Ich sehe unter solchen Bedingungen durchaus die Gefahr, dass Staaten mit hohen Sozialtransfers eher schlecht qualifizierte – und womöglich auch arbeitsunwillige – Leute anziehen könnten. Aus Sicht der Betroffenen ist das nur rational. Dieses Phänomen beobachten wir auch in den USA: Unterschiedliche Bundesstaaten bieten verschieden hohe Sozialleistungen an – und die US-Amerikaner übersiedeln infolgedessen bevorzugt dorthin, wo die Zahlungen höher sind. In diesem Zusammenhang finde ich auch, dass wir Migration neu definieren müssen.

profil: Wie?

Milanović: Arbeitsmigranten sollten in reichen Ländern nur einen begrenzten Zeitraum tätig sein. Die Beschäftigungskontrakte könnten beispielsweise über vier Jahre laufen, danach werden die Arbeitskräfte durch andere abgelöst. In meinem Konzept sollte also eine Form der Arbeitsmigration durchgesetzt werden, in der die Leute wieder zurückgehen. Mir schwebt ein Modell vor, wie es ansatzweise in den arabischen Golfstaaten mit Arbeitskräften aus Indien und Pakistan praktiziert wird. Nur grassieren am Golf Missstände, und Arbeitskräfte werden unmenschlich behandelt – so etwas will ich natürlich nicht.

profil: Es bleibt trotzdem eine umstrittene Forderung, die noch dazu schwer durchsetzbar ist.

Milanović:
Es ist ein Kompromiss zwischen zwei Extremen. Wir können einerseits die Grenzen nicht völlig öffnen, weil das politisch nicht durchsetzbar ist. Wir sollten aber zugleich auch Arbeitsmigration nicht komplett unterbinden. Denn sie verringert die Ungleichheit zwischen den Staaten und dämpft den Bevölkerungsrückgang in Europa. Außerdem lässt sich Migration nur schwer verhindern, weil sich Menschen sowieso ihre Wege suchen. Zielführend sind also weder absolut offene noch geschlossene Grenzen. Zwischen diesen beiden Polen scheint mir mein Vorschlag ein guter Mittelweg zu sein.

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