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„Die großen Banken sind sicherer geworden“

Aus dem FALTER 1–3/15

Was hat sich seit dem Lehman-Crash 2008 bei der Bankenregulierung in Österreich und Europa getan? Die Wiener Expertin Elisabeth Springler im Gespräch


INTERVIEW: JOSEPH GEPP

Vor sechs Jahren geriet die Finanzwelt in Schockstarre. Im Herbst 2008 war die US-Investmentbank Lehman Brothers pleitegegangen, danach kam eine internationale Großbank nach der anderen ins Taumeln. Seitdem wurden etwa in Europa über 1,5 Billionen Euro an Steuergeld in den Bankensektor gesteckt – und die Politik hat sich fest vorgenommen, die Bankenwelt stabiler zu machen. Ist es bisher gelungen? Die Wiener Finanzmarktexpertin Elisabeth Springler gibt Antworten.

Falter: Frau Springler, ist die Bankenwelt seit Lehman 2008 sicherer geworden?

Elisabeth Springler: Es gibt viele Bemühungen in diese Richtung. Ob diese in letzter Konsequenz reichen würden, um einen neuen Bankencrash zu verhindern, das ist schwer abzuschätzen. Ganz sicher ist man sich seit 2008 vieler Probleme bewusst geworden. Die internationale Politik, die Regulierer und Ökonomen haben definitiv erkannt, dass es starke Institutionen braucht, um den Finanzmarkt zu regulieren.

Wer an Bankenregulierung denkt, dem kommen vor allem große Maßnahmen auf europäischer Ebene in den Sinn, zum Beispiel der EZB-Stresstest oder die Bankenunion. Wie bewerten Sie den Erfolg dieser Maßnahmen?

Springler: Zunächst will ich sagen, dass dieser Eindruck ein Stück weit täuscht. Die nationalstaatliche Ebene ist viel bedeutender, als viele annehmen. Wir haben in Europa ein komplexes System unterschiedlicher Bankenregulierungen, die mit jeweils unterschiedlichen nationalen Finanzmärkten konfrontiert sind. Die EU gibt in diesem Gefüge lediglich die großen Linien vor. Die EZB hat zwar seit November 2014 die Aufsicht über alle Banken in Europa – direkt schaut sie sich jedoch nur die Großbanken an, die sogenannten systemimmanenten.

Erfolgreich?

Springler: Ich würde sagen, ja. Bei den Großbanken hat man definitiv die Erkenntnis gewonnen, dass sie zu stark verflochten sind und dass man als Staat sein Augenmerk auf diese Probleme legen muss. Daher ist einiges weitergegangen, was zum Beispiel Transparenz, Risiken und Eigenkapital betrifft. Zumindest die großen Banken sind definitiv sicherer geworden.

Und die kleinen und mittleren?


Springler:
Hier wird sich erst zeigen, wie die europäischen Vorgaben auf nationaler Ebene ausgestaltet werden. Es gilt, das Mandat der EU richtig zu nutzen.

Gibt es Bereiche, an die sich die internationale Bankenregulierung noch nicht herangewagt hat?

Springler: Es gibt die sogenannten Schattenbanken, den bisher unregulierten Bankensektor. Hier hat die EU-Kommission ein Grünbuch vorgelegt, eine Art Gesetzesvorschlag. Aber das war es dann auch schon. Man weiß bisher nur, dass der Schattenbankensektor enorme Ausmaße hat, ungefähr 40 Billionen Euro. Diese Summe steht jener im regulären Bankensektor in nichts nach. Hier herrscht riesige Intransparenz, hier schlummern große Risiken.

Wie könnte man diesem Problem begegnen?

Elisabeth Springler; FHbfiSpringler: Derzeit gibt es leider nur einen einzigen Ansatz -und der ist bei Weitem nicht zufriedenstellend: Man macht den regulären Bankensektor durch die zunehmende Regulierung stabiler, sodass man den Schattenbanken den Boden entzieht. Der Gedanke ist, dass es für Anleger unattraktiv wird, in den riskanten Schattenbankensektor zu investieren. Es gibt aber noch ein weiteres großes Problem neben den Schattenbanken, das die Bankenregulierung seit 2008 überhaupt nicht angegangen hat: die Trennung zwischen Real-und Finanzinvestitionen.

Was meinen Sie damit?

Springler: Nehmen wir an, ein mittelständisches Unternehmen will expandieren. Also braucht es von seiner Bank einen Kredit. Um diesen konkurriert es zunächst mit anderen Unternehmen, die möglicherweise über eine bessere Bonität verfügen. Darüber hinaus konkurriert die Firma aber auch mit Finanzgeschäften, die die Bank tätigt und die weitaus höhere Renditen für sie abwerfen. Es gibt also ein Konkurrenzverhältnis zwischen Real-und Finanzwirtschaft. Wohin verpufft denn das viele billige Geld, das die EZB derzeit zur Verfügung stellt? Bei den Unternehmen kommt es jedenfalls nicht an.

Wie könnte man das ändern?

Springler: Man müsste beispielsweise darauf schauen, welche Rolle spekulative Finanzinstrumente in einer Bankbilanz spielen. Dann könnte man verfügen, dass die Bank Rücklagen halten muss -in dem Ausmaß, in dem sie Finanzgeschäfte tätigt. Oder man schreibt der Bank vor, dass sie Kredite in derselben Höhe an kleine und mittlere Unternehmen vergeben muss. Das ist bisher der große Schwachpunkt der Bankenregulierung. Man müsste ihn auf europäischer und internationaler Ebene angehen.

Und was erwarten Sie sich auf österreichischer Ebene, damit das Bankensystem stabiler wird?

Springler: In Österreich spielt das Konkurrenzverhältnis zwischen Real-und Finanzwirtschaft eine kleinere Rolle, wenn man kleinere regionale Banken betrachtet, weil diese Banken großteils in die Realwirtschaft investieren. Hier stehen wir eher vor der Herausforderung, dass wir zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen haben, die eine adäquate Finanzierung durch Banken brauchen. Wie können wir dies nun sicherstellen? Ich denke, indem wir auf jeden Fall die Struktur von kleinen und mittleren Banken aufrechterhalten, die es in Österreich gibt. Denn diese vergeben die meisten Kredite.

Das klingt nicht schwierig.

Springler: Ja, aber es gibt ein Problem dabei, ein spezifisch österreichisches. Die heimischen Banken sind möglicherweise nicht so klein, wie sie scheinen. Denn sie sind untereinander sehr verwoben. Es gibt zahlreiche Querverbindungen, Haftungsstrukturen und Ähnliches. Oft steht im Hintergrund jemand ganz anderes für die Geschäfte der Bank gerade -man denke nur an die Kärntner Landeshaftungen im Fall der Hypo Alpe Adria. Diese Intransparenz schafft Unsicherheit. Man könnte ihr zum Beispiel begegnen, indem man verflochtenen Banken striktere Eigenkapitalvorschriften auferlegt. F

Stichwort Stresstest Vergangenen Oktober unterzog die EZB die europäischen Großbanken einem Stresstest. In Österreich bestanden ihn alle außer die Volksbanken AG

Bankenunion Sie besteht aus drei Säulen: einer gemeinsamen europäischen Bankenaufsicht, einer ebensolchen Einlagensicherung für Sparer sowie einer europaweit geordneten Insolvenzmöglichkeit für Krisenbanken. Die EZB startete im November 2014 mit der gemeinsamen Aufsicht, zunächst über die größten Institute

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Schuldenturmbau zu Basel

Aus dem FALTER 45/2014

Basel III zählt zu den wichtigsten Reformen für Banken seit der Krise. Was ist das eigentlich?

Fragen & Antworten:
Joseph Gepp

Seit dem Jahr 1974 ist Basel, Westschweiz, 180.000 Einwohner, Schauplatz einer der wichtigsten Maßnahmen zur internationalen Bankenregulierung.

Warum, was passiert dort?

Dort treffen sich Bankenregulierer aus Dutzenden Staaten: der „Basler Ausschuss“, der bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich angesiedelt ist. Dieser legt Regeln für Banken fest, die dann von Staaten umgesetzt werden. Konkret waren das bisher „Basel I“ im Jahr 1988, „Basel II“ 2004 und „Basel III“ 2010. All diese Pakete sollen der Bankenwelt mehr wirtschaftliche Sicherheit bringen. Der aktuelle Wurf ist, wie man unschwer am Jahr erkennen kann, von der großen Bankenkrise 2008 geprägt.

Also hat Basel II wohl nicht ausgereicht.

Das kann man wohl sagen. Um die Unterschiede zwischen Basel II und III zu verstehen, muss man erst fragen: Worum geht’s bei den Basel-Paketen? Sie drehen sich im Wesentlichen um Höhe und Definition des Eigenkapitals. Das ist jenes Geld der Bank, das nicht aus Schulden besteht. Es handelt sich dabei vor allem um zwei Formen des Kapitals: jenes, das die Eigentümer in ihre Bank stecken, etwa Aktionäre. Und weiters jene Gewinne, die als Rücklagen in der Bank bleiben. Wobei es in der Praxis oft strittig ist, was als Eigenkapital und was als Schulden gilt.

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Moment! Was brauchen mich solche Details überhaupt zu interessieren?

Je mehr Eigenkapital, desto sicherer die Bank. Vor der Krise wirtschafteten Banken mit viel zu viel geborgtem Geld. Infolgedessen wäre das Finanzsystem beinahe kollabiert und musste mit Steuermilliarden gerettet werden. Die Eigenkapitalfrage ist, so technisch sie klingt, für Bankkunden, Kreditnehmer und Steuerzahler immens wichtig. Auch die EZB-Stresstests zielten jüngst auf die Frage ab, wie viel Eigenkapital den Banken im Krisenfall zur Verfügung stünde.

Warum macht Eigenkapital Banken stabiler?

Je mehr Schulden sie machen, desto höher der Betrag, mit dem sie spekulieren können. Und desto höher der potenzielle Gewinn – oder eben Verlust. Stellen Sie sich vor, Sie haben zehn Euro Vermögen und borgen sich zusätzlich 90. Mit den 100 Euro kaufen Sie ein Aktienpaket. Ihr möglicher Gewinn ist durch die Verschuldung viel größer. Verlieren allerdings Ihre Aktien nur zehn Prozent an Wert, ist das Eigenkapital dahin, und Sie sind pleite.

Okay, und was unterscheidet Basel II von III?

Allgemein gesagt definiert Basel III in Form eines dreisäuligen Modells strenger als bisher, was als Eigenkapital gelten darf und was nicht. Dazu gibt es erstmals den „Verschuldungsgrad“: Insgesamt darf das Eigenkapital nicht weniger als drei Prozent aller Geschäfte der Bank betragen.

Drei Prozent, das ist nicht viel.

Ja, in anderen Branchen der Wirtschaft liegt das übliche Eigenkapital viel höher. Viele Ökonomen fordern deshalb höhere Eigenkapitalquoten. Doch die Banken entgegnen: Für mehr Eigenkapital müssten sie Kreditvergaben einschränken. Und diese Drohung zieht in Zeiten schwachen Wachstums.

Wieso müssen Banken Kredite einschränken, wenn sie ihr Eigenkapital aufstocken?

Wenn Banken Geschäfte abbauen, sinkt die Höhe des nötigen Eigenkapitals -die Quote bemisst sich ja am Vergleich zur Größe ihrer Geschäfte. Ansonsten bleibt nur die Einbehaltung von Gewinnen als Alternative, um zu mehr Eigenkapital zu kommen: etwa weniger Dividenden an Aktionäre.

Also runter mit dem Eigenkapital, damit Kredite fließen!

Das hätten die Banken auch gern. Doch die Instabilität am Finanzmarkt wäre massiv. Die hohen Schulden wirken wie Doping auf Geschäfte und Profite: Es gibt einen kurzen Schub, der sich bitter rächt.

Nicht nur Banken klagen gern über Basel III, auch Unternehmer. Warum eigentlich?

Das hängt bereits mit Basel II zusammen, dem Vorgängerabkommen. Damals wurde festgelegt, dass Banken nicht für alle Geschäfte gleich viel Eigenkapital vorweisen müssen. Für riskante brauchen sie seither mehr als für risikoarme. Nun sind Unternehmerkredite riskanter als etwa Staatsanleihen. Wenn also eine Bank ohnehin an Eigenkapitallimits schrammt, wird sie bei Krediten aufpassen. Dazu kamen strenge Regeln, was Banken von Unternehmern als Kreditsicherheit akzeptieren dürfen.

Aber dass die EZB-Stresstests absolviert wurden, zeigt doch, dass das Finanzsystem heute auf dem richtigen Weg ist, oder nicht?

Auch das ist strittig. Zwar haben in Österreich fünf von sechs Großbanken die Prüfung bestanden. Doch die Kriterien beim Stresstest waren laxer als die Basel-III-Erfordernisse. Denn diese treten erst 2018 in Kraft, damit die Banken Zeit zur Vorbereitung haben. Bisher hat sich vor allem eines gezeigt: Der Weg zur Bankenstabilität ist steinig. Und eine Wirtschaft, die wächst und zugleich nicht von immer höheren und riskanteren Schulden abhängig ist, bleibt eine große Herausforderung.

RAND-INFO:

Basel III Drei wichtige Zahlen:

8 % beträgt die „Mindesteigenmittelquote“. So hoch muss das Eigenkapital im Vergleich zu den Aktiva sein, die nach Risiko gewichtet werden

3 % beträgt der „Verschuldungsgrad“ oder „Leverage Ratio“. So hoch muss das Eigenkapital im Vergleich zu allen Geschäften der Bank liegen

2018 tritt Basel-III endgültig und gänzlich in Kraft. Bis dahin laufen für die Banken noch Übergangsfristen

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