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Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 45/2017

Ich nehme an, Sie, liebe Leser, haben es mitbekommen. Man konnte es kaum verpassen. Vergangene Woche gab es Aufregung rund ums Wiener Dorotheum. Dort war eine Versteigerung von Schrumpfköpfen angesetzt worden. „Pietätlos“ sei das, echauffierte sich die Masse im Internet. „Just zu Halloween“ versteigere man mumifizierte Köpfe, merkte der „Kurier“ an. Das Dorotheum beugte sich schließlich – und blies die Auktion ab.

Dabei hätten die Empörten nur ein wenig nachlesen müssen. Dann hätten sie festgestellt, dass der Kunsthandel mit Schrumpfköpfen keine bizarre Novität ist, die sich das Dorotheum als Halloween-Jux ausgedacht hat. Es gibt ganze Sammlungen von ihnen, zum Beispiel in Sankt Gallen und Oxford. Bis ins 19. Jahrhundert spielten sie in der Glaubenswelt von Südamerika und Ostasien eine wichtige Rolle. Heute sind sie unter Sammlern derart begehrt, dass es sogar eine Fälscherindustrie gibt, die etwa Schrumpfköpfe aus Ziegenleder fabriziert. Ein echter Kopf vom Andenvolk der Shuar erzielte übrigens im Dorotheum im Jahr 2015 32.500 Euro.

Wer all das für barbarisch und eines Shitstorms würdig erachtet, der sollte einen Augenblick an die Reliquientradition in Europa denken. Vom Blut des heiligen Januarius in Neapel über den Unterarm Karls des Großen in Aachen bis zum Kopf von Johannes dem Täufer in Amiens (in Originalgröße): Überall am Kontinent werden derlei Dinge in Museen und Kirchen ausgestellt – und eifrig gehandelt. Und wahrscheinlich ebenso häufig gefälscht wie die Schrumpfköpfe. Im vergangenen August fand übrigens in Frankfurt am Main eine Prozession statt – so wie jedes Jahr. Die Schädeldecke des heiligen Bartholomäus, die in ein gläsernes Dreieck eingefasst ist, wurde feierlich durch die Innenstadt getragen. Aber es war gerade nicht Halloween, deshalb regte das niemanden auf.

Joseph Gepp

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