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Ist eine Angelobung denn so teuer, Herr Honeder?

Aus dem FALTER 34/2014

Interview: Joseph Gepp

Das Bundesheer hat derart wenig Geld, dass öffentliche Angelobungen von Wehrpflichtigen vorerst abgesagt werden. Sie würden stattdessen in den Kasernen stattfinden, verkündete vor wenigen Tagen Niederösterreichs Militärkommandant Rudolf Striedinger. Der Falter fragte bei Franz Honeder, Pressesprecher des Militärkommandos Niederösterreich, nach.

Herr Honeder, wie viel kostet so eine öffentliche Angelobung?

Konkrete Zahlen darüber gibt es noch nicht. Derzeit jedenfalls prüft das ganze Bundesheer Möglichkeiten zu Einsparungen. Es darf dabei keine Denkverbote geben, solange die Einsatzfähigkeit der Truppe aufrechterhalten bleibt, sowohl bei der internationalen Friedenssicherung als auch im Katastrophenschutz.

Die meisten Tätigkeiten bei Angelobungen erledigen ohnehin die Wehrpflichtigen selbst – zum Beispiel Fahrten oder die Bedienung der Gulaschkanonen. Wie lässt sich hier viel sparen?

Es geht vor allem darum, die Rekruten zum Angelobungsort und zurück zu bringen. Diese Aufgabe haben wir bislang an Busunternehmen ausgelagert, was mit entsprechenden Kosten verbunden war.

Fürchten Sie um die Att raktivität des Bundesheers? Für einen begeisterten Soldaten ist eine öffentliche Angelobung immerhin emotional gesehen eine wichtige Sache.

Es handelt sich lediglich um eine temporäre Maßnahme. Unser Ziel ist es, so viele Angelobungen wie möglich in der Öffentlichkeit abzuhalten. Dass derzeit einige Angelobungen in den Garnisonsorten stattfinden, ist nur eine kurzfristig eingeleitete Maßnahme.

Was sind die nächsten Schritte?

Im Herbst soll ein Vorschlag des Generalstabs für längerfristige Sparmaßnahmen vorliegen. Über weitere Maßnahmen wird dann das Ministerium entscheiden.

Wie viel Geld wird man für öffentliche Angelobungen brauchen?

Hier liegen meines Wissens keine konkreten Zahlen vor.

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Ein neuer Mann für die schnelle Reform

Aus dem FALTER 10/2013

Innerhalb von vier Monaten soll Verteidigungsminister Gerald Klug für die SPÖ retten, was zu retten ist

Bericht: Joseph Gepp

Den Posten, den Norbert Darabos demnächst antreten soll, den des SPÖ-Bundesgeschäftsführers, hatte er schon einmal inne. Bereits vor einem Jahrzehnt führte Darabos Alfred Gusenbauer ins Kanzleramt und managte Heinz Fischers Präsidentschaftswahlkampf. Das sind Erfolge, die er nun, im Superwahljahr 2013, wiederholen soll.

Sein Nachfolger Gerald Klug, 44, betritt völliges Neuland. Die Erwartungen sind hoch, die Zeit drängt. Denn Vorgänger Darabos hat ein schwieriges Erbe hinterlassen.

Der Schwenk von der Wehrpflicht zum Berufsheer, der Streit mit Generalstabschef Edmund Entacher – all das hat Darabos, dem Zivildiener aus dem Burgenland, stark zugesetzt. Am Ende, vor sechs Wochen, kam auch noch die Volksbefragung über das Berufsheer. 60 Prozent wollten am 20. Jänner die Wehrpflicht. Ein klares Votum für die Position der ÖVP und gegen jene von Darabos.

Obwohl Neo-Verteidigungsminister Gerald Klug bisher kaum etwas mit dem Bundesheer am Hut hatte, inspiziert er mit Generalstabschef Edmund Entacher die Truppe in Graz (Foto: Bundesheer)

Obwohl Neo-Verteidigungsminister Gerald Klug bisher kaum etwas mit dem Bundesheer am Hut hatte, inspiziert er mit Generalstabschef Edmund Entacher die Truppe in Graz (Foto: Bundesheer)

In den wenigen Monaten bis zur Nationalratswahl im September hätte der angeschlagene Minister nun noch große Aufgaben stemmen müssen, allen voran die Heeresreform. Diese hat vor allem die ÖVP vor der Volksbefragung derart laut gefordert, dass sie nun auch Ergebnisse liefern muss. Für die SPÖ hingegen kam der Sieg bei den Kärntner Landtagswahlen wohl gerade recht, um den angeschlagenen Darabos flugs in die Parteizentrale zu holen – und laut Medienberichten einen neuen, unbelasteten Mann als Verteidigungsminister zu installieren: Gerald Klug.

Klug, 44, aus Graz, war bisher SPÖ-Fraktionschef im Bundesrat. Den gelernten Dreher, der das Jus-Studium nachholte, bezeichnen Weggefährten wie der Grazer SPÖ-Gemeinderat Andreas Martiner als „äußerst ehrgeizig und durchsetzungsstark“. Allerdings fiel Klug – auch wenn er im Gegensatz zu Darabos den Präsenzdienst absolvierte – bisher kaum mit Heerespolitik auf. Stattdessen befasste sich der Metaller-Gewerkschafter vor allem mit „Arbeitsrecht und Verteilungsgerechtigkeit“, wie Martiner sagt.

Nun wird sich der Neo-Minister rasch einarbeiten müssen. Denn die Zeit drängt. Ende Jänner installierten Darabos und Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) eine Arbeitsgruppe, die die Heeresreform konzipieren soll. Bis Juni sollen die fixfertigen Ergebnisse vorliegen. Die kommenden Nationalratswahlen erfordern Eile.

In den nächsten Monaten stehen laut Verteidigungsministerium große Themen an. Beispielsweise soll die Neudefinition der Milizsoldaten und die Reduktion der Systemerhalter unter den Rekruten angegangen werden. Im Juni müssen die Regierungsparteien etwas vorweisen. Sonst wird ihre Untätigkeit im Wahlkampf gewiss noch stärker als bereits jetzt von der Opposition ausgeschlachtet.

Trotzdem ist bisher noch kaum etwas passiert. Schon Ende Februar hätten laut Mikl-Leitner erste Reformvorschläge vorliegen sollen. Was dann am 26. Februar präsentiert wurde, war allerdings nur eine vage gehaltene Stärken-Schwächen-Analyse des Heeres. Auf Falter-Nachfrage versichert Mikl-Leitner dennoch, dass der Reformtermin im Juni hält. Und: „Forderungen der ÖVP wie die Vermeidung von Leerläufen und die Anrechenbarkeit des Präsenzdienstes für Berufsausbildungen werden sich in der Reform garantiert wiederfinden“, sagt Mikl-Leitner.

All dies schafft ein herausforderndes Umfeld für Neo-Verteidigungsminister Gerald Klug. Je näher die Parteien in den Vorwahlkampfmodus verfallen, umso schneller wird ihn die ÖVP wohl als Blockierer hinzustellen versuchen. Wenige Monate bleiben Klug, um sich als Macher einer Reform zu profilieren, an der andere in Jahren scheiterten. Unter anderem auch sein Vorgänger Darabos.

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Was ist dran am Triumphzug, Herr General Entacher?

Aus dem FALTER 7/2013

Am Apparat  Telefonkolumne
Interview: Joseph Gepp

Zur Pensionierung im März wollte sich Österreichs Generalstabschef Edmund Entacher einen „Triumphzug“ in der Maria-Theresien-Kaserne gönnen, meldet die Kronen Zeitung. Um insgesamt 110.000 Euro wären Panzerkolonnen, 600 Soldaten und sogar zwei Eurofighter am General vorbeiparadiert. SPÖ-Verteidigungsminister Norbert Darabos – bekanntermaßen nicht Entachers bester Freund – unterband angeblich das Spektakel.

Herr Entacher, was ist dran an der teuren Militärparade rund um Ihre Verabschiedung?

Nichts. Über solche Zahlenspiele will ich mich nicht äußern. Eine Parade war nie vorgesehen.

Und was war dann vorgesehen?

Vorgesehen ist nach wie vor ein Festakt am 22. März, um 10.30 Uhr. So etwas ist national und international üblich bei Verabschiedungen. Nach dem Festakt wird es einen Empfang mit Löffelgerichten aus der Truppenküche geben.

Woher kommen dann die Informationen über die angebliche Parade?

Wir im Generalstab sandten ein Schriftstück ans Kabinett Darabos. Darin war neben Festakt und Löffelgerichten auch eine Defilierung vorgesehen. Es wurde diesbezüglich aber nichts befohlen. Es wurde lediglich vereinbart, den Ablauf der Veranstaltung noch genauer zu besprechen.

Also war doch eine Parade angedacht?

Nein, bei einer Defilierung wäre nur die Truppe vorbeimarschiert. Alles weitere, zum Beispiel die Eurofighter, stand nur als Möglichkeit im Raum. Da gab es auch Gespräche zwischen dem Kabinett und meinen Mitarbeitern. Aber wir haben entschieden, dass die Defilierung nicht stattfindet.

Wie viel wird der Festakt kosten?

Nicht viel. Er beginnt um 10.30 Uhr, also fallen keine Überstunden an. Die einzigen Mehrkosten sind einige Dienstreisen und die Löffelgerichte.

Wie viel ist das?

Das weiß ich nicht genau.

Generalstabschef Edmund Entacher (Foto: Bundesheer)

Generalstabschef Edmund Entacher (Foto: Bundesheer)

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Habt Acht! Antreten zur Abstimmung!

Aus dem FALTER 3/13

Pro Wehrpflicht stimmen? Oder doch lieber für ein Berufsheer? Erst gar nicht hingehen? Oder hingehen und ungültig wählen? 15 Experten geben Rat

Zusammenstellung: Joseph Gepp, Nina Horaczek

Willi Resetarits

Der Sänger war 1967 Panzergrenadier und wurde in den 1990er-Jahren wegen Aufrufs zur Wehrdienstverweigerung verurteilt

Ich bin tendenziell für die Abschaffung des Wehrdienstes. Meine Bundesheerzeit war erniedrigend und von inkompetentem Personal geprägt. Ich höre auch heute von jungen Leuten, dass sie erst beim Heer richtig saufen gelernt haben.

Schade finde ich, wie die Debatte um den Zivildienst geführt wird. Viele junge Männer in meiner Verwandtschaft, die in einer Sozialeinrichtung Zivildienst geleistet haben, sagen, dass das für sie eine sehr bereichernde Erfahrung war. Da ärgert es mich besonders, dass jetzt ausgerechnet die ÖVP, die immer darauf geschaut hat, dass der Zivildienst viel strenger ist, um angebliche Drückeberger zu bestrafen, sich jetzt als dessen Retterin geriert.

Es war übrigens ein historisches Missverständnis, dass ich zur Wehrdienstverweigerung aufgerufen hätte. Weil die Justiz damals eine Redakteurin, die einen Artikel pro Wehrdienstverweigerung geschrieben hatte, mit einer hohen Geldstrafe bedrohte, habe ich mich mit ihrem Artikel solidarisiert. Ich bin für Meinungsfreiheit eingetreten. Aber der Richter hat das nicht verstanden.

Walter Manoschek

Der Politologe an der Universität Wien ist Experte für die Verbrechen der Wehrmacht und präsentierte zuletzt auf der Viennale seine Dokumentation „Dann bin ich ja ein Mörder“

Vorab: Irgendwie fühlt man sich als Bürger schon verschaukelt. Wenn Wiens Bürgermeister Michael Häupl und der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll ein Wahlkampfthema brauchen, wird die Bevölkerung zu einer Volksbefragung aufgerufen. Flugs ändert der Verteidigungsminister seine „in Stein gemeißelte“ Meinung um 180 Grad und die ÖVP wird zur Verfechterin der allgemeinen Wehrpflicht. Der ÖVP-Chef Michael Spindelegger meint zwar, dass beim Bundesheer vieles verändert werden muss, nur sagt er uns nicht, was das denn sein solle. Und allesamt fürchten sie, dass das so offensichtlich aus dem Hut gezauberte Thema keine Wählerinnen und Wähler zu den Urnen locken werde. Und doch ist das Thema wichtig – zu wichtig, um nur als Wahlkampfgag herzuhalten. Für die SPÖ war bis vor kurzem die Wehrpflicht nach den Erfahrungen vom Februar 1934, als ein Berufsheer den Karl-Marx-Hof mit Artillerie beschoss, sakrosankt; und die ÖVP liebäugelte immer wieder mit einem Berufsheer, ließ aber dann doch die Finger davon. All das wird plötzlich zu Makulatur.

Ich werde trotzdem meine Stimme abgeben. Für ein Berufsheer. Damit nicht weiterhin jährlich tausenden jungen Männern ein halbes Jahr gestohlen wird, um sich von Vorgesetzten schikanieren zu lassen oder als „Systemerhalter“ Deppenarbeit verrichten zu müssen. Meine Meinung steht am 20. Jänner leider nicht zur Disposition: das Bundesheer abzuschaffen.

Barbara Coudenhove-Kalergi

Die Publizistin musste als Kind die Schrecken des Zweiten Weltkriegs erleben und berichtete während des Kalten Krieges für den ORF aus Osteuropa

Ich stimme für ein Berufsheer. Einer meiner Neffen sagte mir, als Systemerhalter beim Bundesheer habe er nur gelernt, wie man für eine Arbeit statt einer Stunde vier Stunden brauchen kann. Außerdem misstraue ich österreichischen Sonderwegen. Wenn praktisch ganz Europa Profiheere hat, glaube ich nicht, dass ausgerechnet wir eine bessere Lösung wissen. Und was die Bedenken in Sachen Rabauken, Waffennarren, Faschisten als Berufssoldaten angeht, so scheinen mir diese übertrieben. Unsere Soldaten bei den diversen Uno-Einsätzen sind alles keine Rekruten und sind offensichtlich ganz in Ordnung. Und der Katastrophenschutz? Die Sozialdienste? Die müssten wir doch wohl hinkriegen, ohne deshalb gleich eine ganze Armee samt Eurofightern zu unterhalten.

Richard Wadani

Der 90-Jährige war Deserteur und Widerstandskämpfer gegen die Nazis und ist heute treibende Kraft hinter der Errichtung eines Denkmals für Deserteure der Wehrmacht

Ich gehe sicher zur Befragung, kann aber weder dem einen noch dem anderen zustimmen, weil die entscheidende Frage nicht zur Disposition steht: das Bundesheer abschaffen. Ich bin ein Gegner der Wehrpflicht, aber auch bei der Option Berufsheer befürwortet man eine bessere Zusammenarbeit mit der Nato, und das ist für mich ein Horror. Die Nato ist auf Aggression ausgerichtet. Damit wird unsere Neutralität weiter untergraben. Die zwei Milliarden, die das Heer kostet, wären gut investiert in einen großzügigen Ausbau der Feuerwehr mit Katastrophenzügen und in Sozialeinrichtungen, die derzeit von Zivildienern betreut werden. Deswegen werde ich ungültig wählen.

Christian Ortner

Der Historiker und Oberstleutnant ist seit 2005 Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums

Ich bin noch unentschlossen. Beide Seiten haben meiner Ansicht nach bisher nur wenige Details kundgetan, wie das zukünftige Bundesheer im neuen oder alten System konkret aussehen soll. Ich spreche hier etwa von der Struktur des Heeres oder der zukünftigen Bedeutung einzelner Waffengattungen. Ich hoffe, dass die Debatte bis zur Volksbefragung noch sachlichere Züge annehmen wird. Bisher wird sie mir zu emotional geführt, und in fast jedem Argument findet sich bei genauerer Betrachtung der eine oder andere Widerspruch. Eine wichtige offene Frage ist zum Beispiel jene nach der Ausrichtung der Einsatzkräfte in einem möglichen Berufsheer: Werden die Hightech-Bereiche verstärkt, was natürlich mit einem höheren Investitionsbedarf verbunden ist, oder bleiben die klassischen Sparten wie Infanterie oder mechanisierte Truppe im Vordergrund? Die zukünftigen Aufgabenbereiche sind zwar schon in der Sicherheitsdoktrin thematisiert – aber in vielen Bereichen blieb man doch recht vage. Bei einer so wichtigen Entscheidung wie Wehrpflicht oder Berufsheer müsste man vorerst ganz genau klarstellen, was man sich von einem zukünftigen Bundesheer eigentlich erwartet.

Barbara Blaha

Die frühere ÖH-Vorsitzende trat 2007 aus Protest aus der SPÖ aus und leitet heute den Momentum-Kongress. Sie engagiert sich auf der Plattform http://berufsheer.diefakten.at

Sicherheit hat viele Dimensionen. Eine militärische Bedrohung Österreichs existiert nicht – da sind sich alle Experten einig. Hingegen ist die soziale Sicherheit von etwa einer Million Menschen im Land akut gefährdet. Politisch Mut beweisen würde, wer dieser Erkenntnis Taten folgen ließe, das Bundesheer abschaffte und das Geld verwendete, um das Leben besser zu machen statt das Sterben effektiver.

Weil man uns danach aber nicht fragt, bleibt nur die Wahl des kleineren Übels – und das ist eindeutig die Wehrpflicht. Das vorgeschlagene Berufsheermodell verursacht enorme zusätzliche Kosten. Es macht militärisch nur Sinn, wenn man sich an künftigen europäischen Interventionskriegen beteiligen will und ist demokratiepolitisch keineswegs unproblematisch, wie nicht nur die eigene Geschichte, sondern auch die Erfahrungen mit Rechtsextremen in nahezu allen europäischen „Profi“-Armeen zeigen. Die Wehrpflicht ist eine Form der Naturalsteuer, stimmt. Aber unterm Strich ist sie billiger, friedlicher und demokratischer.

Wolfgang Ambros


Der Sänger schuf 1973 mit dem Lied „Tagwache“ („Jojo in Zivü, do war er net vü, owa beim Militär do is er wer“) die inoffizielle Hymne aller geschundenen Grundwehrdiener

Zu meiner Zeit gab es noch keinen Zivildienst, der wurde erst später eingeführt, und alle, die sich dann darum bewarben, wurden als Schlappschwänze und Weicheier beschimpft. Und jetzt, auf einmal, ist der Zivildienst das große Argument für die Beibehaltung der Wehrpflicht? Ich bitte sehr um Verständnis, dass ich das alles nicht verstehe. Was, bitte schön, war denn vorher?

Ich bin Anfang 1952 geboren, da war der Krieg zwar vorbei, aber wir waren von Russen besetzt, und von dem, was meine Mutter mir erzählt, war das noch schlimmer als vorher – aber da gab es kein Bundesheer und auch sonst niemanden, der uns irgendwie beschützt hätte.

Die Wehrpflicht dient ausschließlich der Erhaltung eines völlig überkommenen Systems, das nur einer gewissen Kaste von höchst- bis niederrangigen „Berufssoldaten“ (denn was sind Unter- und Oberoffiziere und natürlich Generäle sonst?) weiterhin ihr bequemes Leben sichert. Die wären ja sonst ratzfatz weg vom Fenster – und das ist in Österreich völlig undenkbar. Ich mache mir daher nicht die geringsten Illusionen, was den Ausgang der Volksbefragung angeht, weil ich meine geliebten Landsleute sehr gut kenne und weil ich weiß, dass Veränderungen sie in aller Regel nur verunsichern. Trotzdem, ich werde zur Abstimmung gehen. Tagwache!

Gudrun Biffl

Die Wirtschaftsforscherin beschäftigt sich an der Donau-Uni Krems mit den Themen Migration, Integration, Sicherheit und Globalisierung

Als Ökonomin schaue ich mir die Ratio hinter der Frage an. Meine Antwort ist klar: In einer hochentwickelten Gesellschaft wie der unseren befürworte ich die Umstellung auf ein Berufsheer. Anders würde ich argumentieren, wäre Österreich ein Entwicklungsland. Doch dass die Wehrpflicht eine volksbildende Funktion erfüllt, ist heute nicht mehr notwendig. Stattdessen wird eine Altersgruppe zu einer Tätigkeit verpflichtet, die sie im späteren Berufsleben kaum nutzen kann, was individuell und makroökonomisch wenig Sinn macht. Auch begrüße ich das Konzept des „sozialen Jahres“, wie es derzeit – im Fall der Abschaffung der Wehrpflicht – vorgesehen ist: Es bringt Menschen in den Zukunftsarbeitsmarkt Pflege und Gesundheit und setzt zudem an der Schnittstelle zwischen Ausbildung und Beruf an. Außerdem wäre die Umstellung vergleichsweise kostengünstig, weil mit der derzeitigen Zivildienstagentur ja bereits eine Infrastruktur zur Verfügung steht.

Renate Partei

War in der Friedensbewegung aktiv und ist heute AK-Rätin der Alternativen und Grünen GewerkschafterInnen in Niederösterreich

Der 20. Jänner ist für mich der Tag, an dem die Wehrpflicht abgeschafft werden muss. Ich war nie für ein Berufsheer, ganz im Gegenteil. Ich bin Pazifistin. Die Nazis haben meinen Großvater im KZ ermordet, weil er Kärntner Slowene und gegen den Krieg war, und ich wurde in der Friedensbewegung politisiert. Es ist sicher nicht so, dass ich für ein Berufsheer stimmen will. Aber das ist die einzige Möglichkeit, diesen furchtbaren Zwangsdienst – und genau das sind Wehr- und Zivildienst – abzuschaffen. Außerdem kann die Einführung eines freiwilligen sozialen Jahres zur Verbesserung der Gehälter im Sozialbereich führen. Denn momentan verdienen viele Leute im sozialen Dienst weniger als die 1400 Euro im Monat, die es beim freiwilligen Sozialdienst geben soll.

Verena Knaus

Die Sozialwissenschaftlerin verbrachte für den Think Tank ESI (European Stability Initiative) viele Jahre auf dem Balkan und arbeitet heute in Brüssel für die Unicef

Ich stimme für die Abschaffung der Wehrpflicht. Aus sicherheitspolitischen Gründen ist ein professionelles Berufsheer der alten stehenden Armee in jedem Fall vorzuziehen. Es ist besser international einsetzbar, auch im Rahmen eines möglichen gesamteuropäischen Heeres. Ich glaube auch, dass ein modernes Berufsheer die Werte der Menschenrechte und der Friedenssicherung besser vertreten kann als Präsenzdiener im Rahmen einer allgemeinen Wehrpflicht. Allerdings wird die Frage der Rekrutierung beim Berufsheer eine wichtige sein: Man muss auf Diversifizierung achten. Idealerweise soll die Zusammensetzung des Berufsheers ein Spiegelbild der Bevölkerung sein. Migranten oder etwa Schwule und Lesben müssen in der Berufsarmee eines modernen Landes genauso vertreten sein wie alle anderen.

Simon Inou

Der Journalist kam 1995 als Flüchtling aus seinem Heimatland Kamerun nach Österreich und ist heute österreichischer Staatsbürger

Österreichs erste Volksbefragung wäre für mich die allererste Gelegenheit gewesen, wählen zu dürfen. Politiker beider Parteien sollten sich wirklich schämen, dass ein Thema, das die nationale Sicherheit unseres Landes betrifft, nicht sachlich, sondern nur emotional diskutiert wird. Es fehlt der Bundesregierung eine sicherheitspolitische Vision, das ist in der aktuellen Diskussion klar sichtbar geworden.

Auf der einen Seite würde ich stark für eine Berufsarmee plädieren, da „klassische“ Kriege zwischen Staaten in Europa heutzutage nicht mehr geführt werden. Internationale Einsätze sollten Profis überlassen werden. Der österreichische Einsatz im zentralafrikanischen Tschad wurde mit Beteiligung der in Wiener Neustadt beheimateten Elitetruppe Jagdkommando durchgeführt. Außerdem sollten junge Männer nicht gezwungen werden, einem Heer beizutreten, sondern sich freiwillig dafür entscheiden.

Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass, wenn die Wehrpflicht fällt, auch der Zivildienst stirbt. Wie wird sich das auf die Krankentransporte, Krankenhäuser, Vereine, Altenheime, Rettungsdienste oder die Betreuung von Behinderten auswirken? Das freiwillige soziale Jahr beantwortet diese Frage nicht.

Obwohl der 20. Jänner 2013 für mich ein historischer Tag gewesen wäre, werde ich leider nicht wählen gehen. Die Sicherheit unseres Landes ist kein Ping-Pong-Spiel, sondern ein entscheidendes Thema, das sachlich geführt und auf der Grundlage von Informationen diskutiert und entschieden werden muss.

Anton Mattle

Der ÖVP-Politiker ist seit 16 Jahren Bürgermeister von Galtür in Tirol, das 1999 nach einem der schwersten Lawinenunglücke des Landes vom Bundesheer evakuiert werden musste

Ich spreche mich eindeutig für den Erhalt der Wehrpflicht aus. Als in Galtür die Lawine niederging, haben wir erfahren, wie uns das österreichische Bundesheer geholfen hat. Der Lawinenzug der Kaserne Landeck leistete Soforthilfe. Danach blieben die Soldaten noch drei Monate, auch als der Medientross längst weg war. Sie halfen, den zerstörten Ort wieder aufzubauen und gaben uns das Gefühl, nicht alleine zu sein. Ich wünsche jeder Gemeinde, dass sie im Katastrophenfall jene Hilfe erfährt, die wir damals erfahren haben. Und im Jahr 2005, als es im Tal Hochwasser gab, waren erneut 3000 von 3500 helfenden Soldaten Präsenzdiener.

Natürlich würden auch Berufssoldaten Hilfe leisten, keine Frage. Aber ich zweifle daran, dass sie monatelang bleiben würden. Zudem stelle ich es mir schwierig vor, Berufssoldaten zu gewinnen, wenn vor ihnen die Aussicht liegt, dass sie beispielsweise monatelang in Kellern Schlamm schaufeln.

Wolfgang Murnberger

Der Filmemacher ist Drehbuchautor und Regisseur des Spielfilms „Ich gelobe“, der 1994 äußerst erfolgreich in den österreichischen Kinos lief

Der Wehrzwang ist ein Relikt aus Zeiten, in denen ich nicht gelebt haben möchte. Dieses Instrument des Staates, durch Zwang Lebenszeit seiner Bürger zu stehlen, muss in einer modernen Gesellschaft abgeschafft werden.

Nach der ersten Truppenübung, bei der ich mit einem kaputten Funkgerät ohne Kontakt zum Rest der Garnison, vier Tage und Nächte im Wald saß, während mir der (echte) Feind unbemerkt Blut aus den Adern saugte (Zecken!), hatte ich die Nase so voll, dass ich mich vor der Zivildienstkommission einfand. Dort wurde befunden, ich sei im Grunde meines Herzens ein guter Soldat und leider auf der Filmakademie in schlechte Kreise geraten. Mein Antrag wurde abgelehnt.

Erst ein Jahr später habe ich es endlich geschafft, das österreichische Bundesheer hinter mir zu lassen. Ich musste noch vier Monate Zivildienst im Kinderdorf Pöttsching leisten. Dort durfte ich erleben, dass der Wehrersatzdienst wenigstens Sinn macht.

„Ich gelobe“ war meine persönliche Rache am österreichischen Bundesheer und was mich stolz machte, war, dass die FPÖ dem Film bei einer parlamentarischen Anfrage „Wehrzersetzung“ vorwarf. Ich gestehe: volle Absicht!

Isabella Riedl

Die Geschichtsstudentin leistete ein freiwilliges soziales Jahr im KZ Auschwitz und ist heute Geschäftsführerin des Vereins „Gedenkdienst“, der Zivildiener und Freiwillige an Orte des Holocaust-Gedenkens vermittelt

Noch habe ich nicht entschieden, wie ich bei der Volksbefragung abstimmen werde. Sehr vielen Bürgerinnen und Bürgern geht es sicher ähnlich. Mir haben im Zuge der Wehrpflichtdebatte eine breitere öffentliche Diskussion um das Thema sowie konkrete Vorschläge für die Verwirklichung beziehungsweise Reformierung der beiden Modelle gefehlt. Mein großer Wunsch ist, dass in Zukunft Männern und Frauen zu den gleichen Konditionen ein freiwilliges soziales Jahr ermöglicht wird, das finanziell ausreichend abgesichert ist. Ich habe vor zwei Jahren selbst ein Jahr lang als Freiwillige im Rahmen eines Gedenkdiensts in Oświęcim/Auschwitz gearbeitet. Während dieser Zeit konnte ich sehr viele wertvolle Erfahrungen in verschiedenen Arbeitsbereichen sammeln. Aus diesem Grund hoffe ich sehr, dass die Möglichkeit auf ein solch bereicherndes Jahr auch in Zukunft für junge Menschen bestehen wird.

Robert Lichal

Der ÖVP-Politiker war von 1987 bis 1990 Verteidigungsminister und gilt als Architekt des österreichischen Milizsystems

Ich plädiere zur Gänze für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Wehrpflicht. Sie ist das beste System für Österreich. Denn ein Berufsheer hat es an sich, dass es in Friedenszeiten zu groß und im Kriegsfall zu klein gerät. Bei einem Bundesheer mit Milizcharakter hingegen kann man jederzeit genug Soldaten einberufen, die auf Abruf bereit stehen, wenn man sie braucht. Im Notfall sind keine Spezialisten gefragt, sondern kräftige junge Männer. Sie müssen ein Gewehr laden, eine Schaufel halten und einen Sandsack schleppen können. Natürlich benötigt man überdies auch Experten im Heer – aber die gibt es ja, sie sind heute schon Berufssoldaten. Österreich verfügt über ein Mischsystem aus Berufssoldaten, Grundwehrdienern, Zeit- und Milizsoldaten. Das ist genau das, was ein neutrales Land mit einer Topografie wie der unseren braucht.

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Drei Herren vom Heer

Seit 30 Generationen kämpft sich die Militärdynastie Ségur-Cabanac durch Europas Geschichte. Wie eine Offiziersfamilie den Umbruch im Bundesheer erlebt

Familienporträt: Stefan Apfl und Joseph Gepp

„Ich würde unsere Geschichte im Jahr 876 beginnen lassen“, sagt Christian Ségur-Cabanac. 876, das ist exakt 400 Jahre nach dem Untergang des Weströmischen Reichs und 100, bevor ein Landstrich in Ostbayern den Namen Ostarrichi erhält. In diesem Jahr wird nahe Bordeaux eine Familie Ségur erwähnt. Der Name komme wohl vom lateinischen sekurus, erklärt der Nachfahre, „der Sicherheit Gebende“.

Über Jahrhunderte stellt die Dynastie Politiker und Kardinäle, aber vor allem Militärs. Lew Tolstoi verewigt einen napoleonischen General Ségur in seinem Roman „Krieg und Frieden“. 30 Generationen lang verzweigen sich die Äste des Adelsgeschlechts, von denen einige heiratsbedingt den Namenszusatz „Cabanac“ annehmen, im Gestrüpp europäischer Geschichten. Sie dienen den französischen Bourbonen und den Habsburgern. Sie dienen der Ersten Republik und dem „Dritten Reich“. Und sie dienen schließlich dem Bundesheer der Zweiten Republik.

Vergangener Mittwoch, 14 Uhr, Roßauer Kaserne, vierter Stock. Zigarrengeruch dringt durch die geöffnete Bürotür. Mit einem Grüß Gott begrüßt Generalleutnant Ségur-Cabanac, 62 Jahre, seine Gäste, auf die er nicht zugeht, sondern vielmehr aufrechten Gangs und in voller Montur zuschreitet. Seit wenigen Stunden ist er Vizechef des Generalstabs und damit zweithöchster Militär im Land. Doch ging keine der üblichen Paraden mit der Ernennung einher. Die Umstände sind nicht danach. Generalstabschef Edmund Entacher, Ségurs Vorgesetzter, wurde zwei Tage zuvor von Verteidigungsminister Norbert Darabos geschasst, weil er die mögliche Abschaffung der Wehrpflicht kritisiert hatte. Sein Stellvertreter Othmar Commenda rückte interimistisch nach und hinter ihm Christian Ségur-Cabanac.

Mitbegründer des Bundesheers

Seit sich Österreich nach dem Staatsvertrag 1955 ein neues Heer verordnet hat, spielt die Familie von Christian Ségur-Cabanac darin eine tragende Rolle. Sein Vater, heute sterbenskrank, war einer der Mitbegründer der Republiksarmee. Christians Bruder René ist als Vizechef der Landesverteidigungsakademie einer der führenden Heeresintellektuellen. Christians Sohn Philipp schließlich, 35, wird als Offizier mit jener Zukunft konfrontiert sein, die Vater und Onkel in leitenden Positionen gestalten.

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„Es wird nie eine militärlose Gesellschaft geben“: Vater
Christian (links), Onkel René und Sohn Philipp Ségur-Cabanac

Foto von Hans Hochstöger

Wer die aktuellen Querelen rund um das Heer verstehen will, wer über die Tagespolitik hinaus Antworten sucht auf das Verhältnis zwischen Soldat und Staat, zwischen Armee und Gemeinwesen – der könnte kaum bessere Ansprechpartner finden als die Mitglieder der Militärdynastie Ségur-Cabanac.

Über dem weitläufigen Generalsbüro residiert Darabos, ein Sozialdemokrat und ehemaliger Zivildiener. Ségur-Canabac dagegen, überzeugter Katholik und ÖVP-nah, ist ein General wie aus einem Historienfilm – die Statur von Tito, die Brille von Breschnew. In einem gerahmten Brief an der Wand bedanken sich George W. Bush und Gattin („Laura and I“), für den Einsatz während eines Staatsbesuchs. Daneben zeigt ein Foto Ségur-Cabanac mit Papst Benedikt XVI.

In Heereskreisen gilt Ségur als einer, hinter dessen adelig-altbackener Fassade sich eine offene Persönlichkeit verbirgt. Der Grüne Peter Pilz, der mit ihm manchen Streit ausgefochten hat, nennt ihn einen „hochqualifizierten, kompetenten Militär“. Zum aktuellen Politstreit, sagt Ségur, könne er kaum Stellung nehmen, „ich bitte zu verstehen“. Über alles andere spreche er gerne.

„Treue zum jeweiligen Souverän“, so formuliert es der General, war stets der Leitgedanke der einstigen Grafendynastie. August François, erster Ségur in Österreich, floh 1793 vor den Revolutionswirren aus Frankreich und wurde Offizier in Wien. Ein Jahrhundert lang befehligten seine Nachkommen Soldaten „zwischen Südtirol und der Bukowina“. 1918 geht der Souverän vom Kaiser an das Volk über, wie viele Adelige schließen sich auch die Ségurs den Christlichsozialen an. August Ségur-Cabanac, Christians Großvater, wird Finanzminister unter dem Prälatenkanzler Ignaz Seipel.

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Aus dem Familienarchiv: Kaiser Ferdinand I. bedankt sich für
die Treue
Foto von Hans Hochstöger

Von Hitler missbraucht
Nach dessen Tod rückt 1941 August Junior, Christians Vater, 16-jährig in Hitlers Wehrmacht ein. Er kämpft und wird verwundet. „Missbraucht“ habe sich der Vater dabei gefühlt und nie viel darüber erzählt – doch auch er hielt Treue zum Souverän. 18 Jahre später, 1956, sichert derselbe August mit einer unerfahrenen Truppe die Grenzen der jungen Republik Österreich, als in Ungarn sowjetische Panzer den Volksaufstand überrollen. Spätestens mit diesem allseits gelobten Einsatz ist die Familie ins republikanische Zeitalter übergetreten.

Der kleine Christian ist zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt, er wächst in einer zerstörten, von alliierten Truppen besetzten Stadt auf – und wird zur ersten Generation seit Jahrhunderten gehören, die keinen Krieg miterlebt.

Seine Erziehung sei durch einen gelebten, tiefen Glauben geprägt gewesen, erzählt er. Traditionsbewusstsein und ein Stolz auf die „doch etwas exklusive Genealogie“ habe er ebenso „mit der Muttermilch aufgesogen“, wie ein „besonderes Treue- und Abhängigkeitsverhältnis zum Staat“. In seinem Verantwortungsgefühl ist der republikanische General ganz und gar Adliger geblieben: Er spricht darüber wie über eine Erbpflicht.

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Das Familienwappen, goldgerahmt im Hause der Ségur-Cabanacs
Foto von Hans Hochstöger

Als er aber im Jahr 1967 maturiert, wirken solche Ideale gestrig. Im Audimax der Universität Wien scheißen Aktionisten auf die Tische, während Christian Ségur-Cabanac in der Panzertruppenschule Zwölfaxing ein freiwilliges Jahr antritt. Im Rückblick ist es jener Moment, in dem zwei bislang deckungsgleiche Linien – jene der Ségur-Cabanacs und jene der Gesellschaft, deren Schutz sie sich verschrieben haben – auseinanderstreben.

Die „immerwährende Neutralität“ Österreichs ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in der Pubertät. Die Welt ist in Gut und Böse geteilt – die Blockgrenze entspricht der Ostgrenze Österreichs. Kriege, kalt oder heiß, so nimmt man selbstverständlich an, finden zwischen Staatssystemen statt. In den Truppenschulen beschwört man die Gefahr einer Panzerinvasion aus dem Osten. Die Konsequenz ist das „Vollspektrummilitär“ mit seiner „umfassenden Landesverteidigung“. Dieses Konzept bedingt alle gängigen Truppenteile, Panzer und Gebirgsjäger, Pioniere und Infanteristen, Fallschirmjäger und Flugzeuge. Dass die Bedrohung real und das Heer deshalb notwendig ist, liegt auf der Hand.

Es ist die Zeit, in der Christians jüngerer Bruder René seine Karriere in der Armee aufnimmt. 1975, erzählt er, sei noch das Kennedy’sche Diktum gültig gewesen: Frag nicht, was dein Staat für dich tun kann, frag, was du für deinen Staat tun kannst. Heute, 30 Jahre später, habe sich das Verhältnis umgekehrt. Friede, Stabilität, Prosperität – aus Errungenschaften wurden Selbstverständlichkeiten. „Die Dinge selbst haben nicht an Wert verloren“, meint René Ségur-Cabanac. „Verändert hat sich nur der Wert, der ihnen beigemessen wird.“

Er sagt das nicht im jammernden Ton des Konservativen, der alle Veränderung als Irrweg abtut. Als stellvertretender Leiter der Landesverteidigungsakademie verkörpert er schließlich das Hirn der Armee. Er leitet die Impulse der Modernisierung durch den Heereskörper.

Neun Zacken und zwei Löwen

Wie sein Bruder Christian trägt auch er den blauen Siegelring – eine neunzackige Krone und zwei Löwen -, den jeder und jede Ségur am 18. Geburtstag erhält. Sein Büro in der Stiftskaserne im siebten Bezirk wirkt im Vergleich zum brüderlichen funktionaler, er selbst trägt anstatt der Montur ein einfaches Hemd. Bloß das gleiche Foto, das ihren Vater 1957 an der Spitze einer Parade vor dem Parlament zeigt, hängt in beiden Arbeitsräumen.

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Jeder und jede Ségur erhält am 18. Geburtstag den Siegelring
der Familie

Foto von Hans Hochstöger

Die Individualisierung habe das Verhältnis zum Militär verändert, sagt Ségur. Verändert hätten sich auch die geostrategischen Rahmenbedingungen – der Fall der Mauer und Österreichs EU-Beitritt verlangten neue Verteidigungskonzepte. Ökonomisch und gesellschaftlich, vor allem sicherheitspolitisch sei Österreich längst in etwas Größerem aufgegangen. Keiner spricht noch über die Notwendigkeit eines Vollspektrummilitärs. „Wir sind Teil von europäischen Netzwerken“, sagt René Ségur-Cabanac – und meint damit den Luftraum, die Pipelines, das Straßennetz. „Unsere Aufgabe ist es, unseren Teil davon zu schützen.“ Das Operationsfeld hat sich europäisiert, ja globalisiert. Aus der Armee eines neutralen Kleinstaates im bipolaren Nachkriegseuropa wurde ein Partner auf internationaler Ebene. In Bosnien-Herzegowina etwa stellt Österreich heute das größte ausländische Militärkontingent, im Kosovo das zweitgrößte.

Soldat? Sicherheitsdienstleister!
Dorthin, in den Kosovo, rückte Philipp Ségur-Cabanac 1999 ein, Christians heute 35-jähriger Sohn. Es war eine Mission neuen Typs, die Österreicher organisierten die Flüchtlingshilfe. Trotz der Familientradition sei er nicht ins Heer gedrängt worden, sagt Philipp. Stattdessen habe er Technische Mathematik studiert und überlegt, in die Forschung zu gehen, „um am Ende doch Offizier zu werden“.

Philipp, vom Dienstrang Major, sitzt in Zivil in einem Café am Rochusmarkt und trinkt gespritzten Apfelsaft. Seine Frau ist Anwältin, nicht Hausfrau wie die seines Vaters. Auf Nachfrage erzählt er zwar vom „Dienst an der Gemeinschaft“ und „soldatischen Werten“. Ansonsten aber klingt er einfach wie jemand, der einem modernen und hochqualifizierten Job nachgeht. Der beschworene Wandel vom Soldaten mit Standesehre zum akademischen Sicherheitsdienstleister, er scheint sich zwischen Vater Christian und Sohn Philipp bereits vollzogen zu haben.

Spezialisierung sei Grundvoraussetzung einer modernen Armee, sagt der junge Ségur. Man brauche Logistiker zur Transportoptimierung, Betriebswirte zur Einsatzkostenkalkulation, Informatiker für den cyber warfare. Dafür benötige man „Breite im Denken und kulturelle Intelligenz“.

Die internationale Aufgabenteilung, sagt Philipp, habe eine „Spezialisierung und Akademisierung“ zur Folge. Und weil sich jeder Einzelstaat das volle Spektrum hochspezialisierter Truppenteile schlicht nicht leisten könne, sei eine gemeinsame europäische Armee „langfristig unumgänglich“.

Und das Streitthema Wehrpflicht? Dazu äußern sich die drei Ségur-Cabanacs nicht. Einzig ihr Unbehagen über die aktuelle Diskussion drücken sie, zumindest verklausuliert, aus – über die Rolle der Krone, die Oberflächlichkeit der Debatte und parteipolitische Ränkespiele, die den Blick auf Sachverhalte verstellen.

Hinter dem Streit zwischen Anhängern von Wehrpflicht und Berufsheer verbirgt sich die Frage nach der Zukunft des Militärs: Wird es mit Allroundern oder Spezialisten bestückt? Werden sie Kämpfer oder Sicherheitsdienstleister sein? National oder international ausgerichtet? Wird sich das nationale Vollspektrummilitär, mit dem Christian Ségur-Cabanac aufgewachsen ist, seinen Weg bahnen? Oder wird das Heer in Zukunft ein Konglomerat an Projektgruppen für internationale Einsätze sein, wie in Philipp Ségur-Cabanacs Berufsalltag?

Momentan befindet sich das Heer jedenfalls in einer Zeit des Übergangs – das Alte ist weg, das Neue noch nicht da. Die nationale Armee alten Typs wirkt kraftlos und anachronistisch. Und die battle groups eines vereinten Europas stehen erst am Anfang. Darüber ist der so lange unhinterfragte Zweck der militärischen Landesverteidigung fraglich geworden.

„Schau Mama, ein Polizist!“
Das „Sozialprestige“ des Militärs habe gelitten, sagt der General Christian Ségur-Cabanac in seinem Büro. Unlängst, erzählt er, habe ein Kind in der Straßenbahn auf ihn gezeigt und gesagt: „Schau Mama, ein Polizist!“ – „Ich habe ganz ernst geantwortet: ‚Ich bin ein Soldat‘“.

Eine militärlose Gesellschaft, sagt er, könne nicht funktionieren. Als Ultima Ratio eines Staates werde man eine Armee immer brauchen – wenn sich mit dem Lauf der Zeit auch ihre Form verändern mag. Als der Ostblock zusammenbrach, da haben die Ségur-Cabanacs ebenso wenig an ein Ende der Geschichte geglaubt wie am Tag, als erstmals ein Zivildiener das Verteidigungsministerium übernahm.

Vielleicht geht es der Gesellschaft derzeit einfach zu gut? „Wie meinte schon Prinz Eugen“, hebt Christian Ségur-Cabanac an: „Sie schreien nach uns um Hilfe, wenn ihnen das Wasser in das Maul rinnt. Und wünschen uns vom Hals, kaum als einen Augenblick dasselbige entwichen.“

Erschienen im Falter 5/2011

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Entschuldigung, dass es uns gibt

Wie jedes Jahr: die Heeresleistungsschau am Heldenplatz

Unterschwellig tendiert das österreichische Bundesheer stets dazu, sich für seine Existenz zu entschuldigen. Ob das angebracht ist oder nicht, sei dahingestellt. Unvergessen ist jedenfalls die praktische schwarz-braune Sporttasche, die jeder Wehrpflichtige zu seiner Uniform bekommt und nach Ablauf seines Militärdienstes behalten darf. Einer der Sprüche darauf: „Der Zweck fordert Mittel“. Jemand, dessen Zweck zweifelsfrei feststeht, würde das wohl nicht betonen müssen.

Also gilt es am Nationalfeiertag, die „Vielseitigkeit und hochmoderne Ausrüstung“ des Heers vorzuführen.

Die jährliche Leistungsschau der Truppen am 26. Oktober am Heldenplatz fühlt sich ein wenig an wie der Spruch auf den Taschen. Offizielles Motto: „Schutz und Hilfe, Mensch und Technik“. Inoffizielles Motto: „Ihr wollt uns zwar nicht, aber auch wir haben einen Sinn, und das zeigen wir euch heute mal“. Dieser Grundton lässt das Spektakel nicht unbedingt patriotisch oder gar kriegerisch-martialisch erscheinen. Eher wirkt es kurios und dadurch sogar ein bisschen sympathisch. Sozusagen als Ausdruck des Dilemmas von Streitkräften in demokratischen Gesellschaften.

Es gibt das übliche Einmal-im-Leben-in-einen-Panzer-Steigen oder Einmal-einen-Eurofighter-Betatschen. Dazu Würstchen, Langos, von Menschenmassen umringte Hubschrauber und junge Abkommandierte, die auf Heurigenbänken zu Schauzwecken undefinierbares Gestänge aus der „hochmodernen Ausrüstung“ zusammenschrauben. Dazu kommt ein Showexerzieren der Garde für das US-Marines-Feeling. Die Edlseer sorgen für gediegene musikalische Untermalung. Und als Höhepunkt des Ganzen fungiert wie üblich die Angelobung der jungen Rekruten, standesgemäß mit Zapfenstreich der Gardemusik und in Anwesenheit von Bundespräsident Heinz Fischer.

Nicht lange danach dürfen die Rekruten ihre Sporttasche verdientermaßen nach Hause mitnehmen.

Heldenplatz, Di 9.00

JOSEPH GEPP

Erschienen in der Falter-Woche 42/2010

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