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Kolumne: Das war meine Woche

Aus profil 24/2017

Ich überlege, was gewesen wäre, hätte ich im Jahr 2010 um 1000 Euro Bitcoins gekauft, jene Kunstwährung, die nur im Internet existiert. Ein Bitcoin war damals rund vier Cent wert. Um 1000 Euro hätte ich demnach 25.000 Bitcoins bekommen. Heute liegt der Wert des Bitcoin bei 2440 Euro. Ich besäße also 61 Millionen.

Bitcoins sind digitale Einheiten, um die sich Anleger reißen. Ihr Wert schießt gerade in Höhen, die kaum jemand für möglich gehalten hätte. Doch warum? Bitcoins entstehen in den Computern all derjenigen, die sie besitzen. Es gibt keinen Zentralrechner – keinen, den etwa eine Regierung abdrehen könnte. Und noch entscheidender: Die Gesamtzahl der Bitcoins ist von einem Algorithmus strikt limitiert. Derzeit beispielsweise entstehen alle zehn Minuten exakt 12,5 neue Bitcoins. Eine künstliche Knappheit.

Trotzdem sind Bitcoins rein virtuell. Liegt dem Hype also einfach eine Blase zugrunde? So wie bei den Tulpenzwiebeln im 16. Jahrhundert? Zum Teil – ja. Über Bitcoins wird viel geredet (Sie lesen doch auch diese Kolumne, oder?). Viele rechnen mit einem weiteren Wertzuwachs. Auch Großanleger wie Pensionsfonds erwägen den Einstieg. Dies ruft noch mehr Kleinanleger auf den Plan. All das wirkt selbstverstärkend.

Es gibt aber auch andere Faktoren, die den Wert des Bitcoins antreiben. China etwa will den Kurs seiner Währung, des Renminbi, hoch halten. Also verbietet es den Tausch hoher Summen in andere Währungen. Wie könnte man seine Renminbi dennoch loswerden? Indem man im Internet Bitcoins erwirbt. Für viele Chinesen haben Bitcoins also einen praktischen Nutzen.

Vielleicht wird die Blase trotzdem platzen. Der Bitcoin könnte wieder abstürzen, Millionen ihr Geld verlieren. Vielleicht wird er aber auch weiter steigen – getrieben etwa von der anhaltenden Erwartung, Großanleger könnten einsteigen. Ich übrigens werde trotz allem keine Bitcoins kaufen. Noch einmal 61 Millionen werden es sowieso nicht mehr.

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CETA gibt es längst

Aus dem profil 40/2016

Dass in den EU-Handelsabkommen CETA und TTIP private Schiedsgerichte für Investoren geplant sind, bereitet vielen Menschen Sorgen. Dabei gibt es sie bereits lange Zeit, noch dazu inbesonders intransparenter Form. Auch für Österreich.

Bericht:
Joseph Gepp

Sie tagen im Geheimen. Ihr Personal rekrutiert sich aus einer verschworenen Clique allzu unternehmensfreundlicher Juristen. Die hohen Strafen, die sie verhängen, beeinflussen Gesetzgebungsprozesse.

Kaum etwas bereitet den Kritikern der geplanten EU-Handelsabkommen mit den USA (TTIP, „Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft“) und Kanada (CETA, „Umfassendes Wirtschafts-und Handelsabkommen“) mehr Sorge als die Schiedsgerichte für Investoren. Wenn diese sich diskriminiert oder enteignet fühlen, sollen sie künftig nicht mehr auf die jeweilige nationale Gerichtsbarkeit angewiesen sein. Stattdessen dürfen die Unternehmen einen Sonderweg über halböffentliche internationale Schiedsgerichte beschreiten. Ein Machtungleichgewicht zugunsten von Konzernen, sagen die Kritiker. Eine Gefahr für die Demokratie. Die Debatte geht auch an den Politikern nicht vorbei. „Es ist nicht nachzuvollziehen, warum in einem Rechtsstaat wie Österreich im Streitfall nicht ordentliche Gerichte entscheiden sollten“, sagt SPÖ-Kanzler Christian Kern im Magazin „News“. Auch Kerns konservatives Gegenüber, ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, sonst wenig CETA-kritisch, mahnt in der deutschen Zeitung „Welt“ zur Vorsicht: „Es muss klargestellt werden, dass der Investitionsschutz an das europäische Rechtssystem anknüpft.“

Dabei lassen die Regierungspolitiker aber einen wichtigen Punkt unerwähnt. Investoren-Schiedsgerichte für Österreich sind nicht etwa ein fernes, bedrohliches Zukunftsszenario. Sondern längst Realität. Seit dem Jahr 1985 hat Österreich mit 63 Staaten von Ägypten bis Vietnam sogenannte bilaterale Investitionsschutzabkommen (BITs) abgeschlossen. Allesamt sehen sie in Streitfällen den Einsatz der Schiedsgerichte vor. Unternehmen aus den 63 Ländern dürfen sie also für Österreich bemühen. Und umgekehrt. Und nicht nur das: Die konkrete Ausgestaltung dieser bilateralen Schiedsgerichte – zum Beispiel bei der CETA gibt viel intransparenter und missbrauchsanfälliger als bei den Gerichten, wie sie etwa im Rahmen von CETA vorgesehen ist (bei TTIP ist die Gestaltung noch unklar).

Trotzdem verliert Österreichs Regierung kein Wort über die bereits bestehende Schiedsgerichtsbarkeit, ganz im Gegensatz zu der geplanten in CETA und TTIP. Die SPÖ etwa bezog sie in ihre Kampagne und Mitgliederbefragung über CETA im September nicht ein. Die ÖVP tritt gar offen für ihren Fortbestand ein. Dieses paradoxe Verhalten lässt sich nur damit erklären, dass das Licht der Aufmerksamkeit derzeit grell auf CETA und TTIP scheint. Von der Existenz der bilateralen Gerichte hingegen wissen viele Österreicher nicht einmal.

Bemerkenswert ist auch die Rolle Brüssels in der Causa. Die EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker befürwortet üblicherweise Schiedsgerichte, etwa bei CETA und TTIP. Österreichs bilateralen Sonderweg jedoch lehnt sie ab. Und zwar derart entschieden, dass sie im Juni 2015 gar ein Vertragsverletzungsverfahren einleitete. Es könnte eine Geldstrafe nach sich ziehen und trifft neben Österreich auch die Niederlande, Rumänien, Schweden und die Slowakei.

All diese Länder weigern sich, ihre Abkommen abzuschaffen, kritisiert die Kommission in einer Mitteilung vergangenen Sommer. Sie hätten „auf wiederholte Hinweise über mehrere Jahre, sie zu beenden, nicht reagiert“.

Was stört die Kommission? Nicht an allen Investitionsabkommen Österreichs stößt sie sich, sondern nur an zwölf davon: jenen, die mit anderen EU-Ländern abgeschlossen wurden (sogenannte „Intra-EU-BITs“). Diese, so die Kommission, würden dazu führen, dass österreichische Unternehmen in den betroffenen Ländern Vorteile genießen im Vergleich mit solchen aus anderen EU-Staaten. Denn die Österreicher könnten sich der Schiedsgerichte bedienen, während Unternehmen anderer Herkunft den normalen Rechtsweg einschlagen müssen. „Eine solche Diskriminierung ist mit EU-Recht unvereinbar.“

Es geht nicht nur um CETA

Es geht nicht nur um CETA

Zum besseren Verständnis der Causa hilft ein Blick in die frühen 1990er-Jahre. Osteuropa, nach der Wende, der EU-Beitritt der Staaten noch in weiter Ferne. Österreichs Wirtschaft hofft auf Gewinne im Osten, sorgt sich aber auch um die Rechtssicherheit. Unternehmer bezweifeln, ob sie im Ernstfall faire Gerichtsverfahren bekommen. Also verhandelt Österreichs Regierung Investitionsabkommen mit Osteuropas Ländern aus, nach dem Vorbild mit jenen außerhalb Europas.

Solche Verträge sind nur ein paar Seiten dick. Sie legen fest, dass ein Investor ein Schiedsgericht anrufen darf, wenn er sich um seine Investition gebracht sieht. Im Normalfall wählen Unternehmen und betroffener Staat dann aus einem kleinen Pool internationaler Fach-Juristen jeweils einen Vertreter aus (Honorar: rund 800 Euro pro Stunde). Die beiden einigen sich auf einen dritten Experten. Zwei der drei müssen beim Streitgegen-stand einer Meinung sein, dann fällt das Urteil. Berufen kann man nicht. Unter welchen Bedingungen genau eine Klage vor dem Schiedsgericht zulässig ist, dies jedoch bleibt in den Verträgen vage. Genauso wie der Modus der Auswahl des zuständigen Gerichts. In vielen Verträgen wird das „Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten“ (ICSID) zur zuständigen Instanz erklärt, ein Schiedsgericht, das bei der Weltbank in Washington D. C. angesiedelt ist.

Österreich schloss sein erstes Abkommen mit einem späteren EU-Land im Jahr 1988, mit Ungarn. Es folgten Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Kroatien, Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, die Slowakei, Polen und schließlich 2002 Malta. Rechtlich war all das völlig unbedenklich – solange die Länder nicht der EU angehörten. Seither allerdings gelten auch dort die Regeln des EU-Binnenmarkts. Das bedeutet: Ein tausende Seiten starkes, fein austariertes Gesetzeswerk sorgt dafür, dass alle Unternehmen aus der EU gleich behandelt werden. Es stellt die Niederlassungsfreiheit für Investoren sicher und die Freiheit des Kapitalverkehrs, beides Grundsäulen der Union. Bei Streitigkeiten können sich Unternehmen an die nationale Gerichtsbarkeit wenden. Fühlen sie sich von dieser schlecht behandelt, dient der Europäische Gerichtshof in Luxemburg als Berufungsinstanz.

Die Intra-EU-BITs hebeln dieses System aus, weil sie manchen Unternehmen einen alternativen Rechtsweg eröffnen. Er funktioniert schneller, unkomplizierter, aber auch intransparenter. Und er benachteiligt die Staaten massiv, sagen die Kritiker. Inwiefern die Befürchtung zutrifft, lässt sich nur schwer überprüfen -gerade deshalb, weil über die Verfahren so wenig bekannt ist. Fest steht: Man-che von ihnen sind höchst umstritten.

So verurteilten Schiedsgerichte Tschechien und Rumänien, weil sie Subventionszahlungen für schwedische und niederländische Investoren einstellten. Allerdings: Der Grund dafür war, dass diese dem EU-Recht widersprochen haben. Die Richter berücksichtigten das nicht.

Was Verfahren mit Österreich-Bezug betrifft, kennt man bisher 19 -allerdings weiß man zumeist nicht viel mehr als ein paar Basis-Fakten. „Nicht alle Klagsfälle werden bekannt“, sagt Elisabeth Beer, Schiedsgerichts-Expertin von der Wiener Arbeiterkammer. „Wir kennen wohl nur die Spitze des Eisbergs.“ Das jüngste Verfahren mit Österreich -Verbindung ist gerade eine Woche alt. Das kroatische Tochterunternehmen der heimischen UniCredit Bank Austria klagt Kroatien vor dem Washingtoner ICSID, wohl wegen eines neuen Gesetzes zur Konvertierung von Frankenkrediten. Weitere Beispiele: Die Austrian Airlines klagten 2008 gegen die Slowakei, weil der Staat angeblich sein Versprechen gebrochen hatte, Haftungen für Schulden zu übernehmen (die AUA unterlag).Oder: Der Baukonzern Strabag und das Abfallunternehmen Saubermacher forderten 2013 Entschädigung von Kroatien, weil eine Müllentsorgungsanlage doch nicht gebaut worden war (sie gewannen).

Es scheint, als würde Österreich viel seltener verklagt werden, als dass dessen Unternehmen andere Länder klagen. Bisher weiß man nur von einer einzigen Klage gegen Österreich. Sie kam vergangenes Jahr von einer Tochter der Meinl-Bank mit Sitz auf Malta. Die jahrelangen Ermittlungen der heimischen Behörden gegen die Bank wegen mutmaßlicher Geldwäscherei und Untreue würden eine „zügellose Kampagne des österreichischen Staates“ darstellen, argumentierte Meinl (profil berichtete). Das Verfahren läuft noch. Die geringe Anzahl der Klagen gegen Österreich hängt wohl damit zusammen, dass heimische Firmen stark in Osteuropa investieren – während umgekehrt osteuropäische hierzulande eher wenig tätig sind.

Die EU-Kommission jedenfalls ist fest entschlossen, gegen die vermeintliche Bevorzugung österreichischer Unternehmen infolge der Intra-EU-BITs vorzugehen. Erst vergangenen Donnerstag übersandte Brüssel eine „förmliche Aufforderung zur Beendigung der EU-internen bilateralen Investitionsabkommen“ nach Wien. Einmal mehr. Österreich könne sich nicht darüber hinwegsetzen, so die Kommission auf ihrer Website, dass „für alle Mitgliedsstaaten dieselben EU-Vorschriften gelten“.

Lässt sich die Regierung in Wien davon beeindrucken? Nein, heißt es aus dem Büro des zuständigen ÖVP-Wirtschaftsministers Mitterlehner. Zwar gibt man auf profil-Anfrage zu, dass die Intra-EU-BITs „nicht dem letzten Stand der Entwicklung entsprechen, zum Beispiel was Transparenz oder Berufungsmöglichkeiten betrifft“. Allerdings argumentiert Mitterlehner, dass man quasi keine andere Wahl habe. „Bestimmte Mitgliedsstaaten der EU weisen noch Mängel bei der Rechtsstaatlichkeit auf. “

Anders ausgedrückt: Die osteuropäischen EU-Länder sind angeblich derart unsicher, dass die Regeln des Binnenmarkts allein nicht ausreichen. Österreichs Unternehmen brauchen die stärkere Waffe der Schiedsgerichtsbarkeit.

Österreich habe diese Argumente gegenüber der EU-Kommission vorgebracht, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Man rücke nicht von den Intra-EU-BITs ab, „solange es keine bessere und moderne Alternative gibt“.

Wie diese Alternative aussehen könnte, zeigt ein internes Arbeitspapier vom vergangenen April. Es wurde von der globalisierungskritischen NGO „Seattle To Brussels Network“ ans Licht gebracht. Es zeigt eine Position, auf die sich sechs EU-Regierungen geeinigt haben: Deutschland, Finnland, Frankreich, die Niederlande und Österreich. Die alten Intra-EU-BITs sollen abgeschafft werden, heißt es in dem Papier. Aber nicht ersatzlos.

Die Regierungen wünschen sich stattdessen eine „moderne“ Schiedsgerichtsbarkeit für Unternehmen in der kompletten EU. Zusätzlich zu den Regeln des Binnenmarkts.

Einige Zahlen zu den BIT’s:

63 Investitionsschutzabkommen, die auch eine Schiedsgerichtsbarkeit vorsehen, hat Österreich mit anderen Staaten abgeschlossen.
Einmal wurde Österreich bisher vor einem Schiedsgericht geklagt (soweit bekannt). Der Kläger ist eine Tochter der Meinl-Bank auf Malta. Das Verfahren ist offen.

18 mal haben österreichische Unternehmen im Ausland geklagt (soweit bekannt).
50 Mrd. Euro beträgt die höchste Entschädigungssumme, die jemals einem Investor zugesprochen wurden. Russland soll sie an die Eigentümer des einstigen Ölkonzerns Yukos zahlen.
5 der Verfahren mit Österreich-Bezug endeten mit einer außergerichtlichen Einigung. Zweimal gewannen die Investoren, dreimal die Staaten. Eines der Verfahren endete unentschieden. Fünf laufen noch.
46% aller Klagen kamen 2016 aus der Energiebranche. Dahinter folgen Öl-, Gas-und Minenkonzerne mit 20 Prozent der Klagen.
56 % der Klagen wurden 2016 bisher zugunsten der Investoren entschieden.

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Schöpfungsgeschichte

Aus profil 36/2016

Geld ermöglicht Fortschritt und fördert zugleich den Exzess. 25 Einblicke in die scheinbar selbstverständlichste Einrichtung der Welt.

Von
Joseph Gepp

Was ist Geld?

Geld ist das Versprechen von Wert. Es ist eine Vereinbarung, an die sich alle halten, beglaubigt durch die Zentralbank. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihre Euro im Supermarkt nicht gut ankamen?

Geld ist also eine Art Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage?

Zumindest lautet so die gängigste Geldtheorie. Geld ist eine Einrichtung, die uns praktischerweise die Tauschwirtschaft erspart, indem sie sich als Medium zwischen die Waren schiebt. Auf die Werte der Güter selbst wirkt es sich dabei nicht aus, glauben Ökonomen. Allerdings stellen dies neue Forschungen infrage. Wenn es mehr Geld gibt, argumentieren sie, werden auch die Werte von Gütern höher. Geld beeinflusst Werte, etwa Immobilien.

Und wie entsteht Geld?

Das meiste Geld – ungefähr 90 Prozent – wird von Banken geschaffen. Und zwar immer dann, wenn sie Kredite vergeben.

Aber wieso? Man kann Geld doch nur hergeben, wenn man bereits welches hat.

Als Privatperson schon. Eine Bank jedoch kann neues Geld erschaffen. Wenn sie einen Kredit vergibt, wird das Geld dafür nicht etwa irgendwo abgezwackt, zum Beispiel von den Einlagen der Konteninhaber. Sondern neu geschöpft, also geschaffen. Die Bilanzsumme der Bank vermehrt sich dann um die Summe des Kredits. Genauso wie die Geldmenge insgesamt.

Wow, eine Bank kann einfach so neues Geld erzeugen!

Genau so läuft es, so hat es sich in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt. Banken schöpfen Geld. Allerdings: Ganz autonom sind sie dabei nicht. Sonst bräuchte es keine Zentralbank wie die EZB im Euro-Raum. Die EZB versucht, die Geldschöpfung der privaten Banken mit Instrumenten zu steuern.

Welchen?

Mit den sogenannten Reserven. Das ist, wenn man so will, ein Grundstock an Kapital. Von diesem muss jede Bank eine Mindestmenge bei der EZB halten. Die Reserven können nicht einfach geschöpft werden wie die Kredite. Wenn eine Bank neues Geld schafft, muss sie dabei immer ihre Reserven im Auge behalten. Denn die Menge der Einlagen muss in einem bestimmten Verhältnis zu den Reserven stehen. Das legt die Zentralbank fest. In der EU zum Beispiel beträgt der sogenannte „Mindestreservesatz“ der EZB zurzeit einen Prozent. Wenn eine Bank also 100 Millionen Euro Kredite und Einlagen verwaltet, muss sie mindestens eine Million Reserven bei der EZB halten. Die Reserven kann man sich also wie ein Fundament vorstellen, auf dem das Haus der Kredite aufbaut. Man nennt sie deshalb auch „Zentralbankgeld“ oder“Geldbasis“.

Und woher kommen die Reserven?

Sie werden meist von der Zentralbank verliehen. Dafür bezahlt die normale Bank einen bestimmten Zinssatz, den Leitzins.

Ach ja, jener, der derzeit so niedrig ist. Und der Zweck des Leitzinses war…

Damit beeinflusst die Zentralbank, wie viel Geld die Banken schöpfen. Das geht so: Wenn sie den Leitzins erhöht, muss die Bank mehr für ihre Reserven bezahlen, also für den Grundstock. Er wird teurer. Diese höheren Kosten wird die Bank bei Kreditvergaben an ihre Kunden weiterreichen. Also werden deren Kreditzinsen höher und Kredite unattraktiver. Weniger Kredite bedeutet weniger neu geschöpftes Geld. Mit Leitzins und Mindestreservesatz steuert die Zentralbank, wie viel Geld die privaten Banken erschaffen.

Welche Rolle spielt in diesem Gefüge das Bargeld? Drucken das auch die Banken?

Nein, Bargeld kommt ausschließlich von der Zentralbank. Es zählt zu den Reserven. Das Geld, das die Banken schöpfen, ist immer Buchgeld. Also jenes, das nur in Form elektronischer Buchungszeilen vorliegt, etwa auf Bankkonten.

Bekommt die Bank die Reserven ohne jede Gegenleistung von der Zentralbank?

Nein, sie muss ihr quasi beweisen, dass sie ihrer würdig ist. Wenn sie sich Reserven ausleiht, hinterlegt sie dafür Sicherheiten wie Wertpapiere. Zum Beispiel Staatsanleihen. Diese wiederum sind Belege dafür, dass ein guter Schuldner, idealerweise ein Staat, der jeweiligen Bank Geld schuldet.

Die Banken schöpfen also Geld. Sie brauchen dafür eine kleine Basis von der Zentralbank. Die bekommen sie, indem sie belegen, dass jemand bei ihnen Schulden hat. In Wahrheit basiert unser Geldsystem auf einer Kette von Schulden und Versprechen, dass diese wieder zurückgezahlt werden.

Kann man so sagen. Aber das war nicht immer so. Denn früher gab es erstens viel mehr Bargeld als heute, also eine größere Geldbasis. Und außerdem gab es noch etwas anderes: den Goldstandard.

Was ist das?

Die Praxis, dass Geld durch Gold gedeckt ist. Bis zum Jahr 1971 etwa konnte man es bei der US-Zentralbank FED gegen Gold tauschen, genau 35 Dollar für eine Unze Gold, also 28 Gramm. Danach kündigte Präsident Richard Nixon dieses System auf. Der Dollar hing in einem fixen Verhältnis am Gold. Und alle anderen Währungen hingen in fixen Verhältnissen am Dollar. Am Grund des weltweiten Geldsystems lag also viel Gold in den Tresoren der US-Zentralbank.

Wenn ich heute zur Zentralbank gehe, bekomme ich dann auch irgendetwas für mein Geld?

Nein. Früher war Geld ein Stellvertreter für etwas, heute steht es gewissermaßen für sich selbst. Früher trugen die Banken Gold zur Zentralbank – und dafür erhielten sie Banknoten. Heute tragen die Banken Schulden zur Zentralbank – und erhalten dafür Reserven. Auf deren Basis betreiben sie dann ihre Schöpfung von Buchgeld. Ist gleich Kredite. Ist gleich neue Schulden.

tausend-kronen

Dann war früher also alles besser.

Halt, der Goldstandard ist 1971 gescheitert. Auch zuvor in seiner Geschichte war er immer wieder ausgesetzt worden. Er hatte sich nämlich als äußerst starr erwiesen. Man konnte nur so viel Geld ausgeben, wie Gold in den Tresoren lag. Es gibt aber Phasen, in denen eine Gesellschaft mehr braucht, als das Gold hergibt. Zum Beispiel, wenn sie mit Investitionen eine Wirtschaftskrise bekämpfen will. Oder in einem Krieg. Oder bei technologischen Umbrüchen, wenn es wichtige Forschungen zu finanzieren gilt. Manche Wirtschaftshistoriker glauben, jegliche Industrialisierung hänge davon ab, dass in bestimmten Phasen mehr Geld ausgegeben wird, als in Systemen mit Goldstandard zur Verfügung steht. Unsere heutige Art der Geldschöpfung hat also auch einen großen Vorteil: Sie reagiert flexibel auf die Bedürfnisse und Entwicklungen der Wirtschaft und Gesellschaft.

Aber wenn das Fundament nicht passt, sind das doch Luftschlösser.

Stimmt schon, aber es funktioniert. Zumindest solange die meisten Menschen daran glauben. Am Grund des weltweiten Geldsystems liegt heute nicht mehr Gold, sondern Vertrauen. Geld basiert auf nichts mehr. Trotzdem müssen alle daran glauben, damit das System funktioniert.

Vertrauen? Wir erleben doch seit Jahren eine Wirtschaftskrise!

Stimmt. Die Krise seit dem Jahr 2008 ist jedenfalls ein großer Riss im System des Vertrauens. Ihr Ursprung liegt darin, dass Banken und Finanzinstitutionen in den USA und Europa zu viele Kredite vergeben haben. Damit wären wir auch gleich beim großen Nachteil des derzeitigen Systems: Es mag flexibler sein als der einstige Goldstandard. Aber es fördert zugleich den Exzess in der Kreditvergabe, also der Geldschöpfung. Schließlich hindert einen heute kein Gold daran. Das untergräbt eben jenes Vertrauen, auf dem das ganze System aufbaut. So geschehen etwa während der US-Immobilienkrise: Die Banken vergaben massenhaft Kredite an Hauskäufer mit teils fragwürdiger Bonität. Immerhin winkt bei jedem Kredit ein Gewinn. Als die Schuldner das Geld nicht mehr zurückzahlen konnten, platzte die Blase. Die Häuserpreise stürzten ab, die sozialen Verwerfungen waren enorm. Die jahrelange Krise nahm ihren Lauf.

Wie reagieren die Zentralbanken darauf?

Mit ihren üblichen Instrumenten, vor allem der Senkung des Leitzinses. Er liegt heute auf historischen Tiefstständen, im Euro-Raum etwa bei null Prozent. Dies sollte eigentlich dazu führen, dass die Kreditnehmer mit billigen Krediten und mehr Geld regelrecht überflutet werden. Allerdings – und jetzt kommt das nächste Problem: Seit der Krise funktionieren die Instrumente der Zentralbanken nicht mehr richtig. Sie scheinen die Kontrolle über die Geldschöpfung zu verlieren. Kredite, Geldmenge, Inflation, Wirtschaft – trotz der Interventionen wächst nichts im wesentlichen Maß. Nur die Werte von Aktien und anderen Vermögensgütern steigen. Die EZB praktiziert derzeit weitere, bislang unerprobte Maßnahmen, etwa Negativzinsen und den direkten Kauf von Anleihen. Alles ohne großen Erfolg. Im heurigen März antwortete EZB-Präsident Mario Draghi sogar auf eine Journalistenfrage, man werde das Konzept des sogenannten Helikopter-Geldes „beobachten“. Das würde bedeuten: Jeder Europäer würde von der EZB Geld auf sein Konto bekommen. Derartige Methoden auch nur zu erwägen, galt bislang als Tabubruch. Manche sagen, das Maß an Schulden in unserem Geldsystem sei einfach zu groß geworden. Es stößt an seine Grenzen. Wir verlieren den Grundstoff Vertrauen, der einst als Ersatz für das Gold diente.

Oje, oje, was sollen wir nur tun?

Die Versuche, das Vertrauen wiederherzustellen, zielen in mehrere Richtungen. Viele sehnen sich zum Beispiel danach, dass wieder mehr als nur Vertrauen hinter dem Geld steckt. So wie früher, beim Goldstandard. Derartiges entsteht in Nischen. Zum Beispiel im Internet, beim digitalen Zahlungssystem Bitcoin („digitale Münze“).

Was war das nochmals?

Bitcoin ist eine Krypto-Währung. Entwickelt wurde sie 2008 von einer Person mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. Bitcoin ist nicht, wie andere Währungen, von Staaten und Zentralbanken organisiert. Sondern von der Gesamtheit seiner Benutzer. Auf Basis eines Computer-Protokolls, das im Hintergrund Regeln vorgibt, überprüfen sich alle Benutzer permanent gegenseitig (die sogenannte „Blockchain“, siehe Seite 46). Bitcoin ist, wenn man so will, eine Art Wikipedia in Geldform.

Schön und gut, aber inwiefern steckt hinter Bitcoin mehr als nur Vertrauen?

Das Entscheidende ist, dass bei der Entstehung von Bitcoins eine Art automatische Begrenztheit herrscht. Das Netzwerk gibt sie fix und unabänderlich vor. Derzeit existieren rund 15,8 Millionen Bitcoins, alle zehn Minuten kommen 12,5 neue hinzu. Bis zum Jahr 2035 werden 99 Prozent aller Bitcoins, insgesamt 21 Millionen, von Computern mit hoher Rechenleistung erzeugt worden sein. Genauso hat es Nakamoto seinerzeit programmiert. Das Wachstum der Geldmenge verlangsamt sich stetig, ohne Schwankungen. Wenn man so will, ist Bitcoin eine Art Goldstandard des digitalen Zeitalters. Nur sorgt kein Edelmetall für Begrenztheit, sondern die strikte technische Vorgabe. Bitcoin ist „in digitalen Stein gemeißelt“, sagt Johannes Grill vom Verein Bitcoin Austria.

Halt! Ein Protokoll, das irgendein anonymer Internet-Freak geschrieben hat, soll für etwas garantieren?

Viele glauben daran. Wie groß die Nachfrage nach Bitcoins ist, zeigt allein der Kurs zum Euro. Für einen Bitcoin bekam man 2013 noch rund 50 Euro, heute 500.

Na, dann machen wir Bitcoin doch zur neuen Weltwährung.

Tja, nach einiger Zeit würde sich wohl ein neues altes Problem einstellen: Was geschieht, wenn man mehr Geld braucht, als das System hergibt? Wie einst beim Gold kann man ja nur eine begrenzte Anzahl von Bitcoins erzeugen. Wahrscheinlich würde der Bitcoin-Standard ähnlich enden wie der Goldstandard. Bitcoin funktioniert wohl vor allem als Nischenprogramm.

Vertrackt. Gibt es keine andere Lösung?

Manche wünschen sich eine Reform der Finanzwelt, zum Beispiel der deutsche Soziologe Joseph Huber. Er plädiert für das sogenannte Vollgeld-System. In diesem Konzept sollen Banken künftig kein Buchgeld mehr schöpfen dürfen. Alles Geld soll also aus Reserven bestehen. Der Mindestreservesatz läge bei 100 Prozent. Das bedeutet: Die Banken würden nur jenes Geld in Form von Krediten weiterreichen, das sie tatsächlich von der Zentralbank bekommen. Diese könnte die Geldmenge direkt steuern. Keine Bank würde sich in einem Kreditexzess ergehen können. Finanzblasen und Vertrauensverlust wären passé, hoffen die Befürworter.

Klingt gut, aber schwer realisierbar.

Der Eingriff ins Geldsystem wäre fundamental, mit der Gegenliebe der Banken ist nicht zu rechnen. Es bleiben zudem auch abseits von der Realisierbarkeit offene Fragen beim Vollgeld, etwa wie das Wachstum der Geldmenge festgesetzt werden soll.

Gibt es nicht realistischere Möglichkeiten, das Vertrauen ins Geldsystem zu stärken?

Unserem System wohnt generell die Neigung zum Exzess inne. Letztlich geht es also darum, Anzeichen dieser Exzesse, also einer Finanzblase, rechtzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Das ließe sich beispielsweise bewerkstelligen, indem man Preisentwicklungen genau beobachtet -und dann interveniert. Wenn etwa Preise für Immobilien übermäßig steigen, könnte man Kreditvergaben in diesem Bereich strenger gestalten. Oder Banken vorschreiben, dass sie ihre Geschäfte mit weniger Schulden finanzieren müssen, sondern eher mit dem Geld ihrer eigenen Aktionäre. Einige solcher Bemühungen laufen schon seit der Finanzkrise auf globaler und europäischer Ebene. Wenn das Geld problemlos seinen Zweck erfüllt, dann braucht es auch nichts, was ihm zugrunde liegt.

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