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Zahlenzauber

Aus profil 8/2019 vom 17.02.2019

Nichts wirkt sich stärker auf Arbeitslosenraten, Unternehmensgewinne und Staatskassen aus. Nichts entscheidet mehr über den Wohlstand und die Stabilität der Gesellschaft. Aber kann das Bruttoinlandsprodukt ewig weiterwachsen? Und was ist dieses BIP überhaupt? Anatomie einer statistischen Größe, die unser Leben prägt.

Von
Joseph Gepp


Das ist der drittel Teil der Serie zum Thema Wirtschaftswachstum

Zum ersten Teil
Zum zweiten Teil

Diese Geschichte könnte an einem Würstelstand beginnen, dessen Betreiber seinem Gast ein Glas Bier serviert. Oder in einer Fabrik, in der Autoteile vom Fließband laufen. Sie könnte in einem Ministerium beginnen, das Personal einspart. Oder in einer x-beliebigen Schule, die mehr Lehrerstellen zugeteilt bekommt. Eigentlich spielt diese Geschichte überall in Österreich, in jedem Haushalt, an jedem Arbeitsplatz. Denn es gibt etwas, das alle Orte verbindet. Was dort geschieht, fließt Jahr für Jahr in eine monumentale Rechenaufgabe ein. Es findet sich im Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder, der Maßzahl für die wirtschaftliche Aktivität eines Landes. Etwas genauer: die Summe des Wertes aller Güter und Dienstleistungen, die pro Jahr in einer Volkswirtschaft hervorgebracht werden.

Im Jahr 2017 betrug Österreichs BIP 369,9 Milliarden Euro. Wenn man es durch die Zahl der Einwohner dividiert, betrug das BIP pro Person 42.060 Euro. Im Vergleich zum vorangegangenen Jahr 2016 war das BIP damit -real, also ohne Inflation -um 2,6 Prozent gewachsen. Das BIP ist die „mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte“, schreibt der deutsche Politologe Philipp Lepenies in seinem 2013 erschienenen Buch „Die Macht der einen Zahl“. Keine andere statistische Größe habe „jemals eine ähnliche Wirkung entfaltet“. Keine beeinflusst Politik und Gesellschaft mehr.

Wenn das BIP steigt, finden Arbeitsuchende Stellen. Unternehmen verbuchen Gewinne. Geschäfte erfreuen sich Kundenzulaufs. Weil von Konsum, Löhnen und Gewinnen je ein Teil als Steuern ans Finanzamt fließt, entscheidet das BIP auch, ob der Staat genug Einnahmen hat – oder ob Schulden und Einschnitte drohen.

Wenig überraschend also, dass ein Gutteil aller wirtschaftspolitischen Maßnahmen darauf abzielt, das BIP zu steigern -und zwar überall, ob in demokratischen oder autoritär geführten Gesellschaften, kommunistischen oder kapitalistischen. Von der Entwicklung des BIP hängt der Erfolg von Regimen und Regierungen ab; sie entscheidet wesentlich darüber, ob das politische Klima moderat bleibt oder Richtung Radikalismus tendiert. Langfristige geopolitische Entwicklungen -wie der Machtzuwachs Chinas -sind darauf zurückzuführen, dass bei den Aufsteigern das BIP stärker zulegt als in entwickelteren Staaten. Die einstige Systemkonkurrenz zwischen West und Ost entschied sich zugunsten des Westens, weil es dort besser gelang, BIP-Wachstum hervorzubringen. Eine mächtige Zahl also. Und zugleich eine mysteriöse. Denn meist betrachtet man das BIP als Selbstverständlichkeit und hinterfragt kaum dessen Bedeutung und woher die Notwendigkeit kommt, es zu steigern. Die Suche nach Antworten führt in den Wiener Arbeiterbezirk Simmering, in ein gläsernes Bürohaus aus den 1990er-Jahren. Hier liegt die Zentrale der Statistik Austria (zur aktuellen Causa siehe Seite 22). Die volkswirtschaftliche Abteilung unter Führung der Direktorin Ursula Havel ist verantwortlich dafür, auszurechnen, wie hoch das BIP in Österreich ausfällt.

Am Beispiel der Fabrik für Autoteile: Sie benötigt für ihre Tätigkeit Vorprodukte, etwa Gummi und Stahl. Aus ihnen fertigt sie ihre Produkte. Aus deren Weiterverkauf lukriert die Fabrik, im Normalfall, mehr Geld als jene Summe, die sie zuvor für die Ausgangsprodukte bezahlt hat. Die Fabrik hat also eine Wertschöpfung erzielt. Diese Wertschöpfung ist jene Summe, welche die Autoteilefabrik zum BIP beiträgt. Ökonomisch ausgedrückt: der Produktionswert abzüglich der Vorleistungen.

Ebenso läuft es beim Stahlwerk, das zuvor seinen Stahl an die Fabrik geliefert hat. Und beim Würstelstand: Auch dessen Betreiber verlangt von seinem Gast mehr Geld für das Glas Bier, als er seinem Lieferanten bezahlt hat. Auch der Würstelstand generiert eine Wertschöpfung. Etwas komplizierter wird es bei der Tätigkeit nicht gewinnorientierter Einrichtungen, Behörden, Nichtregierungsorganisationen und Kirchen. Auch ihre Tätigkeit fließt ins BIP ein. Immerhin haben auch sie einen massiven Einfluss aufs Wirtschaftsleben, etwa indem sie Jobs schaffen. Allerdings gibt es bei nicht gewinnorientierten Einheiten keine Wertschöpfung. Eine Schule oder ein Ministerium produziert nichts, dessen Wert abzüglich Vorleistungen sich im BIP darstellen ließe. Die BIP-Berechnung behilft sich, indem sie im Wesentlichen die Personalkosten heranzieht. Sie drücken gewissermaßen aus, wie aktiv die Schule in wirtschaftlicher Hinsicht war. Auch sie wird also zum Glied in jener riesigen Addition, bei der unten 369,9 Milliarden herauskommt.

In der Praxis liegen dem BIP lange Web-Formulare zugrunde. Ausgeschickt von der Statistik Austria, tragen darin alle größeren Einrichtungen, beispielsweise besagte Autoteilefabrik, ihre Wertschöpfung und andere Kennzahlen ein. Kleinere Einheiten wie der Würstelstand oder eine einzelne Schule müssen nichts ausfüllen. Bei ihnen wird geschätzt, wie viel sie zum BIP beitragen. Dabei behelfen sich die Statistiker mit dem Blick auf ältere Daten oder dem Vergleich mit größeren Branchenvertretern. Alle paar Jahrzehnte -in Österreich zuletzt im Jahr 1995 -findet eine sogenannte Vollerhebung statt. Dann muss tatsächlich jede wirtschaftliche Einheit bis hinunter zum kleinsten Würstelstand ihre Zahlen an die Statistiker schicken. Alle Daten werden in einer digitalen Kartei erfasst. Unterteilt in 64 Branchen, umfasst sie sämtliche wirtschaftliche Tätigkeiten. In der Klassifikationsdatenbank der Statistik Austria finden sich Kategorien wie die „Herstellung von feuerfesten keramischen Werkstoffen“, „Detekteien“ und sogar die „Verarbeitung von Frischfisch auf Fabrikschiffen“ – wiewohl der Beitrag der Letzteren zur österreichischen Wirtschaft überschaubar sein dürfte.

Als wäre all das noch nicht genug Rechenarbeit, kann man sich dem BIP auch noch gewissermaßen von hinten nähern. Es gibt nämlich auch andere Arten der BIP-Berechnung: beispielsweise, indem man alles Geld zusammenzählt, das in Österreich pro Jahr verdient wird. Sämtliche Gehälter unselbstständig Beschäftigter, Honorare für freie Dienstnehmer, Gewinnausschüttungen an Unternehmer, Mieteinnahmen: All dies zusammen ergibt wiederum das BIP. Wie das? Wer es verstehen will, muss sich fragen, woher das Einkommen der Menschen stammt. Der Lohn eines Arbeitnehmers war zugleich Teil der Wertschöpfung seiner Arbeitsstätte. Der Gewinn, den sich der Würstelstandbesitzer auszahlt, war ebenfalls Teil der Wertschöpfung seines Betriebs. Alles Geld, das jemand einnimmt, wurde im Rahmen irgendeiner Wertschöpfung erwirtschaftet. Am Ende sind beide Summen -das verdiente Geld und der Gesamtwert aller produzierten Güter und Dienstleistungen -gleich hoch.

Das BIP kennt keine Unterschiede. Das volle Auftragsbuch eines Handgranatenherstellers? Gut für das BIP. Eine vielbesuchte öffentliche Bücherei , die zahlreich Bibliothekare benötigt? Ebenfalls gut. Es mutet geradezu irre an, alle wirtschaftliche Tätigkeiten völlig wertfrei zusammenzuzählen, um dann auf Zehntelprozentpunkte genau zu eruieren, inwiefern sich das Resultat von Jahr zu Jahr verändert. Dass das BIP zur allmächtigen Messgröße aufstieg, ergab sich einst aus den Zwängen des Zweiten Weltkrieges. Damals arbeiteten britische und US-amerikanische Forscher mit Hochdruck daran, notwendige Kenntnisse zu entwickeln, damit die Kriegswirtschaften möglichst reibungslos expandieren konnten. Es galt beispielsweise zu eruieren, ob den Produktionssteigerungen in Flugzeugwerken auch ebensolche bei Propellern gegenüberstanden. Oder: inwiefern es in Konsumgüterbranchen zu Knappheiten kam, weil die Rüstungsindustrie derart heißlief. Mit dem Aufbau eines statistischen Systems, das derlei Informationen abbilden konnte, wurden einige der besten Wissenschafter ihrer Ära betraut, etwa Simon Kuznets und John Maynard Keynes. Im Jahr 1944 harmonisierten die USA, Kanada und Großbritannien ihre BIP-Berechnung. Bald darauf sprang die Logik der Steigerung, die gerade noch der Rüstungswirtschaft als Basis gedient hatte, auf die Nachkriegszeit und ihren beginnenden Massenkonsum über. Seither hat sich alles enorm ausdifferenziert. Heute werden immer neue Tätigkeiten in die BIP-Berechnung eingefügt. „Das BIP lebt“, sagt Ursula Havel von der Statistik Austria. „Das Konzept ist nicht statisch, sondern wird immer wieder weiterentwickelt.“ Im BIP spiegelt sich, wie sich Branchen und Berufe verändern. Derzeit beispielsweise läuft eine Gesetzesinitiative auf EU-Ebene, welche die rechtliche Basis schafft, Dienstleistungsbranchen genauer zu erfassen. Dadurch wird besser ersichtlich, wie viel etwa Friseure oder manche medizinische Berufe zum BIP beitragen. Die dahinterstehenden umfangreichen Verfahren nennt man „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen“. Sie sind europaweit einheitlich und detailliert geregelt. Wie sie abzulaufen haben, legt ein 740-seitiges Gesetzeswerk fest, Letztfassung 2010, das „Europäische System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“. Darüber liegt nochmals eine Vorgabe der UN für die ganze Welt, das „UN System of National Accounts“.

BIP-ENTWICKLUNG JE JAHRZEHNT IM VERGLEICH Je weiter die Wirtschaft entwickelt ist, desto schwerer fällt weiteres Wachstum.

Angesichts dessen ist, wenn man so will, eine Art Weltherrschaft längst keine Utopie mehr. Nur beherrscht kein mächtiger Staat und keine Oligarchie die Erde, sondern eine Zahl. Jedes Land hat sich dem Ziel verschrieben, das BIP zu steigern. Warum eigentlich? Weil es keiner Regierung bisher je gelungen ist, das BIP geplantermaßen zu senken oder längere Zeit stagnieren zu lassen. Rückgänge erfolgten ausnahmslos unfreiwillig, in Form von Rezessionen und Wirtschaftskrisen. Das bedeutet: Arbeitslosigkeit, knappe Kassen bei Privaten und Staat, Einschnitte, politische Instabilität. In schlimmeren Fällen drohen Staatspleiten, Hyperinflation, Massenverarmung bis hin zu Gewalt und Umstürzen.

Sinkt das BIP oder stagniert es dauerhaft, setzen selbstverstärkende Kreisläufe ein. Die Unternehmen produzieren weniger, deshalb brauchen sie weniger Arbeitskräfte. Es gibt also mehr Arbeitslose, die wiederum weniger Geld haben, um Güter zu kaufen -womit die Produktion noch weiter sinkt. Weniger Beschäftigte und weniger profitable Unternehmen liefern überdies weniger Steuern an den Staat ab. Infolgedessen drosselt auch dieser häufig seine Ausgaben. Der Staat konsumiert also ebenfalls weniger -womit die Produktion noch weiter sinkt. Ein Teufelskreis.

Damit die Welt nicht aus den Fugen gerät, muss das BIP also immerzu steigen. In der Volkswirtschaft kennt man gar fixe Relationen dafür, wie hoch der Anstieg erfolgen muss. Beispielsweise geht die EU bei Berechnungen von Staatsschulden davon aus, dass jeder Prozentpunkt weniger BIP-Wachstum das Budgetdefizit eines Landes um 0,6 Prozentpunkte erhöht. Auch die Arbeitslosigkeit korreliert stark mit dem BIP-Wachstum: Unterschiedlich je nach Wirtschaftsstruktur, führt jeder Prozentpunkt weniger BIP zu rund 0,4 Prozent mehr Arbeitslosen, errechnete der US-Ökonom Arthur Melvin Okun.

Kein Wunder, dass sich die großen Debatten in Politik, Forschung und Medien kaum jemals um Sinn oder Unsinn des BIP als solches drehen. Vielmehr wird leidenschaftlich gestritten, welche Mittel am geeignetsten seien, das BIP zu steigern. Im Kampf gegen Wirtschaftskrisen, argumentieren gern Sozialdemokraten und Linke, solle es Staaten erlaubt sein, Schulden zu machen -um mit geborgtem Geld das Wachstum wieder anzukurbeln. Schulden seien keine Lösung, entgegnen Konservative und Marktliberale: Das Wachstum werde nur zurückkehren, wenn die Staaten sparen, um das Vertrauen von Investoren zu gewinnen, auf dass sie neue Arbeitsplätze schaffen.

BIP-ENTWICKLUNG JE JAHRZEHNT IM VERGLEICH Je weiter die Wirtschaft entwickelt ist, desto schwerer fällt weiteres Wachstum.

Vielleicht treffen beide Ansätze nicht den Kern des Problems. Vieles deutet darauf hin, dass Staaten ab einem bestimmten wirtschaftlichen Entwicklungsgrad schlicht weniger wachsen -egal ob durch Schuldenmacherei oder Buhlen um Investoren. In Österreich beispielsweise gelten die rund drei Prozent jährliches Wachstum, wie sie das Land in den vergangenen beiden Jahren hinlegte, als regelrechter Boom. China hingegen erreichte vergangenes Jahr 6,6 Prozent -und beklagte damit das niedrigste Wachstum seit Jahrzehnten.

Die Ursache, warum der Zuwachs an BIP mit fortschreitender Wirtschaftsentwicklung nachlässt, hängt ein Stück weit mit bloßer Mathematik zusammen. Die Basis, von der aus die Steigerung prozentuell gemessen wird, wird ja ständig größer. Am Beispiel China: Im Jahr 2007 verbuchte das Land zwar noch unschlagbare 14,2 Prozent an Wirtschaftswachstum. In Wahrheit jedoch kamen – absolut betrachtet -damals weniger neue Güter und Dienstleistungen zur chinesischen Wirtschaft hinzu als im vergleichsweise schwachen Jahr 2018. Warum? 2018 war der Gesamtwert der bereits vorhandenen Güter bereits viel größer als 2007. Dementsprechend niedriger fällt der prozentuell gemessene Zuwachs aus. Je größer die Wirtschaft, desto schwerer weiterer Zuwachs.

Doch nicht nur die Mathematik setzt dem immerwährenden Wachstum Grenzen. Da wäre auch die Frage der natürlichen Ressourcen. Mehr Wachstum bedeutet stets mehr Rohstoffverbrauch und einen höheren Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase, zu deren Reduktion sich die Weltgemeinschaft bei der Klimakonferenz von Paris 2015 verpflichtet hat. Viele Experten hoffen zwar auf „grünes Wachstum“, also die Entkopplung von Wachstum und Umweltschäden. Allein, bisher kam es nie dazu. Ganz im Gegenteil : Je höher das Wachstum, desto größer die Umweltschäden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob immer mehr BIP-Wachstum tatsächlich zu individuellem Wohlbefinden führt. Zweifellos macht eine zunehmende Zahl von Gütern und Dienstleistungen die Menschen eine Zeit lang glücklich. Aber gilt das auch dann, wenn das BIP bereits sehr hoch ist? Jedenfalls gibt es Methoden, das BIP weiter zu steigern, die dem Wohlbefinden des Einzelnen abträglich sind. Ein Beispiel: Die Deregulierungen im US-Finanzsektor in den 1990er-und 2000er-Jahren führten zu beachtlichen Wachstumsraten. Viele Amerikaner konnten ihretwegen Kredite aufnehmen, um Hauskäufe und anderen Konsum zu finanzieren. Die Sache ging aber nur bis 2008 gut, als die Rechnung in Form der US-Bankenkrise ins Haus flatterte. Die Institute hatten massenhaft Risikokredite an fragwürdige Schuldner vergeben. Die darauffolgende Krise erschütterte gleichermaßen das BIP wie das Wohlbefinden vieler Amerikaner, die in die Armut stürzten.

Man kann den komplexen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Lebenszufriedenheit auch auf individueller Ebene betrachten: Wenn beispielsweise ein Pendler mit seinem Auto täglich im Stau steht, tut dies weder ihm selbst gut noch der Umwelt -auf das BIP jedoch wirkt es sich positiv aus. Denn der Staugeplagte gibt mehr Geld für Treibstoff aus und muss das Auto häufiger reparieren lassen. Ebenfalls schmälert jegliche ehrenamtliche Tätigkeit das BIP. Von der Altenbetreuung innerhalb der Familie über die Gratis-Nachhilfe für Schulkinder bis zur Blutspende: Derlei Engagement mag die persönliche Zufriedenheit erhöhen und den sozialen Zusammenhalt fördern. Aber weil sie nicht entlohnt ist, fließt sie nicht ins BIP ein.

Mathematik, Ressourcenverbrauch, Wohlbefinden. Vieles deutet darauf hin, dass es ab einem gewissen Entwicklungsgrad immer schwieriger wird, das BIP zu steigern -und dass überdies weiteres Wachstum den Menschen gar nicht guttut. Aber zugleich gibt es keine Möglichkeit der BIP-Senkung, außer eine Krise samt ihren verhängnisvollen Kettenreaktionen. „Wir haben einen Kult um eine Zahl kreiert, der uns nun gefangen hält“, beschrieb im Jahr 2012 der französische Ex-Präsident Nicolas Sarkozy dieses Dilemma. Braucht es eine neue Zahl, an der wir unser wirtschaftliches Handeln orientieren können? Hochrangige Ökonomen haben sich an dieser Frage abgearbeitet. Überzeugende Antworten gaben sie keine.

Zurück ins gläserne Bürohaus in Wien-Simmering. Dort präsentieren die Experten der Statistik Austria jedes Jahr einen Bericht, 232 Seiten, vielgelobt in Fachkreisen. „Wie geht’s Österreich?“ will Wege aus der BIP-Fixiertheit aufzeigen. Die Methode: 30 sorgsam ausgewählte und übersichtlich präsentierte Schlüsselindikatoren sollen ein wirklichkeitsgetreues Abbild der Zustände im Land liefern. Darunter findet sich beispielsweise die Anzahl der Schulabbrecher, die Höhe der Wohnkosten, das Ausmaß der Bio-Flächen in der Landwirtschaft und auch, ganz klassisch, das BIP.

WIE GEHT ‚S ÖSTERREICH? Die Statistik Austria vergleicht die BIP-Entwicklung alljährlich mit anderen Indikatoren.

Der Bericht ist Teil einer möglichen Lösung und führt zugleich ein Stück weit das Problem im Bericht in Wahrheit wesentlich von der Entwicklung des BIP ab. Würden zum Beispiel die Österreicher angesichts einer Wirtschaftskrise zu billigeren Lebensmitteln greifen – dann wäre wohl damit zu rechnen, dass auch das Ausmaß der Bio-Flächen wieder sinkt. vor Augen. Nimmt man mehr als nur eine wichtige Zahl in den Blick, geht schnell der Überblick verloren. Überdies hängen viele der Indikatoren im Bericht in Wahrheit wesentlich von der Entwicklung des BIP ab. Würden zum Beispiel die Österreicher angesichts einer Wirtschaftskrise zu billigeren Lebensmitteln greifen – dann wäre wohl damit zu rechnen, dass auch das Ausmaß der Bio-Flächen wieder sinkt.

Wie also könnte ein neues Generalkonzept aussehen, ähnlich klar und wirkmächtig wie das BIP? Es gibt keines, antworten Wachstumskritiker wie der deutsche Gewerkschafter Norbert Reuter, der britische Nachhaltigkeitsprofessor Tim Jackson und andere Anhänger der sogenannten „Degrowth“-Bewegung. Statt zu warten, plädieren sie dafür, einfach einmal zu beginnen mit dem Wachstumsrückgang. Gefordert werden Maßnahmen, die zwar wohl wachstumshemmend wirken würden, aber notwendig wären, um das allgemeine Wohlbefinden zu steigern. Für den Anfang zum Beispiel viel höhere Steuern auf Öko-Sünden. Oder höhere Investitionen der Regierungen in öffentliche Güter wie Bildungseinrichtungen, Museen und umweltfreundliche Verkehrsmittel. Weiters, so die Kritiker, brauche es eine generelle Arbeitszeitverkürzung. Infolge schrumpfender Produktionen ist nämlich mit Massenarbeitslosigkeit zu rechnen -das geringere Ausmaß der Lohnarbeit müsse deshalb besser auf die Menschen verteilt werden.

Freilich: Wie solch weitreichende Forderungen durchsetzbar sein sollen und ob das überhaupt ohne internationalen Konsens Sinn hätte, bleibt offen.

Vorläufig geht deshalb alles weiter wie gehabt. Ende vergangener Dezember, eine der vierteljährlich stattfindenden Pressekonferenzen österreichischer Wirtschaftsforscher zur Konjunkturentwicklung. Für das Jahr 2019 sei mit einer leichten Abkühlung der Wirtschaft zu rechnen, prognostizieren die Ökonomen. Man erwarte eine BIP-Steigerung von etwas unter zwei Prozent. Schlechter als bisher, aber nicht besorgniserregend. „Es ziehen Wolken auf, aber keine schwarzen“, formuliert der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts. Keine Sorge also. Wir wachsen schon noch ein bisschen weiter. n

DREI BUCHTIPPS ZUM THEMA BIP

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts. Suhrkamp 2013,16,50 Euro.
Statistik Austria: Wie geht’s Österreich? Indikatoren und Analysen. Gratis-Download
Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum – das Update. Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Oekom 2017,20,60 Euro

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

€ 322.590.000.000: Die Zahl der Zahlen

Aus dem FALTER 15/2015

Alle rechnen damit. Alle richten sich danach. Alle vertrauen darauf. Das Bruttoinlandsprodukt ist die wichtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte. Jetzt muss damit Schluss sein

Bericht: Joseph Gepp

Wo liegt wohl das Machtzentrum Österreichs? Vielleicht im Bundeskanzleramt am Ballhausplatz? Oder im Parlament am Ring? Vielleicht in den Zentralen der großen Regierungsparteien SPÖ und ÖVP? Oder doch eher in den Chefetagen der großen Konzerne, bei Red Bull oder bei Raiffeisen?

Man weiß es nicht, und wahrscheinlich tragen alle diese Ort ihr Stück zu einem Netzwerk der Macht bei. Man weiß aber, wo die Mächtigen hinschauen, wenn es um das geht, was über ihre Macht entscheidet. Um ihre Wahlergebnisse und Geschäftsberichte, um ihre Gewinnerwartungen und Stimmungsbarometer.

Guglgasse 13, elfter Bezirk, Wien. Es gibt prestigeträchtigere Adressen als diese hier, einen Glaskasten, in dem sich die Büros dicht aneinanderdrängen. Wenn Ursula Havel aus ihrem Bürofenster im fünften Stock schaut, blickt sie über einen asphaltierten Hof hinweg auf die Gasometer und die Dächer des Arbeiterviertels Simmering. Havels Büro könnte man sich standardmäßiger kaum vorstellen: ein grauer Teppichboden, drei Zimmerpalmen, ein kleiner Konferenztisch, zur Ablage umfunktioniert. Abgearbeitete E-Mail-Ausdrucke dort markiert sie mit einem kleinen Hakerl.

Havel, 55, studierte Volkswirtin und Wienerin, dunkler Blazer, dunkle Haare, leitet die Abteilung Volkswirtschaft in der Statistik Austria. Jedes Jahr in der zweiten Junihälfte tritt eine Mitarbeiterin aus der EDV in ihr Büro. Dann überreicht sie Havel das, was rund 800 Statistik-AustriaMitarbeiter das ganze Jahr hinweg in ihren Computern ausgerechnet haben. Die Zahl, um die das ganze Land sich dreht. Die Zahl der Zahlen.

322.590.000.000 Euro betrug sie im Jahr 2013. Oder, dividiert durch die Zahl der Einwohner Österreichs, 38.050 Euro pro Person.

Das Bruttoinlandsprodukt, abgekürzt BIP, ist der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr und einem Land hergestellt oder erbracht werden. Es zeigt, wie gut die nationale Wirtschaft läuft und ob sie weiterwächst. Das BIP ist die entscheidende Zahl in unserem Wirtschaftsund Gesellschaftssystem. Die deutsche Wirtschaftswoche nennt sie eine „Ein-Zahl-Religion, an deren Wahrheit wir unbedingt glauben“. Der Potsdamer Ökonom Philipp Lepenies bezeichnet sie in einem 2013 erschienenen Buch als die „mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte“. Keine andere statistische Größe habe „jemals eine ähnliche Wirkung entfaltet“.

Wenn die Voest in Linz ein Stahlrohr gießt, fließt dessen Wert ins BIP ein. Wenn man sich beim Friseur ums Eck einen neuen Haarschnitt verpassen lässt, ebenso. Genauso wie der Wert einer Käsekrainer, die erst in einem Fleischereibetrieb hergestellt, ausgeliefert und schließlich am Würstelstand verzehrt wird. Alle Werte zusammen ergaben im Jahr 2013 eben jene 322,59 Milliarden Euro. Es waren – real, also unter Berücksichtigung der Inflation – rund 0,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Genau auf diese Wachstumsrate kommt es an.

Das BIP-Wachstum gilt als Indikator schlechthin für Fortschritt, Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg. Wenn die große Koalition in Österreich eine Steuerreform präsentiert, geht es ihr darum, das BIP-Wachstum zu steigern. Blickt der Westen neidisch nach Asien, tut er das, weil dort in vielen Ländern das BIP jährlich im zweistelligen Prozentbereich zulegt. Als sich der Kapitalismus gegenüber dem Kommunismus sowjetischer Prägung als überlegen erwies, bedeutete das, dass sein BIP stärker wuchs. Und wenn die neoliberalen Befürworter des Sparens mit den keynesianischen Freunden des Investierens über Griechenland streiten, glauben beide zu wissen, wie man das BIP am besten hochtreibt.

All das schlägt sich in den alltäglichen Debatten in Politik und Medien nieder. Immer geht es darum, wie man die Wirtschaft beleben oder ankurbeln könnte, sodass das BIP wächst. Doch kaum jemand spricht über das dahinterliegende Konzept. Sollen wir wirklich unbegrenzt an das BIP und an sein Wachstum glauben? Wer hat sich das überhaupt ausgedacht? Und wie funktioniert eigentlich die monumentale Rechenaufgabe Bruttoinlandsprodukt?

Ursprünglich konzipiert, um das Rüstungspotential in den USA im Zweiten Weltkrieg zu optimieren: Das Bruttoinlandsprodukt misst die gesamte Produktion an Gütern und Dienstleistungen pro Land und Jahr (Foto: Wikipedia)

Ursprünglich konzipiert, um das Rüstungspotential in den USA im Zweiten Weltkrieg zu optimieren: Das Bruttoinlandsprodukt misst die gesamte Produktion an Gütern und Dienstleistungen pro Land und Jahr (Foto: Wikipedia)

Wenn man diese Fragen an die Chefrechnerin richtet, Ursula Havel von der Statistik Austria, dann redet sie erst einmal die erste halbe Stunde gar nicht vom BIP. Es geht stattdessen um die „volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ oder gar um das „europäische System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“. Havel holt einen Wälzer aus dem Regal, 741 Seiten im A4-Format. Darin seien all jene Gesetze enthalten, die dafür sorgen sollen, dass die volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen in den EU-Staaten harmonisiert ablaufen. Auf weltweiter Ebene achtet die Uno darauf, dass man Staaten und Wirtschaftsentwicklungen miteinander vergleichen kann.

Das BIP ist zwar die wichtigste Zahl, aber bei weitem nicht die einzige im System der volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Andere heißen etwa Bruttowertschöpfung, Volkseinkommen oder private Konsumausgaben. Etliche Ökonomen, rund fünf Dutzend in Österreich, rechnen diese und andere Zahlen alljährlich aus. Alles zusammen ergibt ein komplexes, international strikt harmonisiertes System.

Das BIP ist darin zum Dogma geworden. Ausgedacht haben sich all das einst Wirtschaftswissenschaftler aus den USA und Großbritannien – eigentlich als eine Art Sonderinstrument im Zweiten Weltkrieg. Damals wollten die Staaten einen profunden Überblick über ihre Wirtschaftsaktivität erlangen, um ihr Rüstungspotenzial optimieren zu können. Später übertrug man das Konzept, dessen früheste Ursprünge im England des 17. Jahrhunderts liegen, auf Friedenszeiten, wie der Ökonom Lepenies in seinem Buch „Die Macht der einen Zahl“ schreibt. Nun hatte die Welt – vorerst die westliche, später auch der Rest – ein System an Richtwerten zur Verfügung, eine fixe Größe zur Definition und Berechnung des Wohlstands, den es anzustreben galt. Als sich nach dem Krieg tatsächlich Vollbeschäftigung und Massenkonsum einstellten, hatte das BIP seine große Bewährungsprobe bestanden. Die Ausweitung der Produktion, die es anzeigt, war zur unumstrittenen Richtschnur geworden. „Der Glaube an die Wichtigkeit immerwährenden Wachstums war selbstverstärkend“, schreibt Lepenies.

Bis heute soll die Zahl alles erfassen und abbilden, was auf dem Planeten gegen Geld von Hand zu Hand geht. „Wenn am Schwein eines Bauern Fleisch zuwächst oder am Baum eines Forstwirten Holz“, sagt Havel, „gilt dies als Investition und fließt damit ins BIP ein.“ Doch wie entsteht das BIP konkret, in der Praxis? In der gängigsten Weise startet dessen Ermittlung bei einem Unternehmer, der sich im Internet einloggt, um einen seitenlangen Fragebogen auszufüllen. Darin gibt er an, wie viele Waren er im vergangenen Jahr produziert oder wie viele Dienstleistungen er verkauft hat. Die größeren Unternehmer müssen dies – gesetzlich verpflichtend – machen, bei den kleinen behilft man sich zur Berechnung des BIP mit Steuerstatistiken und anderen Quellen.

Danach werden von den erzeugten Waren und Dienstleistungen die sogenannten „Vorleistungen“ abgezogen. Bei der Käsekrainer zum Beispiel darf der Standler, der sie verkauft, nicht ihren gesamten Wert angeben – dieser würde sich ja doppeln mit den Zahlen, die der Fleischproduzent anführt, aus dessen Firma die Wurst stammt. Also zieht der Standler etwa den Preis des Fleisches von seiner Summe ab. Und die Fleischerei zieht von ihrem Umsatz zum Beispiel den Wert der Energie ab, die sie an das staatliche Elektrizitätswerk bezahlt. „Wirtschaft ist ein Kreislauf“, sagt Havel. „Die Einnahmen des einen sind die Ausgaben des anderen.“

Den Kreislauf will man vollständig darstellen. Und die Wirtschaft soll als Ganzes jedes Jahr wachsen. Der Grund: Sie wird immer effizienter, weil Unternehmen miteinander konkurrieren. Aufgrund von Rationalisierungen, effizienterem Personaleinsatz und technischer Neuerungen, etwa im IT-Bereich, kann man heute mit dem gleichen Einsatz viel mehr erzeugen als früher. Die Produktivität wird also höher. Auch das zeigen die Zahlen der Statistik Austria: Im Jahr 2012 brachte eine Arbeitsstunde in Österreich durchschnittlich fast doppelt so viel Output hervor wie im Jahr 1996.

Das bringt ein Problem mit sich: Der Zuwachs der Produktivität bedeutet, dass das BIP stets steigen muss. Denn wenn man mit gleichem Einsatz immer mehr erzeugt, während das Ganze stagniert, werden immer weniger Arbeitskräfte gebraucht. Es gibt also mehr Arbeitslose. Die können weniger ausgeben, also schrumpft der Konsum. Das bedeutet wiederum weniger Wohlstand. Also ein kleineres BIP. Das BIP muss daher, soll das System stabil bleiben, immer zumindest im selben Ausmaß wachsen wie die Produktivität. Ökonomen sprechen von mindestens einem Prozent an notwendigem BIP-Wachstum pro Jahr.

In Österreich wuchs das BIP zuletzt real um 0,2 Prozent im Jahr 2013 und um 0,3 Prozent im Jahr 2014. Die Wachstumsschwäche ist kein österreichisches Phänomen: In der ganzen Eurozone etwa schrumpfte das BIP 2013 gar um 0,4 Prozent. Wegen solcher Zahlen hat die Europäische Zentralbank (EZB) Anfang März eine nie dagewesene Intervention zur Wirtschaftsbelebung gestartet: Um mehr als eine Billion Euro kaufen die Währungshüter in den kommenden Monaten Staatsanleihen. Das Motiv dahinter: Die Gewinne auf die Staatspapiere sollen sinken. Die EZB hofft, dass die Anleger ihr Geld stattdessen in andere Felder stecken, zum Beispiel in Kredite für Konsumenten oder in Aktien von Unternehmen. Also in Bereiche, die mehr Produktion und Konsum hervorbringen sollen und das BIP wieder wachsen lassen.

Viele Kritiker sehen darin eine Art Doping.
Die Wirtschaft wächst nur noch dann, wenn man sie mit massenweise billigem Geld überschwemmt. Nicht nur das weckt bei immer mehr Menschen Zweifel am BIP, sondern etwa auch der massive Anstieg der staatlichen und privaten Verschuldung in den vergangenen Jahrzehnten. Wirtschaftswachstum scheint heute nur noch über Schulden zu funktionieren. All das wirft Fragen auf: Bedeutet ein größeres BIP immer noch automatisch steigenden Wohlstand, so wie in der Nachkriegszeit? Ist die Ausweitung der Produktion immer noch der richtige Weg?

Jedenfalls muss nicht alles, was für die Menschen gut ist, auch für das BIP gut sein. Wenn man beispielsweise seinem Nachbarn eine Bohrmaschine borgt, damit er sich keine eigene kaufen muss, nützt dies der Umwelt und dem sozialen Gefüge, aber nicht dem BIP. Wenn man weniger arbeitet und stattdessen zu Hause bleibt, um Bücher zu lesen, Fenster zu putzen oder kranke Angehörige zu pflegen, steigert dies vielleicht das eigene Wohl und jenes des Umfelds. Das BIP aber schmälert es.

Umgekehrt gilt: Übermäßige Verschuldung etwa kann dem BIP äußerst guttun. Im Vorfeld der amerikanischen Immobilienkrise wurden in den USA mit billigen Risikokrediten massenhaft Häuser errichtet – bis im Jahr 2008 die Blase platzte, das BIP einbrach und das ganze Weltfinanzsystem ins Wanken geriet. Auch Epidemien und Naturkatastrophen nutzen streng genommen dem BIP, weil sie mit teuren Aufräumarbeiten und Impfstoffentwicklungen einhergehen. Und wenn ein Autofahrer auf der Heimfahrt im Stau steht, steigert dies das BIP, weil er mehr Treibstoff verbraucht, als wenn er sein Ziel zügig erreicht.

So argumentiert US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Er meint: Wir sind zu Gefangenen unseres eigenen Systems geworden, das wir uns zur Messung und Mehrung unseres Wohlstandes geschaffen haben. Die Macht des BIP kehrt sich heute gegen uns. Wir brauchen eine neue Richtschnur, die nicht mehr nur auf die Zunahme der Produktion abzielt. Eine neue wichtige Zahl.

Stiglitz war Teil einer hochrangigen Expertenkommission, die der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy im Jahr 2008 einberief. In diesem Jahr brach wegen der Bankenkrise das BIP in vielen Ländern stark ein. Aufgrund dieser Probleme – und wohl auch aufgrund des traditionell schwachen BIP in Frankreich – erklärte es Sarkozy zu seinem Ziel, alternative Formen der Wohlstandsmessung erarbeiten zu lassen. Er rief die weltweit bedeutendsten Ökonomen zusammen. Neben Stiglitz leiteten die Kommission der Pariser Wirtschaftsprofessor Jean-Paul Fitoussi und der indische Entwicklungsexperte und Philosoph Amartya Sen.

Die Entwicklung des Wohlstands, so ihr Fazit, sei eine mehrdimensionale Angelegenheit. Subjektives Wohlgefühl müssten ebenso in eine neue Bewertung einfließen wie Umweltfaktoren, Fragen der Verschuldung und der Vermögensverteilung. Denn hohes Wachstum etwa hilft der breiten Masse nicht, wenn es nur den Reichen zugute kommt.

Auch die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat inzwischen Vorschläge für eine Reform des BIP präsentiert. Genauso wie die EU: In einem Bericht der EU-Kommission von 2009 heißt es, das BIP liefere „nicht zu jeder Frage eine verlässliche Grundlage für die politische Diskussion“. Eine Eurobarometer-Umfrage von 2008 ergab, dass rund zwei Drittel der EU-Bürger mehr soziale und ökologische Indikatoren für die Bewertung von Wohlstand fordern. Deshalb forderte die Kommission seit 2009 „einen Datenrahmen, der neben den wirtschaftlichen systematisch auch ökologische und soziale Fragenstellungen einbezieht“.

An einem solchen Datenrahmen versucht sich derzeit
auch die Statistik Austria. „Wir haben 30 Indikatoren ausgewählt“, sagt Statistik-Austria-Chef Konrad Pesendorfer. „Ich weiß, das ist immer noch viel.“ Seit zwei Jahren publizieren die Statistiker nun einen dicken Jahresreport namens „Wie geht’s Österreich?“. Der Bericht gilt als Pionierprojekt in Europa; er soll ein runderes, fundierteres Bild vom Zustand des Landes liefern, als es das BIP vermag. Im Bericht finden sich, verständlich aufbereitet, etliche Angaben. Sie reichen vom subjektiven Sicherheitsempfinden der Bevölkerung über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen bis hin zum Schadstoffausstoß bei Neuwagen.

Pesendorfer sitzt im selben Simmeringer Glaskasten wie Ursula Havel, die das BIP berechnet. Er will seinen Teil dazu beitragen, damit sich die Gesellschaft von der Fixierung auf das BIP löst. Eine „mächtige, weit überschätzte Konvention“ nennt er es. „Stellen Sie sich ein Auto vor“, sagt Pesendorfer. „Hinter dem Lenkrad sehen sie drei Anzeigen mit der Drehzahl, der Geschwindigkeit und dem restlichen Treibstoff. Sicherlich könnte man diese drei Informationen in eine Zahl packen, das wäre leichter zu erfassen. Aber wie aussagekräftig wäre es noch?“

Ein neues Messsystem dürfe deshalb nicht mehr nur aus einer Zahl bestehen, weil dies der komplexen Wirklichkeit des Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschehens nicht gerecht werde, sagt Pesendorfer. Außerdem kann sich eine einzige Zahl leicht in ein Dogma verwandeln. Zugleich ist sie aber auch leichter zugänglich und kommunizierbar als viele verschiedene Zahlen. Dieses Dilemma führt dazu, dass sich bislang, trotz aller Bemühungen, kein Nachfolgesystem des BIP durchsetzen konnte.

Eine Reform müsste hohe Hürden nehmen. Nicht nur die Anerkennung der politischen und wirtschaftlichen Eliten gilt es zu erringen. Auch die breite Masse, die gesellschaftlichen Debattenführer und die Medien müssen sich auf neue, kompliziertere Maßstäbe einstellen.

Wohlstand und Fortschritt allein im BIP abzubilden ist nicht mehr zeitgemäß – da sind sich die meisten Fachleute einig. In der Nachkriegszeit, als die Menschen arm waren, mag die Ausweitung der Produktion noch der Weisheit letzter Schluss gewesen sein. Heute, wo sie vieles besitzen, sollen neue Messsysteme für den Wohlstand her.

Doch bisher gibt es als Alternative zum BIP nur den Wildwuchs. Wer etwas anderes sucht als die Summe alles Produzierten, stößt vorläufig nur auf Zahlen. Viel zu viele Zahlen.

RAND-INFOS:

(-) Wie berechet man das BIP? In der gängigsten Berechnungsmethode (der sogenannten Entstehungsrechnung) zieht man vom Produktionswert die Vorleistungen ab (Erläuterungen dazu siehe oben). Das Ergebnis ist die sogenannte Bruttowertschöpfung. Zu dieser addiert man die Gütersteuern abzüglich Gütersubvention. Das Ergebnis ist das BIP. Je nachdem, ob man die Inflation herausrechnet oder nicht, kann es nominell oder real sein

(-) Das Nettoinlandsprodukt (NIP) kommt in der öffentlichen Debatte kaum vor. Man erhält es, wenn man vom BIP die Abschreibungen abzieht, also das, was die Betriebe aus Abnutzungsgründen ausgeschieden haben

(-) Das Bruttosozialprodukt (BSP) ist ein Vorgängermodell des BIP. Es unterscheidet sich geringfügig von diesem, weil man es mit Blick auf alle Inländer berechnet, während für das BIP das Inland als Maß gilt. Arbeitsleistungen von Ausländern in Österreich fließen etwa ins BIP ein, aber nicht ins BSP. 1982 sangen Geier Sturzflug noch: „Jetzt wird in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“

(-) Wie viel Wachstum
verträgt die Welt? Diese Frage stellt man sich schon, seit der Club of Rome 1972 seine Studie „Grenzen des Wachstums“ publiziert hat. Während die Wachstumsdebatte früher stark auf die Umwelt und Bevölkerungszahlen fokussiert war, gerät heute oft auch das BIP-Wachstum in den Blick. Wichtige Vertreter in Europa sind der deutsche Ökonom Niko Paech und der Brite Tim Jackson

(-) Drei Bücher zum Thema:

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Suhrkamp, 186 S., € 16,50

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Suhrkamp, 186 S., € 16,50

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaft en in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaft en in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

Statistik Austria: Wie geht's Österreich? 215 S., € 29,- oder kostenloser Download unter www.statistik.at

Statistik Austria: Wie geht’s Österreich? 215 S., € 29,- oder kostenloser Download unter www.statistik.at

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Buch: Über die mächtige Kennzahl

Aus dem FALTER 9/2015

Rezension: Joseph Gepp

Das Bruttoinlandsprodukt sei „die mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte“, schreibt Philipp Lepenies. Es treibt unsere Wirtschaft an und bestimmt unsere Politik. Aber was genau sagt das BIP aus und unter welchen Umständen kam es zustande? Damit setzt sich der deutsche Ökonom in seinem neuen Buch auseinander.

Lepenies‘ These: Dass das BIP die wirtschaftlichen Prozesse in einem Land ideologie- und werturteilsfrei abbildet, ist eine Illusion. In Wahrheit ist es das Resultat bestimmter historischer Umstände. Seine Geschichte reicht bis in die englische Aufklärung zurück, als William Petty seine „politische Arithmetik“ entwarf. Seine Blüte erlebt das Konzept BIP seit dem Zweiten Weltkrieg. Damals suchten die USA einen Weg, um ihren Output an Rüstung zu quantifizieren -und übertrugen die neue Methode danach flugs auf Friedenszeiten.

Lepenies zeigt kenntnisreich auf, dass sich unser Glauben an die Aussagekraft des BIP über Umwege und oft historische Zufälle entwickelt hat. Dieses Wissen um die Entstehung, schreibt er im Nachwort, sollte „all diejenigen zum Nachdenken bringen, die reflexartig glauben, das BIP-Wachstum sei ein geeigneter Lösungsansatz für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“. Ein wichtiges Buch.

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Suhrkamp, 186 S., € 16,50

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Ein Mann, der in die Zukunft blickt

Aus dem FALTER 51-52/2013

Stefan Ederer will herausfinden, wie es mit Österreichs Wirtschaft weitergeht. Aus dem Alltag eines Prognoseforschers

Porträt: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Was in diesem Büro geschieht, das kann darüber entscheiden, ob die Regierung wieder Sparmaßnahmen beschließt. Oder ob es ein Konjunkturpaket braucht, um die Wirtschaft anzukurbeln. Was hier geschieht, kann entscheiden, ob es weiterhin Förderungen gibt, damit sich Leute Solaranlagen aufs Dach schrauben können. Oder ob sich mehr Kinderbetreuung finanziell ausgeht.

Das Büro ist klein und sehr schlicht. Ein paar säuberlich beschriftete Ordner stehen im Regal. Ein englischsprachiges Ökonomie-Buch auf dem Schreibtisch, daneben ein Locher. Draußen stehen verstreut in einem Park die Ziegelsteinbauten des Arsenals in Wien-Landstraße. Dazwischen, in einem Neubau aus der Nachkriegszeit, versucht Stefan Ederer herauszufinden, wie es mit Österreichs Wirtschaft weitergeht.

Ederer – Anfang 40, blaues Hemd, Adidas-Sportschuhe, grün-grau gestreifte Socken – ist Prognoseforscher. Er arbeitet als einer von vier Prognoseverantwortlichen beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Was Ederer in seine Berichte schreibt, wird viermal jährlich unter viel medialem Getöse den Politikern und der Presse präsentiert. Dann liest man zum Beispiel, wie stark in den kommenden zwei Jahren das Bruttoinlandsprodukt wachsen wird. Oder wie sich Arbeitslosenquote, Inflation und Investitionstätigkeit der Unternehmen entwickeln.

Stefan Ederer ist einer von vier Prognoseverantwortlichen am Wifo

Stefan Ederer ist einer von vier Prognoseverantwortlichen am Wifo

Solche Informationen liefern in Österreich traditionell zwei Institute, neben Ederers Wifo auch das Institut für Höhere Studien (IHS). Auf ihrer Basis plant dann etwa der Staat seine Ausgaben. Unternehmen schätzen damit die künftige Nachfrage nach ihren Produkten ab. Anleger treffen Entscheidungen. Zeitungen formulieren Schlagzeilen. Nur wie die Informationen entstehen und wie aussagekräftig sie sind, das fragt kaum jemand.

Rund ein Monat Arbeit stecke in so einer Zweijahresprognose, sagt Ederer und öffnet ein paar Grafiken auf seinem Computer. Diagramme, Rohmaterial für Vorhersagen. Es sind etwa Umfragen darüber, mit wie viel Kaufbereitschaft Unternehmer rechnen oder wie Konsumenten ihre Finanzlage einschätzen. Dazu kommen harte Fakten, die nicht nur auf Umfragen basieren: Wie viele Produkte wurden in den vergangenen Monaten erzeugt? Wie viele verkauft? „Das“, sagt Ederer, „ist aber erst der Anfang.“

Seit sechs Jahren arbeitet der Forscher am Wifo, zuvor war er Assistent an der Wirtschaftsuniversität. Seine Doktorarbeit schrieb der Oberösterreicher über den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Einkommensverteilung und Nachfrage. Heute koordiniert er ein Projekt, an dem rund 25 Experten beteiligt sind. Nicht alle davon beobachten wie Ederer die Volkswirtschaft als Ganzes. Manche der Fachleute sind ausschließlich für Branchen zuständig, etwa Tourismus oder Bauwirtschaft. Diese hören sich dann in ihren Gebieten um, lesen Berichte, taxieren Erwartungen.

Danach – es bleiben zwei Wochen bis zur Fertigstellung – gibt es eine Sitzung, in der jeder Experte Ergebnisse aus seinem Feld präsentiert. „Da wird abgeglichen“, sagt Ederer. Für ein stimmiges Gesamtbild revidieren die Fachleute ihre Einschätzungen. „Wir erheben ja keine fertigen Zahlen, sondern nur Schwankungsbreiten. Innerhalb derer kann sich jeder von uns bewegen.“

Diese Harmonisierung bildet
den Großteil der restlichen Arbeit. Gegen Ende schließlich folgt der entscheidende Schritt: Dann kommen die Zahlen, zu denen man sich durchgerungen hat, in den Computer. Es sei „ein hochkomplexes Excel-Sheet“, sagt Ederer. Mittels Erfahrungen aus der Vergangenheit ermittelt das Tabellenkalkulationsprogramm die mögliche Zukunft.

Mit dieser Methode gelingt es den Experten meist, Entwicklungen einigermaßen korrekt abzuschätzen. Auf Ederers Tisch liegen Prognosen aus vergangenen Jahren – oft stimmen sie bis auf wenige Zehntelprozent. Denn in normalen Zeiten bewegt sich die Wirtschaft in regelmäßigen, abschätzbaren Zyklen hinauf und hinunter. „In normalen Zeiten“, wiederholt Ederer. „Das ist eine wichtige Einschränkung.“

Dass etwa im Jahr 2009 Österreichs BIP im Gefolge der internationalen Bankenkrise um fast vier Prozent einbrach, hatte kein Wirtschaftsforscher vorhergesehen. Blasen könne man nicht prognostizieren, sagt Ederer. „Wenn sie platzen, reißen sie die Realwirtschaft mit sich. Oder aber es geht ihnen langsam und unmerklich die Luft aus.“

Demnach können in Zeiten eines liberalisierten Finanzmarktes überall Gefahren lauern, vor denen keine Prognose warnt. So wie beispielsweise momentan auf dem Aktienmarkt: Zur Wirtschaftsbelebung stellten Zentralbanken viel niedrigverzinstes Geld zur Verfügung. Weil jedoch in der Krise wenig konsumiert und investiert wird, lässt sich dieses in der Realwirtschaft kaum gewinnbringend anlegen. Also bringen es Anleger weltweit an die Börsen, wo die Kurse – entkoppelt von der echten Wirtschaftslage – in ungekannte Höhen schießen.

Ein etwaiges Absacken kann desaströs enden – fließt eine solche Gefahr in die Prognose ein? Nein, weil man sie kaum konkret einschätzen könne, sagt Ederer. „Wir nennen das nur im Begleittext.“

Prognosen sind Orientierungshilfen. Sie funktionieren am besten in berechenbaren Zeiten. Und auf kurze Dauer, so wie der Wetterbericht. „Wir sind keine Wahrsager“, sagt Ederer. „Wir wollen nur von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen.“


Das Wifo wurde 1927 von Friedrich Hayek und Ludwig Mises gegründet; aktueller Chef ist Karl Aiginger.


Wer sind die wichtigsten Wirtschaftsforscher Österreichs? Geschichte vom Jänner 2013

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„Wir brauchen eine neue Story“

Aus dem FALTER 12/2013

Der Ökonom Ulrich Brand über das Ende des Wachstums und des Massenkonsums

Gespräch: Joseph Gepp, Wolfgang Zwander

Seit vielen Jahren befasst sich Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, mit Alternativen zum Kapitalismus. Der gebürtige Deutsche und Wahl-Wiener nahm nun an einer zweijährigen Enquete des Deutschen Bundestags zum Thema „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ teil, deren Ergebnisse am 15. April präsentiert werden.

Falter: Herr Brand, Wachstumskritik galt einst als Thema für linke Träumer. Heute haben in Deutschland sogar CDU und FDP eine breit angelegte Enquete zu diesem Thema mitinitiiert. Warum?

Ulrich Brand: Der Deutsche Bundestag wollte die internationale Debatte nicht verschlafen, nachdem 2010 der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy mit der Bildung einer Kommission zur Wachstumsfrage vorgeprescht war. Bundeskanzlerin Merkel hat sich bestimmt geärgert, dass ihr dieser Coup nicht gelungen ist.

Wir müssen weg vom Dogma des Wirtschaftswachstums, meint der Politologe Ulrich Brand (Foto: Uni Wien)

Wir müssen weg vom Dogma des Wirtschaftswachstums, meint der Politologe Ulrich Brand (Foto: Uni Wien)

Aber gerade in der Krise lautet doch das Motto aller Parteien: Wachstum, Wachstum, Wachstum!

Brand: Vordergründig schon, doch hinter den Kulissen wissen die nachdenklicheren Politiker längst, dass ewiges Wachstum, das auf immer mehr Massenkonsum und -produktion baut, eine gefährliche Illusion ist. Die sinkenden Wachstumsraten in den OECD-Staaten sprechen eine klare Sprache.

Welche Konzepte schweben den deutschen Politikern vor, wenn sie von Alternativen zum Wachstum sprechen?

Brand: Im Großen gibt es zwei Modelle, das der konservativ-neoliberalen Seite und eines von SPD, Grünen und Linkspartei. Die Konservativen und Neoliberalen gehen davon aus, dass sich das Wachstumsproblem langfristig auflösen wird, weil ein großer Technologiesprung die Wirtschaft ankurbeln wird. Nicht mehr Raubbau an der Umwelt und die Fertigung von Autos sollen dann Jobs und Kaufkraft schaffen, sondern eine Computer- und Hightechindustrie. Wichtige einzelne konservative Stimmen, die anderer Meinung sind, werden dabei auch übergangen. Die rot-rot-grünen Keynesianer sind immerhin schon einen Schritt weiter: Für sie ist Wachstum nicht mehr das Ziel an sich, sondern ein Mittel, um bestimmte gesellschaftliche Aufgaben zu lösen, zum Beispiel Wohlstand oder die Energiewende.

Aber egal, ob links oder rechts – wenn Sie einem Politiker mit Wachstumskritik kommen, wird er Ihnen zuerst einmal antworten, dass Sie mit Ihrem Gerede Arbeitsplätze gefährden.

Brand: Ja, das stimmt: Arbeitsplätze, Gewinne und Investitionen, staatliche Einnahmen und Sozialversicherung hängen da dran. Aber es ist eine schizophrene Situation: Denn auf der anderen Seite anerkennen alle politischen Strömungen die Mängel, die mit unserer Wirtschaftssituation zu tun haben. Hoher Energie- und Ressourcenverbrauch; das Burnoutproblem, das in Deutschland zu einer Massenepidemie geworden ist; schwindender gesellschaftlicher Zusammenhalt et cetera. Doch die Schlussfolgerungen werden nicht konsequent gezogen: Eine Behebung all dieser Missstände lässt sich nicht ohne die Abkehr vom Wachstumsdogma schaffen. Wir brauchen eine neue Story.

Wie soll die lauten?

Brand: Wir sollten eine Gesellschaft anstreben, die von Wachstumszwängen befreit ist, in der die Menschen die zeitlichen und finanziellen Spielräume haben, sich in ihrem sozialen Umfeld zu engagieren. Ein zentraler Hebel dazu wäre eine Arbeitszeitverkürzung: Damit entkommen wir dem Wachstumsimperativ. Weiters müssten öffentliche Leistungen gestärkt werden, etwa bei der Infrastruktur, damit die Leute nicht so stark von Erwerbsarbeit abhängig sind. Wir müssen weg von Autos und fossil-nuklearer Energie und hin zu erneuerbarer Energie. Wir brauchen einen Ausbau der Öffis und die Forcierung der Energiewende.

Das klingt, als wollten Sie gar keine Reduktion des Wachstums, sondern nur dessen Verlagerung auf andere Bereiche.

Brand: Nein, ich spreche von Reduktion des Ressourcenverbrauchs und der Emissionen. Bei einem Verzicht auf Autos würde etwa zwar der Öffi-Sektor kurzfristig wachsen, mittelfristig könnte er aber die freigewordenen Kapazitäten nicht aufnehmen.

Unter dem Strich würde Ihr Modell nicht ohne individuellen Verzicht funktionieren.

Brand: Es gibt kein Menschenrecht auf das tägliche Schnitzel, aber solche Einbußen können durch einen Gewinn an Lebensqualität kompensiert werden. Außerdem wird oft übersehen, dass immer mehr Bürger die Meinung teilen, die alleinige Fixierung auf das Wirtschaftswachstum sei falsch.

Man müsste viele Menschen umerziehen.

Brand: Ich würde eher von notwendigen Lernprozessen sprechen, aber eben auch von politisch ausgehandelten Regeln. Heute kann ja auch nicht jeder seinen Mist überall hinwerfen. Umerziehen hört sich negativ an. Es gäbe viele demokratisch legitimierte Mittel, diesen Prozess zu gestalten. Der Staat könnte etwa den Flugverkehr oder Fleischfabriken weniger attraktiv machen, indem er per Gesetz Kostenwahrheit durchsetzt – das heißt, der Preis der Produkte müsste etwa auch die daraus entstandenen Schäden an der Umwelt beinhalten. So könnte die Politik Rahmen setzen, aber natürlich müssen vor allem Unternehmer und Verbraucher umlenken. Deswegen bräuchten wir einen Prozess, der Menschen mitnimmt, indem man wirtschaftlichen Strukturwandel mit staatlicher Absicherung verknüpft.

Im Endeffekt läuft es also darauf hinaus, dass die Produktion von Massenkonsumgütern stärker reguliert werden soll?

Brand: Und das unter Bedingungen globaler Konkurrenz. Wir bräuchten eine Regulierung des Weltmarkts. Man könnte sich etwa darauf einigen, dass 99 Prozent der Bauteile eines Handys recycelbar sein müssen. Das würde die Entwicklungsgeschwindigkeit von Handys drastisch verringern. Aber es entstünden auch grüne Unternehmen, die sich anpassen und somit von der Abkehr vom Wachstumsdogma profitieren würden.

Buchtipps zum Thema: Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

Buchtipps zum Thema: Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom, 248 S., € 13,40

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