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Zahl der Woche: 8 Milliarden

Aus profil 37/2017

Diese enorme Summe müsse in Österreich zusätzlich an staatlicher Bankenhilfe aufgebracht werden, berichteten vergangene Woche heimische Medien. Warum? Die KA Finanz – die Bad Bank der Kommunalkredit, die während der Bankenkrise 2008 notverstaatlicht wurde – brauche unerwartet mehr Geld. Die Nachricht stimmt aber so nicht. Tatsächlich steckt hinter den angeblichen Mehrkosten eine organisatorische Änderung, die den Steuerzahler nichts zusätzlich kostet und im Budget längst eingerechnet ist: Die KA Finanz wird nach Beschluss der Finanzmarktaufsicht (FMA) nicht mehr als Bank geführt, sondern als gewöhnliches Unternehmen zum Abbau von Bankgeschäften. Daher darf sie keine Kredite mehr aufnehmen. Das Geld zur Finanzierung der KA Finanz – besagte acht Milliarden – kommt deshalb ab jetzt direkt vom Staat. Zuvor hat es sich die Bad Bank zwar von Privaten ausgeborgt – aber als Staatsunternehmen hat letztlich ebenfalls der Staat für die Summen gehaftet und sie zurückgezahlt. Trotz alledem: Die Gesamtkosten für die Abwicklung der Pleitebank sind enorm. Sie betragen derzeit insgesamt 10,6 Milliarden Euro.

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„Es gibt intensive Gespräche“

Aus profil 6/17

Großbritanniens Banker sind nervös. Im Zuge des Brexit könnten sie ihre Zulassung für Kontinentaleuropa verlieren. Manche wälzen bereits Umzugspläne in Richtung Festland. Laut deutschen Medien gibt es etwa Anfragen bei der Bankenaufsicht BaFin in Deutschland. Und in Österreich?

„Es gibt einzelne Anfragen britischer Finanzdienstleister, diese sind aber in einem sehr frühen Stadium“, sagt Klaus Grubelnik, Sprecher der heimischen Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) auf profil-Anfrage. „Insbesondere gibt es aber intensive Gespräche mit Beratungsunternehmen – Unternehmensberatern, Wirtschaftsprüfern, Rechtsanwälten -, die das Umfeld in Österreich ausloten.“ Auch wenn die Modalitäten des Brexit vorläufig unklar sind, ist also im Hintergrund Einiges in Bewegung. Potenziell geht es dabei um Tausende Arbeitsplätze im Bankensektor.

Grundsätzlich haben die Finanzmärkte Großbritanniens und Österreichs kaum Berührungspunkte, weil Österreich stark auf Osteuropa konzentriert ist. Die FMA rechnet hierzulande mit „keinen spürbaren negativen Auswirkungen des Brexit“. In Österreich sind derzeit vier britische Banken mit Niederlassungen vertreten – Royal Bank of Scotland, Macquarie Bank International, Europe Arab Bank und FCE Bank.

Im vergangenen Herbst bekundete ÖVP-Finanzminister Hans Jörg Schelling zudem die Absicht, die – derzeit in London ansässige – Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) nach Wien holen zu wollen.

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Schöpfungsgeschichte

Aus profil 36/2016

Geld ermöglicht Fortschritt und fördert zugleich den Exzess. 25 Einblicke in die scheinbar selbstverständlichste Einrichtung der Welt.

Von
Joseph Gepp

Was ist Geld?

Geld ist das Versprechen von Wert. Es ist eine Vereinbarung, an die sich alle halten, beglaubigt durch die Zentralbank. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihre Euro im Supermarkt nicht gut ankamen?

Geld ist also eine Art Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage?

Zumindest lautet so die gängigste Geldtheorie. Geld ist eine Einrichtung, die uns praktischerweise die Tauschwirtschaft erspart, indem sie sich als Medium zwischen die Waren schiebt. Auf die Werte der Güter selbst wirkt es sich dabei nicht aus, glauben Ökonomen. Allerdings stellen dies neue Forschungen infrage. Wenn es mehr Geld gibt, argumentieren sie, werden auch die Werte von Gütern höher. Geld beeinflusst Werte, etwa Immobilien.

Und wie entsteht Geld?

Das meiste Geld – ungefähr 90 Prozent – wird von Banken geschaffen. Und zwar immer dann, wenn sie Kredite vergeben.

Aber wieso? Man kann Geld doch nur hergeben, wenn man bereits welches hat.

Als Privatperson schon. Eine Bank jedoch kann neues Geld erschaffen. Wenn sie einen Kredit vergibt, wird das Geld dafür nicht etwa irgendwo abgezwackt, zum Beispiel von den Einlagen der Konteninhaber. Sondern neu geschöpft, also geschaffen. Die Bilanzsumme der Bank vermehrt sich dann um die Summe des Kredits. Genauso wie die Geldmenge insgesamt.

Wow, eine Bank kann einfach so neues Geld erzeugen!

Genau so läuft es, so hat es sich in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt. Banken schöpfen Geld. Allerdings: Ganz autonom sind sie dabei nicht. Sonst bräuchte es keine Zentralbank wie die EZB im Euro-Raum. Die EZB versucht, die Geldschöpfung der privaten Banken mit Instrumenten zu steuern.

Welchen?

Mit den sogenannten Reserven. Das ist, wenn man so will, ein Grundstock an Kapital. Von diesem muss jede Bank eine Mindestmenge bei der EZB halten. Die Reserven können nicht einfach geschöpft werden wie die Kredite. Wenn eine Bank neues Geld schafft, muss sie dabei immer ihre Reserven im Auge behalten. Denn die Menge der Einlagen muss in einem bestimmten Verhältnis zu den Reserven stehen. Das legt die Zentralbank fest. In der EU zum Beispiel beträgt der sogenannte „Mindestreservesatz“ der EZB zurzeit einen Prozent. Wenn eine Bank also 100 Millionen Euro Kredite und Einlagen verwaltet, muss sie mindestens eine Million Reserven bei der EZB halten. Die Reserven kann man sich also wie ein Fundament vorstellen, auf dem das Haus der Kredite aufbaut. Man nennt sie deshalb auch „Zentralbankgeld“ oder“Geldbasis“.

Und woher kommen die Reserven?

Sie werden meist von der Zentralbank verliehen. Dafür bezahlt die normale Bank einen bestimmten Zinssatz, den Leitzins.

Ach ja, jener, der derzeit so niedrig ist. Und der Zweck des Leitzinses war…

Damit beeinflusst die Zentralbank, wie viel Geld die Banken schöpfen. Das geht so: Wenn sie den Leitzins erhöht, muss die Bank mehr für ihre Reserven bezahlen, also für den Grundstock. Er wird teurer. Diese höheren Kosten wird die Bank bei Kreditvergaben an ihre Kunden weiterreichen. Also werden deren Kreditzinsen höher und Kredite unattraktiver. Weniger Kredite bedeutet weniger neu geschöpftes Geld. Mit Leitzins und Mindestreservesatz steuert die Zentralbank, wie viel Geld die privaten Banken erschaffen.

Welche Rolle spielt in diesem Gefüge das Bargeld? Drucken das auch die Banken?

Nein, Bargeld kommt ausschließlich von der Zentralbank. Es zählt zu den Reserven. Das Geld, das die Banken schöpfen, ist immer Buchgeld. Also jenes, das nur in Form elektronischer Buchungszeilen vorliegt, etwa auf Bankkonten.

Bekommt die Bank die Reserven ohne jede Gegenleistung von der Zentralbank?

Nein, sie muss ihr quasi beweisen, dass sie ihrer würdig ist. Wenn sie sich Reserven ausleiht, hinterlegt sie dafür Sicherheiten wie Wertpapiere. Zum Beispiel Staatsanleihen. Diese wiederum sind Belege dafür, dass ein guter Schuldner, idealerweise ein Staat, der jeweiligen Bank Geld schuldet.

Die Banken schöpfen also Geld. Sie brauchen dafür eine kleine Basis von der Zentralbank. Die bekommen sie, indem sie belegen, dass jemand bei ihnen Schulden hat. In Wahrheit basiert unser Geldsystem auf einer Kette von Schulden und Versprechen, dass diese wieder zurückgezahlt werden.

Kann man so sagen. Aber das war nicht immer so. Denn früher gab es erstens viel mehr Bargeld als heute, also eine größere Geldbasis. Und außerdem gab es noch etwas anderes: den Goldstandard.

Was ist das?

Die Praxis, dass Geld durch Gold gedeckt ist. Bis zum Jahr 1971 etwa konnte man es bei der US-Zentralbank FED gegen Gold tauschen, genau 35 Dollar für eine Unze Gold, also 28 Gramm. Danach kündigte Präsident Richard Nixon dieses System auf. Der Dollar hing in einem fixen Verhältnis am Gold. Und alle anderen Währungen hingen in fixen Verhältnissen am Dollar. Am Grund des weltweiten Geldsystems lag also viel Gold in den Tresoren der US-Zentralbank.

Wenn ich heute zur Zentralbank gehe, bekomme ich dann auch irgendetwas für mein Geld?

Nein. Früher war Geld ein Stellvertreter für etwas, heute steht es gewissermaßen für sich selbst. Früher trugen die Banken Gold zur Zentralbank – und dafür erhielten sie Banknoten. Heute tragen die Banken Schulden zur Zentralbank – und erhalten dafür Reserven. Auf deren Basis betreiben sie dann ihre Schöpfung von Buchgeld. Ist gleich Kredite. Ist gleich neue Schulden.

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Dann war früher also alles besser.

Halt, der Goldstandard ist 1971 gescheitert. Auch zuvor in seiner Geschichte war er immer wieder ausgesetzt worden. Er hatte sich nämlich als äußerst starr erwiesen. Man konnte nur so viel Geld ausgeben, wie Gold in den Tresoren lag. Es gibt aber Phasen, in denen eine Gesellschaft mehr braucht, als das Gold hergibt. Zum Beispiel, wenn sie mit Investitionen eine Wirtschaftskrise bekämpfen will. Oder in einem Krieg. Oder bei technologischen Umbrüchen, wenn es wichtige Forschungen zu finanzieren gilt. Manche Wirtschaftshistoriker glauben, jegliche Industrialisierung hänge davon ab, dass in bestimmten Phasen mehr Geld ausgegeben wird, als in Systemen mit Goldstandard zur Verfügung steht. Unsere heutige Art der Geldschöpfung hat also auch einen großen Vorteil: Sie reagiert flexibel auf die Bedürfnisse und Entwicklungen der Wirtschaft und Gesellschaft.

Aber wenn das Fundament nicht passt, sind das doch Luftschlösser.

Stimmt schon, aber es funktioniert. Zumindest solange die meisten Menschen daran glauben. Am Grund des weltweiten Geldsystems liegt heute nicht mehr Gold, sondern Vertrauen. Geld basiert auf nichts mehr. Trotzdem müssen alle daran glauben, damit das System funktioniert.

Vertrauen? Wir erleben doch seit Jahren eine Wirtschaftskrise!

Stimmt. Die Krise seit dem Jahr 2008 ist jedenfalls ein großer Riss im System des Vertrauens. Ihr Ursprung liegt darin, dass Banken und Finanzinstitutionen in den USA und Europa zu viele Kredite vergeben haben. Damit wären wir auch gleich beim großen Nachteil des derzeitigen Systems: Es mag flexibler sein als der einstige Goldstandard. Aber es fördert zugleich den Exzess in der Kreditvergabe, also der Geldschöpfung. Schließlich hindert einen heute kein Gold daran. Das untergräbt eben jenes Vertrauen, auf dem das ganze System aufbaut. So geschehen etwa während der US-Immobilienkrise: Die Banken vergaben massenhaft Kredite an Hauskäufer mit teils fragwürdiger Bonität. Immerhin winkt bei jedem Kredit ein Gewinn. Als die Schuldner das Geld nicht mehr zurückzahlen konnten, platzte die Blase. Die Häuserpreise stürzten ab, die sozialen Verwerfungen waren enorm. Die jahrelange Krise nahm ihren Lauf.

Wie reagieren die Zentralbanken darauf?

Mit ihren üblichen Instrumenten, vor allem der Senkung des Leitzinses. Er liegt heute auf historischen Tiefstständen, im Euro-Raum etwa bei null Prozent. Dies sollte eigentlich dazu führen, dass die Kreditnehmer mit billigen Krediten und mehr Geld regelrecht überflutet werden. Allerdings – und jetzt kommt das nächste Problem: Seit der Krise funktionieren die Instrumente der Zentralbanken nicht mehr richtig. Sie scheinen die Kontrolle über die Geldschöpfung zu verlieren. Kredite, Geldmenge, Inflation, Wirtschaft – trotz der Interventionen wächst nichts im wesentlichen Maß. Nur die Werte von Aktien und anderen Vermögensgütern steigen. Die EZB praktiziert derzeit weitere, bislang unerprobte Maßnahmen, etwa Negativzinsen und den direkten Kauf von Anleihen. Alles ohne großen Erfolg. Im heurigen März antwortete EZB-Präsident Mario Draghi sogar auf eine Journalistenfrage, man werde das Konzept des sogenannten Helikopter-Geldes „beobachten“. Das würde bedeuten: Jeder Europäer würde von der EZB Geld auf sein Konto bekommen. Derartige Methoden auch nur zu erwägen, galt bislang als Tabubruch. Manche sagen, das Maß an Schulden in unserem Geldsystem sei einfach zu groß geworden. Es stößt an seine Grenzen. Wir verlieren den Grundstoff Vertrauen, der einst als Ersatz für das Gold diente.

Oje, oje, was sollen wir nur tun?

Die Versuche, das Vertrauen wiederherzustellen, zielen in mehrere Richtungen. Viele sehnen sich zum Beispiel danach, dass wieder mehr als nur Vertrauen hinter dem Geld steckt. So wie früher, beim Goldstandard. Derartiges entsteht in Nischen. Zum Beispiel im Internet, beim digitalen Zahlungssystem Bitcoin („digitale Münze“).

Was war das nochmals?

Bitcoin ist eine Krypto-Währung. Entwickelt wurde sie 2008 von einer Person mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. Bitcoin ist nicht, wie andere Währungen, von Staaten und Zentralbanken organisiert. Sondern von der Gesamtheit seiner Benutzer. Auf Basis eines Computer-Protokolls, das im Hintergrund Regeln vorgibt, überprüfen sich alle Benutzer permanent gegenseitig (die sogenannte „Blockchain“, siehe Seite 46). Bitcoin ist, wenn man so will, eine Art Wikipedia in Geldform.

Schön und gut, aber inwiefern steckt hinter Bitcoin mehr als nur Vertrauen?

Das Entscheidende ist, dass bei der Entstehung von Bitcoins eine Art automatische Begrenztheit herrscht. Das Netzwerk gibt sie fix und unabänderlich vor. Derzeit existieren rund 15,8 Millionen Bitcoins, alle zehn Minuten kommen 12,5 neue hinzu. Bis zum Jahr 2035 werden 99 Prozent aller Bitcoins, insgesamt 21 Millionen, von Computern mit hoher Rechenleistung erzeugt worden sein. Genauso hat es Nakamoto seinerzeit programmiert. Das Wachstum der Geldmenge verlangsamt sich stetig, ohne Schwankungen. Wenn man so will, ist Bitcoin eine Art Goldstandard des digitalen Zeitalters. Nur sorgt kein Edelmetall für Begrenztheit, sondern die strikte technische Vorgabe. Bitcoin ist „in digitalen Stein gemeißelt“, sagt Johannes Grill vom Verein Bitcoin Austria.

Halt! Ein Protokoll, das irgendein anonymer Internet-Freak geschrieben hat, soll für etwas garantieren?

Viele glauben daran. Wie groß die Nachfrage nach Bitcoins ist, zeigt allein der Kurs zum Euro. Für einen Bitcoin bekam man 2013 noch rund 50 Euro, heute 500.

Na, dann machen wir Bitcoin doch zur neuen Weltwährung.

Tja, nach einiger Zeit würde sich wohl ein neues altes Problem einstellen: Was geschieht, wenn man mehr Geld braucht, als das System hergibt? Wie einst beim Gold kann man ja nur eine begrenzte Anzahl von Bitcoins erzeugen. Wahrscheinlich würde der Bitcoin-Standard ähnlich enden wie der Goldstandard. Bitcoin funktioniert wohl vor allem als Nischenprogramm.

Vertrackt. Gibt es keine andere Lösung?

Manche wünschen sich eine Reform der Finanzwelt, zum Beispiel der deutsche Soziologe Joseph Huber. Er plädiert für das sogenannte Vollgeld-System. In diesem Konzept sollen Banken künftig kein Buchgeld mehr schöpfen dürfen. Alles Geld soll also aus Reserven bestehen. Der Mindestreservesatz läge bei 100 Prozent. Das bedeutet: Die Banken würden nur jenes Geld in Form von Krediten weiterreichen, das sie tatsächlich von der Zentralbank bekommen. Diese könnte die Geldmenge direkt steuern. Keine Bank würde sich in einem Kreditexzess ergehen können. Finanzblasen und Vertrauensverlust wären passé, hoffen die Befürworter.

Klingt gut, aber schwer realisierbar.

Der Eingriff ins Geldsystem wäre fundamental, mit der Gegenliebe der Banken ist nicht zu rechnen. Es bleiben zudem auch abseits von der Realisierbarkeit offene Fragen beim Vollgeld, etwa wie das Wachstum der Geldmenge festgesetzt werden soll.

Gibt es nicht realistischere Möglichkeiten, das Vertrauen ins Geldsystem zu stärken?

Unserem System wohnt generell die Neigung zum Exzess inne. Letztlich geht es also darum, Anzeichen dieser Exzesse, also einer Finanzblase, rechtzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Das ließe sich beispielsweise bewerkstelligen, indem man Preisentwicklungen genau beobachtet -und dann interveniert. Wenn etwa Preise für Immobilien übermäßig steigen, könnte man Kreditvergaben in diesem Bereich strenger gestalten. Oder Banken vorschreiben, dass sie ihre Geschäfte mit weniger Schulden finanzieren müssen, sondern eher mit dem Geld ihrer eigenen Aktionäre. Einige solcher Bemühungen laufen schon seit der Finanzkrise auf globaler und europäischer Ebene. Wenn das Geld problemlos seinen Zweck erfüllt, dann braucht es auch nichts, was ihm zugrunde liegt.

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Acht Prozent

Aus profil 22/2016

Damit in Zukunft nicht mehr allein der Steuerzahler für die Kosten von Bankenpleiten aufkommt, sollen die Gläubiger der Geldhäuser etwas mitzahlen. Aber wird das auch was? Wie die EU-Kommission in Brüssel mit Detailbestimmungen zentrale Bankenreformen hintertreibt.

Von Joseph Gepp

Es kommt die Zeit, da ist eine Reform vollendet. Dann halten Politiker und Experten noch einige Lobreden auf sie, bevor sie sich anderen Themen zuwenden. Dann feilen im Hintergrund die Beamten noch an letzten Details, aber die interessieren schon niemanden mehr.

Dabei kann gerade diese Phase einer Gesetzesentstehung äußerst heikel sein.

Zum Beispiel bei der Neuregelung der Bankenwelt in Brüssel. Es handelt sich um eines der größten Vorhaben der EU der vergangenen Jahre. Umfangreiche Reformen sollen den Finanzsektor für eine mögliche neue Krise wappnen. Das Ziel: Die Kosten dafür sollen nicht mehr allein am europäischen Steuerzahler hängen bleiben, so wie bei der vergangenen Finanzkrise im Jahr 2007. Ein Meilenstein in diese Richtung ist die sogenannte EU-Bankenabwicklungsrichtlinie. Sie regelt seit dem Jahr 2014, wer künftig mit welchem Geld zahlen soll, wenn Banken in finanzielle Schieflagen geraten.

Doch vergangenen Montag schob die EU-Kommission der Richtlinie noch eine „Delegierte Verordnung“ nach. Darin werden Details spezifiziert. Allerdings: nicht zum Guten, wie Kritiker meinen.

„Über das Kleingedruckte werden die Vorschriften der Abwicklungsrichtlinie entscheidend gelockert“, sagt Sven Giegold, grüner deutscher EU-Parlamentarier, der sich mit Bankenregulierung befasst. Christian Stiefmüller von der NGO „Finance Watch“ in Brüssel ergänzt: „Mit Detailbestimmungen höhlt die EU-Kommission Gesetze aus, zu denen man sich bereits durchgerungen hat.“

Beim Thema Bankenregulierung stehen viel Geld und Macht auf dem Spiel. Bankenlobbyisten setzen alles daran, manche Reformen doch noch abzuschwächen. Schenkt ihnen die EU-Kommission – also quasi die Regierung der EU unter Jean-Claude Juncker – zu viel Gehör?

Die Verordnung sei ein weiterer wichtiger Schritt zu einem „gut funktionierenden System, in dem nicht mehr die Steuerzahler für Probleme der Banken aufkommen“, freut sich per Aussendung der Brite Jonathan Hill, konservativer Politiker und zuständiger EU-Kommissar für Finanzmarktstabilität. Doch dem widersprechen nicht nur Giegold und Stiefmüller, sondern auch die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA, selbst ein Organ der EU, mit Sitz in London. „Die EBA ist mit vielen Änderungen, welche die Kommission vorgeschlagen hat, nicht einverstanden“, heißt es in einer Protestnote der Aufseher an die Kommission vom Februar. Man fordere die Kommission „unverzüglich“ auf, Änderungswünsche der EBA zu berücksichtigen. Doch die EBA darf lediglich Vorschläge äußern. Kommissar Hill ignorierte den Appell. In den kommenden Monaten soll die fertige Verordnung nun von Mitgliedsstaaten und EU-Parlament abgesegnet werden.

Wie wichtig die Regulierung der Finanzmärkte ist, hat spätestens die Krise 2007 gezeigt. In ihrem Gefolge steckten die EU-Staaten laut Kommission 4,6 Billionen Euro in die Rettung europäischer Banken. Zum Vergleich: Die Gesamtkosten infolge der Flüchtlingsbewegung in Österreich und Deutschland zusammen betragen bis 2017 schätzungweise nur rund ein Achtzigstel dieser Summe. Die Folgen der Finanzkrise waren massive Sparprogramme, etwa bei Sozialausgaben. Doch den EU-Regierungen war meist keine andere Wahl geblieben, als für die Banken zu zahlen. Hätten sie sie pleitegehen lassen, wäre wohl das Finanzsystem kollabiert. Eine Bank hätte die nächste mitgerissen, Bankomaten hätten kein Geld ausgespuckt, Supermärkte wären vielleicht leer geblieben. Schwache Aufsichtsbehörden und laxe Kontrollmechanismen waren für die Krise mitverantwortlich.

Heute soll ein stabileres System aufgesetzt werden – und dazu dient unter anderem die Abwicklungsrichtlinie. Das Werk schreibt vor allem das sogenannte „Bail-in“ vor. Das bedeutet: Künftig sollen zuerst die Gläubiger und Eigentümer der Bank – also Anleihehalter und Aktionäre – zahlen, bevor der Steuerzahler drankommt. Bei Banken ist dies, im Gegensatz zu normalen Unternehmen, keine Selbstverständlichkeit.

Um die Causa zu verstehen, muss man die Idee hinter dem Bail-in begreifen: Würde man Bankengläubiger (zu ihnen zählen zwar auch die normalen Sparer, jedoch ist deren Vermögen bis 100.000 Euro durch die Einlagensicherung geschützt) rücksichtlos beschneiden, geraten möglicherweise andere Banken auch ins Schlingern, weil sie ihr hergeborgtes Geld nicht wiedersehen. Infolgedessen könnten verängstigte Sparer ihre Konten plündern. Eine Bankenpleite wächst sich also rasch zu einer Finanzkrise aus. Zugleich jedoch darf man auch die Bankengläubiger nicht ganz aus ihrer Verantwortung entlassen – denn wenn sie fix damit rechnen, dass im Ernstfall ohnehin der Staat einspringt, sind sie zu riskanteren Geschäften bereit. Also versucht die Abwicklungsrichtlinie einen Spagat: Die Gläubiger sollen im Pleitefall mitzahlen, aber nicht so viel, dass dadurch das ganze System zu wanken beginnt.

Konkret schreibt die Richtlinie vor, dass Gläubiger künftig einen Mindestbeitrag leisten müssen, bevor eine Bank gerettet wird. Er beträgt laut Artikel 44, Absatz 5, mindestens acht Prozent der Bilanzsumme. Sollten die Aktien- und Anleihenhalter dieses Geld nicht aufbringen, ist laut Richtlinie eine Bankenrettung mit Staats-oder EU-Mitteln verboten. So weit, so regulär.

Nach dem Beschluss leitete die EU-Kommission den Gesetzestext an die EBA weiter. Die Aufsichtsbehörde sollte nun „technische Regulierungsstandards“ erarbeiten, also Details. Unter anderem fügte die EBA einen Satz hinzu: Es solle darauf geachtet werden, dass bei den Banken „die Erfordernis des Mindestbeitrags von acht Prozent (…) erfüllt ist“. Also: Die acht Prozent, die für den Pleitefall vorgeschrieben sind, müssen sich auch in der Bankbilanz wiederfinden. Eine Formalität. Sollte man meinen.

Doch nachdem die ergänzte Richtlinie zur Kommission zurückgewandert war, strich diese die Passage aus dem Text. Eine derartige Präzisierung sei „mit der Richtlinie nicht vereinbar“, begründet das die Kommission in einem Brief an die EBA vom Dezember, der profil vorliegt.

Was bedeutet das? Die Banken müssen nun zwar zwingend die acht Prozent aufbringen, damit sie im Notfall vor der Pleite gerettet werden. Im Normalbetrieb müssen sie aber nicht über dieses Geld verfügen – sondern eben erst dann, wenn aufgrund der drohenden Pleite eine Rettung erforderlich wird. Wenn man so will, ist das wie bei einem Feuerlöscher, den man erst dann mit Löschschaum befüllen muss, wenn es brennt.

„Im Fall der drohenden Pleite haben die Staaten dann gar keinen Spielraum mehr, darauf zu bestehen, dass die Gläubiger ihren Teil beitragen“, sagt der Bankenexperte Stiefmüller. „Diese Streichung bringt das ganze Konzept der EU-Bankenabwicklung ins Wanken.“

Bei der EU-Kommission reagiert das Büro von Finanzmarkt-Kommissar Hill nicht auf die profil-Anfrage. Im Brief an die EBA rechtfertigt die Kommission die Streichung der Acht-Prozent-Klausel damit, dass in der Abwicklungsrichtlinie kein „harmonisiertes Mindest-Level“ vorgesehen sei. Der Hintergrund: Banken müssen laut Richtlinie eben nur dann die acht Prozent haben, wenn sie gerettet werden sollen – und nicht, streng formalrechtlich gesehen, die ganze Zeit über. „Aber wenn die Pleite wirklich droht und der Beitrag nicht geleistet werden kann, ist es zu spät “, sagt Stiefmüller.

Was hat die Kommission tatsächlich zur Streichung des Acht-Prozent-Passus veranlasst? Darüber kann man nur mutmaßen. Kritiker, die anonym bleiben wollen, sprechen von massivem Banken-Lobbying, das auf eine Abschwächung der Abwicklungsrichtlinie zielt. Die Banken fürchten, dass es ihnen zu teuer käme, Schulden zu machen, wenn sie jederzeit acht Prozent der Bilanzsumme für ein mögliches Bail-in bereithalten müssen.

Für eine unschöne Optik sorgt jedenfalls, dass EU-Kommissar Hill vor seiner Politikkarriere selbst als Finanz-Lobbyist in Großbritannien tätig war, etwa für die Großbank HSBC. Zudem gibt es ein Positionspapier des Londoner Bankenverbands AFME („Assoziation der Finanzmärkte in Europa“) vom Februar 2015. Darin legen die Banker ihre Meinung zur Acht-Prozent-Klausel dar. Sie bringen da genau das gleiche Argument in Stellung wie später die Kommission: Mit derartigen Maßnahmen würde das Mandat der Abwicklungsrichtlinie „überschritten“, heißt es im AFME-Papier.

Laut EU-Parlamentarier Giegold machen jedoch nicht nur Banken Stimmung gegen eine strenge Abwicklungsrichtlinie, sondern auch einige EU-Staaten. „Vor allem Italien, Frankreich, Spanien und Portugal üben Druck auf die Kommission aus.“ Inwiefern auch hier die jeweils nationalen Finanzmärkte dahinterstecken, ist unklar. Das Zusammenspiel von Staaten, Banken und Kommission bei derart wichtigen Entscheidungen – es bleibt dem Außenstehenden verborgen.

Fest steht: Die Bankenaufseher von der EBA protestieren scharf gegen die Abschwächung. Die Acht-Prozent-Klausel sei keinesfalls unvereinbar mit der Abwicklungsrichtlinie, widerspricht die EBA in ihrer Protestnote der Kommission. Und: „Versagt das Schema (der EU-Bankenabwicklung, Anm.), bedroht dies die finanzielle Stabilität und andere Ziele.“ Im Klartext: Dass bei der nächsten Krise erneut der Steuerzahler in die Bresche springen muss, ist wahrscheinlicher geworden.

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Schicksalszins

Aus dem profil 14/2016

Er bewegt Billionen Euro. Er bereitet Millionen Kreditnehmern ruhige oder schlaflose Nächte. Je nachdem. Was der Zinssatz Euribor über die Kapriolen des internationalen Finanzsystems erzählt.

Von Joseph Gepp

Werktags, 10.45 Uhr. Immer um diese Zeit steigen die dafür zuständigen Mitarbeiter in 23 Bankzentralen überall in Europa in ein spezielles Computerprogramm ein. Sie wählen eine gesicherte Internet-Verbindung, denn sie müssen sensible Daten übertragen. Danach tippen sie ein paar Zahlen ein, die auf elektronischem Weg verschickt werden.

Es ist ein unspektakulärer Vorgang, Alltag, fast unbekannt außerhalb der Bankenszene. Doch auf diese Weise entsteht eine der wichtigsten und einflussreichsten Kennzahlen der Finanzwelt. Was die Banker täglich in ihre Computer tippen, spüren viele Österreicher ganz unmittelbar in ihren Geldbörsen. Und zwar mehr als jede Gehaltsanpassung und Steuerreform.

„Euribor“ heißt der Zinssatz, der festlegt, wie hoch die Zinsen für viele variabel gestaltete Kredite in Europa ausfallen. Die Abkürzung steht für „Euro Interbank Offered Rate“. Der Euribor ist ein sogenannter Referenzzinssatz. Eigentlich besagt diese Zahl, in welcher Höhe Europas Banken durchschnittlich Zinsen entrichten, wenn sie einander Gelder leihen. Doch der Euribor dient als Basis für viele andere Geschäfte. Hauptsächlich für die Höhe von Kreditzinsen. Laut dem Bankeninstitut EMMI („European Money Markets Institute“) in Brüssel hängen immerhin 28 Prozent der Kredite im Euroraum – Gesamtwert: 1,4 Billionen Euro – am Euribor. Und es werden derzeit immer mehr, weil die Kreditzinsen derart niedrig sind.

Steigt der Euribor-Referenzzins, wird die Kreditrate des Schuldners höher – und umgekehrt. All das mag zunächst technisch und kompliziert klingen. Doch in der Geschichte des Euribor spiegeln sich exemplarisch all die wilden Entwicklungen der Finanzwelt im vergangenen Jahrzehnt, und ihre Missstände.

Da wären etwa die Betrügereien in den Jahren der internationalen Finanzkrise, an deren Folgen die Wirtschaft bis heute leidet: Auch der Euribor wurde damals manipuliert. Da wären weiters die darauffolgenden Versuche, das Bankensystem stabiler und missbrauchsresistenter zu machen: gespiegelt auch im Ringen um eine Reform des Euribor. Und schließlich wäre da die derzeitige, historisch beispiellose Niedrigzinspolitik von Zentralbanken wie der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie soll neues Wirtschaftswachstum anstoßen. Und auch sie wirkt sich massiv auf den Euribor aus.

Was zeigt der Zinssatz nun an? Was beeinflusst er? Wie genau kommt er zustande?

Abwärts: Entwicklung des Drei-Monats-Euribor seit dem Jahr 2008

Abwärts: Entwicklung des Drei-Monats-Euribor seit dem Jahr 2008

Brüssel, Avenue des Arts Nummer 56, gerade zehn Gehminuten vom EU-Parlament entfernt. Hier hat das Bankeninstitut EMMI seinen Sitz, das den Euribor verwaltet. Betrieben wird es von allen europäischen Banken gemeinsam. Sie führten den Euribor im Jahr 1999 ein.

23 Banken tragen heute zu seiner Ermittlung bei. Sie werden vom EMMI ausgewählt und wechseln regelmäßig. Derzeit umfasst das Spektrum etwa die finnische Pohjola-Bank, die französische PNB-Paribas und die Deutsche Bank. Eine österreichische Bank ist nicht darunter; in den vergangenen Jahren jedoch zählte etwa die Erste Group zum Klub. Jeden Vormittag übermitteln diese Finanzinstitute die Zinssätze, von denen sie meinen, dass sie unter Banken für Kredite verlangt werden – und zwar für verschiedene Laufzeiten, zwischen einer Woche und zwölf Monaten.

Die Banken schicken ihre Sätze an ein darauf spezialisiertes Unternehmen in Wellington, Hauptstadt Neuseelands: Global Rate Set Systems Ltd., gegründet von einem neuseeländischen Banker und einem Finanzjournalisten, übernimmt dann die Rechenarbeit. Die Firma bildet den Durchschnitt aus den eingegangenen Zahlen. Die höchsten und niedrigsten 15 Prozent lässt sie dabei außer Acht, damit keine Ausreißer den Durchschnittszins verzerren. Und fertig ist der Euribor.

Mit seiner Einführung 1999 sollte auch Kontinentaleuropa bekommen, was es anderswo bereits gab. So zeigt etwa der Libor („London Interbank Offered Rate“) bereits seit dem Jahr 1986 an, zu welchen Zinssätzen Londons Banken untereinander Geld verleihen. Der Tibor erfasst den gleichen Wert seit 1995 für Banken in Tokio.

Der Sinn dahinter: Dass Kredite für Kunden an derartige Referenzzinssätze gekoppelt werden, macht es Banken flexibler. Denn die Höhe der ausständigen verliehenen Gelder schwankt nun, je nachdem, wie viel die Bank ihrerseits für geliehenes Geld bezahlen muss. Tut sie sich dabei schwer, wird auch der Kredit für die Kunden teurer. Die Flexibilität der variablen Verzinsung, so das Motiv der Banken, ermöglicht insgesamt mehr Kreditvergaben. Und mit dem Euribor 1999 sollten nun auch die Finanzierungsmöglichkeiten europäischer Banken passgenau mit den Zinsen ihrer Kreditnehmer in Einklang gebracht werden.

Ausgerechnet diese Grundidee jedoch droht den Banken heute auf den Kopf zu fallen. Denn ihre Finanzierungsmöglichkeiten sind inzwischen nicht nur günstig, sondern geradezu ideal – und demnach werden auch die Kredite für die Kunden immer billiger.

Dahinter steckt die Politik der Zentralbanken, vor allem jene der EZB in Frankfurt. Seit Jahren senkt sie die Leitzinsen. Banken können sich extrem billig Geld von der EZB beschaffen, dafür sollen sie viele Kredite vergeben. Die EZB tut alles, dass sich Sparen nicht rentiert und Kredite billig sind. Neue Schulden, hofft sie, führen zu neuen Investitionen. Damit will sie gegen die Folgen der jahrelangen Wirtschaftskrise ankommen. Mittlerweile müssen Banken sogar einen geringen Strafzins an die EZB entrichten, wenn sie ihre Gelder ungenutzt bei der Zentralbank deponieren.

Die Folge all dessen für den Euribor: Er ist tief wie nie. Vor der Finanzkrise 2008 lag er meistens bei rund fünf Prozent. Später, 2012 bis 2014, grundelte er immerhin noch bei einem Viertelprozent herum. Vor einem Jahr schließlich sackte der Euribor endgültig in den negativen Bereich ab, auf aktuell minus 0,243 Prozent beim Drei-Monats-Euribor. Das bedeutet: Wenn heutzutage eine Bank einer anderen Geld borgt, muss sie, statt dafür Zinsen zu kassieren, eine kleine Summe drauflegen. Kredite unter Banken sind derart billig geworden, dass es sie nicht einmal umsonst gibt.

Können nun auch private Kreditnehmer, etwa in Österreich, in den Genuss von Negativzinsen kommen? Noch ist die Frage theoretisch. Denn Kreditnehmer mit variabler Verzinsung zahlen zusätzlich zur Euribor-Rate bestimmte Aufschläge an ihre Banken, je nach individueller Kreditwürdigkeit. Meist betragen sie ungefähr einen Prozent. Sollte jedoch der Euribor noch weiter ins Negative rutschen, ist es durchaus möglich, dass Banken künftig ihre Kunden für Kredite bezahlen müssen. Konkret könnte dies in Form von Zinsgutschriften aufs Kreditkonto erfolgen. Die Banken jedenfalls weigern sich bereits vorsorglich (profil berichtete).

Die Debatte um mögliche Negativzinsen ist bereits die zweite in wenigen Jahren, die den Euribor in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt. Die erste Causa gibt es schon länger, seit der Finanzkrise 2008. Sie handelt von schweren Manipulationen. Von Hunderten Seiten Ermittlungsunterlagen aus dem US-Justizministerium. Von Protokollen voller jovial-derber Unterhaltungen (siehe unten), in denen sich Banker illegal absprechen. Sie lassen tief in die fragwürdigen Geschäfte zur Zeit der Finanzkrise blicken.

Ungefähr zwischen den Jahren 2003 und 2011 wurde der Euribor manipuliert, genauso wie seine Pendants Libor und Tibor. Heute willigen Großbanken wie die Schweizer UBS oder die britische Barclays-Bank in Milliardenzahlungen ein, um sich weitere Ermittlungen zu ersparen. Allein die Deutsche Bank etwa stimmte vergangenes Jahr einer Zahlung von 2,3 Milliarden Euro Strafe an britische und amerikanische Justizbehörden zu.

Das Wesen der Manipulation begreift man, wenn man die Doppelfunktion des Euribor kennt. Mit ihm lassen sich nämlich nicht nur Zinsen variabel gestalten, man kann auch auf seine Entwicklung Wetten abschließen. Die Wettpartner einigen sich auf eine bestimmte Grenze, die der Euribor unter- oder überschreiten muss. Bei diesen sogenannten Derivatgeschäften geht es um gigantische Summen: Laut EMMI beträgt der derzeitige Nominalwert aller Finanzkontrakte, die auf dem Euribor basieren, mehr als 180 Billionen Euro. Involviert in solche Geschäfte sind etwa Großkonzerne, Versicherungsunternehmen, Investmentfonds aller Art – sowie ausgerechnet jene Banken, die zur Ermittlung des Euribor beitragen.

Häufigstes Muster des Missbrauchs: Ein Derivate-Händler einer Bank schloss ein Wettgeschäft auf den Euribor ab. Das konnte im Auftrag von Kunden erfolgen, meist jedoch geschah es auf Rechnung der eigenen Bank. Danach wandte sich der Derivate-Händler an jenen Kollegen in seiner Bank, der für die Übermittlung des Beitrags zur Euribor-Rate zuständig ist. Er bat den Übermittler um falsche Angaben. Oft entschieden schon wenige Hundertstelprozentpunkte über den Erfolg des Händlers. Da reicht es mitunter, wenn eine von 23 Banken falsche Zahlen meldet.

Laut US-Ermittlungen wurden nicht nur Zinssätze innerhalb einzelner Banken manipuliert, manchmal sprachen sich sogar mehrere Geldhäuser ab. Der Schaden für Bankkunden und betrogene Geschäftspartner beträgt bisher rund 17 Milliarden Dollar, schätzen Rechtsanwälte. Die Affäre hat die Öffentlichkeit und die Gesetzgeber aufgerüttelt. Die EU-Kommission etwa arbeitet seit dem Jahr 2012 an strengeren Transparenzregeln für Referenzzinssätze wie den Euribor. Mit zahlreichen Maßnahmen versucht sie, Interessenskonflikte innerhalb von Banken zu vermeiden.

Im bankeneigenen EMMI-Institut beteuert man heute auf profil-Anfrage, dass derartige Methoden der Vergangenheit angehören. Ein neuer Verhaltenskodex für jene Banken, deren Angaben dem Euribor zugrundeliegen, sorge seit 2013 für Transparenz, sagt EMMI-Sprecherin Andrea Fernandez-Carnicero. Wenn Banker Zinssätze übermitteln, gilt nun ein Vier-Augen-Prinzip. Alle Telefongespräche, die den Euribor betreffen, werden aufgezeichnet, alle E-Mails archiviert.

Ein weiterer Reformversuch des EMMI betrifft jenes Unternehmen, das den Euribor ausrechnet. Die neuseeländische Global Rate Set Systems ist für diese Aufgabe erst seit 2014 zuständig. Zuvor hatte lange der US-Medienkonzern Thomson Reuters die Funktion inne. Warum der Wechsel? Man wollte „einen Rechendienstleister, der völlig unabhängig von anderen Stakeholdern ist“, sagt Fernandez-Carnicero. Hintergrund: Thomson Reuters rechnete nicht nur für das EMMI den Euribor aus, der Konzern erstellt daneben auch Statistiken für Banken. Derartige Interessenskonflikte will man vermeiden.

Die Bankenwelt steht unter Druck, das Vertrauen wiederherzustellen und Instrumente wie den Euribor manipulationssicher zu gestalten. Der entscheidende Schritt dorthin steht erst bevor. Am 4. Juli dieses Jahres plant das EMMI den Wechsel vom derzeitigen zum sogenannten „transaktionsbasierten Euribor“. Das bedeutet: Künftig sollen nicht mehr nur die Angaben einiger Banker über die Höhe des Zinssatzes entscheiden. Man will stattdessen auch – mithilfe spezieller Berechnungsmethoden – tatsächlich getätigte Kreditgeschäfte zwischen Banken in die Ermittlung des Euribor miteinbeziehen.

Manipulationen, Reformbemühungen, Zinsabstürze. Der Euribor bildet alle wichtigen Entwicklungen der Finanzwelt der vergangenen Jahre ab. Jetzt soll er endlich mehr werden als das, was er letztlich ist: eine etwas bessere Umfrage.

„Nein, das ist illegal“

In Chatrooms, E-Mails und Telefonaten sprachen Banker darüber, in welche Richtung sie Euribor und Libor zu manipulieren gedenken, damit ihre Spekulationsgeschäfte erfolgreich sind. Wie sich Derartiges anhört? Die folgenden Protokolle wurden von profil aus dem Englischen übersetzt und gekürzt. Sie stammen aus Ermittlungsunterlagen des US-Justizministeriums von 2015 und betreffen vornehmlich die Deutsche Bank.

Händler: Können wir einen hohen Sechsmonats-Libor bekommen, bitte?
Übermittler: Klar Alter, wo willst du ihn haben, Mann?
Händler: Denke, es sollte 9,5 sein?
Übermittler: Cool, er ist auf 9 gegangen, 9,5 ist super.

Händler: Guten Morgen, können wir euch um ein niedriges Einmonats-Fixing (die Rate des Euribor, die übermittelt wird, Anm.) bitten?
Übermittler: Schwierig, ich glaube (Name eines vorgesetzten Managers) will ihn höher haben.
Händler: Oh nein! Aber Ladys first, oder nicht 😉
Übermittler: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Händler: Genau … deshalb betteln wir euch jetzt schon seit zwei Monaten an!!
Übermittler: Aber du unterschreibst nicht meinen Gehaltsbonus, oder?
Händler: Hmm, leider nicht.

Händler: Und … (ein Branchenkollege von der UBS-Bank, Anm.) sagte: „Kannst du ihn (den Libor, Anm.) niedrig machen?“ Ich sagte: „Ja, okay.“ Am Ende des Tages ging er runter.
Unbekannter Anrufer: Das gibt’s doch nicht.
Händler: Ja, und er macht es mit 16 Banken so (lacht).
Unbekannter: Das heißt (der UBS-Banker) fragt 16 Banken?
Händler: Vielleicht nicht 16, aber weißt du, wenn er acht Banken hat, reicht es auch. (…) Deshalb ist der Libor gestern gestiegen. Aus keinem anderen Grund. (…)
Unbekannter: Ist das legal oder illegal?
Händler: Nein, das ist illegal.

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Schuldenturmbau zu Basel

Aus dem FALTER 45/2014

Basel III zählt zu den wichtigsten Reformen für Banken seit der Krise. Was ist das eigentlich?

Fragen & Antworten:
Joseph Gepp

Seit dem Jahr 1974 ist Basel, Westschweiz, 180.000 Einwohner, Schauplatz einer der wichtigsten Maßnahmen zur internationalen Bankenregulierung.

Warum, was passiert dort?

Dort treffen sich Bankenregulierer aus Dutzenden Staaten: der „Basler Ausschuss“, der bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich angesiedelt ist. Dieser legt Regeln für Banken fest, die dann von Staaten umgesetzt werden. Konkret waren das bisher „Basel I“ im Jahr 1988, „Basel II“ 2004 und „Basel III“ 2010. All diese Pakete sollen der Bankenwelt mehr wirtschaftliche Sicherheit bringen. Der aktuelle Wurf ist, wie man unschwer am Jahr erkennen kann, von der großen Bankenkrise 2008 geprägt.

Also hat Basel II wohl nicht ausgereicht.

Das kann man wohl sagen. Um die Unterschiede zwischen Basel II und III zu verstehen, muss man erst fragen: Worum geht’s bei den Basel-Paketen? Sie drehen sich im Wesentlichen um Höhe und Definition des Eigenkapitals. Das ist jenes Geld der Bank, das nicht aus Schulden besteht. Es handelt sich dabei vor allem um zwei Formen des Kapitals: jenes, das die Eigentümer in ihre Bank stecken, etwa Aktionäre. Und weiters jene Gewinne, die als Rücklagen in der Bank bleiben. Wobei es in der Praxis oft strittig ist, was als Eigenkapital und was als Schulden gilt.

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Moment! Was brauchen mich solche Details überhaupt zu interessieren?

Je mehr Eigenkapital, desto sicherer die Bank. Vor der Krise wirtschafteten Banken mit viel zu viel geborgtem Geld. Infolgedessen wäre das Finanzsystem beinahe kollabiert und musste mit Steuermilliarden gerettet werden. Die Eigenkapitalfrage ist, so technisch sie klingt, für Bankkunden, Kreditnehmer und Steuerzahler immens wichtig. Auch die EZB-Stresstests zielten jüngst auf die Frage ab, wie viel Eigenkapital den Banken im Krisenfall zur Verfügung stünde.

Warum macht Eigenkapital Banken stabiler?

Je mehr Schulden sie machen, desto höher der Betrag, mit dem sie spekulieren können. Und desto höher der potenzielle Gewinn – oder eben Verlust. Stellen Sie sich vor, Sie haben zehn Euro Vermögen und borgen sich zusätzlich 90. Mit den 100 Euro kaufen Sie ein Aktienpaket. Ihr möglicher Gewinn ist durch die Verschuldung viel größer. Verlieren allerdings Ihre Aktien nur zehn Prozent an Wert, ist das Eigenkapital dahin, und Sie sind pleite.

Okay, und was unterscheidet Basel II von III?

Allgemein gesagt definiert Basel III in Form eines dreisäuligen Modells strenger als bisher, was als Eigenkapital gelten darf und was nicht. Dazu gibt es erstmals den „Verschuldungsgrad“: Insgesamt darf das Eigenkapital nicht weniger als drei Prozent aller Geschäfte der Bank betragen.

Drei Prozent, das ist nicht viel.

Ja, in anderen Branchen der Wirtschaft liegt das übliche Eigenkapital viel höher. Viele Ökonomen fordern deshalb höhere Eigenkapitalquoten. Doch die Banken entgegnen: Für mehr Eigenkapital müssten sie Kreditvergaben einschränken. Und diese Drohung zieht in Zeiten schwachen Wachstums.

Wieso müssen Banken Kredite einschränken, wenn sie ihr Eigenkapital aufstocken?

Wenn Banken Geschäfte abbauen, sinkt die Höhe des nötigen Eigenkapitals -die Quote bemisst sich ja am Vergleich zur Größe ihrer Geschäfte. Ansonsten bleibt nur die Einbehaltung von Gewinnen als Alternative, um zu mehr Eigenkapital zu kommen: etwa weniger Dividenden an Aktionäre.

Also runter mit dem Eigenkapital, damit Kredite fließen!

Das hätten die Banken auch gern. Doch die Instabilität am Finanzmarkt wäre massiv. Die hohen Schulden wirken wie Doping auf Geschäfte und Profite: Es gibt einen kurzen Schub, der sich bitter rächt.

Nicht nur Banken klagen gern über Basel III, auch Unternehmer. Warum eigentlich?

Das hängt bereits mit Basel II zusammen, dem Vorgängerabkommen. Damals wurde festgelegt, dass Banken nicht für alle Geschäfte gleich viel Eigenkapital vorweisen müssen. Für riskante brauchen sie seither mehr als für risikoarme. Nun sind Unternehmerkredite riskanter als etwa Staatsanleihen. Wenn also eine Bank ohnehin an Eigenkapitallimits schrammt, wird sie bei Krediten aufpassen. Dazu kamen strenge Regeln, was Banken von Unternehmern als Kreditsicherheit akzeptieren dürfen.

Aber dass die EZB-Stresstests absolviert wurden, zeigt doch, dass das Finanzsystem heute auf dem richtigen Weg ist, oder nicht?

Auch das ist strittig. Zwar haben in Österreich fünf von sechs Großbanken die Prüfung bestanden. Doch die Kriterien beim Stresstest waren laxer als die Basel-III-Erfordernisse. Denn diese treten erst 2018 in Kraft, damit die Banken Zeit zur Vorbereitung haben. Bisher hat sich vor allem eines gezeigt: Der Weg zur Bankenstabilität ist steinig. Und eine Wirtschaft, die wächst und zugleich nicht von immer höheren und riskanteren Schulden abhängig ist, bleibt eine große Herausforderung.

RAND-INFO:

Basel III Drei wichtige Zahlen:

8 % beträgt die „Mindesteigenmittelquote“. So hoch muss das Eigenkapital im Vergleich zu den Aktiva sein, die nach Risiko gewichtet werden

3 % beträgt der „Verschuldungsgrad“ oder „Leverage Ratio“. So hoch muss das Eigenkapital im Vergleich zu allen Geschäften der Bank liegen

2018 tritt Basel-III endgültig und gänzlich in Kraft. Bis dahin laufen für die Banken noch Übergangsfristen

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Buch: Das Handwerk der Blitzbuben

Aus dem FALTER 45/2014

Rezension: Joseph Gepp

Es ist paradox: In der Phase seiner größten Mobilität und Entgrenzung wird der moderne Finanzkapitalismus wieder ganz lokal und räumlich. Dies verdeutlicht der US-Wirtschaftsjournalist Michael Lewis in seinem grandiosen Buch „Flash Boys“.

Es handelt vom US-Hochfrequenzhandel, der inzwischen rund die Hälfte des amerikanischen Börsenhandels ausmachen dürfte. Die Funktionsweise, vereinfacht gesagt: Wenn jeden Tag Millionen Kauforder an US-Börsen übermittelt werden, fangen Superrechner moderner Finanzfirmen diese ab, bevor sie ihr Ziel erreichen. Die Flash-Trader tätigen blitzschnelle Transaktionen, manipulieren Preise und lukrieren minimale Profite. Die Geschäfte dauern kürzer als ein Wimpernschlag und verhelfen den Hochfrequenzhändlern in Summe – völlig risikofrei – zu riesigen Gewinnen.

Lewis beschreibt dieses System als eine Art digitale Wegelagerei. Der Trader muss seine Kabel und Rechner nur an der richtigen Stelle platzieren, idealerweise nah an großen Börsenrechnern. Es geht um die Geschwindigkeit, mit der Signale durch Kabel schießen. Deshalb entscheiden bei den Flash-Tradern kleine Ortsunterschiede über Milliardengewinne.

Eingebettet ist „Flash Boys“ in die wahre Geschichte des kanadischen Bankers Brad Katsuyama, der mit Computerprogrammen und gar der Gründung einer eigenen Börse gegen den Hochfrequenzhandel kämpfen will. Wenn man ein Buch über den modernen Kapitalismus lesen will, sollte es dieses sein.

Michael Lewis: Flash Boys. Revolte an der Wall Steet. Campus, 288 S., € 25,70

Michael Lewis: Flash Boys. Revolte an der Wall Steet. Campus, 288 S., € 25,70

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