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Kriege ich den Augustin auf Adventmärkten, Herr Keskin?

Aus dem FALTER 47/2011

Telefonkolumne

Ein „Missverständnis“ nennt Akan Keskin, Chef der Wiener Marktfahrer und Organisator großer städtischer Christkindlmärkte, das angebliche Platzverbot für Verkäufer der Obdachlosenzeitung Augustin. Der Falter fragte nach.

Herr Keskin, dürfen Augustin-Verkäufer jetzt auf Christkindlmärkten ihre Zeitung verkaufen oder nicht?

Auf den Märkten, die wir veranstalten, dürfen sie es. Der Verkauf des Augustin war niemals verboten und wird es auch jetzt nicht sein.

Es handelt sich also um ein Missverständnis. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe einer Dame vom Augustin angeboten, sie solle eine karitative Hütte buchen, die wir zur Verfügung stellen. Dort wäre es nicht so kalt und man könnte auch andere Produkte verkaufen. Andere karitative Organisationen wie die Kinderkrebshilfe und das Rote Kreuz machen das auch.

Und wo war das Problem?

Es gibt laut Marktordnung einen Bescheid, wonach wir keine Fremdwerbung machen dürfen. Das habe ich der Dame ebenfalls gesagt. Ich habe geglaubt, das gilt auch für den Augustin. Das war ein Missverständnis von mir. Sie hat es interpretiert, als gäbe es ein Augustin-Verbot am Christkindlmarkt.

Warum gibt es eine Ausnahme für den Augustin?

Das Marktamt sagt es. Der Augustin ist nicht wie ein kommerzieller Unternehmer zu betrachten, also wie unsere anderen Werbe- und Kooperationspartner.

Wer dürfte ein solches Augustin-Verbot überhaupt verhängen?

Zuständig ist die Magistratsabteilung 59 (das Marktamt, Anm.).

Welche Christkindlmärkte organisieren Sie als Chef der Marktfahrer in Wien?

Ich mache den Rathausplatz, die Fußgängerzonen in Favoriten und Meidling und den Platz an der Mariahilfer Straße vor der Kirche.

Und für die anderen Adventmärkte in Wien können Sie nicht sprechen?

Nein, das kann ich nicht.

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Alte Donau: Wird der Arbeiterstrand zur Reichen-Riviera?

Aus dem FALTER 38/2011

Joseph Gepp

Alarm schlägt die Obdachlosenzeitung Augustin: Das Ufer der Alten Donau, die „Riviera der kleinen Leute“, werde gentrifiziert. Schrebergartenhäuschen passten nicht mehr zur Toplage am Wasser und seien „aus Sicht der Liegenschaftsverwertungsbranche unerwünscht“ – sodass auf immer mehr Grundstücken, die überwiegend dem Stift Klosterneuburg gehören, Luxuswohnungen entstehen.

Arbeiterstrand unter Gentrifizierungsdruck: die Alte Donau (Wikipedia)

Tatsächlich verändert sich der Charakter des beschaulichen Altarmufers zusehends. Donaustadt und Floridsdorf zählen zu den am schnellsten wachsenden Bezirken. Entsprechend sprießen Baustellen und steigen Preise in einst weltabgewandten Kleingartengrätzeln. Empörte Anrainer machen dafür vor allem das Stift Klosterneuburg verantwortlich.

Dieses kann allerdings laut Sprecher Peter Schubert auch nichts dagegen tun. Es handle sich um sogenannte Superädifikate – das Grundstück gehört dem Stift, die Immobilie dem Pächter. „Im Rahmen der Bauordnung können unsere Pächter auf dem Grund machen, was sie wollen“, sagt Schubert. „Auch ihre Häuser an Investoren weiterverkaufen.“ Früher waren Superädifikate gemeinhin Schrebergärten und Badehütten – heute sind es selbst Großbauten wie etwa das Wiener Raiffeisenhaus.

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Der Aufstand der Massen im Namen des Guten

Aus dem FALTER, 19/2011

Die Webgemeinschaft bläst zum Angriff, weil ein Obdachloser rüde aus einem Bierlokal geworfen wurde. Angeblich

Bericht: Ruth Eisenreich,
Joseph Gepp

Foto: Heribert Corn

Es ist eine empörende Geschichte, die der Informatiker Andreas Marek, 30, von seinem Besuch in einem Bierlokal im Alten AKH erzählt. Eine Geschichte von der Demütigung eines ohnehin Schwachen in der Stiegl-Ambulanz, einer Gaststätte am Uni-Campus, die auf etwas schicker macht als die sie umgebenden Lokale.

Ende April sei ihr Sohn dort zu Gast gewesen, berichtet Mareks Mutter in einem E-Mail. Die Bedienung habe einen Augustin-Verkäufer, etwa 60, rüde des Lokals verweisen wollen. Marek fand die Behandlung derart unerhört, dass er den Obdachlosen auf ein Getränk einlud. Daraufhin kam der Restaurantleiter und wies dem Verkäufer erneut die Tür. Die Situation schaukelte sich auf, schreibt Frau Marek, als eine zweite Kellnerin für den Obdachlosen Partei ergriff – der Chef entließ sie. „Na“, soll er zu Marek gesagt haben, „sind Sie stolz, dass sie Ihretwegen ihren Job verliert?“

Derartige Mails über große und kleine Ungerechtigkeiten erreichen Redaktionen tagtäglich. Viele versanden, manche lösen Skandale aus.

Mareks Erlebnis im Beisl hatte im Internet einen Sturm der Entrüstung von bisher selten gekannten Dimensionen zur Folge. Nachdem die Online-Ausgabe des Standard über den Fall berichtet hatte, artikulierten Tausende in Webforen, auf Twitter und Facebook ihren Unmut. Sie bliesen zur „Hetze auf die Hetzer“, wie ein User schreibt. Schnell ging die allgemeine Wut über den konkreten Vorfall hinaus: In Postings sprachen Empörte von langen Wartezeiten in der Stiegl-Ambulanz und davon, dass das Bier dort „wie Seifenwasser“ schmecke. Sie forderten die Schließung des Lokals, orteten Rassismus, durchleuchteten angebliche private Geldsorgen der Geschäftsführerin und unterstellten gar der Salzburger Stiegl-Brauerei eine Nähe zu „deutschnationalen Ideen“ – obwohl diese nur als Verpächter der Ambulanz fungiert.

Der Vorfall in der Stiegl-Ambulanz wirft nicht nur die Frage auf, wie Straßenzeitungsverkäufer in Lokalen behandelt werden. Er zeigt auch, wie rasch sich in Plattformen wie Facebook und Twitter – unterstützt durch schnellen Internetjournalismus – die Masse im Namen des Guten emotionalisiert.

Ein Augustin-Verkäufer vor der Stiegl-Ambulanz. Was geschah drinnen?

„Ohne Social Networks hätte der Fall nicht so viel Aufsehen erregt“, sagt Axel Maireder vom Publizistikinstitut der Uni Wien. „Über Facebook verteilte Nachrichten erwecken besonderes Interesse, weil sie von Menschen kommen, die wir kennen.“ Eine „sehr niederschwellige Aktivität“ – das „Liken“ oder Kommentieren einer Seite – reiche aus, um die Nachricht in seinem Umfeld zu verbreiten.

Auch der Falter hat vor drei Wochen Andreas Mareks E-Mail erhalten – und die Stiegl-Ambulanz um eine Stellungnahme gebeten. Restaurantleiter Hans Peter Fasching verstrickte sich daraufhin in Widersprüche und drohte dem Falter schließlich mit dem Anwalt. Auf weiteres Insistieren präsentierte Geschäftsführerin Manuela Nagl eine andere Version der Geschichte als Andreas Marek: Augustin-Verkäufer seien grundsätzlich willkommen, sagte sie – der Betreffende aber habe keinen Verkäuferausweis gehabt, außerdem sei er stark alkoholisiert und verwahrlost gewesen. Dass eine Kellnerin gefeuert worden sei, weist Nagl vehement zurück.

Der Falter wollte den Fall daraufhin genauer prüfen – doch welche Version richtig ist, ließ sich nicht feststellen. Andreas Marek war trotz tagelanger Versuche nicht erreichbar; unbeteiligte Zeugen des Vorfalls fanden sich nicht; der betroffene Verkäufer tauchte in der Augustin-Redaktion niemals auf. Und Manuela Nagl wollte nach dem Aufruhr im Web kein weiteres Mal mit Medien sprechen. Per Aussendung lud sie alle Wiener Augustin-Verkäufer auf ein Kesselgulasch in die Stiegl-Ambulanz ein.

Was bleibt, ist eine widersprüchliche Geschichte, die eine Massenempörung hervorrief. „Nur eine Stunde nachdem der Artikel im Online-Standard erschienen war, hatten sich schon hunderte im Internet zu Wort gemeldet“, erzählt der Wiener PR-Manager Stefan Bachleitner, der „aus Empörung“ mittwitterte. „Es war eine große Dynamik. Aber als sich noch am selben Abend Stiegl-Ambulanz und Stiegl-Brauerei vom Fall distanzierten, dachte ich mir: Damit hat sich die Sache jetzt langsam.“

Bachleitner sollte Unrecht behalten.

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