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Krisendämmerung

Aus profil 18/2017

Seit bald einem Jahrzehnt läuft die Weltwirtschaft schlecht. Heute jedoch sprechen Ökonomen erstmals von einem beginnenden Aufschwung, in Österreich und international. Woher kommt das? Eine Annäherung.

Von
Joseph Gepp

In den USA kommt ein unberechenbarer Präsident ins Amt. In Europa gewinnen EU-feindliche Parteien an Zulauf. Über all dem schwebt die jahrelange Wirtschaftskrise: Die hohe Zahl an Arbeitslosen und prekär Beschäftigten befördert ein politisches Klima, in dem populistische Kräfte gedeihen. Solche Befunde hört man mittlerweile seit Jahren, in der einen oder anderen Form. Seit im Herbst 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers kollabierte, ist die Welt, ökonomisch gesehen, nie mehr richtig ins Lot gekommen. Auf die Bankenkrise 2008 folgte eine weltweite Wirtschaftskrise. Der Versuch, sie einzudämmen, mündete vielerorts in eine Schuldenkrise, die sich in Europa zur Eurokrise auswuchs. Als wäre das nicht genug, zeigt sich auch eine Flaute in wichtigen Schwellenländern wie Brasilien, Russland und China.

Heute jedoch gibt es, erstmals seit langem, wieder positive Signale. „Ein breiter Aufschwung ist in Sichtweite“, konstatiert das britische Magazin „Economist“, und zwar gleichzeitig „in Amerika, Europa, Asien und den Schwellenländern“. In den vergangenen Jahren wurde er immer wieder voreilig ausgerufen. Nun deutet tatsächlich vieles darauf hin, dass der Aufschwung kommt. Fragt sich nur: Was sind die Gründe dafür? Oder ist überhaupt alles nur Wunschdenken?

Immerhin scheint die allgemeine Lage eher düster. In den USA stellt Donald Trump protektionistische Maßnahmen in Aussicht. In Großbritannien treten die EU-Austrittsverhandlungen allmählich in die konkrete Phase ein. In Frankreich schafft es die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die das Land aus dem Euro führen will, in die Stichwahl ums Präsidentenamt. Wie sich all diese Ereignisse auf den Welthandel auswirken werden, auf den europäischen Binnenmarkt, auf den Euro, ist unabwägbar. Normalerweise eignen sich Abschottungstendenzen und die Angst vor Währungsschocks nicht, um Investitionen zu befeuern und Aufschwünge zu forcieren. Trotzdem prognostiziert die Brüsseler EU-Kommission: „Zum ersten Mal seit dem Jahr 2008 erwarten wir, dass bis 2018 die Volkswirtschaft in allen EU-Staaten wachsen wird.“ Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll stärker als bisher zunehmen. Die Unternehmen sollen mehr investieren. Die Arbeitslosenrate – sie liegt derzeit bei rund zehn Prozent im Euroraum – soll sinken.

Die Europäische Zentralbank (EZB) plant aufgrund all dieser Nachrichten, ihre Anleihenkäufe zu reduzieren, mit denen sie seit Anfang 2015 die Wirtschaft stützt. In den USA hebt die Zentralbank Fed schrittweise die Leitzinsen an und reagiert damit auf die bessere Konjunkturlage.

Auch im internationalen Handel gibt es Anzeichen, dass eine Belebung stattfindet. Sie zeigen sich vor allem mit Blick auf asiatische Volkswirtschaften wie Taiwan und Südkorea. Weil diese Länder extrem viel exportieren, etwa Elektronikprodukte, eignen sie sich als Indikatoren, bei denen man zuerst bemerkt, wenn der Welthandel zunimmt oder nachlässt. Es zeigt sich: In Taiwan lagen die Exporte laut Nachrichtenagentur „Reuters“ im Februar 2017 stolze 28 Prozent höher als im Februar 2016; es war der schnellste Zuwachs seit sechs Jahren. In Südkorea betrug er 20 Prozent. Eine Depression, zum Beispiel infolge von Trumps angekündigtem Protektionismus, sieht anders aus.

Und in Österreich? Hier rechnet das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien mit einem „robusten Aufschwung“. Die Forscher erwarten für heuer ein inflationsbereinigtes BIP-Wachstum von 1,7 Prozent. Es wäre das höchste seit einer kurzen Phase im Jahr 2011, in der sich die Krise vorübergehend abschwächte.

Woher kommt er also, der Aufschwung? „Wer das wissen will, muss zunächst berücksichtigen, was alles nicht geschieht“, sagt Stefan Schiman, Ökonom beim Wiener Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Den lautstarken Forderungen Trumps und der Brexit-Anhängern folgen vorläufig keine realen Taten. Der EU-Binnenmarkt ist ebenso intakt wie die Eurozone; keine hohen Zollschranken schotten Wirtschaftsräume voneinander ab. „Hier zeigt sich eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Situation auf den Märkten“, sagt Schiman. „Während in der Öffentlichkeit Aufregung herrscht, bleiben die Märkte relativ unbeeindruckt.“

Ganz grundsätzlich kann sich ein Wirtschaftsaufschwung aus zwei Quellen speisen. Da wären zunächst die inländischen: Weil die Kauflaune der Österreicher steigt, produzieren die Unternehmen mehr, und die Wirtschaft wächst. Zweitens gibt es die internationale Komponente: Wenn weltweit mehr Güter gehandelt und nachgefragt werden, profitieren exportorientierte Unternehmen – die Wirtschaft wächst ebenfalls.

Für Österreich, sagt Schiman, seien in vergangener Zeit die beiden Effekte aufeinander gefolgt. „Seit dem vergangenen Jahr gibt es einen dynamischen Inlandskonsum. Dieser wird in jüngster Zeit durch eine Wachstumsbeschleunigung ergänzt, die vor allem internationalen Effekten geschuldet ist.“

Die Steigerung des Inlandskonsums – darin sind sich die meisten Wirtschaftsforscher einig -liegt hauptsächlich an der Steuerreform der SPÖ-ÖVP-Regierung. Sie trat Anfang 2016 in Kraft. Auch wenn es an der Reform teilweise Kritik gab, sorgt sie doch dafür, dass den Österreichern mehr Nettolohn am Konto bleibt. Dieser fließt in den privaten Konsum. Er legte laut IHS im Jahr 2016 nach längerer Stagnationsphase um inflationsbereinigt 1,5 Prozent zu. Viele Ökonomen glauben allerdings, dass der wirtschaftsbelebende Effekt der Reform bald wieder nachlassen wird. Ihre Annahme: Die Österreicher fallen wieder auf ihr gewohntes Konsumniveau zurück, sobald sie sich an den leicht erhöhten Nettolohn gewöhnt haben.

Bleibt die Wirtschaftsbelebung auf internationaler Ebene. Woher kommt sie? Eine klare Antwort gibt es nicht. Viele Entwicklungen wirken ineinander. Oft stecken keine aufsehenerregenden politischen Geschehnisse dahinter, sondern schleichende Veränderungen. Eine davon spielt sich in China ab, jenem 1,4-Milliarden-Einwohner-Land, auf dessen Konto ein Sechstel der globalen Exporte geht.

In China kam es im Jahr 2015, weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, zu einer einschneidenden Wende. Erstmals seit drei Jahrzehnten sank die Menge an Fremdwährungsreserven, hauptsächlich US-Dollar, welche die chinesische Zentralbank hält. Vom Höchststand von 3,8 Billionen Dollar im Jahr 2014 senkte sie die Zentralbank laut eigenen Angaben auf derzeit 3,1 Billionen. Das bedeutet: Die chinesische Staatsführung verkauft im großem Stil Dollar, womit der Wert der chinesischen Währung, des Renminbi (Yuan), steigt. Aber warum? Die Antwort darauf liefert eine Erklärung dafür, dass die weltwirtschaftlichen Zeichen auf Aufschwung stehen.

Mitte 2015 wäre es in China beinahe zu einem Aktien-Crash gekommen. Anleger verkauften massenhaft ihre Anteile an chinesischen Unternehmen an der Shanghaier Börse. Zugleich setzte ein Kapitalabfluss aus China ein. In großem Stil wurden Yuans gegen andere Währungen getauscht – was die Stabilität der chinesischen Währung bedrohte. Weltweit fürchteten Ökonomen, dass der Yuan stark an Wert verlieren würde. Eine derartige Abwertung hätte Chinas Unternehmen zwar eine Erholung vom Crash erleichtert, weil dadurch chinesische Waren im Ausland billiger – also konkurrenzfähiger – geworden wären. Andererseits hätte die Abwertung international schwerwiegende Folgen gehabt: Aufgrund der billigeren chinesischen Produkte hätten andere Länder ebenfalls ihre Währungen abwerten müssen, damit sie nicht an Konkurrenzfähigkeit verlieren. International wären Preise gesunken; Unternehmen hätten Investitionen aufgeschoben. Rohstoffe wie Öl verbilligten sich rapide. Wegen des Tumults in China drohte also eine neue Weltwirtschaftskrise.

Dazu kam es aber nicht, weil Chinas Staatsführung gegensteuerte. Sie verhinderte die Abwertung der Währung , indem sie ihre Dollar-Reserven in großem Ausmaß verkaufte – also in Yuans tauschte. Außerdem kontrollierten und limitierten Chinas Behörden strikt, ob Yuans das Land verließen. Dazu kamen Maßnahmen, um den Konsum der chinesischen Bevölkerung anzukurbeln, etwa geringere Steuern auf Autokäufe. Das Paket zeigte Wirkung: Die chinesische Währung stabilisierte sich. Die Angst schlug in Optimismus um; die Preise für Exportprodukte und Rohstoffe stiegen. Dies verbesserte sogleich auch die Wirtschaftslage einiger Schwellenländer, die stark von Rohstoffen abhängig sind, wie Brasilien und Russland.

Die Episode in China 2015 gilt als eine zentrale Erklärung für den beginnenden Aufschwung. Aber nicht als einzige. Eine weitere findet sich im Euroraum. Dieser stellt zwar eine bedeutende Wirtschaftsmacht dar, die, gemessen am BIP, lediglich von den USA übertroffen wird. Allerdings: In den vergangenen Jahren zeigten sich in einigen Staaten große Probleme.

Infolge der Krise gaben Haushalte und Unternehmen immer weniger Geld aus. Normalerweise springt in solchen Situationen der Staat ein. Damit die Wirtschaft nicht völlig abstürzt, investiert er und gleicht die schwache Nachfrage der Privaten aus. Doch dies unterblieb im Euroraum. Denn die Regierungen hatten sich in der Finanzkrise bereits hoch verschuldet und einander zum strikten Sparen verpflichtet. Daraus folgte jedoch eine Begleiterscheinung: Die Wirtschaftskrise zog sich länger und länger, weil nunmehr überhaupt niemand noch Geld ausgab. Europas Erholung verlief schleppender als etwa jene in den USA.

In den vergangenen Jahren jedoch wurde der Sparzwang leicht abgemildert. „Im Jahr 2015 war die Fiskalpolitik erstmalig seit 2010 wieder leicht expansiv“, urteilt die deutsche Bankengruppe KfW („Kreditanstalt für Wiederaufbau“) in einer Analyse europäischer Budgetzahlen. Das bedeutet: Die Regierungen geben wieder mehr Geld aus, um damit die Konjunkturentwicklung zu beeinflussen. Laut KfW dürfte die Entwicklung anhalten.

Die Abmilderung der Sparpolitik gilt nicht für alle Euro-Länder gleichermaßen. In Griechenland etwa, wo sich der Konflikt ums Sparen politisch extrem hochgeschaukelt hat, verlangen die Eurostaaten weiterhin rigorose Ausgabenkürzungen. Anderswo hingegen ist man stillschweigend davon abgerückt. Im Sommer 2016 etwa drückten die EU-Finanzminister beide Augen zu, als Spanien und Portugal gegen die EU-Haushaltsregeln verstießen. Die Gründe sind vielfältig: Teilweise ist bereits viel gespart worden, sodass die finanziellen Spielräume größer sind. Zudem führen die niedrigen Zinsen der EZB dazu, dass Kredite äußerst günstig sind. Dazu kommt politischer Druck, etwa durch den Aufstieg linker Parteien wie „Podemos“ in Spanien. Deren Machtergreifung möchte man tunlichst verhindern.

Weniger Sparpolitik in Brüssel, Währungsinterventionen in Peking, eine Steuerreform in Wien – das also sind die Fäden, aus denen der beginnende Aufschwung gestrickt ist. Aber wird er anhalten? Werden ihn die Menschen spüren? Zum Beispiel in Form deutlich weniger Arbeitsloser und höherer Löhne? Darf man, damit einhergehend, auf eine bessere Stimmung in der Gesellschaft hoffen, sodass radikale und europafeindliche Kräfte möglicherweise weniger Gehör finden?

„Es bleiben große Unsicherheiten“, sagt Wifo-Ökonom Schiman. Zuallererst: politische Erschütterungen. Dass Trump und Brexit die Wirtschaft bisher kalt gelassen haben, muss nicht für ewig und alle Ereignisse dieser Art gelten. Wenn beispielsweise Großbritannien 2019 endgültig den EU-Binnenmarkt verlässt, könnte dies durchaus die Weltwirtschaft erschüttern. Dasselbe gilt für einen möglichen Sieg von Marine Le Pen in Frankreich am 7. Mai – das könnte den Aufschwung beenden, ehe er richtig begonnen hat.

Doch die Ökonomen orten auch Schwierigkeiten abseits der Politik. Beispielsweise bei den Banken im Euroraum . Die Finanzinstitute sitzen derzeit auf rund einer Billion Euro Kredite, die von ihren Schuldnern nicht regelmäßig bedient werden. Aus diesem Grund vergeben die Banken nur zaghaft neue Kredite. Und: Weitere Bankenrettungsaktionen, wie zuletzt bei der italienischen Monte dei Paschi di Siena, sind nicht auszuschließen.

Ein anderes Problem droht in China. Dessen Unternehmen , häufig im Staatsbesitz, erfreuen sich leichten Zugangs zu Krediten durch staatliche Banken. Mithilfe des geliehenen Geldes wird derzeit das schnelle Wachstum Chinas finanziert. Aber werden die hohen Investitionen Rendite abwerfen? Viele Experten bezweifeln das. Sie orten eine Kreditblase und Fehlinvestitionen, die früher oder später in eine Welle von Unternehmenspleiten münden wird. Ein Einbruch des chinesischen Wachstums wäre überall stark zu spüren, auch in der deutschen und österreichischen Exportwirtschaft.

Ein weiteres Risiko: die Nullzinspolitik der EZB. Die historisch niedrigen Leitzinsen von derzeit null Prozent sollen dafür sorgen, dass viele Kredite unters Volk kommen und Investitionen getätigt werden. Aber: Was geschieht, wenn die EZB infolge eines Aufschwungs die Zinsen anhebt? Dadurch könnte nicht nur das Wachstum gleich wieder abebben. Zinserhöhungen in der Vergangenheit zogen auch die unerwünschte Folge nach sich, dass Geld aus Schwellenländern wegen der höheren Zinsen rasch nach Europa strömt. Dies wiederum könnte die wirtschaftliche Situation der dortigen Staaten erschüttern, was weltweit Preisstürze und Exportrückgänge zur Folge hätte.

Allzu sicher sollten wir uns also des Aufschwungs noch nicht sein.

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