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„Es ist das Logischste der Welt, dass die Menschen weniger arbeiten werden“

Aus profil 17/2018

Viele klagen, dass es keine großen Visionen für die Gesellschaft mehr gäbe. Nun hat sich der bekannte deutsche Philosoph Richard David Precht an einer versucht. Ein Gespräch über die Zukunft der Arbeit und das Ende des Kapitalismus.

Interview:
Joseph Gepp

Von der Hirnforschung zur Eltern- Kind- Bindung, von Tierrechten zur Theologie, vom moralisch richtigen Handeln bis zum Bildungssystem -der deutsche Philosoph, TV-Moderator und Bestsellerautor Richard David Precht, Jahrgang 1964, hat sich im Lauf seiner Karriere schon auf vielen Gebieten betätigt. In seinem neuesten Werk, das am 23. April erscheint, erschließt er sich wieder eines: die Frage nach der Zukunft der Arbeitswelt angesichts der Digitalisierung und des Aufstiegs großer Datenkonzerne.

Wir brauchen eine komplette Neuorganisation derselben, ist Precht überzeugt -beispielsweise in Form kürzerer Arbeitszeiten, neuer Steuern und eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Und: Je früher die Staaten mit dem Systemumbau beginnen, desto weniger Verwerfungen wird die Transformation nach sich ziehen.

Das Werk zeichnet ein großes Bild, will eine Vision vermitteln -genau dies nämlich, meint Precht, komme in modernen Gesellschaften oft unter die Räder zwischen knappen Politiker-Slogans und technokratisch-wissenschaftlicher Detailverliebtheit. Ein Exklusiv-Interview für Österreich.

profil: Der Titel Ihres neuen Buchs -„Jäger, Hirten, Kritiker“ – ist ein Zitat von Karl Marx. Es bezieht sich darauf, dass in einer vollendet kommunistischen Gesellschaft jeder jener Tätigkeit nachgehen kann, nach der ihm der Sinn steht. Was sagt uns Marx heutzutage?

Precht: Der Marxismus galt lange als diskreditiert. Aber heute gilt es, ihn wiederzuentdecken. Wir müssen ihn gegen Stalinismus und Maoismus verteidigen, die kaum mit dem echten Marx zu tun haben. Marx hat zwar einige bedenkliche Passagen geschrieben, über die „Diktatur des Proletariats“ zum Beispiel. Aber schon er selbst hat sich von solchen Ansichten distanziert. Im dritten Band des „Kapitals“ spricht Marx nicht mehr von einer zwischenzeitlichen Diktatur auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft, sondern skizziert ein ganz anderes Szenario, wie der Kapitalismus zugrunde gehen wird.

profil:
Wie denn?

Precht: Einerseits ist dort die Rede von unglaublichen Mengen fiktiven Kapitals, wie Marx das nennt – also von überbordendem Finanzkapital. Andererseits führt Marx aus: Je stärker die Automatisierung der weltwirtschaftlichen Produktion voranschreitet, umso geringer wird die Profitrate. Denn es braucht immer weniger Arbeitskräfte, um die Waren herzustellen. Demnach haben die Beschäftigten weniger Einkommen und weniger Kaufkraft, um sich die Produkte zu leisten -worunter wiederum die Unternehmen leiden. An dieser Dynamik würde der Kapitalismus langfristig zerbrechen, meinte Marx. Gerade erleben wir, wie die Automatisierung durch die Digitalisierung einen neuen Schub erhält.

profil: Also geschieht, was Marx prophezeit hat?

Precht: Das ist die spannende Frage. Ich glaube nicht, dass man Marx hundertprozentig auf die Realität umlegen kann. Er sieht die Angelegenheit naturgesetzlich, aber in Wahrheit erweist sich der Kapitalismus als geschmeidig und anpassungsfähig. Trotzdem bemerken wir seit den 1970er-Jahren eine auseinandergehende Schere zwischen Produktivität und Kaufkraft. Das heißt, die Unternehmen produzieren zwar immer größere Mengen, aber die Menschen können sich das nicht genauso entsprechend leisten. Dieses Phänomen passt durchaus zu Marx‘ Vorhersagen. Vorläufig haben viele Regierungen das Problem ausgeglichen durch Staatsverschuldung, aber das geht nicht dauerhaft so weiter.

Richard David Precht

profil: Marx meinte, wenn der Kapitalismus schlussendlich zerfallen sei, werde sich der paradiesische Zustand des Kommunismus einstellen, in dem alle Menschen ohne Erwerbszwang tun, was sie wollen.

Precht: Darin stimme ich nicht mit ihm überein. Wenn Staat und Kapitalismus absterben, werden sich vielmehr anarchische Verhältnisse wie in Afghanistan und Somalia breitmachen. Es gilt das Recht des Stärkeren; irgendwelche Oligarchen werden sich durchsetzen. Ich glaube an einen anderen Weg: Langfristig müssen wir mehr Sozialismus im Kapitalismus implementieren. Zum Beispiel durch Mittel wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

profil: Wie soll man sich das vorstellen, Sozialismus im Kapitalismus?

Precht:
Bei genauer Betrachtung ist es historisch folgerichtig. Denken Sie an die erste Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert. Die Masse der Arbeiter bekam rein gar nichts ab von ihren Segnungen. Deshalb führte der deutsche Kanzler Bismarck auf Druck der Sozialdemokratie erstmals Sozialgesetze ein. Damals wurde also schon ein klein bisschen Sozialismus in den Kapitalismus implementiert. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, haben die Denker der Freiburger Schule die Soziale Marktwirtschaft propagiert. Sie wollten damit verhindern, dass sich das Volk dem realsozialistischen Osten zuwendet. Das Konzept diente als Hintergrund für den modernen Sozialstaat mit seinen vielfältigen sozialen Absicherungen. Wieder wurde ein weiteres Stück Sozialismus in den Kapitalismus eingebaut. Heute steht uns schließlich mit der Digitalisierung die vierte Industrielle Revolution ins Haus. Die Antwort kann nur lauten: noch mehr Sozialismus in den Kapitalismus.

profil: Inzwischen geht die Entwicklung doch seit Jahrzehnten wieder in die andere Richtung: Arbeitsmärkte werden liberalisiert, Hürden für Unternehmen abgebaut, Grenzen für Kapital geöffnet.

Precht:
Die Entwicklung ist nicht ganz linear, sondern geschieht in Wellen. Es gab etwa Initiativen wie die Hartz-IV-Reformen in Deutschland. Aber das bedeutet keineswegs, dass die Soziale Marktwirtschaft abgeschafft worden wäre. In Summe lebt man in Deutschland und anderen europäischen Staaten heute viel stärker sozialistisch abgesichert als beispielsweise im formell kommunistischen China.

profil: Sie schreiben, die Ideologie der Arbeitsfreiheit habe sich bereits zur Hälfte erfüllt. Vor einem Jahrhundert arbeiteten die Menschen noch 70 bis 80 Wochenstunden, heute sind es 40. Werden wir bald noch weniger arbeiten?

Precht: Genau das ist der Sinn der Übung. Wir bauen Maschinen, damit sie uns körperlich harte und eintönige Arbeiten abnehmen. Durch die Digitalisierung bekommt dieser Prozess einen weiteren Schub. Es ist das Logischste der Welt, dass die Menschen weniger arbeiten werden.

profil: Aktivisten wie die Ludditen – frühe Maschinenstürmer im England des 19. Jahrhunderts – fürchteten schon vor 200 Jahren, dass Maschinen menschliche Arbeit überflüssig machen würden. Es gibt „Spiegel“-Titelgeschichten aus den 1980er-Jahren, die warnen, dass die Roboter kommen. Warum sollte es ausgerechnet jetzt wirklich so weit sein?

Precht: In der Tat hat der technische Fortschritt bisher langfristig immer mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Die Kinder jener Arbeiter, die einst im Kohlenschacht oder Stahlwerk geschuftet hatten, wurden später Verwaltungsangestellte und Versicherungsvertreter. Berufe verlagerten sich also in den Dienstleistungssektor. Ich frage mich aber, ob das so weitergehen kann. Die Automatisierung ist inzwischen schlicht zu weit fortgeschritten. Neue Jobs entstehen zwar, aber nur noch wenige, und dies vor allem im High-End-Bereich. Können wir in einigen Jahrzehnten wirklich ehemalige Busfahrer massenhaft am Arbeitsmarkt unterbringen, indem wir sie rechtzeitig zu Top-Informatikern ausbilden? Werden wir dann überhaupt noch Informatiker brauchen -oder wird bereits künstliche Intelligenz die Programmierarbeit übernommen haben?

profil: Es droht also Massenarbeitslosigkeit.

Precht: Ich sehe es nicht so negativ. Was war gut daran, dass die Leute einst 80 Stunden gearbeitet haben? Noch Anfang des 19. Jahrhunderts sind Bauern in schlechten Erntejahren häufig verhungert, trotz härtester Knochenarbeit. Wenn wir weniger arbeiten, bedeutet das mehr Freizeit. Neben den Müttern können sich beispielsweise auch Väter um ihre Kinder kümmern – ein relativ neues Phänomen. Diese Entwicklung trifft den Nerv vieler, zumal junger Menschen. Und zwar in ganz und gar positiver Hinsicht.

profil: Aber die Finanzierbarkeit unserer staatlichen Sozialsysteme hängt davon ab, dass viele Menschen lange erwerbstätig sind, Güter und Dienstleistungen erwirtschaften und darauf Steuern zahlen.

Precht: Die Transformation wird auch Verlierer hervorbringen. Besagten Busfahrer beispielsweise droht die Frühpensionierung; viele werden im mittleren Alter keinen Job mehr finden. Ich plädiere deshalb für eine materielle Absicherung in Form eines Grundeinkommens, die deutlich höher liegt als das, was man derzeit in Deutschland in Form von Hartz IV bekommt.

profil: Ein Grundeinkommen wäre letztlich auch nur durch die Wertschöpfung jener finanziert, die arbeiten gehen. Es braucht quasi genug Jobs, damit sich ein Staat ein Grundeinkommen leisten kann.

Precht: In dem Konzept, das ich skizziere, ist dies nicht der Fall. Das Grundeinkommen könnte – statt durch Steuern auf Arbeit – auch durch Mikrosteuern finanziert werden, etwa eine Finanztransaktionssteuer. Diese würde den kleinen Mann kaum treffen. Wenn er irgendwo 100 Euro abhebt, gehen davon eben 40 Cent an den Staat. So viel berappt er unter Umständen bereits heute an Bankgebühren. Bei jenen hingegen, die täglich Milliardensummen bewegen, würden gewaltige Summen zusammenkommen.

profil: In der EU verhandeln einige Staaten bereits seit Jahren über diese Steuer. Auch Österreich und Deutschland hätten sie gern. Doch das Projekt gilt aufgrund des Widerstands der Finanzwirtschaft inzwischen als gescheitert.

Precht: Im Moment ist die Beschäftigungslage noch ausgesprochen gut – zumindest in jener Kernzone von Europa, zu der auch Österreich und Deutschland zählen. Der Leidensdruck ist schlicht nicht hoch genug für solche großen Reformen. In jenem Moment jedoch, in dem die Arbeitslosen kommen, wird alles anders sein. Wenn es unseren Sozialsystemen wirklich an den Kragen geht, werden Politiker und Bürger neue starke Motive für Maßnahmen wie eine Finanztransaktionssteuer vorfinden.

profil: Vielleicht werden wir aber zuvor in ein neues Zeitalter autoritärer Systeme abgleiten, in dem demagogische Parteien und Regierungen mit fragwürdigem Demokratieverständnis Fremdenangst und Abschottung schüren, während die EU allmählich zerfällt. Darauf deutet doch einiges hin, finden Sie nicht?

Precht: Ich glaube, dass die Rechtspopulisten mittelfristig scheitern werden. Im Grunde genommen haben sie nichts anzubieten. Sie sagen immer nur, wogegen sie sind – und niemals, wofür. Die Rechten könnten eine echte Vision vorweisen, wenn sie beispielsweise praktikabel darlegen würden, welche Maßnahmen man setzen könnte, damit Menschen aus fremden Ländern nicht mehr gezwungen sind, diese zu verlassen. Aber diese Lösung bieten sie nicht an, genausowenig wie andere.

profil: Es gibt neben der Zukunft der Arbeitswelt noch ein weiteres Thema, dem Sie breiten Raum widmen: dem Datenschutz. Sie warnen davor, dass uns in einigen Jahrzehnten große Datenkonzerne à la Google und Facebook praktisch jede Entscheidung abnehmen, was wir konsumieren und mit wem wir uns umgeben. Gerade empört sich die internationale Öffentlichkeit auch darüber, dass das britische Unternehmen Cambridge Analytica Facebook-Daten abgesaugt hat, um Wahlkämpfe zu beeinflussen. Wie soll man diese Entwicklung abwehren?

Precht: Die neue europäische Datenschutzgrundverordnung ist eigentlich ein guter Schritt – mit Betonung auf „eigentlich“. Denn es hängt stark davon ab, wie konsequent man dieses brauchbare Gesetzeswerk in der Praxis anwendet, ebenso wie die damit verbundene E-Privacy-Regelung. Hier können die EU-Politiker zeigen, wie entschlossen sie sind. Derzeit gebe ich im Umgang mit den Datenkonzernen mein Recht auf informationelle Selbstbestimmung zur Gänze ab. Ich mache ein Häkchen bei einem Feld, dessen Bedeutung ich nicht verstehe. Danach können die Unternehmen mit meinen Daten machen, was immer sie wollen. Ich müsste bei jedem einzelnen Schritt erneut um Einverständnis gebeten werden: jeder individuell zugeschnittenen Werbeaktion, jedem Datenweiterverkauf, jeder Profiling-Maßnahme. Erst wenn dies geschehen ist, wird die Datenschutzgrundverordnung zum Erfolg.

profil: Das hieße, dass man – sobald man Google oder Facebook auch nur öffnet – sogleich gefragt wird, ob man einverstanden ist, dass das aktuelle Nutzungsverhalten gespeichert und verwertet wird. Denn derzeit fließt ja jeder einzelne Mausklick in jenen Datenschatz ein, den die Unternehmen über ihre User sammeln.

Precht: Es würde die Nutzung verkomplizieren, aber diesen Preis müssen wir eben für Selbstbestimmung zahlen. Die bessere Idee wäre allerdings, soziale Netzwerke und Suchmaschinen überhaupt durch die EU bereitzustellen statt durch Spionage-Konzerne wie Google und Facebook. Der Staat garantiert Stromnetze und Straßen – warum nicht auch eine digitale Grundversorgung ohne kommerzielle Interessen?

profil: Lassen Sie uns zuletzt ein Experiment machen. Nehmen wir an, ein Politiker würde ernsthaft jene Visionen in die Tat umsetzen wollen, die Sie propagieren. Er beginnt also konkrete Planungen. Doch dann kommen die Experten. Sie warnen davor, dass die Projekte das Budgetdefizit anschwellen lassen, dass andere EU-Mitgliedsstaaten nicht mitziehen oder dass die Gefahr einer Wirtschaftskrise droht. Allerlei praktische Hindernisse tun sich also auf. Wo ganz konkret – mit Blick auf diese Hindernisse – würden Sie mit den Reformen beginnen?

Precht: Spontan fallen mir zwei wichtige Vorhaben ein. Eine Finanztransaktionssteuer könnte man zur allergrößten Not auch auf nationaler Ebene einführen. Wenn ein großes Land wie Deutschland vorangeht, würden andere wohl nachziehen. Zweitens könnte man auch im Bildungssystem auf der Stelle etwas tun. Man könnte den Schulen mehr Spielraum und Autonomie verleihen. Das wären zwei Schritte, die unmittelbar machbar wären.

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Goldman, € 20,60

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Frühschluss

Aus profil 30/2017

Aus 9-to-5 wird 10-to-4: Immer mehr Experten, Politiker und Gewerkschafter fordern die 30-Stunden-Woche. Ist die Zeit reif für eine Arbeitszeitverkürzung? Über eine Utopie, die für viele Beschäftigte längst Wirklichkeit geworden ist.

Von Joseph Gepp

Zum Beispiel die Makava GmbH in Graz. In dem jungen Unternehmen, 2004 gegründet, produzieren derzeit zwölf Mitarbeiter Bio-Eistee aus edlen Zutaten. Nach dem Start wurde das Projekt zwar rasch zum Erfolg, „aber wir haben auch rund um die Uhr gearbeitet“, erzählt Agnes Fogt, PR-Beauftragte bei Makava. Die Wohnung der Unternehmensgründer diente anfänglich zugleich als Büro; das Berufsleben ging nahtlos ins private über, wenn man etwa abends die Sitzungen bei ein paar Bier fortsetzte. „Es war eine spannende Zeit, aber irgendwann wurde es etwas zu viel“, sagt Fogt. „Wir mussten uns selbst schützen.“ Also setzte man bei Makava im Jahr 2012 einen radikalen Schritt.

Beim Grazer Eistee-Produzenten ist seither Wirklichkeit, was anderswo noch als Träumerei gilt: eine Arbeitszeitverkürzung. Man ging auf jenes Maß hinunter, das Befürworter gern als Zielvorstellung nennen: eine 30-Stunden-Woche, sechs Stunden pro Tag. Die Gehälter blieben gleich hoch wie zuvor. Alles über 30 Stunden gilt bei Makava als Mehrarbeit. Dafür können sich die Mitarbeiter Zeitausgleich nehmen.

Österreichs gesetzliche Normalarbeitszeit wurde zuletzt im Jahr 1975 verkürzt, unter Bruno Kreisky, von 45 auf 40 Wochenstunden. Seither hat sich nicht mehr viel getan. Lediglich bei Kollektivvertragsverhandlungen wurden dann und wann, auf Ebene einzelner Branchen, kleinere Reduktionen vereinbart. Ist die Zeit reif für eine neue umfassende Verkürzung?

Jedenfalls gewinnt das Thema seit einigen Jahren an Bedeutung. Für viele Arbeitnehmer fühlt sich der Job intensiver und fordernder an als früher; beruflich und privat nimmt der Stress zu. Dazu kommen hohe Arbeitslosenzahlen und prekäre Jobverhältnisse. Sie lassen Rufe nach einer besseren Verteilung der Arbeit laut werden.

Medienberichte und Forschungsarbeiten befassen sich heute häufiger mit Arbeitszeitverkürzung als früher, zeigt ein Blick in Archive. Unternehmen wie Makava versuchen sich an Pionierprojekten. Und auch in der Politik hält die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung wieder Einkehr.

Das Thema werde „auf die Agenda kommen“,
sagte SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern vor einem Jahr nach seinem Amtsantritt. Kerns Parteikollegin Katharina Kucharowits, Vorsitzende der „Jungen Generation“ der SPÖ, wird konkreter: Sie fordert dezidiert eine gesetzliche 30-Stunden-Woche. Und zwar bei vollem Lohnausgleich – also ohne, dass die Beschäftigten weniger Geld bekommen als für die bisherigen 40 Stunden.

Auch manche Grünpolitiker plädieren für eine Verkürzung. Und selbst ein paar Konservative können der Idee zumindest ansatzweise etwas abgewinnen. So meinte ÖVP-Familienministerin Sophie Karmasin in einem ORF-Interview im Jahr 2014, angesprochen auf eine bessere Aufteilung von beruflichen und familiären Pflichten zwischen den Geschlechtern: „Die Idealvorstellung wäre, dass Männer und Frauen gleichermaßen ihre Vollzeittätigkeit reduzieren.“

In Deutschland erhebt indes die IG Metall, die größte Gewerkschaft des Landes, weitgehende Forderungen. Sie verlangt freie Tage und Teilzeit-Optionen – Maßnahmen, die in Summe auf eine 28-Stunden-Woche hinauslaufen. Die Aktion zeigt, dass neben der klassischen gewerkschaftlichen Forderung nach mehr Lohn immer öfter auch eine zweite an Gewicht gewinnt: jene nach mehr Zeit.

Was ist von der Debatte zu halten?
Welche Erfahrungen mit Arbeitszeitverkürzung gibt es? Und woher kommt diese Idee überhaupt?

Für die Gegner der Verkürzung jedenfalls ist sie vor allem eines: Gift für die Wirtschaft. Reduziert man bei gleichbleibendem Lohn die Arbeitszeit, steigen die Kosten der Unternehmen für ihre Belegschaften, warnen ÖVP und Österreichs Wirtschaftsvertreter. Die Folge sei ein Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Betriebe würden abwandern, mehr Arbeitslosigkeit drohe. Im Zeitalter der Globalisierung solle man vielmehr dafür sorgen, dass die Arbeitszeiten möglichst exakt der jeweiligen Auftragslage eines Unternehmens entsprechen können, so die Kritiker. Eine ihrer Forderungen ist deshalb jene nach Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden. Flexibilisierung ist angesagt, nicht Verkürzung.

Woher aber kommt die Idee, dass man die Arbeitszeit reduzieren sollte? Wer dies auf grundsätzlicher Ebene verstehen will, könnte bei einer Statistik beginnen: der Anzahl der gesamten geleisteten Arbeitsstunden in Österreich. Im vergangenen Jahr arbeiteten alle Österreicher zusammen laut Statistik Austria 6,9 Milliarden Stunden. Interessant daran: Diese Zahl verändert sich seit vielen Jahren kaum. Vor einem Jahrzehnt beispielsweise, 2007, arbeiteten die Österreicher sogar geringfügig mehr als heute: sieben Milliarden Stunden.

Warum die Stagnation? Angesichts technischer Fortschritte und effizienterer Abläufe braucht es heute keinen Zuwachs an Arbeitsstunden, um mehr Produkte erzeugen zu können. Die Produktivität wächst. Beispielsweise brachte ein heimischer Beschäftigter 2016 pro Stunde durchschnittlich um knapp acht Prozent mehr Waren und Dienstleistungen hervor als im Jahr 2010.

Grundsätzlich sind das gute Nachrichten – Österreichs Arbeitnehmer leisten derart viel, dass die Gesamtarbeitszeit nicht steigen muss. Aber es gibt ein Problem: Zugleich legt die Anzahl der unselbstständig Beschäftigten zu. Zwischen 2007 und 2016 stieg sie um acht Prozent, auf 4,2 Millionen Personen. Die Gründe? Junge drängen ins Berufsleben, Zuwanderer aus anderen EU-Staaten kommen ins Land, es gibt mehr erwerbstätige Frauen.

Wenn sich immer mehr Arbeitskräfte auf eine gleichbleibende Menge Stunden verteilen, ist die Konsequenz klar: „In gewisser Weise findet die Arbeitszeitverkürzung längst statt“, sagt Christine Mayrhuber, Ökonomin vom Wiener Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). „Aber sie geschieht ungeregelt, unsystematisch, also in ungesteuerter Form.“

Diese ungesteuerte Arbeitszeitverkürzung zeigt sich beispielsweise in Form der weit verbreiteten Teilzeit-Verhältnisse in Österreich. Fast jeder dritte Arbeitnehmer werkt kürzer als die reguläre Wochenarbeitszeit. Das trifft vor allem Frauen: Ganze 48 Prozent der weiblichen Unselbstständigen arbeiten in Teilzeit.

Die Teilzeit-Kräfte verdienen nicht nur weniger als jene mit Vollzeit, es mangelt ihnen auch häufiger an finanzieller Absicherung, etwa für das Alter. Noch dazu arbeiten Österreichs teilzeitbeschäftigte Frauen im Europavergleich besonders kurz, wie eine Erhebung des Wifo vom vergangenen Jänner zeigt – durchschnittlich nur 22,5 Wochenstunden. Viele Teilzeitbeschäftigte würden gern länger arbeiten. Zwar nicht gleich Vollzeit, weil sich das häufig nicht ausginge neben der Betreuung von Kindern oder Alten. Aber ein paar Stunden zusätzlich könnten es durchaus sein.

Bei Vollzeitbeschäftigten ist die Situation genau umgekehrt. Sie arbeiten laut einer Erhebung des EU-Statistikamts Eurostat pro Woche so lang wie in kaum einem anderen Land in Europa. Inklusive aller Überstunden kam ein vollzeitangestellter Österreicher im Jahr 2014 auf durchschnittlich 41,5 Wochenstunden. Umfragen zeigen, dass Vollzeit-Arbeitnehmer, vor allem die älteren Semester, gerne einige Stunden kürzer arbeiten würden.

Die einen arbeiten zu viel, die anderen zu wenig – und beide Gruppen sind damit eher unzufrieden. Die ungeregelte Arbeitszeitverkürzung, die sich von selbst ihren Weg bahnt, äußert sich als Kluft zwischen Voll- und Teilzeitkräften. Die Frage sollte weniger lauten, ob man eine Verkürzung befürwortet oder nicht. Sondern eher: Wie gehen wir mit ihr um?

Es sei jedenfalls nicht damit zu rechnen, dass die Gesamtzahl der Arbeitsstunden künftig wieder zunehmen werde, sagt Jörg Flecker, Soziologie-Professor an der Universität Wien. Technischer Fortschritt und Digitalisierung lassen eher das Gegenteil erwarten: Künftig könnten noch weniger Stunden ausreichen, um sämtliche Produkte zu erzeugen. Flecker befürwortet klar die 30-Stunden-Woche samt Lohnausgleich. Unter den derzeitigen Bedingungen nämlich würden die Beschäftigten gewissermaßen zu Opfern ihrer eigenen steigenden Produktivität. Eine kurze Vollzeit für Männer und Frauen würde die Nachteile der Teilzeitarbeit vermeiden, so Flecker. Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsformen würden zurückgehen. „Die wirtschaftlichen Chancen und die finanzielle Absicherung der Arbeitnehmer wären größer.“

Historisch gesehen wurde die gesetzliche Arbeitszeit stets verringert, wenn der technische Fortschritt zulegte. In den Fabriken des späten 19. Jahrhunderts betrug sie noch 66 Wochenstunden. Später sank sie schrittweise, bis sie schließlich im Jahr 1975 40 Stunden erreichte. Seither jedoch ist die Entwicklung stehengeblieben. Würde man heute die Arbeitszeitverkürzung in Österreich wieder aufnehmen, wie ließe sich dies praktisch bewerkstelligen?

Göteborg, Schweden. Die linksgeführte Stadtregierung
der zweitgrößten Stadt des Landes führte in den vergangenen beiden Jahren ein lehrreiches Experiment durch. In einem Altersheim mit rund 60 Pflegerinnen wurde die Arbeitszeit auf 30 Stunden reduziert, bei vollem Lohnausgleich. Alle Konsequenzen wurden protokolliert, von der Anzahl der Krankenstände bis zur Zufriedenheit im Job. Als Vergleichsobjekt diente ein zweites Altersheim, in dem die Arbeitszeit unverändert geblieben war. Das Experiment zeigt die Chancen einer Verkürzung, aber auch die Probleme.

Zunächst die positiven Effekte: Es entstanden tatsächlich neue Jobs; die Gemeinde Göteborg stellte 15 zusätzliche Pflegerinnen für das Heim an. Und: Reduzierte Arbeitszeiten machen offenbar gesünder und glücklicher. Die Krankenstände sanken um zehn Prozent. Bei der Zufriedenheit am Arbeitsplatz, die mit Fragebögen erhoben wurden, gab es „einen richtiggehenden Schub“, sagt Daniel Bernmar, Vizebürgermeister von Göteborg.

Auf der Negativseite stehen die höheren Kosten. Die zusätzlichen Jobs machten dem Betrieb des Heims um 25 Prozent teurer. Später zeigten sich zwar bei anderen Posten Einsparungen: etwa wegen der geringeren Krankenstände und aufgrund der Tatsache, dass sich die Gemeinde nun Arbeitslosengelder sparte. Dennoch kam der Betrieb des Heims am Ende immer noch zehn Prozent teurer.

Das Experiment in Göteborg zeigt, welche Probleme auch in Österreich eine Arbeitszeitverkürzung nach sich ziehen könnte. Der Anstieg der Lohnkosten würde wohl vor allem personalintensiven Branchen Schwierigkeiten bereiten. Beispielsweise in Tourismus-Betrieben, wo viele Köche und Kellner arbeiten, bei Handelsunternehmen mit zahlreichen Verkäuferinnen, in Spitälern, in Schulen.

In Göteborg wollen die Stadtverantwortlichen gerne die 30-Stunden-Woche flächendeckend in allen städtischen Betrieben einführen. Aber nun geht man es doch „vorerst schrittweise an“, sagt Vizebürgermeister Bernmar – trotz des Erfolgs des Experiments im Altersheim. Die Herausforderungen wären schlicht zu groß. „Eine sofortige Umstellung käme uns zu teuer; außerdem ließe sich nicht auf die Schnelle genug qualifiziertes Personal finden.“

Würde man in Österreich die 30-Stunden-Woche einführen, könnte es außerdem noch weiteres Problem geben. Wer die Arbeitszeit verkürzen will, muss auch genau wissen, wie viel jeder Beschäftigte arbeitet. Hier gibt es aber durchaus Lücken. Nur rund 50 Prozent der heimischen Arbeitnehmer haben fixe Beginn- und Endzeiten. Und die andere Hälfte? Sie arbeitet etwa unregelmäßig, je nach Bedarf. Oder unterliegt einem sogenannten All-in-Vertrag, so wie rund jeder fünfte Arbeitnehmer in Österreich. Bei diesem Arbeitsverhältnis, das ursprünglich nur für Führungskräfte gedacht war, werden Überstunden pauschal mit dem Lohn abgegolten. Die echte Arbeitszeit kennt man oft gar nicht.

Im Fall einer Arbeitszeitverkürzung müsste man derlei Zustände einschränken – und das könnte zur Herausforderung werden. Denn in der modernen Arbeitswelt findet eine Entgrenzung statt. Manche Beschäftigte arbeiten nachts, andere von zu Hause, wieder andere setzen sich mit ihrem Computer ins Café. Der Staat darf aber überlange Arbeitszeiten nicht einfach akzeptieren, soll die Arbeitsverkürzung erfolgreich sein. Andererseits: Inwieweit soll er seinen Bürgern hinterherschnüffeln, um kürzere Zeiten sicherzustellen? Darf der Staat zulassen, dass die Verkürzung zwar eine Krankenschwester im Spital betrifft, deren Schichtdienste leicht zu regeln sind – nicht aber einen jungen Anwaltsgehilfen, der von Termin zu Termin eilt? Solche wichtigen Fragen sind in Sachen Arbeitszeitverkürzung noch offen.

Auch bei Makava, dem Eistee-Unternehmen aus Graz, gab es vor der Einführung der 30-Stunden-Woche viele Bedenken. Man fürchtete beispielsweise, dass die Lohnkosten zu hoch werden könnten. „Gerade junge Unternehmen haben wenig finanziellen Spielraum“, sagt Makava-Mitarbeiterin Agnes Fogt. Tatsächlich benötigte das Unternehmen bald nach der Verkürzung im Jahr 2012 drei zusätzliche Mitarbeiter. Trotzdem: Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, die Anzahl der verkauften Eistee-Flaschen ging schneller denn je nach oben. „Das liegt auch daran, dass die Mitarbeiter motivierter sind als früher“, sagt Fogt. „Manche wollen sogar dezidiert wegen der 30-Stunden-Woche bei uns arbeiten.“ In einem kleinen Team wie jenem von Makava sei es wichtig, dass alle an einem Strang ziehen. „Und das ist wegen unserer Arbeitszeiten heute umso mehr der Fall.“

Vielleicht wird Makava ja das erste Unternehmen von vielen sein.

Dieser Artikel ist Teil einer profil-Serie, die sich in losen Abständen mit Reformideen für die Wirtschaft befasst, die seit der Finanzkrise des Jahres 2008 an Bedeutung gewinnen. Bisher ging es um die Maschinensteuer, das Vollgeld und das Bedingungslose Grundeinkommen.

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