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Frisches Brot für das Viertel

Aus dem FALTER 7/2015

Der Unternehmer Walter Asmus rettete die alte Ankerbrotfabrik in Favoriten und ließ sie als Künstlerquartier wieder aufleben. Porträt von einem, der ein Grätzel verändert hat

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Wer wissen will, wie die Ankerbrotfabrik noch vor einigen Jahren aussah, braucht nur in ihren alten Silo schauen. „Da gibt‘ s nicht viel zu sehen“, sagt Walter Asmus, als er die Tür aufsperrt. Einst wurde Getreide aus Wiens Umland in diesen Bau gekippt, um zu Brot verarbeitet zu werden. Jetzt steht der ziegelsteinerne Turm schon lange leer. Wo einst Arbeiter schufteten, liegt Gerümpel. Staub und der Geruch von Taubendreck steigen einem in die Nase. Doch der Silo ist das letzte Gebäude hier, in dem es so ausschaut.

Es war 2006, als der Immobilienunternehmer Asmus, heute 64, mit einem Team aus Architekten und Technikern große Teile der historischen Ankerbrotfabrik erwarb. Seither ist am Ostrand von Favoriten, zwischen Call-Shops und Schnitzelhäusern, etwas entstanden, was man hier zuvor nicht gekannt hat: eine Art Künstler-und Sozialgrätzel.

Bis auf den Silo zeigen sich heute die Ziegelfassaden der Fabrik aufpoliert. Moderner Sichtbeton ergänzt alte Gemäuer. 48 Parteien haben sich bislang in die historische Anlage eingekauft. Etwa Filmschulen, Medienakademien, der Galerist Ernst Hilger oder die Firma Lichterloh, Restaurateur antiker Designermöbel. Die Käufer zahlen je nach Ausbaugrad zwischen 1300 und 3600 Euro pro Quadratmeter. Wie einst eilen heute wieder Menschen durch die Höfe, zum Beispiel in ein Café der Caritas.

Ihre moderne Arbeitsstätte war zuvor nahezu ein Jahrhundert die größte Brotfabrik Europas, gegründet 1891. In der Nachkriegszeit galten die Opel-Blitz-Lieferwägen mit dem Anker-Logo als Wiener Wahrzeichen. Doch seit den 1980ern ging es bergab mit dem Betrieb. Anfang der 2000er-Jahre schließlich musste Anker rund die Hälfte seines Geländes an die Banken abtreten, bei denen man verschuldet war.

Schuf ein Künstlerviertel im Zehnten: Walter Asmus (Foto: Heribert Corn)

Schuf ein Künstlerviertel im Zehnten: Walter Asmus (Foto: Heribert Corn)

Die zweite Hälfte der Anlage verblieb zwar bei Anker – dort, gleich nebenan, wird bis heute Brot gebacken –, doch das Schicksal jener historischen Industriehallen, die abgetreten worden waren, schien besiegelt. Sie standen großteils nicht unter Denkmalschutz. Man hätte sie abreißen können, um lukrative Wohnungsneubauten aus dem Boden zu stampfen. „Mit dem Abbruchheft in der Hand“ sei ihm das Gelände angeboten worden, erzählt Asmus. Doch er hatte andere Pläne.

„Ich liebe alte Ziegel“, sagt er. Und er liebe die Freiheit der Kunst. Diesen beiden Leidenschaften ist es zu verdanken, dass das Industrieareal erhalten geblieben ist und eine neue Funktion erhalten hat. Und noch etwas macht Asmus‘ Projekt besonders: In Wien gehen größere städtebauliche Initiativen zumeist von der Gemeinde aus. Dass ein Privater sich vorwagt und ein ganzes Grätzel mit seinem Tun verändert, das ist selten.

Es erfordere „rigorose Selbstbeherrschung“, sagt Asmus. Nicht jeder Kaufinteressierte darf zum Zug kommen, das Areal soll den Charakter als Künstlerquartier beibehalten. „Wir schauen, wen wir nehmen. Es darf nicht nur ums Geld gehen.“ Derzeit etwa sucht Asmus‘ Team einen Käufer für eine alte Maschinenhalle -bevorzugt unter der Voraussetzung, dass der künftige Besitzer auch gleich den Platz vor der Halle bespielt, etwa in Form eines Cafés oder Bistros mit Schanigarten. Das verringert zwar die Zahl der Kaufinteressierten und damit den Profit, sorgt aber dafür, dass „Synergien entstehen und Leute zusammenfinden“. Asmus betritt die sogenannte Expedit-Halle, mit 2200 Quadratmetern die größte auf dem Gelände. Einst wurde hier das fertige Brot verladen, erst auf Pferdewagen, später auf Lkw. Um die Hufe zu schonen, lag in der Halle ursprünglich ein Holzstöckelboden. Später überzog man ihn mit Gussasphalt, weil dieser den Lkw-Reifen besser tat. „Aus diesem Sandwichboden ergibt sich eine einzigartige Akustik“, sagt Asmus. Heute finden in der Expedit-Halle etwa Theateraufführungen statt. Das Publikum kommt aus ganz Wien, „aber immer wieder schauen auch Leute aus der Nachbarschaft bei uns vorbei“. Die Fabrik wird wieder zum Ort im Grätzel, den man kennt.

Asmus, der den Prozess losgetreten hat, begann vor über drei Jahrzehnten als normaler Immobilienentwickler in Wien: Er suchte Gebäude, richtete sie her, verkaufte sie wieder. Bei einem Haus im sechsten Bezirk entdeckte er seine Leidenschaft – und eine Marktlücke in Wien. Im Hinterhof lag eine stillgelegte Manufaktur, die sich bald als das eigentlich Interessante am Gebäude erwies. „Es gibt eine kreative Klientel, die solchen Objekten viel Interesse entgegenbringt“, sagt Asmus, „wegen der großen Flächen, die sie frei gestalten kann“.

Auf das Haus im Sechsten folgte Asmus‘ erste Fabrik, die Meidlinger Stollwerkfabrik. Schließlich stieß er auf die Ankerbrotfabrik, deren Zukunft ungewiss war. Heute gibt sein bisheriges Lebenswerk dem Viertel ein neues Gepräge. Nur im alten Silo riecht es noch nach Staub und Taubendreck.

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Die Geschichte von Anker

Aus dem FALTER 36/2014

Nur wenige, die sich in der Früh beim Anker ein Weckerl kaufen, ahnen: Sie betreten quasi historischen Boden.

Die Ankerbrotfabrik in Favoriten zählte einst zu den größten ihrer Art in Europa; die Pferdewägen, die das Brot in die Stadt brachten, hatten den Status von Wahrzeichen. Im Jahr 2011, zum 120-jährigen Bestehen der Bäckerei, zeichneten Christian Rapp und Markus Kristan in einem Buch die Geschichte der Großbäckerei nach.

Es enthält nicht nur eine fundierte Historie des Unternehmens, sondern auch zahlreiche alte Werbesujets sowie Bilder und Pläne vom alten Fabriksgebäude, in dem sich heute teilweise Lofts befinden. Ein kaum beachtetes und faszinierende Stück Stadtgeschichte in Buchform. JG

Markus Kristan, Christian Rapp: Ankerbrot. Die Geschichte einer großen Bäckerei. Brandstätter Verlag. Antiquarisch erhältlich

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Bir Kipferl istiyorum*

Bericht: Joseph Gepp
Aus dem FALTER 46/2011

Bäckereiangestellte dürfen mit Kunden nicht Türkisch und Serbisch sprechen

Eigentlich spricht Ayse Kurtaran** fließend Deutsch. Aber manchmal sei es für Kunden leichter, in der Muttersprache zu reden, sagt sie. Zum Beispiel, wenn ein alter Mann, im Deutschen unsicher, auf Türkisch frage, was er denn bei Diabetes oder Nussallergie essen könne. Antwortet ihm Kurtaran auf Türkisch, räuspert sich ihr Filialleiter jedoch mit Missfallen. „Er sagt zu mir: ‚Du kennst doch die Regel: Türkisch mit Kunden zu sprechen, ist nicht erlaubt‘“.

* Ein Kipferl, bitte! Türkisch und Serbokroatisch ist beim Kundengespräch in Wiens Bäckereien verboten

Kurtaran, die ihren Namen aus Angst um den Job nicht in der Zeitung lesen will, arbeitet in einer Filiale der Bäckerei Mann in einem Bezirk mit vielen Migranten. Was sie sagt, bestätigen auch Kolleginnen: Eine Sprachregelung verbiete es Mann-Mitarbeiterinnen, Türkisch und Serbokroatisch mit Kunden zu reden.

Spricht jemand die Verkäuferinnen in Zuwanderersprachen an, müssen sie auf Deutsch antworten. „Das wird uns bereits bei der Einstellung und später in Schulungen gesagt“, sagt Kurtaran. „Sonst beschweren sich alteingesessene Österreicher, heißt es.“ Diese Regel scheint es nicht nur bei Mann zu geben. Türkische Ströck- und serbische Anker-Mitarbeiterinnen bestätigen sie gegenüber dem Falter ebenfalls für ihre Handelsketten. Ganz im Gegensatz zu Englisch oder Französisch, wo das fremdsprachige Parlieren sogar erwünscht sei.

Dabei setzen sich Mann, Ströck und Anker sonst gegen Diskriminierung und für ein Zusammenleben der Volksgruppen ein. In Anker-Filialen liegt das Migrantenmagazin Biber auf. Mann engagiert sich im Verein „Wirtschaft für Integration“, der wirtschaftstreibenden Migranten zu Selbstbewusstsein verhelfen will. Ströck wirbt mit dem Slogan „Grenzenloses Brotvergnügen“ und propagiert gern das „gelebte Miteinander“ in seinen Filialen, wo Menschen aus 38 Nationen arbeiten.

Experten bezweifeln jedoch, dass das Muttersprachenverbot dem Miteinander dienlich ist. „Es raubt den Menschen ihr Selbstbewusstsein und signalisiert, dass ihre Sprache nichts wert ist“, sagt der kurdischstämmige Sozialarbeiter Ali Gedik, der mit türkischen Jugendlichen arbeitet. Auch Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia von der Uni Wien nennt die Regel „respektlos und sprachlich diskriminierend“. Sie reagiere auf eine „Ablehnung von Andersprachigkeit“, die sich seit den 90ern breitmache. Besonders zum Ausdruck gekommen sei dies etwa 1999 im Café des Hernalser Krankenhauses des göttlichen Heilands. Dort wurden neben dem Sprachverbot gar Mitarbeiterinnennamen eingedeutscht. „Frau Zorica = Fr. Rosi, Frau Dubravka = Fr. Anni, Frau Mara = Fr. Maria“, hieß es in einem Rundschreiben.

Was sagen die Bäckereien Anker, Ströck und Mann selbst dazu? Ströck streitet sie ebenso wie Mann schlicht ab. „Ein Missverständnis“, sagt der Sprecher von Ströck: „Selbstverständlich darf man mit Kunden Türkisch sprechen, genauso wie etwa Italienisch.“ Erwünscht sei lediglich als „Gebot der Höflichkeit“, dass Ströck-Mitarbeiter untereinander keine Fremdsprache sprechen, wenn Kunden danebenstehen. Auch der Sprecher von Mann bestreitet in knappen Worten die Existenz der Regelung. Näheres würde er dem Falter aber nur unter der Bedingung erläutern, dass er die wahre Identität von Mitarbeiterin Ayse Kurtaran erfahre, um „dieses Missverständnis aufzuklären“.

Einzig die Sprecherin von Anker räumt ein, dass Mitarbeiter im Kundengespräch zur deutschen Sprache „angehalten“ würden. „Anders kann Integration nicht funktionieren“, meint sie. Die Direktive sei jedoch „eher Empfehlung als Regelung“, es drohen auch keine Sanktionen, wenn man jemandem etwa auf Türkisch antwortet.

Ayse Kurtaran von der Bäckerei Mann hat gelernt, auf ihre Weise mit der Regelung zu leben. Die meisten Kolleginnen würden sich fügen, sagt sie. „Aber ich rede Türkisch, wenn es passend ist.“ Einen Rüffel des Filialchefs nehme sie dann eben in Kauf. „Es ist doch gut, wenn man eine Fremdsprache spricht, oder?“

** Name von der Redaktion geändert

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