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Raufhandel

Aus profil 25/2017

Der Online-Handel verändert unser Verständnis des Einkaufens grundlegend. Jetzt kommt er auch in Österreichs Supermärkten an. Während das Geschäft in den Filialen stagniert, wächst jenes im Internet stark an. Was die Online-Wende für Handelsketten, Beschäftigte und Konsumenten bedeutet.

Von
Joseph Gepp

Alles hier wartet darauf, dass die Zukunft beginnt. Die Wände riechen noch nach frischem Verputz, die Öfen zum Aufbacken von Brot glänzen fabriksneu. Die Markierungen auf dem Boden, die den Mitarbeitern den Weg weisen sollen, strahlen in frischem Gelb, ohne Kratzer und Schlieren. Wien, Inzersdorf, südlicher Stadtrand. Diese neue Anlage hier hat kürzlich die Handelskette Billa eröffnet, eine Tochter der deutschen Rewe-Gruppe. In den kommenden Wochen werde der Betrieb ganz anlaufen, sagt Billa-Vorstandsdirektor Robert Nagele. Hallen, Gänge, Auslieferungsrampen – es wirkt wie ein großes Lager. Doch es ist mehr als das. 90 Beschäftigte sollen hier bald arbeiten. Die Supermarktkette rüstet sich für das, was kommt – und zwar im großen Stil.

Hier werden ausschließlich Online-Bestellungen bearbeitet, welche die Kunden zuvor auf der Billa-Website eingegeben haben. Tippt ein Benutzer zu Hause eine Order in seinen Computer, erscheint sie hier bald darauf auf dem Lesegerät eines Mitarbeiters, eines sogenannten Kommissionierers. Dieser eilt dann durch Kilometer an Gängen, vorbei an blechernen Regalen. Er packt die gewünschten Produkte in eine Kiste. Danach wird per Lkw ausgeliefert.

Seit Jahren revolutioniert der Online-Handel unser Verständnis des Einkaufens. Einige Branchen, wie Bücher, Textilien und Unterhaltungselektronik, hat er richtiggehend umgewälzt. Jetzt kommt er allmählich in der Königsklasse des Konsums an: im Lebensmittelhandel. Hier geht es -wegen der Verderblichkeit der Waren -um die sensibelsten Produkte. Hier gibt es die größten Verkaufsflächen, die meisten Mitarbeiter, die höchsten Umsätze.

Dräut eine völlig veränderte Konsumwelt? Wird der Supermarkt ums Eck zum Auslaufmodell, so wie einst der Greißler? Was bedeutet das für Handelsunternehmen, für Beschäftigte, für Konsumenten, für das Straßenbild der Städte?

Österreichs Handelsketten sind jedenfalls aufgeschreckt – allen voran Rewe (Billa, Merkur, Adeg, Penny, Bipa) und Spar, die gemeinsam zwei Drittel des Marktes beherrschen. Denn vor einem Monat hat der US-Online-Konzern Amazon begonnen, vorerst in den deutschen Städten Berlin und Potsdam, die Lieferung von Lebensmitteln anzubieten. „Amazon Fresh“ heißt das Service, das in den USA bereits weit verbreitet ist. Die Auswahl in Berlin entspricht mit 100.000 Produkten jener eines großen Supermarkts.

Bei Österreichs Supermärkten ist der Online- Anteil am Gesamtgeschäft bisher zwar gering. Aber er legt stark zu, während das stationäre Ladengeschäft stagniert. „Wir müssen damit rechnen, dass sich der Markt verändert und neue Player hereindrängen“, sagt Werner Schickmayr von Unimarkt, einer kleineren Handelskette mit Schwerpunkt in Oberösterreich -der ersten hierzulande, die voll auf ihr Internet-Angebot setzte. „Es ist besser, vorne dabei zu sein.“

Das neue Billa-Online-Lage (Billa)

Wer wissen will, wohin die Entwicklung geht, sollte in die USA blicken. Dort findet gerade eine Umwälzung statt, die irgendwann auch in Österreich ankommen könnte. Zahlreiche Geschäfte jedes Typs sperren dort zu -laut einer Analyse der Schweizer Bank Credit Suisse waren es allein vergangenes Jahr 4000, so viele wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise im Jahr 2009. Doch diesmal ist keine Krise schuld, sondern ein florierender Online-Handel.

Annähernd ein Zehntel des gesamten Umsatzes aller US-amerikanischen Geschäfte ist ins Internet abgewandert. Dies führt auch dazu, dass die berufliche Zukunft jener 16 Millionen Amerikaner unklar ist, die im Handel arbeiten. Das entspricht einem von neun US-Beschäftigten. „Seit dem Niedergang der Industriebetriebe in den 1980er-Jahren stand keine Branche mit derart vielen Mitarbeitern vor einem derart einschneidenden Wandel“, beschreibt der britische „Economist“ die Entwicklung.

In Österreich taxiert das Wiener Institut KMU Forschung Austria den Umfang des Online-Handels im Jahr 2016 auf fünf Prozent des Volumens des gesamten Einzelhandels, also aller Geschäfte zusammen -etwa 3,4 Milliarden Euro jährlich. Eine genaue Aufschlüsselung dieser Zahl liegt schon einige Jahre zurück: Im Jahr 2014 waren laut KMU Forschung die am stärksten betroffenen Branchen Bücher, Unterhaltungselektronik und Kleidung. Im Lebensmittelhandel hingegen machte der Online-Anteil lediglich ein Prozent aus.

Doch er wächst rasant. Bei Billa legte das Internet-Geschäft vergangenes Jahr um 160 Prozent zu, rechnet Vorstand Nagele vor – die Erlöse bleiben jedoch bescheiden. Der Anteil des Online-Handels am Billa-Gesamtumsatz liege „im niedrigen einstelligen Prozentbereich“. Bisher sind Online-Bestellungen immer in einzelnen Billa-Filialen miterledigt worden. „Aber mit diesem System stoßen wir kapazitätsmäßig an unsere Grenzen.“ Daher das neue, eigens auf den Online- Handel fokussierte Zentrum in Inzersdorf.

800 bis 1000 Kunden täglich ordern derzeit Produkte auf der Billa-Website, pro Einkauf geben sie durchschnittlich 80 Euro aus. Die Auswahl des Billa-Online-Shops entspricht jenem Sortiment, das auch in den Läden zur Verfügung steht. Fünf Mal täglich verlassen Lastwagen mit Kisten das Gelände. Sobald der Betrieb im neuen Verteilzentrum in den kommenden Wochen voll angelaufen ist, sollen die Kunden innerhalb von zwei Stunden ihre Lieferung zugestellt bekommen.

Gewinne kann Billa mit all dem nicht lukrieren. Erst zwischen 2020 und 2025 hofft man, mit dem neuen Online-Verteilzentrum Profite einzufahren, so Nagele. Grund: Die Logistik ist zu teuer. „Wenn ein Kunde im Internet bestellt, geht faktisch ein Supermarkt-Mitarbeiter für ihn einkaufen und bringt ihm die Waren nach Hause“, erklärt Unimarkt-Manager Werner Schickmayr. „Das rechnet sich derzeit für kein Handelsunternehmen.“ Die Online-Expansion ist eine Investition in die Zukunft – angetrieben vor allem von der Sorge, von einem sich rasch verändernden Markt überrollt zu werden.

Ein Schicksal, das einigen Handelsketten sowieso nicht erspart bleiben wird, glaubt Eva Steindorfer von der Beratungsagentur New Venture Scouting in Wien, die sich der Verknüpfung von jungen Start-up-Unternehmen mit etablierten Betrieben verschrieben hat. „Wir erleben eine Phase des rasanten Wandels. In solchen Perioden steigen immer neue Akteure auf. Es wird Verlierer unter den alten Handelsketten geben.“

Diese müssten sich innovative Geschäftsmodelle überlegen, um zu bestehen, sagt Steindorfer – das althergebrachte Sortiment einfach ins Internet zu übertragen, reiche nicht. Sie verweist auf internationale Beispiele: Der britische Online-Supermarkt Ocado etwa, der keine stationären Filialen betreibt, benutzt die Daten seiner Kunden, um ihnen maßgeschneiderte Angebote zu unterbreiten. Oder eine südkoreanische Tochter der britischen Handelskette Tesco: Sie betreibt in der Hauptstadt Seoul gar sogenannte virtuelle Supermärkte: In den U-Bahn-Stationen hängen Bilder von Supermarktregalen voller Waren. Scannt der gestresste Pendler auf der Heimfahrt vom Büro deren Code, bekommt er sie bis zum Abendessen prompt nach Hause geliefert.

Doch nicht nur auf die Manager von Handelsketten könnten unruhige Zeiten zukommen, auch auf deren Beschäftigte. Die Supermärkte sind eine der heimischen Branchen mit dem höchsten Bedarf an Arbeitskräften. Laut Wirtschaftskammer arbeiteten vergangenes Jahr 125.000 Menschen im Lebensmittelhandel , das entspricht 3,5 Prozent der unselbstständig Beschäftigten. Lediglich von den Metallarbeitern gibt es noch mehr (132.000). Für zusätzlich Zehntausende Jobs sorgen Branchen wie der Bekleidungs-, Möbel-und Elektronikhandel. Zwar entstehen durch das Online-Geschäft durchaus neue Arbeitsplätze – aber, wie bisherige Erfahrungen aus den USA zeigen, handelt es sich um rund dreimal weniger. Fazit: Sollte sich der Internet-Handel dereinst vom Zusatzangebot in Richtung Hauptgeschäft entwickeln, ergeben sich daraus auch schwerwiegende Veränderungen des Arbeitsmarktes. Fraglich bleibt allerdings, ob der Supermarkt ums Eck tatsächlich bald ausstirbt. Dazu könnte es vor allem in Dörfern und Kleinstädten kommen, wo das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln schwach und die Zentren bereits heute oft verödet sind, sagt die Wiener Raumplanerin Betül Bretschneider, deren Consulting-Büro Urban Tansform sich mit der Entwicklung städtischer Räume auseinandersetzt. „In größeren Städten jedoch sehe ich auch gegenläufige Tendenzen.“ Zum Beispiel begreifen jene Konsumenten, die über ein höheres Einkommen und höhere Bildung verfügen, den Einkauf heutzutage zunehmend als Erlebnis. „Ein Trend, der nicht ins Internet abwandern kann“, sagt Bretschneider. Diese Kunden erwerben beispielsweise auf einem innerstädtisch gelegenen Markt teure Frischware und verbinden dies gleich mit einem Brunch. „Die Grenze zwischen Handel und Gastronomie verschwimmt.“

Aber auch eine zweite, ganz andere Konsumentengruppe hat mit dem Internet-Handel bisher nichts am Hut: jene mit niedrigem Einkommen, etwa Migranten. Spurlos vorbeigehen wird der Online-Trend wohl noch längere Zeit an den zahlreichen Billigläden in Österreichs Städten, die von Migranten geführt werden. Und nicht nur das: Auch die großen Diskonter Lidl und Hofer hierzulande sind -im Gegensatz zu Rewe und Spar -bisher nicht ins Verlustgeschäft mit den Online-Shops eingestiegen. Sie bieten lediglich Spezial-Services wie Reisen, Fotos oder Handy-Wertkarten im Internet an. „Wir beobachten den Markt laufend“, sagt Lidl-Sprecher Hansjörg Peterleitner. „Aber unsere Filialen in Österreich funktionieren sehr gut. Bisher war ein eigener Online-Shop für uns nicht sinnvoll.“ Auch bei Hofer will man „das Einkaufserlebnis in den Filialen weiter optimieren“.

Billa hingegen setzt voll auf die Zukunft im Internet. Das Verteilzentrum Inzersdorf lasse sich bei Bedarf erweitern, sagt Vorstand Nagele -bis hin zum Zehnfachen seiner derzeitigen Kapazität. Wer derzeit in stationären Billa-Läden einkauft, bekommt mitunter Gutscheine für den Online-Shop geschenkt. Sie sollen anregen, auch einmal die Website zu besuchen. Wenn der Wandel über den Handel hereinbricht, will Billa gerüstet sein.

Derzeit allerdings hat die Online-Zukunft noch nicht so richtig begonnen, wie ein profil-Selbstversuch zeigt. Wer den Shop auf der Billa-Website aufruft, die gewünschten Produkte auswählt, seine Adresse hinterlässt und danach auf „Zur Kassa“ klickt – der wird vorerst vertröstet. Die nächstmögliche Auslieferung, steht da zu lesen, könne erst in fünf Tagen erfolgen. Bis dahin seien alle Termine ausgebucht.

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