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Ware Größe

Aus profil 17/2019 vom 19.04.2019

Die österreichische Westbahn will Züge in China bestellen – und versetzt eine Branche in Aufruhr. Was Eisenbahnen über die globale Expansion chinesischer Konzerne erzählen. Und wie unser Alltag bereits jetzt von Unternehmen made in China geprägt wird. Ein Überblick über Aufsteiger, von denen man gehört haben sollte.

Von
Joseph Gepp
Michael Nikbakhsh

Ein kleines europäisches Eisenbahnunternehmen, das gerade einmal eine Strecke bedient, bestellt neue Züge. Das ist zunächst einmal eine Nachricht von überschaubarer Tragweite. Ein österreichisches Eisenbahnunternehmen bestellt neue Züge in China. Das ist dann schon eine andere Geschichte. „Spektakulär: Westbahn fährt ab Dezember 2020 mit chinesischen Zügen“, meldete die Tageszeitung „Kurier“ Ende März. Die „Kleine Zeitung“ ergänzte: „Das sorgt in der Eisenbahnindustrie für große Aufregung.“ Und das deutsche „Handelsblatt“: Österreichs Westbahn ebne dem „gefürchteten“ chinesischen Hersteller China Railway Rolling Stock Company (CRRC) den „Weg nach Europa“.

Offiziell ist nichts auf Schiene. Seitens der Westbahn -sie steht über Zwischengesellschaften und Stiftungen im Einflussbereich der Unternehmer Hans Peter Haselsteiner (49,9 Prozent) und Erhard Grossnig (32,7 Prozent), 17,4 Prozent hält die französische Staatsbahn SCNF -wird der Beschaffungsvorgang zwar nicht dementiert, aber auch nicht kommentiert. „Wir bitten um Verständnis, dass wir zu all dem bis auf Weiteres nichts sagen“, erklärt Westbahn- Sprecherin Ines Volpert auf profil-Anfrage. Sollten die CRRC-Züge -kolportiert werden bis zu 15 Stück – aber tatsächlich angeschafft werden, wäre das für den teilstaatlichen chinesischen Anbieter der erste nennenswerte Auftrag in Europa -und zugleich so etwas wie die Materialisierung eines Alptraums für etablierte Hersteller wie Siemens (Deutschland), Alstom (Frankreich) und Bombardier (Kanada).

CRRC besteht in dieser Form erst seit 2015 und ist dem Umsatz nach bereits jetzt der größte Schienenfahrzeughersteller der Welt. Die Chinesen bauen nicht nur schnelle Züge -sie bauen sie vor allem billiger.

Erst im Februar dieses Jahres war die Zusammenlegung der Transportaktivitäten von Siemens und Alstom am Veto der EU-Wettbewerbshüter gescheitert. EU-Kommissarin Margrethe Vestager hatte der Fusion die Zustimmung verweigert – und sich damit jede Menge berechtigter Kritik eingehandelt. Die EU-Kommission hatte sich auf den Standpunkt gestellt, dass der Zusammenschluss die Konkurrenzsituation bei Eisenbahnsignalanlagen und Höchstgeschwindigkeitszügen in Europa beeinträchtigt hätte. Und die Chinesen? „In Bezug auf Höchstgeschwindigkeitszüge hält die Kommission es für höchst unwahrscheinlich, dass neue Wettbewerber aus China in absehbarer Zukunft Wettbewerbsdruck auf die beteiligten Unternehmen ausüben werden“, erklärte Vestager Anfang Februar in Brüssel. Wie zum Hohn machte der geplante Westbahn-Deal mit China kurz darauf Schlagzeilen. Hinter der Debatte -ob über den möglichen Westbahn-Zukauf oder die Siemens-Alstom-Fusion – steckt eine grundsätzlichere Frage. Wie umgehen mit den Aufsteigern aus China? Stecken hinter deren Expansionen eher geostrategische Interessen als die bloße Aussicht auf finanzielle Gewinne? Droht gar mitunter die geheimdienstliche Infiltration -siehe die aufgeregte Debatte um den Handy-Anbieter Huawei? All diese Fragen werden derzeit in der EU und den USA politisch heiß debattiert. In Österreich jedenfalls sind die Chinesen längst präsent. Prominente Beispiele: Der Flugzeugbauer Xi’an Aircraft besitzt seit 2009 die Mehrheit am oberösterreichischen Flugzeugkomponentenhersteller FACC; das Unternehmenskonglomerat Fosun holte sich vergangenes Jahr die Mehrheit am Wäschehersteller Wolford, der Mischkonzern HNA kaufte sich beim Wiener Fondshaus C-Quadrat ein. Hinter dem Skihersteller Atomic stehen mittlerweile ebenso chinesische Eigentümer wie hinter dem steirischen Motorenhersteller ATB Antriebstechnik, dem Mobilfunkanbieter Drei und einer Vielzahl von mittelständischen Unternehmen quer durchs Land.

Die Begehrlichkeiten chinesischer Konglomerate sorgen für angeregte Debatten über die ökonomische und politische Zukunft des Westens, Europas zumal – aber wer sind diese Player überhaupt? Ein Überblick.

China Railway Rolling Stock Company
Branche: Schienenfahrzeuge
Mitarbeiter: 177.000
Umsatz (2017): 27 Milliarden Euro

CRRC ging 2015 aus der Fusion zweier staatlicher Hersteller hervor, zu diesem Zeitpunkt steckte ironischerweise viel europäisches Know-how im Unternehmen (2004/2005 hatten ausgerechnet Alstom und Siemens Bahn-Technologie nach China verkauft). CRRC hatte maßgeblichen Anteil an der Aufrüstung des chinesischen Hochgeschwindigkeitsnetzes, strebt nun aber konsequent auf den Weltmarkt. In den USA ist CRRC bereits vor Ort, dort etablieren die Chinesen sich im öffentlichen Nahverkehr. Seit 2018 betreibt CRRC ein Werk im US-Bundesstaat Massachusetts, ein weiteres nahe Chicago nimmt derzeit den Betrieb auf. 2020 will CRRC die ersten von insgesamt mehr als 800 neuen U-Bahn-Garnituren an die Chicago Transit Authority ausliefern. Allein der 2016 erteilte Auftrag hat einen Gegenwert von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Seit 2017 verkehren in Ankara U-Bahn-Garnituren made by China (in einem türkischen Werk). Im Vorjahr erhielten die Chinesen auch einen ersten Großauftrag aus Argentinien (200 Nahverkehrszüge), zudem bestellte die Deutsche Bahn Rangierloks – was in Deutschland prompt für Kritik sorgte.

Das Europa-Geschäft wird übrigens von Wien aus koordiniert, hier hat CRRC seit 2016 ein Büro. Die kommunalen Graz Linien wiederum testen seit Ende 2016 mehrere Elektrobus-Systeme, CRRC hat diese auch im Sortiment und war mit zwei Stück Teil des Pilotprojekts. Ob und welche Fabrikate die Stadt ankauft, ist noch nicht entschieden.

Tencent Holdings Ltd.
Branche: Internet
Mitarbeiter: 54.000
Umsatz (2018): 41 Milliarden Euro

Der Börsenwert ist mit 370 Milliarden Euro nicht weit weg von Facebook. Die Aktie hat im vergangenen Jahrzehnt um rund 5000 Prozent zugelegt. Dazu eine Milliarde Nutzer, also auch nicht gerade wenig. Tencent ist eine Art digitaler Mischkonzern, der Dienstleistungen vom Sofortnachrichtendienst über Online-Medien bis zu Internet-Games anbietet.

Alles begann 1998 mit einem Studentenprojekt in Form eines erfolgreichen Instant-Messaging- Dienstes – quasi Asiens WhatsApp. Tencent-Gründer Pony Ma gilt als lautstarker Unterstützer des chinesischen Regimes und steht im Verdacht, seine Produkte so zu gestalten, dass es sich besonders gut in sie hineinzensieren und -spionieren lässt. Pony Ma hält rund zehn Prozent an Tencent, aber auch US-Vermögensverwalter wie Blackrock und die Vanguard-Gruppe sind beteiligt.

Umgekehrt expandiert Tencent seit 2010 massiv ins Ausland. Wichtige Zukäufe seither: das US-Online-Game-Unternehmen Riot Games oder etwa eine signifikante Beteiligung am US-Autobauer Tesla.

Fosun International Limited
Branche: Mischkonzern
Mitarbeiter: 63.000
Umsatz (2017): 88 Milliarden Euro

Hotelbuchungs-Plattformen in Israel, Modemarken in Österreich, Hersteller zellbasierter Therapeutika in Großbritannien, Banken in Portugal: Kaum ein Unternehmen kauft sich derart wahllos ein weltweites Portfolio zusammen wie Fosun, größtes Privatunternehmen Chinas, notierend an der Börse von Hongkong. Unternehmensgründer und Vorstandschef Guo Guangchang nennt man den „Warren Buffett von Shanghai“. Guos Mischkonzern führt auch die dunklen Seiten des China-Booms vor Augen.

Da wäre zunächst Guos gelinde gesagt komplexe Beziehung zum kommunistischen Regime: Im Jahr 2015 etwa verschwand der Magnat einen Tag lang spurlos -zuerst wurde über ein Verbrechen gemunkelt, dann teilte Fosun mit, Guo „assistiert der Polizei bei einigen Ermittlungen“. Hintergründe: unklar.

Auch zeigt Fosun, wie politikgetrieben der chinesische Invesititions-Boom im Ausland ist. Nachdem die Expansion eine Zeit lang rasant ablief, bremste sie sich in den vergangenen Jahren deutlich ein. Unternehmen wie Fosun drosselten ihre Zukäufe -auf Geheiß des Regimes. Dieses hatte Mitte 2017 weniger „Irrationalität“ bei den Milliardenausgaben eingemahnt.

Dennoch vollzog Fosun Anfang 2018 seinen ersten Einstieg in Österreich. Der Konzern, der bereits an Modeunternehmen wie der deutschen Kette Tom Tailor beteiligt ist, übernahm die Mehrheit an der kriselnden Wolford AG, dem Wäschehersteller aus Bregenz.

Industrial and Commercial Bank of China
Branche: Finanzdienstleistungen
Mitarbeiter: 450.000
Umsatz (2017): 147 Milliarden Euro

Das US-Magazin „Forbes“ katalogisiert seit mehr als einer Dekade Jahr für Jahr die 2000 größten börsennotierten Unternehmen der Welt – berechnet nach Faktoren wie Umsatz, Gewinn, Assets und Marktkapitalisierung. Seit 2013 führt stets dasselbe Unternehmen die „Global 2000“-Liste an: Die erst 1984 gegründete Industrial and Commercial Bank of China – ICBC ist damit so etwas wie der Marcel Hirscher der Bankenbranche. Mit einer Bilanzsumme von zuletzt mehr als 3500 Milliarden Euro ist ICBC auch das größte Geldhaus der Welt (wobei die Aussagekraft einer Bilanzsumme stets zu hinterfragen ist). Nach eigener Darstellung betreut die teilstaatliche Bank mit Sitz in Peking weltweit annähernd 600 Millionen Kunden, den weitaus größten Teil auf dem Heimmarkt. Noch. Seit Jahren verbreitert sich das Bankhaus außerhalb Asiens: Man betreibt unter anderem Vertretungen und Tochterbanken in Luxemburg, Amsterdam, Mailand, London, Moskau, Madrid und Zürich. Seit wenigen Monaten ist ICBC auch in Österreich aktiv: Die Wiener ICBC Austria Bank GmbH (Stammkapital: 100 Millionen Euro) operiert auf Grundlage einer von der Finanzmarktaufsicht Ende 2018 erteilten -eingeschränkten -Bankkonzession. Die Bank will in Österreich nach eigener Darstellung kein Privatkundengeschäft betreiben (was sie in limitiertem Umfang dürfte), die Rede ist vielmehr von der Finanzierung chinesischer Investitionen in Europa. ICBC-Chef Yi Huiman war einer der Männer, denen Bundeskanzler Sebastian Kurz im Vorjahr in Peking die Hand geschüttelt hatte. 2018 wurde ICBC auch mit der deutschen NordLB in Verbindung gebracht, nachdem die Landesbank durch faule Schiffskredite in Schieflage geraten war. Aus der Beteiligung wurde allerdings nichts. Im Geschäftsjahr 2017 verbuchten die Chinesen einen Nettogewinn von rund 44 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2008 waren es noch elf Milliarden Dollar gewesen.

Alibaba Group Holding Ltd.
Branche: Online-Handel
Mitarbeiter: 66.000
Umsatz (2018): 35 Milliarden Euro

„Global trade starts here.“ Dieses Motto erblickt man, wenn man die englischsprachige Site von alibaba. com ansurft, Chinas Version von Amazon. Der großspurige Spruch ist nicht ganz abwegig. Im Jahr 1999 begann eine Riege von Unternehmensgründern rund um Jack Ma, einem ehemaligen Englischlehrer aus Hangzhou (mehr zu Jack Mas unkonventionellen Ansichten zum Thema Arbeitszeit siehe Seite 33), mit einem Startkapital von gerade einmal 60.000 US-Dollar. Heute ist daraus die laut Eigenangaben größte Handelsplattform der Welt geworden. Als Alibaba 2004 an die New Yorker Börse ging, wurde das einer der größten Börsengänge aller Zeiten. Zum Stammgeschäft haben sich längst Medienkonglomerate, Computer-Betriebssysteme und (nicht digitale) Warenhausketten dazugesellt.

Und die Expansion geht weiter. Jeder Kunde auf der Welt soll innerhalb von drei Tagen sein Alibaba-Paket zugestellt bekommen, so die Zielvorgabe. Zu diesem Zweck plant der Konzern derzeit sechs Logistikzentren verteilt über den Erdball. Jenes für Europa soll, wie letzten November bekannt wurde, nahe der belgischen Stadt Lüttich entstehen.

Hisense Group Co. Ltd.
Branche: Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräte
Mitarbeiter: 75.000
Umsatz (2017): 15 Milliarden Euro

Fußball-Interessierte haben die Hisense Group aus Qingdao in Chinas Osten womöglich schon länger im Blickfeld. Der staatliche Elektronik-und Elektrogerätehersteller (Flatscreens, Smartphones, Kühlschränke, Waschmaschinen, Klimaanlagen) ballert viel Geld in das Rasenballspiel, siehe das Sponsoring unter anderem der Euro 2016, der Fußball-WM 2018 und des deutschen Bundesligisten Schalke 04. Hisense begann 1969 mit dem Bau von Transistorradios und zählt sich mittlerweile zu den bedeutendsten TV-Herstellern der Welt. Der Großteil des Geschäfts liegt noch in China, doch der langjährige Chairman Zhou Houjian hat Hisense längst auf global getrimmt. Mit dem deutschen TV-Hersteller Loewe ist Hisense seit 2013 verbandelt, 2015 kauften die Chinesen dem japanischen Mitbewerber Sharp ein Werk in Mexiko ab – und erwarben zugleich auch eine fünfjährige Lizenz zum Vertrieb von Hisense-Produkten unter dem Namen „Sharp“ in Nord-und Südamerika. 2017 reichte Sharp (da schon im Einflussbereich des taiwanischen Foxconn-Konzerns) in den USA eine Klage gegen Hisense ein. Die Japaner warfen Hisense den Verkauf von minderwertiger Ware in Nordamerika vor, die Klage wurde wenig später aber zurückgezogen. Im Vorjahr übernahm Hisense auch noch 95 Prozent des strauchelnden slowenischen Haushaltsgeräteherstellers Gorenje. Nur um eine Vorstellung zu bekommen, wie schnell das Konglomerat wächst: 2004 lag der Umsatz bei umgerechnet 50 Millionen US-Dollar, 2009 waren es acht Milliarden US-Dollar, 2017 mehr als 17 Milliarden US-Dollar.

Zhejiang Geely Holding Group Co. Ltd
Branche: Automobil
Mitarbeiter: 80.000
Umsatz (2018): 36 Milliarden Euro

Geely ist zwar nicht der größte Autobauer Chinas, da gibt es noch ein oder zwei größere. Doch die Holding mit Sitz in Hangzhou schafft es besonders häufig ins Scheinwerferlicht der westlichen Öffentlichkeit. Denn Geely ist sicher der expansivste der chinesischen Autokonzerne. Die Zeiten, in welchen chinesische Autobauer für schlechte Kopien westlicher Karossen verlacht wurden, sind jedenfalls vorbei.

„Glückverheißendes Automobil“ bedeutet die wortwörtliche Übersetzung der Firma. Ursprünglich, im Jahr 1986 begann Gründer Li Shufu, der Sohn eines Reisbauern, mit der Produktion von Kühlschrankteilen. Später sattelte er mit Technologie aus den japanischen Daihatsu-Werken auf Motorräder um. Und schließlich auf Autos.

Heute wächst Geely rasant. Im Jahr 2004 liefen noch 200.000 Autos vom Band, im Jahr 2020 will man die Zwei-Millionen-Marke knacken. Zwischenzeitlich wurden internationale Marken in den Konzern eingegliedert. Im Jahr 2010 zum Beispiel kaufte Geely von Ford den schwedischen Autobauer Volvo. 2017 kam der britische Sportwagenhersteller Lotus dazu -und auch gleich die renommierte London Taxi Company, welche die berühmten Black Cabs herstellt. Im Februar 2018 schließlich erwarb Geely 9,7 Prozent der Daimler AG in Stuttgart, ältester Autobauer der Welt mit Marken wie Mercedes Benz und Smart. Geely ist somit der größter Daimler-Einzelaktionär.

Der Rasanz ist damit kein Abbruch getan. Gerade stellt Geely eine Wende hin zur E-Mobilität in Aussicht -und das wieder einmal ganz groß. Bereits kommendes Jahr sollen 90 Prozent der Verkäufe der Marke Geely E-Autos sein. Die E-Gefährte sollen unter dem neuen Markennamen „Geometry“ – und dazu gleich auch der Markteinstieg in den USA – erfolgen. Sollte der E-Auto-Boom in China anhalten, ist also mit weiteren Expansionsmeldungen zu rechnen.

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Wann wurde die Globalisierung uncool, Herr Felbermayr?

Aus profil 15/2019 vom 7.4.2019

Der österreichische Ökonom und neue Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel über falsche Vokabel, den entbehrlichen Nationalstaat und unter welchen Umständen Protektionismus okay ist.

Interview: Joseph Gepp, Christina Hiptmayr

profil: Herr Felbermayr, früher einmal galt Welthandel als coole Sache, alle waren wahnsinnig globalisierungsaffin. Inzwischen ist rückhaltloser Einsatz für den Welthandel geradezu verpönt. Was ist schiefgelaufen?

Felbermayr: Welthandel war nie ein Thema, das viele Menschen begeistert hat. Bereits in den 1990er-Jahren, als die Welthandelsorganisation (WTO) aufgesetzt wurde, gab es Proteste, in Seattle oder im mexikanischen Cancún beispielsweise. Aber stimmt: Die Breite des Protests ist neu, ebenso die politischen Nebeneffekte . Es war früher etwa undenkbar, dass sich ein US-Präsident mit der Behauptung hinstellt, Handel sei schlecht für uns.

profil: Der Stimmungswandel begann mit der Finanzkrise 2008?

Felbermayr: Richtig, durch die Lehman- Pleite und die darauffolgenden Ereignisse. Wir haben immerhin die größte Rezession nach dem Zweiten Weltkrieg hinter uns -mit riesigen Verwerfungen und aufgetürmten Schuldenbergen, die jetzt von den Steuerzahlern abgetragen werden müssen. Das hat das Vertrauen in die internationalen Institutionen erschüttert. Davon haben wir uns bis heute nicht erholt. Die Nachwehen dieser Krise haben Trump und den Brexit hervorgebracht.

profil: Trump propagiert Protektionismus, um die US-Wirtschaft vor den Verwerfungen der Globalisierung zu schützen. Braucht es diesen eventuell tatsächlich, damit die Menschen wieder ins Boot geholt werden können -und Globalisierung und Welthandel nicht vollends ablehnen?

Felbermayr:
Es gibt durchaus Situationen, in denen man den Handel mit dem Ausland erschweren soll. Aber man muss sich sehr genau ansehen, unter welchen Bedingungen dies notwendig und sinnvoll ist. Blicken wir zum Beispiel auf den Klimaschutz: Wenn wir ihn wirklich ernst nehmen, braucht Europa zunächst CO2-Abgaben auf seine Produktion – aber das ist noch nicht alles: Was tun wir mit Gütern, die wir aus jenen Ländern importieren, in denen es eine derartige CO2-Besteuerung nicht gibt? Diese müsste man nachbesteuern, sobald sie die Grenze zur EU überqueren. Denn was hilft der Klimaschutz innerhalb Europas, wenn wir etwa gleichzeitig Stahl importieren, der anderswo billig hergestellt werden kann -weil es dort keine CO2-Besteuerung gibt? Angesichts solcher Maßnahmen würden uns jedoch unsere Handelspartner, ob Chinesen oder Amerikaner, sofort Protektionismus vorwerfen. Ich aber würde eher von der Herstellung eines „Level Playing Field“ reden, also von gleichen Wettbewerbsbedingungen.

profil: Trotzdem -wofür Sie hier plädieren, nennt man gemeinhin „Klimazölle“. Auch eine Form des Protektionismus.

Felbermayr: Nein, Zölle sind einfach das falsche Vokabel. Sie suggerieren eine Diskriminierung. Aber darum geht es gar nicht: Wenn ein Container aus China in Rotterdam anlandet, dann soll der Importeur eine CO2-Steuer entrichten, entsprechend dem CO2-Gehalt der Produktion, die im Container steckt. Eine Steuer in derselben Höhe soll auch der Produzent im Inland – sagen wir: voestalpine in Linz – auf seinen CO2-Ausstoß zahlen.

profil: Mit demselben Argument könnte man auch Steuern auf Importprodukte erheben, die aus Ländern kommen, wo es mit der menschenrechtlichen Situation oder dem Arbeitnehmerschutz schlechter aussieht als in Europa.

Felbermayr: Nein, beim CO2 geht es um ein globales öffentliches Gut, nämlich das Klima. Die CO2-Emissionen der Chinesen verändern das Klima auch bei uns. Deshalb haben wir das moralische Recht, Politikmaßnahmen einzufordern. Wenn die Chinesen hingegen einen Fluss versauen, dann ist das zwar bedauerlich, geht uns aber letztlich nichts an, weil es nicht auf uns zurückwirkt. Eine Ausnahme würde ich nur bei den Menschenrechten machen. Wenn wir davon ausgehen, dass sie tatsächlich universell sind, sind handelspolitische Maßnahmen als Sanktion bei Verstößen geeignet. Deshalb sanktioniert Europa Russland, wenn es das Territorium eines anderen Landes besetzt. Oder unterbricht Handelsbeziehungen mit Myanmar oder Kambodscha.

Felbermayr (rechts) beim Gesprächstermin in der Akademie der Wissenschaften in Wien, wo er einen Vortrag hielt. Foto: David Payr, davidpayr.com

profil: Bei der Klimakonferenz von Paris 2015 wurde vereinbart, die Klimaerwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen. Wenn man diese Vorgabe ernst nimmt, müsste man dann nicht überhaupt die internationalen Wertschöpfungsketten überdenken und zu einer Welt mit viel weniger Handel zurückkehren?

Felbermayr:
Nicht Handel per se ist das Problem, sondern dass die CO2-Emissionen sich nicht im Preis von Gütern widerspiegeln. Die maritime Schifffahrt ist von jeglicher CO2-Besteuerung und jedem Emissions-Zertifikatehandel freigestellt, ebenso wie der Flug-und teilweise der LKW-Verkehr. Müssten sie für ihren CO2 Ausstoß zahlen, gäbe es wahrscheinlich tatsächlich weniger Handel, weil die Transportkosten steigen würden. Aber Handel per se wird wohl umso wichtiger sein. Was tut Handel? Er schafft Arbeitsteilung. Diese wiederum bedeutet, dass die Produktion eines bestimmten Guts dort stattfindet, wo sie besonders effizient gemacht werden kann. Handel sorgt also für Effizienz – und diese Effizienz bezieht sich auch auf die Schonung von Ressourcen. Handel kann somit helfen, die Klimaproblematik zu lösen. Um eine CO2-Steuer führt also kein Weg herum. Im Prinzip haben wir ja bereits eine: Über den Zertifikatehandel gibt es einen CO2-Preis.

profil: Einen sehr niedrigen.


Felbermayr:
Er ist so hoch, wie es die Menge an Zertifikaten hergibt, die politisch festgesetzt wurde. Nicht der Preis ist demnach zu niedrig, sondern die Menge zu hoch. Doch sie wird zurückgehen. Bis 2050 darf ja überhaupt nichts mehr emittiert werden. Wichtig ist, dass man den Zertifikatehandel auf alle Bereiche ausdehnt, in denen Treibhausgase emittiert werden – was derzeit noch nicht der Fall ist. Also zum Beispiel auf private Haushalte und die Landwirtschaft.

profil: Kommen wir nochmals zurück auf die allgemeine Skepsis gegenüber dem Welthandel. Der US-Ökonom Dani Rodrik sagt: „Nationalstaat, Demokratie und grenzenlose Globalisierung sind ab einem gewissen Grad unvereinbar. Wer Letzteres will, muss auf die ersten beiden ein Stück weit verzichten.“ Das meinen im Grunde auch die Brexiteers. Hat Rodrik recht mit seiner These?

Felbermayr: Wenn er diese drei Annahmen trifft – natürlich. Allerdings funktioniert Rodriks These nur dann, wenn man es als gesetzt annimmt, dass Demokratie lediglich nationalstaatlich organisiert werden kann. Das war sicherlich in der Vergangenheit der Fall – aber die Zukunft muss, verdammt noch mal, anders aussehen. Da sind wir in der EU ja schon ein gutes Stück voran, trotz aller Probleme. Ich meine, dass das europäische Projekt Herrn Rodrik eigentlich widerlegt.

profil: Aber nur, wenn man die Demokratiedefizite ausblendet, die es auf europäischer Ebene gibt. Die Europäische Kommission, welche die Gesetzesvorschläge macht, ist beispielsweise nicht demokratisch gewählt.

Felbermayr: Natürlich ist der europäische Prozess nicht perfekt. Aber die Lösung ist nicht -und hier widerspreche ich Rodrik -der Weg zurück in den Nationalstaat. Wie gehen wir um mit dem Klimawandel, Pandemien, grenzüberschreitendem Terrorismus? Bei all dem lässt sich von nationalstaatlicher Ebene aus nichts erreichen. Aus der Trias Globalisierung, Demokratie und Nationalstaat ist Letzterer am entbehrlichsten. Wir müssen die Demokratie schützen -und das Interagieren mit anderen Menschen auf der Welt, also der Welthandel, ist ein Wert per se. Der Nationalstaat hingegen hat uns kaum genutzt. Er hat große Kriege und viel Zerstörung hervorgebracht. Wir sollten unsere Kreativität einsetzen, um ihn Stück für Stück redundant zu machen.

profil: Da würden aber viele Leute nicht mitspielen. Sie fürchten die sogenannte Hyper-Globalisierung, wie sie sich zum Beispiel in der Deregulierung der internationalen Finanzmärkte zeigte.

Felbermayr: Diese Deregulierung, die in vielen Ländern gleichzeitig erfolgte, war ein Fehler. Das kann man im Nachhinein leicht sagen. Aber der globale Finanzkapitalismus hat zwei Facetten, zwischen denen man bei der Deregulierung stärker unterscheiden hätte müssen: Er ermöglicht einerseits konkrete Investitionen in realwirtschaftliche Güter und Dienstleistungen, aber auch reines Zockertum, das keinen Mehrwert schafft. Eine Tobin- Steuer, also eine Finanztransaktionssteuer, wäre ein gutes Instrument, um dieses Zocker-Element ein bisschen einzudämmen. Sie muss gar nicht hoch sein.

profil: Die ist auf europäischer Ebene grandios gescheitert.

Felbermayr: Solche Ideen brauchen eben Zeit. So war es immer in der Geschichte. Im Jahr 1805 beispielsweise wurden in England die sogenannten Corn Laws eingeführt. Das waren Zölle auf ausländisches Getreide, um den Anbau des eigenen zu schützen. Die Corn Laws haben das Getreide künstlich verteuert, weil man es nicht mehr zu vernünftigen Preisen aus Kontinentaleuropa importieren konnte. In der Folge sind in Irland Hunderttausende Menschen verhungert. Es gab eine Reihe von Missernten; die Leute konnten sich wegen der hohen Getreidepreise das Brot nicht mehr leisten. Es hat trotzdem noch Jahrzehnte gedauert, bis im Jahr 1848 die Corn Laws abgeschafft wurden und dieser Unfug beendet war. Die Episode zeigt: Es gibt in jedem Bereich unglaublich starke Beharrungskräfte, Gruppen, die von bestimmten Regeln profitieren und deren Abänderung bekämpfen.

profil: Im Zuge des Brexit sehen wir gerade eine Art Deglobalisierung in Echtzeit. Hat er irgendeinen Vorteil für Briten oder Europäer?


Felbermayr:
Er ist ein guter Anlass, um darüber nachzudenken, wie Europa funktionieren soll. Das derzeitige One-Size-Fits-All-Modell ist nicht nur unproduktiv, sondern wohl auch ökonomisch schädlich. Wir brauchen ein Europa der unterschiedlichen Klubs. Ein Kerneuropa – mit einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik, vielleicht bald auch Eurobonds und einem Eurobudget. Andererseits ein Europa rundherum, für jene, die wirtschaftlich andocken wollen, die aber bei der Vorstellung einer immer engeren politischen Union nicht mitgehen. Da gehören wohl die Briten dazu, Norwegen, Island, Schweiz, vielleicht auch die Türken. Für diesen äußeren Kreis bräuchte es einen Zollverein und ein Zollparlament.

profil: Und wie wird es in Großbritannien weitergehen?

Felbermayr: Es kann gut sein, dass uns Großbritannien in zehn Jahren überholt hat. Was tun, wenn wir in der EU es verbocken? Wenn sich zum Beispiel zwischen Deutschland und Frankreich kein Konsens über wichtige politische Schritte herstellen lässt? Die Franzosen wollen eine neue, stark subventionierte Industriepolitik, die hansesatische Liga ist dagegen. Möglicherweise schauen wir in zehn Jahren nach London, das gedeiht und blüht, während wir unter schwachem Wachstum und Massenarbeitslosigkeit leiden. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Ich bin auch deshalb dafür, dass wir auf die Briten zugehen, denn es steht auch für uns viel auf dem Spiel.

profil: Innerhalb der EU gibt es derzeit auch eine große Debatte über den Umgang mit China. Staatliche chinesische Unternehmen infiltrieren Europa, während China gegenüber Ausländern sehr restriktiv ist. Wie damit umgehen?

Felbermayr: Kein europäisches Unternehmen wurde gezwungen, in China zu investieren. Sie haben viel Geld in die Hand genommen und dort Niederlassungen aufgebaut. Die wussten, dass die Regeln andere sind. Dass geistiges Eigentum in China nicht geschützt ist, dass die chinesische Regierung ihre Unternehmen mit billigen Krediten und anderen Mitteln unterstützt. Dennoch sind die Europäer hingegangen. Warum? Weil es sich auszahlte. Wenn jetzt die Kosten und Risiken, die bereits vor 20 Jahren prognostiziert wurden, schlagend werden, dann sollte man sich nicht beklagen.

profil: Deutschland als Exportnation – und damit auch Österreich – ist wesentlich von der Entwicklung in China abhängig. Das bedeutet: Auch unser Wohlergehen hängt davon ab, dass der Welthandel nicht völlig in Misskredit gerät. Was müsste man tun, damit die breite Masse die Globalisierung wieder mitträgt?

Felbermayr: Globalisierung ist etwas, das enorme Chancen eröffnet. Gleichzeitig fördert sie auch die Ungleichheit, was Einkommen, Löhne und Unternehmensprofite betrifft. Aber das ist nicht politisch gegeben. Da kann man staatlicherseits eingreifen. Wir verändern die Bruttolohnverteilung deutlich durch Steuern und Sozialabgaben. Das lässt sich bisher schon bewerkstelligen, ohne dass wir dabei verarmen oder die Wirtschaft ruinieren. Wir müssen also forcierter dafür sorgen, dass die Sozialsysteme robust und die Menschen gegen die Risiken der Globalisierung versichert sind.

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Eingeordnet unter Wirtschaft

Wirtschaftsgezwitscher

Aus profil 15/2019 vom 7.4.2019

Im sozialen Netzwerk Twitter geht es oft polemisch und brachial zu. Wer aber Ökonomen folgt, stößt auf durchaus interessante Informationen und anregende Debatten. Doch wem genau folgen? Das deutsche Web-Magazin „makronom.de“ hat ein Ranking der präsentesten Twitter-Ökonomen im deutschen Sprachraum erstellt. Auch wenn der deutsche Wirschaftsforscher Marcel Fratzscher auf dem ersten Platz landet, finden sich darin auch viele Österreicher. Platz 12 bekleidet etwa Franz Schellhorn, Chef des marktliberalen Thinktanks Agenda Austria (und profil-Kolumnist). Auch andere Agenda-Austria- Ökonomen (etwa Monika Köppl-Turyna und Lukas Sustala) sind unter den Top 50. Andererseits sind, weltanschaulich eher entgegengesetzt, Ökonomen aus der Arbeiterkammer stark vertreten: Da wären unter anderem Chefökonom Markus Marterbauer (Platz 18) und Verteilungsexperte Matthias Schnetzer (29). Was Vertreter von Universitäten und der großen heimischen Forschungsinstitute Wifo und IHS betrifft, konnten sich im Ranking etwa Ex-Wifo-Ökonom Stephan Schulmeister, Maximilian Kasy (Harvard-Uni), Judith Kohlenberger (WU) und IHS-Chef Martin Kocher platzieren. Gabriel Felbermayr -der österreichstämmige Chef des deutschen Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und dieswöchiger profil-Interview-Partner – findet sich übrigens auf Platz 37 im Ranking. Wir jedenfalls sprechen ein kollektives #ff aus.

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Zahlenzauber

Aus profil 8/2019 vom 17.02.2019

Nichts wirkt sich stärker auf Arbeitslosenraten, Unternehmensgewinne und Staatskassen aus. Nichts entscheidet mehr über den Wohlstand und die Stabilität der Gesellschaft. Aber kann das Bruttoinlandsprodukt ewig weiterwachsen? Und was ist dieses BIP überhaupt? Anatomie einer statistischen Größe, die unser Leben prägt.

Von
Joseph Gepp


Das ist der drittel Teil der Serie zum Thema Wirtschaftswachstum

Zum ersten Teil
Zum zweiten Teil

Diese Geschichte könnte an einem Würstelstand beginnen, dessen Betreiber seinem Gast ein Glas Bier serviert. Oder in einer Fabrik, in der Autoteile vom Fließband laufen. Sie könnte in einem Ministerium beginnen, das Personal einspart. Oder in einer x-beliebigen Schule, die mehr Lehrerstellen zugeteilt bekommt. Eigentlich spielt diese Geschichte überall in Österreich, in jedem Haushalt, an jedem Arbeitsplatz. Denn es gibt etwas, das alle Orte verbindet. Was dort geschieht, fließt Jahr für Jahr in eine monumentale Rechenaufgabe ein. Es findet sich im Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder, der Maßzahl für die wirtschaftliche Aktivität eines Landes. Etwas genauer: die Summe des Wertes aller Güter und Dienstleistungen, die pro Jahr in einer Volkswirtschaft hervorgebracht werden.

Im Jahr 2017 betrug Österreichs BIP 369,9 Milliarden Euro. Wenn man es durch die Zahl der Einwohner dividiert, betrug das BIP pro Person 42.060 Euro. Im Vergleich zum vorangegangenen Jahr 2016 war das BIP damit -real, also ohne Inflation -um 2,6 Prozent gewachsen. Das BIP ist die „mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte“, schreibt der deutsche Politologe Philipp Lepenies in seinem 2013 erschienenen Buch „Die Macht der einen Zahl“. Keine andere statistische Größe habe „jemals eine ähnliche Wirkung entfaltet“. Keine beeinflusst Politik und Gesellschaft mehr.

Wenn das BIP steigt, finden Arbeitsuchende Stellen. Unternehmen verbuchen Gewinne. Geschäfte erfreuen sich Kundenzulaufs. Weil von Konsum, Löhnen und Gewinnen je ein Teil als Steuern ans Finanzamt fließt, entscheidet das BIP auch, ob der Staat genug Einnahmen hat – oder ob Schulden und Einschnitte drohen.

Wenig überraschend also, dass ein Gutteil aller wirtschaftspolitischen Maßnahmen darauf abzielt, das BIP zu steigern -und zwar überall, ob in demokratischen oder autoritär geführten Gesellschaften, kommunistischen oder kapitalistischen. Von der Entwicklung des BIP hängt der Erfolg von Regimen und Regierungen ab; sie entscheidet wesentlich darüber, ob das politische Klima moderat bleibt oder Richtung Radikalismus tendiert. Langfristige geopolitische Entwicklungen -wie der Machtzuwachs Chinas -sind darauf zurückzuführen, dass bei den Aufsteigern das BIP stärker zulegt als in entwickelteren Staaten. Die einstige Systemkonkurrenz zwischen West und Ost entschied sich zugunsten des Westens, weil es dort besser gelang, BIP-Wachstum hervorzubringen. Eine mächtige Zahl also. Und zugleich eine mysteriöse. Denn meist betrachtet man das BIP als Selbstverständlichkeit und hinterfragt kaum dessen Bedeutung und woher die Notwendigkeit kommt, es zu steigern. Die Suche nach Antworten führt in den Wiener Arbeiterbezirk Simmering, in ein gläsernes Bürohaus aus den 1990er-Jahren. Hier liegt die Zentrale der Statistik Austria (zur aktuellen Causa siehe Seite 22). Die volkswirtschaftliche Abteilung unter Führung der Direktorin Ursula Havel ist verantwortlich dafür, auszurechnen, wie hoch das BIP in Österreich ausfällt.

Am Beispiel der Fabrik für Autoteile: Sie benötigt für ihre Tätigkeit Vorprodukte, etwa Gummi und Stahl. Aus ihnen fertigt sie ihre Produkte. Aus deren Weiterverkauf lukriert die Fabrik, im Normalfall, mehr Geld als jene Summe, die sie zuvor für die Ausgangsprodukte bezahlt hat. Die Fabrik hat also eine Wertschöpfung erzielt. Diese Wertschöpfung ist jene Summe, welche die Autoteilefabrik zum BIP beiträgt. Ökonomisch ausgedrückt: der Produktionswert abzüglich der Vorleistungen.

Ebenso läuft es beim Stahlwerk, das zuvor seinen Stahl an die Fabrik geliefert hat. Und beim Würstelstand: Auch dessen Betreiber verlangt von seinem Gast mehr Geld für das Glas Bier, als er seinem Lieferanten bezahlt hat. Auch der Würstelstand generiert eine Wertschöpfung. Etwas komplizierter wird es bei der Tätigkeit nicht gewinnorientierter Einrichtungen, Behörden, Nichtregierungsorganisationen und Kirchen. Auch ihre Tätigkeit fließt ins BIP ein. Immerhin haben auch sie einen massiven Einfluss aufs Wirtschaftsleben, etwa indem sie Jobs schaffen. Allerdings gibt es bei nicht gewinnorientierten Einheiten keine Wertschöpfung. Eine Schule oder ein Ministerium produziert nichts, dessen Wert abzüglich Vorleistungen sich im BIP darstellen ließe. Die BIP-Berechnung behilft sich, indem sie im Wesentlichen die Personalkosten heranzieht. Sie drücken gewissermaßen aus, wie aktiv die Schule in wirtschaftlicher Hinsicht war. Auch sie wird also zum Glied in jener riesigen Addition, bei der unten 369,9 Milliarden herauskommt.

In der Praxis liegen dem BIP lange Web-Formulare zugrunde. Ausgeschickt von der Statistik Austria, tragen darin alle größeren Einrichtungen, beispielsweise besagte Autoteilefabrik, ihre Wertschöpfung und andere Kennzahlen ein. Kleinere Einheiten wie der Würstelstand oder eine einzelne Schule müssen nichts ausfüllen. Bei ihnen wird geschätzt, wie viel sie zum BIP beitragen. Dabei behelfen sich die Statistiker mit dem Blick auf ältere Daten oder dem Vergleich mit größeren Branchenvertretern. Alle paar Jahrzehnte -in Österreich zuletzt im Jahr 1995 -findet eine sogenannte Vollerhebung statt. Dann muss tatsächlich jede wirtschaftliche Einheit bis hinunter zum kleinsten Würstelstand ihre Zahlen an die Statistiker schicken. Alle Daten werden in einer digitalen Kartei erfasst. Unterteilt in 64 Branchen, umfasst sie sämtliche wirtschaftliche Tätigkeiten. In der Klassifikationsdatenbank der Statistik Austria finden sich Kategorien wie die „Herstellung von feuerfesten keramischen Werkstoffen“, „Detekteien“ und sogar die „Verarbeitung von Frischfisch auf Fabrikschiffen“ – wiewohl der Beitrag der Letzteren zur österreichischen Wirtschaft überschaubar sein dürfte.

Als wäre all das noch nicht genug Rechenarbeit, kann man sich dem BIP auch noch gewissermaßen von hinten nähern. Es gibt nämlich auch andere Arten der BIP-Berechnung: beispielsweise, indem man alles Geld zusammenzählt, das in Österreich pro Jahr verdient wird. Sämtliche Gehälter unselbstständig Beschäftigter, Honorare für freie Dienstnehmer, Gewinnausschüttungen an Unternehmer, Mieteinnahmen: All dies zusammen ergibt wiederum das BIP. Wie das? Wer es verstehen will, muss sich fragen, woher das Einkommen der Menschen stammt. Der Lohn eines Arbeitnehmers war zugleich Teil der Wertschöpfung seiner Arbeitsstätte. Der Gewinn, den sich der Würstelstandbesitzer auszahlt, war ebenfalls Teil der Wertschöpfung seines Betriebs. Alles Geld, das jemand einnimmt, wurde im Rahmen irgendeiner Wertschöpfung erwirtschaftet. Am Ende sind beide Summen -das verdiente Geld und der Gesamtwert aller produzierten Güter und Dienstleistungen -gleich hoch.

Das BIP kennt keine Unterschiede. Das volle Auftragsbuch eines Handgranatenherstellers? Gut für das BIP. Eine vielbesuchte öffentliche Bücherei , die zahlreich Bibliothekare benötigt? Ebenfalls gut. Es mutet geradezu irre an, alle wirtschaftliche Tätigkeiten völlig wertfrei zusammenzuzählen, um dann auf Zehntelprozentpunkte genau zu eruieren, inwiefern sich das Resultat von Jahr zu Jahr verändert. Dass das BIP zur allmächtigen Messgröße aufstieg, ergab sich einst aus den Zwängen des Zweiten Weltkrieges. Damals arbeiteten britische und US-amerikanische Forscher mit Hochdruck daran, notwendige Kenntnisse zu entwickeln, damit die Kriegswirtschaften möglichst reibungslos expandieren konnten. Es galt beispielsweise zu eruieren, ob den Produktionssteigerungen in Flugzeugwerken auch ebensolche bei Propellern gegenüberstanden. Oder: inwiefern es in Konsumgüterbranchen zu Knappheiten kam, weil die Rüstungsindustrie derart heißlief. Mit dem Aufbau eines statistischen Systems, das derlei Informationen abbilden konnte, wurden einige der besten Wissenschafter ihrer Ära betraut, etwa Simon Kuznets und John Maynard Keynes. Im Jahr 1944 harmonisierten die USA, Kanada und Großbritannien ihre BIP-Berechnung. Bald darauf sprang die Logik der Steigerung, die gerade noch der Rüstungswirtschaft als Basis gedient hatte, auf die Nachkriegszeit und ihren beginnenden Massenkonsum über. Seither hat sich alles enorm ausdifferenziert. Heute werden immer neue Tätigkeiten in die BIP-Berechnung eingefügt. „Das BIP lebt“, sagt Ursula Havel von der Statistik Austria. „Das Konzept ist nicht statisch, sondern wird immer wieder weiterentwickelt.“ Im BIP spiegelt sich, wie sich Branchen und Berufe verändern. Derzeit beispielsweise läuft eine Gesetzesinitiative auf EU-Ebene, welche die rechtliche Basis schafft, Dienstleistungsbranchen genauer zu erfassen. Dadurch wird besser ersichtlich, wie viel etwa Friseure oder manche medizinische Berufe zum BIP beitragen. Die dahinterstehenden umfangreichen Verfahren nennt man „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen“. Sie sind europaweit einheitlich und detailliert geregelt. Wie sie abzulaufen haben, legt ein 740-seitiges Gesetzeswerk fest, Letztfassung 2010, das „Europäische System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“. Darüber liegt nochmals eine Vorgabe der UN für die ganze Welt, das „UN System of National Accounts“.

BIP-ENTWICKLUNG JE JAHRZEHNT IM VERGLEICH Je weiter die Wirtschaft entwickelt ist, desto schwerer fällt weiteres Wachstum.

Angesichts dessen ist, wenn man so will, eine Art Weltherrschaft längst keine Utopie mehr. Nur beherrscht kein mächtiger Staat und keine Oligarchie die Erde, sondern eine Zahl. Jedes Land hat sich dem Ziel verschrieben, das BIP zu steigern. Warum eigentlich? Weil es keiner Regierung bisher je gelungen ist, das BIP geplantermaßen zu senken oder längere Zeit stagnieren zu lassen. Rückgänge erfolgten ausnahmslos unfreiwillig, in Form von Rezessionen und Wirtschaftskrisen. Das bedeutet: Arbeitslosigkeit, knappe Kassen bei Privaten und Staat, Einschnitte, politische Instabilität. In schlimmeren Fällen drohen Staatspleiten, Hyperinflation, Massenverarmung bis hin zu Gewalt und Umstürzen.

Sinkt das BIP oder stagniert es dauerhaft, setzen selbstverstärkende Kreisläufe ein. Die Unternehmen produzieren weniger, deshalb brauchen sie weniger Arbeitskräfte. Es gibt also mehr Arbeitslose, die wiederum weniger Geld haben, um Güter zu kaufen -womit die Produktion noch weiter sinkt. Weniger Beschäftigte und weniger profitable Unternehmen liefern überdies weniger Steuern an den Staat ab. Infolgedessen drosselt auch dieser häufig seine Ausgaben. Der Staat konsumiert also ebenfalls weniger -womit die Produktion noch weiter sinkt. Ein Teufelskreis.

Damit die Welt nicht aus den Fugen gerät, muss das BIP also immerzu steigen. In der Volkswirtschaft kennt man gar fixe Relationen dafür, wie hoch der Anstieg erfolgen muss. Beispielsweise geht die EU bei Berechnungen von Staatsschulden davon aus, dass jeder Prozentpunkt weniger BIP-Wachstum das Budgetdefizit eines Landes um 0,6 Prozentpunkte erhöht. Auch die Arbeitslosigkeit korreliert stark mit dem BIP-Wachstum: Unterschiedlich je nach Wirtschaftsstruktur, führt jeder Prozentpunkt weniger BIP zu rund 0,4 Prozent mehr Arbeitslosen, errechnete der US-Ökonom Arthur Melvin Okun.

Kein Wunder, dass sich die großen Debatten in Politik, Forschung und Medien kaum jemals um Sinn oder Unsinn des BIP als solches drehen. Vielmehr wird leidenschaftlich gestritten, welche Mittel am geeignetsten seien, das BIP zu steigern. Im Kampf gegen Wirtschaftskrisen, argumentieren gern Sozialdemokraten und Linke, solle es Staaten erlaubt sein, Schulden zu machen -um mit geborgtem Geld das Wachstum wieder anzukurbeln. Schulden seien keine Lösung, entgegnen Konservative und Marktliberale: Das Wachstum werde nur zurückkehren, wenn die Staaten sparen, um das Vertrauen von Investoren zu gewinnen, auf dass sie neue Arbeitsplätze schaffen.

BIP-ENTWICKLUNG JE JAHRZEHNT IM VERGLEICH Je weiter die Wirtschaft entwickelt ist, desto schwerer fällt weiteres Wachstum.

Vielleicht treffen beide Ansätze nicht den Kern des Problems. Vieles deutet darauf hin, dass Staaten ab einem bestimmten wirtschaftlichen Entwicklungsgrad schlicht weniger wachsen -egal ob durch Schuldenmacherei oder Buhlen um Investoren. In Österreich beispielsweise gelten die rund drei Prozent jährliches Wachstum, wie sie das Land in den vergangenen beiden Jahren hinlegte, als regelrechter Boom. China hingegen erreichte vergangenes Jahr 6,6 Prozent -und beklagte damit das niedrigste Wachstum seit Jahrzehnten.

Die Ursache, warum der Zuwachs an BIP mit fortschreitender Wirtschaftsentwicklung nachlässt, hängt ein Stück weit mit bloßer Mathematik zusammen. Die Basis, von der aus die Steigerung prozentuell gemessen wird, wird ja ständig größer. Am Beispiel China: Im Jahr 2007 verbuchte das Land zwar noch unschlagbare 14,2 Prozent an Wirtschaftswachstum. In Wahrheit jedoch kamen – absolut betrachtet -damals weniger neue Güter und Dienstleistungen zur chinesischen Wirtschaft hinzu als im vergleichsweise schwachen Jahr 2018. Warum? 2018 war der Gesamtwert der bereits vorhandenen Güter bereits viel größer als 2007. Dementsprechend niedriger fällt der prozentuell gemessene Zuwachs aus. Je größer die Wirtschaft, desto schwerer weiterer Zuwachs.

Doch nicht nur die Mathematik setzt dem immerwährenden Wachstum Grenzen. Da wäre auch die Frage der natürlichen Ressourcen. Mehr Wachstum bedeutet stets mehr Rohstoffverbrauch und einen höheren Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase, zu deren Reduktion sich die Weltgemeinschaft bei der Klimakonferenz von Paris 2015 verpflichtet hat. Viele Experten hoffen zwar auf „grünes Wachstum“, also die Entkopplung von Wachstum und Umweltschäden. Allein, bisher kam es nie dazu. Ganz im Gegenteil : Je höher das Wachstum, desto größer die Umweltschäden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob immer mehr BIP-Wachstum tatsächlich zu individuellem Wohlbefinden führt. Zweifellos macht eine zunehmende Zahl von Gütern und Dienstleistungen die Menschen eine Zeit lang glücklich. Aber gilt das auch dann, wenn das BIP bereits sehr hoch ist? Jedenfalls gibt es Methoden, das BIP weiter zu steigern, die dem Wohlbefinden des Einzelnen abträglich sind. Ein Beispiel: Die Deregulierungen im US-Finanzsektor in den 1990er-und 2000er-Jahren führten zu beachtlichen Wachstumsraten. Viele Amerikaner konnten ihretwegen Kredite aufnehmen, um Hauskäufe und anderen Konsum zu finanzieren. Die Sache ging aber nur bis 2008 gut, als die Rechnung in Form der US-Bankenkrise ins Haus flatterte. Die Institute hatten massenhaft Risikokredite an fragwürdige Schuldner vergeben. Die darauffolgende Krise erschütterte gleichermaßen das BIP wie das Wohlbefinden vieler Amerikaner, die in die Armut stürzten.

Man kann den komplexen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Lebenszufriedenheit auch auf individueller Ebene betrachten: Wenn beispielsweise ein Pendler mit seinem Auto täglich im Stau steht, tut dies weder ihm selbst gut noch der Umwelt -auf das BIP jedoch wirkt es sich positiv aus. Denn der Staugeplagte gibt mehr Geld für Treibstoff aus und muss das Auto häufiger reparieren lassen. Ebenfalls schmälert jegliche ehrenamtliche Tätigkeit das BIP. Von der Altenbetreuung innerhalb der Familie über die Gratis-Nachhilfe für Schulkinder bis zur Blutspende: Derlei Engagement mag die persönliche Zufriedenheit erhöhen und den sozialen Zusammenhalt fördern. Aber weil sie nicht entlohnt ist, fließt sie nicht ins BIP ein.

Mathematik, Ressourcenverbrauch, Wohlbefinden. Vieles deutet darauf hin, dass es ab einem gewissen Entwicklungsgrad immer schwieriger wird, das BIP zu steigern -und dass überdies weiteres Wachstum den Menschen gar nicht guttut. Aber zugleich gibt es keine Möglichkeit der BIP-Senkung, außer eine Krise samt ihren verhängnisvollen Kettenreaktionen. „Wir haben einen Kult um eine Zahl kreiert, der uns nun gefangen hält“, beschrieb im Jahr 2012 der französische Ex-Präsident Nicolas Sarkozy dieses Dilemma. Braucht es eine neue Zahl, an der wir unser wirtschaftliches Handeln orientieren können? Hochrangige Ökonomen haben sich an dieser Frage abgearbeitet. Überzeugende Antworten gaben sie keine.

Zurück ins gläserne Bürohaus in Wien-Simmering. Dort präsentieren die Experten der Statistik Austria jedes Jahr einen Bericht, 232 Seiten, vielgelobt in Fachkreisen. „Wie geht’s Österreich?“ will Wege aus der BIP-Fixiertheit aufzeigen. Die Methode: 30 sorgsam ausgewählte und übersichtlich präsentierte Schlüsselindikatoren sollen ein wirklichkeitsgetreues Abbild der Zustände im Land liefern. Darunter findet sich beispielsweise die Anzahl der Schulabbrecher, die Höhe der Wohnkosten, das Ausmaß der Bio-Flächen in der Landwirtschaft und auch, ganz klassisch, das BIP.

WIE GEHT ‚S ÖSTERREICH? Die Statistik Austria vergleicht die BIP-Entwicklung alljährlich mit anderen Indikatoren.

Der Bericht ist Teil einer möglichen Lösung und führt zugleich ein Stück weit das Problem im Bericht in Wahrheit wesentlich von der Entwicklung des BIP ab. Würden zum Beispiel die Österreicher angesichts einer Wirtschaftskrise zu billigeren Lebensmitteln greifen – dann wäre wohl damit zu rechnen, dass auch das Ausmaß der Bio-Flächen wieder sinkt. vor Augen. Nimmt man mehr als nur eine wichtige Zahl in den Blick, geht schnell der Überblick verloren. Überdies hängen viele der Indikatoren im Bericht in Wahrheit wesentlich von der Entwicklung des BIP ab. Würden zum Beispiel die Österreicher angesichts einer Wirtschaftskrise zu billigeren Lebensmitteln greifen – dann wäre wohl damit zu rechnen, dass auch das Ausmaß der Bio-Flächen wieder sinkt.

Wie also könnte ein neues Generalkonzept aussehen, ähnlich klar und wirkmächtig wie das BIP? Es gibt keines, antworten Wachstumskritiker wie der deutsche Gewerkschafter Norbert Reuter, der britische Nachhaltigkeitsprofessor Tim Jackson und andere Anhänger der sogenannten „Degrowth“-Bewegung. Statt zu warten, plädieren sie dafür, einfach einmal zu beginnen mit dem Wachstumsrückgang. Gefordert werden Maßnahmen, die zwar wohl wachstumshemmend wirken würden, aber notwendig wären, um das allgemeine Wohlbefinden zu steigern. Für den Anfang zum Beispiel viel höhere Steuern auf Öko-Sünden. Oder höhere Investitionen der Regierungen in öffentliche Güter wie Bildungseinrichtungen, Museen und umweltfreundliche Verkehrsmittel. Weiters, so die Kritiker, brauche es eine generelle Arbeitszeitverkürzung. Infolge schrumpfender Produktionen ist nämlich mit Massenarbeitslosigkeit zu rechnen -das geringere Ausmaß der Lohnarbeit müsse deshalb besser auf die Menschen verteilt werden.

Freilich: Wie solch weitreichende Forderungen durchsetzbar sein sollen und ob das überhaupt ohne internationalen Konsens Sinn hätte, bleibt offen.

Vorläufig geht deshalb alles weiter wie gehabt. Ende vergangener Dezember, eine der vierteljährlich stattfindenden Pressekonferenzen österreichischer Wirtschaftsforscher zur Konjunkturentwicklung. Für das Jahr 2019 sei mit einer leichten Abkühlung der Wirtschaft zu rechnen, prognostizieren die Ökonomen. Man erwarte eine BIP-Steigerung von etwas unter zwei Prozent. Schlechter als bisher, aber nicht besorgniserregend. „Es ziehen Wolken auf, aber keine schwarzen“, formuliert der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts. Keine Sorge also. Wir wachsen schon noch ein bisschen weiter. n

DREI BUCHTIPPS ZUM THEMA BIP

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts. Suhrkamp 2013,16,50 Euro.
Statistik Austria: Wie geht’s Österreich? Indikatoren und Analysen. Gratis-Download
Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum – das Update. Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Oekom 2017,20,60 Euro

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Lagerkoller

Aus dem profil 07/2019 vom 10.2.2019

Ballungsräume wachsen, Wohnraum wird knapp – Lagerraum erst recht. Wohin mit den Dingen, die man nicht ständig braucht, aber auch nicht entbehren will? Die boomende Selfstorage-Branche erzählt viel über das Leben in der Stadt.

Von
Joseph Gepp

Es gibt in Großstädten wie Wien grosso modo zwei Arten von Kellern. Da wären zunächst die alten, ziegelsteinernen, oft modrig-feuchten. Und dann jene, auf welche Neubauten aufgesetzt werden: rechtwinkelig, funktional, mit sauber aneinandergereihten, hellen Abteilen.

Bei „MyPlace“ in Wien-Döbling sieht es aus wie in einem Keller des zweiten Typs. Nur befindet man sich nicht unter der Erde, sondern mehrere Stockwerke darüber. Schmucklose Gänge, Halogenlicht, Abteile aus Blechwänden, jeweils mit Vorhängeschloss. Von außen sind diese Gebäude voluminöse, gesichtslose Kästen an vielbefahrenen Straßen. Drinnen säuselt Musik durch die Gänge. „Damit sich die Kunden nicht einsam fühlen beim Ein-und Ausräumen „, sagt Christian Beiglböck, MyPlace-Manager in Wien. Der Standort ist einer von mittlerweile 46 in Österreich , Deutschland und der Schweiz, fünf weitere sind in Bau, drei in Planung. Gegründet wurde MyPlace 1999 vom Wiener Unternehmensberater Martin Gerhardus, kurz nach der Gründung stiegen die Brüder Herbert und Harald Hild in die Betreibergesellschaft Selfstorage – Dein Lager Lagervermietungs GmbH ein (später kam vorübergehend auch die Immofinanz-Gruppe hinzu). Das Geschäft läuft. Die Firma beschäftigt mittlerweile 165 Menschen und schreibt knapp 50 Millionen Euro Umsatz jährlich. Das Geschäftsjahr 2017/2018 schloss mit einem Nettogewinn nach Steuern in der Höhe von 13,3 Millionen Euro, im Jahr davor waren es 11,46 Millionen Euro gewesen und im Jahr davor 11,67 Millionen. MyPlace war der erste Anbieter seiner Art in Österreich, ist aber längst nicht mehr der einzige. Auf dem österreichischen Markt ist eine Reihe von Mitbewerbern entstanden, mit Namen wie „Localstorage“ oder „Extraspace“. Manche bieten wie MyPlace Abteile in Gebäuden an, bei anderen, wie dem Anbieter „Easy Storage“, kann man Container mieten.

Das 2016 gegründete Start-up Storebox zum Beispiel, ebenfalls ein österreichisches Projekt dreier Jungunternehmer, verfügt bereits über rund 25 Filialen in Wien und dem Umland. Im vergangenen Oktober ist die Signa Holding des Tiroler Immobilienmagnaten René Benko bei Storebox eingestiegen; um kolportierte fünf Millionen Euro erwarb Benko 20 Prozent des Unternehmens. Für heimische Start-up-Verhältnisse ein großer Deal. Was Leute einlagern und warum, erzählt viel über die Mobilität der Menschen und deren Lebensweise in den Städten. Mit dem „Phänomen Selfstorage“ befasst sich nun auch eine höchst sehenswerte Ausstellung im Wien-Museum, die am 14. Februar anläuft (im Ausweichquartier in der Felderstraße in der Wiener Innenstadt, weil das Haupthaus am Karlsplatz renoviert wird).

Die Schau fügt sich ins Bild. Rund um die Themen Aufräumen und Ausmisten ist in letzter Zeit eine regelrechte Beratungsindustrie entstanden. Im Internet findet man haufenweise Tipps fürs richtige Aussortieren von Kleiderschrank bis Bücherregal. Ob Wüstenrot-Versicherung, Versandhaus Otto oder Frauenzeitschrift „Brigitte“: Alle bieten Hilfe. Dazu kommt eine viel diskutierte Doku-Serie auf der Streaming-Site Netflix: In „Aufräumen“ hilft die Japanerin Marie Kondō, Bestsellerautorin von Ratgeberbüchern, Leuten beim Ausmisten -mit nachgerade religiöser Hingabe. In andächtiger Langsamkeit sprechen die Protagonisten Abschiedsworte zu den Dingen, ehe sie diese weggeben. Botschaft: Wer seine Wohnung von überflüssigen Sachen befreit, befreit auch seine Seele. Wer sich noch nicht ganz so weit fühlt, kann sich sein Zeug zumindest vorerst vom Hals schaffen, indem er es einlagert. Im Kellerabteil. Oder eben im angemieteten Lager. Drei bis fünf Quadratmeter sind diese gemeinhin groß. Meist mieten sie die Kunden für ungefähr eineinhalb Jahre, sagt MyPlace-Gründer Martin Gerhardus. Kosten für ein durchschnittliches Abteil: grob 100 Euro monatlich, je nach Lage und Auslastung. Was Leute so einlagern?“Im Wesentlichen Hausrat und Dinge, von denen man sich nicht trennen will“, so Gerhardus. „Das können Ski sein, das Kinderbett von der Großmutter, die alte Plattensammlung.“ Gerhardus schätzt, dass der Selfstorage-Markt im deutschsprachigen Raum jedes Jahr um fünf bis sieben Prozent zulegt – wobei die Deutschen noch einlagerungsfreudiger seien als die Österreicher.

Die Gründe für das rasche Wachstum haben nicht nur mit dem Bedürfnis nach Minimalismus à la Marie Kondō zu tun, sondern auch mit handfesteren Entwicklungen: Die Lebensweise der Menschen in großen Städten ändert sich rasant.

Foto: Klaus Pichler/Wien-Museum

Der Raum wird knapper und folglich teurer. In Wien zum Beispiel ist die durchschnittliche Miete inklusive Betriebskosten pro Quadratmeter seit dem Jahr 2007 um beachtliche 37 Prozent gestiegen, auf 7,78 Euro im Jahr 2017. Bei Wohnungseigentum beträgt die Preissteigerung im selben Zeitraum laut Oesterreichischer Nationalbank gar 89 Prozent. Viele Städter müssen deshalb mit kleineren Wohnflächen vorliebnehmen, die weniger Stauraum bieten. Im Jahr 2011 fand im Wohnungswesen der Hauptstadt eine Zeitenwende statt: Erstmals seit einem halben Jahrhundert stieg die durchschnittliche Wohnfläche pro Bewohner nicht mehr an, sondern sank. Derzeit steht sie laut Statistik Austria bei 34 Quadratmetern, 2011 waren es noch 38.

Aus der zunehmenden Knappheit ergeben sich bauliche und gesetzliche Veränderungen. So hat das lukrative Geschäft, Dachgeschosse auszubauen, Lagerflächen unter Dachstühlen stark reduziert. Um mehr leistbaren Wohnraum zu schaffen, nimmt die Stadtregierung auch Veränderungen in der Bauordnung vor, die den Stauraum weiter schmälern. So fiel im Jahr 2008 der Passus, wonach jede Neubauwohnung über einen Abstellraum verfügen muss. Auch auf Kellerabteile darf heute verzichtet werden. Außerdem sind die Städter äußerst mobil unterwegs: Im Jahr 2017 gab es in Wien ganze 366.000 Wohnsitzwechsel -heißt: Jeder fünfte Bewohner der Stadt zog in diesem Jahr um.

Kein Wunder, dass die Selfstorage-Lager boomen – wenngleich nur in Ballungsräumen. Das Stadt-Land-Gefälle ist wenig überraschend stark, im ländlichen Raum ist die Platznot nicht annähernd so ausgeprägt. Elf der 13 österreichischen MyPlace-Lager stehen in Wien, je eines in Graz und in Linz. Wer in die Lagerabteile blickt, wird „ganze Schichten an Erinnerungen übereinander“ entdecken , erzählen Martina Nußbaumer und Peter Stuiber, Kuratorinnen der Ausstellung im Wien Museum. Sie haben recherchiert, wofür genau Menschen ihre Abteile nutzen (siehe Fotos). Sie sind zum Beispiel auf einen Jazz-Musiker gestoßen, der berufsbedingt häufig aus dem Koffer lebt – und Kompositionen und Aufnahmen aus Jahrzehnten im Storage-Abteil bunkert. Oder die Frau, die ihre komplette Familiengeschichte dort verstaut hat: von den Fotos der Großmutter beim Wörther-See-Urlaub in den 1930er-Jahren bis zu den selbst gebastelten Schultüten beim Volksschuleintritt ihrer Kinder, ein halbes Jahrhundert später.

Miranda M., Wienerin, legte sich nach einem Umzug in eine kleinere Wohnung vor einigen Jahren ein Selfstorage-Abteil zu. Darin hat sie ihre Familiengeschichte verstaut: von Fotoalben ihrer Großeltern, die im Jahr 1945 als Deutschsprachige aus Brünn fliehen mussten, bis zu einer Puppe, die sie 1995 ihrer vierjährigen Tochter schenkte.
Foto: Klaus Pichler/Wien-Museum

Weil der Platz in den Städten so bald nicht wieder zunehmen wird, darf man der Selfstorage-Branche auch in Zukunft Zuwächse voraussagen. Die Tendenz geht allerdings weniger in Richtung kastenartige Großlager, wie MyPlace sie betreibt. Sondern eher zu Lagern nach Art der jungen Firma Storebox: Dieses Unternehmen gründet seine Filialen in zuvor leerstehenden Erdgeschosslokalen -und von denen gibt es eine ganze Menge. Die Zahl der Storebox-Filialen, die von außen mit knallbunter Folie beklebt sind, wächst rasant. Nur drei Jahre nach Gründung findet man sie in Wien, St. Pölten, Salzburg, Linz, Mainz, München und Berlin. Nachteil des Geschäftsmodells: Zugepickte Erdgeschosslokale bereichern das Straßenbild nicht gerade. Vorteil: Man ist extrem nahe dran am Kunden. Es ist fast so, als habe man einen eigenen Keller, nur muss man eben bezahlen.

Und was, falls Selfstorage-Benutzer nicht zahlen? Davon handeln in den USA ganze Fernsehserien. Dort hat sich unter den Unternehmern der Branche die Praxis eingebürgert, den Inhalt von Selfstorage- Lagern nach einer Wartefrist zu versteigern. Die Bieter wissen jedoch nicht, was sich im Abteil befindet. Doku-Soaps wie „Storage Wars“ handeln davon, wie glückliche Auktionsteilnehmer auf millionenschwere Schätze stoßen. Oder doch eher auf Gerümpel.

In Österreich erlaubt das Gesetz keine Versteigerungen, sagt MyPlace-Manager Christian Beiglböck. Aber dass Kunden nicht bezahlen, käme trotzdem immer wieder vor. In diesem Fall gibt es mehrere Kontaktaufnahmeversuche und eine 90-tägige Frist. Bleibt alles ergebnislos, wird das Abteil geöffnet. Die darin befindlichen Dinge werden entweder weggeworfen oder, falls sie Wert haben, durch spezialisierte Verwertungsunternehmen verkauft. „Aber so lang ich mich erinnere, war noch nie etwas Wertvolles dabei“, sagt Beiglböck. „Nur Müllsäcke mit Gewand, Bügelbretter, alte Möbel.“

Renata Werdung verfügt über ein Drei- Quadratmeter-Abteil, seit 2009 infolge eines Umzugs der Platz für ihre Kleidung nicht mehr reichte. Sie verwendet es wie einen begehbaren Kleiderschrank. Die Ex-Journalistin und Werbefachfrau besucht gern Veranstaltungen wie die Salzburger Festspiele. Die dazugehörigen Abendkleider hängen im Mietlager.
Foto: Klaus Pichler/Wien-Museum

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Der Unartige

Aus dem profil 06/2019 vom 3.2.2019

Der Unartige

Was andere wollen, hat der Unternehmer Michael Tojner im Überfluss: Geld, Einfluss – und gute Rechtsanwälte. Als Student verkaufte er Eis, handelte mit Möbeln und Mixern. Heute kauft er Immobilien und Firmen und sorgt immer wieder für Kontroversen. Porträt eines Grenzgängers.

Der 2. April 2016 war für Michael Tojner ein erkenntnisreicher Tag. Ihm widerfuhr etwas, wofür er kein besonderes Talent hat: verlieren -noch dazu vor Publikum. Der Unternehmer hatte 300 enge Freunde zu einer Party ins Wiener Kasino am Schwarzenbergplatz geladen, um seinen Fünfziger zu begehen. Er ahnte nicht, dass seine Ehefrau Renate für den Höhepunkt des Abends sorgen würde. Sie hatte in aller Heimlichkeit die Comedy-Truppe um Robert Palfrader für einen Auftritt gebucht, der verdutzte Gatte bekam eine Privataudienz beim Kaiser. Nachdem dieser sich durch Tojners Vita geblödelt hatte, bat er den Jubilar zur Nagelprobe. Doch der Kaiser spielte falsch. Er ließ sich zu einem kleinen Nagel einen sehr großen Hammer bringen, Tojner hingegen bekam zu einem großen Nagel einen winzig kleinen Hammer. Der Ausgang war absehbar. Der Betrogene soll die Niederlage nonchalant erduldet haben, wie Anwesende amüsiert berichten.

Nein, Michael Tojner verliert nicht gern – nicht einmal zum Spaß.

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der es nicht ohne Grund auf die Titelseite von profil geschafft hat. Tojner darf für sich in Anspruch nehmen, eine bemerkenswerte Karriere hingelegt zu haben. Er ist einer der erfolgreichsten Unternehmer des Landes. Er hat aus dem Nichts eine ansehnliche Industrieund Immobiliengruppe emporgezogen und damit ein Vermögen begründet, das zumindest rechnerisch einige Generationen nach ihm versorgen könnte. Ein Selfmade-Typ par excellence. „Michael hat die Gabe, Chancen in ihrer wahrer Dimension zu erkennen. Er hat den Zug zum Tor“, schwärmt Tojners Rechtsberater Wolfgang Brandstetter, Verfassungsrichter, ehemaliger Justizminister und ÖVP-Vizekanzler. Brandstetter ist Tojner seit langer Zeit verbunden, schon seine Eltern waren mit jenen von Tojner befreundet.

Dies ist auch die Geschichte eines Mannes, der riskiert, provoziert und polarisiert. Im Geschäftsleben gilt er als obsessiv, unberechenbar, unbequem, zuweilen unartig; als einer, der Grenzen austestet und Gesetze grundsätzlich nicht als Hürde begreift, eher als Herausforderung. Manche nennen ihn schlicht skrupellos.

„Auf zwei Freunde kommen acht Feinde“, hat Tojner einmal über Tojner gesagt und wertete das durchaus als Leistungsausweis.

Der Rechtsanwalt Wolfgang Hofer, Gründer und Partner der angesehenen Wiener Kanzlei Grohs Hofer, hatte mit Tojner geschäftlich zu tun. Hofer sitzt unter anderem im Vorstand der Industriestiftung B & C, wo Tojner zuletzt den Fuß in die Türe bekommen wollte. Der Anwalt hat den Kontrahenten nicht in allerbester Erinnerung: „Zu Tojners Fehlern zählt sicher nicht, dass er zu viel Wort hält“, feixt Hofer.

Michael Tojner hat jedenfalls ein Händchen fürs Geld. Als Student verkaufte er Eis im Park des Schlosses Schönbrunn, als Mittfünfziger gehört er zu den Bestsituierten des Landes. Laut dem Wirtschaftsmagazin „trend“ liegt Tojners Vermögen mittlerweile jenseits der Milliardengrenze. Er ist am Wiener Auktionshaus Dorotheum beteiligt und Gründer der Montana Tech Components, einer Schweizer Unternehmensgruppe, an der mehrere Firmen mit Standorten in 20 Ländern und insgesamt 7000 Arbeitsplätze hängen: Aluminiumverarbeitung, Maschinenbau, Verpackungsmaterial, Energiespeicher. Stolz der Gruppe ist der Batterienhersteller Varta, den Tojner der deutschen Industriellenfamilie Quandt (BMW, Altana) und der Deutschen Bank 2007 abkaufte.

In seiner Wertinvest hat er zudem ein ansehnliches Immobilienportfolio angehäuft, zu welchem unter anderem Liegenschaften in Manhattan, Zinshäuser in Wien und Deutschland, ein ehemaliges Kloster in Niederösterreich und das Wiener Hotel Intercontinental gehören. Das Intercontinental war es auch, das Tojner einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Seit Jahren sorgt sein Wiener „Heumarkt-Projekt“ für Kontroversen und böse Gerüchte. Tojner will den alten Intercont-Kasten abreißen und auf einem Areal, das den traditionsreichen Wiener Eislaufverein umfasst, zwei neue Kästen errichten: ein Hotel und einen 66 Meter hohen Wohn-und Geschäftsturm. Tojner hat es -wie auch immer – geschafft, die rot-grüne Stadtregierung im Allgemeinen und die scheidende grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou im Besonderen für das Hochhaus-Projekt einzunehmen – ungeachtet der Tatsache, dass Wiens Weltkulturerbe-Status damit gefährlich ins Wanken gerät. Auch das ist Michael Tojner. Wo der Unternehmer auftaucht, bleibt Ärger selten aus. Man kann es auch flapsiger ausdrücken: Tojner ist jemand, der sich wenig scheißt. Das war zumindest bisher so.

Wien, 23. Jänner 2019. Tojner empfängt profil zu einem Interview im Dachgeschoss des „Varta“-Hauses am Wiener Getreidemarkt. Von hier aus dirigiert er seine weitläufigen Unternehmungen und Besitzungen. Der stilsicher eingerichtete Konferenzraum mit seinen wuchtigen dunklen Vintage-Armchairs könnte als Kulisse für einen frühen James-Bond-Streifen gedient haben – nur dass in diesem Fall nicht ganz klar ist, wer am ausladenden Konferenztisch Platz zu nehmen pflegt. Ist es 007, der smarte Typ mit der „License to kill“? Oder doch Auric Goldfinger, der exzentrische Milliardär, von Beruf Bösewicht?

An diesem Nachmittag ist Tojner keiner von beiden. Die Anspannung der vergangenen Tage ist ihm anzusehen, die ihm eigene Robustheit im Auftreten kaum zu spüren. Tojner hat Probleme mit dem Land Burgenland. SPÖ-Finanzlandesrat Hans Peter Doskozil, designierter Nachfolger von Landeshauptmann Hans Niessl, hat ihn und vier andere Personen angezeigt – Verdacht des Betruges und Untreue. Tojner soll das Land 2015 um einen Betrag in einer Größenordnung von 40 Millionen Euro geprellt haben. Es geht um vermutete Unregelmäßigkeiten rund um die Aberkennung der Gemeinnützigkeit zweier Wohnbaugenossenschaften und die Rolle mehrerer Treuhänder, die für Tojner tätig gewesen sein sollen (profil berichtete ausführlich). Der Angezeigte bestreitet die Vorwürfe -im Verlauf des Gesprächs wird er immer wieder darauf hinweisen, dass er nicht nur die Verantwortung für sechs Kinder trage, sondern auch für Tausende Mitarbeiter.

In Deutschland steht für ihn mittlerweile einiges auf dem Spiel. Die Varta-Gruppe will expandieren, sie drängt ins Geschäft mit Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos. Erst vor wenigen Wochen verkündete der Varta-Vorstandschef gemeinsam mit der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin den Start eines Forschungsprojekts am Standort Ellwangen. Das Land Baden-Württemberg und das Bundesforschungsministerium haben bis zu 35 Millionen Euro an Förderungen zugesagt.

Wenn der Varta-Hauptaktionär und Aufsichtsratsvorsitzende Tojner eines im Moment überhaupt nicht brauchen kann, dann den öffentlichkeitswirksamen Vorwurf, ein österreichisches Bundesland um Steuergeld betrogen zu haben. „Diese medial vorgetragene Rufschädigung ist nicht akzeptabel“, sagt Tojner, hörbar entrüstet: „Es ist doch höchst befremdlich, dass man hier an die Öffentlichkeit gegangen ist, ohne dem Betroffenen die Gelegenheit zu einer Stellungnahme zu geben.“(Das Interview erschien in der profil-Ausgabe der Vorwoche.)

Tojner wird außerdem ein flammendes Interesse an der Funktion des Präsidenten des SK Rapid Wien nachgesagt. Er ist ein bekennender Fan, hat im Allianz-Stadion eine „Varta“-Loge, sponsert den Nachwuchs und sitzt im Beirat der SK Rapid Wien GmbH – gemeinsam mit Hans Peter Doskozil. Beide haben ihr Mandat im Beirat mittlerweile ruhend gestellt. So wird man schwerlich Präsident. Michael Tojner, der Unverwundbare, ist verwundbar geworden.

1) Wer ist Michael Tojner?

Heuschrecke. Tojner mag dieses Wort nicht. „Das ist eine Frechheit für das, was ich mache“, sagte er in der Wiener Wochenzeitung „Falter“ im Jahr 2013. „Ich war immer ein Unternehmens-und Projektentwickler.“

Grenzgänger. Auch dieses Wort mag Tojner nicht. „Ich bin Entrepreneur, kein Grenzgänger. Ich weiß, was ich tue, auch in meiner finstersten Stunde“, sagte er in der Tageszeitung „Der Standard“ 2017. Das Wirtschaftsmagazin „trend“ bezeichnete ihn

als „Geldnase“. Das komme einer „Verhöhnung“ gleich, wie er der Redaktion in einem Leserbrief ausrichtete. Das ist 20 Jahre her; Tojner war damals 32. Zocker. Auch die Zuschreibung auf der Titelseite dieses Magazins wird er nicht mögen. Wenn Michael Tojner in den Spiegel blickt, dann sieht er einen gänzlich anderen: den doppelten Doktor der Rechtswissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre; den Titularprofessor der Wiener Wirtschaftsuniversität; das Vorstandsmitglied der Wiener Industriellenvereinigung; den Herausgeber und Autor wirtschaftswissenschaftlicher Abhandlungen; den Veranstalter politischer Diskussionsreihen; den Freund und Förderer von Kunst, Architektur und Sport; den Ästheten; den Familienmenschen.

Fremdbild-Selbstbild. Das ewige Dilemma. Tojner wurde 1966 im oberösterreichischen Steyr geboren, Kindheit und Jugend verbrachte er im niederösterreichischen Haag. Jüngster von drei Brüdern, einer wurde später Lehrer, wie die Mutter, ein anderer Installateur, wie der Vater. Tojner zog es nach der Matura 1984 am Bundesrealgymnasium Amstetten zum Studium nach Wien. Später erzählte er, dass der Vater ihm den Traum, Architekt zu werden, nicht vergönnte. „Willst du später einmal in Wien Taxi fahren? Studier was Gscheits.“ Tojner inskribierte an der WU, später auch am Juridicum. Mitte 20 war er DDr. – und obendrein Millionär, wenn auch nur in Schilling. Vorerst.

Die Geschichte vom Eisverkauf in Schönbrunn darf in keinem Tojner-Porträt fehlen. Sie ist fester Teil eines sorgsam gepflegten Gründermythos und geht so: Noch als Student hatte Tojner der Schlosshauptmannschaft die Erlaubnis für den Betrieb mobiler Eisstände abgerungen. Mit geborgtem Geld schaffte er eine kleine Eiswagenflotte an, die er im Schlosspark auffahren ließ; später kamen Souvenirs hinzu. „Die erste Million kam en passant. Als ich sie bei einem Blick auf meinen Kontostand registrierte, war das ein starkes Gefühl“, verriet Tojner dem Wirtschaftsmagazin „Format“ 2005. Es blieb nicht bei einer Million Schilling. Tojner verbreiterte sein Geschäftsmodell als Lokal-Betreiber („Mekka“, „Bar Italia“), Möbelhändler („Loft“) und Elektrogeräteexporteur („Trend AG“). Ende der 1990er-Jahre fing er mithilfe der Meinl Bank an, Geld bei Investoren einzusammeln, um in aufstrebende Unternehmen zu investieren, woraus sich sein Investmenthaus Global Equity Partners entwickelte.

Diese Phase in seinem Leben war es auch, die ihm den hartnäckigen Ruf des Glücksritters, der Heuschrecke eintrug. Mehr als 50 Unternehmen will Tojner im Lauf der Jahre gegründet und/oder geund verkauft haben; der Wettanbieter bwin war eines davon. Und nicht immer ging Tojners Wirken gut für alle Beteiligten aus. Er habe damals „sehr viele unzufriedene Anleger zurückgelassen“, sagte der Anlegerschützer Wilhelm Rasinger kürzlich in einem „Standard“-Interview. Tojner selbst sei bei diesen Konstruktionen hingegen „immer auf der Butterseite gelandet“.

Da passt es gut ins Bild, dass er ein Detail in seiner Vita nicht allzu offensiv kommuniziert. Schon die Geschichte mit dem Eisverkauf in Schönbrunn, sein erstes geschäftliches Abenteuer überhaupt, hatte im Unfrieden geendet.

2) Das Leben, ein Grenzgang

Stein des Anstoßes war das Preis-Leistungs-Verhältnis. Drei Kugeln Eis um 35 Schilling, das wollte Schönbrunn irgendwann nicht mehr tolerieren. Überdies wurden aus den zunächst mobilen Eiswagen feste Kioske. „Die Standln sind alle illegal errichtet“, polterte 2000 Wolfgang Kippes, damals Schönbrunn-Geschäftsführer. Die Causa landete vor Gericht; 2001 war Tojner aus dem Geschäft raus.

Der Rechtsweg ist dem Juristen wohlvertraut. „Michael war ein exzellenter Jus-Student, er hätte auch eine akademische Karriere einschlagen können“, erzählt Wolfgang Brandstetter. Bei Tojner selbst hört sich das so an: „Als ich Wirtschaft studiert habe, hat Professor Doralt, einer der ganz großen Rechtsexperten, zu mir gesagt: Tojner, Sie sind zu schade für die Wirtschaftsuniversität, studieren Sie Jus.“ Er habe dann am Juridicum alle Prüfungen des ersten Studienabschnitts innerhalb eines Monats abgelegt und Römisches Recht mit „Sehr gut“ bestanden. Herbert Hausmaninger, langjähriger Ordinarius der Universität Wien, wollte ihn daraufhin als Universitätsassistenten engagieren. Tojner: „Ich kann ohne Anwalt eine Varta AG kaufen. Ja, ich habe ein juristisches Feingefühl.“

Und er weiß es zu nutzen. Tojner hat ein Geschäftsmodell daraus gemacht, gesetzliche und vertragliche Grauzonen und Lücken auszureizen. Dieses Muster zieht sich seit dem ersten Schönbrunner Eiswagen durch seine professionelle Vita. Schon in den 1990er-Jahren sah er sich mit Beschwerden erboster Anleger konfrontiert, die ihm anlasteten, als Fondsmanager unanständig hohe Gebühren verlangt zu haben. 2012 brachten sich Investoren seiner Schweizer Montana Tech in Stellung. Tojner wurde mangelnde Transparenz und die Ungleichbehandlung von Aktionären vorgeworfen.

Oder die Causa Gemeinnützige. Tojner steht im Verdacht, mit Steuergeld geförderte Sozialwohnungen günstig in seinen Besitz gebracht und versilbert zu haben – wobei er Schwächen des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes ausgenutzt haben soll (was Tojner allerdings vehement bestreitet).

Schließlich die Causa B &C Privatstiftung. Dabei handelt es sich um ein einst mit der Bank Austria verbundenes Industriekonglomerat, das unter anderem Beteiligungen an Amag, Lenzing und Semperit umfasst. Tojner wollte eine Unschärfe im Stiftungsrecht dazu nutzen, Zugriff auf die Stiftung und deren Vermögen zu bekommen. Daraus wird nun zwar nichts, doch es deutet einiges darauf hin, dass Tojner selbst an dem Versuch verdienen wird. Tatsächlich hat Tojner sich bei der italienischen Bank- Austria-Mutter UniCredit vertragliche Rechte gesichert, die ihm der Vorstand der B & C Stiftung jetzt teuer abkaufen will -oder muss.

Die Unternehmerin Eva Dichand, Herausgeberin der Gratiszeitung „Heute“ und wie Tojner am Dorotheum beteiligt, sagte einmal über ihn: „Er ist ein unglaublich geschickter Verhandler. Er schlichtet einen Konflikt, alle sind zufrieden, und 24 Stunden später kommt man drauf: Hoppla, das war ja ganz zu seinem Vorteil.“

3) Wer bremst, verliert

Fleißig, ehrgeizig, höchst kompetitiv. Erkundigt man sich nach den auffälligsten Charaktereigenschaften des Michael Tojner, werden zuverlässig diese Attribute genannt. Beim alljährlichen Firmenwochenende am Traunsee, zu dem Führungskräfte von Montana und Wertinvest aus aller Welt zusammenkommen, steht auch ein Fußballmatch gegen die örtliche (ziemlich fitte) Seniorenmannschaft fix auf dem Programm. „Wenn Michael ein Tor schießt, atmen alle auf. Dann ist das Wochenende gerettet“, sagt ein Mitarbeiter. Überhaupt der Sport. Kicken, Boxen, Biken, Heli-Skiing, Kitesurfen, Wasserski, Mucki-Bude -Tojner ist ein Fitness-Junkie und legt es gern auf Wettbewerb an.

19. Jänner 2019, der Nobelskiort Lech am Arlberg. Ein Event ganz nach Tojners Gusto: „Der Weiße Ring“, ein Skirennen für Hobbysportler. 22 Kilometer Abfahrten, 5500 Höhenmeter, rund 1000 Teilnehmer. Tojner tritt im Viererteam an. Am Ende schaffen es Tojner und Sportsfreunde (die Unternehmer Martin Ohneberg und Friedrich Niederndorfer sowie die Ex-Rennläuferin Katrin Gutensohn) auf Rang 23 von 68 Klassierten -aber das wirklich Entscheidende: In seinem Team war Tojner der Schnellste.

Tojner ist eine Kämpfernatur, die über einen langen Atem verfügt. Das zeigt auch die Geschichte rund um sein umstrittenes Hochhaus-Projekt am Wiener Heumarkt, welches er trotz vieler Widerstände und Ungereimtheiten durchziehen will. Auf dem Areal mit dem in die Jahre gekommenen Hotel Intercontinental und dem Wiener Eislaufverein möchte er sich offenbar ein Denkmal setzen -entworfen vom brasilianischen Stararchitekten Isay Weinfeld. Ein Freund von Tojner erzählt: „Ich habe ihm einmal gesagt, nimm halt zwei Stockwerke weg von dem Turm, dann sparst du dir den Ärger. So schön ist die Hüttn jetzt auch nicht.“ Tojner konnte darüber gar nicht lachen.

4) Wen kennt Tojner – und wer kennt ihn?

Die Wiener Straßenzeitung „Augustin“ hat Tojner jüngst porträtiert und dem Artikel ein Organigramm beigestellt, das sein „Netzwerk“ zeigt. Da finden sich Namen wie Hanno und Erwin Soravia, Andritz-Chef Wolfgang Leitner, KTM-Chef Stefan Pierer, „Krone“-Chef Christoph Dichand, Martin Ohneberg, Claus Raidl – und Sebastian Kurz. Tojner, wird kolportiert, sei neben Pierer einer von Kurz‘ wichtigsten Financiers sein, was Tojner hartnäckig bestreitet.

Wahr ist, dass Tojner mit vielen gut kann. Wahr ist aber auch, dass derlei Bündnisse nicht überbewertet werden sollten, da stets geschäftlicher Opportunismus mit im Spiel ist. Tojner gehört jedenfalls nicht zum Typus Netzwerker, der auf Festen systematisch wichtige Leute abgrast und mit Politikern und Künstlern für Bussi-Bussi-Fotos posiert.

Nur einmal im Jahr besucht er eine publikumswirksam-glamouröse Veranstaltung: den Philharmonikerball im Wiener Musikvereinsgebäude.

Im Umfeld des Geschäftsmanns findet sich vielmehr eine Riege immergleicher Mitstreiter und Gefolgsleute, mitunter seit Jahrzehnten. In Tojners Firmenimperium bekleiden sie zahlreiche Positionen, etwa in Aufsichtsräten.

Da wäre beispielsweise Friedrich Niederndorfer, Gründer des oberösterreichischen Sensoren-Unternehmens Abatec, das von Tojner gemeinsam mit dem KTM-Gründer Stefan Pierer übernommen wurde. Niederndorfer war anfangs auch maßgeblich an den gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften beteiligt, die nun im Burgenland für Auseinandersetzungen sorgen.

Da wäre auch Martin Ohneberg, Chef der Vorarlberger Industriellenvereinigung und der Henn GmbH, eines Herstellers von Schnellkupplungen. Nicht nur Ohneberg und Niederndorfer tauchen in Tojner-Unternehmen oftmals auf. Da wäre noch Franz Guggenberger, Rechtsanwalt der Wiener Kanzlei Hasch &Partner. Guggenberger ist unter anderem Beirat der Tojner-Holding Montana und Aufsichtsrat bei Varta.

Viele Bekanntschaften reichen weit zurück. Mit seinem langjährigem Freund Manfred Bodner, Gründer des Glücksspielkonzerns bwin, zog Tojner schon Anfang der 1990er-Jahre einen Versandhandel für Küchengeräte in Ungarn hoch. Der Wiener Rechtsanwalt Karl Liebenwein, der Tojner aktuell in seinem Streit mit dem Land Burgenland vertritt, stand bereits vor zwei Jahrzehnten juristisch an dessen Seite, als das Schloss Schönbrunn gegen Tojners Eisstände zu Felde zog. Und eben Wolfgang Brandstetter, Freund der Familie.

5) Wie man eine Chance nützt

Am Beispiel Varta, einst ein Batterie-Gigant in der baden-württembergischen Stadt Ellwangen, Deutschland. Die Varta AG stand früher geradezu stellvertretend für Batterien überhaupt. Varta-Batterien waren bei aufsehenerregenden Arktis-Expeditionen ebenso unerlässlich wie bei der Mondlandung 1969. In den 1990er-Jahren jedoch ging es mit Varta bergab, 2005 wurde das Unternehmen filetiert. Die Haushaltsbatteriensparte ging 2005 an einen US-Konzern, ebenso wie die Autobatterien. Als letzter Unternehmensteil blieben die sogenannten Mikrobatterien, die man in Uhren und Hörgeräte steckt. In dieser Sparte kriselte es besonders, kaufen wollte zunächst niemand. 2007 bekam Tojners Holding Global Equity Partners die Varta-Reste für 30 Millionen Euro.

Wie die Geschichte weitergeht? Varta expandierte in neue Geschäftsfelder wie Solarstromspeichersysteme und E-Auto-Batterien, der Mitarbeiterstand wurde annähernd verdoppelt. Seit Oktober 2017 wird die Varta-Aktie an der Börse Frankfurt gehandelt, der Börsenwert liegt aktuell bei 1,2 Milliarden Euro, Tojners Schweizer Montana Tech (er ist dort Hauptaktionär) hält noch 64 Prozent. Das entspricht einem Wert von rund 770 Millionen Euro – durchaus beachtlich für einen Betrieb, den Tojner ein Jahrzehnt zuvor um gerade einmal 30 Millionen erwarb.

6) Das Unmögliche möglich machen

Eines muss man Michael Tojner anstandslos zugestehen: Er schafft Dinge, die eigentlich nicht zu schaffen sind. Er besitzt zum Beispiel ein Haus am Wörther See und eines am Traunsee, Heimat seiner Frau. Ebenda steht ein Holzbau, inspiriert vom Salzkammergutstil. Unten gemauerte Einfahrten für Wasserfahrzeuge, darüber zwei Etagen mit Balkonen, Terrassen und großzügigen Fensterflächen; offener Kamin, die Küche mit einer Arbeitsplatte aus rotem Marmor, mehrere Schlafzimmer, gemütliche Leseecken, edle Holzböden. Interior Designer Hubert Bodner hat sich richtig ins Zeug gelegt. Der gegenüberliegende Traunstein zeigt sich in monumentaler Pracht.

In gewisser Weise ist dieses Haus jedoch ein Trugbild. Formell handelt es sich um ein Boots-und Clubhaus, Sitz des Traunkirchner Wasserskivereins – Obmann: Michael Tojner, Schriftführerin: Renate Tojner, Kassier: Friedrich Niederndorfer. Es ist nicht ganz einfach, Mitglied in diesem Verein zu werden. Er hat keine Website und keine Telefonnummer.

Frei verfügbare Liegenschaften an Salzkammergutseen sind bekanntlich gleichermaßen begehrt wie selten. Das gilt auch für den Traunsee. Man muss schon einigen Ideenreichtum aufbringen, um ein solches Refugium schaffen zu können.

Im Herbst 2005 hatte die Gemeinde das damals noch unbebaute Grundstück an eine Traunkirchen Tourismusentwicklungs GmbH verkauft. Gesellschafter waren Herr und Frau Tojner sowie deren Bruder Wolfgang Gröller, Hotelier im Ort. Ein Jahr später wurde die Baubewilligung „zur Errichtung eines Bootshauses mit Clubräumen für die Wasserskischule Traunkirchen“ erteilt.

Da steht es nun, das Clubhaus, auf das von außen nicht viel mehr hinweist als ein schlichtes Schild auf einem schmiedeeisernen Tor: „Wasserskiclub“.

Wie hält es der Club-Obmann mit dem Wasserskifahren am Traunsee, fragte profil anlässlich des Interviews vergangene Woche. Michael Tojners Antwort: „Ich gehe sehr viel Wasserski fahren, aber nicht am Traunsee, sondern am Wörther See. Am Traunsee gehe ich kitesurfen.“

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Reden wir über … Essiggurkerl

Aus dem profil 05/2019 vom 27.01.2019

Klaus Hraby, Geschäftsführer des oberösterreichischen Lebensmittelunternehmens Efko, über die Löhne von Erntehelfern – und warum Karamell-Gurkerl am Markt nachgefragt werden, zitronige aber nicht.

Interview: Joseph Gepp
Foto: Monika Saulich

Der 60-jährige Niederösterreicher Klaus Hraby arbeitet seit sechs Jahren als Geschäftsführer bei Efko. Hraby begann seine Karriere beim Fruchtsaft-Hersteller Yo und ist seit Jahrzehnten in der Lebensmittelindustrie tätig. Efko steht für „Eferdinger Kostbarkeiten“. Die GmbH aus dem oberösterreichischen Hinzenbach bei Eferding produziert knapp die Hälfte der österreichischen Essiggurkerl. Sie geht auf eine Gartenbaugenossenschaft zurück, die im Jahr 1941 gegründet wurde. Heute beschäftigt die Unternehmensgruppe 602 Mitarbeiter und verarbeitet jährlich rund 20.000 Tonnen Sauergemüse und Obstkonserven. Efko gehört zu 51 Prozent der Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich und zu 49 Prozent einem Verbund von Landwirten.

Foto: Monika Saulich


profil: Herr Hraby, Ihr Unternehmen hat eine Abteilung für Produktentwicklung. Was gibt es bei Essiggurkerln noch zu entwickeln?


Hraby:
Auch wenn sie auf den ersten Blick profan erscheinen, stecken durchaus Technologie und Know-how dahinter. Mit Blick auf die landbauliche Seite wäre uns die Lösung einer Herausforderung wichtig: Die Gurkenernte ist eine sehr personalintensive Tätigkeit. Viele Landwirte haben Probleme, Erntehelfer zu finden. Wir wünschen uns deshalb einen Gurkerlernteroboter. In Deutschland wird daran schon geforscht; für Erdbeeren gibt es bereits Prototypen. Bis zur Serienreife wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Eine weitere Frage ist die Entwicklung neuer Rezepturen.

profil: Der Gewürzmischung, in der die Gurkerl schwimmen?


Hraby:
Da gibt es Klassiker, an denen wir nie etwas ändern. Wenn wir an unserer klassischen Delikatessgurke herumdoktern, trudeln auf der Stelle Reklamationen von eingefleischten Efkoianern ein. Das kommt am nächsten Tag. Aber es gibt auch Essiggurkerl-Varianten, bei denen Experimente möglich sind: etwa scharfe Gurkerl, solche mit Meersalz oder Blütenhonig. Für die kommende Saison haben wir ein Produkt in der Pipeline, das von konventionellen Geschmacksvarianten stark abweicht: Salted Caramell. Das haut wirklich auf den Tisch!

profil: Karamellgurkerl?

Hraby:
Unser Unternehmen muss dasjenige sein, das in der Kategorie Sauergemüse – also bei Gurkerln und anderem eingelegten Gemüse – mit neuartigen Kreationen Zeichen setzt. Immerhin sind wir mit 40 Prozent Marktführer in Österreich. Bei unseren Verkostungen stellen wir bei Salted Caramel fest: Die Hälfte lehnt es ab, die andere liebt es.

profil: Wie kommt man auf die Idee, Essiggurkerl mit Karamell zu versetzen?

Hraby:
Es geht auf einen Innovationskreis zurück, den wir im Jahr 2017 veranstaltet haben. Dabei wurde jede Projektgruppe von einem Mitarbeiter geführt, der nicht länger als ein Jahr im Unternehmen war. Da sind steile Geschichten rausgekommen. Komplett out of the box. Am Ende haben wir den Christbaum abgeputzt und die Ideen herausgefiltert, die Marktchancen haben könnten.

profil: Welche Ideen, die in solchen Zirkeln entstehen, fliegen raus?

Hraby: Es gibt mehrere, die nicht realisiert wurden. Aber vielleicht stecken da doch noch Ideen für die nächsten Jahre drin, deshalb verraten wir sie nicht.

profil: Gibt es Experimente, von denen Sie wissen, dass sie definitiv gescheitert sind?

Hraby:
Was wir in Tests versucht haben, ohne dass es zu einer Markteinführung kam, sind beispielsweise Gurkerl mit Zitrone. Wir dachten: Sowohl Zitrone als auch Gurkerl haben Säure und schmecken frisch – das passt doch gut. Aber in unseren Tests hat das nicht funktioniert, unter anderem, weil sich das Produkt bei längerer Lagerhaltung verfärbte.

profil: Wer verkostet Ihre Produkte bei solchen Tests?


Hraby:
Ein internes Team trifft sich wöchentlich.

profil: Ihr Klassiker ist ja besagte Delikatessgurke …

Hraby:
Ja, wobei, wie gesagt, da steht die Rezeptur seit 77 Jahren unabänderlich fest. Wasser, Essig, Gewürze, das ist es im Wesentlichen.

profil: Trotzdem sind Sie sicher der Meinung, dass die klassischen Efko-Gurkerln den Gurkerln Ihrer Mitbewerber vorzuziehen seien. Warum eigentlich?

Hraby: Zum einen stecken trotz aller Unabänderlichkeiten gewisse Besonderheiten in der Rezeptur. Die Mischung an Kräuteressenzen ist speziell. Darüber hinaus geht es aber auch um den Prozess. Im Sommer, in einem Zeitraum von ungefähr zwölf Wochen, werden unsere Gurkerl tagtäglich geerntet, angeliefert und sofort verarbeitet. Da muss alles reibungslos funktionieren. In unseren Kühlräumen steht die Rohware bis zur Verarbeitung höchstens einen Tag. Die kurze Zeitspanne ist wichtig für Qualität und Knackigkeit der Gurkerl. Bei diesem Prozess, also der optimierten Supply Chain, haben wir jahrzehntelange Erfahrung und viel Gespür.

profil: Manchmal findet man in einem Glas knackigere und weniger knackige Gurken. Warum?

Hraby:
Da steckt ein systemimmanentes Thema dahinter. Ab den frühen Morgenstunden wird geerntet. Bis ein Traktoranhänger voll mit rohen Gurken ist, dauert es gemeinhin einen halben Tag. Wenn die Temperatur im Sommer bei 35 Grad liegt, werden einige Gurken in diesem Zeitfenster etwas zu warm. Im Verzehr sind sie dann nicht mehr ganz so knackig. Wir kriegen über die Qualitätskontrolle am Werkseingang zwar viele raus, aber eben nicht alle. Das bereitet uns Kopfzerbrechen.

profil: Essen die Österreicher mehr oder weniger Essiggurkerl als früher?

Hraby: Das Essverhalten in Österreich hat sich verändert. Die klassische Jause am Abend findet weniger statt. Dabei hat man traditionell Gurkerl oder anderes eingelegtes Gemüse gegessen. Wir spüren das in Form eines leicht rückläufigen Marktvolumens. Wir konnten in den letzten Jahren unseren Marktanteil zwar ausbauen. Aber Fakt ist, dass der Markt für Sauergemüse stagniert, während beispielsweise mehr Frischgemüse als früher gekauft wird, genauso wie sogenanntes Convenience-Food, also vorgefertigte Produkte. Hier müssen wir dagegenhalten. Wir wollen junge Konsumenten ansprechen, etwa in sozialen Netzwerken. Wir sehen in Erhebungen, dass die Altersgruppe zwischen 18 und 24 zwar gerne Gurkerl isst, aber nur dann, wenn sie zu Besuch bei den Eltern ist. Von sich aus greifen die Jungen im Supermarkt selten zu Gurkerln. Deshalb wollen wir ein neues Bewusstsein schaffen. Übrigens: Sobald Kinder ins Haus kommen, werden die Gurkerl wieder mehr nachgefragt. Dann richtet man beispielsweise Brote für die Schuljause her. Und die Kinder essen die Gurkerl auch gerne.

profil: Teenager offenbar weniger. Wer Fast-Food- Lokale besucht, kann sie häufig dabei beobachten, wie sie Gurkerlscheiben mühselig aus ihren Hamburgern klauben.

Hraby: Wirklich? Mir wäre das nicht untergekommen. Würde ich so etwas sehen, würde ich sofort einschreiten!

profil: Stammen die Gurkerl in den Hamburgern auch von Efko?

Hraby: Nein, das sind Salzgurken, für die es für ganz Europa einen zentralen Lieferanten gibt, einen deutschen Betrieb. Wir führen aber in unserem Sortiment auch größere Glaseinheiten, die beispielsweise an Würstelstände und Heurigenlokale gehen, wo die Gurkerl als Beilage oder Garnitur kredenzt werden. Worum wir uns außerdem zentral bemühen, sind Feinkost-Theken in Österreichs Supermärkten. Es kann nicht sein, dass es dort eine Extrawurstsemmel ohne Efko-Gurkerl gibt. Da sind wir inzwischen recht erfolgreich unterwegs.

profil: Gurken werden seit jeher vor allem in Ostösterreich angebaut; der gebirgige Westen eignet sich klimatisch weniger dafür. Gibt es auch auch beim Gurkerl-Verzehr ein Ost-West-Gefälle?


Hraby:
Interessanterweise gibt es eines – noch dazu ein starkes – bei unserem Efko-Kartoffelsalat. Aber bei Gurkerln merken wir das nicht.

profil: Früher wurde Gemüse eingelegt, damit es lange haltbar bleibt und im Winter als Vitaminquelle zur Verfügung steht. Essen die Leute heute immer noch mehr Gurkerl zur kalten Jahreszeit?

Hraby: Ab Oktober legt der Verkauf um ungefähr 20 Prozent zu. Unser umsatzstärkster Monat ist der Dezember, auch deshalb, weil rund um Weihnachten zahlreiche Familienzusammenkünfte stattfinden, bei denen häufig Gurkerl zur Jause auf dem Tisch stehen. Wenn im Frühjahr die Frischgemüsesaison beginnt, lässt der Gurkerlverkauf wieder nach.

profil: Wo werden die Efko-Gurkerl angebaut?

Hraby: Regelrecht rund um den Kirchturm. Unsere Lieferanten sind maximal zehn Kilometer von unseren beiden Standorten in Österreich entfernt. Es sind Gemüsebauern mit 20 bis 40 Hektar Anbaufläche. Im Jahr 2018 hatten wir 15 Lieferanten, die circa 3800 Tonnen Rohware lieferten.

profil: 15 Lieferanten sind nicht viel.

Hraby: Vor 50 Jahren hatte Efko noch 600 Lieferanten. Das waren teilweise Leute, die in ihrem eigenen Garten Gurkerl angebaut haben. Zur Erntezeit haben sie ein Jutesäckchen auf ihr Fahrrad oder Moped gepackt und es hergebracht. Inzwischen hat sich der Prozess professionalisiert. Für einen Kleingartler zahlt sich das längst nicht mehr aus.

profil: Wer erntet die Gurken?


Hraby:
Um einen Gurkenflieger (siehe „Assoziationen“ weiter unten) zu bedienen, braucht man 25 Leute: einen Fahrer und 24 Pflücker. In Summe muss ein Landwirt während der zwölfwöchigen Erntezeit auf einen Pool von bis zu 35 Personen zurückgreifen können, um mit der maximalen Arbeitszeit pro Pflücker kein Problem zu bekommen. Diese müssen untergebracht und verköstigt werden; man muss Wäsche waschen und die medizinische Versorgung organisieren. Für einen Landwirt ohne Management-Erfahrung ist das eine Herausforderung, mit der er erst einmal zurechtkommen muss. Ein robustes Nervenkostüm ist auch kein Nachteil.

profil: Woher stammen die Erntehelfer?

Hraby: Meistens aus Osteuropa. Gurkenpflücker aus Österreich findet man fast keine. Das erste Ziel für unsere Bauern sind EU-Bürger aus Rumänien, Bulgarien oder Polen. Unter ihnen gibt es Leute, die jedes Jahr aufs Neue kommen, weil sie bereits seit Jahrzehnten pflücken und die Landwirte gut kennen. Aber neue Pflücker dazuzugewinnen, ist inzwischen auch im EU-Inland schwierig. Deshalb schauen sich die Landwirte in Drittstaaten um, im Kosovo oder der Ukraine. Die Beschäftigung dieser Leute ist aufwendig und bürokratisch – allein über die Arbeitsbewilligungen könnte ich stundenlang erzählen. Das Personalproblem gibt es nicht nur in der Gurkerlerzeugung, sondern im gesamten personalintensiven Landbau. Genauso wie Gurkerl muss beispielsweise auch jeder Eisbergsalat händisch geschnitten werden. Bei jedem Wetter, millionenfach, und in gebückter Haltung.

profil: Wie viel verdient ein Gurkenpflücker?

Hraby: Netto bleiben ihm 1200 bis 1400 Euro pro Monat, je nach Überstunden. Das ist im Landarbeiterkollektivvertrag geregelt. Kost, Logis und anteilige Sonderzahlungen sind auch noch zu berücksichtigen. Für die schwere Arbeit und für österreichische Verhältnisse ist das ein sehr niedriger Lohn. Aber für ukrainische Standards ist es gutes Geld. Deshalb funktioniert das System.

profil: Haben Sie Sorge, dass sich der Gurkenanbau in Österreich irgendwann nicht mehr rentiert, weil die Landwirte keine Arbeiter mehr finden oder weil es sich schlicht für sie nicht mehr auszahlt?

Hraby:
Das Problem ist, dass wir als österreichisches Erzeugnis gegen ausländische Billigproduzenten antreten müssen. Im österreichischen Handel findet man beispielsweise Gurkerl aus Indien. Sie werden mit riesigem CO2-Fußabdruck um den Globus transportiert. Und sie sind spottbillig, weil Arbeitskräfte in Indien fast nichts kosten. Gegen solche Mitbewerber müssen wir uns durchsetzen, mit unserer bekannten Marke und der österreichischen Herkunft unserer Gurkerl. Wir schauen, dass für unsere Landwirte eine Umsatzrendite von zwei bis fünf Prozent herauskommt. Das ist nicht wahnsinnig hoch, aber auch nicht nichts. Irgendwann könnte trotzdem die Gefahr drohen, dass die Bauern vom Gurkenanbau nicht mehr leben können. Gurkerl österreichischer Herkunft würden es dann nicht mehr geben. Aber so weit sind wir glücklicherweise noch lange nicht. Trotzdem: Wenn wir erfahren, dass ein Gemüsebauer unter unseren Lieferanten nicht aufhört, sondern der Betrieb von seinem Sohn weitergeführt wird, dann machen wir hier schon ein Fass Bier auf. Interview: Joseph Gepp

Fünf Assoziationen zum Thema Essiggurkerl:

„Sauregurkenzeit“
nennt man in Deutschland das Sommerloch, also jene Hitzewochen, in denen politisch, geschäftlich und medial wenig los ist. Woher der Begriff stammt, ist unklar. Möglicherweise hat er gar nichts mit Gurken zu tun, sondern ist eine Verballhornung des jiddischen „Zores“, was Ärger oder Wirrwarr bedeutet.

Der Gurkenflieger
ist jenes Gefährt, das zur Erntezeit langsam über die Gurkenfelder rollt. Auf seinen Flügeln liegen bäuchlings zwei Dutzend Pflücker, um die Gurken in mühevoller Handarbeit zu brocken. Das Gerät ähnelt entfernt einem großen Segelflugzeug.

Die Extrawurstsemmel mit Gurkerl ist eine Art österreichisches National-Fast-Food und Lieblingsspeise von Kommissar Rex. Ein Klecks Senf darf sein, Butter nicht.

Dass Schwangere gern Heißhunger auf Essiggurkerl haben, dürfte ein Mythos sein. Eine Befragung von 1000 Schwangeren in den Niederlanden im Jahr 2006 ergab, dass sie diese nicht häufiger essen als vor Beginn der Schwangerschaft.

Erwin Wurm hat Essiggurkerl zum Kunstwerk erhoben. 2008 verfertigte er „36 Selbstporträts als Essiggurkerl“, eine Installation aus Gurken, die in Akryl gegossen und hyperrealistisch bemalt waren.

Weitere Gespräche aus der Reden-wir-über-Reihe:

Reden wir über … Ziegel
Reden wir über … Klammermaschinen

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