Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Ärger für Tojner-Vertraute

Aus profil 28/2019 vom 9 vom 7.7.2019

In der Causa WBV-GFW bestätigt das Verwaltungsgericht den Bescheid der Stadt Wien, wonach Verkäufe der letzten Jahre rückabzuwickeln seien.

Von
Joseph Gepp
Christina Hiptmayr

Im September des vergangenen Jahres stellte die Stadt Wien, konkret SPÖ-Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál, einen heiß debattierten Bescheid aus. Die Eigentumsverhältnisse bei der gemeinnützigen Wohnbauvereinigung GFW, ehemals WBV-GÖD, müssen rückabgewickelt werden. Konkret sei im Firmenbuch wieder „der Stand vor dem 31.12.2008 auszuweisen“. Denn seit diesem Zeitpunkt, so der Vorwurf, sei bei sämtlichen Anteilsübertragungen nicht um Genehmigung angesucht worden, wie dies das Gesetz eigentlich vorschreibt.

Doch bis dato hatte der Bescheid keine Rechtskraft. Denn die Eigentümer des Unternehmens – es handelt sich unter anderem um den Tiroler Christian Hosp, einen Vertrauten des Immobilienunternehmers Michael Tojner – haben eine Beschwerde gegen den Bescheid eingebracht. Seither lag der Fall beim Verwaltungsgericht Wien. Dieses hat nun eine Entscheidung getroffen. Das Erkenntnis vom 25. Juni liegt profil exklusiv vor. Diesem zufolge gibt die zuständige Richterin der Stadt Wien in wesentlichen Punkten recht: entscheidende Anteilsübertragungen der vergangenen Jahre müssten rückgängig gemacht werden. Dazu die Vorgeschichte: Die ehemalige WBV-GÖD war 2003 von der ÖVP-nahen Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) an ein Konsortium um Michael Baumgartner und Stefan Gregorich verkauft worden. Im Jahr 2010 hatte Michael Tojner um 800.000 Euro eine Option erworben, die ihm direkt ein Vorkaufsrecht einräumte, ebenso wie das Recht, einen Käufer für die Anteile der Muttergesellschaft der GFW namhaft zu machen. Tojner schlug seinen engen Geschäftspartner Christian Hosp als Käufer vor. Dieser erwarb die Anteile im Jahr 2015 von Baumgartner und Gregorich. Die Muttergesellschaft der WBV-GFW wanderte zunächst an die Keystone Holding SA, danach an die Christian Hosp GmbH.

Letztere beiden Transaktionen müssten nun rückgängig gemacht werden.

Die Beschwerde gegen den Bescheid der Stadt Wien werde diesbezüglich „als unbegründet abgewiesen“.

Gregorich hatte Hosp als „Strohmann“ Tojners bezeichnet -was Hosp und Tojner stets entschieden zurückwiesen. Gregorich selbst widerrief später seine Behauptung. Franz Guggenberger, Rechtsanwalt und Vertrauter Tojners, sitzt darüber hinaus im Aufsichtsrat der GFW.

Die Causa WBV-GFW und ihre Verwicklungen waren auch immer wieder Gegenstand heißer Debatten in der Wiener Stadtpolitik. So forderte FPÖ-Wien-Chef Dominik Nepp erst am Freitag ein Aufrollen des Falls. Gegen das Erkenntnis des Verwaltungsgerichts jedenfalls kann vor dem Verwaltungsgerichtshof eine ordentliche Revision eingebracht werden. Die Betroffenen waren bis profil-Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

„Es geht nur nach oben oder nach unten“

Aus dem profil 23/2019 vom 2.6.2019

Es schadet der Umwelt. Und glücklich macht es auch nicht. Dennoch muss die Wirtschaft ständig weiterwachsen, meint der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger. Warum eigentlich? Ein Gespräch.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Die Beschäftigung mit dem Thema Wirtschaftswachstum liegt offenbar in der Familie. Bereits Hans Christoph Binswanger (gestorben 2018), Vater des bekannten Schweizer Ökonomen Mathias Binswanger, befasste sich zeitlebens mit Ursachen und Folgen des Wirtschaftswachstums. Sohn Mathias, geboren 1962, Professor für Volkswirtschaftslehre im Schweizer Olten, trat in dessen Fußstapfen. Gerade hat er sein neues Buch „Der Wachstumszwang“ vorgelegt (Verlag Wiley, 25,70 Euro). Untertitel des äußerst lesenswerten Werkes: „Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben“. Wirtschaftswachstum werde vom Heilsversprechen zur kollektiven Zwangshandlung, so Binswangers These.

profil: Herr Binswanger, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – also der gesamte Output an Gütern und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft pro Jahr – muss ständig größer werden, damit der Kapitalismus nicht aus den Fugen gerät. Warum eigentlich?

Binswanger: Wachstum ist ein inhärenter Bestandteil des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das wir seit etwa 200 Jahren haben. Der Begriff Kapitalismus ist in diesem Zusammenhang gar nicht wertend gemeint, es ist schlicht eine Beschreibung der heutigen Wirtschaft. Diese funktioniert eben nur, wenn es ein gewisses Wachstum gibt. Unternehmen müssen in der Mehrheit Gewinne erzielen – was langfristig nur bei Wachstum möglich ist.

profil: Es gibt mehrere Theorien, warum der Kapitalismus Wachstum braucht. Karl Marx meinte einst, dass infolge der technischen Weiterentwicklung permanent Arbeitskräfte freigesetzt werden, weil man für dieselbe Arbeit weniger Arbeiter benötigt. Damit die Arbeitslosen irgendwo wieder unterkommen, braucht es permanentes Wachstum.

Binswanger: Marx hat einen wesentlichen Aspekt beschrieben: das Zwangsgesetz der Konkurrenz. Man kann nie stillstehen, sondern ist permanent über den Wettbewerb gezwungen, besser zu werden -sonst wird man verdrängt. Noch stärker betonte Joseph Schumpeter die Komponente des technischen Fortschritts, die „kreative Zerstörung“. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der den Wachstumszwang erklärt: Wir leben in einer Geldwirtschaft. In ihr muss man Gewinne in Form von Geld erzielen. Dies geht nur, indem ständig Geld in die Wirtschaft fließt. Das geschieht, indem Banken in Form von Krediten Geld schöpfen – und das machen sie in Hinblick auf die Zukunft: Ich muss Investitionen heute finanzieren, damit ich morgen einen Gewinn erziele. Damit er auch real größer ist als das, was ich ursprünglich ausgegeben habe, braucht es Wachstum.

profil: Eine Wette auf die Zukunft.

Binswanger: Genau. Würde der Output an Gütern und Dienstleistungen immer gleich bleiben und dennoch ständig mehr Geld in das System zufließen -das Ergebnis wäre lediglich Inflation.

profil: Das heißt, der Output muss größer werden.

Mathias Binswanger (Wikipedia)

Binswanger: Größer oder besser. Es braucht Wirtschaftswachstum als Zunahme des BIP.

profil: Sie haben sich in Ihrem Buch Unternehmen angesehen, die sich vorgenommen haben, nicht zu wachsen. Schaffen die das?

Binswanger: Nein – dem Wachstumszwang können auch einzelne Unternehmen nur ganz selten entwischen. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in Deutschland hat versucht, Unternehmen zu finden, die ökonomisch erfolgreich sind, obwohl sie nicht wachsen. Das Resultat: Größere Aktiengesellschaften können sowieso nicht auf Wachstum verzichten, sonst drohen Kursrückgänge und letztlich Übernahmen. Aber selbst bei kleinen Betrieben sind nur die wachsenden längerfristig erfolgreich. In Ausnahmefällen gibt es zwar wirtschaftliche Gewinne trotz Stagnation, zum Beispiel wenn ein Unternehmen mit einem neuen Produkt Erfolg hat – aber nicht auf Dauer.

profil: Der wohl wichtigste Aspekt der Wachstumsdebatte ist die ökologische Frage: Kann die Wirtschaft ewig weiterwachsen angesichts der Knappheit von Ressourcen und des Klimawandels?

Binswanger: Es gibt ein ziemliches Potenzial der Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch – das heißt, wir können eine Einheit BIP stets effizienter produzieren, mit immer weniger Energieeinsatz und CO2-Emissionen. Dieses Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft, aber die Entkopplung stößt an Grenzen. Das Problem ist, dass die Effizienzverbesserungen letztlich auch genützt werden, um neues Wachstum zu generieren. Ein Beispiel: Es gibt heute zwar weit tankeffizientere Automotoren als früher, aber zugleich war die Effizienzverbesserung eine Chance, luxuriösere Autos mit mehr Leistung und Gewicht anzubieten. Somit geht das Wachstum auf dem Automobilmarkt weiter. Die Effizienzverbesserung gerät in Konflikt mit dem Wachstum. Und falls in einem Land die Entkopplung tatsächlich gelingt, droht ein neues Problem.

profil: Nämlich?

Binswanger: Wenn die Wirtschaft in manchen Ländern ressourcenschonender läuft, liegt das in Wahrheit daran, dass jene Tätigkeiten, die Umweltbelastungen verursachen, in andere Staaten outgesourct wurden. Industrien wurden ausgelagert. Das sieht man gerade an hochentwickelten Wirtschaften wie der Schweiz und Österreich: In den Statistiken wirken sie zwar sehr klimaschonend. In Wahrheit jedoch entstehen die CO2-Emissionen für jene Güter, die in diesen Ländern konsumiert werden, im Ausland. In der Schweiz liegt der Anteil der sogenannten „grauen Emissionen“ inzwischen bei 50 Prozent.

profil: Lassen Sie uns ein Szenario versuchen, in dem die Entkopplung vielleicht doch gelingen würde. Nehmen wir an, es gäbe hohe CO2-Steuern -dadurch reduzierte sich der Konsum klimaschädlicher materieller Güter und etwa Flugreisen. Gleichzeitig florierten Dienstleistungen: Die Menschen lassen sich beispielsweise zu Künstlern oder Yogalehrern ausbilden und gehen im Urlaub in die heimischen Berge wandern. Könnte eine solche Welt nicht weiterwachsen – und trotzdem weniger Energie und Ressourcen verbrauchen?

Binswanger: Nun, wir wollen ja nicht auf den Wohlstand verzichten. Genau das – massive Wohlstandseinbußen – wäre die Konsequenz eines solchen Systems. Dazu sind die meisten Menschen nicht mal ansatzweise bereit. Beobachten Sie, was passiert, wenn die Wirtschaft nur einige Monate lang schwächelt und die Arbeitslosigkeit zunimmt: Sogleich gehen die Rufe los, dass es wieder Wachstum braucht. Sämtliche zaghaften Maßnahmen einer Ökologisierung bisher -etwa die CO2-Emissionszertifikate in der EU -wurden stets so konzipiert, dass sie das Wachstum nicht stören. In Wahrheit passen die ständigen Effizienzverbesserungen sogar gut in unser Wirtschaftssystem, weil sie sich in neues Wachstum ummünzen lassen. Würde man hingegen das Prinzip der Suffizienz einführen -also ein Maß festlegen, an dem wir endgültig über genug materielle Güter verfügen – dann würde dies dem Wirtschaftsprozess als Ganzem eine Grenze setzen. Dies aber passt nicht in ein System, das alle Wachstumsgrenzen beseitigt.

profil: Das klingt, als würden wir ewig weiterwachsen.

Binswanger: Das nicht, aber wahrscheinlich noch ziemlich lange.

profil: Ist es ein Teil der DNA des Menschen, dass er immer mehr will?

Binswanger: Nein, bis vor 200 Jahren war Stagnation der Normalfall. Die längste Zeit haben Menschen gelebt, ohne dass es Wachstum gab -mit erheblich weniger Wohlstand. Heute haben wir das umgekehrte Problem: In Ländern wie der Schweiz oder Österreich, die ein hohes Wohlstandsniveau erreicht haben, stellen wir zunehmend fest, dass viele Menschen gar nicht mehr glauben, dass ihr Leben durch zusätzlichen materiellen Konsum noch besser wäre. Trotzdem: Wir können nicht anders, als weiterzuwachsen. Das zeigt sich auch in der politischen Diskussion. Vonseiten der Politiker wird Wirtschaftswachstum im Normalfall nicht mehr als Chance für mehr Wohlstand präsentiert, sondern als Zwang. Es heißt: Wir müssen weiterwachsen, sonst fallen wir zurück im Vergleich zu anderen Ländern; sonst werden wir als Investitionsstandort unattraktiv; sonst gehen bei uns Arbeitsplätze verloren.

profil: Werden die Leute nicht irgendwann schlicht genug materielle Güter haben – und das Wachstum deshalb einbrechen?

Binswanger: Die Sättigung ist eine ständige Bedrohung des Wachstums. Deshalb zielen viele Aktivitäten heutzutage darauf ab, neue Bedürfnisse zu schaffen. Marketing-Experten entwickeln Mechanismen, eine sogenannte „psychologische Schrottreife“ für Produkte einzuführen, die eigentlich noch völlig in Ordnung wären.

profil: Zum Beispiel?

Binswanger: Bereits in den 1950er-Jahren hat es die US-Automobilindustrie geschafft, bei Konsumenten ein Gefühl der Beschämung hervorzurufen, wenn sie ein Auto fahren, das älter als zwei oder drei Jahre ist. Oder: Jedes Jahr kommen neue Smartphone-Modelle heraus. Sie dienen vor allem dazu, Vorgängermodelle zu entwerten. Die Zufriedenheit damit lässt nach. Das neue Modell hat immer gewisse Features, die das vorherige nicht hat, auch wenn man sie kaum verwendet.

profil: Lassen Sie uns zusammenfassen: Das Wachstum steigert in Wahrheit das Wohlbefinden längst nicht mehr, und der Umwelt schadet es sowieso. Und dennoch können wir nicht anders.

Binswanger: Ein Dilemma. Wir können auch nicht auf dem Niveau verbleiben, auf dem wir gerade sind; es geht nur nach oben oder nach unten. Infolge einer Stagnation der Wirtschaft wären einige Unternehmen nicht mehr erfolgreich und müssten Leute entlassen. Der Konsum geht zurück. Dadurch geraten auch andere Unternehmen in Schwierigkeiten. Weitere Leute müssen entlassen werden. Der Konsum geht weiter zurück. Eine Abwärtsspirale.

profil: Als Ausweg plädieren manche für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Könnten wir dadurch dem Wachstumszwang entkommen?

Binswanger: Ich glaube nicht. Das Problem ist die Finanzierbarkeit. Entweder man macht das Grundeinkommen relativ gering, damit es finanzierbar bleibt -dann aber wäre es kein eigentliches Grundeinkommen, weil die Menschen zusätzlich irgendwelche Einkommen bräuchten. Oder: Das Grundeinkommen ist hoch genug, dass sie tatsächlich davon leben könnten. Dann jedoch klappt die Finanzierung nur, wenn die große Mehrheit genauso weiterarbeitet wie bisher. Das heißt, der Erfolg des Grundeinkommens ist davon abhängig, dass das System möglichst unverändert weiterläuft.

profil: Und Arbeitszeitverkürzungen? Wie wäre es mit einer 20-Stunden-Woche?

Binswanger: Weniger zu arbeiten, wäre aus vielen Gründen sinnvoll. Auch könnten die Menschen mit weniger Einkommen durchaus überleben. Allerdings kann man nicht gesamtwirtschaftlich sagen: Wir verzichten auf mehr Einkommen, arbeiten allesamt weniger – und gleichzeitig funktioniert die Wirtschaft wie bisher. Es braucht schließlich Konsumenten, welche die ständig wachsende Menge an Gütern kaufen. Falls nicht, gerät das Wirtschaftssystem schnell in Probleme, weil weniger konsumiert würde als zuvor.

profil: Was bleibt dann als Lösung? Soll es weiterhin Wachstum geben, aber weniger als bisher?

Binswanger:
Das ist die derzeit realistischste Variante. Ein geringes Wachstum erspart uns die Abwärtsspirale, die aus einer Stagnation resultieren würde. Andererseits bleiben jene Probleme im Rahmen, die aus hohem Wachstum hervorgehen -zum Beispiel finanzielle Turbulenzen und Umweltbelastungen. Es gäbe einige Maßnahmen, um den Wachstumszwang abzuschwächen. Denkbar wäre zum Beispiel eine Reform am Aktienmarkt: Würde man Aktien mit zeitlicher Befristung einführen, wäre der Zwang für die Unternehmen abgemildert, langfristig große Gewinne zu erwirtschaften. Und damit auch der ständige Zwang zu hohem Wachstum. Gespräch: Joseph Gepp, Christina Hiptmayr Foto: Michael Rausch-Schott

Dies ist der vierte Teil der profil-Serie zum Thema Wachstum. Die vorangegangenen waren Interviews mit dem US-Ökonomen James K. Galbraith (profil 45/18) und Christoph Badelt, Chef des Wiener Wifo (50/18), sowie eine Anatomie des Bruttoinlandsprodukts (8/19).


Drei Buchtipps von Mathias Binswanger:

David Graeber: Bürokratie Die Utopie der Regeln. Klett-Cotta (2016), Euro 23,60
Stanislaw Lem: Sterntagebücher Suhrkamp (1978), Euro 10,30
Nicolás Gómez Dávila: Scholien zu einem inbegriffenen Text Karolinger (2017), Euro 34,-

Sein eigenes Buch:

Mathias Binswanger: Der Wachstumszwang Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben. Wiley, 25,70 Euro

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

Ware Größe

Aus profil 17/2019 vom 19.04.2019

Die österreichische Westbahn will Züge in China bestellen – und versetzt eine Branche in Aufruhr. Was Eisenbahnen über die globale Expansion chinesischer Konzerne erzählen. Und wie unser Alltag bereits jetzt von Unternehmen made in China geprägt wird. Ein Überblick über Aufsteiger, von denen man gehört haben sollte.

Von
Joseph Gepp
Michael Nikbakhsh

Ein kleines europäisches Eisenbahnunternehmen, das gerade einmal eine Strecke bedient, bestellt neue Züge. Das ist zunächst einmal eine Nachricht von überschaubarer Tragweite. Ein österreichisches Eisenbahnunternehmen bestellt neue Züge in China. Das ist dann schon eine andere Geschichte. „Spektakulär: Westbahn fährt ab Dezember 2020 mit chinesischen Zügen“, meldete die Tageszeitung „Kurier“ Ende März. Die „Kleine Zeitung“ ergänzte: „Das sorgt in der Eisenbahnindustrie für große Aufregung.“ Und das deutsche „Handelsblatt“: Österreichs Westbahn ebne dem „gefürchteten“ chinesischen Hersteller China Railway Rolling Stock Company (CRRC) den „Weg nach Europa“.

Offiziell ist nichts auf Schiene. Seitens der Westbahn -sie steht über Zwischengesellschaften und Stiftungen im Einflussbereich der Unternehmer Hans Peter Haselsteiner (49,9 Prozent) und Erhard Grossnig (32,7 Prozent), 17,4 Prozent hält die französische Staatsbahn SCNF -wird der Beschaffungsvorgang zwar nicht dementiert, aber auch nicht kommentiert. „Wir bitten um Verständnis, dass wir zu all dem bis auf Weiteres nichts sagen“, erklärt Westbahn- Sprecherin Ines Volpert auf profil-Anfrage. Sollten die CRRC-Züge -kolportiert werden bis zu 15 Stück – aber tatsächlich angeschafft werden, wäre das für den teilstaatlichen chinesischen Anbieter der erste nennenswerte Auftrag in Europa -und zugleich so etwas wie die Materialisierung eines Alptraums für etablierte Hersteller wie Siemens (Deutschland), Alstom (Frankreich) und Bombardier (Kanada).

CRRC besteht in dieser Form erst seit 2015 und ist dem Umsatz nach bereits jetzt der größte Schienenfahrzeughersteller der Welt. Die Chinesen bauen nicht nur schnelle Züge -sie bauen sie vor allem billiger.

Erst im Februar dieses Jahres war die Zusammenlegung der Transportaktivitäten von Siemens und Alstom am Veto der EU-Wettbewerbshüter gescheitert. EU-Kommissarin Margrethe Vestager hatte der Fusion die Zustimmung verweigert – und sich damit jede Menge berechtigter Kritik eingehandelt. Die EU-Kommission hatte sich auf den Standpunkt gestellt, dass der Zusammenschluss die Konkurrenzsituation bei Eisenbahnsignalanlagen und Höchstgeschwindigkeitszügen in Europa beeinträchtigt hätte. Und die Chinesen? „In Bezug auf Höchstgeschwindigkeitszüge hält die Kommission es für höchst unwahrscheinlich, dass neue Wettbewerber aus China in absehbarer Zukunft Wettbewerbsdruck auf die beteiligten Unternehmen ausüben werden“, erklärte Vestager Anfang Februar in Brüssel. Wie zum Hohn machte der geplante Westbahn-Deal mit China kurz darauf Schlagzeilen. Hinter der Debatte -ob über den möglichen Westbahn-Zukauf oder die Siemens-Alstom-Fusion – steckt eine grundsätzlichere Frage. Wie umgehen mit den Aufsteigern aus China? Stecken hinter deren Expansionen eher geostrategische Interessen als die bloße Aussicht auf finanzielle Gewinne? Droht gar mitunter die geheimdienstliche Infiltration -siehe die aufgeregte Debatte um den Handy-Anbieter Huawei? All diese Fragen werden derzeit in der EU und den USA politisch heiß debattiert. In Österreich jedenfalls sind die Chinesen längst präsent. Prominente Beispiele: Der Flugzeugbauer Xi’an Aircraft besitzt seit 2009 die Mehrheit am oberösterreichischen Flugzeugkomponentenhersteller FACC; das Unternehmenskonglomerat Fosun holte sich vergangenes Jahr die Mehrheit am Wäschehersteller Wolford, der Mischkonzern HNA kaufte sich beim Wiener Fondshaus C-Quadrat ein. Hinter dem Skihersteller Atomic stehen mittlerweile ebenso chinesische Eigentümer wie hinter dem steirischen Motorenhersteller ATB Antriebstechnik, dem Mobilfunkanbieter Drei und einer Vielzahl von mittelständischen Unternehmen quer durchs Land.

Die Begehrlichkeiten chinesischer Konglomerate sorgen für angeregte Debatten über die ökonomische und politische Zukunft des Westens, Europas zumal – aber wer sind diese Player überhaupt? Ein Überblick.

China Railway Rolling Stock Company
Branche: Schienenfahrzeuge
Mitarbeiter: 177.000
Umsatz (2017): 27 Milliarden Euro

CRRC ging 2015 aus der Fusion zweier staatlicher Hersteller hervor, zu diesem Zeitpunkt steckte ironischerweise viel europäisches Know-how im Unternehmen (2004/2005 hatten ausgerechnet Alstom und Siemens Bahn-Technologie nach China verkauft). CRRC hatte maßgeblichen Anteil an der Aufrüstung des chinesischen Hochgeschwindigkeitsnetzes, strebt nun aber konsequent auf den Weltmarkt. In den USA ist CRRC bereits vor Ort, dort etablieren die Chinesen sich im öffentlichen Nahverkehr. Seit 2018 betreibt CRRC ein Werk im US-Bundesstaat Massachusetts, ein weiteres nahe Chicago nimmt derzeit den Betrieb auf. 2020 will CRRC die ersten von insgesamt mehr als 800 neuen U-Bahn-Garnituren an die Chicago Transit Authority ausliefern. Allein der 2016 erteilte Auftrag hat einen Gegenwert von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Seit 2017 verkehren in Ankara U-Bahn-Garnituren made by China (in einem türkischen Werk). Im Vorjahr erhielten die Chinesen auch einen ersten Großauftrag aus Argentinien (200 Nahverkehrszüge), zudem bestellte die Deutsche Bahn Rangierloks – was in Deutschland prompt für Kritik sorgte.

Das Europa-Geschäft wird übrigens von Wien aus koordiniert, hier hat CRRC seit 2016 ein Büro. Die kommunalen Graz Linien wiederum testen seit Ende 2016 mehrere Elektrobus-Systeme, CRRC hat diese auch im Sortiment und war mit zwei Stück Teil des Pilotprojekts. Ob und welche Fabrikate die Stadt ankauft, ist noch nicht entschieden.

Tencent Holdings Ltd.
Branche: Internet
Mitarbeiter: 54.000
Umsatz (2018): 41 Milliarden Euro

Der Börsenwert ist mit 370 Milliarden Euro nicht weit weg von Facebook. Die Aktie hat im vergangenen Jahrzehnt um rund 5000 Prozent zugelegt. Dazu eine Milliarde Nutzer, also auch nicht gerade wenig. Tencent ist eine Art digitaler Mischkonzern, der Dienstleistungen vom Sofortnachrichtendienst über Online-Medien bis zu Internet-Games anbietet.

Alles begann 1998 mit einem Studentenprojekt in Form eines erfolgreichen Instant-Messaging- Dienstes – quasi Asiens WhatsApp. Tencent-Gründer Pony Ma gilt als lautstarker Unterstützer des chinesischen Regimes und steht im Verdacht, seine Produkte so zu gestalten, dass es sich besonders gut in sie hineinzensieren und -spionieren lässt. Pony Ma hält rund zehn Prozent an Tencent, aber auch US-Vermögensverwalter wie Blackrock und die Vanguard-Gruppe sind beteiligt.

Umgekehrt expandiert Tencent seit 2010 massiv ins Ausland. Wichtige Zukäufe seither: das US-Online-Game-Unternehmen Riot Games oder etwa eine signifikante Beteiligung am US-Autobauer Tesla.

Fosun International Limited
Branche: Mischkonzern
Mitarbeiter: 63.000
Umsatz (2017): 88 Milliarden Euro

Hotelbuchungs-Plattformen in Israel, Modemarken in Österreich, Hersteller zellbasierter Therapeutika in Großbritannien, Banken in Portugal: Kaum ein Unternehmen kauft sich derart wahllos ein weltweites Portfolio zusammen wie Fosun, größtes Privatunternehmen Chinas, notierend an der Börse von Hongkong. Unternehmensgründer und Vorstandschef Guo Guangchang nennt man den „Warren Buffett von Shanghai“. Guos Mischkonzern führt auch die dunklen Seiten des China-Booms vor Augen.

Da wäre zunächst Guos gelinde gesagt komplexe Beziehung zum kommunistischen Regime: Im Jahr 2015 etwa verschwand der Magnat einen Tag lang spurlos -zuerst wurde über ein Verbrechen gemunkelt, dann teilte Fosun mit, Guo „assistiert der Polizei bei einigen Ermittlungen“. Hintergründe: unklar.

Auch zeigt Fosun, wie politikgetrieben der chinesische Invesititions-Boom im Ausland ist. Nachdem die Expansion eine Zeit lang rasant ablief, bremste sie sich in den vergangenen Jahren deutlich ein. Unternehmen wie Fosun drosselten ihre Zukäufe -auf Geheiß des Regimes. Dieses hatte Mitte 2017 weniger „Irrationalität“ bei den Milliardenausgaben eingemahnt.

Dennoch vollzog Fosun Anfang 2018 seinen ersten Einstieg in Österreich. Der Konzern, der bereits an Modeunternehmen wie der deutschen Kette Tom Tailor beteiligt ist, übernahm die Mehrheit an der kriselnden Wolford AG, dem Wäschehersteller aus Bregenz.

Industrial and Commercial Bank of China
Branche: Finanzdienstleistungen
Mitarbeiter: 450.000
Umsatz (2017): 147 Milliarden Euro

Das US-Magazin „Forbes“ katalogisiert seit mehr als einer Dekade Jahr für Jahr die 2000 größten börsennotierten Unternehmen der Welt – berechnet nach Faktoren wie Umsatz, Gewinn, Assets und Marktkapitalisierung. Seit 2013 führt stets dasselbe Unternehmen die „Global 2000“-Liste an: Die erst 1984 gegründete Industrial and Commercial Bank of China – ICBC ist damit so etwas wie der Marcel Hirscher der Bankenbranche. Mit einer Bilanzsumme von zuletzt mehr als 3500 Milliarden Euro ist ICBC auch das größte Geldhaus der Welt (wobei die Aussagekraft einer Bilanzsumme stets zu hinterfragen ist). Nach eigener Darstellung betreut die teilstaatliche Bank mit Sitz in Peking weltweit annähernd 600 Millionen Kunden, den weitaus größten Teil auf dem Heimmarkt. Noch. Seit Jahren verbreitert sich das Bankhaus außerhalb Asiens: Man betreibt unter anderem Vertretungen und Tochterbanken in Luxemburg, Amsterdam, Mailand, London, Moskau, Madrid und Zürich. Seit wenigen Monaten ist ICBC auch in Österreich aktiv: Die Wiener ICBC Austria Bank GmbH (Stammkapital: 100 Millionen Euro) operiert auf Grundlage einer von der Finanzmarktaufsicht Ende 2018 erteilten -eingeschränkten -Bankkonzession. Die Bank will in Österreich nach eigener Darstellung kein Privatkundengeschäft betreiben (was sie in limitiertem Umfang dürfte), die Rede ist vielmehr von der Finanzierung chinesischer Investitionen in Europa. ICBC-Chef Yi Huiman war einer der Männer, denen Bundeskanzler Sebastian Kurz im Vorjahr in Peking die Hand geschüttelt hatte. 2018 wurde ICBC auch mit der deutschen NordLB in Verbindung gebracht, nachdem die Landesbank durch faule Schiffskredite in Schieflage geraten war. Aus der Beteiligung wurde allerdings nichts. Im Geschäftsjahr 2017 verbuchten die Chinesen einen Nettogewinn von rund 44 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2008 waren es noch elf Milliarden Dollar gewesen.

Alibaba Group Holding Ltd.
Branche: Online-Handel
Mitarbeiter: 66.000
Umsatz (2018): 35 Milliarden Euro

„Global trade starts here.“ Dieses Motto erblickt man, wenn man die englischsprachige Site von alibaba. com ansurft, Chinas Version von Amazon. Der großspurige Spruch ist nicht ganz abwegig. Im Jahr 1999 begann eine Riege von Unternehmensgründern rund um Jack Ma, einem ehemaligen Englischlehrer aus Hangzhou (mehr zu Jack Mas unkonventionellen Ansichten zum Thema Arbeitszeit siehe Seite 33), mit einem Startkapital von gerade einmal 60.000 US-Dollar. Heute ist daraus die laut Eigenangaben größte Handelsplattform der Welt geworden. Als Alibaba 2004 an die New Yorker Börse ging, wurde das einer der größten Börsengänge aller Zeiten. Zum Stammgeschäft haben sich längst Medienkonglomerate, Computer-Betriebssysteme und (nicht digitale) Warenhausketten dazugesellt.

Und die Expansion geht weiter. Jeder Kunde auf der Welt soll innerhalb von drei Tagen sein Alibaba-Paket zugestellt bekommen, so die Zielvorgabe. Zu diesem Zweck plant der Konzern derzeit sechs Logistikzentren verteilt über den Erdball. Jenes für Europa soll, wie letzten November bekannt wurde, nahe der belgischen Stadt Lüttich entstehen.

Hisense Group Co. Ltd.
Branche: Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräte
Mitarbeiter: 75.000
Umsatz (2017): 15 Milliarden Euro

Fußball-Interessierte haben die Hisense Group aus Qingdao in Chinas Osten womöglich schon länger im Blickfeld. Der staatliche Elektronik-und Elektrogerätehersteller (Flatscreens, Smartphones, Kühlschränke, Waschmaschinen, Klimaanlagen) ballert viel Geld in das Rasenballspiel, siehe das Sponsoring unter anderem der Euro 2016, der Fußball-WM 2018 und des deutschen Bundesligisten Schalke 04. Hisense begann 1969 mit dem Bau von Transistorradios und zählt sich mittlerweile zu den bedeutendsten TV-Herstellern der Welt. Der Großteil des Geschäfts liegt noch in China, doch der langjährige Chairman Zhou Houjian hat Hisense längst auf global getrimmt. Mit dem deutschen TV-Hersteller Loewe ist Hisense seit 2013 verbandelt, 2015 kauften die Chinesen dem japanischen Mitbewerber Sharp ein Werk in Mexiko ab – und erwarben zugleich auch eine fünfjährige Lizenz zum Vertrieb von Hisense-Produkten unter dem Namen „Sharp“ in Nord-und Südamerika. 2017 reichte Sharp (da schon im Einflussbereich des taiwanischen Foxconn-Konzerns) in den USA eine Klage gegen Hisense ein. Die Japaner warfen Hisense den Verkauf von minderwertiger Ware in Nordamerika vor, die Klage wurde wenig später aber zurückgezogen. Im Vorjahr übernahm Hisense auch noch 95 Prozent des strauchelnden slowenischen Haushaltsgeräteherstellers Gorenje. Nur um eine Vorstellung zu bekommen, wie schnell das Konglomerat wächst: 2004 lag der Umsatz bei umgerechnet 50 Millionen US-Dollar, 2009 waren es acht Milliarden US-Dollar, 2017 mehr als 17 Milliarden US-Dollar.

Zhejiang Geely Holding Group Co. Ltd
Branche: Automobil
Mitarbeiter: 80.000
Umsatz (2018): 36 Milliarden Euro

Geely ist zwar nicht der größte Autobauer Chinas, da gibt es noch ein oder zwei größere. Doch die Holding mit Sitz in Hangzhou schafft es besonders häufig ins Scheinwerferlicht der westlichen Öffentlichkeit. Denn Geely ist sicher der expansivste der chinesischen Autokonzerne. Die Zeiten, in welchen chinesische Autobauer für schlechte Kopien westlicher Karossen verlacht wurden, sind jedenfalls vorbei.

„Glückverheißendes Automobil“ bedeutet die wortwörtliche Übersetzung der Firma. Ursprünglich, im Jahr 1986 begann Gründer Li Shufu, der Sohn eines Reisbauern, mit der Produktion von Kühlschrankteilen. Später sattelte er mit Technologie aus den japanischen Daihatsu-Werken auf Motorräder um. Und schließlich auf Autos.

Heute wächst Geely rasant. Im Jahr 2004 liefen noch 200.000 Autos vom Band, im Jahr 2020 will man die Zwei-Millionen-Marke knacken. Zwischenzeitlich wurden internationale Marken in den Konzern eingegliedert. Im Jahr 2010 zum Beispiel kaufte Geely von Ford den schwedischen Autobauer Volvo. 2017 kam der britische Sportwagenhersteller Lotus dazu -und auch gleich die renommierte London Taxi Company, welche die berühmten Black Cabs herstellt. Im Februar 2018 schließlich erwarb Geely 9,7 Prozent der Daimler AG in Stuttgart, ältester Autobauer der Welt mit Marken wie Mercedes Benz und Smart. Geely ist somit der größter Daimler-Einzelaktionär.

Der Rasanz ist damit kein Abbruch getan. Gerade stellt Geely eine Wende hin zur E-Mobilität in Aussicht -und das wieder einmal ganz groß. Bereits kommendes Jahr sollen 90 Prozent der Verkäufe der Marke Geely E-Autos sein. Die E-Gefährte sollen unter dem neuen Markennamen „Geometry“ – und dazu gleich auch der Markteinstieg in den USA – erfolgen. Sollte der E-Auto-Boom in China anhalten, ist also mit weiteren Expansionsmeldungen zu rechnen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Handelspolitik, Unternehmen, Wirtschaft

Wann wurde die Globalisierung uncool, Herr Felbermayr?

Aus profil 15/2019 vom 7.4.2019

Der österreichische Ökonom und neue Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel über falsche Vokabel, den entbehrlichen Nationalstaat und unter welchen Umständen Protektionismus okay ist.

Interview: Joseph Gepp, Christina Hiptmayr

profil: Herr Felbermayr, früher einmal galt Welthandel als coole Sache, alle waren wahnsinnig globalisierungsaffin. Inzwischen ist rückhaltloser Einsatz für den Welthandel geradezu verpönt. Was ist schiefgelaufen?

Felbermayr: Welthandel war nie ein Thema, das viele Menschen begeistert hat. Bereits in den 1990er-Jahren, als die Welthandelsorganisation (WTO) aufgesetzt wurde, gab es Proteste, in Seattle oder im mexikanischen Cancún beispielsweise. Aber stimmt: Die Breite des Protests ist neu, ebenso die politischen Nebeneffekte . Es war früher etwa undenkbar, dass sich ein US-Präsident mit der Behauptung hinstellt, Handel sei schlecht für uns.

profil: Der Stimmungswandel begann mit der Finanzkrise 2008?

Felbermayr: Richtig, durch die Lehman- Pleite und die darauffolgenden Ereignisse. Wir haben immerhin die größte Rezession nach dem Zweiten Weltkrieg hinter uns -mit riesigen Verwerfungen und aufgetürmten Schuldenbergen, die jetzt von den Steuerzahlern abgetragen werden müssen. Das hat das Vertrauen in die internationalen Institutionen erschüttert. Davon haben wir uns bis heute nicht erholt. Die Nachwehen dieser Krise haben Trump und den Brexit hervorgebracht.

profil: Trump propagiert Protektionismus, um die US-Wirtschaft vor den Verwerfungen der Globalisierung zu schützen. Braucht es diesen eventuell tatsächlich, damit die Menschen wieder ins Boot geholt werden können -und Globalisierung und Welthandel nicht vollends ablehnen?

Felbermayr:
Es gibt durchaus Situationen, in denen man den Handel mit dem Ausland erschweren soll. Aber man muss sich sehr genau ansehen, unter welchen Bedingungen dies notwendig und sinnvoll ist. Blicken wir zum Beispiel auf den Klimaschutz: Wenn wir ihn wirklich ernst nehmen, braucht Europa zunächst CO2-Abgaben auf seine Produktion – aber das ist noch nicht alles: Was tun wir mit Gütern, die wir aus jenen Ländern importieren, in denen es eine derartige CO2-Besteuerung nicht gibt? Diese müsste man nachbesteuern, sobald sie die Grenze zur EU überqueren. Denn was hilft der Klimaschutz innerhalb Europas, wenn wir etwa gleichzeitig Stahl importieren, der anderswo billig hergestellt werden kann -weil es dort keine CO2-Besteuerung gibt? Angesichts solcher Maßnahmen würden uns jedoch unsere Handelspartner, ob Chinesen oder Amerikaner, sofort Protektionismus vorwerfen. Ich aber würde eher von der Herstellung eines „Level Playing Field“ reden, also von gleichen Wettbewerbsbedingungen.

profil: Trotzdem -wofür Sie hier plädieren, nennt man gemeinhin „Klimazölle“. Auch eine Form des Protektionismus.

Felbermayr: Nein, Zölle sind einfach das falsche Vokabel. Sie suggerieren eine Diskriminierung. Aber darum geht es gar nicht: Wenn ein Container aus China in Rotterdam anlandet, dann soll der Importeur eine CO2-Steuer entrichten, entsprechend dem CO2-Gehalt der Produktion, die im Container steckt. Eine Steuer in derselben Höhe soll auch der Produzent im Inland – sagen wir: voestalpine in Linz – auf seinen CO2-Ausstoß zahlen.

profil: Mit demselben Argument könnte man auch Steuern auf Importprodukte erheben, die aus Ländern kommen, wo es mit der menschenrechtlichen Situation oder dem Arbeitnehmerschutz schlechter aussieht als in Europa.

Felbermayr: Nein, beim CO2 geht es um ein globales öffentliches Gut, nämlich das Klima. Die CO2-Emissionen der Chinesen verändern das Klima auch bei uns. Deshalb haben wir das moralische Recht, Politikmaßnahmen einzufordern. Wenn die Chinesen hingegen einen Fluss versauen, dann ist das zwar bedauerlich, geht uns aber letztlich nichts an, weil es nicht auf uns zurückwirkt. Eine Ausnahme würde ich nur bei den Menschenrechten machen. Wenn wir davon ausgehen, dass sie tatsächlich universell sind, sind handelspolitische Maßnahmen als Sanktion bei Verstößen geeignet. Deshalb sanktioniert Europa Russland, wenn es das Territorium eines anderen Landes besetzt. Oder unterbricht Handelsbeziehungen mit Myanmar oder Kambodscha.

Felbermayr (rechts) beim Gesprächstermin in der Akademie der Wissenschaften in Wien, wo er einen Vortrag hielt. Foto: David Payr, davidpayr.com

profil: Bei der Klimakonferenz von Paris 2015 wurde vereinbart, die Klimaerwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen. Wenn man diese Vorgabe ernst nimmt, müsste man dann nicht überhaupt die internationalen Wertschöpfungsketten überdenken und zu einer Welt mit viel weniger Handel zurückkehren?

Felbermayr:
Nicht Handel per se ist das Problem, sondern dass die CO2-Emissionen sich nicht im Preis von Gütern widerspiegeln. Die maritime Schifffahrt ist von jeglicher CO2-Besteuerung und jedem Emissions-Zertifikatehandel freigestellt, ebenso wie der Flug-und teilweise der LKW-Verkehr. Müssten sie für ihren CO2 Ausstoß zahlen, gäbe es wahrscheinlich tatsächlich weniger Handel, weil die Transportkosten steigen würden. Aber Handel per se wird wohl umso wichtiger sein. Was tut Handel? Er schafft Arbeitsteilung. Diese wiederum bedeutet, dass die Produktion eines bestimmten Guts dort stattfindet, wo sie besonders effizient gemacht werden kann. Handel sorgt also für Effizienz – und diese Effizienz bezieht sich auch auf die Schonung von Ressourcen. Handel kann somit helfen, die Klimaproblematik zu lösen. Um eine CO2-Steuer führt also kein Weg herum. Im Prinzip haben wir ja bereits eine: Über den Zertifikatehandel gibt es einen CO2-Preis.

profil: Einen sehr niedrigen.


Felbermayr:
Er ist so hoch, wie es die Menge an Zertifikaten hergibt, die politisch festgesetzt wurde. Nicht der Preis ist demnach zu niedrig, sondern die Menge zu hoch. Doch sie wird zurückgehen. Bis 2050 darf ja überhaupt nichts mehr emittiert werden. Wichtig ist, dass man den Zertifikatehandel auf alle Bereiche ausdehnt, in denen Treibhausgase emittiert werden – was derzeit noch nicht der Fall ist. Also zum Beispiel auf private Haushalte und die Landwirtschaft.

profil: Kommen wir nochmals zurück auf die allgemeine Skepsis gegenüber dem Welthandel. Der US-Ökonom Dani Rodrik sagt: „Nationalstaat, Demokratie und grenzenlose Globalisierung sind ab einem gewissen Grad unvereinbar. Wer Letzteres will, muss auf die ersten beiden ein Stück weit verzichten.“ Das meinen im Grunde auch die Brexiteers. Hat Rodrik recht mit seiner These?

Felbermayr: Wenn er diese drei Annahmen trifft – natürlich. Allerdings funktioniert Rodriks These nur dann, wenn man es als gesetzt annimmt, dass Demokratie lediglich nationalstaatlich organisiert werden kann. Das war sicherlich in der Vergangenheit der Fall – aber die Zukunft muss, verdammt noch mal, anders aussehen. Da sind wir in der EU ja schon ein gutes Stück voran, trotz aller Probleme. Ich meine, dass das europäische Projekt Herrn Rodrik eigentlich widerlegt.

profil: Aber nur, wenn man die Demokratiedefizite ausblendet, die es auf europäischer Ebene gibt. Die Europäische Kommission, welche die Gesetzesvorschläge macht, ist beispielsweise nicht demokratisch gewählt.

Felbermayr: Natürlich ist der europäische Prozess nicht perfekt. Aber die Lösung ist nicht -und hier widerspreche ich Rodrik -der Weg zurück in den Nationalstaat. Wie gehen wir um mit dem Klimawandel, Pandemien, grenzüberschreitendem Terrorismus? Bei all dem lässt sich von nationalstaatlicher Ebene aus nichts erreichen. Aus der Trias Globalisierung, Demokratie und Nationalstaat ist Letzterer am entbehrlichsten. Wir müssen die Demokratie schützen -und das Interagieren mit anderen Menschen auf der Welt, also der Welthandel, ist ein Wert per se. Der Nationalstaat hingegen hat uns kaum genutzt. Er hat große Kriege und viel Zerstörung hervorgebracht. Wir sollten unsere Kreativität einsetzen, um ihn Stück für Stück redundant zu machen.

profil: Da würden aber viele Leute nicht mitspielen. Sie fürchten die sogenannte Hyper-Globalisierung, wie sie sich zum Beispiel in der Deregulierung der internationalen Finanzmärkte zeigte.

Felbermayr: Diese Deregulierung, die in vielen Ländern gleichzeitig erfolgte, war ein Fehler. Das kann man im Nachhinein leicht sagen. Aber der globale Finanzkapitalismus hat zwei Facetten, zwischen denen man bei der Deregulierung stärker unterscheiden hätte müssen: Er ermöglicht einerseits konkrete Investitionen in realwirtschaftliche Güter und Dienstleistungen, aber auch reines Zockertum, das keinen Mehrwert schafft. Eine Tobin- Steuer, also eine Finanztransaktionssteuer, wäre ein gutes Instrument, um dieses Zocker-Element ein bisschen einzudämmen. Sie muss gar nicht hoch sein.

profil: Die ist auf europäischer Ebene grandios gescheitert.

Felbermayr: Solche Ideen brauchen eben Zeit. So war es immer in der Geschichte. Im Jahr 1805 beispielsweise wurden in England die sogenannten Corn Laws eingeführt. Das waren Zölle auf ausländisches Getreide, um den Anbau des eigenen zu schützen. Die Corn Laws haben das Getreide künstlich verteuert, weil man es nicht mehr zu vernünftigen Preisen aus Kontinentaleuropa importieren konnte. In der Folge sind in Irland Hunderttausende Menschen verhungert. Es gab eine Reihe von Missernten; die Leute konnten sich wegen der hohen Getreidepreise das Brot nicht mehr leisten. Es hat trotzdem noch Jahrzehnte gedauert, bis im Jahr 1848 die Corn Laws abgeschafft wurden und dieser Unfug beendet war. Die Episode zeigt: Es gibt in jedem Bereich unglaublich starke Beharrungskräfte, Gruppen, die von bestimmten Regeln profitieren und deren Abänderung bekämpfen.

profil: Im Zuge des Brexit sehen wir gerade eine Art Deglobalisierung in Echtzeit. Hat er irgendeinen Vorteil für Briten oder Europäer?


Felbermayr:
Er ist ein guter Anlass, um darüber nachzudenken, wie Europa funktionieren soll. Das derzeitige One-Size-Fits-All-Modell ist nicht nur unproduktiv, sondern wohl auch ökonomisch schädlich. Wir brauchen ein Europa der unterschiedlichen Klubs. Ein Kerneuropa – mit einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik, vielleicht bald auch Eurobonds und einem Eurobudget. Andererseits ein Europa rundherum, für jene, die wirtschaftlich andocken wollen, die aber bei der Vorstellung einer immer engeren politischen Union nicht mitgehen. Da gehören wohl die Briten dazu, Norwegen, Island, Schweiz, vielleicht auch die Türken. Für diesen äußeren Kreis bräuchte es einen Zollverein und ein Zollparlament.

profil: Und wie wird es in Großbritannien weitergehen?

Felbermayr: Es kann gut sein, dass uns Großbritannien in zehn Jahren überholt hat. Was tun, wenn wir in der EU es verbocken? Wenn sich zum Beispiel zwischen Deutschland und Frankreich kein Konsens über wichtige politische Schritte herstellen lässt? Die Franzosen wollen eine neue, stark subventionierte Industriepolitik, die hansesatische Liga ist dagegen. Möglicherweise schauen wir in zehn Jahren nach London, das gedeiht und blüht, während wir unter schwachem Wachstum und Massenarbeitslosigkeit leiden. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Ich bin auch deshalb dafür, dass wir auf die Briten zugehen, denn es steht auch für uns viel auf dem Spiel.

profil: Innerhalb der EU gibt es derzeit auch eine große Debatte über den Umgang mit China. Staatliche chinesische Unternehmen infiltrieren Europa, während China gegenüber Ausländern sehr restriktiv ist. Wie damit umgehen?

Felbermayr: Kein europäisches Unternehmen wurde gezwungen, in China zu investieren. Sie haben viel Geld in die Hand genommen und dort Niederlassungen aufgebaut. Die wussten, dass die Regeln andere sind. Dass geistiges Eigentum in China nicht geschützt ist, dass die chinesische Regierung ihre Unternehmen mit billigen Krediten und anderen Mitteln unterstützt. Dennoch sind die Europäer hingegangen. Warum? Weil es sich auszahlte. Wenn jetzt die Kosten und Risiken, die bereits vor 20 Jahren prognostiziert wurden, schlagend werden, dann sollte man sich nicht beklagen.

profil: Deutschland als Exportnation – und damit auch Österreich – ist wesentlich von der Entwicklung in China abhängig. Das bedeutet: Auch unser Wohlergehen hängt davon ab, dass der Welthandel nicht völlig in Misskredit gerät. Was müsste man tun, damit die breite Masse die Globalisierung wieder mitträgt?

Felbermayr: Globalisierung ist etwas, das enorme Chancen eröffnet. Gleichzeitig fördert sie auch die Ungleichheit, was Einkommen, Löhne und Unternehmensprofite betrifft. Aber das ist nicht politisch gegeben. Da kann man staatlicherseits eingreifen. Wir verändern die Bruttolohnverteilung deutlich durch Steuern und Sozialabgaben. Das lässt sich bisher schon bewerkstelligen, ohne dass wir dabei verarmen oder die Wirtschaft ruinieren. Wir müssen also forcierter dafür sorgen, dass die Sozialsysteme robust und die Menschen gegen die Risiken der Globalisierung versichert sind.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

Wirtschaftsgezwitscher

Aus profil 15/2019 vom 7.4.2019

Im sozialen Netzwerk Twitter geht es oft polemisch und brachial zu. Wer aber Ökonomen folgt, stößt auf durchaus interessante Informationen und anregende Debatten. Doch wem genau folgen? Das deutsche Web-Magazin „makronom.de“ hat ein Ranking der präsentesten Twitter-Ökonomen im deutschen Sprachraum erstellt. Auch wenn der deutsche Wirschaftsforscher Marcel Fratzscher auf dem ersten Platz landet, finden sich darin auch viele Österreicher. Platz 12 bekleidet etwa Franz Schellhorn, Chef des marktliberalen Thinktanks Agenda Austria (und profil-Kolumnist). Auch andere Agenda-Austria- Ökonomen (etwa Monika Köppl-Turyna und Lukas Sustala) sind unter den Top 50. Andererseits sind, weltanschaulich eher entgegengesetzt, Ökonomen aus der Arbeiterkammer stark vertreten: Da wären unter anderem Chefökonom Markus Marterbauer (Platz 18) und Verteilungsexperte Matthias Schnetzer (29). Was Vertreter von Universitäten und der großen heimischen Forschungsinstitute Wifo und IHS betrifft, konnten sich im Ranking etwa Ex-Wifo-Ökonom Stephan Schulmeister, Maximilian Kasy (Harvard-Uni), Judith Kohlenberger (WU) und IHS-Chef Martin Kocher platzieren. Gabriel Felbermayr -der österreichstämmige Chef des deutschen Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und dieswöchiger profil-Interview-Partner – findet sich übrigens auf Platz 37 im Ranking. Wir jedenfalls sprechen ein kollektives #ff aus.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

Zahlenzauber

Aus profil 8/2019 vom 17.02.2019

Nichts wirkt sich stärker auf Arbeitslosenraten, Unternehmensgewinne und Staatskassen aus. Nichts entscheidet mehr über den Wohlstand und die Stabilität der Gesellschaft. Aber kann das Bruttoinlandsprodukt ewig weiterwachsen? Und was ist dieses BIP überhaupt? Anatomie einer statistischen Größe, die unser Leben prägt.

Von
Joseph Gepp


Das ist der drittel Teil der Serie zum Thema Wirtschaftswachstum

Zum ersten Teil
Zum zweiten Teil

Diese Geschichte könnte an einem Würstelstand beginnen, dessen Betreiber seinem Gast ein Glas Bier serviert. Oder in einer Fabrik, in der Autoteile vom Fließband laufen. Sie könnte in einem Ministerium beginnen, das Personal einspart. Oder in einer x-beliebigen Schule, die mehr Lehrerstellen zugeteilt bekommt. Eigentlich spielt diese Geschichte überall in Österreich, in jedem Haushalt, an jedem Arbeitsplatz. Denn es gibt etwas, das alle Orte verbindet. Was dort geschieht, fließt Jahr für Jahr in eine monumentale Rechenaufgabe ein. Es findet sich im Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder, der Maßzahl für die wirtschaftliche Aktivität eines Landes. Etwas genauer: die Summe des Wertes aller Güter und Dienstleistungen, die pro Jahr in einer Volkswirtschaft hervorgebracht werden.

Im Jahr 2017 betrug Österreichs BIP 369,9 Milliarden Euro. Wenn man es durch die Zahl der Einwohner dividiert, betrug das BIP pro Person 42.060 Euro. Im Vergleich zum vorangegangenen Jahr 2016 war das BIP damit -real, also ohne Inflation -um 2,6 Prozent gewachsen. Das BIP ist die „mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte“, schreibt der deutsche Politologe Philipp Lepenies in seinem 2013 erschienenen Buch „Die Macht der einen Zahl“. Keine andere statistische Größe habe „jemals eine ähnliche Wirkung entfaltet“. Keine beeinflusst Politik und Gesellschaft mehr.

Wenn das BIP steigt, finden Arbeitsuchende Stellen. Unternehmen verbuchen Gewinne. Geschäfte erfreuen sich Kundenzulaufs. Weil von Konsum, Löhnen und Gewinnen je ein Teil als Steuern ans Finanzamt fließt, entscheidet das BIP auch, ob der Staat genug Einnahmen hat – oder ob Schulden und Einschnitte drohen.

Wenig überraschend also, dass ein Gutteil aller wirtschaftspolitischen Maßnahmen darauf abzielt, das BIP zu steigern -und zwar überall, ob in demokratischen oder autoritär geführten Gesellschaften, kommunistischen oder kapitalistischen. Von der Entwicklung des BIP hängt der Erfolg von Regimen und Regierungen ab; sie entscheidet wesentlich darüber, ob das politische Klima moderat bleibt oder Richtung Radikalismus tendiert. Langfristige geopolitische Entwicklungen -wie der Machtzuwachs Chinas -sind darauf zurückzuführen, dass bei den Aufsteigern das BIP stärker zulegt als in entwickelteren Staaten. Die einstige Systemkonkurrenz zwischen West und Ost entschied sich zugunsten des Westens, weil es dort besser gelang, BIP-Wachstum hervorzubringen. Eine mächtige Zahl also. Und zugleich eine mysteriöse. Denn meist betrachtet man das BIP als Selbstverständlichkeit und hinterfragt kaum dessen Bedeutung und woher die Notwendigkeit kommt, es zu steigern. Die Suche nach Antworten führt in den Wiener Arbeiterbezirk Simmering, in ein gläsernes Bürohaus aus den 1990er-Jahren. Hier liegt die Zentrale der Statistik Austria (zur aktuellen Causa siehe Seite 22). Die volkswirtschaftliche Abteilung unter Führung der Direktorin Ursula Havel ist verantwortlich dafür, auszurechnen, wie hoch das BIP in Österreich ausfällt.

Am Beispiel der Fabrik für Autoteile: Sie benötigt für ihre Tätigkeit Vorprodukte, etwa Gummi und Stahl. Aus ihnen fertigt sie ihre Produkte. Aus deren Weiterverkauf lukriert die Fabrik, im Normalfall, mehr Geld als jene Summe, die sie zuvor für die Ausgangsprodukte bezahlt hat. Die Fabrik hat also eine Wertschöpfung erzielt. Diese Wertschöpfung ist jene Summe, welche die Autoteilefabrik zum BIP beiträgt. Ökonomisch ausgedrückt: der Produktionswert abzüglich der Vorleistungen.

Ebenso läuft es beim Stahlwerk, das zuvor seinen Stahl an die Fabrik geliefert hat. Und beim Würstelstand: Auch dessen Betreiber verlangt von seinem Gast mehr Geld für das Glas Bier, als er seinem Lieferanten bezahlt hat. Auch der Würstelstand generiert eine Wertschöpfung. Etwas komplizierter wird es bei der Tätigkeit nicht gewinnorientierter Einrichtungen, Behörden, Nichtregierungsorganisationen und Kirchen. Auch ihre Tätigkeit fließt ins BIP ein. Immerhin haben auch sie einen massiven Einfluss aufs Wirtschaftsleben, etwa indem sie Jobs schaffen. Allerdings gibt es bei nicht gewinnorientierten Einheiten keine Wertschöpfung. Eine Schule oder ein Ministerium produziert nichts, dessen Wert abzüglich Vorleistungen sich im BIP darstellen ließe. Die BIP-Berechnung behilft sich, indem sie im Wesentlichen die Personalkosten heranzieht. Sie drücken gewissermaßen aus, wie aktiv die Schule in wirtschaftlicher Hinsicht war. Auch sie wird also zum Glied in jener riesigen Addition, bei der unten 369,9 Milliarden herauskommt.

In der Praxis liegen dem BIP lange Web-Formulare zugrunde. Ausgeschickt von der Statistik Austria, tragen darin alle größeren Einrichtungen, beispielsweise besagte Autoteilefabrik, ihre Wertschöpfung und andere Kennzahlen ein. Kleinere Einheiten wie der Würstelstand oder eine einzelne Schule müssen nichts ausfüllen. Bei ihnen wird geschätzt, wie viel sie zum BIP beitragen. Dabei behelfen sich die Statistiker mit dem Blick auf ältere Daten oder dem Vergleich mit größeren Branchenvertretern. Alle paar Jahrzehnte -in Österreich zuletzt im Jahr 1995 -findet eine sogenannte Vollerhebung statt. Dann muss tatsächlich jede wirtschaftliche Einheit bis hinunter zum kleinsten Würstelstand ihre Zahlen an die Statistiker schicken. Alle Daten werden in einer digitalen Kartei erfasst. Unterteilt in 64 Branchen, umfasst sie sämtliche wirtschaftliche Tätigkeiten. In der Klassifikationsdatenbank der Statistik Austria finden sich Kategorien wie die „Herstellung von feuerfesten keramischen Werkstoffen“, „Detekteien“ und sogar die „Verarbeitung von Frischfisch auf Fabrikschiffen“ – wiewohl der Beitrag der Letzteren zur österreichischen Wirtschaft überschaubar sein dürfte.

Als wäre all das noch nicht genug Rechenarbeit, kann man sich dem BIP auch noch gewissermaßen von hinten nähern. Es gibt nämlich auch andere Arten der BIP-Berechnung: beispielsweise, indem man alles Geld zusammenzählt, das in Österreich pro Jahr verdient wird. Sämtliche Gehälter unselbstständig Beschäftigter, Honorare für freie Dienstnehmer, Gewinnausschüttungen an Unternehmer, Mieteinnahmen: All dies zusammen ergibt wiederum das BIP. Wie das? Wer es verstehen will, muss sich fragen, woher das Einkommen der Menschen stammt. Der Lohn eines Arbeitnehmers war zugleich Teil der Wertschöpfung seiner Arbeitsstätte. Der Gewinn, den sich der Würstelstandbesitzer auszahlt, war ebenfalls Teil der Wertschöpfung seines Betriebs. Alles Geld, das jemand einnimmt, wurde im Rahmen irgendeiner Wertschöpfung erwirtschaftet. Am Ende sind beide Summen -das verdiente Geld und der Gesamtwert aller produzierten Güter und Dienstleistungen -gleich hoch.

Das BIP kennt keine Unterschiede. Das volle Auftragsbuch eines Handgranatenherstellers? Gut für das BIP. Eine vielbesuchte öffentliche Bücherei , die zahlreich Bibliothekare benötigt? Ebenfalls gut. Es mutet geradezu irre an, alle wirtschaftliche Tätigkeiten völlig wertfrei zusammenzuzählen, um dann auf Zehntelprozentpunkte genau zu eruieren, inwiefern sich das Resultat von Jahr zu Jahr verändert. Dass das BIP zur allmächtigen Messgröße aufstieg, ergab sich einst aus den Zwängen des Zweiten Weltkrieges. Damals arbeiteten britische und US-amerikanische Forscher mit Hochdruck daran, notwendige Kenntnisse zu entwickeln, damit die Kriegswirtschaften möglichst reibungslos expandieren konnten. Es galt beispielsweise zu eruieren, ob den Produktionssteigerungen in Flugzeugwerken auch ebensolche bei Propellern gegenüberstanden. Oder: inwiefern es in Konsumgüterbranchen zu Knappheiten kam, weil die Rüstungsindustrie derart heißlief. Mit dem Aufbau eines statistischen Systems, das derlei Informationen abbilden konnte, wurden einige der besten Wissenschafter ihrer Ära betraut, etwa Simon Kuznets und John Maynard Keynes. Im Jahr 1944 harmonisierten die USA, Kanada und Großbritannien ihre BIP-Berechnung. Bald darauf sprang die Logik der Steigerung, die gerade noch der Rüstungswirtschaft als Basis gedient hatte, auf die Nachkriegszeit und ihren beginnenden Massenkonsum über. Seither hat sich alles enorm ausdifferenziert. Heute werden immer neue Tätigkeiten in die BIP-Berechnung eingefügt. „Das BIP lebt“, sagt Ursula Havel von der Statistik Austria. „Das Konzept ist nicht statisch, sondern wird immer wieder weiterentwickelt.“ Im BIP spiegelt sich, wie sich Branchen und Berufe verändern. Derzeit beispielsweise läuft eine Gesetzesinitiative auf EU-Ebene, welche die rechtliche Basis schafft, Dienstleistungsbranchen genauer zu erfassen. Dadurch wird besser ersichtlich, wie viel etwa Friseure oder manche medizinische Berufe zum BIP beitragen. Die dahinterstehenden umfangreichen Verfahren nennt man „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen“. Sie sind europaweit einheitlich und detailliert geregelt. Wie sie abzulaufen haben, legt ein 740-seitiges Gesetzeswerk fest, Letztfassung 2010, das „Europäische System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“. Darüber liegt nochmals eine Vorgabe der UN für die ganze Welt, das „UN System of National Accounts“.

BIP-ENTWICKLUNG JE JAHRZEHNT IM VERGLEICH Je weiter die Wirtschaft entwickelt ist, desto schwerer fällt weiteres Wachstum.

Angesichts dessen ist, wenn man so will, eine Art Weltherrschaft längst keine Utopie mehr. Nur beherrscht kein mächtiger Staat und keine Oligarchie die Erde, sondern eine Zahl. Jedes Land hat sich dem Ziel verschrieben, das BIP zu steigern. Warum eigentlich? Weil es keiner Regierung bisher je gelungen ist, das BIP geplantermaßen zu senken oder längere Zeit stagnieren zu lassen. Rückgänge erfolgten ausnahmslos unfreiwillig, in Form von Rezessionen und Wirtschaftskrisen. Das bedeutet: Arbeitslosigkeit, knappe Kassen bei Privaten und Staat, Einschnitte, politische Instabilität. In schlimmeren Fällen drohen Staatspleiten, Hyperinflation, Massenverarmung bis hin zu Gewalt und Umstürzen.

Sinkt das BIP oder stagniert es dauerhaft, setzen selbstverstärkende Kreisläufe ein. Die Unternehmen produzieren weniger, deshalb brauchen sie weniger Arbeitskräfte. Es gibt also mehr Arbeitslose, die wiederum weniger Geld haben, um Güter zu kaufen -womit die Produktion noch weiter sinkt. Weniger Beschäftigte und weniger profitable Unternehmen liefern überdies weniger Steuern an den Staat ab. Infolgedessen drosselt auch dieser häufig seine Ausgaben. Der Staat konsumiert also ebenfalls weniger -womit die Produktion noch weiter sinkt. Ein Teufelskreis.

Damit die Welt nicht aus den Fugen gerät, muss das BIP also immerzu steigen. In der Volkswirtschaft kennt man gar fixe Relationen dafür, wie hoch der Anstieg erfolgen muss. Beispielsweise geht die EU bei Berechnungen von Staatsschulden davon aus, dass jeder Prozentpunkt weniger BIP-Wachstum das Budgetdefizit eines Landes um 0,6 Prozentpunkte erhöht. Auch die Arbeitslosigkeit korreliert stark mit dem BIP-Wachstum: Unterschiedlich je nach Wirtschaftsstruktur, führt jeder Prozentpunkt weniger BIP zu rund 0,4 Prozent mehr Arbeitslosen, errechnete der US-Ökonom Arthur Melvin Okun.

Kein Wunder, dass sich die großen Debatten in Politik, Forschung und Medien kaum jemals um Sinn oder Unsinn des BIP als solches drehen. Vielmehr wird leidenschaftlich gestritten, welche Mittel am geeignetsten seien, das BIP zu steigern. Im Kampf gegen Wirtschaftskrisen, argumentieren gern Sozialdemokraten und Linke, solle es Staaten erlaubt sein, Schulden zu machen -um mit geborgtem Geld das Wachstum wieder anzukurbeln. Schulden seien keine Lösung, entgegnen Konservative und Marktliberale: Das Wachstum werde nur zurückkehren, wenn die Staaten sparen, um das Vertrauen von Investoren zu gewinnen, auf dass sie neue Arbeitsplätze schaffen.

BIP-ENTWICKLUNG JE JAHRZEHNT IM VERGLEICH Je weiter die Wirtschaft entwickelt ist, desto schwerer fällt weiteres Wachstum.

Vielleicht treffen beide Ansätze nicht den Kern des Problems. Vieles deutet darauf hin, dass Staaten ab einem bestimmten wirtschaftlichen Entwicklungsgrad schlicht weniger wachsen -egal ob durch Schuldenmacherei oder Buhlen um Investoren. In Österreich beispielsweise gelten die rund drei Prozent jährliches Wachstum, wie sie das Land in den vergangenen beiden Jahren hinlegte, als regelrechter Boom. China hingegen erreichte vergangenes Jahr 6,6 Prozent -und beklagte damit das niedrigste Wachstum seit Jahrzehnten.

Die Ursache, warum der Zuwachs an BIP mit fortschreitender Wirtschaftsentwicklung nachlässt, hängt ein Stück weit mit bloßer Mathematik zusammen. Die Basis, von der aus die Steigerung prozentuell gemessen wird, wird ja ständig größer. Am Beispiel China: Im Jahr 2007 verbuchte das Land zwar noch unschlagbare 14,2 Prozent an Wirtschaftswachstum. In Wahrheit jedoch kamen – absolut betrachtet -damals weniger neue Güter und Dienstleistungen zur chinesischen Wirtschaft hinzu als im vergleichsweise schwachen Jahr 2018. Warum? 2018 war der Gesamtwert der bereits vorhandenen Güter bereits viel größer als 2007. Dementsprechend niedriger fällt der prozentuell gemessene Zuwachs aus. Je größer die Wirtschaft, desto schwerer weiterer Zuwachs.

Doch nicht nur die Mathematik setzt dem immerwährenden Wachstum Grenzen. Da wäre auch die Frage der natürlichen Ressourcen. Mehr Wachstum bedeutet stets mehr Rohstoffverbrauch und einen höheren Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase, zu deren Reduktion sich die Weltgemeinschaft bei der Klimakonferenz von Paris 2015 verpflichtet hat. Viele Experten hoffen zwar auf „grünes Wachstum“, also die Entkopplung von Wachstum und Umweltschäden. Allein, bisher kam es nie dazu. Ganz im Gegenteil : Je höher das Wachstum, desto größer die Umweltschäden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob immer mehr BIP-Wachstum tatsächlich zu individuellem Wohlbefinden führt. Zweifellos macht eine zunehmende Zahl von Gütern und Dienstleistungen die Menschen eine Zeit lang glücklich. Aber gilt das auch dann, wenn das BIP bereits sehr hoch ist? Jedenfalls gibt es Methoden, das BIP weiter zu steigern, die dem Wohlbefinden des Einzelnen abträglich sind. Ein Beispiel: Die Deregulierungen im US-Finanzsektor in den 1990er-und 2000er-Jahren führten zu beachtlichen Wachstumsraten. Viele Amerikaner konnten ihretwegen Kredite aufnehmen, um Hauskäufe und anderen Konsum zu finanzieren. Die Sache ging aber nur bis 2008 gut, als die Rechnung in Form der US-Bankenkrise ins Haus flatterte. Die Institute hatten massenhaft Risikokredite an fragwürdige Schuldner vergeben. Die darauffolgende Krise erschütterte gleichermaßen das BIP wie das Wohlbefinden vieler Amerikaner, die in die Armut stürzten.

Man kann den komplexen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Lebenszufriedenheit auch auf individueller Ebene betrachten: Wenn beispielsweise ein Pendler mit seinem Auto täglich im Stau steht, tut dies weder ihm selbst gut noch der Umwelt -auf das BIP jedoch wirkt es sich positiv aus. Denn der Staugeplagte gibt mehr Geld für Treibstoff aus und muss das Auto häufiger reparieren lassen. Ebenfalls schmälert jegliche ehrenamtliche Tätigkeit das BIP. Von der Altenbetreuung innerhalb der Familie über die Gratis-Nachhilfe für Schulkinder bis zur Blutspende: Derlei Engagement mag die persönliche Zufriedenheit erhöhen und den sozialen Zusammenhalt fördern. Aber weil sie nicht entlohnt ist, fließt sie nicht ins BIP ein.

Mathematik, Ressourcenverbrauch, Wohlbefinden. Vieles deutet darauf hin, dass es ab einem gewissen Entwicklungsgrad immer schwieriger wird, das BIP zu steigern -und dass überdies weiteres Wachstum den Menschen gar nicht guttut. Aber zugleich gibt es keine Möglichkeit der BIP-Senkung, außer eine Krise samt ihren verhängnisvollen Kettenreaktionen. „Wir haben einen Kult um eine Zahl kreiert, der uns nun gefangen hält“, beschrieb im Jahr 2012 der französische Ex-Präsident Nicolas Sarkozy dieses Dilemma. Braucht es eine neue Zahl, an der wir unser wirtschaftliches Handeln orientieren können? Hochrangige Ökonomen haben sich an dieser Frage abgearbeitet. Überzeugende Antworten gaben sie keine.

Zurück ins gläserne Bürohaus in Wien-Simmering. Dort präsentieren die Experten der Statistik Austria jedes Jahr einen Bericht, 232 Seiten, vielgelobt in Fachkreisen. „Wie geht’s Österreich?“ will Wege aus der BIP-Fixiertheit aufzeigen. Die Methode: 30 sorgsam ausgewählte und übersichtlich präsentierte Schlüsselindikatoren sollen ein wirklichkeitsgetreues Abbild der Zustände im Land liefern. Darunter findet sich beispielsweise die Anzahl der Schulabbrecher, die Höhe der Wohnkosten, das Ausmaß der Bio-Flächen in der Landwirtschaft und auch, ganz klassisch, das BIP.

WIE GEHT ‚S ÖSTERREICH? Die Statistik Austria vergleicht die BIP-Entwicklung alljährlich mit anderen Indikatoren.

Der Bericht ist Teil einer möglichen Lösung und führt zugleich ein Stück weit das Problem im Bericht in Wahrheit wesentlich von der Entwicklung des BIP ab. Würden zum Beispiel die Österreicher angesichts einer Wirtschaftskrise zu billigeren Lebensmitteln greifen – dann wäre wohl damit zu rechnen, dass auch das Ausmaß der Bio-Flächen wieder sinkt. vor Augen. Nimmt man mehr als nur eine wichtige Zahl in den Blick, geht schnell der Überblick verloren. Überdies hängen viele der Indikatoren im Bericht in Wahrheit wesentlich von der Entwicklung des BIP ab. Würden zum Beispiel die Österreicher angesichts einer Wirtschaftskrise zu billigeren Lebensmitteln greifen – dann wäre wohl damit zu rechnen, dass auch das Ausmaß der Bio-Flächen wieder sinkt.

Wie also könnte ein neues Generalkonzept aussehen, ähnlich klar und wirkmächtig wie das BIP? Es gibt keines, antworten Wachstumskritiker wie der deutsche Gewerkschafter Norbert Reuter, der britische Nachhaltigkeitsprofessor Tim Jackson und andere Anhänger der sogenannten „Degrowth“-Bewegung. Statt zu warten, plädieren sie dafür, einfach einmal zu beginnen mit dem Wachstumsrückgang. Gefordert werden Maßnahmen, die zwar wohl wachstumshemmend wirken würden, aber notwendig wären, um das allgemeine Wohlbefinden zu steigern. Für den Anfang zum Beispiel viel höhere Steuern auf Öko-Sünden. Oder höhere Investitionen der Regierungen in öffentliche Güter wie Bildungseinrichtungen, Museen und umweltfreundliche Verkehrsmittel. Weiters, so die Kritiker, brauche es eine generelle Arbeitszeitverkürzung. Infolge schrumpfender Produktionen ist nämlich mit Massenarbeitslosigkeit zu rechnen -das geringere Ausmaß der Lohnarbeit müsse deshalb besser auf die Menschen verteilt werden.

Freilich: Wie solch weitreichende Forderungen durchsetzbar sein sollen und ob das überhaupt ohne internationalen Konsens Sinn hätte, bleibt offen.

Vorläufig geht deshalb alles weiter wie gehabt. Ende vergangener Dezember, eine der vierteljährlich stattfindenden Pressekonferenzen österreichischer Wirtschaftsforscher zur Konjunkturentwicklung. Für das Jahr 2019 sei mit einer leichten Abkühlung der Wirtschaft zu rechnen, prognostizieren die Ökonomen. Man erwarte eine BIP-Steigerung von etwas unter zwei Prozent. Schlechter als bisher, aber nicht besorgniserregend. „Es ziehen Wolken auf, aber keine schwarzen“, formuliert der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts. Keine Sorge also. Wir wachsen schon noch ein bisschen weiter. n

DREI BUCHTIPPS ZUM THEMA BIP

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts. Suhrkamp 2013,16,50 Euro.
Statistik Austria: Wie geht’s Österreich? Indikatoren und Analysen. Gratis-Download
Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum – das Update. Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Oekom 2017,20,60 Euro

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

Lagerkoller

Aus dem profil 07/2019 vom 10.2.2019

Ballungsräume wachsen, Wohnraum wird knapp – Lagerraum erst recht. Wohin mit den Dingen, die man nicht ständig braucht, aber auch nicht entbehren will? Die boomende Selfstorage-Branche erzählt viel über das Leben in der Stadt.

Von
Joseph Gepp

Es gibt in Großstädten wie Wien grosso modo zwei Arten von Kellern. Da wären zunächst die alten, ziegelsteinernen, oft modrig-feuchten. Und dann jene, auf welche Neubauten aufgesetzt werden: rechtwinkelig, funktional, mit sauber aneinandergereihten, hellen Abteilen.

Bei „MyPlace“ in Wien-Döbling sieht es aus wie in einem Keller des zweiten Typs. Nur befindet man sich nicht unter der Erde, sondern mehrere Stockwerke darüber. Schmucklose Gänge, Halogenlicht, Abteile aus Blechwänden, jeweils mit Vorhängeschloss. Von außen sind diese Gebäude voluminöse, gesichtslose Kästen an vielbefahrenen Straßen. Drinnen säuselt Musik durch die Gänge. „Damit sich die Kunden nicht einsam fühlen beim Ein-und Ausräumen „, sagt Christian Beiglböck, MyPlace-Manager in Wien. Der Standort ist einer von mittlerweile 46 in Österreich , Deutschland und der Schweiz, fünf weitere sind in Bau, drei in Planung. Gegründet wurde MyPlace 1999 vom Wiener Unternehmensberater Martin Gerhardus, kurz nach der Gründung stiegen die Brüder Herbert und Harald Hild in die Betreibergesellschaft Selfstorage – Dein Lager Lagervermietungs GmbH ein (später kam vorübergehend auch die Immofinanz-Gruppe hinzu). Das Geschäft läuft. Die Firma beschäftigt mittlerweile 165 Menschen und schreibt knapp 50 Millionen Euro Umsatz jährlich. Das Geschäftsjahr 2017/2018 schloss mit einem Nettogewinn nach Steuern in der Höhe von 13,3 Millionen Euro, im Jahr davor waren es 11,46 Millionen Euro gewesen und im Jahr davor 11,67 Millionen. MyPlace war der erste Anbieter seiner Art in Österreich, ist aber längst nicht mehr der einzige. Auf dem österreichischen Markt ist eine Reihe von Mitbewerbern entstanden, mit Namen wie „Localstorage“ oder „Extraspace“. Manche bieten wie MyPlace Abteile in Gebäuden an, bei anderen, wie dem Anbieter „Easy Storage“, kann man Container mieten.

Das 2016 gegründete Start-up Storebox zum Beispiel, ebenfalls ein österreichisches Projekt dreier Jungunternehmer, verfügt bereits über rund 25 Filialen in Wien und dem Umland. Im vergangenen Oktober ist die Signa Holding des Tiroler Immobilienmagnaten René Benko bei Storebox eingestiegen; um kolportierte fünf Millionen Euro erwarb Benko 20 Prozent des Unternehmens. Für heimische Start-up-Verhältnisse ein großer Deal. Was Leute einlagern und warum, erzählt viel über die Mobilität der Menschen und deren Lebensweise in den Städten. Mit dem „Phänomen Selfstorage“ befasst sich nun auch eine höchst sehenswerte Ausstellung im Wien-Museum, die am 14. Februar anläuft (im Ausweichquartier in der Felderstraße in der Wiener Innenstadt, weil das Haupthaus am Karlsplatz renoviert wird).

Die Schau fügt sich ins Bild. Rund um die Themen Aufräumen und Ausmisten ist in letzter Zeit eine regelrechte Beratungsindustrie entstanden. Im Internet findet man haufenweise Tipps fürs richtige Aussortieren von Kleiderschrank bis Bücherregal. Ob Wüstenrot-Versicherung, Versandhaus Otto oder Frauenzeitschrift „Brigitte“: Alle bieten Hilfe. Dazu kommt eine viel diskutierte Doku-Serie auf der Streaming-Site Netflix: In „Aufräumen“ hilft die Japanerin Marie Kondō, Bestsellerautorin von Ratgeberbüchern, Leuten beim Ausmisten -mit nachgerade religiöser Hingabe. In andächtiger Langsamkeit sprechen die Protagonisten Abschiedsworte zu den Dingen, ehe sie diese weggeben. Botschaft: Wer seine Wohnung von überflüssigen Sachen befreit, befreit auch seine Seele. Wer sich noch nicht ganz so weit fühlt, kann sich sein Zeug zumindest vorerst vom Hals schaffen, indem er es einlagert. Im Kellerabteil. Oder eben im angemieteten Lager. Drei bis fünf Quadratmeter sind diese gemeinhin groß. Meist mieten sie die Kunden für ungefähr eineinhalb Jahre, sagt MyPlace-Gründer Martin Gerhardus. Kosten für ein durchschnittliches Abteil: grob 100 Euro monatlich, je nach Lage und Auslastung. Was Leute so einlagern?“Im Wesentlichen Hausrat und Dinge, von denen man sich nicht trennen will“, so Gerhardus. „Das können Ski sein, das Kinderbett von der Großmutter, die alte Plattensammlung.“ Gerhardus schätzt, dass der Selfstorage-Markt im deutschsprachigen Raum jedes Jahr um fünf bis sieben Prozent zulegt – wobei die Deutschen noch einlagerungsfreudiger seien als die Österreicher.

Die Gründe für das rasche Wachstum haben nicht nur mit dem Bedürfnis nach Minimalismus à la Marie Kondō zu tun, sondern auch mit handfesteren Entwicklungen: Die Lebensweise der Menschen in großen Städten ändert sich rasant.

Foto: Klaus Pichler/Wien-Museum

Der Raum wird knapper und folglich teurer. In Wien zum Beispiel ist die durchschnittliche Miete inklusive Betriebskosten pro Quadratmeter seit dem Jahr 2007 um beachtliche 37 Prozent gestiegen, auf 7,78 Euro im Jahr 2017. Bei Wohnungseigentum beträgt die Preissteigerung im selben Zeitraum laut Oesterreichischer Nationalbank gar 89 Prozent. Viele Städter müssen deshalb mit kleineren Wohnflächen vorliebnehmen, die weniger Stauraum bieten. Im Jahr 2011 fand im Wohnungswesen der Hauptstadt eine Zeitenwende statt: Erstmals seit einem halben Jahrhundert stieg die durchschnittliche Wohnfläche pro Bewohner nicht mehr an, sondern sank. Derzeit steht sie laut Statistik Austria bei 34 Quadratmetern, 2011 waren es noch 38.

Aus der zunehmenden Knappheit ergeben sich bauliche und gesetzliche Veränderungen. So hat das lukrative Geschäft, Dachgeschosse auszubauen, Lagerflächen unter Dachstühlen stark reduziert. Um mehr leistbaren Wohnraum zu schaffen, nimmt die Stadtregierung auch Veränderungen in der Bauordnung vor, die den Stauraum weiter schmälern. So fiel im Jahr 2008 der Passus, wonach jede Neubauwohnung über einen Abstellraum verfügen muss. Auch auf Kellerabteile darf heute verzichtet werden. Außerdem sind die Städter äußerst mobil unterwegs: Im Jahr 2017 gab es in Wien ganze 366.000 Wohnsitzwechsel -heißt: Jeder fünfte Bewohner der Stadt zog in diesem Jahr um.

Kein Wunder, dass die Selfstorage-Lager boomen – wenngleich nur in Ballungsräumen. Das Stadt-Land-Gefälle ist wenig überraschend stark, im ländlichen Raum ist die Platznot nicht annähernd so ausgeprägt. Elf der 13 österreichischen MyPlace-Lager stehen in Wien, je eines in Graz und in Linz. Wer in die Lagerabteile blickt, wird „ganze Schichten an Erinnerungen übereinander“ entdecken , erzählen Martina Nußbaumer und Peter Stuiber, Kuratorinnen der Ausstellung im Wien Museum. Sie haben recherchiert, wofür genau Menschen ihre Abteile nutzen (siehe Fotos). Sie sind zum Beispiel auf einen Jazz-Musiker gestoßen, der berufsbedingt häufig aus dem Koffer lebt – und Kompositionen und Aufnahmen aus Jahrzehnten im Storage-Abteil bunkert. Oder die Frau, die ihre komplette Familiengeschichte dort verstaut hat: von den Fotos der Großmutter beim Wörther-See-Urlaub in den 1930er-Jahren bis zu den selbst gebastelten Schultüten beim Volksschuleintritt ihrer Kinder, ein halbes Jahrhundert später.

Miranda M., Wienerin, legte sich nach einem Umzug in eine kleinere Wohnung vor einigen Jahren ein Selfstorage-Abteil zu. Darin hat sie ihre Familiengeschichte verstaut: von Fotoalben ihrer Großeltern, die im Jahr 1945 als Deutschsprachige aus Brünn fliehen mussten, bis zu einer Puppe, die sie 1995 ihrer vierjährigen Tochter schenkte.
Foto: Klaus Pichler/Wien-Museum

Weil der Platz in den Städten so bald nicht wieder zunehmen wird, darf man der Selfstorage-Branche auch in Zukunft Zuwächse voraussagen. Die Tendenz geht allerdings weniger in Richtung kastenartige Großlager, wie MyPlace sie betreibt. Sondern eher zu Lagern nach Art der jungen Firma Storebox: Dieses Unternehmen gründet seine Filialen in zuvor leerstehenden Erdgeschosslokalen -und von denen gibt es eine ganze Menge. Die Zahl der Storebox-Filialen, die von außen mit knallbunter Folie beklebt sind, wächst rasant. Nur drei Jahre nach Gründung findet man sie in Wien, St. Pölten, Salzburg, Linz, Mainz, München und Berlin. Nachteil des Geschäftsmodells: Zugepickte Erdgeschosslokale bereichern das Straßenbild nicht gerade. Vorteil: Man ist extrem nahe dran am Kunden. Es ist fast so, als habe man einen eigenen Keller, nur muss man eben bezahlen.

Und was, falls Selfstorage-Benutzer nicht zahlen? Davon handeln in den USA ganze Fernsehserien. Dort hat sich unter den Unternehmern der Branche die Praxis eingebürgert, den Inhalt von Selfstorage- Lagern nach einer Wartefrist zu versteigern. Die Bieter wissen jedoch nicht, was sich im Abteil befindet. Doku-Soaps wie „Storage Wars“ handeln davon, wie glückliche Auktionsteilnehmer auf millionenschwere Schätze stoßen. Oder doch eher auf Gerümpel.

In Österreich erlaubt das Gesetz keine Versteigerungen, sagt MyPlace-Manager Christian Beiglböck. Aber dass Kunden nicht bezahlen, käme trotzdem immer wieder vor. In diesem Fall gibt es mehrere Kontaktaufnahmeversuche und eine 90-tägige Frist. Bleibt alles ergebnislos, wird das Abteil geöffnet. Die darin befindlichen Dinge werden entweder weggeworfen oder, falls sie Wert haben, durch spezialisierte Verwertungsunternehmen verkauft. „Aber so lang ich mich erinnere, war noch nie etwas Wertvolles dabei“, sagt Beiglböck. „Nur Müllsäcke mit Gewand, Bügelbretter, alte Möbel.“

Renata Werdung verfügt über ein Drei- Quadratmeter-Abteil, seit 2009 infolge eines Umzugs der Platz für ihre Kleidung nicht mehr reichte. Sie verwendet es wie einen begehbaren Kleiderschrank. Die Ex-Journalistin und Werbefachfrau besucht gern Veranstaltungen wie die Salzburger Festspiele. Die dazugehörigen Abendkleider hängen im Mietlager.
Foto: Klaus Pichler/Wien-Museum

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stadtleben, Stadtplanung, Unternehmen, Wirtschaft