Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Holz machen am Friedhof

Aus profil 1/2017

Hintergärten, Friedhöfe, Maisfelder. Diese Orte tief in der rumänischen Provinz bedeuten derzeit Ärger für den österreichischen Holzkonzern Schweighofer. Warum? Dahinter steckt eine längere Geschichte.

Das Unternehmen des gebürtigen Waldviertlers Gerald Schweighofer, Marktführer bei der Holzverarbeitung in Rumänien, ist seit zwei Jahren mit Vorwürfen konfrontiert. Umweltschützer und Journalisten werfen Schweighofer vor, illegal geschlägertes Holz für seine Sägewerke zu beziehen (profil berichtete zum Beispiel hier). Auch die Staatsanwaltschaft in Bukarest ermittelt. Ergebnisse gibt es bisher nicht; Schweighofer bestreitet die Anschuldigungen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Neue Vorwürfe bringt nun die US-Umweltschutzorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) auf. Die Aktivisten inspizierten unter anderem Frachtbriefe von Schweighofer-Lieferanten. Diese müssen Satelliten-Koordinaten jener Orte enthalten, an denen das Holz geschlägert wurde. Die EIA besuchte 22 der Orte in Rumänien – und: Bei zehn handelt es sich laut EIA gar nicht um Wälder, sondern etwa um Friedhöfe und Maisfelder (siehe Bilder). Laut EIA „ein Beleg dafür, dass die Koordinaten gefälscht sind und die Bäume andernorts illegal gefällt wurden“. Schweighofer, fordert die EIA, müsse die Herkunft seines Holzes nachvollziehbar machen.

FRIEDHOF, Ferăstrău-Oituz Breitengrad 46.203037, Längengrad 26.572838 (Foto: EIA)

FRIEDHOF, Ferăstrău-Oituz Breitengrad 46.203037, Längengrad 26.572838
(Foto: EIA)

Schweighofer hält dagegen. In einer Stellungnahme spricht das Management davon, dass die Geräte zur Ermittlung der Koordinaten – etwa Tablet-Computer – oft in Büros oder etwa an Straßenrändern bedient werden statt direkt vor Ort der Schlägerungen. Dies mache, genauso wie die teilweise schlechte Netzabdeckung, die Daten oft „inakkurat“. Zudem habe Schweighofer gar keine Einsicht, sondern nur die Forstbehörden.

MAISFELD, Podoleni Breitengrad 46.768662, Längengrad 26.63172 (Foto: EIA)

MAISFELD, Podoleni Breitengrad 46.768662, Längengrad 26.63172
(Foto: EIA)

Doch Ärger für Schweighofer kommt nicht nur von der EIA. Auch eine Untersuchungskommission der Organisation FSC (Forest Stewardship Council), die nachhaltig geschlägerte Holzbetriebe zertifiziert, übt Kritik. Sie resümiert in einem 100-Seiten-Bericht Mitte Dezember, es gebe „eine Vielzahl von überzeugenden Beweisen, dass das Unternehmen Holz aus Quellen erworben hat, die nach rumänischem Recht nicht als legal bezeichnet werden können“.

Schweighofer droht nun der Entzug des prestigereichen FSC-Siegels. Bis Februar muss das Unternehmen alle mutmaßlichen Missstände abstellen. Der Fall zieht Kreise: Laut rumänischen Medien hat etwa die Baumarktkette Hornbach die Schweighofer-Produkte aus Rumäniens Filialen entfernt.

 HINTERGARTEN, Solca Breitengrad 47.697756, Längengrad 25.83639 (Foto: EIA)


HINTERGARTEN, Solca Breitengrad 47.697756, Längengrad 25.83639
(Foto: EIA)

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Wirtschaft

Nur noch kurz die Welt retten

Aus profil 51-52/2016

Sie bringen anonyme Nachbarn zusammen, konstruieren umweltfreundliche Wochenendhäuser, betreiben Algen-Farmen und reinigen schmutziges Trinkwasser in Afrika. Wie junge Unternehmen aus Österreich die Welt ein bisschen besser machen wollen.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Unternehmen 1

Nichts für Betonköpfe

Angenommen, man wünscht sich ein Wochenendhäuschen. Groß muss es nicht sein. Aber im Grünen, schöne Umgebung, vielleicht etwas abgelegen.

Ein solcher Wunsch trägt einen Widerspruch in sich: Für das Häuschen braucht es Verkehrs-, Elektrizitäts-, Wasser- und Kommunikationsnetze, welche die Abgeschiedenheit erschließen. Und schon wird aus der schönen Umgebung eine Einfamilienhaussiedlung. Gerade in Österreich, wo die Gemeinden über die Raumplanung entscheiden, erreicht die Zersiedelung bedenkliche Ausmaße. Folgen: Bodenverdichtung, Ressourcenverschwendung, die Zerstörung von Naturräumen.

„Wir wollen eine Alternative bieten“, sagt Theresa Steininger. Vor drei Jahren gründete sie gemeinsam mit Christian Frantal die Firma „Wohnwagon GmbH“. Sie bietet eine Behausung auf Rädern an, eine Art stark adaptierten Wohnwagen. Eine raffinierte Einteilung im Inneren sorgt dafür, dass es sich trotz knappen Raums nicht beengt anfühlt. Und das Entscheidende: Der Wohnwagon funktioniert autark.

Von der Stromerzeugung mittels Solarzellen über den Holzofen bis zur Bio-Kläranlage mit Pflanzenbeet auf dem Dach spielen die Wohnwagons alle Stücke. Und holzverkleidet und attraktiv designt sind sie auch. „Wir wollen vermitteln, dass nachhaltiges Wohnen etwas Schönes ist“, sagt Steininger.

Die Niederösterreicherin, die Unternehmensführung studiert hat, verantwortet bei Wohnwagon die kaufmännischen Agenden; Partner Frantal hingegen ist der Tüftler. Der Gedanke, sich auf das Wesentliche im Leben zurückzuziehen, liegt im Trend – und entsprechend erfolgreich ist Wohnwagon. Mit dem Abarbeiten von Bestellungen kommt das Start-up mit Sitz in Wien-Ottakring kaum nach. Und das, obwohl sich die Autarkie gehörig zu Buche schlägt: Je nach Größe und Ausstattung kostet ein Wohnwagon zwischen 50.000 und 150.000 Euro.

18 Stück wurden bisher produziert. Jene, die bereits ausgeliefert sind, stehen etwa in der Steiermark, Nürnberg und gar Belgien. Sie fungieren als (Zweit-)Wohnsitze oder Hotelzimmer.

Der Anfang war hart. Auf einer Crowdfunding-Plattform sammelte das Duo 214.000 Euro. Mit diesem Kapital baute es in einer Scheune im Weinviertel den ersten Wohnwagon. „Wir hatten Angst, dass sich niemand dafür interessiert“, erzählt Steiniger. Doch der erste Kunde kreuzte bald auf, nachdem er den Prototypen auf dem Wiener Heldenplatz gesehen hatte. Und es wurden immer mehr.

Jetzt wollen Steiniger und Frantal expandieren. Ein deutscher Investor hat zehn Prozent des Unternehmens übernommen, was ihnen finanziell einen längeren Atem verschafft. Neben dem Wohnwagon bietet das Unternehmen inzwischen auch „skalierbare Autarkie-Systeme“ an, sagt Steiniger, etwa Kleinkläranlagen für Privathäuser. Zehn Leute arbeiten bereits für das Unternehmen.


Unternehmen 2

Trinkwasser, marsch

Es gibt globale Probleme, die schaffen es kaum ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Zum Beispiel Durchfall. Tagtäglich sterben daran durchschnittlich 4000 Menschen, vor allem Kinder in Indien und Afrika. Der Grund: Sie trinken verschmutztes Wasser. Am Zugang zu sauberem mangelt es 1,5 Milliarden, einem Fünftel der Weltbevölkerung.

Dabei wäre das Problem leicht zu lösen. Es gibt Methoden, Wasser zu desinfizieren. Doch sie alle scheitern an bestimmten Hindernissen. Man kann es beispielsweise abkochen – doch dafür mangelt es den Armen oft an Gelegenheit. Man kann es mit Chlortabletten reinigen – doch die sind teuer. Man kann es schließlich einfach in Plastikflaschen in die Sonne legen, deren UV-Licht Keime tötet. Doch bei dieser letzten Methode wissen die Menschen meist nicht, wie lange die Desinfektion dauert. Denn sie ist je nach Sonnenintensität unterschiedlich, von einer Stunde bis zu einem Tag.

Hier kommt eine österreichische Erfindung ins Spiel. „Wadi“ heißt das Gerät, das der Vorarlberger Martin Wesian und seine sieben Mitstreiter von der Helioz GmbH in Wien-Wieden im Jahr 2010 entwickelt haben. Das Wadi ist ungefähr so groß wie zwei Zigarettenpackungen. Und es kostet auch nicht viel mehr, rund 15 Euro.

Man legt das Gerät neben die Flaschen, um die Sonnenintensität zu messen. Sobald das Wasser desinfiziert ist, erscheint auf einem Display ein Smiley. „Damit eignet es sich auch für Analphabeten“, sagt Manuela Kräuter, die Geschäftsführerin von Helioz. Die Bedienung ist einfach, es gibt lediglich einen Einschaltknopf. Und weil der Strom aus einer Solarzelle kommt, läuft das Gerät ohne (meist ohnehin nicht verfügbare) Steckdose.

Die Idee kam Martin Wesian, als er einmal auf einer Venezuela-Reise selbst an Cholera erkrankte. Heute werden Wadis etwa nach Uganda, Äthiopien und Indien geliefert. 12.000 Geräte sind im Einsatz. Oft kaufen sie Nichtregierungsorganisationen vom Wiener Start-up, um sie, etwa über Dorfschulen, den Menschen zur Verfügung zu stellen. „In kenianischen Dörfern beobachten wir einen Rückgang der trinkwasserbedingten Erkrankungen um 85 Prozent“, sagt Wesian.

Was die Finanzierung des Projekts betrifft, sucht er nach Investoren. Für Business Angels – also jenen Financiers, die Unternehmen in der Frühphase zur Seite stehen – ist die Helioz GmbH inzwischen zu groß. Andererseits ist sie für Fonds, die in fortgeschrittene Projekte investieren, zu klein. „Und überhaupt sind diese in Österreich rar gesät“, sagt Wesian.

Den Durchbruch könnte nun bringen, dass die UN-Weltgesundheitsorganisation das Wadi als nützliches Gerät zur Wasserdesinfektion klassifiziert hat. Damit gerät es ins Blickfeld zahlreicher NGOs. Wesian rechnet mit einer Vervielfachung der Verkaufszahlen.


Unternehmen 3

Grüne Bewegung
Der Anblick hat etwas Futuristisches. Ein Glashaus unweit der Ostautobahn: In langen Reihen stehen rund fünf Meter hohe Glassäulen. Luftbläschen sprudeln durch die Röhren. Die enthaltenen Flüssigkeiten leuchten in unterschiedlichen Grüntönen. Hier, im niederösterreichischen Bruck an der Leitha, produziert das Biotech-Unternehmen ecoduna Mikroalgen. Derzeit noch in einer Versuchsanlage.

Johann Mörwald ist an diesem Donnerstag Mitte Dezember etwas unter Druck. Der ecoduna-Vorstandsvorsitzende will tags darauf Politiker, lokale Honoratioren und Aktionäre begrüßen. Die letzten Vorbereitungen müssen noch getroffen werden. Denn für das Unternehmen steht ein Meilenstein an: Der Spatenstich zum Bau einer einen Hektar großen Produktionsanlage. Ecoduna ist internationaler Technologieführer für industrielle Algenproduktion. Und mittlerweile hat das Unternehmen sein weltweit patentiertes Produktionsverfahren zur Marktreife geführt. Algen bilden die Grundlage für eine Vielzahl wertvoller Substanzen, die etwa in der Medizin, der Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie sowie in der Tiernahrungsherstellung Anwendung finden. Die Unternehmensgründer Franz Emminger und Martin Mohr hatten noch andere Ziele: Sie wollten einen Ersatz für Biodiesel aus Lebensmittel finden. „Die Alge bietet tatsächlich einen Ausweg aus dem Teller-Tank-Dilemma“, erklärt Mörwald. Die Pflanze, so wie ecoduna sie produziert, erzielt etwa einen vielfachen Ertrag von Raps und benötigt dafür kein fruchtbares Ackerland. Auch Vertreter von Airbus, Lufthansa und AUA seien schon vorstellig geworden, erzählt der ehemalige Hofer-Manager. Doch eigentlich, sagt Vorstandsmitglied Silvia Fluch, seien die Algen ein viel zu hochwertiges Produkt, um sie einfach zu verbrennen. Im Fokus der Mikrobiologin stehen die wertvollen Omega-3-Fettsäuren, die durch Extraktion aus den Algen gewonnen werden. Sie können vom menschlichen Körper nicht produziert werden und müssen über die Nahrung zugeführt werden. Durch Überfischung und die Verschmutzung der Meere wird es zunehmend mühsamer und teurer, diese Fette aus Fisch zu gewinnen.

„Der Markt für Omega-3-Fettsäuren verzeichnet jährliche Wachstumsraten von rund zehn Prozent“, sagt Mörwald. Und bei einer ständig wachsenden Weltbevölkerung wird der Bedarf an dem für das Herz-Kreislauf-System oder auch die Gehirnleistung wichtigen Stoff nicht so schnell abreißen, ist der Manager überzeugt.


Unternehmen 4

Auf gute Nachbarschaft

„Leben werden bei uns eher selten gerettet“, räumt Stefan Theißbacher ein. Aber es muss ja nicht immer gleich um Existenzielles gehen. Oft sind es die kleinen Dinge, die das Dasein ein bisschen lebenswerter machen. Der 35-Jährige will mit seiner Onlineplattform FragNebenan aus anonymen Anrainern Nachbarn machen, die einander aushelfen und aufeinander schauen. Wo etwa Senioren für berufstätige Hausgenossen Pakete übernehmen. Die können sich wiederum revanchieren, indem sie für die etwas älteren Herrschaften schwere Einkäufe die Treppen hochschleppen. „In der Nachbarschaft steckt viel an Wissen und Ressourcen. Das möchten wir nutzbar machen“, sagt Theißbacher. Die Onlineplattform baut Hemmungen ab. Es ist allemal leichter, im virtuellen Raum eine Bitte zu formulieren, als an fremde Türen zu klopfen. Als Nachbarn werden all jene definiert, die im Umkreis von 750 Metern erreichbar sind.

2014 ging FragNebenan, damals noch als Verein organisiert, im 7. Wiener Gemeindebezirk online. Inzwischen hat das Netzwerk bereits über 44.000 registrierte Nutzer. Davon rund 40.000 in Wien, der Rest verteilt sich auf Graz, Linz, Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt.

Anfangs ausschließlich aus eigenen Ersparnissen finanziert, gelang es Theißbacher und seinen Mitgründern Andreas Förster, Mathias Müller und Valentin Schmiedleitner, eine Gruppe von Investoren von ihrer Idee zu überzeugen. Und zwar solche, denen es nicht nur um finanzielle Rendite, sondern auch um einen soziologischen und ökologischen Nutzen geht. In der 2015 gegründeten GmbH ist (über Treuhänder) etwa auch Charly Kleissner investiert. Der aus Tirol stammende Softwareentwickler hat mit Steve Jobs das Apple Betriebssystem OS X geschaffen. Heute investiert er sein Vermögen in Firmen, die „Gutes“ tun. Und Anfang Dezember hat sich der Versicherungskonzern Uniqa mit rund 15 Prozent am Unternehmen beteiligt. Damit ist FragNebenan bis Ende 2017 ausfinanziert.

Nun geht es darum, nachhaltig Umsätze zu erwirtschaften. Für die Nachbarn wird die Plattform kostenlos bleiben, verspricht Theißbacher. Er hat zwei Erlösquellen ausgemacht: Zum einen will er Kommunen und stadtnahen Organisationen niederschwelligen Zugang zur Bevölkerung bieten. Für Veranstaltungsankündigungen oder Umfragen, die lokal begrenzt sind. Dafür zahlen sie nach Sichtkontakten. Einige Wiener Bezirke sind bereits an Bord.

Zum anderen schweben Theißbacher sogenannte Co-Order-Ads vor. Da können beispielsweise Zustelldienste ankündigen, wann sie in die Gegend liefern. Oder Installateure Termine zur Thermenwartung anbieten. Wer sich anhängt, bekommt Rabatt. Und als Nebeneffekt werden im Grätzel Verkehrsaufkommen und CO2-Ausstoß reduziert. „Reine Bannerwerbung wollen wir nicht. Es soll für die Nutzer immer einen Mehrwert geben“, erklärt Theißbacher.

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Geld für Österreichs Unternehmen, direkt aus der Quelle

Aus profil 50/2016

Es ist eine umstrittene Maßnahme: Weil Europas Wirtschaft schwächelt, kauft die Europäische Zentralbank (EZB) um Billionen Euro Staats- und Unternehmensanleihen. 80 Milliarden Euro werden Monat für Monat in den Geldkreislauf eingespeist. Bei Kritikern weckt dies Ängste vor Inflation und Finanzblasen. Der EZB hingegen geht es darum, fallende Preise zu verhindern, die das Wirtschaftswachstum abwürgen könnten.

Aber welche Unternehmen finanziert die EZB überhaupt mittels Anleihekauf? Dies hat die Brüsseler NGO Corporate Europe Observatory (CEO) recherchiert, die sich kritisch mit Lobbyismus auseinandersetzt. Darunter: zahlreiche österreichische Großunternehmen. „Es zählen unter anderem Konzerne zu den Nutznießern des Programms, die ihr Geld mit klimaschädlichen fossilen Energien und mit Glücksspiel verdienen“, sagt CEO-Aktivist Kenneth Haar. Es sei eine „bedenkliche Auswahl“.

Aufgrund der EZB-Arbeitsteilung ist die finnische Zentralbank für den Erwerb österreichischer Unternehmensanleihen zuständig. Sie gibt lediglich bekannt, welche Anleihen sie erworben hat – nicht jedoch das Volumen je Anleihe. GEPP

Strabag SE
3 Anleihen
Laufzeiten: je 7 Jahre

Kärntner Elektrizität AG

1 Anleihe
Laufzeit: 10 Jahre

Novomatic AG
3 Anleihen
Laufzeiten: 6 bis 7 Jahre

Telekom Finanzmanagement GmbH (Telekom Austria)
4 Anleihen
Laufzeiten: 8 bis 12 Jahre

Energie AG Oberösterreich

1 Anleihe
Laufzeit: 9 Jahre

Verbund AG
2 Anleihen
Laufzeiten: 9 und 10 Jahre

OMV AG

6 Anleihen
Laufzeiten: 4 bis 14 Jahre

EVN AG

1 Anleihe
Laufzeit: 10 Jahre

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Junckers Planspiele

Aus profil 49/2016

Die EU-Kommission in Brüssel plant Milliardeninvestitionen gegen die Wirtschaftskrise – und dies mit wenig Geld. Wie soll das gehen? Was ein raffinierter Plan über die Konstruktionsfehler der Eurozone verrät.

Von
Joseph Gepp

Europa, Ende 2016. Auch im neunten Jahr seit der Ausweitung der Finanz- und Wirtschaftskrise auf alle Welt sind die Folgen allgegenwärtig. Die Arbeitslosenrate liegt hoch, das Wachstum schwächelt. Niedrig ist auch auch die sogenannte Investitionsquote, also der Anteil der Investitionen am BIP.

Dieser liegt im Euroraum immer noch rund zehn Prozentpunkte unter Vorkrisenniveau; in südlichen Ländern sind es bis zu 60. Die Unternehmen errichten kaum neue Fabriken und verwirklichen keine innovativen Ideen. Sie tun zu wenig, um für neues Wachstum und Arbeit zu sorgen.

Glaubt man aber der EU-Kommission, quasi der Regierung der EU unter Jean-Claude Juncker, gibt es Grund zur Hoffnung. Ende 2014 hat Juncker ein Programm für mehr Investitionen lanciert. Offizieller Name: „Europäischer Fonds für Strategische Investitionen“ (EFSI). Besser bekannt ist das Projekt als „Juncker-Plan“.

Er hat einen Plan

Er hat einen Plan

Investitionen im Ausmaß von 315 Milliarden Euro sollen angestoßen werden. Es ist Junckers wohl prestigereichstes Unterfangen. Der Kommissionspräsident will sich damit gegen die Mitgliedsstaaten profilieren, die gern ihre eigene Politik verfolgen. Und den Ruf der EU aufpolieren.

In dieses Bild passt auch eine Bekanntmachung von Juncker-Vize Jyrki Katainen vergangenen Mittwoch. Der EFSI habe sich bisher als erfolgreich erwiesen. Deshalb soll das Programm nun bis 2020 verlängert werden. Und statt der bisherigen 315 Milliarden sollen stolze 500 fließen.

Sind das gute Nachrichten? Und was ist dieser EFSI überhaupt? Wer genau hinsieht, entdeckt einen abenteuerlich komplizierten Plan. Hauptzweck: einen Konstruktionsfehler der Eurozone auszugleichen. Dieser Fehler ist für die anhaltende Krise mitverantwortlich. Ob der EFSI wirklich das geeignete Gegenmittel ist? Das darf bezweifelt werden.

Der EU-Rechnungshof etwa, Prüfinstanz der EU-Finanzen in Luxemburg, warnt vor einer „Überbewertung“ des Plans. „Es wurden kaum Nachweise erbracht, dass die Aufstockung gerechtfertigt ist.“

Um die Kritik zu verstehen, muss man etwas ausholen. Man muss wissen, wie Staaten früher reagiert haben, wenn Privatunternehmen in einer Krise zu wenig investierten: Sie glichen den Mangel mit staatlichen Investitionen aus. „Fiskalpolitik“ heißt jede Maßnahme eines Staates, um die Konjunkturentwicklung zu beeinflussen – etwa durch den Bau neuer Straßen und Schulen. Laut EU-Verträgen obliegt die Fiskalpolitik den Mitgliedsstaaten. Das Problem: Seit Einführung des Euro 2002 hat sie einen schweren Stand.

Grund: Wenn ein Staat investiert, macht er Schulden. Wenn die Schulden zu hoch werden, verlieren Geldgeber das Vertrauen. Sie zweifeln an der Zahlungsfähigkeit. Hochverschuldeten Staaten droht deshalb eine Strafe in Form hoher Zinsen, die zu noch mehr Schulden führen. Daraus folgt ein Teufelskreis – vor allem, wenn innerhalb einer Währungsunion ein Mitglied zugleich für das ökonomische Schicksal aller anderen verantwortlich ist. Vor diesem Szenario warnt seit jeher das mächtige Deutschland, dessen Regierung jede weitere Verschuldung in Europa strikt ablehnt.

In der Krise seit 2008 sind die Staatsschulden im Euro-Raum, etwa infolge teurer Bankenrettungen, enorm gestiegen. Deshalb haben sich die Staaten zu striktem Schuldenabbau verpflichtet. Ihnen bleibt kaum noch Spielraum für fiskalpolitische Maßnahmen.

Und die EU selbst? Auch sie kann fiskalpolitisch nicht gegen die Krise ansteuern, denn sie hat kaum eigenes Geld. Die Jahreseinnahmen der EU, etwa aus Beiträgen der Staaten, liegen beispielsweise unter jener Summe, die das kleine Österreich jährlich aus Steuereinnahmen lukriert.

Wer also soll in Europa Investitionen tätigen? Hier kommt der Juncker-Plan ins Spiel. Er bedient sich einer Methode, die man im Finanzjargon „Hebelung“ nennt. Gedanke: Man setzt wenig öffentliches Geld ein – und hofft auf große Wirkung.

Beispiel: Ein privates Unternehmen will einen Windpark im Burgenland errichten. Doch die Geldgeber sind skeptisch, ob das Projekt Gewinne abwirft. Dem Windkraftbetreiber fällt es deshalb schwer, an Bankkredite und andere Geldquellen zu kommen. Hier kommt der EFSI ins Spiel: Das Projekt wird teilweise aus dem EU-Budget finanziert. Beispielsweise haftet der EFSI für mögliche Verluste. Infolgedessen ist das Engagement für private Investoren weniger riskant. Also steigen sie ebenfalls ein. Am Ende ist die Summe, die in den Windpark investiert wird, viel höher, als es der ursprüngliche Beitrag des EFSI war.

Insgesamt sollen Privatunternehmen jeweils die 15-fache Summe dessen drauflegen, was an öffentlichen Geld in einem Projekt drinnensteckt. Für den neuen, größeren Juncker-Plan sind 33 Milliarden Euro als Grundsumme aus dem EU-Budget geplant. Diese werden „gehebelt“, sodass 500 Milliarden Investitionen rauskommen, so Juncker-Vize Katainen.

Schon bisher sind laut EU-Kommission durch den EFSI 154 Milliarden Euro an Investitionen angestoßen worden. Auch in Österreich werden EFSI-Projekte finanziert, etwa besagter Windpark im burgenländischen Bruckneudorf oder Spitalssanierungen in Wien. Ob sich die Investitionstätigkeit in Europa insgesamt durch den EFSI erhöht, weiß man jedoch noch nicht. Es dauert Jahre, bis derlei volkswirtschaftliche Effekte spürbar werden.

Auf dem Weg dorthin drohen Gefahren, warnt der EU-Rechnungshof. Zunächst könnte der Juncker-Plan wirkungslos verpuffen – und zwar dann, wenn Projekte gefördert werden, die auch ohne EFSI zustande gekommen wären. In diesem Fall entstehen keine zusätzlichen Arbeitsplätze und Investitionen. Genau diese entscheidende Frage sei aber nicht ausreichend „klargestellt“, kritisieren die EU-Prüfer in einer Stellungnahme.

Aber es gibt auch grundsätzlichere Einwände. Der EFSI ist nur wirkungsvoll, wenn er riskante Vorhaben finanziert – die demnach auch schiefgehen können. Warum? Ein Projekt mit stabilen Gewinnaussichten braucht keinen Juncker-Plan, es kann sich über Banken und Börsen mit Geld versorgen. Der EFSI hingegen zielt auf Projekte, deren Finanzierung fraglich ist. Je riskanter sie sind, desto mehr potenzielle Investitionen.

Andersrum bedeutet das aber auch: Je riskanter die Projekte – desto größer mögliche Verluste für den Steuerzahler im Fall ihres Scheiterns. Genau davor warnt der EU-Rechnungshof. 26 Milliarden Euro „potenzielle Garantieverpflichtungen“ aus dem EU-Haushalt stecken bereits im Juncker-Plan, so die Prüfer. Eine „weitere Inanspruchnahme“ sei zu befürchten.

Fazit: Jean-Claude Juncker hat erkannt, dass es eine Lösung für das große fiskalpolitische Problem der Eurozone braucht. Allerdings: Seine EU hat kein Geld. Also bedient sich Juncker des komplizierten Hebelungsmechanismus.

Nur hilft das letztlich nicht über ein Faktum hinweg: Wer Investitionen will, muss dafür auch bezahlen.

Der Autor nahm auf Einladung der EU-Kommission an einem eintägigen Seminar zum EFSI in Brüssel teil.

Zur Geschichte über den Juncker-Plan von April 2015

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Wahre Werte

Aus profil 48/2016

Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook gelten als die größten Unternehmender Welt. Aber sind sie das wirklich? Eine einfache Frage liefert erstaunliche Antworten. Wie gängige Messgrößen den Blick auf die Realität verzerren.

Von Joseph Gepp und Michael Nikbakhsh

Diese Geschichte beginnt mit einer Feststellung, deren allgemeine Gültigkeit natürlich zu hinterfragen wäre: Auf die Größe kommt es an. In der Wirtschaftswelt aber hat diese Aussage allem Anschein nach unumstößlichen Charakter. Gut ist, was groß ist. Besser ist, was noch größer ist. Und weil das so ist, schaffen es nur die Größten der Großen auf jene Ehrfurcht gebietende Liste, die längst zum festen Inventar der Wirtschaftsberichterstattung zählt, laufend adaptiert und weltweit veröffentlicht wird: „die zehn größten Unternehmen der Welt, gereiht nach Marktkapitalisierung“. Vor wenigen Wochen erst hob der britische „Economist“ dieses Ranking ins Heft – als Beleg dafür, dass innerhalb nur einer Dekade eine „neue Welt“ entstanden sei. Vorbei die Zeiten, in denen Finanz-und Ölkonzerne die Weltwirtschaft dominierten. Siehe Finanzkrise, siehe Ölpreisverfall, siehe Strukturwandel. Die neuen „Superstars“ seien vielmehr US-amerikanische IT- und Internetunternehmen. Apple. Google. Facebook. Amazon. Microsoft. Und tatsächlich: Apple ist mittlerweile das „größte“ Unternehmen der Welt. Vergangene Woche erreichte die an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gehandelte Apple Inc. eine Marktkapitalisierung in der Höhe von annähernd 600.000.000.000 Dollar – 600 Milliarden Dollar oder umgerechnet fast 570 Milliarden Euro. Auf den Plätzen: die Google-Muttergesellschaft Alphabet mit knapp mehr als 530 Milliarden Dollar und Microsoft mit 470 Milliarden Dollar. Unweit dahinter: Amazon (370 Milliarden Dollar) und Facebook (350 Milliarden Dollar). Mit Ausnahme von Microsoft ist all diesen Unternehmen gemein, das sie 2006 noch weit weg von der Spitze waren, wenn sie überhaupt an den Aktienmärkten gehandelt wurden (Facebook etwa ging erst 2012 an die Börse).

Eine Zeitenwende also. Neue Branchen steigen auf, alte steigen ab. So geht Wirtschaftsleben. Nur: Wie aussagekräftig ist die Zusammenschau der Größten der Großen wirklich? Was genau misst die ominöse Marktkapitalisierung? Und ist zum Beispiel Facebook tatsächlich eines der „größten“ Unternehmen der Welt? Wer sich das fragt, lernt einiges über die Konzerne, welche die globalisierte Wirtschaft prägen; über die Messgrößen, die ihre Macht dimensionieren; über die Tücken und Täuschungen, die derartigen Rankings innewohnen. Willkommen in der wunderbaren Welt der Statistik.

Die Marktkapitalisierung, im flotten Business-Englisch „market cap“ genannt, ist zunächst einmal nichts anderes als das Ergebnis einer Multiplikation. Aktiengesellschaften, börsennotierte zumal, führen ein Grundkapital, welches sich aus einer definierten Anzahl von Aktien zusammensetzt. Diese Aktien haben einen Preis, den Börsenkurs. Und die Anzahl der Aktien mal diesem Preis ist gleich der Marktkapitalisierung, wahlweise auch Börsenwert genannt.

Der Online-Händler Amazon zum Beispiel hat 475,17 Millionen Stück Aktien ausgegeben, der Kurs stand zuletzt bei 780 Dollar – ergibt eine „market cap“ in der Höhe von 370 Milliarden Dollar. Das wäre also der Betrag, den jemand bezahlen müsste, wenn er alle Amazon-Aktien zum aktuellen Kurs aufkaufen wollte. Selbst wenn der Käufer einen Rabatt herausschlagen sollte, käme eine solche Übernahme äußerst teuer. Was man dafür bekäme? Ein Unternehmen mit weltweit annähernd 300 Millionen Kunden-Accounts und 231.000 Mitarbeitern (Stand Ende 2015), das zuletzt zwar 107 Milliarden Jahresumsatz erzielte, daraus aber alles andere als einschüchternde Profite generierte. 2015 schrieb Amazon einen

Nettogewinn in der Höhe von gerade einmal 596 Millionen Dollar. Ausgehend von diesem Niveau müsste Amazon also gut 600 -in Worten: sechshundert -Jahre überdauern, um die eigene Börsenbewertung zu verdienen. Das Amazon-Management strebt natürlich danach, die Gewinne in Zukunft zu erhöhen. Dennoch sollte ein potenzieller Käufer eine überdurchschnittliche Lebenserwartung mitbringen. Bei Facebook wären es übrigens nicht ganz 100 Jahre, bei Apple demgegenüber nur 13 Jahre. Die Wahrheit ist: Niemand würde 370 Milliarden Dollar (umgerechnet 350 Milliarden Euro) ausgeben, um Amazon zu kaufen. Weil auch überhaupt noch nie jemand einen Betrag dieser Größenordnung ausgegeben hat. Als größter Deal aller Zeiten gilt bis heute die Übernahme der deutschen Mannesmann-Gruppe durch die britische Vodafone 1998 für damals 172 Milliarden Dollar.

Die Marktkapitalisierung ist also nichts als eine schöne Fiktion. Gewiss, in jedem Aktienkurs wird auch das Wesen eines Unternehmens abgebildet: sein Vermögen, seine Schulden, das Geschick seiner Mitarbeiter, Investitionen, Innovationen, Patente, die Qualität des Kundenstocks, die Marktstellung, der Umsatz und natürlich der Gewinn (so vorhanden). Ein anderer, nicht unerheblicher Teil ist schlicht Spekulation -oder besser: Fantasie. Wertpapiermenschen blicken in diesem Zusammenhang gerne auf eine Vielzahl interessanter Indikatoren, was nicht heißt, dass sie daraus stets die richtigen Schlüsse ziehen. Das „Kurs/Buchwert-Verhältnis“ (KBV) ist ein solcher Indikator. Vereinfacht gesagt entspricht der Buchwert einer Aktie deren Anteil am Eigenkapital, also der Substanz des Unternehmens. Das KBV setzt diesen Buchwert in Relation zum Kurs. Eine Aktie mit einem KBV von 1 gilt als fair bewertet. Darunter ist sie vergleichsweise preiswert, darüber vergleichsweise teurer. Amazon kommt derzeit auf ein KBV von 27, Facebook auf 6. Bei Exxon Mobil, der Marktkapitalisierung zufolge lange Zeit eines der „größten Unternehmen der Welt“ (derzeit Rang sechs) liegt das KBV bei nur 2. Die Aktien des Ölkonzerns sind also fairer bewertet als jene von Amazon oder Facebook. Aber Öl ist nun einmal nicht mehr so sexy wie das Datengeschäft, weshalb der Kurs von Exxon Mobil in den vergangenen drei Jahren fiel, während die Preise für Amazon-und Facebook-Aktien stiegen -obwohl Exxon Mobil selbst im schwachen Wirtschaftsjahr 2015 netto 16 Milliarden Dollar verdiente, also fast viermal mehr als Amazon und Facebook zusammen (und im Gegensatz zu diesen auch eine Dividende ausschüttete). Die Rechnung ließe sich auch mit anderen Parametern anstellen: dem „Kurs/Gewinn-Verhältnis“ zum Beispiel oder auch dem „Gewinn je Aktie“. Der Ölkonzern schlägt die Internetanbieter stets um Längen und wird dennoch hartnäckig schlechter bewertet. An der Börse, so heißt es, wird eben die Zukunft gehandelt.

Es geht auch anders herum: Vergangene Woche berichtete profil über den Fall Constantia Packaging (CPAG). Der einst börsennotierte Turnauer-Konzern wurde 2009/2010 vom US-Fonds One Equity Partners geschluckt, die Kleinanleger wurden aus dem Unternehmen gedrängt – auch auf Basis der damals schwachen Börsenbewertung. Inzwischen deutet einiges darauf hin, dass CPAG sehr viel mehr wert war, als der Kurs vermuten ließ und die Amerikaner am Ende bezahlten (Nr. 47/16).

Die Marktkapitalisierung sagt nichts über den tatsächlichen Wert, die Größe oder die Verfasstheit eines Unternehmens aus. Sie ist eine von Erwartungen getriebene Momentaufnahme: Erwartungen derer, die mit Aktien handeln -Banken, Versicherungen, Fonds, Vermögensverwalter, Privatanleger (deren Einfluss auf die Kursbildung allerdings stets überschaubar ist).

Ein anschauliches Beispiel bietet in diesem Zusammenhang die Holding des US-Investors Warren Buffett, Berkshire Hathaway. Diese wird derzeit an der New York Stock Exchange mit rund 390 Milliarden Dollar bewertet, auf der Liste der Größten nimmt sie damit hinter Microsoft Rang vier ein. Mit 237.000 Dollar das Stück ist die Berkshire-„A“-Aktie zugleich das teuerste Wertpapier der Welt (die stimmrechtlich schlechter gestellten „Klasse B“-Titel sind demgegenüber allerdings preiswerter). Ein Konzern im engeren Sinn des Wortes ist Berkshire Hathaway allerdings nur bedingt. Genau genommen handelt es sich dabei um einen, wenn auch sehr erfolgreichen, Gemischtwarenladen. Berkshire Hathaway ist eigentlich ein Konglomerat aus mehr als 70 Unternehmen (Versicherungen, Banken, Industrie, Handel) mit zusammen 361.000 Beschäftigten, die großteils überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Warren Buffett und sein Team kaufen und verkaufen Beteiligungen, wie es ihnen richtig erscheint. Dennoch gilt Berkshire Hathaway heute als eines der „größten Unternehmen“ der Welt.

Erschwerend kommt hinzu, dass längst nicht jede Gesellschaft öffentlich, also an einer Börse, notiert wird. Österreich ist dafür ein gutes Beispiel. Die nach Umsatz, Gewinn, Filialzahl und Mitarbeitern größten Handelskonzerne des Landes, nämlich Rewe (Billa, Merkur, Bipa), Spar und Hofer, würden in einer nationalen Reihung auf Basis der Marktkapitalisierung gar nicht aufscheinen, weil sie eben an keiner Börse notieren. Das gilt auch für Österreichs größten Getränkekonzern Red Bull, als Marke längst globalisiert. Das größte börsennotierte Unternehmen des Landes ist derzeit die Erste Group mit einer Marktkapitalisierung von 11,4 Milliarden Euro, gefolgt von OMV (zehn Milliarden) und voestalpine (6,4 Milliarden). Mit derlei Kennzahlen spielen die heimischen Unternehmen bei Weitem nicht in der internationalen Spitzenliga mit, was auch daran liegt, dass die Wiener Börse als Handelsplatz von überschaubarer Bedeutung ist. Ende vergangener Woche lag die Marktkapitalisierung aller in Wien gelisteten Unternehmen bei rund 110 Milliarden Euro. Das würde auf der Liste der Größten etwa für Platz 40 reichen – für alle Unternehmen zusammen, wohlgemerkt. Wirklich aussagefähig ist das nicht, weil auch und gerade in Wien einige Unternehmen gehandelt werden, die in ihren Sparten durchaus internationales Gewicht haben.

Die Größenvergleiche sind umso widersinniger, als hier nebeneinander betrachtet wird, was nicht zueinander gehört. Das Geschäftsmodell einer Bank etwa unterscheidet sich erheblich von jenem einer Fluglinie. Ein Handelsunternehmen hat andere Gewinnspannen als ein Baukonzern. Ein Maschinenbauer kann mehr Mitarbeiter beschäftigen als ein Internetanbieter -was nicht bedeutet, dass der eine „größer“ ist als der andere. Facebook beschäftigte zuletzt weltweit nicht mehr als 12.700 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz in der Höhe von umgerechnet 17 Milliarden Euro. Österreichs OMV kam 2015 demgegenüber auf 24.100 Beschäftigte und einen Umsatz von 22,5 Milliarden Euro. Wer ist nun größer? Keiner von beiden. Wenn der Vergleich überhaupt einen Sinn ergeben soll, dann nur innerhalb einer Branche. Oder: Amazon erlöste 2015 umgerechnet 101 Milliarden Euro und schrieb einen Nettogewinn von 560 Millionen Euro. Die voestalpine schaffte in diesem Jahr mit 11,1 Milliarden Euro gerade ein Zehntel des Amazon-Umsatzes, erzielte mit 595 Millionen Euro aber einen höheren Nettogewinn. Aussagekraft auch dieses Vergleichs: null. Genau so verhält es sich auch mit dem Ranking nach Marktkapitalisierung.

Überhaupt bietet der Blick auf die Umsätze Erstaunliches. Die Unternehmen mit der größten Marktkapitalisierung erzielen nicht notwendigerweise die höchsten Umsätze oder Gewinne (Apple ist tatsächlich eine der wenigen Ausnahmen). Das Unternehmen mit dem weltweit höchsten Umsatz ist seit Jahren die US-Handelskette Wal-Mart. Diese erlöste im Wirtschaftsjahr 2015/2016 (Bilanzstichtag ist der 31. Jänner) 478 Milliarden Dollar – das entsprach fast dem Eineinhalbfachen des österreichischen Bruttoinlandsproduktes des Jahres 2015. Mit einer Marktkapitalisierung von derzeit rund 217 Milliarden Dollar schafft es Wal-Mart aber lediglich auf Rang 16 der Unternehmen mit dem höchsten market cap. In einer vom US-Magazin „Fortune“ regelmäßig adaptierten Liste der Umsatzweltmeister finden sich hinter Wal-Mart zwei chinesische Unternehmen, die erst gar nicht an der Börse notieren: der staatliche Stromnetzbetreiber State Grid (mit zuletzt 330 Milliarden Dollar Umsatz) sowie der Ölkonzern China National Petroleum (300 Milliarden Dollar).

Wie sehr der starre Blick auf die Marktkapitalisierung die Wahrnehmung verzerrt, zeigt auch das Beispiel Tesla Motors. Der US-amerikanische Elektroautomobilhersteller, Gründungsjahr 2003, gilt als eine der heißeren Storys der Branche. 2010 ging das von Elon Musk gegründete Unternehmen an die Nasdaq, seither stieg der Aktienkurs von 17 auf 193 Dollar, der Börsenwert liegt aktuell bei immerhin 29 Milliarden Dollar. Tatsächlich aber hat Tesla noch nie schwarze Zahlen geschrieben und ist mit einem Umsatz von zuletzt vier Milliarden Dollar alles andere als ein ökonomisches Schwergewicht. 2015 verkaufte Tesla weltweit 51.000 Autos. Zum Vergleich: Der hochprofitable deutsche BMW-Konzern setzte 2015 in Summe 2,25 Millionen Autos ab, 44 Mal mehr als Tesla. Tesla fuhr 2015 zudem einen Nettoverlust in der Höhe von umgerechnet 850 Millionen Euro ein, BMW dagegen ein Plus von 6,4 Milliarden Euro. BMW schüttet seit Jahren durchaus ordentliche Dividenden an seine Aktionäre aus, Tesla hat das noch nie geschafft. Das Kurs/Buchwert-Verhältnis der BMW-Aktie liegt bei 1,3 (fair), jenes von Tesla bei fast 23 (nicht so fair).

An der Börse wird BMW derzeit trotz alledem lediglich mit 53 Milliarden Euro bewertet, also nicht einmal dem Doppelten von Tesla. Auch hier ist das manifeste Missverhältnis leicht erklärt: Tesla gilt als Ausdruck der schicken, zukunftsfrohen E-Mobilität, während BMW eher die dieselrußige Gegenwart verkörpert.

Es verwundert angesichts dieser Maßstäbe nicht, dass es auch zwischen der Beschäftigtenzahl und der Marktkapitalisierung keinen erkennbaren Zusammenhang gibt. Klassische Dienstleistungs-und Industriebetriebe benötigen wenig überraschend ungleich mehr Personal als die vielbejubelten neuen Digitalkonzerne. An der Weltspitze steht erneut Wal-Mart mit 2,3 Millionen Beschäftigten, dahinter folgen wieder zwei asiatische Unternehmen: China National Petroleum (1,6 Millionen) und der taiwanesische Fertigungsbetrieb Foxconn, der etwa die iPhones für Apple zusammenschraubt (1,1 Millionen). Facebook dagegen kommt mit besagten 12.700 Mitarbeitern aus, der Google-Konzern Alphabet mit 61.800. Auch daraus lassen sich bizarre Relationen ableiten: Rechnerisch entfällt auf jeden Facebook-Mitarbeiter eine Marktkapitalisierung von 22 Millionen Dollar, bei Alphabet sind es 3,7 Millionen Dollar, bei Amazon (231.000 Mitarbeiter) immerhin noch 1,6 Millionen. Wal-Mart? Gerade einmal 98.700 Dollar pro Kopf. Die österreichische Erste Group? Je 246.000 Euro. Sind die Mitarbeiter von Facebook und Alphabet und Amazon tatsächlich so viel wertvoller als jene von Wal-Markt oder Erste Group? Nein. „Größe“ ist also eine relative Sache und die Marktkapitalisierung schlicht der falsche Indikator, um sie zu bemessen – siehe Apple. Das „größte“ Unternehmen der Welt ist in seinem Stammgeschäft, dem Verkauf von Smartphones, noch nicht einmal die Nummer eins der Welt. Der südkoreanische Mitbewerber Samsung Electronics, der obendrein fast drei Mal mehr Beschäftigte hat, verkauft nach wie vor deutlich mehr Geräte als Apple (erzielt dabei aber allerdings weniger Umsatz und Gewinn). Samsungs Marktkapitalisierung beträgt jedenfalls nur einen Bruchteil jener von Apple -was auch daran liegt, dass Samsung in Seoul notiert, Apple in New York.

Es ist kein Zufall, dass die – vermeintlich – größten Unternehmen allesamt an der Wall Street gehandelt werden. Als größter Aktienhandelsplatz der Welt zieht diese schlicht das meiste Geld an. Und US-Aktien gelten als besonders attraktiv. Der Dow-Jones-Aktienindex schwingt sich derzeit von Rekord zu Rekord. Donald Trump? Kapital ist bekanntlich opportunistisch. Apropos Trump. Wie vermögend der designierte US-Präsident tatsächlich ist, weiß nur er selbst. Eigenen Angaben zufolge ist der Immobilienunternehmer und frühere Casinobetreiber vielfacher Milliardär. Belege für seine persönliche Marktkapitalisierung fehlen aber.

Auf jeden Fall führt Apple nunmehr die Market-Cap-Statisitik an. Daran dürfte sich so bald nichts ändern. Oder doch? Es soll ein Unternehmen geben, das nach Einschätzung zahlreicher Experten noch sehr viel kostbarer ist als der Technologiekonzern mit Sitz im kalifonischen Cupertino, aber bisher nie in einer Statistik aufschien: der saudische Staatskonzern Saudi-Aramco, weltgrößter Erdölförderer.

Saudi-Aramco könnte nach Schätzungen auf eine Marktkapitalisierung von rund zwei Billionen Dollar kommen -eine Zahl mit zwölf Nullen. Das ist natürlich ein virtueller Wert. Das Unternehmen ist an

keiner Börse gelistet. Wäre Saudi-Aramco tatsächlich börsennotiert, würde es Apple aber um annähernd den vierfachen Wert übertreffen. Grund: die nach wie vor kostbaren Ölreserven und Ölquellen im Besitz des Unternehmens.

Saudi-Arabien plant nun, den virtuellen Wert in einen echten zu verwandeln. Im Jahr 2018 soll ein kleiner Teil von Saudi-Aramco an die Börse gebracht werden. Der Staat will damit seine finanzielle Situation verbessern, denn auch er ist durch den niedrigen Ölpreis unter Druck gekommen. Das saudische Königshaus spricht von lediglich fünf Prozent des Konzerns, der an die Börse gebracht werden soll. Es wäre trotzdem der größte Börsegang aller Zeiten.

Wer Größe, Potenzial, Erfolg und Macht eines Unternehmens realitätsnah einschätzen will, ist mit dem Blick auf die Marktkapitalisierung allein denkbar schlecht bedient. Es gibt, abseits dieser Kennzahlen, ganz andere Möglichkeiten, die Bedeutung von Unternehmen zu messen. Die ETH Zürich etwa analysierte im Jahr 2012 die Querverbindungen und Netzwerke unter den Eigentümern von Konzernen. Daraus entwickelten die Forscher eine Liste von 50 Firmen, die global gesehen über den meisten Einfluss verfügen. Es handelt sich um völlig andere Unternehmen als jene, welche die internationalen Umsatz-und Marktkapitalisierungs-Rankings anführen. So sind die fünf mächtigsten Unternehmen laut ETH Zürich die britische Barclays-Bank, die US-Investmentgesellschaften Capital Group Companies und Fidelity, der französische Versicherungskonzern AXA sowie das US-Finanzunternehmen State Street Corporation.

Es zeigt sich: Die Bestimmung der Größe eines Unternehmens ist letztlich eine Frage des Standpunkts. Und den bestimmt bekanntlich der Standort.

Die zehn Unternehmen mit der weltweit höchsten Marktkapitalisierung (und die drei „größten“ österreichischen) :

Apple 593,1 Mrd. $
Alphabet (Google) 536,9 Mrd. $
Microsoft 469,6 Mrd. $
Berkshire Hathaway 390,4 Mrd. $
Amazon. com 370,7 Mrd. $
Exxon Mobil. 360,4 Mrd. $
Facebook 348,3 Mrd. $
Johnson & Johnson 307,6 Mrd. $
JP Morgan Chase 282,1 Mrd. $
General Electric 277,2 Mrd. $
Erste Group 11,4 Mrd. Euro

OMV 10 Mrd. Euro
voestalpine 6,4 Mrd. Euro

Stand: 23. November.2016

Amazon hat 475,17 Millionen Stück Aktien ausgegeben, der Kurs stand zuletzt bei 780 Dollar – ergibt eine „market cap“ in der Höhe von 370 Milliarden Dollar. Und das bei einem Gewinn 2015 von gerade einmal 596 Millionen Dollar.

Wer den gesamten Amazon-Konzern heute zum aktuellen Aktienkurs kaufen würde, müsste gut 600 Jahre warten, ehe Amazon die eigene Börsenbewertung verdient hätte. Bei Facebook wären es immerhin noch annähernd 100 Jahre, bei Apple dagegen nur 13.

An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Internet ist Zukunft, Öl dagegen Vergangenheit. Weshalb zum Beispiel Exxon Mobil mittlerweile schlechter bewertet wird als Facebook. Trotz ungleich höherer Umsätze, Gewinne, Vermögen.

Berkshire Hathaway wird derzeit an der New York Stock Exchange mit rund 390 Milliarden Dollar bewertet.

Auf diesen Börsewert kommt je ein Mitarbeiter bei:

OMV 400.000 Euro
General Electric 900.000 Euro
Facebook 21 Millionen Euro


Facebook beschäftigte zuletzt weltweit nicht mehr als 13.000 Mitarbeiter. Umsatz: 17 Milliarden Euro.
OMV kam demgegenüber auf 24.100 Beschäftigte. Umsatz: 22,5 Milliarden Euro.


Wert aller Waren und Dienstleistungen, die 2015 in Österreich geschaffen beziehungsweise erbracht wurden (Bruttoinlandsprodukt):
340 Milliarden Euro
Umsatz des weltweit umsatzstärksten Unternehmens Wal-Mart im Jahr 2015:
456 Milliarden Euro

2010 ging der US-Automobilhersteller Tesla Motors an die Nasdaq, seither stieg der Aktienkurs von 17 auf 193 Dollar, die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei 29 Milliarden Dollar. Obwohl das Unternehmen noch nie schwarze Zahlen schrieb.
Telsa aktuelle Marktkapitalisierung: 29 Milliarden Dollar verkaufte Fahrzeuge 2015: 51.000
BMW aktuelle Marktkapitalisierung: 53 Milliarden Euro verkaufte Fahrzeuge 2015: 2,25 Millionen


Beschäftigungszahlen einiger der „wertvollsten“ Unternehmen (Ende 2015):

Apple 111.000 Beschäftigte
Google 62.000 Beschäftigte
Facebook 13.000 Beschäftigte
General Electric 333.000 Beschäftigte


Bei diesen 5 Organisationen arbeiten die meisten Beschäftigten:

US-Verteidigungsministerium 3,2 Millionen
Chinesische Volksbefreiungsarmee 2,3 Millionen
US-Supermarktkette Wal-Mart 2,3 Millionen
Mc Donald’s 1,9 Millionen
Nationaler Gesundheitsdienst Großbritannien 1,7 Millionen

Quelle: Weltwirtschaftsforum, 2015

Diese fünf Unternehmen sind die einflussreichsten der Welt:


Barclays Bank Großbritannien
Capital Group Companies Investmentgesellschaft USA
Fidelity Investmentgesellschaft USA
AXA Versicherung Frankreich
State Street Corporation Finanzgesellschaft USA
Barclays Bank Großbritannien

Quelle: ETH Zürich, 2012

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Die überforderte EZB

Aus dem profil 47/2016

Milliardenschwere Rettungspakete für Banken, Angst um die Stabilität des Finanzmarkts, staatliche Sparprogramme wegen Bankenpleiten – all das soll sich nicht mehr wiederholen. Deshalb überprüft und überwacht die Europäische Zentralbank (EZB) seit 2014 die 129 wichtigsten Banken in der EU. Aber funktioniert das auch? In einem aktuellen Prüfbericht ortet der Europäische Rechnungshof noch „große Probleme“.

92 Prozent
der Prüfer vor Ort sind gar nicht EZB-Angestellte, sondern Mitarbeiter der jeweiligen nationalen Bankenaufsicht, die mit ihnen zusammenarbeiten. Dabei hat das EZB-Verfahren eben das Ziel, die bisweilen zu engen Verbindungen zwischen nationalen Aufsehern und Banken zu kappen.

90 Prozent
der Prüfungen umfassen Bankgeschäfte „mit hohem Risiko“. Wegen der angespannten Personallage geraten jedoch die Bereiche mit mittlerem Risiko aus dem Blick, so der Rechnungshof.

29 Prozent
der überprüften Banken geben an, dass sie Transparenz und Informationen zu den EZB-Verfahren für kaum oder nicht ausreichend halten.

1450 Beschlüsse
zum Thema Bankenaufsicht wurden durch die EZB getroffen. Laut RH eine „Vielzahl“, über deren Effizienz „keine Aussage getroffen werden“ könne.

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„Die Eliten begreifen, dass noch mehr Ungleichheit nicht in ihrem Interesse liegt“

Aus dem profil 47/2016

Trump, Brexit, der Aufstieg der Populisten – dahinter steckt vor allem die zunehmende öko nomische Ungleichheit in den westlichen Staaten, sagt der renommierte serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanović. Während in Europa und den USA die Mittelschicht zunehmend unter die Räder kommt, entsteht in Asien eine neue. Ein Gespräch über Widersprüche in der Entwicklung des globalen Wohlstands, verödete französische Städte und den österreichischen Sozialstaat.

Von

Joseph Gepp

Auch eine Grafik kann berühmt werden. Zum Beispiel die sogenannte „Elefantenkurve“ des serbisch-amerikanischen Ökonomen Branko Milanović. Sie hat die Form eines Elefanten, der den Rüssel hebt. Die Grafik zeigt die Entwicklung des Einkommens der Weltbevölkerung seit dem Jahr 1988. Sie ist in den vergangenen Jahren zum einprägsamen Symbol geworden für den ökonomischen Abstieg der Mittelschicht in den westlichen Staaten, genauso wie für den Aufstieg derselben in Asien.

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Seit seiner Zeit an der Universität Belgrad in den 1980er-Jahren beschäftigt sich der heute 63-jährige Milanović mit den Themen Einkommensverteilung, Armut und Ungleichheit – sowohl zwischen reichen und armen Ländern als auch innerhalb einzelner Gesellschaften. Allein während seiner Zeit in der Forschungsabteilung der Weltbank hat er rund 40 Arbeiten dazu publiziert. Heute zählt Milanoviæ zu den weltweit einflussreichsten Ökonomen. Er forscht hauptsächlich an der US-amerikanischen City University Of New York. Ein aktuelles Buch, in dem er die Erkenntnisse seiner jahrzehntelangen Forschungen zusammenfasst, ist soeben in deutscher Sprache erschienen („Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht“, Suhrkamp, 312 S., 25,70 Euro).

profil: Inwiefern hat die Ungleichheit in den USA zum Sieg Trumps beigetragen?

Branko Milanović:
Wir wissen aus den Daten, dass in den vergangenen 30 Jahren die Einkommen der US-Mittelschicht bestenfalls stagnierten und dass diese Schicht insgesamt geschrumpft ist (Anm.: definiert als jene Gruppe, die ein Viertel mehr oder weniger verdient als der Medianwert). Genau diese Leute – überwiegend weiß, Mittelschicht, männlich – haben Trump gewählt. Daneben gibt es zwar auch weitere Faktoren, die zu Trumps Erfolg beigetragen haben, beispielsweise die Folgen von Globalisierung und Migration. Aber auch bei denen kann man argumentieren, dass sie mit dem Thema Ungleichheit verbunden sind. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch eine Erhebung zum Wahlverhalten in 3000 US-Wahlbezirken: Trump fuhr vor allem dort Erfolge ein, wo mehr als 40 Prozent der Beschäftigten in sogenannten Routineberufen arbeiten. Dabei handelt es sich um Jobs mit niedrigem oder mittlerem Qualifikationslevel, die keine klassischen Dienstleistungsberufe sind. Also genau jene, deren Fortbestand massiv vom technischem Wandel und der Verlagerung in andere Weltgegenden bedroht ist.

profil: Trotzdem haben die armen US-Amerikaner eher Hillary Clinton gewählt, während Trump der Kandidat der Mittelschicht war.

Milanović: Das liegt am ethnischen Element. Die armen Leute, die für Hillary stimmten, sind häufiger schwarz.

profil: In Ihrem neuen Buch schildern Sie eine widersprüchliche Entwicklung auf globaler Ebene. Einerseits verringert sich die Ungleichheit zwischen den Staaten, etwa durch die Entstehung neuer Mittelschichten in Asien. Gleichzeitig jedoch wird die Ungleichheit innerhalb von Staaten größer, zwischen einzelnen Gesellschaftsschichten. Bewegen wir uns auf eine Welt voll gleich wohlhabender Staaten zu, deren Bevölkerungen allerdings extrem in Klassen unterteilt sind?

Milanović: Es geht in diese Richtung, auch wenn der Weg dorthin noch weit ist. Wenn wir zurückblicken in die Welt vor der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert, sehen wir, dass damals die Unterschiede beim Durchschnittseinkommen verschiedener Staaten relativ gering waren. Das Verhältnis zwischen den reichsten Ländern, beispielsweise den Niederlanden, und den ärmsten, etwa Sri Lanka, betrug höchstens 1:3. Später jedoch begannen sich die heutigen reichen Staaten rasant zu entwickeln. Im späten 20. Jahrhundert lag das Verhältnis, etwa zwischen den reichen USA und armen Ländern Asiens, bei fast 1:100.

profil: Und heute?

Milanović: Es beginnt eine neue Phase. Die Unterschiede zwischen den Ländern werden wieder kleiner. Überwiegend hängt das mit den hohen Wachstumsraten in den bevölkerungsreichen Staaten Asiens zusammen. In Staaten wie China, Indien und Vietnam entstehen gerade neue Mittelschichten.

Branko Milanović

Branko Milanović


profil: Wann wird diese globale Mittelschicht einkommensmäßig zur westlichen Welt aufschließen?

Milanović: Das dauert noch. Derzeit verdient sie pro Kopf noch immer ungefähr nur ein Drittel des Einkommens der Ärmsten im Westen. Trotzdem: Wenn die chinesische Wirtschaft weiter wächst wie bisher, wird das Land im Jahr 2030 das Einkommensniveau der EU erreicht haben. 2070 wären wir global gesehen wieder dort, wo wir vor der Industriellen Revolution standen. Die Ungleichheit zwischen den Staaten wird dann sehr gering sein. Dafür allerdings wird die Ungleichheit innerhalb der Staaten extrem ausgeprägt sein.

profil: In den westlichen Ländern hängt eine kleine Oberschicht bereits seit drei Jahrzehnten die breite Masse ab, was Einkommen und Vermögen betrifft. Gilt das auch für Staaten wie Indien und China, trotz der neuen Mittelschichten?

Milanović: Ja, eindeutig. Dies übersieht man im Westen gern, weil wir uns für unsere eigene Ungleichheit interessieren und mit Trump, Brexit und dem Aufstieg der Populisten die Konsequenzen erleben. Aber auch in Schwellenländern ist die Ungleichheit in den vergangenen 30 Jahren stark gestiegen. In China ist der Anstieg sogar geringfügig größer als in den USA. Auch für Indien zeigen aktuelle Daten eine extreme Ungleichheit, fast so hoch wie in Lateinamerika.

profil: Geht es überhaupt ohne steigende Ungleichheit, wenn sich Gesellschaften derart rasant entwickeln wie in China und Indien?

Milanović: Nicht ganz. China beispielsweise war früher landwirtschaftlich geprägt und ist noch dazu kommunistisch. Die Fabrikslöhne in den Städten waren alle weitgehend gleich hoch. Wenn man nun Wettbewerb und freie Lohnbildung zulässt, führt dies automatisch zu steigender Ungleichheit. Außerdem trägt in China die tiefe Kluft zwischen Stadt und Land zur Ungleichheit bei. Dazu kommt, dass Kapitaleinkommen stark an Bedeutung gewonnen haben (Anm.: alle Einkommen, die nicht aus Arbeit resultieren, sondern etwa aus dem Besitz von Unternehmen, Wertpapieren und Immobilien). Zuvor haben sie in China kaum eine Rolle gespielt.

profil: Wie wird sich die Ungleichheit im Westen weiterentwickeln?

Milanović: Ich bin nicht so pessimistisch. Meiner Ansicht nach sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die politischen Eliten im Westen begreifen, dass noch mehr Ungleichheit nicht mehr in ihrem Interesse liegt.

profil: Weil sonst die Populisten kommen?

Milanović: Ja, die Eliten realisieren langsam, dass sie etwas für den Fortbestand der Mittelschicht tun müssen. Dieser Sinneswandel lässt sich auch an den Daten ablesen. In Großbritannien beispielsweise ist die Ungleichheit seit dem Jahr 2007, trotz einiger Schwankungen, nicht weiter gestiegen. Die jüngsten Gesetze betreffen, trotz der staatlichen Sparpolitik, nicht mehr die Sozialtransfers für die Armen. Wir müssen allerdings aufpassen, dass eine solche Umorientierung nicht zu spät kommt. In Frankreich etwa, wo sich kommendes Jahr Marine Le Pen der Präsidentenwahl stellt, sind aus manchen Städten, ähnlich wie in den USA, nahezu alle Industrie-Jobs verschwunden. Dort ballen sich die Verlierer der Globalisierung zusammen.

profil: Wie wird sich die Ungleichheit entwickeln, wenn die Populisten einmal die Macht ergriffen haben?


Milanović:
Schwierig zu prognostizieren. Mitunter stellen sie ja gleich die komplette internationale Wirtschaftsarchitektur infrage, die sich seit der Nachkriegszeit entwickelt hat. Le Pen fordert den Euro-Austritt Frankreichs, Trump hohe Schutzzölle für die USA. Ich zweifle daran, dass solche Radikalmaßnahmen durchführbar sind. Erstens finden sich viele Verbündete der neuen Populisten im alten System, in den Chefetagen und Parlamenten. Zweitens sind die grenzüberschreitenden Verbindungen der modernen Welt schlicht zu engmaschig und weitverzweigt, als dass sie sich einfach lösen ließen. Man sieht das beim Brexit. Es war leicht für die Briten, für ihn zu stimmen – aber es ist schwierig, das Votum zu implementieren.

profil: Was müssen die traditionellen politischen Eliten tun, um die Ungleichheit zu verringern und gegen die Populisten zu bestehen?

Milanović: Eine Möglichkeit sind Steuern. Sicherlich hilfreich ist eine Erhöhung der Erbschaftssteuern, die in vielen Staaten in den vergangenen Jahrzehnten signifikant gesenkt worden sind. Aber ich glaube, eine solche Politik muss sich auch bewusst sein, dass sie begrenzt ist. Die breite Masse der Bevölkerung lehnt Steuererhöhungen ab. Zudem kann das Kapital heute rasch ins Ausland fliehen. In Europa reicht mancherorts eine Entfernung von zehn Kilometern – und schon untersteht man einem völlig anderen Steuer-Regime.

profil: Welche Möglichkeiten gibt es sonst?

Milanović: Wenn wir die Ursachen der Ungleichheit erforschen, stoßen wir auch auf die extreme Konzentration der Kapitaleinkommen. Die zehn reichsten Prozent der Bevölkerung kassieren derzeit 90 Prozent davon. Noch dazu werden die Kapitaleinkommen größer, während die Einkommen aus Arbeit eher sinken. Man müsste also die hohe Konzentration der Kapitaleinkommen reduzieren – heißt: sie gleichmäßiger verteilen.

profil: Wie?

Milanović: Zum Beispiel, indem man Arbeiter dazu bringt, Aktien jener Unternehmen zu erwerben, bei denen sie beschäftigt sind. Die Regierungen könnten, beispielsweise mittels Steuererleichterungen, der Mittelschicht zu mehr Wertpapierbesitz verhelfen. Mit einer Art Minimalgarantie könnten sie diese auch vor Verlusten schützen. Die britische Premierministerin Theresa May schlägt derartige Modelle vor. Bereits praktiziert werden sie in reichen asiatischen Staaten wie Taiwan und Südkorea. Dort wird viel weniger umverteilt als in Europa und Kanada (Anm.: also weniger hohe Steuern und Abgaben eingehoben, um diese den Ärmeren zukommen zu lassen, etwa als Sozialleistungen). Die asiatischen Staaten brauchen die Umverteilung nicht so sehr, denn der Kapitalbesitz ist dort breit und gleichmäßig gestreut. Und damit auch die Gewinne aus ihm.

profil: Das sozialstaatliche Konzept in Österreich und in anderen Staaten Europas basiert hingegen eher auf der klassischen Umverteilung. Viele Leute sorgen sich aber, dass es in Zeiten der Globalisierung langfristig nicht aufrechterhalten werden kann. Kapital strömt heute ungehindert über Grenzen; Arbeitskräfte bewegen sich innerhalb der Europäischen Union frei von Land zu Land. Wie beurteilen Sie angesichts dessen die Zukunft des Sozialstaates?


Milanović:
Ich habe Zweifel. Die Sozialstaaten entstanden in den 1950er-Jahren, als die Mobilität von Menschen und Kapital geringer und die Gesellschaften ethnisch und wirtschaftlich homogener waren. Österreich entwickelte sich damals zu einem korporatistischen Staat mit niedriger Einkommensungleichheit. Heute jedoch sind die Grenzen durchlässiger; innerhalb der EU gibt es einen freien Fluss der Arbeitskräfte. Ich sehe unter solchen Bedingungen durchaus die Gefahr, dass Staaten mit hohen Sozialtransfers eher schlecht qualifizierte – und womöglich auch arbeitsunwillige – Leute anziehen könnten. Aus Sicht der Betroffenen ist das nur rational. Dieses Phänomen beobachten wir auch in den USA: Unterschiedliche Bundesstaaten bieten verschieden hohe Sozialleistungen an – und die US-Amerikaner übersiedeln infolgedessen bevorzugt dorthin, wo die Zahlungen höher sind. In diesem Zusammenhang finde ich auch, dass wir Migration neu definieren müssen.

profil: Wie?

Milanović: Arbeitsmigranten sollten in reichen Ländern nur einen begrenzten Zeitraum tätig sein. Die Beschäftigungskontrakte könnten beispielsweise über vier Jahre laufen, danach werden die Arbeitskräfte durch andere abgelöst. In meinem Konzept sollte also eine Form der Arbeitsmigration durchgesetzt werden, in der die Leute wieder zurückgehen. Mir schwebt ein Modell vor, wie es ansatzweise in den arabischen Golfstaaten mit Arbeitskräften aus Indien und Pakistan praktiziert wird. Nur grassieren am Golf Missstände, und Arbeitskräfte werden unmenschlich behandelt – so etwas will ich natürlich nicht.

profil: Es bleibt trotzdem eine umstrittene Forderung, die noch dazu schwer durchsetzbar ist.

Milanović:
Es ist ein Kompromiss zwischen zwei Extremen. Wir können einerseits die Grenzen nicht völlig öffnen, weil das politisch nicht durchsetzbar ist. Wir sollten aber zugleich auch Arbeitsmigration nicht komplett unterbinden. Denn sie verringert die Ungleichheit zwischen den Staaten und dämpft den Bevölkerungsrückgang in Europa. Außerdem lässt sich Migration nur schwer verhindern, weil sich Menschen sowieso ihre Wege suchen. Zielführend sind also weder absolut offene noch geschlossene Grenzen. Zwischen diesen beiden Polen scheint mir mein Vorschlag ein guter Mittelweg zu sein.

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