Archiv der Kategorie: Wien

„Aufstehen, Krone richten, weitergehen“

Aus dem FALTER 47/2014

Beate Meinl-Reisinger wird das Gesicht der Neos im Wiener Wahlkampf. Ein Gespräch über Intransparenz im Rathaus, absurde Ideen junger Liberaler und privatisierte Gemeindebauten

Interview:
Joseph Gepp
Benedikt Narodoslawsky

Foto: Hans Hochstöger

Ein Büro in einem Gründerzeithaus im siebenten Bezirk, nahe der Mariahilfer Straße. Schreibtische stehen hier noch keine; einzige Einrichtung sind einige Hinterlassenschaften der Eröffnungsparty vor wenigen Tagen. Von hier aus also wollen die Neos Wien erobern.

Die Vorbereitungen für den Wahlkampf haben bereits begonnen, die Spitzenkandidatin steht fest: Neos-Vizechefin Beate Meinl-Reisinger, derzeit Nationalratsabgeordnete. Im Falter-Gespräch skizziert sie erstmals, wie sie sich eine Oppositionsoder Regierungsarbeit in Wien vorstellt und worauf sie im Wahlkampf setzen will.

Falter: Frau Meinl-Reisinger, mit welchen Themen ziehen Sie in die Wien-Wahl?

Beate Meinl-Reisinger: Wir stellen derzeit eine Strategie auf, aber Bildung wird sicher ein Thema sein. Weiters werden wir auf Bürgerbeteiligung und das Wahlrecht in Wien setzen.

Bürgermeister Michael Häupl hat eine Koalition mit Ihnen ausgeschlossen. Würden Sie gern mit der SPÖ regieren?

Meinl-Reisinger: Wenn man in dieser Stadt wirklich etwas verändern will, dann gilt es, die SPÖ aus dem Sattel zu heben. Aber das ist nicht realistisch. Strache würde ich nicht zum Bürgermeister machen. Die SPÖ hat viele Dinge gut und richtig gemacht, zum Beispiel den sozialen Wohnbau. Sie hat aber auch ein verfilztes System aufgebaut, das letztlich dem eigenen Machterhalt dient.

Führt die Neos in die Wien-Wahl: Beate Meinl-Reisinger (Foto: Hans Hochstöger)

Führt die Neos in die Wien-Wahl: Beate Meinl-Reisinger (Foto: Hans Hochstöger)

In welchen Bereichen?

Meinl-Reisinger: Zum Beispiel die Beteiligungen der Stadt Wien. Der Schuldenstand der Gemeinde wäre doppelt so hoch wie offiziell angegeben, würde man Schulden von ausgelagerten Instanzen wie Wien-Holding oder Krankenanstaltenverbund hinzurechnen. Eine meiner ersten Maßnahmen wäre es, bei den Finanzen für Transparenz zu sorgen, etwa in Form eines Transparenzgesetzes.

In vergangenen Wahlkämpfen fielen die Neos vor allem mit Liberalisierungs- und Privatisierungsvorschlägen auf, etwa beim Thema Wasser. Ist das für Wien ein Thema?

Meinl-Reisinger:
Wir wollen weder das Wasser noch seine Versorgung privatisieren. Wohl aber kann man darüber nachdenken, warum die Wassergebühren in Wien derart hoch sind und letztlich im allgemeinen Budget der Stadt versickern. Wir brauchen effizientere Strukturen bei den Stadtwerken. Abseits vom Wasser wollen wir aber durchaus fragen: Was sind die Kernaufgaben einer Stadt? Und wo geht sie über diese hinaus?

Wo zum Beispiel?

Meinl-Reisinger: Bei den Musicals. In vielen Städten werden sie erfolgreich privatwirtschaftlich betrieben, in Wien hingegen bekommen die Vereinigten Bühnen von der Stadt jährlich über 40 Millionen Euro zugeschossen. Hier könnte man massiv umstrukturieren und freigewordene Gelder etwa in innovative Theaterprojekte stecken.

Im beginnenden Wahlkampf ist der Wohnbau das erste große Thema. Soll man Gemeindebauten privatisieren?

Meinl-Reisinger: Nein, im Gegenteil. Die Stadt sollte noch mehr Gemeindebauten errichten. Aber ich fürchte, dafür gibt es kein Geld.

Vor wenigen Monaten sprachen Sie noch anders über die Gemeindebau-Privatisierung.

Meinl-Reisinger: Ich habe früher einmal darüber nachgedacht, ob man Gemeindebaumietern ihre Wohnungen zum Kauf anbieten soll. Davon bin ich jedoch abgerückt.

Weil Sie die SPÖ sonst nicht mitregieren lässt?

Meinl-Reisinger: Nein. Könnte man die Wohnungen kaufen, wäre die Preisgestaltung für die Gemeindewohnungen tatsächlich zu schwierig, ebenso wie die Verwaltung der Bauten, sobald sich in ihnen private und kommunale Wohnungen mischen. Ich bin aber trotzdem für eine Art Gehalts-Check im Gemeindebau. Wenn Mieter über ein hohes Einkommen verfügen, sollen sie drinnenbleiben, aber auch eine höhere Miete zahlen. Das gefährdet nicht die soziale Durchmischung, und es ist auch eine Frage der Gerechtigkeit.

Aufgrund stark steigender Grundpreise diskutieren SPÖ und Grüne derzeit über Leerstandabgaben oder gar Enteignungen.

Meinl-Reisinger: Ich halte das für eine gefährliche Drohung. Es gibt noch etwas wie das Recht auf freies Eigentum. Es ist eine typische Logik, Probleme mit Regulierungen zuzukleistern und, wenn am Ende nichts mehr funktioniert, auf Zwangsmaßnahmen zu setzen. Zum Beispiel fordern die Grünen eine absolute Mietpreisgrenze. Die Folge davon wäre, dass Hausbesitzer nicht mehr genug in ihre Objekte investieren. Das Angebot reduziert sich also. Und die Reaktion sind Rufe nach Leerstandabgaben oder gar Enteignungen.

Die Neos-Jugendorganisation Junos hat einen anderen Vorschlag: Der Vermieter soll den Mietvertrag nach einer dreimonatigen Frist kündigen können.

Meinl-Reisinger: Das ist ein völlig absurder Vorschlag. Wir streben an, dass auch Mieter etwas in ihre Wohnungen investieren. Das werden sie nicht, wenn sie jederzeit rausfliegen könnten. Und auch ich bin Mieterin mit unbefristetem Vertrag. Ich habe zwei Kinder und will nicht permanent in der Angst leben, dass ich aus meiner Wohnung fliege.

Die Neos wollen, dass man auch zwölf Stunden am Tag arbeiten kann. Bisher hat man nur die Meinung von Neos-Männern dazu gehört, was sagen Sie als Neos-Frau und Mutter dazu?

Meinl-Reisinger: Ich bin dafür, denn wir wollen ja nicht, dass die wöchentliche Gesamtarbeitszeit erhöht wird, wir wollen nur mehr Flexibilität. Mir persönlich hätte das wahnsinnig geholfen. Gerade bei Jüngeren gibt es Phasen, in denen es viel zu tun gibt. Am Abend schlafen die Kinder schon, da ist es egal, ob ich um halb acht oder um halb zehn nach Hause komme. Dafür habe ich am nächsten Tag mehr Zeit für sie. Heute fälschen viele Mitarbeiter Arbeitszeiten, weil sie mit der aktuellen Regelung Probleme haben.

Der Vorschlag wurde heftig kritisiert, weil er Alleinerzieherinnen in die Bredouille bringen könnte.

Meinl-Reisinger: Ich bin keine Alleinerzieherin, aber ich glaube, unter den gegebenen Kinderbetreuungszeiten ist für sie auch ein 10-Stunden-Tag mühsam. Die Flexibilität würde auch ihnen helfen.

Von der anfänglichen Aufbruchsstimmung der Neos ist momentan – zumindest medial – nicht mehr viel zu spüren.

Meinl-Reisinger: Damit muss man leben. Da gilt das Motto: Aufstehen, Krone richten, weitergehen. In Wien spüre ich durchaus eine Aufbruchsstimmung. Wir sind in allen Bezirk aktiv, haben rasch Grundstrukturen aufgebaut. Aber natürlich führen wir einen Kampf des Davids gegen Goliath, auch finanziell.

Gibt es wieder eine Finanzspritze von Hans Peter Haselsteiner?

Meinl-Reisinger: Schauen wir mal. Wir machen jedenfalls wieder Crowdfunding, und wir haben auch einige Mittel- und Großspender. Und es wird Darlehen geben.

Derzeit setzen die Neos ganz auf ihr Zugpferd Parteichef Matthias Strolz. Wird er auch im Wiener Wahlkampf eine Rolle spielen?

Meinl-Reisinger: Er hat einen hohen Bekanntheitsgrad, da wäre es blöd, ihn nicht mitzunehmen. Andererseits habe ich schon einen sehr selbstbewussten Frauenanspruch, der mir sagt, ich will das eigentlich allein machen. Schauen wir mal.

Wenn Sie gewählt werden, wechseln Sie dann fix vom Nationalrat, wo Sie derzeit sitzen, in den Wiener Landtag?

Meinl-Reisinger: Ja, alles andere wäre unredlich. Ich stelle mich ja auch in Wien an die Spitze und sage, ich will in der Stadt etwas verändern. Das macht vielleicht Strache so, Van der Bellen konnte es schon nicht so gut. Ich will in die Kommunalpolitik, mich reizt die Nähe zu den Menschen.

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Wien

Warum verwenden Sie Tropenholz, Herr Lux?

Aus dem FALTER 47/2014

Die Sitzbänke auf der Mariahilfer Straße, dem Prestigeprojekt der Stadtgrünen, sind aus Tropenholz. Das regt derzeit in sozialen Netzwerken auf. Der Falter hat Peter Lux gefragt, Tiefbau-Leiter der Stadtbaudirektion und Projektkoordinator Mahü.

Herr Lux, aus welchem Holz bestehen die Bänke auf der Mariahilfer Straße?

Die Holzauflagen bestehen aus Cumaru-Holz. Dieses wächst im südamerikanischen Amazonas-Gebiet.

Warum haben Sie sich für dieses Holz entschieden?

Das ist keine einsame Entscheidung; Cumaru-Holz wird bei zahlreichen Projekten in Wien verwendet. Dafür gibt es sachliche und fachliche Gründe. Dieses Holz ist witterungsresistent, hinterlässt keinerlei Abfärbungen auf der Kleidung und splittert kaum, sodass sich die Benutzer keine Schiefer einziehen.

Aber ist denn moralisch vertretbar, sich für ein solches Holz aus dem Regenwald zu entscheiden?

Absolut, denn das Holz wird im höchsten Maß nachhaltig produziert. Es ist mit dem sogenannten FSC-Gütesiegel zertifiziert. Dieses Siegel für sozial- und umweltverträgliche Waldwirtschaft ist weithin anerkannt, unter anderem auch von der Umweltschutzorganisation WWF. Dafür findet kein Raubbau in Regenwäldern statt.

Bestehen denn die anderen Wiener Bänke auch aus Cumaru-Holz?

Bei den neuen Umgestaltungsprojekten der Kärntner Straße, Ottakringer Straße und jetzt eben Mariahilfer Straße schon. Abgesehen davon besteht die Möblierung im öffentlichen Raum aber aus vielen verschiedenen Materialien. Aus Metall, Kunststoffen und verschiedenen Hölzern.

Ruft ein Beamter aus der Stadtplanung in Südamerika an, wenn Holz für neue Bänke gebraucht wird?

Nein, das erledigen unsere Auftragnehmer, die danach auch entsprechend für die Realisierung im Straßenraum sorgen. Wir legen lediglich in unseren Ausschreibungen genau fest, welche Möblierung und welches Material wir haben wollen.

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Eingeordnet unter Kurioses, Stadtplanung, Wien

Public-private-Partnerships: Jetzt protestieren Architekten

Aus dem FALTER 44/2014

Joseph Gepp

Wenn Privatfirmen für die Stadt Schulen oder Spitäler errichten und betreiben, nennt man das „PPP-Projekt“. Diese ist zwar teurer als eine herkömmliche öffentliche Errichtung, aber die Stadt nutzt das Modell trotzdem – weil es im Sinn des EU-Stabilitätspakts eine kurzfristige Kaschierung von Schulden ermöglicht. Der Falter berichtete vergangene Woche.

Nun hat die Wiener Architektenkammer Protest gegen Wiens PPP-Projekte eingelegt. In einem offenen Brief an SPÖ-Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely wird vor dem Modell „eingehend gewarnt“: „Wir dürfen zwar mehr bezahlen, aber weniger mitbestimmen“, heißt es.

Anlass für den Widerstand sind zwei geplante Krankenhauszubauten in Hietzing und beim Donauspital, die im Zuge von PPP-Modellen realisiert werden sollen. Bisher war nur bekannt, dass die Gemeinde zehn Schulen auf diese Weise errichten will.

Beim stadteigenen Wiener Krankenanstaltenverbund, der sich für die PPP-Variante entschied, spricht man von „keiner allgemeinen Festlegung für die Zukunft“: durchaus möglich, dass künftige Projekte wieder ohne private Partner durchgeführt werden. Vor dem Hintergrund von „Maastricht und Stabilitätspakt“ sei aber in diesem Fall das PPP-Modell passender.

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„Wien hat stärker profitiert als jede andere Stadt im Westen“

Aus dem FALTER 43/2014

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Der Historiker Philipp Ther zieht Bilanz über das, was danach geschah. Ein Gespräch über Polenmärkte, neoliberale Schocktherapie und Putin in der Wirtschaftskammer

INTERVIEW: JOSEPH GEPP, WOLFGANG ZWANDER

Philipp Ther ist Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Gerade erschien sein Buch „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“.

Falter: Herr Ther, wie hat sich Osteuropa in den vergangenen 25 Jahren seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft verändert?

Philipp Ther: In Osteuropa hat sich nach 1989 vollzogen, was im Westen bereits in den 1980er-Jahren begann: die Durchsetzung des Neoliberalismus. Dieser wirtschaftspolitische Paradigmenwechsel geht auf den Thatcherismus und die „Reaganomics“ zurück. Nicht nur der Staatssozialismus, auch die westeuropäischen Wohlfahrtssysteme zeigten immer stärkere Krisensymptome. Das blieb unter östlichen Wirtschaftsexperten nicht unbemerkt. Nach dem Systemwechsel folgten die Eliten in vielen Staaten des Ostens dem neoliberalen Denken in Großbritannien und den USA.

Wie konnte es passieren, dass Staaten so schnell von Kommunismus auf Neoliberalismus umschalteten?

Ther: Trotz des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs waren Ost und West immer kommunizierende Gefäße; einige östliche Wirtschaftsexperten hatten in den USA oder in England studiert, man war informiert über die Lehren und Rezepte der Chicago School. Spätestens nachdem Michail Gorbatschow mit seiner Perestroika und der graduellen Reform des Systems gescheitert war, waren radikale Reformen eine Option. Zudem hatten die Eliten im Osten den Staat ja überwiegend als gängelnd und ineffizient kennengelernt.

Aber es gab doch im Osten auch Anhänger eines Dritten Weges: Intellektuelle, die gegen die Diktatur waren, aber auch keine Rückkehr zum Kapitalismus wollten.

Ther: Das Potenzial eines Dritten Weges wird oft überschätzt. Dieses Schlagwort war mit keinem konkreten Wirtschaftsmodell verbunden, das man schnell hätte umsetzen können. Ein Teil der Demonstranten in Prag und Ostberlin forderte im Herbst 1989, einige Errungenschaften des Sozialismus zu bewahren, aber bald darauf folgten die neoliberalen Schocktherapien. Man kann am Beispiel der Tschechoslowakei auch sagen, Václav Klaus hat sich gegen Václav Havel durchgesetzt.

Wie fällt nun, ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, Ihre Bilanz dieser Übergangsphase aus?

Ther: Diese Frage kann man nur beantworten, wenn man den Blick über Osteuropa hinaus richtet. Neoliberale Reformen gab es in den vergangenen 25 Jahren nämlich in ganz Europa – und in Staaten wie Deutschland, Schweden und in mancher Hinsicht Österreich kann man geradezu von einer Ko-Transformation sprechen, die durch den Umbruch im Osten angestoßen wurde. In Osteuropa selbst fällt die Bilanz gemischt aus.

Osteuropahistoriker Philipp Ther (Foto: Gepp)

Osteuropahistoriker Philipp Ther (Foto: Gepp)

Inwiefern gemischt?

Ther: Man sollte dort nicht nur nach einzelnen Ländern differenzieren, sondern etwa auch nach Regionen oder dem Unterschied zwischen Stadt und Land. Vergleicht man Staaten miteinander, kann man beispielsweise Polen als Erfolgsbeispiel nennen. 22 Jahre lang gab es dort teils sehr hohe Wachstumsraten, die nicht einmal von der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 unterbrochen wurden. Auf der anderen Seite fällt die Bilanz in manchen Staaten sehr negativ aus, in wirtschaftlicher, sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht, etwa in Russland und der Ukraine. Dazu muss man allerdings wissen, dass die Krise von 2008/09 die Situation in fast allen Staaten Ostmittel-und Osteuropas massiv verschlechtert und die Bilanz stark eingetrübt hat.

Wo am stärksten?

Ther: Die lettische Wirtschaft zum Beispiel schrumpfte in der Krise um 18 Prozent. Die Regierung reagierte mit eisernen Sparmaßnahmen, zum Beispiel Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst um 25 Prozent. Im Gesundheitsbereich wurden nur noch absolut überlebensnotwendige Operation durchgeführt, die Arbeitslosigkeit verdreifachte sich. Infolge der Krise verloren Länder wie Lettland, Litauen oder Rumänien durch Auswanderung bis zu zehn Prozent ihrer Bevölkerung, unter ihnen viele hochqualifizierte Menschen. Das sind Verluste, die an die gesellschaftliche Substanz gehen.

Zurück zu den Umbrüchen der 90er-Jahre: Wenn man die Lage zusammenfasst, wer waren die Gewinner und wer die Verlierer?

Ther: Die Gewinner waren sicher die Jungen, die sich selbstständig machen oder gute Stellen finden konnten, denen der Staat nicht mehr vorschrieb, wie sie ihr Leben gestalten sollten. Der Verlierer war nach 1989 vor allem die Landbevölkerung, noch mehr als die Industriearbeiter. Die Kolchosen und landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gingen massenweise bankrott. In vielen Dörfern gab es dann über Jahre nichts, außer Alkohol. Es war kein Staat da, der etwas getan hätte. Kein Wille, Regionalpolitik zu betreiben. Kein Investor, weil auf dem Land das Kapital fehlte und es wenig Aussicht auf Gewinne gab.

Aber was hat zum Beispiel ein Land wie Polen richtiger gemacht als etwa Russland?

Ther: In beiden Ländern gab es ein vergleichbares Reformprogramm, nicht zuletzt unter dem Einfluss des US-Ökonomen Jeffrey Sachs, der in Polen und Russland als Berater tätig war. In Polen hat es einigermaßen funktioniert, in Russland überhaupt nicht. Der Grund liegt wohl darin, dass es in Polen noch einen funktionierenden Staat gab. Entgegen der Staatsskepsis der Chicago School ist ein funktionierender Staat eine Voraussetzung für den Erfolg neoliberaler Reformen. In Polen wurde der Staat außerdem erfolgreich reformiert, etwa durch Selbstverwaltung. In Russland hingegen wurde die Privatisierung selbst privatisiert, indem man sie von undurchsichtigen Banken durchführen ließ. Russische Oligarchen nutzten die zerfallende Ordnung, um den Staat auszuplündern. Es gab aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt, mit dem sich der Unterschied im Erfolg zwischen Polen und Russland erklären lässt.

Der wäre?

Ther: Es geht um die Frage, inwiefern die Gesellschaften auf den Wandel vorbereitet waren. Also wie die „Transformation von unten“ funktionierte. In Polen haben die Kommunisten als Reaktion auf die Krise des Staatssozialismus, wie etwa auch in Ungarn, relativ früh private Unternehmen zugelassen. Es gab viele Händler, außerdem einen blühenden Schwarzmarkt. Viele Polen und Ungarn waren daher mit Formen der Marktwirtschaft vertraut, bevor diese offiziell ausgerufen wurde. In Russland war das ganz anders, aber auch in der DDR. Diese Länder waren stärker reguliert, auch die Eigeninitiative der Menschen wurde viel mehr eingeschränkt. Mein Buch ist der Versuch, diese Entwicklung mit einer längeren historischen Perspektive und wie gesagt „von unten“, also mit einem sozialhistorischen Blickwinkel auszuleuchten.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich auch mit der Rolle Wiens. Sie schreiben, Wien habe die Transformation viel besser genutzt als etwa Berlin. Wie denn das?

Ther: Die Revolutionen von 1989 haben nicht nur den Osten, sondern auf die Dauer ganz Europa verändert. Wien hat vom Umbruch im Osten stärker profitiert als jede andere Stadt im Westen. Berlin hingegen verzeichnete eine lange Phase der Stagnation, die von Mitte der 1990er-Jahre bis 2005 andauerte. Nach der EU-Erweiterung ließen auch ostmitteleuropäische Hauptstädte wie Prag und Warschau Berlin beim kaufkraftbereinigten BIP pro Kopf, also etwas vereinfacht gesagt der Wirtschaftskraft, hinter sich. Der Grund dafür ist meiner Meinung nach, dass in Berlin die Transformation von unten nicht so gut funktionierte, etwa im Bereich des Klein- und Einzelhandels. Es gab dort 1989 einen riesigen Polenmarkt, der aber schnell überwacht, behindert und schließlich ganz zugesperrt wurde. Berlin war wegen der Teilung der Stadt sehr stark auf den Westen orientiert und verschlossen gegenüber dem Osten. Obendrein wurde das frisch wiedervereinigte Berlin bald zur nationalen Hauptstadt, auch deshalb ging man weniger auf die damals noch armen Nachbarn aus dem Osten zu.

Und Wien?

Ther: In Wien ist man mit den Veränderungen offener umgegangen. Die Wiener Geschäftsleute haben auf die Öffnung des Eisernen Vorhangs recht geschickt reagiert, was sich etwa an kleinen Details wie der Anzahl fremdsprachiger Beschriftungen ablesen ließ. Die polnischen Händler am Mexikoplatz ließ man gewähren, und die Geschichten von der „Magyarhilfer Straße“ sind ja inzwischen bereits ein Stück Stadtmythologie. Nach Finnland hatte Österreich von allen westlichen Staaten den höchsten Außenhandelsanteil mit dem Ostblock.

Aber die FPÖ hetzte doch sofort nach dem Ende des Kommunismus gegen die Nachbarn in Ost- und Südosteuropa.

Ther: Es gibt natürlich immer gegenläufige Tendenzen. Selbstverständlich riefen die Umbrüche auch Angst hervor und verstärkten den Fremdenhass. Andererseits gab es aber auch, teils noch aus der k.-u.-k.-Zeit, Kontakte in den Osten, sodass man an eine lange gemeinsame Geschichte anknüpfen konnte. Die Nachbarn im Osten sahen Wien immer als ein wirtschaftliches Zentrum. Und Wien war während des Kalten Krieges eine Drehscheibe zwischen Ost und West, ob nun auf politischer Ebene oder für viele größere und kleinere Geschäfte. Politisch verlor Wien nach dem Ende des Kalten Krieges eigentlich an Bedeutung, doch etwa 300 Firmen eröffneten hier ihre Osteuropa-Zentralen. Die Banken expandierten früh in den Osten, auch hier gab es ältere Traditionen. So konnte man in Wien schon vor 1989 Westwährungen in Ostwährungen tauschen, allerdings nicht zum staatlich festgesetzten Kurs, sondern beinahe zum Schwarzmarktkurs. Natürlich war es verboten, mit diesem Geld zurück in den Osten zu reisen, aber der Schmuggel blühte.

Warum stehen Staaten wie Bulgarien oder Rumänien wirtschaftlich viel schlechter da als etwa Polen oder Tschechien?

Ther: In Südosteuropa gab es nach dem Systemwechsel eine schlechtere Ausgangslage. Rumänien war eine zutiefst traumatisierte Gesellschaft, die sich erst von Ceaușescus Gewaltherrschaft erholen musste. Hinzu kommt, dass sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Postkommunisten bei den ersten freien Wahlen durchsetzen konnten; es gab also eine viel stärkere politische Kontinuität, die einen Neuanfang blockierte und im Zeichen von Korruption und Bereicherung stand. Durchgreifende Reformen gab es daher erst Mitte und Ende der 1990er-Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatten die westlichen Investoren ihr Kapital schon in anderen Ländern angelegt und dort Produktionsstätten aufgebaut. Obendrein destabilisierte der Jugoslawienkrieg in den 1990ern Südosteuropa, was auch kein Vorteil für Rumänien oder Bulgarien war.

Heute droht der Konflikt in der Ukraine Osteuropa zu destabilisieren. Wie beurteilen Sie das?

Ther: Der Konflikt in der Ukraine ist der Ausdruck einer neuen Systemkonkurrenz. Russlands Präsident Putin hat zwar einige neoliberale Reformen und eine prinzipiell marktwirtschaftliche Ordnung beibehalten, sie aber mit einem autoritären System ergänzt. Dieser autoritäre Staatskapitalismus ist eine handfeste Systemkonkurrenz zum Westen. Die Ukraine ist ein Lackmustest dafür, inwieweit der Westen für seine Werte steht. Das Beispiel Ungarns und die dortigen autoritären Tendenzen zeigen, dass diese Systemkonkurrenz inzwischen auch in der Europäischen Union angekommen ist. Ich habe den Eindruck, man ist sich im Westen dieser Herausforderung noch nicht genügend bewusst. Wäre das anders, wäre Putin bei seinem Besuch in Wien in der Wirtschaftskammer nicht mit Standing Ovations begrüßt worden.

Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Suhrkamp, 432 S., € 27,70

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WU: eine Sondersammlung für zwei große Austro-Ökonomen

Aus dem FALTER 42/2014

Bericht: Joseph Gepp

Kurt W. Rothschild und Josef Steindl zählen zu den großen keynesianischen Ökonomen der Zweiten Republik. Beide leisteten zum Aufbau der ökonomischen Lehre in Österreich einen großen Beitrag, nachdem sie die Zeit des Zweiten Weltkriegs im englischen Exil verbracht hatten. Steindl starb 1993, Rothschild 2010.

Zum 100. Geburtstag von Rothschild macht nun die Wiener Wirtschaftsuniversität die Privatbibliotheken der beiden Ökonomen der Öffentlichkeit zugänglich. Die umfangreichen und wertvollen Sammlungen wurden heuer der Uni übertragen, jetzt haben sie einen eigenen Raum in der WU-Bibliothek bekommen. Am 21. Oktober feiert man Eröffnung.

Nach einer Eröffnungsrede von WU-Rektor Christoph Badelt werden die Ökonomen Wilfried Altzinger (WU) und Alois Guger (Wifo) über das Wirken von Kurt Rothschild und Josef Steindl sprechen. Deren Bibliotheken stehen künftig allen Studenten und Bibliotheksbesuchern offen.

Um Anmeldung wird gebeten, am besten auf der Website der Wirtschaftsuni wu.ac.at (und dann das Wort „Rothschild“ in die Suchmaske tippen).

21.10., 19 Uhr: neuer WU-Campus, Festsaal 2 (LC), 2., Welthandelsplatz 1

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Zehn Jahre „Heute“, oder: Wenn Wiens Bims Fahnen tragen

Aus dem FALTER 39/2014

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Wenn die Wiener Linien ihre Straßenbahnen beflaggen, ist damit meist eine gesellschaftspolitische Botschaft verbunden: Zur Regenbodenparade etwa wehen Regenbogenfahnen auf Bim-Fronten, am Welt-Aids-Tag Red Ribbons.

Auch derzeit schmücken wieder Fähnchen die Wägen, allerdings ohne Botschaft. Man feiert „Zehn Jahre Heute„, jenes Gratis-Boulevardblatt, dem beste Verbindungen zu Wiens Rathaus-SPÖ nachgesagt werden.

Bei der Werbefirma Gewista, wo Firmen regulär Werbeflächen auf Bims mieten können, scheinen die Fähnchen nicht auf. Wie also kam es zu dem Deal? „Unkonventionelle Ideen realisieren wir auch direkt mit werbenden Unternehmen“, sagt Answer Lang, Sprecher der Linien. Er verweist auf eine Flüchtlings-oder Bildungsbim: Solche Aktionen etwa würden auch nicht über die Gewista laufen.

Details zum Deal mit Heute verrät Lang nicht. „Aber er wurde in jedem Fall angemessen abgegolten.“

 Den zehnten Geburtstag der Gratiszeitung Heute feiern auch die Wiener Linien auf ihren Straßenbahnen. Die Werbeaktion wurde angemessen abgegolten, sagt Pressesprecher Answer Lang FOTO: HERIBERT CORN


Den zehnten Geburtstag der Gratiszeitung Heute feiern auch die Wiener Linien auf ihren Straßenbahnen. Die Werbeaktion wurde angemessen abgegolten, sagt Pressesprecher Answer Lang FOTO: HERIBERT CORN

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Der kaufwütige Tiroler

Aus dem FALTER 35/2014

Er ist 37 Jahre alt und der wichtigste Immobilienmagnat Österreichs. Jetzt erobert er auch Deutschland. Wer ist René Benko?

Porträt in absentia: Joseph Gepp

Wenn reiche Innsbrucker aus dem Fenster schauen, schweifen ihre Blicke über das Häusermeer der Landeshauptstadt hinweg auf die andere Seite des Tals, zum Bergisel. Hungerburg heißt dieses Viertel, hoch über der Altstadt, am Fuß der Nordkette. Aber der Name führt in die Irre. Denn auf der Hungerburg reihen sich schicke Neubauten aneinander, die sich Normalverdiener längst nicht mehr leisten können.

Hier, in einer futuristischen weißen Villa in der Höhenstraße, wohnt auch einer, dessen Geschäftstätigkeit mittlerweile weit über Tirol hinausreicht. Einer, der ursprünglich von unten kommt. Er wuchs im Stadtteil Pradl auf, einem dichtbesiedelten Innsbrucker Mittelschicht-Bezirk neben der Innenstadt. In einer 60-Quadratmeter-Wohnung mit einer vier Jahre jüngeren Schwester, die Mutter Kindergärtnerin, der Vater Beamter bei den Gaswerken.

Heute ist René Benko 37 Jahre alt
und betreibt das größte private Immobilienunternehmen des Landes. Mit über einer halben Milliarde Euro Privatvermögen zählt er zu den reichsten Österreichern. Gerade steigt er zu einem der wichtigsten Immobilienmagnaten Europas auf. Dem Mann mit dem jugendlichen Gesicht und dem Tiroler Zungenschlag gehören Luxusimmobilien in zahlreichen europäischen Städten. In der Wiener Innenstadt etwa ist die Signa Holding, Benkos Firma, laut eigenen Angaben die größte private Immobilienbesitzerin. In Innsbruck kontrolliert Benko mehr als die Hälfte der Geschäftsflächen im Zentrum, wie er in einem Interview sagte. Dazu kommen Immobilien von den Gestaden des italienischen Gardasees bis zum Bankenviertel in Frankfurt. Und die Expansion geht weiter.

Jugendliches Gesicht, Tiroler Zungenschlag: der Tiroler Immobilien-Großunternehmer René Benko (Foto: Signa)

Jugendliches Gesicht, Tiroler Zungenschlag: der Tiroler Immobilien-Großunternehmer René Benko (Foto: Signa)

Vor zwei Wochen hat Benko vom deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen um einen symbolischen Euro die angeschlagene deutsche Kaufhauskette Karstadt übernommen. Es sind 83 Warenhäuser in ganz Deutschland, viele von ihnen angejahrt. Über 17.000 Menschen arbeiten bei Karstadt. Es ist Benkos bislang größter Coup. Viele in Deutschland fragen sich nun, wie es mit Karstadt weitergehen wird. Werden Arbeitsplätze verlorengehen? Wer ist dieser Benko überhaupt?

Diese Frage ist, wie sich zeigt, nicht leicht zu beantworten. Denn man weiß nicht viel über den Unternehmer, außer es dringt geplant nach draußen. Interviews gibt es meist nur, wenn Benko etwas verkündet oder bewirbt. Pressesprecher schirmen ihn ebenso ab wie eine verschworene Clique von Beratern und Managern, die das Tagesgeschäft erledigen. Ein Interview für den Falter? „Keine Chance“, antwortet Benkos Assistent Robert Leingruber. In den vergangenen Tagen hat die Signa Holding hunderte Medienanfragen aus vielen Ländern abgelehnt.

Wissen denn andere Unternehmer etwas über den Mann? Nichts als wohlklingende Plattitüden. Förderer und Weggefährten? Gibt es etliche, aber die scheinen allesamt im Sold des Geschäftsmanns zu stehen. Nennenswerte gesellschaftliche Engagements oder politische Ansichten? Kennt man von Benko nicht, im Gegensatz zu anderen Entrepreneuren wie etwa Strabag-Gründer Hans Peter Haselsteiner.

Benko ist ein Mann, der in Europas Stadtzentren derzeit Objekte im Milliardenwert aufkauft. Er leitet den wohl schnellstwachsenden Immobilienkonzern Europas, als Berater fungieren hochrangige Ex-Politiker. Viele rühmen sein unternehmerisches Geschick und sein kaufmännisches Talent. Andere kritisieren die Intransparenz von Benkos Firmengeflecht. Auch stand er vergangenes Jahr erstmals vor dem Richter, rechtskräftig verurteilt wegen einer Korruptionscausa in Italien. Wie laufen Benkos Geschäfte ab? Wie hat er sein Vermögen gemacht? Wie könnten seine Pläne lauten?

Seine Karriere begann in den späten 1990er-Jahren, Benko war gerade 17. Für einen Innsbrucker Baumeister namens Hans Zittera, einen befreundeten Kleinunternehmer, organisiert er Renovierungen von Dachböden in der zentralen Maria-Theresien-Straße. Zittera stellt dem Burschen ein Büro zur Verfügung. Während Gleichaltrige gerade ihre erstes Bankkonto eröffnen, erweist sich der junge Benko als geschickt. Zur Matura in der Handelsakademie Kaiserjägerstraße tritt er aufgrund vieler Fehlstunden gar nicht erst an. Er steht schon voll im Dachbodengeschäft.

Viele, die den späteren Magnaten kennen, beschreiben Benko als hart arbeitenden Menschen, als peniblen Zahlenkenner, als schnellen Kopfrechner. Es sei verblüffend, wie blitzschnell und zuverlässig er bei Verhandlungen seine Rendite überschlage, erzählt beispielsweise ein Beamter der Stadt Innsbruck, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Benkos Innsbrucker Anwalt Wilfried Plattner sagt über seinen Klienten, er erkenne instinktsicher, in welche Bereiche am Markt man investieren solle. Das Geschäft mit den Dachbodenausbauten etwa, in das Benko in den 90ern einstieg, erwies sich nicht viel später als Goldgrube für Immobilienentwickler.

Bald kommt der junge Benko zu einigem Geld. Er zögert nicht, seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Schulkameraden schildern, wie er samstags seine Schwester abholte, im hautengen Rippshirt, mit Goldkettchen und im geleasten Ferrari. Kurz danach schließt Benko jenes Geschäft ab, das ihn zum Schilling-Millionär machen soll. Er kauft billig das Gesundheitshotel Lanserhof nahe Innsbruck, dessen Besitzer in Geldnöten ist. Benko verkauft es mit stattlichem Gewinn an den Kitzbüheler Hotelier Christian Harisch weiter. „Es hat alles bestens funktioniert“, erinnert sich Harisch heute. Benko erlebe er als „immer arbeitend, immer unter Strom“. Er sei einer dieser Menschen, die man sich gar nicht entspannt vorstellen könne.

Benko jedenfalls geht nach Wien und entwickelt dort vorerst Praxiszentren für Ärzte. Erneut, wie bei den Dachböden, handelt es sich hier um eine Einrichtung, die Anfang der Nullerjahre erst im Aufkommen begriffen ist. Bei der Besichtigung einer Immobilie lernt er Karl Kovarik kennen, damals 53. Das Vermögen des mittlerweile Verstorbenen stammte von 130 Stroh-Tankstellen, die Kovariks Familie 1987 an die OMV verkauft hatte. Im Jahr 2001 vertraut der Erbe sein Vermögen dem jüngeren Benko an, laut Format 26 Millionen Euro. Benko steigt daraufhin endgültig vom gewöhnlichen erfolgreichen Unternehmer zum nationalen Player auf.

„Er kam buchstäblich aus dem Nichts“, erzählt ein Innsbrucker Stadtbeamter über den Mann, der mit viel Geld und vielen Plänen nach Tirol zurückkehrte . Bei Besprechungen sei Benko „mit großen Augen und scheinbar unbedarft dagesessen, sodass man ihn total unterschätzte“. 2004 kauft Benko, damals 27, das heruntergekommene Kaufhaus Tyrol im Zentrum Innsbrucks und lässt es vom Architekten David Chipperfield als modernes Einkaufszentrum neu errichten. Finanziert durch reiche Investoren und Bankkredite, investiert Benko insgesamt 155 Millionen Euro. Die Widerstände gegen das Projekt sind massiv, doch heute loben es selbst Kritiker. „Dass Benko sich drübergetraut hat, dieses Ding neu hinzustellen, bedeutet für Innsbruck eine massive Aufwertung“, sagt Thomas Hudovernik, Obmann der städtischen Geschäftsleute, von denen damals viele gegen das Kaufhaus opponierten.

Das Kaufhaus Tyrol im Zentrum Innsbrucks machte Benko berühmt (Foto: Wikipedia)

Das Kaufhaus Tyrol im Zentrum Innsbrucks machte Benko berühmt (Foto: Wikipedia)

Mit dem Kaufhaus etabliert sich Benko endgültig als Größe in der Branche. Nun entstehen beispielsweise Projekte in Prag, in Luxemburg, am Gardasee. Manche errichtet die Signa selbst, andere kauft sie zu. Bei vielen Immobilien können Investoren einsteigen und in Fonds einzahlen, um danach etwa von laufenden Mieteinnahmen zu profitieren. Andere Objekte dienen eher zu Repräsentationszwecken, wie das luxuriöse Chalet im teuren Vorarlberger Skiort Oberlech, das nach Benkos Frau Nathalie benannt ist. Gemeinsam haben die meisten Projekte Benkos, dass sie glitzern wollen. Repräsentationslust und eine etwas protzige Eleganz kennzeichnen sein Imperium von Wien bis Frankfurt, von Innsbruck bis Mailand. So wie beim Goldenen Quartier in Wiens Innenstadt.

Der Gebäudekomplex zwischen Tuchlauben und Am Hof enthält seit 2012 ein Luxuskonglomerat aus internationalen Edelshops, Penthäusern und einem Hotel. Rund eine halbe Milliarde hat Benko hineingesteckt. Zugute kam ihm dabei, dass große Banken – geschwächt durch die Finanzkrise – ihre teuren Wiener Innenstadtimmobilien abstießen. Wo heute das Goldene Quartier ist, befand sich etwa bis 2009 die Zentrale der Gewerkschaftsbank Bawag; unter dem Dach lag das berühmte Penthaus des Ex-Chefs Helmut Elsner. Benko erwarb 2009 auch zwölf Bank-Austria-Immobilien, darunter das Haus mit dem Meinl am Graben. 2012 schließlich geht auch Otto Wagners Postsparkasse in Ringnähe aus Bawag-Besitz in jenen des Tiroler Aufsteigers über.

Das Goldene Quartier in Wien (Foto: Vienna Review)

Das Goldene Quartier in Wien (Foto: Vienna Review)

Privat soll Benko inzwischen leiser treten als in seinen Jugendtagen im Ferrari. An den meisten Wochenenden geht es vom Wiener Palais Harrach, wo inzwischen das Herz des Unternehmens schlägt, auf die Innsbrucker Hungerburg. Dort lebt Benko mit Frau und zwei Kindern aus zweiter Ehe. Termine am Freitagnachmittag oder Montagfrüh finden vorwiegend in Innsbruck statt, danach reisen Benko und seine Manager im Privatjet zu einem der vielen Projekte des Konzerns. Das einzige Society-Event, das Benko regelmäßig besucht, ist das Kitzbüheler Hahnenkamm-Rennen. „Aber auch dort flitzt er von Meeting zu Meeting“, erzählt ein Bekannter, der ungenannt bleiben möchte.

Nicht alle Projekte laufen heute so glatt wie der Anfangserfolg, das Kaufhaus Tyrol. In Wien beispielsweise dauerte es viel länger als erwartet, bis sich Mieter für das Goldene Quartier fanden. Im Südtiroler Bozen stößt Benko, der dort ein Einkaufszentrum errichten möchte, seit Jahren auf den erbitterten Widerstand lokaler Kaufleute. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb schließlich kaufte Benko 2007 von der Hypo Alpe Adria den Hoto-Tower, ein modernes Hochhaus. Als schwere Baumängel auftraten, kündigte prompt der lukrative Hauptmieter, die Deutsche Telekom. Benko blieb auf der teuren Fehlinvestition sitzen.

George Economou (Foto: Signa)

George Economou (Foto: Signa)

Das Geld für seine Unternehmungen kommt inzwischen längst nicht mehr vom Tankstellenerben Karl Kovarik. Dieser starb 2012. Zwei Jahre zuvor hatte der griechische Reeder George Economou Kovarik als Hälfteeigentümer bei der Signa Holding abgelöst, ein viel potenterer Investor als der Österreicher Kovarik.

Benko und Economou lernten einander bei einem Abendessen der deutschen HSH Nordbank kennen. Der griechische Kunstsammler, der seine Firmen steuerschonend von den Marshallinseln aus verwaltet, ist heute der wichtigste Geldgeber in Benkos Imperium. Andere Investoren sind Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Strabag-Gründer Haselsteiner und der israelische Diamantenhändler Beny Steinmetz. All diese Leute investieren in ein Firmenkonstrukt, dessen Struktur nicht leicht zu durchschauen ist.

Ganz oben steht die 1999 gegründete Signa Holding, die je zur Hälfte zwei Privatstiftungen Benkos sowie Economou gehört. Die Holding verwaltet heute Immobilien im Wert von über sechs Milliarden Euro.

Die wichtigste Tochter der Holding ist die Prime Selection AG, zu der das Goldene Quartier gehört. An dieser Firma sind Investoren wie Wiedeking und Steinmetz beteiligt. Darunter erstreckt sich ein Geflecht von über 100 Subfirmen. Wer in welches Projekt wie viel Geld gesteckt hat und bei welchem Investor Benko in welcher Höhe in der Kreide steht, das lässt sich aus dieser Struktur kaum herauslesen. „Transparenz gehört nicht zu den Tugenden des René Benko“, schrieb die deutsche Zeit Anfang 2014. Die Bilanz der milliardenschweren Signa Holding beispielsweise ist nur drei Seiten lang.

Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer berät Benko

Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer berät Benko

Der Signa Holding steht ein Beirat zur Seite, den Benko mit einflussreichen Persönlichkeiten bestückt hat, etwa mit Ex-SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer und Casinos-Austria-Chef Karl Stoss. Bei Bedarf aktivieren die Beiratsmitglieder ihre Kontakte, um sich für Belange der Signa einzusetzen.
.... genauso wie Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (Foto: Signa)

…. genauso wie Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (Foto: Signa)

Gusenbauer und Benko beispielsweise kennen einander bereits seit der Zeit, als Gusenbauer noch nicht Bundeskanzler war, erzählt der Ex-Kanzler dem Falter. Der Kontakt ergab sich einst auf einer SPÖ-Parteiveranstaltung. Bald nachdem Gusenbauer aus der Politik ausgestiegen war und nachdem der vormalige Kanzlerassistent Robert Leingruber bei Benko angeheuert hatte, läutete auch beim Ex-Kanzler selbst das Telefon. Heute bewertet Gusenbauer bei Benko etwa bevorstehende Projekte und verhandelt mit Bürgermeistern und anderen Betroffenen über Benkos Pläne. Dafür soll er rund 200.000 Euro jährlich verdienen.

Die Kontakte in die Politik verhalfen
Benko bislang aber nicht nur zu Erfolgen, sondern auch zum größten Rückschlag seiner Karriere. Anfang August bestätigte das Wiener Oberlandesgericht ein Urteil von zwölf Monaten bedingter Haft gegen Benko und seinen Innsbrucker Steuerberater Michael Passer. Das Delikt lautet auf versuchte verbotene Intervention, also Korruption.

Ivo Sanader, Kroatien vielfach verurteilter Ex-Premier mit engen Verbindungen nach Innsbruck (Wikipedia)

Ivo Sanader, Kroatien vielfach verurteilter Ex-Premier mit engen Verbindungen nach Innsbruck. Bei ihm fanden Ermitt ler einen Brief, der zu einer Verurteilung Benkos wegen versucher Korruption führte (Wikipedia)

Auslöser waren umfangreiche Ermittlungen gegen Ivo Sanader, Kroatiens konservativen Ex-Premier mit guten Verbindungen nach Innsbruck, wo er einst studiert hatte. Ermittler fanden in Sanaders Tresor in Zagreb einen Brief aus dem Jahr 2009. Darin stellt Steuerberater Passer – übrigens Ex-Mann von Susanne Riess-Passer – dem kroatischen Politiker 150.000 Euro in Aussicht, falls Sanader erreiche, dass Ermittlungen gegen eine Firma Benkos „zu einem positiven Ende“ kommen. Weil es sich um eine Steuer-Causa in Italien handelte, soll Sanader auf den dortigen Ex-Premier Silvio Berlusconi einwirken. Benkos Anwälte entgegnen, Passer habe eigenmächtig gehandelt; die Angelegenheit sei nicht mit Benko abgesprochen gewesen.

Benko zog sich infolge der Affäre mit den beiden Premierministern formell von der Spitze seiner Signa zurück, er fungiert seither nur als Vorsitzender des Beirats der Holding. Abgesehen davon jedoch scheint ihm die Sache nur kurz geschadet zu haben. Die Komplettübernahme von Karstadt vor zwei Wochen ist sein neuester großer Coup. Bereits im Jahr 2013 hat Benko für 1,1 Milliarden Euro einige deutsche Karstadt-Immobilien und drei Luxuskaufhäuser erworben, darunter das KaDeWe in Berlin. Nun folgte der Rest des Konzerns.

Wie geht es weiter? Das fragt sich die deutsche Öffentlichkeit skeptisch. Benko selbst will den Konzern angeblich erhalten und nur unrentable Karstadt-Filialen schließen. Politiker, Gewerkschafter und Medien beobachten den Unternehmer misstrauisch. Viele fürchten mit Blick auf Benkos bisherige Karriere, dass es dem Unternehmer vor allem um die Verwertung der lukrativen Innenstadtimmobilien geht, die er sich nun in deutschen Städten einverleibt hat.

Derzeit wird bei der Signa Holding eilig das Personal aufgestockt. Man sucht fähige Manager für den Umbau der großen Kaufhauskette. Was genau mit Karstadt geschehen wird, das entscheidet sich wohl erst kommendes Jahr, sagen Insider dem Falter. Vorher will man das Weihnachtsgeschäft über die Bühne bringen, das bei Karstadt traditionell den größten Umsatz beschert.

Fest steht: Ob Dachböden, Ärztezentren oder Luxusimmobilien in Innenstädten – bisher bewies Benko stets ein Gespür für einträgliche Investitionen. Stets votierte er für etwas, dessen gute Zeit noch bevorstand. Nun hat sich Benko zum ersten Mal ein Projekt vorgenommen, dessen Blüte Jahrzehnte zurückliegt. Denn das Kaufhaus basiert auf einem Konzept aus der Zwischenkriegszeit, sein Stern ist seit den 70er-Jahren im Sinken begriffen.

René Benko, das Tiroler Talent aus kleinen Verhältnissen, das Europas Innenstädte mit glitzernden Luxusimmobilien überzieht, wird jetzt viel Geld und Geschick brauchen. Er muss die alten Karstadt-Häuser auf modern umrüsten. Er muss neue Kunden gewinnen, genauso wie die deutsche Öffentlichkeit. Er muss vom Immobilien-zum Handelsunternehmer werden. Sein vielgelobtes kaufmännisches Talent wird auf eine harte Probe gestellt.

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