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Welt in Wien

Aus dem FALTER 17/2013

Vor genau 140 Jahren eröffnete Wiens pompöse Weltausstellung. Heute sind ihre Hinterlassenschaften aus dem Stadtbild verschwunden. Bis auf wenige Ausnahmen

Spurensuche: Joseph Gepp

Man muss schon wissen, was sich hier befand, um an diesem Ort irgendetwas Interessantes zu finden. Der Rotundenplatz im zweiten Bezirk ist grau, unauffällig und schmucklos. Das Gelände hinter dem Prater wirkt vorstädtisch und verloren, trotz seiner zentralen Lage. Zur Linken erhebt sich der fast fertige Neubau der Wirtschaftsuniversität. Rechts liegt etwas verwaist die Trabrennbahn Krieau. Dazwischen wirbeln Autos Baustellenstaub auf, wo einst die höchste Kuppel der Welt stand.

„Rotunde“ hieß das Gebäude, das diesen Platz einst prägte, 108 Meter ragte die Kuppel in den Himmel. Im Herbst 1937 brannte die Rotunde nieder. Zuvor hatte der 1873 eröffnete Bau als eines der Wahrzeichen von Wien gegolten. Nach dem Brand sollte es immerhin ganze zwei Jahrzehnte dauern, ehe ein Gebäude mit höherer Kuppel errichtet wurde, die Messehalle von Belgrad.

Die Rotunde, entworfen vom Briten John Scott Russell und dem Österreicher Carl Hasenauer, bildete das Kernstück einer Veranstaltung, wie sie Wien davor und danach nie wieder erlebt hat. Vor genau 140 Jahren, am 1. Mai 1873, eröffnete in Wien mit Pomp und Trara die fünfte internationale Weltausstellung.

Die Wiener Rotunde 1873 (Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

Die Wiener Rotunde 1873 (Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

Weltausstellungen würdigten die industriellen und kulturellen Errungenschaften der damaligen Zeit. Die erste fand 1851 in London statt. Mit jener von 1873 in Wien – der bislang größten und der ersten im deutschsprachigen Raum – befassen sich heuer anlässlich des Jubiläums zwei Ausstellungen, eine im Bezirksmuseum Leopoldstadt und eine im Wien Museum am Karlsplatz. Die Weltausstellung sollte Wien als internationale Metropole mit Paris und London gleichstellen. Sie symbolisierte die Wucht der industriellen Revolution ebenso wie die Macht der österreichisch-ungarischen Monarchie. Heute jedoch erinnern nur wenige unauffällige Reste an die Wiener Weltausstellung. Sie liegen verstreut im Prater, im restlichen Wien und sogar in Graz.

(Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

(Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

Zwei davon sind gar nicht weit weg vom Rotundenplatz. Direkt an der Hauptallee gelegen, kennt sie fast jeder Wiener, obwohl sie kaum jemand mit der Weltausstellung assoziiert. Das heutige Restaurant Meierei war einst die „Amerikanische Trinkhalle von Benford“, Teil der US-amerikanischen Sektion der Weltausstellung. Die Bar im US-Stil sollte den Ausstellungsgästen das Flair der Neuen Welt näherbringen. Unweit davon liegt der Konstantinhügel, ein künstlich angelegter Spazierhügel, benannt nach einem Bauleiter der Weltausstellung. Der Berg, von dem heute im Winter die Kinder rodeln, stammt vom Aushub der Rotunde. Oben betrieb Eduard Sacher zur Zeit der Ausstellung ein Kaffeehaus. Das Gebäude brannte allerdings im Jahr 1977 ab, heute steht nur noch die Umfassungsmauer.

Die Amerikanische Trinkhalle und der Konstantinhügel lagen ganz am Rand eines riesigen Ausstellungsgeländes, das ungefähr vom Wurstelprater bis zum heutigen Ernst-Happel-Stadion reichte. Wer Fotos und Pläne von damals sieht, dem offenbart sich eine richtiggehende Parallelwelt, die vor 140 Jahren dem Prater entwuchs. Im Zentrum des Areals standen die Rotunde und der „Industriepalast“, eine große, vielflügelige Ausstellungshalle, in der einzelne Länder ihre neuesten technischen Erzeugnisse vorführten. Rundherum wurden rund 200 exotisierende und eklektizistische Bauten hochgezogen. Sie sollten die Welt nach Wien holen. Die Elsässer Farm, das ungarische Csárdás-Weinhaus, die ägyptische Moschee samt Wohnhaus, der nachgebaute Ahmed-Brunnen von Konstantinopel oder eben die Amerikanische Trinkhalle – all das und noch viel mehr hatte sich im Prater zusammengefunden.

(Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

(Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

Heute erinnern nur einige Straßennamen an die einstige Größe der Weltausstellung. Die Rotundenallee und die Südportalstraße führen zum einstigen Haupteingang des Geländes. Eine Station der Lilliputbahn im Prater heißt bis heute „Rotunde“. Nicht zuletzt ist es auch der Weltausstellung zu verdanken, dass die heutige Straßenbahnlinie 1 bis an die Hauptallee führt, erklärt Gertraud Rothlauf, Kuratorin im Leopoldstädter Bezirksmuseum. „Die Straßenbahntrasse verband damals die Innenstadt mit dem Ausstellungsgelände.“ Abgesehen davon wurden jedoch die meisten Gebäude der Weltausstellung bald nach 1873 wieder abgerissen. Sie waren überflüssig geworden, ihre Erhaltung wäre teuer gekommen. Was überlebte, bestand oft nur deshalb fort, weil es später bei anderen Gebäuden Verwendung fand. So wie der Minervabrunnen.

Minervabrunnen (Foto: Gepp)

Minervabrunnen (Foto: Gepp)

Der Wandbrunnen findet sich nicht im Prater, sondern am Stubenring, zwischen Universität und dem Museum für angewandte Kunst. Auch ihn kennen viele vom Sehen. Einst hatte der marmorne Brunnen ein Gebäude der Weltausstellung geziert. Nach deren Ende erwarb ihn Rudolf Eitelberger, damals Direktor des k.k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie, für sein Haus. Schließlich passte das dazugehörige Mosaik aus venezianischem Glas auch gut zu Eitelbergers Museum: Es stellt Minerva dar, die römische Göttin für Handwerk und Gewerbe.

Pavillon im Schulgarten Kagran (Foto: Wiener Stadtgärten)

Pavillon im Schulgarten Kagran (Foto: Wiener Stadtgärten)

Mehrere Artefakte von der Weltausstellung wanderten wie der Minervabrunnen durch die Stadt. So stieß im Jahr 1998 ein Gärtner der Wiener Stadtverwaltung hinter einer Villa in der Döblinger Cobenzlgasse – er nahm hier an einer Baumentfernung teil – auf einen kleinen Pavillon. Ein Oberst aus dem Ersten Weltkrieg hatte ihn einst aus Beständen der Weltausstellung gekauft. Das gusseiserne, reich verzierte Salettl, das inzwischen längst baufällig und vergessen war, hatte nahe der Rotunde wohl als Unterstand für ein Orchester oder eine Kaffeebar gedient. Die Erben des Obersts vermachten den Pavillon der Gemeinde Wien. Heute steht er im Schulgarten Kagran im 22. Bezirk. Zwischen Gewächshäusern und angehenden Floristen, die Beete beackern, wird er gern für Hochzeiten genutzt.

Grazer Stadtparkbrunnen (Foto: Wikipedia)

Grazer Stadtparkbrunnen (Foto: Wikipedia)

Ein anderer Restbestand der Weltausstellung schaffte es sogar bis in die steirische Hauptstadt. Der Grazer Stadtparkbrunnen stand einst im Inneren der Rotunde, direkt unter der Kuppel. Dort markierte das filigrane Werk eines französischen Erzgießers den Mittelpunkt des Prachtbaus. Als die Weltausstellung zu Ende ging, hatten die Grazer gerade ihren Stadtpark angelegt, der mondäne Brunnen kam ihnen gerade recht. Gleich nach dem Ende der Weltausstellung 1873 erwarb ihn die Stadt Graz für 31.000 Gulden, nach heutiger Kaufkraft ca. 360.000 Euro.

Die Veranstalter der Weltausstellung konnten das Geld gut brauchen. Denn ihr Event hatte sich, kaum eröffnet, als beispielloses Desaster erwiesen. Am 9. Mai 1873, nur eine Woche nach der pompösen Eröffnung, stürzten an der Wiener Börse die Aktienkurse ab. Wiens „Schwarzen Freitag“ nennt man den Börsenkrach heute. Schuld daran war nicht zuletzt die ambitionierte und teure Weltausstellung selbst: Sie hatte zu einem Bauboom in Österreich-Ungarn geführt, der die Börsenkurse und Immobilienpreise explodieren ließ. Nun läutete der Schwarze Freitag von 1873 eine jahrelange Wirtschaftskrise in ganz Europa ein, die viele Parallelen zur heutigen aufweist.

Die Flaute traf die Weltausstellung empfindlich. Als sie im November 1873 zu Ende ging, waren statt der erwarteten 20 Millionen Besucher nur 7,2 Millionen gekommen. Das Defizit war so riesig, dass das Geld nicht einmal reichte, um die Rotunde wie geplant wieder abzureißen.

So endete das repräsentative Großereignis eher sang- und klanglos. Viele Wiener waren wohl froh darüber. Während der Weltausstellung hatten Zeitungen immer wieder über Wucherpreise in Restaurants und für Fiakerfahrten geklagt. Nun verschwanden die internationalen Gäste ebenso wie die künstliche Welt im Prater.

Neben der Rotunde und der heutigen Meierei blieben lediglich zwei Gebäude bis heute stehen. Sie liegen versteckt zwischen der Trabrennbahn Krieau und dem Stadion. Die beiden gegenüberliegenden „Pavillons des amateurs“, wie man sie damals nannte, lagen am Rand des Weltausstellungsgeländes. In ihnen gab es Kunst und Kunsthandwerk zu sehen.

Der nördliche Pavillon wurde im Zweiten Weltkrieg bombardiert und stark verändert wiedererrichtet. Der südliche hingegen steht immer noch da wie im Jahr 1873. Hinter einem Zaun, mitten im wuchernden Grün, liegt ein Prachtbau mit hohen Fenstern und Doppeladlern auf der Fassade.

Foto: J. Gepp

Foto: J. Gepp

„Der Kunst“ steht bis heute über den Säulen des Portals. Nach der Weltausstellung riss man die Pavillons im Gegensatz zu anderen nicht ab. Sie sollten Künstlern als Ateliers dienen. Das Unterrichtsministerium vermietet die etwas heruntergekommenen Gebäude an Bildhauer, unter anderem wirkten hier Alfred Hrdlicka und Anton Hanak.

Der Architekt Carl Hasenauer, der die beiden Gebäude entworfen hatte, setzte sein dafür entworfenes Gebäudearrangement sowie das Lichtkonzept Jahre später erneut bei einem Gebäudeensemble ein: dem Kunst- und dem Naturhistorischen Museum am Ring. Im Gegensatz zum Gesamtkunstwerk Ringstraße ist den Praterpavillons jedoch ihr Umfeld abhanden gekommen.

Ziemlich deplatziert stehen sie heute in der Brache zwischen Prater und Stadion. Wenn man es nicht weiß, dann fragt man sich, was diese Bauten hier wohl zu suchen haben. Wenn man es aber weiß, dann ahnt man, welch enorm große Veranstaltung die Wiener Weltausstellung einmal war.

Wo man Reste der Weltausstellung findet

Standort der Rotunde 2., Rotundenplatz
Amerikanische Trinkhalle Meierei im Prater, 2., Hauptallee 3
Konstantinhügel gegenüber 2., Hauptallee 24
Minervabrunnen 1., Stubenring 5
Pavillon Schulgarten Kagran, 22., Donizettiweg 29 (Öffnungszeiten: siehe wien.gv.at)
Praterateliers 2., Meiereistraße 3
Stadtparkbrunnen Stadtpark, Graz

Ausstellungen

„Die Rotunde“: Bis 30.6. im Bezirksmuseum Leopoldstadt, 2., Karmelitergasse 9, Mi 16-18.30, So 10-13 Uhr
„Experiment Metropole“: ab November im Wien Museum, 4., Karlsplatz 8, Di-So 10-18 Uhr

Die Praterateliers: Streit um den Ruhepol in der dynamischen Leopoldstadt

:: Im Viertel nördlich des Praters hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Die Fußball-EM im Jahr 2008 brachte die Erschließung durch die U2. Gleich daneben entstanden die Neubauten des sogenannten Viertel Zwei samt OMV-Hauptquartier. Unweit davon soll im Wintersemester die neue Wirtschaftsuniversität eröffnen.

Inmitten dieser Dynamik schweben die beiden letzten Pavillons der Weltausstellung wie in einer Zeitkapsel. Bereits seit dem Jahr 1876, also kurz nach der Ausstellung, stehen sie Künstlern als Ateliers zur Verfügung. Die Bundesimmobiliengeschäft (BIG), die die Bauten im Jahr 2001 von der Republik übernahm, hatte jedoch damit ihre liebe Not. Denn allein mit den – preisreduzierten – Mieten der Bildhauer ließen sich die Ateliers weder erhalten noch sanieren, was immer notwendiger wurde.

„Wir sind verpflichtet, wirtschaftlich zu denken und zu agieren“, ließ die BIG in ihrem Kundenmagazin Big Business im Jahr 2008 wissen. Künstler wie die Bildhauerin Ulrike Truger wehrten sich gegen angebliche Pläne der BIG, Ateliers für Wirtschaftsseminare zu nutzen.

Im Jahr 2010 schließlich wurde der Konflikt gelöst, indem das Unterrichtsministerium auf 33 Jahre die wildromantischen, aber unrentablen Gebäude von der BIG übernahm. „Es war mein bildungspolitischer Wunsch, dass die Ateliers weiterhin der Kunst zur Verfügung stehen“, sagt SPÖ-Kulturministerin Claudia Schmied zum Falter. Seither gibt es Sanierungsarbeiten, neue Künstler sind eingezogen. In den kommenden Jahren sollen laut Bildungsministerium die Ateliers im Zug von Neuvermietungen nach und nach saniert werden.

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Dienststelle Skiverleih

Welt in Wien (5). Ein kleines Stück Industrieviertel aus Liverpool hat sich in den Alsergrund verirrt. Hier wie dort wird allerdings schon lange nichts mehr gefertigt. JOSEPH GEPP

Mitten im neunten Bezirk liegt ein altes Industrieviertel, das seinen ursprünglichen Zweck längst verloren hat. Jetzt steht es einfach da: mächtige Ziegelbauten, viele Stockwerke hoch, verteilt über mehrere Straßenzüge. Reinster Industriestil des 19. Jahrhunderts, wie man ihn in Wien viel seltener findet als beispielsweise in englischen Städten. Die Albert Docks im Hafen von Liverpool könnten das sein. Oder die rußschwarzen und ziegelroten Industrieviertel von Manchester. Die Severingasse nahe der Währinger Straße zeugt still vom Aufstieg des Industriezeitalters – und von seinem Niedergang: Die ziegelsteinernen Bauten sind etwas heruntergekommen, die kopfsteingepflasterte Straße dazwischen fällt ab. „Technolog sches Gewerbemuseum“ steht auf der rotgrauen Fassade, das „i“ ist irgendwann verschwunden. Früher befand sich das TGM in diesem Gebäude, schon vor Jahrzehnten übersiedelte es in die Brigittenau. Wer sich umdreht, sieht einen Gürtelbogen: alt, zugemauert, von noch keinem Lokal besetzt. In Richtung Innenstadt ergänzt die schlichte grau-weiße Probebühne der Volksoper die postindustrielle Anmutung.

Im Gebäude auf der linken Seite der Severingasse befindet sich das Wuk, Kulturzentrum seit 1981, laut Eigendefinition „gesellschaftspolitisches Experiment“. Wer von der Straße seinen Hof betritt, sieht Efeu an den Ziegelwänden, Graffiti, halboffene Türen, von denen die Farbe blättert. Ursprünglich war das Gebäude eine Lokomotivfabrik: in der Mitte die Fertigungshalle, in den Hallen rundherum die Werkstätten. Was sie auch weitgehend geblieben sind, nur verwirklichen sich heute alternative Künstler in den Sälen, während früher Facharbeiter an Zugsteilen schraubten.

Das Haus auf der anderen Seite der Severingasse ist im selben Stil gehalten und war früher ebenfalls Teil des Fabrikskomplexes. Heute beherbergt der Ziegelbau eine höhere Schule, eine Uni-Dependance und die „Zentrale für Sportgeräteverleih und Sportplatzverwaltung – Dienststelle Schiverleih“. Eine Passantin beschwert sich, dass die weißen Gitter vor den Fenstern nicht zum restlichen Gebäude passen würden. Immerhin: Auch im postindustriellen Zeitalter hat sich eine Verwendung für das Haus gefunden. In die Albert Docks ist ja auch das Beatles-Museum eingezogen.

Erschienen im Falter 33/08

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Train de Luxe

WELT IN WIEN (4) Wie sehr sich die Leopoldstadt verändert hat, zeigt sich an Wiens kleinem Bukarest: der Nordbahnstraße. JOSEPH GEPP

Der Balkon ist konstitutives Element jedes osteuropäischen Plattenbaus. Die „Fickzellen mit Fernheizung“, wie man die standardisierten Wohnungen in der DDR scherzhaft nannte, waren ja bekanntlich ziemlich eng und ließen dem individuellen Gestaltungsgeist nicht viel Platz. Der Balkon wurde da zum Ventil für die bescheidene Repräsentation der eigenen Existenz an der Schwelle zwischen öffentlichem und privatem Raum. Kein Wunder also, dass so manche balkongesäumte Plattenbauten, zum Beispiel in der rumänischen Hauptstadt Bukarest, ausschauen wie Pinnwände, auf die ein Kind mit Superkleber bunte Scherben, Perlen und ähnlichen Krimskrams gepickt hat.

Die 100 Meter Wiener Bukarest liegen am Beginn der Nordbahnstraße in der Leopoldstadt. Früher stand hier der alte Nordbahnhof. Im Zweiten Weltkrieg wurde der neugotische Prachtbau zerstört. Sein Nachfolger rückte direkt auf den Praterstern. Bis zur Eröffnung des Neubaus vor ein paar Monaten stellte der graue Bahnhofsmoloch mit seinem schmalen Rolltreppen und verrosteten Geländern jede osteuropäische Zugstation in den Schatten. Daneben befinden sich zwei Plattenbauten. Sie wurden anstelle des alten Bahnhofs errichtet und scheinen wie aus einer Bukarester Ausfallstraße gebeamt: Bunte Glasfenster verwandeln Balkone in improvisierte Wintergärten, die sich von der grauen Fassade abheben. Bei manchen geht die Lust am Ornament so weit, dass Pferdegeschirr zur Zierde an der Seitenwand eines Balkons hängt oder Pelagonien die Geländer schmücken. Einige Stockwerke tiefer wird es trister: Ein Graffito reiht sich ans nächste, dunkle Gänge aus Beton führen die Erdgeschoße entlang.

Keine 20 Meter hinter den Bauten donnern die Züge vorbei. Aus der Fahrgastperspektive wirken die grauen Fassaden mit den unregelmäßig platzierten Fenstern noch viel östlicher. Kinder spielen direkt neben den Gleisen: „Halt’s zam“, schreien sie einander an. Hier ist die Leopoldstadt noch so, wie sie vor Jahren auch am Praterstern, in der Praterstraße oder im Karmeliterviertel war. Auf der anderen Seite der Nordbahnstraße, gegenüber von den Plattenbauten, erinnert ein Haus an die Zeit, als der alte Bahnhof noch stand und das Viertel als hübsch und gehoben galt: Dort steht ein pompöser Gründerzeitbau. Mit seinen säulengesäumten breiten Portalen könnte er als Schloss durchgehen, stünde er allein in einem Park – nur hier, zwischen den Häusern, fällt er nicht auf. Derzeit wird er renoviert, und ein Geflecht aus Baugerüsten überspannt seine Fassade. „Train de Luxe – Wien Budapest Prag“, stand bis vor kurzem in goldenen Lettern unter einem Doppeladler über einem seiner zahlreichen Eingänge. Bei der Renovierung hat man die Buchstaben weggestemmt.

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Petite Paris

WELT IN WIEN (3) Ganz schön pompös: Wie eine Seitengasse des 12. Pariser Arrondissements nicht ganz zufällig nach Wien-Wieden kam. JOSEPH GEPP

Über die steilen Mansarden und schmalen Balkone, die typisch für die französische Hauptstadt sind, war an dieser Stelle schon die Rede. Wer sich in Paris aufhält, kann aber gar nicht festmachen, worin sich der ganz eigene Stil dieser Stadt ausdrückt. Es sieht ja alles gleich aus. Wenn sich dagegen ein Haus à la française nach Wien verirrt, bildet es unter tausenden eine Ausnahme – und sein Stil lässt sich sofort beschreiben: meterhohe Fenster, davor die obligaten kleinen Balkongitter aus verschnörkeltem Gusseisen, oft mit vergoldeten Blumenornamenten darüber. Das Dach, das bei Wiener Häusern nur über seinen Nutzwert definiert zu sein scheint, dient in Frankreich der Repräsentation: Große runde Fenster zieren seine Schrägen, selbst die Rauchfänge ragen wie stolze Masten aus dem Häusermeer. Und eine weitere Pariser Eigenheit: Das eiserne Tor vor jedem großen Haus ist oft das auffälligste Element am ganzen Arrangement. Tausend Verästelungen, Verstrebungen und Ornamente. Die Schwelle in ein anderes Reich. Dagegen dient das Wiener Tor nur zum Durchfahren.

Paris in Wien liegt an der Technikerstraße, benannt nach der nahegelegenen TU am Karlsplatz, auf der Wieden. Dort steht die französische Botschaft. Die Anmutung ist also kein Zufall. Als Georges-Paul Chedanne das Haus im Jahr 1901 konzipierte, kritisierte man laut Botschaft, dass es „nicht zu seinem habsburgischen Umfeld“ passe.

Doch nicht nur dieses Gebäude macht die Technikerstraße so pariserisch. Die Gründerzeitzeile auf der gegenüberliegenden Straßenseite, diesmal wienerisch, ist prachtvoll wie kaum eine außerhalb der Ringstraße – schließlich war es immer schon Statussymbol, im Botschafterviertel zu wohnen. Und wer in Richtung Schwarzenbergplatz blickt, bleibt an einer weiteren pompös-gründerzeitlichen Kolonnade hängen. Breite Toreinfahrten, dicke Balustradenreihen und imperiale Blickachsen kennzeichnen Paris – und die Technikerstraße. Von ihren beiden Fahrspuren liegt eine tiefer als die andere, dazwischen verläuft ein altes Eisengitter. Dieses Geländer müsste noch steinern und möglichst mit irgendwelchen Statuen verziert sein, es wäre ein idealtypisches Seitengässchen im zentrumsnahen Paris, beispielsweise im 12. Arrondissement, in der Nähe der Place de la Nation.

Die Wiener Entsprechung zum Place de la Nation – auf dem eine üppige Frauenstatue die französische Nation symbolisiert – wäre in diesem Fall der Schwarzenbergplatz. Dort steht das im Sowjetstil gehaltene Russendenkmal mit seinen schroffen Formen und kyrillischen Lettern. Und schon ist man in Nowosibirsk.

Die Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Bukarest

Erschienen im Falter 31/08

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Weit im Norden

WELT IN WIEN (2) Bäume, Änderungsschneidereien und New-Age-Puffs. Die Stuwerstraße ist ein Stück Berliner Arbeiter-Kiez. JOSEPH GEPP

Bäume am Straßenrand können eine Stadt prägen. Im Herbst oder bei Wind landen ihre Blätter auf den Straßen, die dadurch immer etwas ungepflegter wirken als ihre baumlosen Pendants. Wenn die Blätter oben bleiben, dann überdachen Bäume die Stadt, und ihre Schatten liefern sich wilde Schlachten mit dem vereinzelt durchdringenden Sonnenlicht. Wer in unteren Etagen wohnt, muss für den Blick ins Blattgrüne weniger Licht in Kauf nehmen. Und Bäume verbreitern Straßen: Wenn zwischen Gehsteigkante und Fahrbahn ein Baum steht, dann braucht er Platz. In Alleen stehen parkende Autos quer, in baumlosen Straßen parallel zur Gehsteigkante. Wer in einer Allee lebt, wird die Straßenschlucht nicht als beengend empfinden.

Wien ist im Allgemeinen eine Stadt ohne Bäume am Straßenrand. Dafür sind die Straßen zu schmal und zu wenig gerade. In gründerzeitlichen, aus Zinshausblocks zusammenkomponierten Berliner Arbeitervierteln hingegen – etwa Kreuzberg, Schöneberg oder Neukölln – findet man die Alleen häufiger. Oder im Wiener Stuwerviertel, das aussieht, als hätte man ein Stück Schöneberg (vielleicht die Stelle, wo der Flughafen Tempelhof steht) herausgeschnitten und eins zu eins nach Wien übertragen.

Seine Hauptstraße, die Stuwerstraße, ist Berliner Kiez schlechthin – und das nicht nur wegen der Bäume und querstehenden Autos: Aneinandergereihte schmucklose Häuserfassaden und Geschäftsschilder wie „Änderungsschneiderei“ oder „Videoteka“ vermitteln eine fast dörfliche Atmosphäre. Ein Kind fährt mit einem Dreirad zwischen parkenden Autos umher, zwei ältere Männer genehmigen sich in einem Schanigarten ein vormittägliches Bier. In der Nähe liegt eine serbische Fleischerei, vor der sich der dicke Chef im blutverschmierten Kittel lachend mit einem Kunden unterhält. Vielleicht macht die isolierte Lage das Viertel so dörflich: Im Westen und Osten liegen Lasalle- und Ausstellungsstraße, im Norden die Donau, im Süden der Moloch Praterstern. Berlin wirkt ja auch nicht wie eine homogene Stadt, sondern eher wie eine Ansammlung isolierter Orte mit jeweils starkem Eigenleben.

Dabei steht die Stuwerstraße im Bewusstsein der Wiener gar nicht für Dorfatmosphäre, sondern für illegale Prostitution. Auch das ist unübersehbar: Ein Herz aus rotem Buntpapier klebt hinter der Scheibe einer Eingangstür, daneben formen ungeschickt ausgeschnittene Lettern „Top 1“. Nebenan verrät eine Aufschrift über einem Schaufenster ungewollt etwas über die jüngere Geschichte der Straße und ihrer Umgebung: Die hellen Stellen auf einem Blechschild deuten noch auf das Wort „Friseur“ hin. Darüber steht „Salon Angelika“, doch auch dieser Schriftzug blättert schon ab. Und darüber wiederum: „Royal Thai Massage Energetik Institut“. Sogar das Puff schmückt sich heute schon mit den Reizwörtern von New Age und fernöstlicher Ganzheitlichkeit. Aber so was gibt es in Berlin sicher auch.

Die „Falter“-Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Paris

Erschienen im Falter 30/08

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Am alten Bahndamm

WELT IN WIEN (1) Manche Wiener Straßen schauen aus, als lägen sie ganz woanders. Zum Beispiel in Belgrad. JOSEPH GEPP

Wenn der Tag heiß ist, dann flimmert die Luft über den herankommenden Zügen. Bevor sie im Bahnhof einfahren, knarren die Weichen leise. Die Straße neben dem Bahndamm fällt leicht ab, aus den Fugen ihrer Kopfsteinpflaster wächst Gras. Links steht ein Gebäude, das aussieht wie eine Fabrik, die ihre produktivsten Tage lang hinter sich hat. Wenn ein Zug vorbeifährt, vibrieren die maschendrahtverstärkten Fenster ein wenig. Ein zweites Haus, verfallen, Industriestil aus dem 19. Jahrhundert, steht rechts auf der anderen Seite der Bahntrasse. Keinen Meter liegt es von den Schienen entfernt. Sein Putz bröckelt. Aus einem der eingeschlagenen Fenster wächst Efeu, breitet sich über die Fassade aus und reicht bis nach unten an den Rand der Gleise.

Bestimmte Städte haben bestimmte Merkmale. Steile Dachmansarden und schmale französische Balkone kennzeichnen Paris. Belebte gotische Gässchen, die so gewunden sind, dass der Blick nie weiter als 20 Meter reicht, sind Barcelona. Gründerzeitzeilen sind Wien. Und die Obere Viaduktgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk, keine zehn Gehminuten von der Innenstadt entfernt, ist Belgrad.

Obere Viaduktgasse wie Belgrad sind heruntergekommen, aber nicht hässlich. Das vorstädtisch wirkende Gässchen ist nur postindustriell, und das macht es sogar idyllisch. Die Fabrik ist gar keine Fabrik, sondern – wie sich beim Nachfragen herausstellt – eine Parkgarage. Die erste, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt errichtet wurde, wie der exjugoslawische Aufpasser stolz erzählt. Er kassiert die Benutzungsgebühren händisch, eine automatische Schranke existiert nicht. „Eine Stunde Parken – ATS 24,-“ steht auf einem Transparent über den drahtverstärkten Fenstern.

Was ist Belgrad? Alte Straßen, die sich hinunterwinden in Richtung Donau und Save. Heruntergekommene gründerzeitliche Wohnhäuser. Fabrikshallen und Verkehrsinfrastruktur, die man nicht mehr braucht, weil sie zu groß konzipiert wurden für ein klein gewordenes Land. Zwecklos nach langem Gebrauch.

Neben der Oberen Viaduktgasse, wo heute die Schnellbahn verkehrt, fuhr einst die Stadtbahn. Ein paar Häuser weiter unten beginnen ihre Bögen, auf die sich der Straßenname bezieht. Hier oben allerdings gleichen sich Straßen- und Bahnniveau an, der Zug ist schon auf halbem Weg in die unterirdische Station Landstraße. Auf den steinernen Sockeln, die die Trasse von der Straße trennen, rosten die Stromkästen. Grau sind die Fassaden, unrepräsentativ die Häuser in der Oberen Viaduktgasse. Sie bildet eine Art Grenze zwischen der Bahntrasse und dem Rest des Bezirks. Wo Züge donnern, dort will man nicht leben. Gegenüber, auf der anderen Seite des Bahndamms, liegt die Untere Viaduktgasse. Sie schaut nicht viel anders aus.

Die neue „Falter“-Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Berlin

Erschienen im Falter 29/08

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