Archiv der Kategorie: Stadtrand

Stadtrand – Zweiräder flattern im Windschatten des Staates

Eine der Merkwürdigkeiten des Wiener Straßenverkehrs ist die Häufung von Mopeds und Motorrädern hinter Polizeiwagen. Achten Sie mal drauf: Wenn sich eins der rot-blauen Autos durch die Stadt müht, folgen ihm Flitzer wie ein Rattenschwanz. Am Anfang ist man versucht, an einen polizeilichen Konvoi zu denken, aber sogleich sieht man: Dafür sind die Fahrzeuge zu unterschiedlich. Es sind Puchs, Vespas, KTMs und Gold Wings; die Fahrer tragen alles von der Lederkluft bis zum zerdepschten Italohelm. Was wollen sie nur an diesem allseits gemiedenen Ort? Suchen sie im Windschatten des Staates Schutz vor SUV-Fahrern? Bilden sie Gangs, um brave Beamte einzuschüchtern? Nein, stellt man bald fest, sie sind unfreiwillig hier. Ist nämlich die Polizei nicht gerade in der Nähe, flattern sie wie verliebte Spechte durch die Gassen, lassen keine Busspur aus, um vorwärtszukommen, nutzen jede noch so schma-le Schlucht zwischen Autos. Dann aber stoppt der Staat jäh ihren Höhenflug. Also reihen sie sich brav ein, bis er abbiegt. Und so lange folgen sie pflichtschuldigst dem Polizeiwagen.

Erschienen im Falter 35/2010

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STADTRAND – Auch an Tieren kann die Zivilcourage scheitern

Letztens glaubten wir zu träumen. Wir spazierten den Donaukanal entlang, fröhlich, nichtsahnend, das Leben kann ja nicht immer nur aus Abenteuern bestehen. Es war das Landstraßer Ufer, wo statt des Asphalts schon Grünraum den Fluss säumt, aber – he! – es ist ja nicht Angkor Wat. Dachten wir. Bis wir die Schlange sahen. Sie haben richtig gelesen: eine Schlange, Schuppen, gespaltene Zunge, knapp zwei Meter lang, grünbraun, dick wie ein dünnes Ärmchen. Erst lag sie quer über dem Gehsteig, dann verzog sie sich flink in den Kanal, was uns in helle Aufregung versetzte: Womöglich ist sie ausgebüxt, schoss uns in den Kopf, ein hochgiftiges, gemeingefährliches Tier; man sollte sofort die Polizei rufen, die Feuerwehr, den Entminungsdienst. Am Ende machten wir – vom gestandenen österreichischen Bürgersinn geprägt – gar nichts. Außer am nächsten Tag beim Kollegen von der Falter-Tierkolumne nachzufragen. Der sagte, es sei wohl eine Äskulapnatter gewesen. Eine heimische, ungiftige Art. Hat uns unser Bürgersinn also doch nicht getäuscht.

Erschienen im Falter 31/10

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STADTRAND – Die allerbeste Wiese im Prater bleibt geheim

Irgendwo in den grünen Praterweiten hinter dem Stadion liegt die ultimative Wiese. Machen Sie sich, liebe Leser, nur keine Hoffnungen, sie jemals zu finden. Wir werden es Ihnen nicht verraten. Sie können im Stadtplan nachschauen, aber dort, wo diese Wiese ist, tragen die Praterwiesen keine Namen mehr. Sie können Google Earth bemühen, aber vor lauter Wald werden Sie dort die Wiesen nicht sehen. Nur so viel: Die ultimative Wiese ist schlicht perfekt. Sie ist völlig unentdeckt und menschenleer. Hohes Gras wogt auf ihr; man kann diese Wiese nämlich nicht mähen, weil keine Straße zu ihr führt. Nur Trampelpfade weisen den Weg zur ultimativen Wiese. An ihrem Rand stehen Bäume, deren alte Kronen Schatten werfen. Und liegt man in ebendiesen, sieht man nur das Gras und einen Saum der Kronen. Sonst nichts. Aber jetzt genug. Sonst verplappern wir uns noch. Nehmen Sie doch Ihr Fahrrad, suchen Sie doch selbst! Und wenn Sie dann ermüdet und erfolglos heimkehren, trösten Sie sich: Die ultimative Wiese existiert irgendwo. Sie haben sie nur nicht gefunden.

Erschienen im Falter 30/2010

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STADTRAND – Nordic Walking, Sound of Prater-Hauptallee

Wir dachten immer, manche Sportarten und Freizeitbeschäftigungen erklären sich eigentlich von selbst. Zum Beispiel wozu beim Nordic Walking die Stöcke dienen. Damit man nämlich neben den Beinen auch den Oberkörper bewegt, ist doch klar, waren wir uns immer sicher, bis wir am ersten sonnigen Sonntag die Prater-Hauptallee betraten. Dort vernahmen wir sogleich die klappernden Schleifgeräusche zehntausender gequälter Nordic-Walking-Stöcke, die hängende Sportlerarme zwecklos hinter sich herzogen. Nichts ist selbstverständlich, mussten wir in diesem Moment erkennen. Denn der durchschnittliche Wiener jenseits der 60 verwendet den Nordic-Walking-Stock nicht etwa, um den Oberkörper zu bewegen. Sondern aus Gott weiß welchen Gründen. Vielleicht denkt er gar nicht weiter darüber nach. Vielleicht reizt ihn das Versprechen von Aktivität und Vitalität. Denn streng genommen brauchte er ja auch kein 150-Euro-Schwitzsaug-Windstopp-Ultramarathon-Leiberl, um seine Stöcke unbeschadet den halben Kilometer ins Schweizerhaus zu schleifen.

Erschienen im Falter 27/2010

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STADTRAND – Ich trage ein versifftes Armband, also bin ich

Wir geben zu: Sommerliche Musikfestivals sind ein aalglattes Rezept zur jugendlichen Frustbewältigung. Es gibt Musik (Rhythmus), Alkohol (Rausch) und im Idealfall auch Gatsch, um sich darin zu wälzen. Und weil das alle machen, ist auch nichts peinlich. Zumindest solange das Festival andauert. Später jedoch trägt der Besucher gern auch weiterhin sein Eintrittsbändchen am Arm. Wie als Nachweis seines zweiten, wilden Ichs, das nur zu Festivalzeiten rausdarf, verschimmelt es dort langsam. Oder es beginnt nach Malz zu riechen, weil beim Geburtstag vor einem halben Jahr einmal Bier auf die Hand spritzte. Oder es löst sich in einzelne Fäden auf, die sich dann ihrerseits verfärben, zum Beispiel spaghettisaucenrot vom Abendessen von vor drei Monaten. Und dass schließlich nach Ablauf eines Jahres ein duftend neues Bändchen hinzukommt, hindert den wahren Festivalfan nicht daran, den alten Fetzen obenzulassen. Im Gegenteil, seine Versifftheit kommt jetzt erst richtig zur Geltung. Und stolz lässt er uns wissen, was für ein wilder Hund er nicht sein kann.

Erschienen im Falter 25/2010

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STADTRAND – Enzi’s dead: das entweihte Stadtmöbel

Das seit der Pestsäule wohl aufsehenerregendste Stadtmöbel ist der Enzi. Wenn Ihnen, liebe Leser, das nichts sagt, dann würden wir das an Ihrer Stelle ja nicht unseren Freunden verraten. Denn den Enzi muss man kennen. Der Enzi ist cool. Er ist so ultraurban, dass die Wiener Boboschaft jährlich online über die Farbe seiner saisonalen Ausprägung abstimmt; heuer siegte „Candy Shop Pink“, obwohl kurzzeitig „Strawberry Fields Red“ vorn lag. Und auch wir begaben uns, jedem Trend folgend, kaum, dass nach langem Regen wieder die Sonne schien, zum Museumsquartier, um uns dort mit selbstgewisser Souveränität auf den Enzi zu fläzen. Doch was mussten wir da erblicken: Der Enzi ist jetzt gebrandet. Man hat seine Seele geraubt, seine Identifikationskraft missbraucht, ihn an Puls 4 verscherbelt, dessen Logo nun auf ihm prangt. Haben wir dafür schweren Herzens „Candy Shop Pink“ den Vorzug gegeben? Sind wir dafür samt iPod und Bugaboo testimonialgleich auf den Enzis gesessen? Wir müssen es leider sagen: Der Enzi ist wie der Punk. Ein Werbe-Gag. Eine Lüge.

Erschienen im Falter 24/2010

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STADTRAND – Ein Gatsch namens Österreich

Öffis und Regen, das geht nicht zusammen. Da ziehen sich schlammige Schuhabdrücke vom Bahnsteig in die U-Bahn, da tropft auf Rolltreppen Wasser in den Nacken, da ist hinter beschlagenen Rundfenstern nur Grau – und dann noch das: Österreich hat seinen Anspruch, Kaufzeitung zu sein, endgültig aufgegeben und sich als blinder Passagier in U-Bahn-Stationen geschlichen. Einige Zeit versteckte es sich dort still und leise hinter Heute. Dann wurde es frecher und steht nun mancherorts sogar schon oben vor den U-Bahn-Abgängen. Der Kunde soll dadurch offenbar schon mit Österreich versorgt sein, ehe er den Heute-Ständer passiert. Aber, liebe Österreicher, lasst euch gesagt sein: Es hat doch ziemlich geregnet letzte Woche! Österreich wurde also nässebedingt zum pickigen Blattsalat, und das noch im positiven Fall. Im schlechteren – bei Dauerregen – entstand ein Gatsch aus vielen, vielen Zetteln. Aus dem rann die Druckfarbe in rot-grün-blauen Schlieren die U-Bahn-Stiegen hinunter. Und tiefe Regenschuhprofile übertrugen sich in nasse Papierstapel. Och, wie hübsch!

Erschienen im Falter 23/2010

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STADTRAND – Sind Sie erster Waggon oder zweiter Waggon?

Wenn Sie diese Kolumne öfters lesen, wird Ihnen sicher aufgefallen sein, wie schamlos wir hier Menschen klassifizieren, schubladisieren und andauernd kenner- und gönnerhaft in Gruppen teilen. In diesem Sinn: Es gibt zwei Arten von Wienern, je nachdem, ob sie den vorderen oder hinteren Straßenbahnwaggon nehmen. Denn die Wiener Linien koppeln dankenswerterweise nicht alte an alte und neue an neue Wägen, sondern immer einen neuen (vorne) an einen alten (hinten), sodass die Durchschnitts-Bim immer halbneu (oder für Pessimisten: halbalt) ist. Folglich sitzen im vorderen Waggon jene, die sich zwar manchmal vor dem Niedersetzen ihre Beinkleider zurechtstreifen, denen aber Straßenbahnfahren ansonsten herzlich egal ist. Hinten aber sammeln sich jene, die fürchten, dass eines Tags nur noch ULFs durch Wien kreuzen werden. Sie fahren schon mal eine Extrarunde, und sie lieben den speziellen Duft des Bim-Holzbodens, diese Mischung aus Parkettwachs und Streusplit. Im vorderen Waggon würde man einen solchen Gestank niemals dulden.

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STADTRAND – Der Trojanische Vogel: Lang lebe Taubistan!

Ja, uns ist vollkommen bewusst, dass sie eine Landplage sind, eine pestilenzialische Rotte, ein stinkender Haufen Luftratten. Aber als sie kürzlich am Dachgesims gegenüber unserem Fenster ihr kleines Taubistan konstituierten und von da an tagtäglich ein Stückchen fetter und vielköpfiger wurden, waren wir doch erfreut. Denn sie kündeten vom Frühlingserwachen, von urbaner Fauna, flatterndem Leben. Allein der Hausbesitzer schien diese Botschaft nicht zu verstehen: Tags darauf stand plötzlich ein Plastikrabe mitten im verwaisten Taubistan. Regungslos, stoisch, mutterseelenallein – für ungefähr 48 Stunden. Danach hatte das Volk Taubistans die Harmlosigkeit ihres Trojanischen Vogels erkannt. Also schmückt der gefallene Rabe nun als eine Art Siegesstatue ihr Dorf. Er dient als Einstiegsluke ins Dachgeschoss, wird provokant umflattert und fallweise sogar zu begatten versucht, was jeweils oft auf grotesk schnelle Weise scheitert. Oft wackelt er dann bedenklich und es scheint, als würde er gleich abbrechen und auf die Straße stürzen. Lang lebe Taubistan!

Erschienen im Falter 14/2010

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STADTRAND – Einmal Regen in Wien, zweimal am Heldenplatz

Es hat geregnet. Sie haben es wahrscheinlich mitbekommen. Es hat geregnet, tagelang, manchmal tröpfchenweise wie aus einem nassen fauligen Putzfetzen, dann stürmisch, sodass die Lerchenfelder Straße zum reißenden Flussbett wurde, wie uns ein Internet-Video eindrücklich zeigte. Es hat natürlich – unnötig zu sagen – auch am Heldenplatz geregnet. Dort traten wir letztens aus einem Torbogen ins Freie, grauer Himmel, es regnet. Und: Auf der Wiese läuft die Sprinkleranlage. Wir geben ja freimütig zu, dass wir von botanischen Zyklen keine Ahnung haben, stellen aber an dieser Stelle doch die Sinnfrage: War der Gärtner verliebt? Ließ er es am Tag seiner Pensionierung noch einmal richtig krachen? Wollte er trotzig der Welt und ihrer Unberechenbarkeit seinen immergleichen Pflichteifer entgegensetzen? Oder regelt gar ein halbjährlich einzuschaltender Computer die Anlage? Und in der Zwischenzeit fährt der Zuständige auf Urlaub, an die Adria etwa, wo es ebenfalls regnet. Dort steht er dann und denkt: „Na großartig, und in Wien scheint sicher die Sonne.“

Erschienen im Falter 21/2010

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