Archiv der Kategorie: Stadtleben

Entenfüttern, oder: von den kleinen Problemen einer aufgeklärten Stadt

Aus dem FALTER 8/2014

Glosse: Joseph Gepp

Dass Wien eine aufgeklärte Stadt sein will, die der Vernunft ihrer Bewohner vertraut, das merkt man an kleinen Dingen. Zum Beispiel an dem Hinweisschild neben dem Teich im Prater. Darauf steht nicht etwa ein harsches Kommando wie „Vögelfüttern verboten“. Nein, vielmehr liest man eine kleine Abhandlung über das fragile Ökosystem Teich. Zu viel Vogelfüttern führt zu zu vielen Vögeln, steht da. Daraus resultieren Sauerstoffmangel, Fäulnisbildung und Rattenbefall. Deshalb, bitte, liebe Städter, lasst es.

Neben dem Schild steht eine alte Frau. Semmel um Semmel schmeißt sie, grob zerteilt, ins Wasser. Die Semmeln gehen auf und schauen bald aus wie weiße Blasen. Der Teich hat richtiggehend Geysir-Anmutung, als endlich die Enten angepaddelt kommen.

Was ist schon Sauerstoffmangel gegen fünf glückliche Enten?

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Sternwartepark: Eine Stadtwildnis wird zugänglich gemacht

Aus dem FALTER 19/2013

Text: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Symbolisch aufgeladen sind diese sechs Hektar hier in Währing zwischen den Villen. Sie stehen für Bürgerproteste ebenso wie für unberührte Natur mitten in der Stadt. Der Sternwartepark im 18. Bezirk hat eine bewegte Geschichte.

Im Jahr 1973 wollte das Rathaus das Areal teilverbauen, was Wiens erste Volksbefragung zur Folge hatte. Die Kronen Zeitung kampagnisierte, die SPÖ unterlag. Bürgermeister Felix Slavik trat zurück – und der Park verwandelte sich, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, in einen Dschungel. Einige der rund 100 Pflanzen, die hier wachsen, finden sich nirgendwo sonst in Wien.

Seit vergangenem Donnerstag ist der Sternwartepark auf Wunsch der Gemeinde öffentlich zugänglich – zumindest werktags. Ganz ohne Streit ging aber auch das nicht: Aus Sicherheitsgründen hatte das Forstamt zuvor einige Bäume gefällt. Sogleich fühlten sich besorgte Anrainer und Bürger ins Jahr 1973 zurückversetzt.

Seit vergangenem Donnerstag kann man durch den Währinger Sternwartepark spazieren. Der bisher fast unberührte Dschungel rund um die Universitätssternwarte wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (Foto: Heribert Corn)

Seit vergangenem Donnerstag kann man durch den Währinger Sternwartepark spazieren. Der bisher fast unberührte Dschungel rund um die Universitätssternwarte wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (Foto: Heribert Corn)

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„Garten Löwenzahn“: Jetzt wird auch in der Brigittenau gegärtnert

Aus dem FALTER 41/2012

Joseph Gepp

Künstler, Stadtplaner und Ausstellungskuratoren beschäftigen sich mit dem Thema – kaum etwas ist in den vergangenen Jahren so wichtig geworden wie das Gärtnern in der Stadt.

Die Frage ist nur: Wo bekommt man im Häusermeer die freien Flächen her? Im Arbeiterbezirk Brigittenau haben sich Bewohner, Gemeinde und Gebietsbetreuung zusammen um einen Gemeinschaftsgarten bemüht.

Nun stehen hinter der Hellwagstraße 21 und 23 auf 300 Quadratmetern 30 Parzellen zum Beackern zur Verfügung. Welche Grätzelbewohner Gärten bekommen, entscheidet das Los. Die Ziehung findet gemeinsam mit dem Spatenstich am Freitag statt. F

Spatenstich: Fr, 12.10., 16 Uhr

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Kriege ich den Augustin auf Adventmärkten, Herr Keskin?

Aus dem FALTER 47/2011

Telefonkolumne

Ein „Missverständnis“ nennt Akan Keskin, Chef der Wiener Marktfahrer und Organisator großer städtischer Christkindlmärkte, das angebliche Platzverbot für Verkäufer der Obdachlosenzeitung Augustin. Der Falter fragte nach.

Herr Keskin, dürfen Augustin-Verkäufer jetzt auf Christkindlmärkten ihre Zeitung verkaufen oder nicht?

Auf den Märkten, die wir veranstalten, dürfen sie es. Der Verkauf des Augustin war niemals verboten und wird es auch jetzt nicht sein.

Es handelt sich also um ein Missverständnis. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe einer Dame vom Augustin angeboten, sie solle eine karitative Hütte buchen, die wir zur Verfügung stellen. Dort wäre es nicht so kalt und man könnte auch andere Produkte verkaufen. Andere karitative Organisationen wie die Kinderkrebshilfe und das Rote Kreuz machen das auch.

Und wo war das Problem?

Es gibt laut Marktordnung einen Bescheid, wonach wir keine Fremdwerbung machen dürfen. Das habe ich der Dame ebenfalls gesagt. Ich habe geglaubt, das gilt auch für den Augustin. Das war ein Missverständnis von mir. Sie hat es interpretiert, als gäbe es ein Augustin-Verbot am Christkindlmarkt.

Warum gibt es eine Ausnahme für den Augustin?

Das Marktamt sagt es. Der Augustin ist nicht wie ein kommerzieller Unternehmer zu betrachten, also wie unsere anderen Werbe- und Kooperationspartner.

Wer dürfte ein solches Augustin-Verbot überhaupt verhängen?

Zuständig ist die Magistratsabteilung 59 (das Marktamt, Anm.).

Welche Christkindlmärkte organisieren Sie als Chef der Marktfahrer in Wien?

Ich mache den Rathausplatz, die Fußgängerzonen in Favoriten und Meidling und den Platz an der Mariahilfer Straße vor der Kirche.

Und für die anderen Adventmärkte in Wien können Sie nicht sprechen?

Nein, das kann ich nicht.

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Wir Wutmenschen

AUS DEM FALTER 41/2011

In Steinhof und an der Alten Donau revoltieren Bürger gegen Bauprojekte. Warum die Politik empörte Städter nicht länger übersehen kann

Reportage: Joseph Gepp
Fotos: Heribert Corn

Wer Christine Muchsel auf einen Kaffee treffen möchte, sollte ein Lokal mit großen Tischen wählen. Denn kaum hat sie Platz genommen, schiebt sie auch schon die Häferl beiseite und breitet einen riesenhaften Flächenwidmungsplan vor sich aus.

„Schauen Sie.“ Muchsels Hand gleitet über symmetrisch angeordnete Kästchen. Das Otto-Wagner-Spital am Steinhof, das von der berühmten Kirche mit der grün-goldenen Kuppel bekrönt ist, galt bei seiner Gründung vor 100 Jahren als wegweisend. Die Funktionalität eines Krankenhausbetriebs verband sich mit Grünflächen, die sich zwischen Jugendstilspitalspavillons hinzogen. Heute jedoch entspricht die Anlage nicht mehr modernen Erfordernissen. Das Spital soll teilweise abgesiedelt werden. Wo Nervenkranke kuriert wurden, will die gemeindeeigene Wohnbaugesellschaft Gesiba nun Wohnungen bauen. „Bis auf wenige Meter rücken sie an die historischen Pavillons heran“, klagt Muchsel und fährt mit dem Fingernagel den Rand der Anlage entlang.

Muchsel, 63, Hausfrau, gehört einer Gruppe an, die immer mächtiger wird in Wien. Bürger, die gemeinsam für Belange ihrer Stadt eintreten, wurden früher – von spektakulären Einzelfällen abgesehen – als Fantasten oder Querulanten abgetan. Heute findet eine Professionalisierung statt. Um gegen den oft inhaltsleeren Politikersprech anzukommen, eignen sich immer mehr Bürger Fachkenntnisse an, ob planerischer, juristischer oder medizinischer Natur. „Vieles hat sich verändert“, sagt Herta Wessely, die als Obfrau der sogenannten Aktion 21 die meisten Wiener Bürgerinitiativen koordiniert. „Wenn sich heute eine neue Initiative bildet, dann ist die Website oft schon fertig, und einen Anwalt haben sie auch gleich mit.“

Christine Muchsel (r.) und ihre Mitstreiter vor der Otto-Wagner-Kirche in Steinhof (Corn)

Rund 60 Initiativen mit über 100.000 Mitgliedern gehören der Aktion 21 mittlerweile an. Triebkraft ist das Gefühl, bei konventionellen Entscheidungsfindungsprozessen übergangen zu werden. „Jahrelang verlor keine offizielle Stelle über Planungen ein Wort“, erzählt Christine Muchsel von Steinhof. „Und plötzlich war die erste Baugrube da.“

Das politische Engagement vieler Wiener verlagert sich weg von der Wahlurne und dem allgemeinen Interesse an Tagespolitik hin zu konkreten Projekten im Lebensumfeld. Oder besser: zur Verhinderung derselben. Die geplante Verbauung von Steinhof gehört zu den größten Aufregern, die Wien derzeit in Atem halten.

Noch ist das Gelände ein verschlafener Ort am Stadtrand. Es riecht nach geschnittenem Gras, zwischen den Pavillons werden Nordic Walker von Joggern überholt. Bis 2016 will die Gesiba hier 620 Wohnungen errichten. Muchsel spricht von „Profitmaximierung“. Eine „gated community“ drohe, „bei der sowohl Ensembleschutz als auch Erholungswert unter die Räder kommen“.

2006 beschlossen SPÖ und FPÖ im Rathaus gegen den Willen von ÖVP und Grünen eine Umwidmung der denkmalgeschützten Anlage in Bauland. 2008 wurde die Fläche – zu einem äußerst günstigen Quadratmeterpreis, wie die Grünen damals aufdeckten – an die Gesiba verkauft. Im ersten Schritt sollen nun Neubauten errichtet werden, die bis knapp an die Pavillons heranreichen. Doch die Bürger fürchten, dass es dabei nicht bleibt. Bald könnten auch in den Pavillons selbst Luxuswohnungen entstehen, sagt Muchsel. Darauf deuten Unterlagen hin, die der Initiative zugespielt wurden und in denen die Pavillons als Zielgebiet für Bautätigkeit definiert werden. Auch prüft das Bundesdenkmalamt gerade eine „Adaptierung für Wohnzwecke“. Je mehr Pläne ans Licht kommen, desto mehr befürchten die Anrainer ein abgeschottetes Luxusdorf – und fordern stattdessen eine öffentliche Nutzung, wie sie etwa im Alten AKH am Alsergrund möglich ist.

Die Bewegung durchlaufe gerade die „Wandlung vom Klein- zum Mittelbetrieb“, sagt Wolfgang Veit, einer von Muchsels Mitstreitern. Im Zivilberuf leitet Veit ein schickes Café am Yppenplatz. Vorher war er Stadtplaner und kennt die Tücken von Umwidmungen, die Finten der Baupolizei, die Feinheiten von Parteienstellung bei Bauprojekten. Auf der Rückseite der Flugblätter, die Veit und Muchsel verteilen, finden sich neben Politikeradressen jene von Medien. Mobilisierung lautet die Devise. Die Behörde wolle Steinhof zum „Anrainerproblem“ erklären, sagt Veit. „Das lasse ich mir nicht bieten. Die ganze Stadt geht hier spazieren und kennt das Areal. Also ist Steinhof die Sache von ganz Wien.“

Während Veit sein Anliegen zu einem ganz Wiens
erklären will, versucht Herta Wessely, Obfrau der Aktion 21, ihre Aktivität gleich auf ganz Österreich auszuweiten. Seit September trifft sie Bürgerinitiativen aller Bundesländer. Eine bundesweite Kommunikation und Rechtsberatung soll die Bewegung stärken.

„Ich merke bei Gesprächen, wie das Gefühl, dass rein gar nichts geschieht, spürbar stärker wird“, sagt Wessely, die 2006 den Bau einer Tiefgarage im Bacherpark in Margareten verhinderte. Erst vergangene Woche hat sie die jüngste Wiener Initiative begrüßt; Wieden wehrt sich gegen den großen Umbau der kleinen Goldegggasse. „Dass sich das Mitbestimmungsrecht der Bevölkerung darauf beschränkt, alle paar Jahre ein Kreuzerl zu machen, ist unzeitgemäß und absurd“, sagt Wessely.

Um das zu ändern, überreichte die Aktion 21 der zuständigen Wiener Stadträtin Maria Vassilakou von den Grünen im Juli einen Forderungskatalog. Er fasst erstmals zusammen, was sich die Bürger auf legislativer Ebene wünschen. So verlangen sie öffentliche Einsicht in Gutachten. Vertreter von Initiativen sollen bei Bauverhandlungen zugegen sein dürfen – ein Recht, dass bisher Anrainern vorbehalten ist. Ebendiese sollten breiter gefasst werden. Neben unmittelbaren Nachbarn sollen etwa auch Grätzelbewohner gemeint sein, denen ein neues Hochhaus die Sicht rauben würde.

Die Grünen haben bereits reagiert und mit der SPÖ eine neue „Koordinationsstelle für Bürgerinnenbeteiligung“ ausverhandelt, die ressortübergreifend eingerichtet werden soll. Dennoch zeigen sich viele Bürger enttäuscht von der Partei, die seit 2010 in Wien mitregiert. Viel haben sie sich versprochen von den Grünen, die selbst aus Protestbewegungen hervorgingen und stets als Schirmherren betroffener Bürger auftraten (siehe auch Interview mit Christoph Chorherr). „Das Gesprächsklima ist heute zwar freundlicher als zu Zeiten der roten Alleinregierung“, sagt Wessely, „aber in der Sache sind die Grünen zurückhaltend bis ablehnend.“ In einigen Fällen wolle sich die Partei an ihre Versprechen nicht mehr erinnern; in anderen könne man leider nichts mehr tun. „Dadurch werden die Leute sauer.“

Sauer ist auch Arno Aigner, 51,
aus der Donaustadt, im Brotberuf Selbstständiger. „Die Grünen haben unser Anliegen immer unterstützt. Seit sie aber in der Stadtregierung sitzen, wollen sie praktisch nichts mehr von uns wissen.“ Aigner und seine Mitstreiter engagieren sich in einer Sache, die neben Steinhof derzeit wohl das stadtweit größte Aufsehen erregt: dass am beschaulichen Ufer der Alten Donau immer mehr Luxuswohnungen entstehen.

Einst zogen Taglöhner und Arbeitslose hierher, um Baracken zu bauen und Erdäpfel zu pflanzen. Aus den Baracken wurden die Schrebergartensiedlungen, die das Ufer bis heute prägen. Die dazugehörigen Grundstücke gehören vielerorts dem Stift Klosterneuburg, dem die Transdanubier eine – traditionell niedrige – Pacht zahlen.

Heute jedoch ist die Donaustadt der schnellstwachsende Bezirk Wiens. Der Boden unter den kleinen Häusern wird immer teurer. Wer von Kagran zur Alten Donau geht, stößt zwischen Schrebergärten auf schicke Mehrfamilienhäuser mit großem Balkon, flachem Dach und einer breiten Glasfront zum Wasser hin. „Luxury Living“ steht davor, oder: „Wohnen wie am Wörthersee“.

Dutzende dieser Häuser wurden in den vergangenen Jahren errichtet. Die angestammte Bevölkerung werde mittels Preistreiberei und unsanfter Methoden aus ihren Schrebergärten verdrängt, sagt Aigner. Er beklagt ein undurchsichtiges „Zusammenspiel von Stadt Wien, Stift Klosterneuburg und Baubehörde“. Will ein Pächter sein Haus einem Nachfolger übergeben, erhöhe das Stift die Pacht oft um das Zehnfache. Wenn sich der Nachfolger das nicht leisten kann, fällt das Grundstück an das Stift zurück – und bald entsteht darauf ein neues Luxusappartement.

Arno Aigner (3. v. r.) und seine Mitstreiter an der Alten Donau (Corn)

Das Stift Klosterneuburg bestätigt die Preiserhöhungen. Allerdings würde sie nur zwischen Generationen fällig und nicht etwa, wenn das Haus einem Ehepartner übergeben werde. Auch helfe das Stift nach eigener Aussage Pächtern mit „Sozialklauseln“, sofern diese bedürftig sind.

Trotzdem haben die Kleingärtner am Ufer der Alten Donau kaum Mitspracherecht. Wird beispielsweise auf dem Nachbargrundstück gebaut, dürfen sie nicht an der Bauverhandlung teilnehmen – sondern nur das Stift als Grundeigentümer. Da dieses in vielen Fällen auch gleich das Nachbargrundstück besitzt, wird die Bauverhandlung zur Pflichtübung. Aigners Initiative beklagt intransparente Pachtverträge mit unterschiedlichen Bedingungen für Kleinpächter und Immobilieninvestoren. „Es geht mir nicht darum, dass sich an der Alten Donau nichts verändern darf“, sagt er. „Ich will nur, dass der kleine Pächter dieselben Rechte hat wie die große Immobilienfirma.“

Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass in der Donaustadt ein erbitterter Kampf zwischen Kleinhäuslern und Investoren tobt. Anrainer berichten von Einschüchterungen, Immobilienhaie würden in der Nacht Sturm läuten. Bei unbotmäßigem Verhalten drohe das Stift, „sich Pachtverträge noch mal ganz genau anzuschauen“, erzählt ein Anrainer. Wie eine „Schauplatz“-Dokumentation des ORF zeigte, bietet die niederösterreichische Baufirma Glorit, einer der großen Player am Ufer, in Hochglanzprospekten Grundstücke zum Kauf, auf denen Kleinhäusler ein intaktes Pachtverhältnis unterhalten.

Zwar hat Vassilakou nun für einen Teil des Grätzels eine Begrenzung der Höhe von Neubauten durchgesetzt. Trotzdem führen Aigner und seine Mitstreiter einen Kampf an vielen Fronten, der sich von Projekt zu Projekt neu entscheidet. Ganz im Gegensatz zu Christine Muchsel und ihrem Engagement gegen die Wohnungen am Steinhof: Bei diesem Vorhaben fungiert als Bauherr und Auftraggeber allein die Gemeinde samt ihren Firmen.

Die Chancen für die wütenden Bürger stünden trotzdem schlecht, sagt ein Insider aus dem Rathaus, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Widmung auf Bauland liege Jahre zurück, die Grundstücke seien längst an die Wohnbaugesellschaft Gesiba verkauft. „Die Proteste hätten viel früher beginnen müssen“, meint der Insider. „Jetzt können die Bürger höchstens erreichen, dass die Anzahl der neuen Wohnungen verringert wird.“

Muchsel und ihre Mitstreiter bleiben trotzdem optimistisch. Die Zahl der Engagierten sei ins Unübersehbare gewachsen, sagt sie. Die Bewegung habe sich „verselbstständigt“. Außerdem hat Muchsel gute Erfahrungen mit Bürgerbewegungen.

Es war 1981, vor genau 30 Jahren, als die Steinhofgründe schon einmal verbaut hätten werden sollen. Wütende Bürger erzwangen im letzten Moment eine Volksbefragung, bei der 53,5 Prozent gegen das Projekt votierten. Die Initiatorin des Protests hieß auch damals Christine Muchsel.

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Alte Donau: Wird der Arbeiterstrand zur Reichen-Riviera?

Aus dem FALTER 38/2011

Joseph Gepp

Alarm schlägt die Obdachlosenzeitung Augustin: Das Ufer der Alten Donau, die „Riviera der kleinen Leute“, werde gentrifiziert. Schrebergartenhäuschen passten nicht mehr zur Toplage am Wasser und seien „aus Sicht der Liegenschaftsverwertungsbranche unerwünscht“ – sodass auf immer mehr Grundstücken, die überwiegend dem Stift Klosterneuburg gehören, Luxuswohnungen entstehen.

Arbeiterstrand unter Gentrifizierungsdruck: die Alte Donau (Wikipedia)

Tatsächlich verändert sich der Charakter des beschaulichen Altarmufers zusehends. Donaustadt und Floridsdorf zählen zu den am schnellsten wachsenden Bezirken. Entsprechend sprießen Baustellen und steigen Preise in einst weltabgewandten Kleingartengrätzeln. Empörte Anrainer machen dafür vor allem das Stift Klosterneuburg verantwortlich.

Dieses kann allerdings laut Sprecher Peter Schubert auch nichts dagegen tun. Es handle sich um sogenannte Superädifikate – das Grundstück gehört dem Stift, die Immobilie dem Pächter. „Im Rahmen der Bauordnung können unsere Pächter auf dem Grund machen, was sie wollen“, sagt Schubert. „Auch ihre Häuser an Investoren weiterverkaufen.“ Früher waren Superädifikate gemeinhin Schrebergärten und Badehütten – heute sind es selbst Großbauten wie etwa das Wiener Raiffeisenhaus.

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Prater: Vom Rummeln ins Grüne

Aus der FALTER:Woche 31/2011

Für die weitläufigen Wiesen und Auwälder des Grünen Praters gilt grundsätzlich: Man suche sich jene Teile von ihnen, die möglichst wild und menschenleer sind. Für den Wurstelprater – also den mit Ringelspielen, Bierhäusern und sonstigen Attraktionen – gilt umgekehrt: Man besuche ihn möglichst dann, wenn alle hingehen. Nur dann entfaltet er zur Gänze seinen Charme.

Letzteres trifft traditionellerweise vor allem am 1. Mai und am 6. August zu. Am 1. Mai findet das bekannte Maifest statt, am 6. August der etwas weniger bekannte Praterrummel.

Der kommende Samstag eignet sich also perfekt für einen Besuch im Prater. Auf das Rummeln im Vergnügungspark könnte ein Gang in den Grünen Prater folgen, in dem selbst eingefleischte Wiener aufgrund seiner schieren Größe immer wieder Neues entdecken.

Doch zunächst zum Praterrummel: Zwischen 12 und 13 Uhr sind die allermeisten Fahrten gratis. Dazu gibt es Kinderanimationsprogramme, diverse Gewinnspiele und sogar einen Aufmarsch historischer Gruppen (um ca. 16 Uhr). Unterlegt wird all dies von Musik von „Austro Pop über Swing, Boogie, bis hin zu Country“, wie es auf der Website des Wiener Praterservice heißt. Wem das jetzt etwas abgeschmackt vorkommt, dem sei gesagt: Genau das ist es wohl, was Touristiker meinen, wenn sie vom „Zauber des Praters“ sprechen.

Sechs Quadratkilometer umfasst der Grüne Prater, doppelt so viel wie der New Yorker Central Park. Wer ihn nach dem Rummeln besser kennenlernen will, dem sei zum Beispiel ein Besuch des Heustadlwassers empfohlen. Es ist ein alter Arm der Donau, der – vom Happel-Stadion ausgehend – malerisch durch den Park mäandert. Ideal zum Joggen, Radfahren und Spazierengehen.

Wenige hundert Meter weiter steht ein anderes Gebäudeensemble, das im Vergleich zum übervollen Praterrummel als Geheimtipp gelten darf: die letzten verbliebenen Pavillons der Weltausstellung 1873. Etwas verlassen und von Gestrüpp überwuchert stehen die prachtvollen Gründerzeithäuser zwischen der Trabrennbahn Krieau und dem Stadion. Besichtigen kann man sie leider nur von außen, sie dienen als Ateliers für Bildhauer.

Wer danach noch Zeit und Lust hat, der kann sich noch weiter an die Peripherie des Praters vorwagen. Beim Lusthaus und weiter stadtauswärts nimmt die Menschendichte radikal ab. Unweit von hier – in Richtung Donau – steht eine kleine Kirche namens Maria Grün. Ganz unvermittelt taucht sie im Wald auf: Wer sie sieht, versteht, warum sie bei manchen Esoterikern als Kraftort gilt. Vorsicht ist allerdings vor Gelsen geboten, die hier in Schwärmen angreifen.

Hinter Maria Grün führen Trampelpfade ins Waldinnere, in eine Aulandschaft mit gewundenen Flussärmen, verfallenen Heiligenstatuen und Bombentrichtern aus dem Zweiten Weltkrieg, die heute sumpfige Tümpel beinhalten. Wer den Wald nach einigen hundert Metern verlässt und auf Höhe des Fischrestaurants Lindmayer das Donauufer erklimmt, stößt auf das nächste Gebäude, das als Kraftort durchgehen könnte: die buddhistische Pagode von 1983 samt goldener, drei Meter hoher Buddhastatue.

Etwas südlich von hier liegt die Galopprennbahn Freudenau samt gründerzeitlichen Tribünen. Um tatsächlich ein Pferderennen zu sehen, ist zwar ein sonntäglicher Besuch auf der Trabrennbahn Krieau weiter stadteinwärts besser geeignet. Die Freudenau ist aber architektonisch interessanter, außerdem gastieren hier sporadisch Festivitäten: Am 10. September etwa geht hier das Day&Night-Festival mit Künstlern wie Tiefschwarz oder Aphrodite über die Bühne.

Einige Tage zuvor, am 3. und 4. September, findet auf der Jesuitenwiese ebenfalls eine empfehlenswerte Veranstaltung statt: das Volksstimmefest, dessen überbordender Retro-Charme die Stimmung des Praters auf den Punkt bringt.

Vorerst jedoch sollte der Besucher des Praterrummels am 6. August bedenken, rechtzeitig gegen 22 Uhr wieder zurück im Volksprater zu sein: Dann nämlich klingt der Tag mit einem großen Feuerwerk aus.

Praterrummel, 6. August Information: http://www.praterservice.at/de/veranstaltungen/117
Joseph Gepp

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Nach einem Jahr Frist: Toni braucht jetzt einen Kampfhundführschein

Aus dem FALTER 27/2011

Nachgesehen - Ein Wiener Schauplatz, an dem kleine oder große Politik stattfindet

Für Nicole Thienel, 37, war die Prüfung gar kein Problem. Längst hat die Meidlingerin mit ihrem Staffordshire Bullterrier Toni den Kampfhundführschein absolviert. Ein paar theoretische Fragen zur Rechtslage, ein Abtesten von Kommandos wie „Sitz!“ und „Platz!“ – „sollte für keinen Hundebesitzer schwierig sein“.

Ob das stimmt, werden die kommenden Wochen zeigen. Vergangenen Freitag endete die einjährige Übergangsfrist – nun wird mit bis zu 14.000 Euro bestraft, wer bei Polizeikontrollen keinen violetten Führschein vorweisen kann. Demnächst werden Beamte, mit Hundefotos ausgestattet, an Orten wie Prater und Donauinsel kontrollieren. Im Februar 2010 votierten die Wiener bei einer Volksbefragung für den Kampfhundführschein.

Thienel findet die Maßnahme prinzipiell richtig. „Wer einen Hund hat, soll auch mit ihm umgehen können.“ Allerdings: „Welche Rasse auf der Liste steht und welche nicht, das ist schon ein bisschen willkürlich.“

Foto: Hans Hochstöger

"Der tut nix“: Nicole Thienel hat für ihren Staffordshire Bullterrier Toni schon den Kampfhund-Führschein. Für andere drohen seit vergangenem Montag bis zu 14.000 Euro Strafe und die Wegnahme des Hundes

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Unterwegs abseits der ausgetretenen Pfade: Was der Prater außer Riesenrad und Schweizerhaus zu bieten hat

Aus dem FALTER 24/11
Ressort: Extra

Joseph Gepp

Wer sehen will, wie sehr die Wiener dem Herdentrieb folgen, der braucht nur an einem sonnigen Wochenende die Prater-Hauptallee zu besuchen. An ihrem Beginn, unweit von Praterstern und Wurstelprater, stauen sich die Menschen, massenweise Spaziergänger, Jogger und Sonnenhungrige. Weiter hinten jedoch, bei Stadion, Lusthaus und darüber hinaus, wird die Menschendichte deutlich geringer. Schade für viele Wiener, dass sie versäumen, was auf dem 6-Quadratkilometer-Areal alles abseits der ausgetretenen Pfade liegt. Gut für jene, die sich die Mühe machen, den Stadtwald etwas genauer zu erkunden.

Ein Geheimtipp sind beispielsweise die letzten verbliebenen Pavillons der Wiener Weltausstellung von 1873 – prachtvolle Gründerzeitgebäude, die verlassen im Gestrüpp zwischen Trabrennbahn Krieau und Stadion stehen. Eine weitere Gründerzeitanlage findet man noch weiter stadtauswärts: die Galopprennbahn Freudenau. Am 10. September findet zwischen ihren Ställen und Tribünen das Day&Night Festival statt, unter anderen beehren dann Tiefschwarz oder Aphrodite die Rennbahn.

Ein gutes Stück stadteinwärts liegt ebenfalls ein architektonisches und musikalisches Schmankerl. Dass die Pratersauna vom 60er-Treff der Wiener Schickeria zum Club mutiert ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Ende Juni hält sie ihr eigenes Festival ab, mit dem eingängigen Namen: „Prater Unser – Das neue Festament“. Wer vor dem Tanz noch einen Happen essen will, dem sei die nahegelegene Estancia Santa Cruz an der Hauptallee empfohlen: Kommt auch die Stimmung etwas penetrant pseudo-lateinamerikanisch rüber, so sind die Spareribs doch hervorragend.

Weitere Tipps gefällig? Ein gutes Stück stadtauswärts vom Lusthaus – gleich neben dem Fischrestaurant Lindmayer – steht am Donauufer Wiens buddhistische Pagode von 1983 samt der goldenen, drei Meter großen Buddhastatue. Wer hier in den Wald geht, findet eine Aulandschaft mit alten Donauarmen, verfallenen Heiligendenkmälern auf Lichtungen und Bombenkratern aus dem Zweiten Weltkrieg, die heute Tümpel beherbergen.

Festivitätenmäßigen Retrocharme bietet außerdem das Volksstimmefest der KPÖ – am 3. und 4. September auf der Jesuitenwiese.

Wiener Prater

Jesuitenwiese
2., Rustenschacherallee
und Rotundenallee,
1020 Wien

Pratersauna
2., Waldsteingartenstraße 135
Estancia Santa Cruz
2., Prater-Hauptallee 8

Galopprennbahn Freudenau
2., Freudenau 65

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Ein Konzert erahnen, oder: wenn das Fußvolk zur Klassik findet

Aus dem FALTER 23/2011

Glosse

Wien, Wien, nur Du allein. Dein großes Herz gönnt nicht nur dem ehrwürdigen Hofrat den erhebenden Genuss klassischer Musik. Sondern auch dem Fußvolk von der Straße, auf dass sein Geist solcherart zu Höherem geformt werde. Deshalb veranstaltest Du, o Wien, jährlich das Sommernachtskonzert hinter dem Schloss Schönbrunn. Dort sollen Hofrat und Fußvolk eins werden in Musik. Der eine vor der Bühne in Sitzreihen, das andere dahinter auf der Wiese des Gloriettehügels.

100.000 folgten also Deinem Ruf, erklommen den Hügel – und lasen: „Die Wiese wird nicht beschallt“. Zwei Stunden lang ließ nur dezentes Hofratsklatschen das Konzert erahnen. Ansonsten: Wind, Stille, unzufriedenes Murren. Ein paar Boxen, o Wien – mehr hätte das genügsame Fußvolk nicht gebraucht.

Joseph Gepp

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