Archiv der Kategorie: Stadtgeschichte

Eine Stadt, zwei Häuser

Seit 90 Jahren baut Wien Gemeindebauten. Zu Besuch im ersten und im letzten der Stadt

Reportage: Joseph Gepp

Das Grätzel, in dem die Vision begann, schaut heute aus, wie sich die Visionäre das damals ausmalten. Am Gürtel zwischen Matzleinsdorfer Platz und Wienfluss hat sich das Rote Wien der 20er-Jahre in Reinform verwirklicht. Burgähnliche Gemeindebauten stehen hier, karge Erker, hagere Arbeiterstatuen, Aufschriften wie „Bibliothek“ oder „Waschküche“ in alten roten Lettern. Der neue Mensch im neuen Wohnraum, den schimmlig-feuchten Zinshaushöllen der schlechten alten Tage entronnen.

Der neue Mensch ist alt geworden, er sitzt beim „Walter“, dem Grätzelwirten, und stellt sich den Herausforderungen neuer Zeiten. Friedrich Suphan, 87, ältester Bewohner des ältesten Gemeindebaus der Stadt, dem Metzleinstaler Hof. Baubeginn war 1916, als Franz Joseph starb, an der Fassade lassen ornamentierte Zierleisten noch die Monarchie klingen. Fertigstellung 1925, eine neue Ära hatte begonnen.

Der Hof wurde ein Klassiker des frühen Gemeindebaus, strotzend vor architektonisch manifestierter Ideologie und trotzdem wohnlich und komfortabel wie kein anderes Arbeiterquartier dieser Zeit.

1945 sammelte Suphan Ziegel aus den Brandruinen der Umgebung, zerrte sie in Säcken die Treppen hinauf, besserte damit die Bombenschäden seiner Wohnung aus. Davor habe die Wohnung einem Kommunisten gehört, sagt er, er floh vor den Nazis nach Russland und kehrte nie wieder. „Sie war teuer eingerichtet, als ich kam. Aber ich habe alles ausgeräumt. Ich wollte mein Glück nicht auf der Not anderer aufbauen.“ Früher hätten vornehmlich Beamte hier gewohnt, sagt er, eine gute Nachbarschaft war das, nicht wie heute. „Heute leben Ausländer hier, die Lärm machen und den Müll vor den Müllraum schmeißen, wenn sie gerade keinen Schlüssel dabeihaben“. Nicht alle, aber viele, fügt er hinzu, die „Jugoslawen“ seien vorbildlich, aber die Türken, die Türken, immer die Türken.

metzleinstalerhof1

roesslergasse1

Metzleinstalerhof und Rößlergasse
Fotos von Katharina Gossow

Wie eine Burg wirkt der Bau, drinnen im Hof ist es ruhig und sauber. In einer Ecke des Areals gibt es einen Greißler, betrieben von einer Zuwandererfamilie, hinter der Theke liegen Gazi-Käse, Grammeln, Krakauer, slowenische Fleischpastete. Es ist ein Geschäft alten Stils, wo die Verkäuferin weiß, was ihre Stammkunden brauchen, und sehschwachen Pensionisten auf Vertrauen das Kleingeld aus der Börse klaubt. Die von Herrn Suphan verorteten Konflikte, denkt man, müssen ziemlich unterschwellig stattfinden.

Der Metzleinstaler Hof war der Beginn eines riesigen Gesellschaftsexperiments. Sozialer Wohnbau hat Wien geprägt wie kaum etwas im 20. Jahrhundert. Geboren aus der desaströsen Wohnsituation der Monarchie, vorangetrieben durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs, wurde der Wohnbau Lieblingsprojekt der starken Wiener Sozialdemokratie, ihr Stolz und Selbstverständnis. Wohnen als „weltweit einzigartige Erfolgsgeschichte“, wie die SPÖ-Wien in einer aktuellen Aussendung wieder einmal bekanntgibt. Wiener Wohnen ist heute die größte Hausverwaltung Europas.

2000 Gemeindebauten stehen in der Stadt, eine halbe Million Menschen wohnt darin. Formell endete ihre Ära allerdings vor fünf Jahren. Denn seitdem setzt die Stadt nur noch auf Genossenschaftsmodelle und Kooperation mit privaten Wohnbaugesellschaften. Sozialer Wohnbau geht auf diese Art zwar weiter, klassische Gemeindebauten jedoch sind Geschichte. Und sie endet in Liesing, unweit des Wohnparks Alterlaa, im letzten Gemeindebau der Stadt.

Die Rößlergasse 15 hat keinen Burghof, keine Lettern. 2004 wurde sie fertiggestellt, ein L-Trakt umschließt zwei würfelförmige Häuser, dottergelb und mausgrau. Die Bauweise ist offen, man blickt auf Vorstadthäuser. Hinter breiten Fensterscheiben picken die Basteleien von Kindern und auf breiten Balkonen stehen Mountainbikes.

Arnold Perrotta ist überrascht, dass er im letzten Gemeindebau der Stadt lebt. „Die Anbindung ist perfekt, die Lage ruhig“, sagt er. Seit Anbeginn wohnt der Familienvater hier, er komme aus Rudolfsheim-Fünfhaus, aber „kein Vergleich“. Sogar die Miete ist besser, „monatlich 435 Euro sind wirklich kulant“.

Natürlich gebe es Nachteile, etwa ein Krisenzentrum für verhaltensauffällige Jugendliche im Bau, „die Jungen randalieren oft im Hof, es ist ja nicht umsonst ein Krisenzentrum“. Die Gemeinde habe „ein bisschen geschwindelt, sie hat uns erzählt, hier würde eine Behindertenwerkstatt reinkommen“. Und einen Hausmeister wünscht sich Perrotta auch, „der würde auf sowas schon achten“.

Es ist keine Abgeschlossenheit, keine politische Ideologie, die sich in der Rößlergasse manifestiert. Die Zeiten sind vorbei. Jetzt will die Politik klimaschonende Isolierung, wollen die Menschen Pendlerqualitäten zwischen Autoparkplatz und U-Bahn. Das ist die Vision von heute.

Erschienen im Falter 18/09

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtgeschichte, Stadtplanung

Wandern und Kritzeln: ein Accessist auf Abwegen

Die Reisebeschreibungen von Joseph Kyselak, dem Ahnvater des Graffito, erscheinen in einer kommentierten Neuauflage

Rezension: Joseph Gepp

Der Nachruhm wandelt auf verschlungenen Pfaden. Vor fast 200 Jahren lebte in Wien ein kaiserlicher Registratur-Accessist, in heutiger Diktion: Buchhalter. Er kam aus einer einfachen Beamtenfamilie, er starb früh, mit 30 Jahren, an der damals in der Stadt grassierenden Cholera. Vergessen hat man Joseph Kyselak
trotzdem nicht.

Fünf Jahre vor seinem Tod, 1825, packte er nämlich sein „nothwendigstes Gepäcke“ und zog durch die österreichischen Lande. Der daraus folgende Reisebericht ist 450 Seiten dick, stellenweise schwärmerisch verschraubt im damals zeitgemäßen
Stil, andernorts wieder kühl und sarkastisch, zum Beispiel bei der Beschreibung des steirischen Kurorts Tobelbad nahe Graz: „Dieses (…) unansehnliche Dörfchen soll eine besondere Einwirkung auf Kranke besitzen, ich konnte aber nicht erfahren, ob diese in wunderbarer Hebung des Krankheitsstoffes oder baldigem Tod bestehe.“

Romantische Reiseschilderungen lagen im Biedermeier im Geschmack der Zeit, und viel größere Namen als Kyselak zogen schriftstellernd durch Europa, Byron in Griechenland etwa oder
Goethe in Italien. Es waren demnach nicht die „Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien“, die Joseph Kyselak
unvergessen machen sollten.

Es war sein Nachname. Kyselak hatte sich angewöhnt, ihn in fast unzugängliche Bergwände oder verfallene Burgmauern, auf
Statuensockel oder Felsblöcke zu ritzen. Er hinterließ ihn in einer eigenwillig krakeligen Schrift, ähnlich einem Logo oder einer Bildmarke, wie die Herausgeber im Vorwort zur Neuauflage des Reisebuchs betonen. Ob ihn der Selbstdarstellungswille dazu bewog, ob es eine enttäuschte Liebesgeschichte war oder ob er lediglich
ein Zeugnis der Überwindung steiler Bergstrecken und öder Ebenen geben wollte, ist nicht überliefert. Was heute allenfalls an Richard
Lugner oder Paris Hilton denken lässt, muss damals, in einer ständisch-korporatistischen Gesellschaft, geradezu unglaublich erschienen sein: Kyselak soll sogar in die Hofburg vor den Kaiser zitiert worden sein, um seine Schrulle zu rechtfertigen. In Loiben
in der Wachau, in Perchtoldsdorf, auf einer barocken Säule im
Wiener Schwarzenbergpark in Neuwaldegg und an vielen anderen Orten findet sich heute noch sein Namensschriftzug.

Der Accessist regte die Fantasie an. Er erreichte, was vielleicht von Anfang an der Zweck seiner Marotte war: Er wurde berühmt. Hymnische Gedichte ehrten sein Wirken („Schwindlig ob des Abgrunds Schauer / Ragt des höchsten Giebels Zack / Und am
höchsten Saum der Mauer / Prangt der Name Kyselak“). Er galt als Inbegriff des schrulligen biedermeierlichen Junggesellen, wurde in Radierungen und historischen Romanen verewigt. Später, zur Zeit der Ersten Republik, stilisierten ihn die Christlichsozialen zum einzelgängerischen Gegenbild des sozialistischen Herdenmenschen in seinen uniformen Gemeindebauten. Egon Erwin Kisch verspottete seinen „Verewigungstrieb“, Heinrich Mann diente er als Vorlage für eine Romanfigur, Viktor Adler zitierte ihn im Reichstag. Schließlich erklärte ihn die Graffitigemeinde zu ihrem Urvater – die
Floskel „Respect und R.I.P. Kyselak!“ findet man heute in so manchem HipHop-Forum im Internet.

Jetzt sind seine „Skizzen einer Fußreise durch Österreich“ als Neuauflage erschienen. Es handelt sich dabei um den ungekürzten Originaltext von 1829, versehen mit Namens- und Ortsregister, umfangreichen Fußnoten und einem ebensolchen Vorwort der Herausgeber Gabriele Goffriller und Chico Klein. Dieses versammelt
die Resultate der zweijährigen wissenschaftlichen Beschäftigung
der Kunsthistorikerin und des Filmregisseurs mit Kyselak. Nach aktuellem Forschungsstand wird das Leben und frühe Sterben des kaiserlichen Beamten geschildert, verbliebene Namenszüge lokalisiert und die Rezeption des Kyselak’schen Schaffens der vergangenen 200 Jahre erklärt, verschieden gedeutet, je nach Zeitalter und vorherrschender Denk- und Herrschaftsweise.

Und die ist mannigfaltig: Selbst in die chinesische Mauer sollen Nachahmer vor rund 100 Jahren ein begeistertes „Kyselak“ geritzt haben. Und der große Alexander von Humboldt soll bei seiner Forschungsreise nach Südamerika auf dem Andengipfel Chimborazo einen „Kyselak“ vorgefunden haben – wobei immerhin dieses Gerücht definitiv falsch ist: Humboldt erklomm den Chimborazo
im Jahr 1802. Da war der kleine Kyselak in Wien gerade drei Jahre alt.

Erschienen im Falter 11/09, Buchbeilage

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Kurioses, Stadtgeschichte

Schöne zweite Reihe

Sie ist so unwichtig, dass sie nicht einmal im Stadtplan steht. Eine Hommage an die Zweierlinie

Essay: Joseph Gepp

Man stelle sich den schweigsamsten Taxifahrer der Stadt vor. An einem bestimmten Punkt seiner Strecke wird er nicht herumkommen zu fragen: „Über die Zweierlinie?“

Die Zweierlinie, diese eigentlich nicht existente Straße, ist im Bewusstsein der Wiener so real wie der O-Wagen und die Meidlinger Hauptstraße. Sei es der fragende Taxler, der Ö3-Verkehrsfunk, die Fahrradwegpetition der Grünen, die Stauprognose des ÖAMTC oder der Artikel im Bezirksblatt: Sie alle sprechen von der Zweierlinie. Wer stattdessen Landesgerichtsstraße, Auerspergstraße, Museumsstraße und Getreidemarkt sagt – er könnte nur ortsfremd sein oder stockignorant.

zweierlinie
Namenloses Wintergrau – Foto von Heribert Corn

Die Zweierlinie ist das stillschweigende Übereinkommen von 1,6 Millionen Städtern, eine Straße anders zu nennen, als sie offiziell heißt. Offiziell ist sie nämlich keine Straße, sondern die Aneinanderreihung der genannten vier Strecken. Auch verkehrt hier keine Straßenbahn, weder ein Zweier noch sonst etwas, das das Anhängsel „Linie“ rechtfertigen würde. Die Zweierlinie ist ein beeindruckendes Zeugnis der Veränderungsresistenz dieser Stadt und ihrer Bewohner.

Früher fuhren hier Straßenbahnen

Der Ausdruck stammt aus dem Jahr 1907. Damals trat Oklahoma als 46. Bundesstaat den USA bei, und Rainer Maria Rilke veröffentlichte seinen neuesten Gedichtband. Damals war Wien mit 2,1 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der Welt, und für das Jahr 1950 prognostizierten die Behörden eine Bevölkerungszahl von vier Millionen. Und es fuhren Straßenbahnen auf der Zweierlinie. Der E-Wagen aus Gersthof, der G-Wagen aus Döbling und der H-Wagen aus Hernals, sie trafen sich auf der Universitätsstraße und tuckerten von da an gemeinsam in Richtung Landstraße. Im – bereits damals komplizierten – Streckenkennungssystem der Verkehrsbetriebe wurden die Straßenbahnlinien deshalb mit einer kleinen Ziffer versehen: E2, G2, H2.

In den 60ern des 20. Jahrhunderts wurden die Züge unter die Erde verlegt. 1980 schließlich ließ man sie auf und errichtete eine U-Bahn – die U2. Die Kennziffer jedoch blieb in der Alltagssprache erhalten wie eine Erinnerung an alte Zeiten. Sie hat sich den Wienern offenbar eingeprägt.

Wien ist keine Stadt der breiten Breschen. Sie ist weitgehend gründerzeitlich mit mittelalterlichem Kern, ein planerisches Gewirr, ein jahrhundertelang entstandenes Gassenchaos. Nur dort, wo sich ohnehin Schneisen durchs Straßengeflecht schlugen, entstanden jene Rundrouten, die heute die Stadt umkreisen und einfassen. Wo jetzt der Gürtel verläuft, lag bis zur Wende zum 20. Jahrhundert der Linienwall, die Grenze zwischen den Vorstädten und dem Umland. Und am heutigen Ring entlang zogen sich bis 1857 die Basteien, die mächtigen Stadtmauern.

Stadtmauern ohne Zweck

Acht Stadttore durchbrachen sie und verbanden das stark befestigte Wien mit dem Rest der Welt. Elf dreieckige Vorbauten, sogenannte Ravelins, waren zur optimalen Sicht auf den heranstürmenden Feind an die Mauer gebaut worden. Und ein bis zu 600 Meter breiter Streifen Brachland, das Glacis, umrundete die Festung. Auf der bräunlich-grünen Staubwüste herrschte Bauverbot, denn die Verteidiger der Stadt sollten im Belagerungsfall ein freies Schussfeld überblicken können.

Zur Barockzeit waren die Basteien ein Meisterwerk des Festungsbaus gewesen. Aber schon 150 Jahre später zeigte Napoleon, dass die Anlage modernen Kriegsmethoden nicht mehr standhielt. Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich hatte das Gemäuer vollends seinen Zweck verloren: Die Ravelins dienten den Wienern als Aussichtsterrassen, das Glacis war mit Bäumen und schmalen Alleen verziert worden. In der Nacht trafen sich vor dem Palais Auersperg die Kavaliere zum Duell, und vor dem Schottentor warteten Prostituierte und Stricher auf Kunden. Die Gegend erfreue sich „keines guten Rufs“, liest man in einer alten Bezirkschronik. „Viele leichtfertige Dirnen fanden sich hier ein.“

Also schleifte man die unzeitgemäße Mauer und planierte das Glacis zu. Die Ringstraße entstand. Der glanzvolle Ausdruck einer aufstrebenden Stadt sollte sie sein, das idealisierte Spiegelbild einer bürgerlich-monarchistischen Gesellschaft, ihrer Kultur, ihres Bildungsdurstes, ihrer Theaterabende und Reichstagsdebatten.

Es war eines der gewaltigsten Bauprojekte der europäischen Geschichte. 90 neue Straßen und Plätze und rund 500 private und öffentliche Gebäude entstanden dort, wo vorher Basteien, Ravelins und Glacis waren. Nachher war Wien eine völlig andere Stadt geworden.

Nun galt es noch, das gründerzeitliche Gesamtkunstwerk von Fuhrwerken und sonstigem ordinären Gefährt freizuhalten. Aus diesem Grund entstand 1862 am äußeren Rand des Glacis, wo vorher die Vorstädte begonnen hatten, eine Straße mit dem hübschen Namen „Lastenstraße“. Die wurde später zur Zweierlinie.

Die Zweierlinie ist aus dem Willen geboren, die Ringstraße zu entlasten, die Schmutzpartikel des täglichen Stadtgetriebes aus dem Gründerzeitprunk herauszufiltern. Der Ring sollte beeindrucken und die Macht seiner Bauherren glanzvoll zur Schau stellen. Aber niemand wollte Fuhrwerke mit schmutzverkrusteten Rädern vor der Staatsoper. Deshalb wurde die Zweierlinie geschaffen, die Rückseite des Rings. Doch das Verlegenheitskonstrukt schuf den Raum für Experimente, für Zufälligkeiten und für jene kleinen Nischenentwicklungen, die vielleicht interessanter sind als das große Gesamtkunstwerk.

Belle Epoque und Biedermeier

Und die sieht man heute. Selbst jene Gebäude, die am Ring in der zweiten Reihe stehen müssen, der Justizpalast etwa oder die Akademie der bildenden Künste – sie wenden der Zweierlinie den Rücken zu. Hier herrscht kein gründerzeitlicher Einheitsstil wie an der Ringstraße. Hier vermischen sich die Konzepte und die Zeitalter: Belle Epoque dort, wo das Glacis verbaut wurde, behäbiges Biedermeier dort, wo einmal Vororte begannen. Dazwischen liegen ein paar barocke Paläste, von denen man früher einen schönen Blick auf die Stadt genoss. Und einige braungetönte, dezent angerostete Glaskästen aus den 70er-Jahren, wie sie am Ring nie und nimmer hätten entstehen können.

Der Zusammenprall der Epochen zeigt sich zum Beispiel auf dem Friedrich-Schmidt-Platz. Wo früher das Glacis lag, stehen heute große Gründerzeithäuser. Daneben das mächtige Rathaus, ein riesiges neugotisches Ritterschloss, laut dem zeitgenössischen Essayisten Egon Friedell „wie nach der Vorlage eines Kindermodellierbogens“ errichtet.

Gegenüber jedoch, auf der anderen Straßenseite, reihen sich noch einige verbliebene Biedermeierhäuschen des einstigen Vororts Josefstadt aneinander – deutlich niedriger, deutlich schlichter, mit deutlich weniger Ornamenten als ihre Pendants auf der anderen Seite. Hier trafen sich zwei Welten, und die gegenüberliegenden Häuser erzählen noch davon: „Tapezierermeister“ steht auf einer Fassade der alten Vorstadt, daneben das Jahr 1857. Es war, wie Soziologen sagen, eine Stadtkante, eine Grenze im Kopf, und vis-à-vis zog die Oberschicht in große Prunkwohnungen mit sorgfältig gewachsten Parkettböden und hohen Stuckdecken.

Mit Blick auf die Stadt

Dabei war auch die heutige Zweierlinie nicht armselig oder schlecht gelegen. Vom Rand der Vorstadt aus blickte man direkt auf die Stadt hinter dem Glacis und den Basteien. Und auf der anderen Seite der Mauer ragte der Stephansturm aus dem dichten Häusermeer.

Das machten sich finanzkräftige Bauherren zunutze. Nach der zweiten Türkenbelagerung 1683 begann ein Bauboom. Staat und Stadt expandierten auf Kosten der besiegten Osmanen. Und weil innerhalb der Stadtmauer fast jeder Quadratmeter verbaut war, wich der Adel in die Vorstadt aus – und ließ sich an der späteren Zweierlinie nieder, wo die Schaltstellen der Staatsmacht in Blickweite lagen.

Nicht nur die Hofstallungen, heute das Museumsquartier, schauten über das Glacis in Richtung Innenstadt und Burgtor. Direkt an der Zweierlinie entstanden etwa auch die Palais Trautson und Auersperg, bewohnt von den gleichnamigen Familien. Hinter den Palästen legte man Parks an, vor ihnen breitete sich das Glacis aus. Später jedoch verbaute man den Bewohnern den schönen Blick; vor den Panoramafenstern wuchsen Gründerzeithäuser in die Höhe.

Als die Ringstraße gebaut war, geriet die alte Grenze zwischen Wien und dem Rest der Welt, der schroffe Schnitt zwischen Stadt und Vorstadt, in Vergessenheit. Heute zeigt er sich nur noch an einigen Bauten.

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Zweierlinie, die Stiefschwester der Ringstraße, zur Spielwiese für alles, was am Ring nicht erlaubt war. An der Universitätsstraße durfte Otto Wagner zum Beispiel 1887 sein „Hosenträgerhaus“ bauen. Das Gebäude mit gestreifter Fassade war das erste Wiener Hochhaus, das nicht – wie bei einem barocken Palast – den ersten Stock hervorhob und zur Beletage adelte, sondern – wie bei amerikanischen Gebäuden – geradlinig Fenster auf Fenster und Stockwerk auf Stockwerk setzte.

Avantgarde und Staatssicherheit

Das Gegenbeispiel am Ring ist das Hauptpostamt, ebenfalls unkonventioneller Bauart, ebenfalls von Otto Wagner. Direkt an der Ringstraße hätte es allerdings das konservative Ensemble gestört. Wagners Schmuckstück musste eine Straßenlänge vom noblen Ring wegrücken, auf den Georg-Coch-Platz.

Und auch in militärischer Hinsicht übernahm die Zweierlinie das, was sich die prunkvolle Ringstraße nicht antun wollte. Die Revolution von 1848 hatte dem Kaiserhaus vor Augen geführt, wie wichtig es war, die Schaltstellen der Stadt vor dem störrischen Proletariat zu schützen. An der Ringstraße jedoch hätten sich Kasernen und Soldaten nicht gut gemacht. Was dort glanzvoll präsentiert wurde, sicherte man hier mit Waffengewalt ab – drei große Kasernen nahe der Zweierlinie sollten die Revolution im Keim ersticken: die Roßauer Kaserne am Donaukanal, die Stiftskaserne hinter den Hofstallungen und die Franz-Joseph-Kaserne an der Wienflussmündung, die später abgerissen wurde. „Wenn in Wien Revolution ist, dann fahren wir halt über die Zweierlinie“, spotteten die Städter.

Autos und Ustrabas

Im 20. Jahrhundert schließlich wurde die Zweierlinie zur reinen Verkehrsader. 1963 verlor sie ihre namensstiftenden Straßenbahnlinien – zumindest an der Oberfläche, denn vorerst wurden sie wegen des zunehmenden Autoverkehrs lediglich in den Untergrund verbannt. Wien bekam ein neues Verkehrsmittel mit dem hübschen Namen „Ustraba“ („Untergrundstraßenbahn“). Nahe der Universität verschwanden die Ustrabas unter der Erde, neben der Secession kamen sie wieder hervor, um sich vom Karlsplatz aus den Rest der Stadt oberirdisch zu erschließen.

Die Ära der Ustrabas dauerte jedoch nicht lange. 1980 bekam Wien die U2, seine zweite „Voll-U-Bahn“, wie Stadtplaner damals sagten. Kritiker klagten, dass die Voll-U-Bahn nur Prestigeprojekt sei: In Wahrheit zerschnitt sie gewachsene Verbindungen, indem sie die Fahrgäste an der Zweierlinie zum Umsteigen von Straßen- auf U-Bahn zwang. Aber immerhin, Wien hatte eine weitere U-Bahn. Und seit 2008 reicht sie schon zum Praterstadion.

Die Zweierlinie, die kleine Schwester der Ringstraße, etwas wilder, ungelenker und ungeplanter, etwas weniger herausgeputzt und nur halb so lang. Und nicht einmal mit eigenem Namen. Landesgerichtsstraße, Auerspergstraße, Museumsstraße, Getreidemarkt – man sollte das nicht ändern. Denn irgendwie macht sie ihre Namenslosigkeit ja aus.

Straßennamen in Wien verraten die alte Stadtkante Glacis: Wo es verbaut wurde, beziehen sie sich oft auf nationale Geschichtsmythen (etwa Babenberger- oder Nibelungengasse). Wo Vorstädte lagen, beziehen sich die Namen hingegen auf Dörfer oder Einrichtungen (etwa Währinger Straße oder Spitalgasse)

Ustrabas in Wien Der Einser fährt rund um den Südbahnhof durch Wiens letztes Stück Ustraba-Netz. Und wer etwa zur U2-Station Rathaus geht, dem fällt die versetzte Anordnung der Bahnsteige auf – die Ustraba-Gleise konnte man früher direkt überqueren, deshalb die sichere versetzte Anordnung

Basteien in Wien – unvorstellbar? Im Wien-Museum, 3. Stock, steht ein anschauliches Modell der ummauerten Stadt. Und einen Stock darunter findet sich das gleiche Modell – mit wohlbekannter Ringstraße

Inoffizielle Namen für Straßen, wie sie in keinem Stadtplan stehen, sind in Europa rar. Ein zweites Beispiel ist die Fußgängerzone „Strøget“ (dt. „Strich“) in Kopenhagen

Erschienen im Falter 6/09

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Stadtplanung, Wien

Ein Bastard namens Einkaufszentrum

Das Leben des Victor Gruen. Wie ein Wiener unfreiwillig zum Geburtshelfer der Shoppingmall wurde

Bericht: Joseph Gepp

Wien, das sind baumbestandene Boulevards und Kaffeehäuser, das ist Flanieren und Promenieren, das sind stundenlange Gespräche bei billigem Kaffee. Die ideale Verschränkung von Kultur und Kommerz. So dachte Victor Grünbaum. Der Wiener Jude liebte die Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war. Bald jedoch kam das Jahr 1938, und er musste fliehen.

Grünbaum, amerikanisiert Victor Gruen, sollte noch Geschichte schreiben, aber nicht freiwillig. Er nahm sein Bild von Wien ins US-amerikanische Exil mit. Dort wurde er Architekt und Stadtplaner.

Gruen wollte seine Vorstellung von der perfekten Stadt den gesichtslosen US-Metropolen aufdrücken. Diese Städte hatten sich oft zufällig entwickelt, sie verfügten über keine natürlichen Mittelpunkte, und ihre Einwohnerzahlen explodierten geradezu. Gruen wollte gegensteuern, mit der Schaffung von künstlichen Zentren, für Gespräche und Spaziergänge, für Fortbildung und Feste. Die Stadt braucht öffentlichen Raum, dieser öffentliche Raum jedoch braucht ein wenig gebändigten Kommerz, dachte Victor Gruen. Der konsumierte Kaffee bedingt das Gespräch. So wie die Stadt, die Gruen geprägt hatte, sollten auch US-Metropolen werden. Neue Mittelpunkte sollten ihre heruntergekommenen Stadtzentren und vorstädtischen Reihenhaus-Wüsten beleben.

„Gruen dachte, dass Handelstätigkeit ein vitales städtisches Leben schaffen kann“, sagt die Soziologin Anette Baldauf, 43, Gruen-Forscherin und Stipendiatin am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK). „Und in Amerika sah er die monofunktionalen Teppichlandschaften der Vorstädte als Herausforderung.“ Im Jahr 1954 – in den USA tobten gerade Massenkonsum und Kalter Krieg – eröffneten Victor Gruen und seine damalige Frau Elsie Krummeck in den Suburbs von Detroit das erste künstliche Zentrum nach ihren Vorstellungen: Eine „Shopping Town“ war es, mit Geschäften, Kindergärten, einem Postamt und einem Zoo, gruppiert um ein Atrium. Ein bunter, multifunktionaler Fleck in der Schlafstadt sollte es sein, der das Leben in sich bündelte. Es folgten Projekte in weiteren Städten.

Wer heute sehen will, was aus Victor Gruens Vision geworden ist, der muss nicht nach Detroit. Die U-Bahn zum Kagraner Donauzentrum oder zum Stadion-Center in der Leopoldstadt reicht. Gruens Idee hat sich weltweit durchgesetzt – aber gar nicht so, wie er das im Sinn gehabt hatte.

Zur „Verkaufsmaschine“ habe man sein Konzept pervertiert, tobte der Altgewordene viele Jahre später. Er stritt die geistige Urheberschaft ab: „Ich weigere mich, Alimente für Bastardprojekte zu bezahlen.“

Kaum war der Weltkrieg vorbei, kehrte Victor Gruen – erst besuchsweise, später fix – in das Land zurück, das ihn vertrieben hatte. In den USA war er zum Multimillionär geworden. In Wien wollte er alles besser machen. Hier predigte er nun, dass man „Amerika kapieren, nicht kopieren“ müsse.

„Gruen hat zwei entscheidende Dinge falsch eingeschätzt“, erklärt Anette Baldauf. „Einerseits dachte er, die vorstädtische Mall und das Stadtzentrum würden voneinander profitieren. In Wahrheit verdrängte das Einkaufszentrum den Stadtkern.“ Und andererseits: „Er hat nicht vorausgesehen, dass innerhalb des Einkaufszentrums die Geschäfte alle anderen Einrichtungen verdrängen würden.“ Victor Gruen hat die Macht des Kapitalismus falsch eingeschätzt.

Es war allerdings eine Macht, die man zu dieser Zeit auch in Österreich zu spüren begann. Hier spross in den 60er-Jahren ebenfalls der neue Massenkonsum. Autofahrerfreundlichkeit und schnelle Verkehrsverbindungen galten als höchste stadtplanerische Devisen. Statt öffentliche Plätze zu errichten, peitschte man die Errichtung von Stadtautobahnen und Parkgaragen durch. Die Kaffeehäuser und Boulevards, die Gruens Jugend geprägt hatten, waren unzeitgemäß geworden. In diese Atmosphäre platzte der Altmeister aus Amerika mit verwegenen Ideen wie einem autofreien Stadtkern oder der sogenannten „Stadt der kurzen Wege“. Das kam ungelegen.

Was er hier durchsetzen konnte, war nach eigener Aussage lediglich „kosmetischer Natur“. 1974 wurde die Kärntner Straße zur Fußgängerzone. Die Idee ging auf Gruens Einfluss zurück. Die Kaufleute protestierten und fürchteten einen Einbruch der Verkaufszahlen. Doch die Maßnahme wurde zum wegweisenden Schritt, dem später viele Städte in Deutschland und Österreich folgen sollten.

Gruen war trotzdem nicht zufrieden, er hätte lieber die ganze Innenstadt autofrei gehabt. „Seine Visionen waren zu radikal“, sagt Baldauf. „Und die Stadtbeamten erklärten ihm einfach, dass solche Maßnahmen bei den Wählern nicht ankommen.“

Gruen schrieb noch Bücher über die Kompaktheit von Städten, er gestaltete Geschäftslokale und beschäftigte sich mit Umweltforschung. 1980 starb er in Wien. Für seine Ideen war die Zeit noch nicht reif gewesen: Heute hat der Autoverkehr im Denken der europäischen Stadtplaner an Bedeutung verloren. Gerade jetzt brechen weltweit Automärkte ein. Manche der Vorstellungen, die zu seinen Lebzeiten noch als weltfremde Fantastereien abgetan wurden, gelten heute als Ideale.

Vier Jahre bevor Victor Gruen starb, eröffnete am Südrand von Wien die Shopping City Süd, das erste große Einkaufszentrum in Europa. Wien, das sind seitdem auch übervolle Parkplätze, metergroße Werbewände und ausufernde vorstädtische Einkaufstempel. Der Bastard war ihm bis vor die Haustür gefolgt.

Erschienen im Falter 46/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein, Stadtgeschichte, Stadtplanung

Ein Land und sein Mörder

Es war einmal ein Texaner, der nach Österreich kam und eines Abends eine unglaubliche Geschichte hörte: Ein Mann namens Jack Unterweger lebte hier vor fast 20 Jahren. Tagsüber unterhielt er als gefeierter Schriftsteller die Wiener Gesellschaft, nachts ermordete er im Wienerwald Prostituierte. John Leake begann sich zu interessieren und schrieb die Geschichte schließlich nieder. Nun liegt sie in deutscher Übersetzung vor – 455 Seiten stark, amerikanischer Doku-Journalismus im besten Sinn: detailreich bis ins Kleinste, ohne jemals den Überblick zu verlieren. Wer die bizarre Geschichte Unterwegers liest, lernt ganz nebenbei die Grundzüge von Forensik und Kriminalpsychologie kennen. Und gewinnt nicht zuletzt tiefen Einblick in eine Gesellschaft, die Unterweger mit einer Kritiklosigkeit protegierte, die an Fahrlässigkeit grenzte. Sehr empfehlenswert.

Joseph Gepp

John Leake: Der Mann aus dem Fegefeuer. Residenz, 455 S., € 24,90

Erschienen im Falter 40/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Stadtgeschichte

Die Stadt unter der Stadt

Zehntausende Kilometer Röhren und Schächte liegen unter den Straßen der Stadt. Ein Blick in Wiens Eingeweide

Reportage: Joseph Gepp

Wenn Josef Gottschall die Hand hebt und seinen Zeigefinger über den Karlsplatz kreisen lässt, dann werden sie plötzlich sichtbar, all die Deckelchen und Deckel, die man sonst nicht einmal übersieht. Sie sind groß oder klein, aus Metall oder Beton, vergittert oder verschlossen. Verteilt über den ganzen Platz müssen es rund 100 sein. Josef Gottschall, 38, Sprecher von Wien-Kanal, kennt sie alle. „Wasserleitungsschieber. Kanaldeckel. Kabelzieherschächte. Fernwärmeingänge“, zählt er auf. Sein Finger hüpft von einem zum nächsten. „Telefon. Straßenbahnsignalanlagen. Stromkabel. Gasrohre.“ Der Karlsplatz ist voller kleiner Pforten in den Untergrund, wenn man nur darauf achtet. Und sein Metier, das Wiener Kanalnetz, sei nur eines von vielen. Der Finger sinkt nach unten. „Sie können sich gar nicht vorstellen“, sagt Gottschall, „was so alles unter dieser Stadt liegt.“

Es sind zehntausende Kilometer Leitungen und Rohre, die den Wiener Boden durchkreuzen. Eine Stadt unter der Stadt, in Etagen übereinandergeschichtet, eng, stickig, stinkend und für Menschen weitgehend unzugänglich. Die stillen Dienste dieser Infrastruktur machen das moderne Leben erst möglich. Wasser, Fernwärme, Gas, Telekommunikation, Abwasser, Strom – sogar ein paar alte Rohrpoststrecken finden sich noch. Der Stadtmensch dreht am Hahn und lässt die Therme anspringen, wenn er sich die Zähne putzt. Er klappt den Laptop auf und schaut sich YouTube-Videos aus den USA oder Japan an. Er setzt damit weitreichende – manchmal weltumspannende – Bewegungen oder Datenflüsse in Gang. Das Gas wird in Sibirien aus der Erde gepumpt, das Wasser kommt aus den niederösterreichischen Alpen, das Video wird in einem Arbeitszimmer in Tokio hochgeladen. Ohne ein Netz aus Millionen von Kabeln und Rohren, hinter jeder Wand, unter jeder Straße, wäre die Stadt nicht Stadt. Die Morgentoilette würde dann im nächsten Bach stattfinden, und das Mittagessen müsste im Vorgarten geschlachtet werden. Stattdessen fällt dem Städter gar nicht mehr auf, was alles dazugehört, damit sein Leben so einwandfrei funktioniert. Zumindest meistens.

Denn manchmal meldet sich das lebensnotwendige Netz wie ein beleidigter Gott zu Wort. Dann bricht in New York brennendes Gas durch die Asphaltdecke. Oder in München versinkt ein Bus in einer kollabierenden Straße. Oder in Wien-Hietzing verwandelt sich urplötzlich eine ganze Straße in einen reißenden Fluss. Das Netz erfordert permanente aufwendige Wartung. Sonst rächt es sich. Vor der Hurrikankata- strophe in New Orleans 2005 wollte niemand die Millionen für die Renovierung der baufälligen Dämme ausgeben. Danach bereute man diese Entscheidung bitter. Infrastruktur ist nicht sexy. Lieber geben Städte ihr Geld für das neue Hochhaus des weltweit renommierten Stararchitekten aus. „Die globale Infrastruktur befindet sich im Niedergang“, warnten kürzlich die Analysten des amerikanischen Technologieberatungskonzerns Booz Allen. Die Modernisierung der morschen Lebensadern würde laut Bericht innerhalb der nächsten 25 Jahre weltweit rund 40 Billionen Dollar kosten. Zum Vergleich: Die weltweiten Rüstungsausgaben betrugen im Jahr 2006 etwas mehr als eine Billion Dollar.

Vor einem Monat schien es so, als würde dieser düstere Befund auch für Wien gelten. Nahe der Lainzer Straße in Hietzing brach ein Wasserrohr. Es war eine von drei Hauptleitungen in Wien, mit fast einem Meter Durchmesser. 19 Millionen Liter Hochquellwasser – das entspricht dem Inhalt von fast 130.000 Badewannen – flossen stundenlang über die Straße. Autos und Baucontainer schwammen fast davon. Die Feuerwehr evakuierte vier Häuser, weil ein Baukran auf sie zu fallen drohte. Eine eilig improvisierte Verkehrsumleitung schickte die Autofahrer über Umwege erst recht wieder in die überschwemmte Lainzer Straße. Es war ein eindrucksvolles Beispiel, wie schnell das alltägliche Stadttreiben in Chaos und Panik umschlagen kann. Die Gemeinde nennt einen Fabriksfehler am gusseisernen Rohr als Unfallursache. Kritiker widersprechen und geben den ÖBB die Schuld, die nur 100 Meter von der Unfallstelle einen Bahntunnel errichtet. Das erste Teilstück des Lainzer Tunnels wurde nur Stunden vor dem Rohrbruch fertiggestellt. Der Bau der Zugstrecke habe Veränderungen im Boden bewirkt, sagt der Geologe Josef Lueger. „Um den Tunnel zu bauen, hat man Grundwasser abgepumpt. Deshalb senkt sich der Untergrund. Und wenn diese Senkung zu intensiv wird, kann es zu Rohrbrüchen kommen.“ Die ÖBB nennen diesen Zusammenhang „völlig unmöglich“. Fest steht jedoch, dass sich Störungen in diesem Gebiet häufen. Gleich am Tag nach dem Unfall brach erneut ein Rohr – keinen halben Kilometer entfernt, in der Veitingergasse beim Lainzer Tiergarten.

Der Vorfall zeigt, dass drei Meter unter der Stadt alles mit allem zusammenhängt. Nichts ist isoliert, alles beeinflusst einander. Kanalrohre, die im Winter nicht zufrieren sollen, müssen tiefer liegen als etwa Fernwärmeleitungen, die Heizkörper mit Heißwasser versorgen. Zu Frühlingsbeginn führt das Tauwetter zu Spannungen im Boden, mit regelmäßigen Wasserrohrbrüchen als Folge. Der Verkehr an der Oberfläche verursacht gefährliche Schwingungen im Untergrund. Und wenn Gemeindegärtner Bäume pflanzen, müssen sie aufpassen, dass die feinen Verästelungen der durstigen Wurzeln nicht durch Nahtstellen in die Kanalrohre dringen.

Baumbewuchs, Verkehrsfrequenz oder die Lage anderer Leitungen sind keine unwichtigen Details. Nicht auf sie zu achten, kommt langfristig teuer: In der serbischen Hauptstadt Belgrad beispielsweise versickert rund ein Drittel des Trinkwassers aus undichten Leitungen – in Wien ist es nur ein Zehntel. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia erkennt man im Winter an geschmolzenen Linien im Schnee, wo die Fernwärmeleitungen verlaufen – dementsprechend kühl bleibt die Heizung in so manchem Plattenbau. „Wenn die Stadt funktionieren soll, ist es ein irrsinniger Aufwand, dieses ganze Sammelsurium an Leitungen in Schuss zu halten“, sagt Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien. „Denken Sie nur an die vielen Zuleitungen unter den Gehsteigen. Die führen zu jedem einzelnen Haus.“ Diese Zuleitungen zweigen von den Hauptrohren unter der Straße ab. Bei Reparaturarbeiten sieht man sie manchmal: kleine gehsteigbreite Baugruben, aus denen in rund einem Meter Tiefe ein schmutzverkrustetes Bündel aus Telefon-, Wasser-, Kanal-, Strom- und Gasleitungen lugt. „Die Straße ist voll“, sagt Knoflacher. In solch einem Gewirr noch auf- oder umzugraben erfordert Koordination. Bei der MA 28 für Straßenverwaltung und Straßenbau liegt der zentrale Leitungskataster für Wien. Wer graben will, braucht das Einverständnis des Magistrats. Wenn zum Beispiel die Wien Energie Gasnetz GmbH ein neues Rohr verlegen möchte, konsultiert die MA 28 alle möglichen Betroffenen und holt Stellungnahmen ein. In langen Gesprächen – Beamtendiktion: Einbautenbesprechungen – führen die Gasexperten dann aus, warum und wo sie eine neue Leitung brauchen. Erst danach beginnt die Arbeit. Jeder einzelne Wiener Straßenkilometer wird durchschnittlich fünfmal pro Jahr aufgegraben. Die Konsequenz sind die allgegenwärtigen länglichen Baugruben – wienerisch: Künetten –, die das Stadtbild prägen. Sie quälen Autofahrer, und ihr Presslufthammerlärm reißt Nachtmenschen in der Früh aus dem Schlaf. „Das kann schon eine mühsame Gschicht sein“, sagt Wien-Kanal-Sprecher Josef Gottschall.

Gottschall steigt über eine eiserne Wendeltreppe am Karlsplatz in den Untergrund. Die Stufen führen in die beiden sogenannten Cholerakänale, die im Jahr 1836 links und rechts des Wienflusses errichtet wurden. „Das sind die ältesten Wiener Kanäle, die noch in Betrieb sind“, sagt er. „Das Wiener Leitungssystem hat eigentlich mit einer Krankheit begonnen. Denn bevor was passiert, macht man ja eh nix.“ 1830 brach in Wien eine schwere Choleraepidemie aus. Grund war die Wasserversorgung: Mit einer einzigen Ausnahme – dem Kaiserhof – wurde in dieser Zeit die ganze Stadt über Hausbrunnen versorgt. Müll und Fäkalien deponierte man am nächstgelegenen Bachrand. Im Normalfall schwemmte das Wasser den Schmutz einfach in die Donau. Bei Hochwasser jedoch gelangte er zurück in die Brunnenschächte. Nichtsahnend tranken die Menschen das verschmutzte Wasser. Tödliche Darminfektionen waren die Folge. Bis 1836, als die Stadt jenen ersten großen Kanal errichtete, der von nun an Fäkalien verlässlich und rasch zur Donau – und später in Kläranlagen – spülte. Mehr als 100 Jahre später sollten die breiten Gänge durch Orson Welles’ „Der Dritte Mann“ weltberühmt werden. „Abgesehen von den beiden Weltkriegen“, sagt der Pressesprecher, „wird am Wiener Leitungsnetz seit 1836 eigentlich permanent gebaut.“

In den alten Gewölben unter dem Karlsplatz riecht es nach Malz. „Abwässer von der Ottakringer Brauerei“, erklärt Gottschall. Ein einstiges Bächlein aus dem Wienerwald – der Ottakringer Bach – wurde vor langer Zeit überplattet und zum Kanal umfunktioniert. Bis heute schwemmt es die Abwässer des Arbeiterbezirks bis unter den Karlsplatz. Ratten haben die Schautafeln angeknabbert, auf denen sich Cineasten über die Entstehungsgeschichte von „Der Dritte Mann“ informieren können. Unweit davon wälzt sich der unterirdische Wienfluss durch ein breites, 100 Jahre altes Stampfbetongewölbe. Sie regen die Fantasie an, diese alten Kanäle – repräsentativ für die Stadt sind sie allerdings nicht. „Die meisten Leitungen werden heute erdverlegt“, sagt TU-Professor Knoflacher. Das heißt: Erde auf, Rohr hinein, Erde zu. Die Feuchtigkeit des Bodens und der Rost führen dann dazu, dass viele Rohre in Wiener Baugruben so zerfressen aussehen, als würden sie gleich in Stückchen zerfallen. Das sei allerdings ein falscher Eindruck, sagt Knoflacher: „Die Wartung in Wien läuft effizient.“ Gasrohre etwa wirken zwar von außen angegriffen, bei sorgfältiger Wartung halten sie aber rund 100 Jahre. Die Gemeinde lässt sich den Aufwand einiges kosten: 500 Mitarbeiter sind beispielsweise allein für das 2300 Kilometer lange Kanalnetz verantwortlich. 15 Tonnen Schutt befördern sie täglich aus dem städtischen Untergrund. Der TU-Professor plädiert dennoch für den Einsatz von – jede Branche ist so ansprechend wie ihre Terminologie – „Infrastruktursammelkanälen“. Die Idee dahinter ist, dass alle Leitungen in einem trockenen und beleuchteten Schacht zusammengefasst sein sollten. „Dann hält alles länger“, sagt Knoflacher. Dafür sind die Errichtungskosten der Sammelkanäle immens. Einsparungen durch die längere Lebensdauer der Leitungen schlagen sich erst nach rund einem Jahrzehnt zu Buche. So langfristig will selbst das reiche Wien nicht denken – einzig im noch reicheren Zürich verläuft unter der Bahnhofsstraße ein breiter Infrastruktursammelkanal.

Wie gefährlich ist nun die Stadt unter der Stadt? Leben die Wiener auf einem Pulverfass? Hermann Knoflacher lächelt und beruhigt. Das einzig Explosive sei Gas – „aber das ist durch Geruchssensoren und Autoabschaltung bei Druckabfall ausreichend gesichert“. Ein eigener städtischer Gasspürdienst überprüft jährlich fast 2000 Kilometer des Gasnetzes. In Wien funktioniere die Infrastruktur, meint Knoflacher, denn im Gegensatz zum weltweiten Trend würden wichtige Leitungen nicht privatisiert. „Die Privatisierung von Infrastruktur führt zu ihrem Verfall. Da fehlt das langfristige Denken“, meint er. „Die fahren so lange auf dem alten Netz, bis alles zusammenbricht. Und wenn dann was passiert, springt sowieso die öffentliche Hand ein.“ Züge in Großbritannien, Telefonleitungen in Ungarn, Strom in Kalifornien, Wasserrohre in Bolivien – Reparaturen werden umso teurer, je länger man damit wartet. Das System ist zerbrechlich. Es braucht viele kleine Pforten in den Untergrund, um es zu bewahren.

Erschienen im Falter 38/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Stadtplanung, Wien

Der Zauberwald

NATUR Abgelegene Lacken, versteckte Lager, nackte Menschen. Die Lobau ist die große Auwildnis am Rand von Wien. Wen zog und zieht der Dschungel an? Eine Spurensuche. JOSEPH GEPP

Dieses Lager scheint schon lange kein Mensch mehr betreten zu haben. Ein kleiner Trampelpfad führt ins Gestrüpp. Man steigt über einen umgestürzten Baum und umrundet ein Brennnesselbeet. Der Pfad mäandert durchs Dickicht und verliert sich alle paar Meter, um ein Stück weiter neu zu beginnen. Er endet bei einer ausgebleichten Zeltplane am Waldboden, beschwert mit Steinen, bedeckt von herabgefallenen Ästen und Blättern. Daneben eine zweite Plane, unter der Speiseölkanister, Einmachgläser, Konservendosen und vom Regenwasser aufgeweichte Toastpackungen hervorlugen. Weit und breit ist niemand zu sehen. Nichts deutet darauf hin, in letzter Zeit jemand hier war. Wer hat sich hier auf einen längeren Aufenthalt eingestellt? Eine Pfadfindergruppe, die eines ihrer Zelte vergessen hat? Das Bundesheer, als es noch hier trainierte? Oder jemand, der vor irgendetwas auf der Flucht war?

Groß, wild und streckenweise fast undurchdringlich ist die Lobau, die Auwildnis am Rand von Wien. Das Lager ein zweites Mal zu finden, wäre schwierig. Von der Dechantlacke, einem idyllischen Teich am Rand der Au, führen viele Wege ins Waldinnere. Kleinere Wege zweigen von ihnen ab, sie führen zu noch kleineren Trampelpfaden. Einer davon, kaum sichtbar, weist den Weg zum Lager. Wer auch immer hier war, er konnte sich fast sicher sein, niemanden sonst zu treffen.

Die Lobau ist dort, wo auf Stadtplänen oft das Wort „Wien“ steht, weil sie so groß und leer ist. Seit 1996 Teil des Nationalparks Donau-Auen, umfasst sie 2300 Hektar, das entspricht etwa der Größe von Simmering. Vor der Donauregulierung 1875 war sie eine Insel zwischen mäandernden Donauarmen. Wer die markierten Pfade verlässt und sich in die Wildnis vorwagt, dem scheint es bald unvorstellbar, sich in der Nähe einer Millionenstadt zu befinden. Das Läuten des Handys scheint hier wie der akustische Angriff aus einer fremden Welt. Das permanente Schwirren, Zirpen, Flattern, Plätschern, Zwitschern und Blätterrauschen formt einen monotonen Einheitston. Sumpfige Pfade führen zu ausgetrockneten Flussarmen und großflächigen, wild wuchernden Wiesen. Je weiter man vordringt, desto weniger Menschen trifft man. Bis einem irgendwann gar keiner mehr begegnet. Dann beginnt man auf den Weg zu achten, um auch wieder zurückzufinden. Zeitungen berichteten in den 70er-Jahren von einem 16-jährigen Schweizer Lehrling namens Markus Degen. Er hatte sich in der Lobau verirrt. Erst nach drei Tagen hörte die Besatzung eines russischen Donaudampfers seine Hilferufe.

„Die Wildnis steht für etwas Irreguläres und zieht irreguläre Existenzen an“, sagt der Lobau-Experte Fritz Keller, der sich in seinem Buch „Die Nackerten von Wien“ mit der Sozialgeschichte der Au beschäftigt hat. „Im Dschungel kann man sich verstecken. Jugendbewegungen und politische Aktivisten nutzten das für ihre Zwecke. Gesellschaftliche Experimente konnten hier ungestört durchgeführt werden.“ Die Wildnis war Refugium für all jene, die das System nicht brauchte – oder die vom System ungestört bleiben wollten: Räuberbanden im Mittelalter, Arbeitslose in der Zwischenkriegszeit, Sozialisten und Schutzbündler im Ständestaat, flüchtige Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg, rechte Politsekten. Menschen, denen die Zivilisation zur Gefahr wurde, fanden ebenso in die Lobau wie Zivilisationsüberdrüssige. Wie etwa die Nudisten, die sich hierher zurückzogen, als das Nacktbaden noch streng verboten war.

Bis heute prägen die Nackten das Bild der Lobau. Sie sitzen rund um die Dechantlacke, spielen Volleyball, jausnen. Eine Großfamilie breitet ganze Billa-Sackerln voll Essen auf einem Campingtisch aus. Ein dicker Wiener küsst eine dünne Thai-Frau. Tiefer im Wald haben Nudisten gar ständige Lager aufgeschlagen: Weitab von den stark frequentierten Plätzen baumeln zwischen Bäumen zwei verwaiste Hängematten, daneben lehnt ein Sonnenschirm. Die Besitzer scheinen an jedem warmen Wochenende wiederzukommen. An der Panozzalacke sitzen verstreut Ausflügler auf kleinen Schilfmatten und lesen. Sie verkörpern einen anderen Typ Lobauaner als jene an der Dechantlacke: Ihre Fahrräder liegen unabgesperrt neben ihnen im Schilf. Vollbärte und Birkenstock-Schlapfen lassen auf eine Sozialisation im Kampf gegen die Kraftwerke Zwentendorf und Hainburg schließen.

Die Nackten von der Lobau haben eine lange Geschichte. „Angefangen hat es mit den Reaktionären, deren Körperbewusstsein oft rassistisch gemeint war. Dann kam die Aussteiger- und Reformbewegung. Und dann, in der Ersten Republik, kamen die Linken“, erklärt Fritz Keller. Die Linken zogen sich nicht nur in die Lobau zurück, um ungestört zu baden. Als Sozialisten und Kommunisten nach dem Bürgerkrieg 1934 in die Illegalität gedrängt worden waren, traf man sich auch in der Lobau, um Blitzaktionen und Kundgebungen zu koordinieren. Jenny Strasser, heute 95 Jahre alt, nahm als Aktivistin des sozialdemokratischen Schutzbundes an derartigen Aktionen teil. Zugeteilt sei sie, damals 23, dem parteieigenen „Nachrichtendienst“ gewesen, erzählt sie. Er befasste sich mit dem Ausspionieren der Behörden des austrofaschistischen Ständestaats. „Wir trafen uns auf der Hirscheninsel, fast jeden Tag im Sommer, das waren oft viele hundert Leute, 90 Prozent davon Rote“, erzählt Strasser, die heute in einem Pensionistenheim in Währing lebt. „Die Nazis trafen sich woanders, in der Kuchelau.“ Die Kuchelau liegt in Döbling am Nordrand der Stadt, die Hirscheninsel im Süden der Lobau musste später der Donauinsel weichen. „An heißen Tagen haben wir uns bei der Stadlauer Brücke in die Donau geworfen und vom Strom bis zur Lobau tragen lassen. Dort haben wir russische Kampflieder gesungen, viel diskutiert und unsere Aktionen geplant.“ Wie sahen diese Blitzaktionen aus? Jenny Strasser redet klaren Blickes und voller Begeisterung: „Sie dauerten meistens nur fünf Minuten. Verschiedene Aktivisten kamen über verschiedene Straßen an einem bestimmten Platz, zum Beispiel am Nestroyplatz, zusammen. Alles war vorab abgesprochen. Dann hielt einer eine schnelle Rede, zwei rollten ein Transparent aus, Flugzettel wurden ausgeteilt. Wenn die Polizei gekommen ist, waren wir schon wieder weg, in verschiedene Richtungen. Auch das war vorher ausgemacht.“ Schon ihre Eltern seien Sozialisten gewesen, erzählt die alte Frau, und sie selbst habe den „Scheiß-Dollfuß“ nie gemocht: „Wir haben dann in der Lobau darüber geredet, was man gegen dieses System tun kann. Zwei Leute gingen zum Beispiel auf Spionagetour, immer ein Mann und eine Frau, damit man sich bei Polizeikontrollen als Liebespaar ausgeben konnte. Einmal haben wir dabei gesehen, wie spätnachts sackweise Briefe vom Postamt zur Polizeistation gebracht wurden. Die Polizei wollte sie also vorher lesen. Am nächsten Tag stand das dann in der damals noch nicht verbotenen Arbeiterzeitung.“ In der Lobau traf sich das ganze linke Spektrum, auch Kommunisten hatten sich unter die Schutzbund-Funktionäre gemischt. „Die Kommunisten waren aber unzuverlässig. Sie ließen gemeinsam vereinbarte Aktionen regelmäßig platzen. Und wenn wir in der Lobau diskutierten, dann waren sie viel zu dogmatisch. Die sagten dann immer: Bei Lenin, Seite 26, vierte Zeile von unten, steht das oder das.“ Am 12. März 1938, als die Nazis einmarschierten, stand Jenny Strasser am Praterstern. Bald darauf floh sie mit ihrem Mann in die Schweiz und nach Frankreich. Nach Kriegsende 1945 hat sie die Lobau nie mehr betreten.

Die Nationalsozialisten errichteten in der Lobau einen großen Hafen zur Lagerung und Verteilung von Erdöl, der bis heute existiert. Noch immer stehen die Betonbunker im Wald, die den Wachmannschaften bei Bombenangriffen als Unterstand dienten. Heute bedeckt sie meterhohes Gestrüpp. Zum Bau des Ölhafens wurden Zwangsarbeiter herangezogen. „Das waren hauptsächlich russische Kriegsgefangene und ungarische Juden“, sagt Robert Eichert, Lokalhistoriker und grüner Bezirksrat im 22. Bezirk. Die nationalsozialistischen Machthaber wollten die Lobau in einen wichtigen Knotenpunkt verwandeln: Neben dem Ölhafen wurde – ebenfalls mit Zwangsarbeitern – mit dem Bau eines großen Schifffahrtskanals begonnen. Er sollte, von der Lobau ausgehend, die Donau mit der Oder im heutigen Polen verbinden. 1943 wurde das Projekt kriegsbedingt eingestellt. Die wenigen tatsächlich gebauten Kilometer reichen über die Lobau bis an den Rand des Marchfelds. Heute dienen die überwachsenen, rechteckigen Seen als abgelegene Bade- und Angelplätze. „Wer vom Donau-Oder-Kanal in die Au wandert, der findet noch die Grundmauern der Baracken, wo die Zwangsarbeiter einquartiert waren“, sagt Eichert. „Bei den kleinen ist ein Luftschutzbunker dabei. Das waren die Behausungen der Wachen. Bei den großen fehlt der Bunker. Dort waren die Zwangsarbeiter. Mehrmals zerstörten Luftangriffe den Stacheldraht, dann sind viele der Gefangenen in den Wald geflohen.“

Die Dichte der Au bot Schutz, und Einheimische versorgten die ausgehungerten geflohenen Zwangsarbeiter manchmal mit Lebensmitteln. Der menschenleere Wald wurde zu ihrem Versteck, wie er vorher jenes der Schutzbündler gewesen war. Rechte wie Linke, Gefangene wie Aussteiger entdeckten im Lauf der Zeit die Au für sich. Der Historiker Friedrich Heller schreibt von Räuberbanden und Kirchenabtrünnigen, die schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Lobau ihre Stützpunkte hatten. Viel später, nach dem Ersten Weltkrieg, waren es Arbeitslose, die in den Wald zogen. Die „Ausgesteuerten“ – jene, die das Recht auf staatliche Stütze verloren hatten – bauten am Aurand Hütten und versuchten sich in der Landwirtschaft. Wenn ein Schiff die Donau passierte, dann schöpften sie das angesammelte Fett von der schmutzigen Wasseroberfläche ab, sammelten es in Fässern und verkauften es für wenig Geld an Fuhrleute, die es an Seifensieder weiterreichten. Im Jahr 1926 propagierten linksorientierte Zeitungen das Konzept der „Kolonien in der Heimat“. Das Land war verarmt, Zehntausende wollten aus Perspektivlosigkeit auswandern – stattdessen sollte man doch brachliegendes Land in Österreich urbar machen, lautete die Idee. Die Kampagne hatte Erfolg: Im Jahr darauf wies die Gemeinde den Arbeitslosen 104 Hektar am Biberhaufenweg, am Rand der Lobau, zu. Dort bauten die Ausgesteuerten kleine Holzhütten. In einem nahegelegenen Gasthaus wurde im Wäschetopf Einbrennsuppe für die Pioniere zubereitet. Zu legalen Siedlungen gesellten sich illegale, zu den Österreichern kamen Roma und Sinti. Am Biberhaufenweg, wo heute ein adrettes vorstädtisches Schrebergartenviertel liegt, entstanden solcherart die „Wiener Favelas“, wie sie der Historiker Fritz Keller bezeichnet. Alte Fotos erwecken tatsächlich diesen Eindruck: improvisierte Wellblechhütten, Wohnwägen, Autowracks. Dem Elendsviertel war ein langes Leben beschert: Laut Friedrich Heller stand der „Slum von Wien“ noch bis Anfang der 70er-Jahre.

Später ersetzten Wochenendhäuschen die Armensiedlungen, und vom Elend ist heute nichts mehr zu sehen. Menschen, die im zivilen Leben Hausmeister oder Biologielehrer sein könnten, aalen sich nackt in der Sonne. Donaustädter polieren Autos und lassen ihre Hunde im Wasser pritscheln. Die Abgeschiedenheit des Waldes wirkt heute nur noch idyllisch. Das größte Medienecho der vergangenen Jahre habe es gegeben, als eine Joggerin vor drei Jahren von einem Biber gebissen worden sei, erzählt Gottfried Haubenberger von der Lobauer Forstverwaltung. Der Biber sei davor aus seinem Rudel verstoßen worden. „Schwerst indigniert und erbost hat er dann der älteren Dame in die Fingersehne gebissen“, erzählt der Forstmeister.

Nicht immer ging es so harmlos zu. In den 20er-Jahren wollte ein verarmter Offizier der k. u. k. Armee, von der Lobau ausgehend, einen eigenen Staat gründen. Peter Waller, vermutlich psychisch labil, gestorben 1971, scharrte in einem Zeltlager ein paar Anhänger um sich und gründete die „Asen“, eine rechte Polit-Sekte. Ihre Kunstsprache „Hewua“ hätte sich über kurz oder lang über die ganze Welt ausbreiten sollen. Die Kampftruppe der Sekte trug bunte Fantasieuniformen hieß auf Hewua „Wardanieri“. Waller selbst verlieh sich den erfundenen Titel „Wodosch“. Ein Buchumschlag aus dem Jahr 1929 skizziert das projektierte Reich des selbsternannten Stifters einer neuen Weltordnung: das „deutsche Morgenland“ Ostniederösterreich und Burgenland rund um die Hauptstadt „Ormanjelo“, ein Zeltlager in den Donau-Auen. Zeitungen bescheinigten Waller in den 20er-Jahren die rhetorischen und manipulativen Fähigkeiten von Benito Mussolini. Ormanjelo sollte für Peter Waller, den „Wodosch aller Asen“, allerdings nur der Anfang sein: Im Mai 1928 zogen ein paar hundert Wardanieri gen Süden. Im heutigen Äthiopien wollten sie ein von Waller proklamiertes neues gelobtes Reich gründen. Tage später hatte sich der zerlumpte und halbverhungerte Zug Asen auf einige Dutzend Menschen reduziert. Die Wardanieri waren bis zur italienischen Grenze gekommen. Der Zöllner ließ sie nicht passieren.

Auf in die Lobau!
Seit 1996 ist die Lobau Teil des Nationalparks Donauauen mit Badeseen, Bibern und Wasserwald. So kommt man hin. Panozzalacke: Linie 91A bis Lobgrundstraße; Dechantweg: Linie 91A bis Roter Hiasl. Hier ist auch das Nationalparkhaus (Tel. 4000-49495, Mi-So 10-18 Uhr). Das Forstamt der Stadt Wien bietet Führungen und Exkursionen an (Tel. 02249/23 53), das Nationalparkboot fährt täglich um 9 Uhr vom Donaukanal in die Lobau (Anlegestelle: 2., Salztorbrücke; Anmeldung: Tel. 4000-49480).

Erschienen im Falter 29/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Stadtleben, Wien

Siebzig Jahre Einsamkeit

JUDENTUM 1938 mussten sie aus Österreich fliehen. 1948 mussten sie
den neuen Staat Israel aufbauen. Heute betreiben sie gemeinsam
Seniorenturnen. Ein Besuch beim Klub der Altösterreicher in Tel Aviv.
JOSEPH GEPP, Tel Aviv

Wenn Gideon Eckhaus über Sand spricht, dann hört man ihn fast
rieseln. Er hat seine Hand zur lockeren Faust geballt und reibt die
zittrigen Finger aneinander, als würde ihm der Sand durch die Finger
rinnen. „Straßen, Plätze, Gebäude. Alles, was sie hier sehen. Das war
alles nur Sand“, sagt Eckhaus. Er sitzt in einem modernen Café im
ruhigen Norden Tel Avivs, auf dem Tisch eine Tasse Cappuccino und ein
Sandwich mit Roastbeef – und kein Sandkorn weit und breit. „Als ich
herkam, hat es das alles noch nicht gegeben. Wir haben es aufgebaut.
Ich habe sieben Jahre lang in einem Zelt geschlafen. Es hat mich
nicht gestört.“ Er sei ja immerhin mit dem Leben davongekommen, sagt
er.

Es ist viel Zeit vergangen, seit Gideon Eckhaus, 85, aus
Wien-Leopoldstadt hierherkam. Das war am 9. Jänner 1939. Er kam und
brachte tatsächlich nichts mit als sein Leben. Der Staat, in dem er
später leben sollte, existierte noch nicht einmal. Dessen tragende
Bevölkerungsgruppe war größtenteils gerade erst angekommen, schuf
erste staatliche Strukturen im Untergrund, bekämpfte Naturgewalten
und schleuste Neuzuwanderer am britischen Kolonialherrn vorbei. Die
Stadt, die er verlassen musste, verfügte zwar über Straßen, Plätze
und Gebäude – aber nicht mehr für Gideon Eckhaus: Ihm und seiner
Familie hatten die Nationalsozialisten, die zehn Monate zuvor in
Österreich einmarschiert waren, alles weggenommen. Das Geschäft des
Vaters wurde „arisiert“, das Firmeneigentum requiriert, er selbst in
eine Schule in der Czerningasse im zweiten Bezirk gesteckt, wo
ausschließlich jüdische Kinder zusammengefasst waren. „Einmal kam der
Fotograf vom Stürmer. Der wollte Bilder machen von Judenkindern, wie
sie Eselsgrimassen schneiden oder Ähnliches. Unser Lehrer hat uns
schnell durch den Hintereingang nachhause geschickt.“ Das rechne er
dem Lehrer bis heute hoch an, sagt Eckhaus. Als Jugendlicher sah er,
wie Synagogen geplündert und orthodoxe Juden zum Tanz um brennende
Thorarollen gezwungen wurden. Dann floh er ins damalige Palästina.
Schon vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich hatte
er als freiwilliger Helfer bei der Wiener Dependance des
zionistischen Palästina-Amts mitgearbeitet – das kam ihm zugute, als
sein Leben von einer der raren Einreisebewilligungen für Palästina
abhing. „Ich kam in Palästina an. Hier war ich nicht wehrlos wie in
Wien. Ich hatte eine Waffe in der Hand. Ich dachte: Sollen sie
kommen. Ich werde mich zumindest verteidigen.“

Fünf Kilometer weiter südlich, im geschäftigen Zentrum von Tel
Aviv, hebt Lisbeth Rosenthal ihren rechten Arm. Ganz langsam. Es
fällt nicht mehr so leicht wie früher. Dann sinkt er zurück auf die
Sessellehne, auf die sie sich stüzt. Es folgt der linke. Und wieder
der rechte. Die Gymnastiklehrerin scheint nicht allzu streng.
Rosenthal steht in einer Reihe mit 15 anderen alten Menschen, mehr
Frauen als Männern, geschätztes Durchschnittsalter etwa achtzig. Eine
Dreiviertelstunde dauert das Seniorenturnen. Darauf folgt ein
Kaffeekränzchen im Raum nebenan. Dann setzt sich Lisbeth Rosenthal
mit ihren Freundinnen an einen Tisch, sie spielen Scrabble und reden
darüber, wo sich die Kinder gerade aufhalten und wie es den Enkeln
geht. Sie grüßen mit „Shalom“, aber abgesehen davon ist ihre
Umgangssprache Deutsch. Es ist eine Sprache, deren Entwicklung vor
siebzig Jahren stehengeblieben ist. Man könnte sie als bürgerlich
bezeichnen: Die Sätze enden mit einem fragenden „Nicht?“ und statt
„dort“ sagen sie „dort’n“. Wenn sie von der Vergangenheit erzählen,
benutzen sie das Imperfekt. Und wenn ihnen etwas aus der Hand fällt
und man es aufheben will, dann sagen sie: „Bemühen Sie sich nicht.“
Die Ausdrücke klingen altmodisch und die Mimik unterstreicht heftig
das Gesagte. Jakob Stiassny, 61, Chef des Klubs der
altösterreichischen Pensionisten in Tel Aviv, sagt, dass er mit den
Senioren hin und wieder Artikel aus Fachzeitschriften durchgehe. Auf
solche Art würden sie ihren Wortschatz auf den neuesten Stand
bringen. Schließlich konnte vor siebzig Jahren niemand ahnen, dass
„Handy“ und „Computer“ einmal Eingang in den Duden finden würden.

Stiassnys kleines Büro liegt im Hinterzimmer des Klubs. Er
gründete ihn vor fünfeinhalb Jahren. Damals waren die
österreichischen Juden alt geworden. Die Zeit hatte begonnen, in der
sie auf Unterstützung angewiesen waren. Lebensqualität im Alter hat
viel mit Erinnerung zu tun, meint Jakob Stiassny. Diese Leute hätten
eine schwierige Vergangenheit gehabt: erst die Vertreibung aus
Österreich, dann die entbehrungsreiche Pionierzeit in Israel. „Je
älter die Menschen werden, desto lebendiger wird ihr
Langzeitgedächtnis. Die gemeinsame Vergangenheit ist dann eine
wichtige Stütze.“ Er druckt eine Liste mit dem Programm für März 2008
aus. Neben der wöchentlichen Turnstunde steht da „Bridge für
Fortgeschrittene“, „Kaffee, Kuchen und Salzgebäck“, „Blutdruckmessen
und Beratung“, aber auch ein Treffen mit österreichischen Schülern,
eine Gedenkveranstaltung zu 1938 und ein Vortrag über das iranische
Urananreicherungsprogramm. Der Klub finanziere sich aus
Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Geldern des österreichischen
Nationalfonds, sagt Jakob Stiassny. Er untersteht der Vereinigung der
Pensionisten Österreichs in Israel, dessen Vorsitzender, und Stimme
der vertriebenen Juden Österreichs, Gideon Eckhaus ist.

Der Pensionistenverein – vier Räume im Untergeschoß eines
schlichten gräulich-weißen Hauses, ein paar Tische, eine kleine
Bibliothek, ein Ständer mit einigen österreichischen und israelischen
Zeitschriften und ein Podium für Gymnastik und Vorträge – liegt in
der Esther-Hamalka-Straße von Tel Aviv, mitten in einer Stadt, die
mit Wien ganz und gar nichts gemein hat: Tel Aviv ist wild, quirlig,
südlich und vorwärtsgewandt. Aus den Autos, die die palmengesäumte
Strandpromenade entlangkurven, dröhnt westlicher und orientalischer
Discobeat. Die Israelis sagen, dass Haifa arbeitet, Tel Aviv feiert
und Jerusalem betet. Tel Aviv, das ist leichtbekleidetes
Beachpartyfeeling à la Ibiza, versetzt mit einem kleinen Schuss
Orient – vor dem Hintergrund eines uniformen grauen Häusermeeres aus
der Zwischen- und Nachkriegszeit. Getragene mitteleuropäische
Existenzen wie Frau Lisbeth Rosenthal würden sich hier wohl nicht
freiwillig ansiedeln.

Aber sie wurden nicht danach gefragt. Selbst ihre Sprache – für
viele Zionisten die Sprache der Unterdrückung, des Schtetls, der
Diaspora – war im jungen Israel nicht erwünscht. Ob sie sich gar
nicht schäme, kein Hebräisch zu sprechen, sei sie vor Jahrzehnten
gefragt worden, erzählt Lisbeth Rosenthal. Es sei leichter, sich zu
schämen, als Hebräisch zu lernen, habe sie geantwortet. Schon vor
mehr als einem halben Jahrhundert hätten Rosenthal und ihre beiden
Freundinnen die deutsche Muttersprache ablegen und durch das
Hebräische ersetzen sollen – auch im privaten Umfeld. Aber Frau
Rosenthal weigerte sich: „Aus dem Kibbuz warfen sie mich nach zwei
Jahren hinaus, weil ich weiter darauf bestanden habe, Deutsch zu
sprechen“, erzählt sie über die Jahre nach der Ankunft. „Der Kibbutz
bestand zwar fast ausschließlich aus deutschen und österreichischen
Juden – aber sie hatten sich fest entschlossen, nur noch Hebräisch zu
sprechen.“ Bis heute lese sie regelmäßig eine Zeitschrift namens
Sha’ar, zu Deutsch „Das Tor“, sagt Rosenthal. Sha’ar richtet sich,
seinem Namen gemäß, eigentlich an Neueinwanderer in Israel. Im
Gegensatz zu anderen Medien des Landes druckt das Heft seine
hebräischen Lettern mit kleinen Punkten und Strichen über oder unter
den Buchstaben – sie zeigen Vokale an, die normalerweise im
Hebräischen nicht geschrieben, sondern lediglich mitgedacht werden.
Aber Frau Rosenthal liest selbst siebzig Jahre nach ihrer Ankunft in
Israel noch flüssiger, wenn die Vokale bereits aus dem geschriebenen
Wort hervorgehen. Es scheint, als sei sie für immer in der
Toreinfahrt stehengeblieben. Die Landessprache spricht sie, wie alle
anderen ehemaligen Wiener Juden, nach wie vor mit deutschem Akzent:
„Im Hebräischen gibt es so viele Akzente wie Einwanderergruppen“,
sagt sie. „Als ich herkam, waren viele Einwanderer aus Russland da –
also dachte ich, der russische Akzent sei eigentlich das
Hochhebräische. Damals sprachen sie sogar am Nationaltheater mit
russischem Akzent. Und genauso reden andere Einwanderer eben bis
heute mit deutschem Akzent.“

Lisbeth Rosenthal erzählt, und der Kaffee in der Thermoskanne wird
langsam kalt. Ihre Erinnerungen sprudeln, sie lacht, wird kurz ernst,
lacht wieder. Sie stamme aus Wien-Alsergrund und sei im Frachtschiff
nach Palästina gekommen, sagt sie. „Auf dem Schiff habe ich zum
ersten Mal Oliven gekostet. Seitdem esse ich sie jeden Tag zum
Frühstück.“ Sie lacht. Nach ihrer Ankunft in Palästina habe sie
angefangen, im Kibbuz zu arbeiten, im gemeinschaftseigenen Kuhstall.
Das sei schwere Arbeit gewesen, sagt sie. „Aber es war schön. Sie
haben mich gebraucht.“ Sie kam alleine, denn die Mutter war in
Auschwitz gestorben und der Vater nach Shanghai geflohen, wo er noch
einige Jahre blieb. In Wien war sie, wie sie es ausdrückt, in einem
„bürgerlichen Elternhaus“ aufgewachsen. „Wir hatten eine Hausgehilfin
und eine schöne Wohnung, auf der Liechtensteinstraße, direkt
vis-à-vis der Polizeidirektion. Ich kann mich noch an den März 1938
erinnern. Da habe ich durchs Fenster beobachtet, wie die Polizisten
in der Direktion die Hakenkreuzbinde umgelegt haben.“ Die folgenden
Monate rissen Lisbeth Rosenthal aus ihrer alten Welt, warfen sie in
eine neue, für sie völlig fremde. „Als wir im Kibbuz in den Bus
stiegen, hat der Fahrer gesagt: Wenn jemand auf uns schießt, dann
sollen wir uns auf den Boden legen. Und ich dachte mir: Der Boden ist
doch viel zu dreckig. Da leg ich mich doch nicht hin.“ Sie lacht
wieder.

Als sie auf ihr Verhältnis zu Wien zu sprechen kommt wird sie
ernst: Ja, sie sei seit 1945 schon dort gewesen, mehrmals sogar, sagt
sie. „Aber recht wohl fühle ich mich dort nicht.“ Wie sich das
äußere? Lisbeth Rosenthal sagt einen Satz, der im Lauf des Gesprächs
schon öfters fiel: „Ich weiß nicht, ob sie sich das vorstellen
können.“ Es sei eben merkwürdig, wenn man in der Straße, wo man die
erste Liebe kennengelernt, auch die ersten Prügel abbekommen habe.

Das ist nicht bei allen einstigen Wienern so. „Also, ich fahre
nach wie vor gerne nach Wien“, unterbricht Nora Shaw, die daneben
sitzt, ihre Tischgenossin. Shaw, ebenfalls 85, hieß früher einmal
Nora Schön, aber ihr Mann, der in Großbritannien arbeitete, ließ den
Namen ändern. Und so heißt sie wie jener Dichter, dessen gesammelte
Werke auf ihrer Wohnzimmerkommode stehen. Neben Goethe und Oscar
Wilde, neben Büchern in deutscher, englischer, französischer und
hebräischer Sprache, neben einer versprengten Mozartkugel und ein
paar kleinen Souvenirs aus Paris und Barcelona. „Das hier schaut
wahrscheinlich nicht viel anders aus als in Wien“, scherzt sie. Tel
Aviv, sagt sie, sei heiß, und die verrosteten Klimaanlagen, die aus
den Hausfassaden ragen, schauen aus wie Warzen. Sie sei oft in Wien
gewesen, denn ihre Schwester habe dort gelebt. Sie erzählt, wie sie
einen Weinkrampf bekommen habe, als sie vor Jahren zum ersten Mal
wieder ihr altes Stiegenhaus in der Glasergasse in Wien-Alsergrund
betrat. Denn „alle Erinnerungen kommen auf einmal wieder hoch, die
guten wie die schlechten“. Es sind jedoch eher die guten, an die sie
sich jetzt erinnert, die sich offenbar eingeprägt haben: Nora Shaw
redet über den Turm im Dianabad, von dem sie sich nicht springen
traute, über den Türkenschanzpark, durch den sie so oft spazierte,
und über das Café Industrie im neunten Bezirk, wo „mein Vater immer
stundenlang gesessen und Zeitung gelesen hat“.

Wenn Gideon Eckhaus über Wien spricht, dann sind es eher die
schlechten Erinnerungen, die hochkommen. Er geht härter ins Gericht
mit Österreich als die anderen einstigen Wiener. Vielleicht hängt das
damit zusammen, dass Eckhaus Monate später ging als die anderen – und
bis Anfang 1939 das äußerste Maß der Diskriminierung miterleben
musste. „Unter den Menschen, die uns damals schikaniert und
vertrieben haben, waren viele Leute, die gebildet waren, die eine
gewisse Kultur hatten. Ich verstehe das nicht“, sagt er. Er beklagt
das Schweigen des Nachkriegsösterreichs, die Ignoranz gegenüber den
Überlebenden, die hauptsächlich nach Israel und in die USA emigriert
waren. „Wir hatten nichts und wir wurden nicht unterstützt. Erst der
Vranitzky hat das dann ein bisschen eingesehen.“ Nun seien sie alt,
etwa 5000 altösterreichische Juden habe es im Jahr 1996 noch in ganz
Israel gegeben, heute sei es vielleicht die Hälfte. „Die Leute haben
es nicht leicht gehabt“, sagt Eckhaus. Viele seien weggestorben,
manche hätten sich auch umgebracht. Die Pensionistenklubs in Haifa,
in Jerusalem, in Tel Aviv sollen in dieser Situation dafür sorgen,
dass die Menschen mit ihrer Erinnerung nicht alleine bleiben. Wenn
Gideon Eckhaus nach Wien fährt, dann hauptsächlich, um dort Gräber
aufzusuchen. „Meine Mutter hatte das Pech, in Wien begraben zu
werden“, sagt er. Er sei dort gewesen, vor langer Zeit, am
Zentralfriedhof, bei den – zwischenzeitlich renovierten – jüdischen
Gräbern hinter Tor Nummer vier. „Aber es war alles mit Brennnesseln
überwachsen. Ich konnte beinahe gar nichts sehen.“

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Religion, Stadtgeschichte, Wien

Letzte Worte

NATIONALSOZIALMUS Wieso auf einem Gemeindebau am Alsergrund noch
immer ein Zitat von Adolf Hitler prangt.
JOSEPH GEPP

Es gab Zeiten, da waren Gemeindebauten Ausdruck eines
Standesbewusstseins. Der Thuryhof am Alsergrund ist so einer: lange
Reihen uniformer Torbögen, ein Kinosaal und Balkonumfassungen, die
ein wenig wie Schießscharten wirken. „Erbaut aus Mitteln der
Wohnbausteuer“ in den Jahren 1925/26. Wehrhaft und egalitär, so
sollte es sein, das Rote Wien. Doch später kamen Christlichsoziale
und Nationalsozialisten, und der Traum war vorerst vorbei.

Am Thuryhof hat jedoch nicht nur die Sozialdemokratie ihre Spuren
hinterlassen: Über einem Torbogen blickt ein überlebensgroßer Krieger
stramm und finster in die Weite. Das Standbild stammt vermutlich aus
nationalsozialistischer Zeit. Auf einer darunter angebrachten Tafel
prangt – in Kurrentschrift – ein Zitat: „Wir bitten Dich Herrgott,
lass uns niemals wankend werden und feige sein, lass uns niemals die
Pflicht vergessen, die wir übernommen haben.“ Urheber des rührenden
Vierzeilers: Adolf Hitler. Sein Name wurde weggeschliffen, unter den
Worten verweisen helle Stellen noch immer auf den Platz, wo die
Buchstaben standen. Der Spruch ist Teil einer Rede, die der
Reichskanzler am 4. März 1933, am Tag vor der Reichstagswahl, in
Kaliningrad, damals Königsberg, hielt. Der Völkische Beobachter
druckte sie am nächsten Tag im Volltext, das Zitat kommt darin vor,
„stürmischer Applaus“ steht dahinter in Klammern.

hitlerzitat
Foto von Heribert Corn

„So etwas kann man nicht einfach unkommentiert stehen lassen“,
sagt Stefan Freytag, stellvertretender Bezirksobmann und Obmann der
Grünen am Alsergrund. Schon vor knapp vier Jahren hätten die
Bezirksgrünen einen Antrag auf „zeithistorisch-künstlerische
Neugestaltung der Tafel“ gestellt. „Man sollte den Spruch mit einer
zweiten Tafel ergänzen“, sagt Freytag. „Das wäre besser, als sie ganz
zu entfernen. Was mich stört, ist das Unkommentierte.“ Die
Bezirksversammlung nahm den Antrag damals an, der Fall ging an die
Alsergrunder Kulturkommission – und wurde ad acta gelegt, nachdem SPÖ
und FPÖ die Herkunft des Zitats angezweifelt hatten. „Die
Urheberschaft der Worte ist einwandfrei bewiesen. Sie stehen ja im
Völkischen Beobachter“, sagt Erich Eder, grüner Bezirksrat und
Initiator des Antrags. Dass sich die Umrisse des Namens noch immer
auf der Metalltafel abzeichnen, bezieht er in diese Beweisführung gar
nicht ein.

Siegi Lindenmayr, mit der Causa befasster SPÖ-Gemeinderat,
zweifelt den Ursprung des Zitats trotzdem an: Zwar verlangt auch die
SPÖ inzwischen eine „aufklärende Informationstafel“. Aber, so
Lindenmayr: Das Zitat stamme aus dem Radiohörspiel eines
unpolitischen Schriftstellers von 1932, das später von
„nationalsozialistischen Propagandaschreibern inhaltlich manipuliert“
wurde. Es handelt sich also um ein Denkmal, dessen historischer
Kontext verloren gegangen ist – nur die verblichenen Umrisse des
Namens unter dem Zitat sprechen Bände: „Ein schöneres Sinnbild für
den Umgang mit der Geschichte in der Zweiten Republik kann es gar
nicht geben“, sagt Erich Eder, „der Name wurde diskret entfernt, der
Inhalt blieb oft derselbe.“ Jetzt prangt ein neuer Satz über dem
Hitlerspruch: „Es kann nicht sein, dass 2008 noch immer ein Zitat von
Adolf Hitler unkommentiert auf einem Gemeindebau steht!“ Mit
Nylonschnur, dicken Buchstaben und Plastikfolie haben die
Bezirksgrünen ein kleines Plakat gebastelt und es über die metallenen
Buchstaben gespannt. Ganz so dauerhaft wie die dahinterstehenden
Hitlerworte dürfte das Transparent allerdings nicht sein.

Erschienen im Falter 11/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Wien

Stadt mit Juden

HOLOCAUST Das rege jüdische Leben von Rudolfsheim-Fünfhaus ist
heute fast vergessen. Nun soll es ins Gedächtnis der Stadt
zurückkehren.
JOSEPH GEPP

Als Judith Pühringer und Michael Kofler vor drei Jahren gemeinsam
in den 15. Bezirk zogen und in der Herklotzgasse 21 eine
Bürogemeinschaft gründeten, ahnten sie nicht, wo sie da gelandet
waren. Ein hübsch eingerichteter Arbeitsplatz sollte es sein,
großräumig, parkettbodenbelegt und nicht allzu teuer. Doch dann las
Judith Pühringer, 32, ein Buch, und der Ort wurde zum Programm. Es
waren die Kindheitserinnerungen von Inge Rowhani-Ennemoser, einer
österreichischen Jüdin. Als „Zentrum jüdischen Lebens“ beschrieb sie
darin die Herklotzgasse 21, als Sitz jüdischer Hilfsvereine,
Treffpunkt des Viertels und Heimstatt des jüdischen Sportklubs
Makabi, dem die Turnhalle im Hof der ehemaligen Schule zu
Trainingszwecken diente. Pühringer war angetan. Gemeinsam mit Michael
Kofler, 41, und dem Historiker Georg Traska, 39, begann sie, die
Geschichte des Hauses zu erforschen.

Was dabei herauskam, reicht weit über das gründerzeitliche Gebäude
hinaus. Zwischen zwei Synagogen, die nicht mehr existieren, und dem
Haus in der Herklotzgasse hatte sich im frühen 20. Jahrhundert ein
vitales, heute fast vergessenes jüdisches Grätzl entwickelt. Hier
lebte und wirkte vorwiegend die Arbeiterklasse unter jenen zehn
Prozent Wienern, die bis zur NS-Zeit jüdisch waren. Im nahe gelegenen
Storchentempel in der gleichnamigen Gasse berichteten israelische
Emigranten vom selbstverwalteten Leben in den neugegründeten
Kibbuzim. In der Herklotzgasse selbst wurden Versehrte des Ersten
Weltkriegs behandelt, nicht weitab stand ein jüdisches Waisenhaus.
Dann kam der 9. November 1938. In einer einzigen verhängnisvollen
Nacht wurden die beiden Synagogen niedergebrannt, dann das Haus in
der Herklotzgasse arisiert. Trotz späterer Restitution an die
Israelitische Kultusgemeinde existierte das jüdische Leben des 15.
Bezirks fortan nur noch in der Erinnerung einiger alternder, über
alle Welt verstreuter Menschen.

„Wir wollten die jüdische Vergangenheit des Bezirks aus dem
Vergessen holen und in das Gedächtnis der Stadt integrieren“, sagt
Michael Kofler. Es sei eine Quelle der Geschichten, Erinnerungen und
Anekdoten, die er – selbst ohne jüdischen Hintergrund – angebohrt
habe. „Das war ein kleines Netzwerk von Personen und Vereinen hier im
Viertel. Die Leute kannten sich alle gegenseitig.“ Und kennen
einander bis heute: Ein paar alte Damen in Tel Aviv würden sich
regelmäßig treffen und austauschen, erzählt Kofler. Sie alle hätten
denselben jüdischen Kindergarten in der Herklotzgasse besucht. Im
Oktober reisten Kofler, Pühringer und Traska nach Israel, um
Zeitzeugen zu interviewen. 50 Stunden Filmmaterial kamen zusammen.
„Viele Menschen konnten stundenlang über ihre noch lebendigen
Kindheitserinnerungen reden. Das Verhältnis zu Wien war oft
ambivalent. Manche haben die Schneekugel mit dem Riesenrad zuhause,
andere sind voller Zorn auf Österreich.“

Nun setzt sich die kleine Interessengemeinschaft für die
Erinnerung an die Juden im 15. Bezirk ein. Ein Denkmal soll in jenen
winzigen Park kommen, wo sich bis zur NS-Zeit eine der beiden
Synagogen befand. Ein Buch, ein Film und eine Ausstellung soll die
Arbeit der drei Begeisterten dokumentieren. Das Geld dafür stellen
der Zukunftsfond der Republik und private Sponsoren zur Verfügung.

Als Inge Rowhani-Ennemoser im Jahr 2000, erstmals seit
Jahrzehnten, das Haus Nr. 21 betrat, entdeckte sie einen Raum, der
offenbar seit langer Zeit nicht mehr geöffnet worden war. Darin
standen etwa 800, bis unter die Decke gestapelte Kartons. Es war, wie
sich später herausstellte, ein Gutteil der Deportations- und
Auswanderungslisten, die von der jüdischen Gemeinde für das NS-Regime
angefertigt werden mussten. Im Lauf der Jahrzehnte wurde der
historische Schatz in der alten Hausmeisterwohnung einfach vergessen.
Nun wird das Material von der Kultusgemeinde gesichtet und
ausgewertet. Er werden noch viele Geschichten kommen, die die
Herklotzgasse 21 zu erzählen weiß.

www.herklotzgasse21.at

Erschienen im Falter 4/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Wien