Archiv der Kategorie: Stadtgeschichte

Die Stadt, die niemand kennt

Aus dem FALTER 44/2011

Bunker, Keller und Skelette: Eine Gruppe junger Wiener erforscht, was seit Jahrzehnten verborgen im städtischen Untergrund liegt

Reportage: Joseph Gepp

Fotos: Heribert Corn

Abgesehen von Thomas Keplinger und seinen Freunden hat diesen Ort wohl seit dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr betreten. Die massive Stahltür liegt, weit geöffnet, halb unter Schutt und Herbstlaub vergraben. Keplinger klettert hindurch, in einen wohnzimmergroßen Raum mit Betongewölbe. Holzlatten entlang der Wand deuten darauf hin, dass hier einmal Sitzreihen waren. Am Boden liegen rostige Trümmer und der Schädel eines Hundes. Ein halb verschütteter Seitenraum war einmal das Klo. Keplinger wirft den Strahl seiner Taschenlampe an die Wand. „Susi und Sepperl“ ist da in altertümlicher Handschrift geschrieben. „Du bist so lieb.“ Alte Inschriften, sagt Thomas Keplinger, würden ihn besonders faszinieren. Etwas weiter stehen große Druckbuchstaben neben einem Pfeil: „Vergiftete Kleidung abwerfen.“

Thomas Keplinger und sein Kollege Georg Demmer bei der Arbeit im Untergrund (Corn)

Warum die Kleidung vergiftet war und was dieser Weltkriegsbunker in einem Waldstück am dünn besiedelten Stadtrand von Liesing überhaupt sollte, weiß heute niemand mehr. Einzig eine rechteckige Senke neben ihm lässt darauf schließen, dass hier ein Gebäude stand. „Vielleicht“, mutmaßt Keplinger, „gehörte der Bunker ja zu einem Labor, in dem mit Giftstoffen hantiert wurde.“

Keplinger, 37, im Brotberuf PR-Angestellter, ein schlaksiger Mann mit umgehängter Kameratasche und Wanderstiefeln, gehört zu einer Gruppe namens „Verborgene Räume“. Das sind im Kern acht bis zehn Leute, mit und ohne wissenschaftlichen Hintergrund, die seit zwei Jahren den Wiener Untergrund erforschen und Faszination an ihm wecken wollen. Zum eigenen Schutz und zu jenem der Objekte ihrer Wissbegierde haben sie sich dabei eine Art Kodex auferlegt. Zwei voneinander unabhängige Lichtquellen muss ein Mitglied der Verborgenen Räume stets bei sich tragen. Vor Ort darf nichts verändert oder gar mitgenommen werden, lediglich fotografiert. Auch der Falter nennt keine genauen Ortsangaben, um die Stätten vor Vandalen und Sprayern zu schützen.

Warum die Kleidung vergiftet war, weiß man heute nicht mehr (Corn)

Hinweise auf interessante Orte beziehen Keplinger und Kompagnons aus Internetforen. Dort tobt mitunter eine erbitterte Debatte darüber, ob denn mehr dahinter sein könnte, wenn ein Stück Feldweg an Wiens Peripherie unvermittelt asphaltiert ist. „Das Tolle an unserer Beschäftigung ist“, sagt Keplinger, „dass man aus einer scheinbar vertrauten Umgebung sofort in eine komplett andere Welt abtaucht.“ Er meint eine Welt aus vergessenen, zufällig liegengebliebenen Fetzen, die Geschichten erzählen. Eine Nische ohne offenkundigen Zweck, ein rostiger Haken an der Wand. Ein altes Holzfass, ein Flugblatt aus der Zwischenkriegszeit. „Bei uns vermischen sich Forschungsinteresse und Erlebnisfaktor“, sagt Georg Demmer, 28, ebenfalls Mitglied der Verborgenen Räume. „Es sind kleine Dinge, die in die Vergangenheit führen.“

"Susi und Sepperl", steht da. "Du bist so lieb."
(Corn)

Vereine, die den Untergrund erforschen, sind in den vergangenen Jahren in vielen Städten Europas aufgetaucht. In Hamburg, Berlin, Paris und Rom können Interessierte mittlerweile sogar unterirdische Theateraufführungen und Thementage buchen. In Osteuropa streifen Passionierte durch die bröckelnden Hinterlassenschaften von forcierter Industrialisierung und Kaltem Krieg. In Wien hingegen ist die Bewegung noch am Anfang.

Ende 2010 erregten Thomas Keplinger und seine Freunde erstmals Aufsehen. Im dritten Bezirk entdeckten sie ein ganzes Schwimmbad wieder, von dem man zwischenzeitlich schon gedacht hatte, es existiere nicht mehr.

1888 errichtet, ist das Beatrixbad in der Linken Bahngasse das älteste der Stadt. Einst hat der jüdische Sportverein Hakoah hier trainiert, nach dem 2. Weltkrieg geriet der Ort aber in Vergessenheit. Bis Keplinger 2010 durch das Fenster der Schnellbahn über einem Haus einen Turm erblickte, der nur auf eine dampfbetriebene Einrichtung hindeuten konnte. In Kooperation mit dem Hauseigentümer und dem Bezirksmuseum grub er sich danach zwei Monate lang durch den Keller. Er entdeckte einen Grundwasserbrunnen, eine alte Pumpe, gar zwei Schrotflinten und Revolver aus dem 19. Jahrhundert, die wohl 1945 hier versteckt worden waren. Jetzt soll das Schwimmbad mit dem Ziegelgewölbe und dem Marmorbrunnen behutsam renoviert werden und als Teil eines Fitnessstudios seinen alten Zweck wiedererlangen.

Wendeltreppe in einem Keller in der Innenstadt (Corn)

Praktisch jede freie Minute streift Thomas Keplinger durch die Stadt. Er erzählt von Kellerabteilen, die zur Zeit der großen Wohnungsnot im frühen 20. Jahrhundert als Einzimmerwohnungen dienten und bis heute über Türschild, Luster und Tapeten verfügen. Am Cobenzl in Döbling – einem seiner Lieblingsorte in der Stadt, wie er sagt – erforscht er die Reste einer 1931 errichteten Skisprungschanze und eines Schlosses, von dem heute nur noch die breite Treppe existiert. Manchmal muss man auch gar nicht erst in verborgene Orte vordringen, um Unerwartetes und Zweckentfremdetes zu entdecken: Keplingers Kollege Georg Demmer erzählt etwa vom Designermöbelgeschäft Roche Bobois in der innerstädtischen Wipplingerstraße. Früher beherbergte das Gebäude eine Bank – sodass man schicke Accessoires bis heute hinter den Panzertüren des Tresorraums besichtigen kann. Außerdem liegt unter einer Glasscheibe im Untergeschoß ein römisches Skelett, Überbleibsel jenes antiken Friedhofs, der sich gleich hinter den Mauern des Heerlagers Vindobona, nahe des heutigen Tiefen Grabens erstreckte.

Ein Anzugträger, der gerade mitten in der Innenstadt aus einem Barockhaus tritt, schöpft nicht weiter Verdacht, als ihm in der Hauseinfahrt Keplinger, Demmer und andere Unbekannte entgegenkommen. „Die Leute in Wien sind diesbezüglich ziemlich okay“, sagt Demmer. „Sie werden nicht gleich misstrauisch.“ Er betritt ein Haus mit altertümlichen Pawlatschen, das über zwei Kellergeschoße untereinander verfügt. Wer über steile Stufen ins untere der beiden hinabsteigt, findet ein Labyrinth an hohen Räumen und Gängen. Manche enden im Nirgendwo, an einer Wand aus Erdreich. Andere verengen sich zu Kriechgängen von kaum einem halben Meter Höhe. Auch ein etwa 15 Meter tiefer Grundwasserbrunnen findet sich im Keller. „Man darf diese alten Keller nicht mit modernen Augen sehen“, erklärt Keplinger. „Einerseits gab es damals keine Auflagen beim Bau, also wurde einfach gegraben. Andererseits hatten Keller mehr Funktionen als heute. Zum Beispiel auch jene eines Verstecks im Kriegsfall.“

In der oberen der beiden Kelleretagen
führt ein Mauerdurchbruch in den Keller des Nachbarhauses. „Zum Luftschutzraum“ steht neben der Luke an die Wand gepinselt. Die Nationalsozialisten hätten Keller miteinander verbunden, um bei Bombardements Fluchtmöglichkeiten zu schaffen, sagt Keplinger. Daraus resultiere auch die Urban Legend, dass man durch Wiens Keller unterirdisch die halbe Stadt durchkreuzen könne. „Tatsächlich wurden die meisten Durchbrüche später wieder zugemauert.“ Nur in wenigen Fällen, etwa unter der Wollzeile, blieben Verbindungen bestehen.

"Zum Luftschutzraum" (Corn)

Nicht nur in Form von Kellern überzog das Naziregime die Stadt mit einer umfassenden Schutzinfrastruktur für Luftangriffe, die, kaum fertiggestellt, schon wieder funktionslos und vergessen wurde. Die sechs Wiener Flaktürme sind nur augenfälligster Ausdruck zahlreicher Bunker und Unterstände in der ganzen Stadt. Viele bergen Aufschlussreiches: So erkundete eine Gruppe um den Historiker Marcello La Speranza, ebenfalls Mitglied der Verborgenen Räume, einen Bunker im Anne-Carlsson-Park am Alsergrund. Als man eine Toilettenmuschel freilegte und umdrehte, fielen Hakenkreuznadeln und NSDAP-Parteiabzeichen heraus. Schutzsuchende im Bunker wollten sie in den letzten Kriegstagen offenkundig das Klo hinunterspülen, als draußen bereits russische Soldaten durch die Straßen zogen.

Ein weiterer Luftschutzraum, zu dem Thomas Keplinger führt, wurde als Stollen in eine Felswand in Liesing getrieben. Für hunderte Menschen muss der Platz in dem langen Schachtsystem damals gereicht haben. Warum im dörflichen Rodaun Bedarf dafür bestand und ob die Anlage – wie damals gängig – von Zwangsarbeitern errichtet wurde, weiß man heute nicht mehr. Nach dem Krieg jedenfalls wurde der Einstieg zugemauert, bis ihn irgendwann jemand wieder aufbrach.

Schmaler Einstieg in ein Stollensystem in Liesing (Corn)

Wer heute durch die schmale Luke klettert, findet sich in einem feuchten, dunklen Schacht wieder. Einrichtungsgegenstände wie im Anne-Carlsson-Park sucht man hier vergeblich, dafür ragen hunderte verrostete Stangen aus dem Fels, Halterungen für Sitzbänke. Altertümliche Keramikisolatoren künden von einer einstigen Elektrizitätsversorgung. Ganz am Ende eines Gangs schlafen zwei Menschen in Schlafsäcken. Es müssen Obdachlose und Betrunkene sein, die hier im stockdunklen Schacht übernachten und weder auf Zurufe noch auf den Schein der Taschenlampen reagieren. „Zum ersten Mal, seit ich in der Unterwelt herumklettere, treffe ich Menschen“, sagt Keplinger erstaunt, als er wieder aus dem Stollen steigt. „Es soll auch einen zweiten Schacht hier in der Nähe geben. Das habe ich in einem Forum gelesen, allerdings haben wir ihn bis jetzt nicht gefunden.“

Die Verborgenen Räume wollen nun
Schritte in Richtung Professionalisierung setzen. Eine quartalsmäßig erscheinende Vereinszeitung soll über aktuelle Entdeckungen berichten, eine Homepage die Vernetzung mit Unterweltfans anderer Städte vertiefen. „Erfassen, dokumentieren, erhalten“ sei das Ziel, sagt Keplinger. Auch könne man sich vorstellen, wie anderswo Führungen durch den Untergrund zu veranstalten, „aber das liegt noch in weiter Ferne“.

Die Stangen waren einmal Halterungen für Sitzbänke (Corn)

Mittlerweile hat er einen weiteren Bunker erreicht, in einem Waldstück in Floridsdorf. Die Einstiege in den gewundenen Stahlbetonschlauch sind derart von Unterholz überwuchert, dass man sie kaum sieht. Drinnen lassen Inschriften wie „Telefonist“ oder „Feuerwehr“ die einstige Arbeitsteilung erahnen.

Früher befand sich rund um diesen Bunkerschlauch eine große Fabrik für Flugzeugteile, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg existierte. Von den Werkshallen, Arbeiterunterkünften und Löschteichen wurden allerdings im Jahr 2002 die letzten Reste beseitigt. Einzig den Bunker scheint man übersehen zu haben. Rundherum wachsen heute Bäume und Sträucher, als hätte es nie ein Fabriksgelände gegeben. Nur einige asphaltierte Flecken auf dem Waldboden zeigen die Fundamente jener Gebäude an, die einst hier standen. Thomas Keplinger legt eine rechteckige Asphaltfläche frei, indem er Laub und Erde mit dem Schuh beiseite schiebt. „Solche Sachen muss man sich immer ganz genau anschauen“, sagt er. „Sie könnten verraten, dass es hier irgendwo noch mehr gibt.“

BUCHTIPPS

Vergessene Kellertheater, U-Bahn-Schächte unter der Stadtmauer, osmanische Minentunnel und unterirdische Kerker der Gestapo: Ein neues Buch dokumentiert Wiens Unterwelt
Robert Bouchal, Gabriele Lukacs: Geheimnisvolle Unterwelt von Wien. Keller, Labyrinthe, fremde Welten. Pichler, 208 S., € 24,99

Bereits 2000 erschienen ist „Unterirdisches Wien“, ein Stadtführer in die Tiefen der Stadt
Bernd Anwander: Unterirdisches Wien. Falter Verlag, 352 S., € 25,50

INTERNET-LINKS

Wien: Verborgene Räume, Unterirdisch-Forum

Unterwelten Berlin

Unterwelten Hamburg

Unterwelten Rom:

Unterwelten Neapel:

Unterwelten französischer Städte

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Gedenktafel: Meidlings Stalin-Stätte wird zusatzkommentiert

Aus dem FALTER 32/11

Joseph Gepp

„Ich sitze gerade in Wien und schreibe allerhand Blödsinn“, schrieb 1913 Iossif Dschugaschwili seinen Freunden nach Georgien. Dschugaschwili, der einige Wochen in Wien verbrachte, sollte einige Jahre später als Josef Stalin zum allmächtigen Sowjetdiktator werden. Bei dem „Blödsinn“ handelte es sich um sein Traktat „Marxismus und nationale Frage“. Inspiriert vom Völkerchaos der Donaumonarchie, skizzierte Stalin in Wien die Gründzüge einer Nationalitätenpolitik, die Jahre später Millionen Menschen die Heimat und das Leben kosten sollte.

Die Stalin-Gedenktafel in Meidling (Wikipedia)

Zur Untermiete wohnte Stalin bei der russischen Adelsfamilie Trojanowski in der Schönbrunner Schlossstraße 30 in Meidling. Dort schmückt bis heute eine wuchtige Gedenktafel die Hauswand. Sie wurde 1949 zum 70. Geburtstag des Diktators auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht enthüllt und hat als wohl letzte Stalin-Gedenkstätte Europas die Zeit überdauert.

Der jahrelangen Forderung der Wiener FPÖ und ÖVP, wonach die Tafel zu entfernen oder mit einem Zusatztext zu versehen sei, hat SPÖ-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny nun nachgegeben. Eine Zusatztafel, die die Entstehungsgeschichte erläutert und die Millionen Ermordeten und Deportierten anspricht, sei schon zur Anbringung bereit. Man warte nur noch auf das Einverständnis der Hauseigentümer, sagt die Sprecherin von Mailath-Pokorny.

Die Zusatztafel dürfte auch im Sinne der einstigen Besatzungsmacht sein. Schon 1991 bat der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse den damaligen Wiener Bürgermeister Leopold Gratz um die Entfernung der Tafel. Neben Wien, schrieb Schewardnadse, würde man höchstens noch im albanischen Tirana und in Stalins georgischem Geburtstort Gori vergleichbare Gedenkstätten finden. Gratz lehnte das Ansinnen ab: Österreich habe sich im Staatsvertrag 1955 zur Erhaltung alliierter Denkmäler verpflichtet, und darunter falle auch die Tafel.

Mehr dazu?
Lenin, Stalin und Trotzki in Wien

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Ein totes Eck

Vor hundert Jahren ließ man sie unfertig stehen. Jetzt baut man weiter. Was die Favoritner Rieplstraße über die Dynamik städtischer Veränderung erzählt

Reportage: Joseph Gepp

Das ist keine Geschichte über die Favoritner Rieplstraße. Dafür ist die Gasse zu gewöhnlich. Zwei Fahrspuren, zwei Parkspuren. Eine Sackgasse mit einer Betonmauer am Ende. Fünf Jahrhundertwendehäuser auf der linken Seite, drei und ein ziegelsteinernes Fabriksgebäude auf der rechten. Die vergilbte Aufschrift „Fußpflege“ an einer Fassade, die heruntergelassenen Rollläden einer Trafik in einem Erdgeschoß.

Das ist vielmehr die Geschichte über das, was rund um die Rieplstraße ist. Nämlich nichts. Ein Nichts aus flacher, schlammbrauner, von Baggerreifenspuren zerfurchter Erde, so groß wie die Josefstadt.

Vor wenigen Jahren noch lag rund um die Straße das Südbahnhofgelände. ÖBB-Arbeiter werkten hier in Lagerhallen und an Verschubanlagen. Dann wurde das Areal abgetragen. Nun entsteht bis 2019 der große Hauptbahnhof samt dazugehörigem Stadtviertel. Das Wahrzeichen einer modernen Stadt soll die derzeit größte Baustelle Wiens werden, der Brückenschlag zwischen so unterschiedlichen Stadtgebieten wie dem Arbeiterquartier Favoriten und der gegenüberliegenden Gürtelseite mit Belvedere und Theresianum. 5000 Wohnungen, 20.000 Arbeitsplätze, 33.000 Menschen. Und mittendrin die Rieplstraße.

Wie ein Alien steht sie heute auf der zu verbauenden Großfläche. Eine isolierte Halbinsel menschlicher Zivilisation, die von der benachbarten Sonnwendgasse ungefähr 100 Meter in die Leere ragt, ehe sie vor dieser kapituliert. Sie steht völlig frei, sodass sie von allen Seiten einsehbar ist. An ihrer Hinterseite wuchern Satellitenschüsseln aus Fensterrahmen, Stiegenhäuser schrauben sich in die Höhe. Die Rieplstraße wirkt wie ein Potemkin’sches Dorf, eine Kulisse. Ein baulicher Fremdkörper, die vorübergehende Laune einer sich verändernden Stadt. „Sie schaut aus wie eine Rippe“, sagt Rance Miletic´, ein Bewohner der Straße, und lacht. „Sie heißt ja auch so ähnlich.“

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Zivilisationshalbinsel: Oben die Rieplstraße von der Seite, mit den sich nähernden Baukränen des Hauptbahnhofs im Hintergrund. Unten die Rieplstraße „von innen“. Als wäre sie eine ganz normale Wiener Gasse
Fotos: Heribert Corn

Tatsächlich heißt die Straße nach Franz Xaver Riepl, der Österreichs erste Dampfeisenbahn von Wien nach Deutsch-Wagram baute. Aber warum schaut sie so exponiert ins ehemalige Bahnhofsgelände und in die nunmehrige Leere? Miletic, 45, Bauarbeiter, schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass die Häuser nichts mit den ÖBB zu tun haben, sondern Privatbesitz sind und immer schon waren.“ Seine Eltern, Gastarbeiter aus dem Belgrader Umland, seien in den 80ern hergezogen. „Damals hat es genauso ausgesehen wie heute“, sagt Miletic´ und zeigt auf die Außenmauer seiner Erdgeschoßwohnung, wo nackte Ziegel durch Risse im Verputz lugen. „Das ist ein totes Eck hier. Ich freu mich, dass der Bahnhof und die vielen neuen Häuser kommen. Es kann nur besser werden.“

Wer einen Stadtplan zur Hand nimmt, der sieht noch deutlicher, dass die Rieplstraße wie ein Speer ins Bahnhofgelände dringt. Ansonsten grenzt sich das Areal entlang von Gürtel, Arsenalstraße, Gudrunstraße und Sonnwendgasse klar von seiner Umgebung ab. Warum die Ausnahme? Bei den ÖBB weiß man dazu auch nicht mehr als Rance Miletic´. Ihres Wissens, so Hauptbahnhof-Sprecherin Alexandra Kastner, habe die Rieplstraße nie zum Südbahnhof gehört. Die Gasse sei auch jetzt nicht Teil des Projektgebiets, das Neubauviertel würde lediglich an sie heranreichen. Die Rieplstraße ist also einfach da, mitten im Bahnhofsniemandsland. Und warum, das scheint sich trotz ihrer grotesken Anmutung nie jemand gefragt zu haben.

Wer ihre Geschichte zu rekonstruieren versucht, der stößt auf städtebauliche Kontinuitäten, die heutigen Verantwortlichen wohl gar nicht bewusst sind. Er stößt auf Geschichten, die mehr erzählen als nur die Historie einer Straße. Sie lassen Rückschlüsse auf die Entwicklung der ganzen Stadt zu – und darauf, wie sich ihre Besiedlung nach Stillständen und Unterbrechungen gleichsam natürlich einen Weg bahnt.

Ursprünglich befanden sich anstelle der Rieplstraße Industrieanlagen wie überall auf dem Bahnhofsgelände. Gasspeicher waren es an diesem Ort, sagt der Kunsthistoriker Andreas Nierhaus vom Wien Museum anhand des Wiener Katasterplans aus dem Jahr 1875. Später, als man die Anlage nicht mehr brauchte, entstand an ihrer statt die nach Riepl benannte Straße. Das war 1904, zehn Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Es war eine Epoche der Wohnungsnot. In kaum 20 Jahren war Wien mit 2,1 Millionen Einwohnern zur fünftgrößten Stadt der Welt angewachsen. Täglich kamen Zuwanderer auf Arbeitssuche in die Stadt. In Favoriten, das ein Vierteljahrhundert davor noch aus Dörfern bestanden hatte, ließen sich vor allem Tschechen nieder. Für sie stampfte man rasterförmig Zinshaus um Zinshaus aus dem Boden. Ein bis drei Jahre dauerte der Bau eines solchen Quartiers. Die prachtvolle Fassadendekoration stand im krassen Gegensatz zum stickigen Elend im Inneren. Ein Wohn- und Schlafraum mit Dielenboden, eine Vorraum- und Küchennische mit gemauertem Herd und Gangfenster zur Entlüftung – hunderttausende solcher Kleinwohnungen wurden errichtet. Ein Dutzend Menschen teilte sich nicht selten 35 Quadratmeter. Alle Flächen, die verbaut werden konnten, wurden verbaut.

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(Corn)

So auch die Rieplstraße, wo 1904 anstelle der Gasspeicher zwei erste Häuser errichtet wurden. Sie stehen bis heute, auch wenn, vermutlich kriegsbedingt, der Stuck von den Fassaden geschlagen ist. Dahinter folgen wie Jahresringe eines Baums weitere Gebäude der ins Bahnhofsland wuchernden Gasse: 1905 entstand das Haus, in dem heute Rance Miletic´ wohnt; 1906 das danebenliegende, 1908 das übernächste. Sie alle entsprechen der Norm dieser Ära: In den Stiegenhäusern ranken sich gusseiserne Pflanzenstauden die Geländer hinauf; Schilder weisen in Frakturschrift auf das Mezzanin hin und die Portiersloge, die im Fin de Siècle selbst in bettelarmen Häusern Usus war. Zwei weitere Gebäude, die es heute nicht mehr gibt, entstanden 1911.

Dann hört die Bautätigkeit abrupt auf. Nach Kriegsausbruch 1914 gab es für den Ausbau der Reichshaupt- und Residenzstadt kein Geld mehr. Die Rieplstraße ist eine der Bruchkanten des gründerzeitlichen Wien. Hier fand die Expansion ein Ende, hier blieb ein Projekt unfertig stehen. Diese Unfertigkeit erklärt auch die exponierte Lage und die ungewöhnliche Sackgassenform, schildert Andreas Nierhaus vom Wien Museum.

Denn ursprünglich schloss an die Rieplstraße eine zweite Gasse an. Nierhaus deutet auf den Stadtplan von 1912. Die mittlerweile verschwundene Gasse zweigte von der Rieplstraße ab und führte zurück zur Sonnwendgasse. Mit Rieplstraße und Sonnwendgasse formte sie ein Dreieck. Die aufgelassene Straße hieß Seyfriestraße, nach dem Biedermeierkomponisten Ignaz von Seyfried. Die Rieplstraße verdankt die isolierte und kulissenhafte Anmutung also nur dem nicht mehr existenten Gegenüber. Sonst wäre sie Teil eines gewöhnlichen Wiener Straßenzugs.

Noch zur Nazi-Zeit scheint die Seyfriedstraße im Wiener Straßenverzeichnis auf. Ab 1950 ist sie gestrichen. Wahrscheinlich wurde sie aufgelassen, weil hier ohnehin nie viele Häuser standen – war die Straße doch erst knapp vor 1914 angelegt worden. Nach Ende der Donaumonarchie hatte sich in der erheblich schrumpfenden Stadt die Wohnraumsituation entspannt. Nun nehmen den zur Verfügung stehenden Platz wieder Industriebauten in Beschlag.

So verkam die Rieplstraße zum toten Eck, von dem Rance Miletic´ heute spricht. Zum willkürlich ins Bahnhofsgelände ragenden Wurmfortsatz. Kurz nach ihrer Entstehung sank sie in einen über 100-jährigen Schlaf. Erst heute wacht sie wieder auf.

„Schauen Sie.“ Stefan Pesel rollt in seinem Büro einen Plan aus. Er zeigt die Skizze eines Gebäudes mit acht Stockwerken. In zwei davon sind Büroräume und ein großer Veranstaltungssaal mit angedeuteten Sesseln und einer Bühne eingezeichnet. Das soll Stefan Pesels Kirche sein, wenn die Rieplstraße einmal ganz neu ist.

Pesel, 52, rumänischer Slowake, hat vor zehn Jahren das ziegelsteinerne Fabriksgebäude am Ende der Rieplstraße gekauft. Ursprünglich war das ebenerdige Areal eine Zementmühle, erzählt er. Pesel ist Pastor der Pfingstkirche, einer freievangelischen Bewegung, wie man sie aus den USA kennt, den Baptisten und Methodisten ähnlich. Seine Gemeinde umfasst einige hundert Personen, vorwiegend Rumänen und Ungarn. Promiskuität lehnen sie ebenso ab wie übermäßigen Alkoholkonsum. Als der Prediger, der selbst im 22. Bezirk wohnt, einen Versammlungsort für seine Kirche suchte, stieß er im Internet auf die Rieplstraße.

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Pesels Kirche, ehemals eine Zementmühle (Corn)

Die Pfingstkirchler renovierten die alte Halle, bauten Dachfenster ein, ließen eine Bühne zimmern, auf der heute Gitarrenverstärker und ein Drumset stehen. Im Büro daneben lugen weißgewandete Engelspuppen aus Schachteln und stapeln sich Spenden für rumänische Straßenkinder. „Ich hätte nie gedacht“, sagt der Pastor, „dass mit dieser ruhigen Gasse einmal so etwas passieren wird.“

Neun Firmen seien bisher mit Kaufangeboten an ihn herangetreten. Namen will er keine nennen, aber eine Hotelkette sei dabei und Bauträger für Wohnungen und Büros. „Ich will meine Kirche aber nicht verkaufen. Der Hauptbahnhof wird unsere Quelle an Gläubigen. Wir werden das einzige Gotteshaus im neuen Viertel sein.“ Manche der Interessenten reagierten, indem sie Sakralräume in ihre Pläne miteinbezogen. Pesel rollt den Plan wieder zusammen. „Ich weiß noch nicht“, sagt er. „Ich muss noch überlegen. Ich kenne mich mit diesen Dingen nicht so aus.“

Heute reißen sich Baufirmen und Investoren um das, was hundert Jahre lang toter Winkel war. 3D-Pläne von Gemeinde und ÖBB zeigen, wie die Gegend in einigen Jahren ausschauen wird. Auf ihnen ist die Rieplstraße von Glas- und Stahlbauten umgeben, die einen lebendigen Stadtteil formen sollen. In der Nähe hat die Gemeinde bereits mit dem Bau einer Genossenschaftswohnanlage begonnen. Ein anderer Neubau wird direkt an die Häuser der Rieplstraße anschließen. Seine Funktion ist noch nicht klar, sagt Hauptbahnhof-Sprecherin Kastner. Fix ist aber, dass er kommt.

2019, wenn das Viertel fertig ist, wird die Rieplstraße keine Sackgasse mehr sein. Sondern ein Tor in den Stadtteil. Statt der Betonmauer an ihrem Ende wird eine neugebaute Verlängerung ins Grätzel führen und dort in eine Hauptstraße münden. Dieser neue Teil der Rieplstraße wird Gombrichgasse heißen, nach dem Kunsthistoriker Ernst Gombrich. Wo Rieplstraße und Gombrichgasse aufeinandertreffen, wird eine weitere Straße abzweigen und zurück zur Sonnwendgasse führen – im Verlauf entspricht dies der alten Seyfriedstraße.

Das geplante Dreieck ist exakt jenes, das vor 100 Jahren schon einmal existierte. Vorläufig jedoch hat die Straße, die einst Seyfriedstraße hieß, noch keinen neuen Namen.

Erschienen im Falter 45/2010

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Buch: Hoch die internationale Solidarität

Die Wege der Geschichte sind verschlungen: 1952 brach in Algerien der Befreiungskrieg gegen die Franzosen aus. Begeisterte Unterstützer in aller Welt: junge Linke. So kam es, dass sich auch der österreichische Sozialismus mit der nationalistischen Front de Liberátion Nationale (FLN) verbündete. Karl Blecha etwa robbte mit den Aufständischen durch die Wüste; Kreisky und Kirchschläger unterstützten die FLN in der Heimat. Mit seiner Dissertation über Österreichs Algerien-Kampf zeichnet der Historiker Fritz Keller eine andere Sozialdemokratie, als man sie heute kennt. Bei Solidaritätsaktionen weltweit war sie vorne dabei. Die Identifikation ging laut Keller so weit, dass man von einer „58er-Generation“ sprechen kann – einer Erfahrungsgemeinschaft zwischen Kriegskindern und Hippies, die von Algerien geprägt wurde. Ein penibel recherchiertes, erhellendes, wertvolles Stück Zeitgeschichte.

Joseph Gepp

Fritz Keller: Gelebter Internationalismus. Österreichs Linke und der algerische Widerstand (1958–1963). Promedia, 320 S., € 19,90

Erschienen im Falter 45/2010

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Eingeordnet unter Bücher, Stadtgeschichte

Phönix aus der Asche

„Wie Phönix aus der Asche“ ist Wien nach dem Weltkrieg auferstanden – wenn auch leicht verändert. Neue Straßen, schlichter als davor wiedererrichtete Gebäude, funktionale Neubauten und natürlich Leute zeigt ein beeindruckender neuer Fotoband. Was heute allzu normal wirkt – Donaubrücken, Autobahnarme, Gemeindebauten –, war damals nigelnagelneu und Grund zum Stolz. Die Stadtleben-Redaktion empfiehlt.

Ferdinand Opll (Hg.): Wie Phönix aus der Asche. Wien von 1945 bis 1965 in Bilddokumenten. Echomedia. 240 S., € 29,90

Erschienen im Falter 45/2010

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Ein Bus für drei Millionen

Rundkurs: Joseph Gepp

Es ist ein strahlend heller und kalter Tag, und von den Bäumen wirbeln Blätter in allen Farben des Herbstes. Perfekt für eine Fahrt mit Wiens wohl friedlichster Buslinie.

Sie trägt die Nummer 106, „Rundkurs“ steht auf der Frontseite des Dr.-Richard-Wagens. Ein junges Pärchen hat Platz genommen und spricht flüsternd über irgendein Begräbnis vor sieben Jahren. Ein alte, weißhaarige Frau sitzt weiter vorne. Der Chauffeur redet am Handy noch über Wurst- und Käsebrote, bevor er den Motor anlässt.

Es war 1957, als die einsetzende Massenmotorisierung der Verwaltung des Zentralfriedhofs in Simmering zu viel wurde. Seitdem soll eine Zufahrtsgebühr von heute 2,20 Euro verhindern, dass zu viele Privat-Pkws den zweitgrößten Friedhof Europas befahren. Weil die Maut aber manchen finanz- und gehschwachen Besuchern die Pflege der Familiengruft erschwerte – immerhin ist der Friedhof fast so groß wie die Innenstadt –, folgte im Jahr 1971 die Gründung der Buslinie 106, die im Uhrzeigersinn durch die Anlage fährt.

Ob noch eine zweite europäische Stadt über eine eigene Friedhofsbuslinie verfüge? Das wisse er nicht genau, sagt Anton Köfmüller von der Bestattung Wien, der in einem der prachtvollen Jugendstilbauten neben dem Haupttor sitzt. In Hamburg-Ohlsdorf werde der größte Friedhof Europas jedenfalls von einer Busroute angeschnitten. Aber das sei nicht dasselbe, der Zentralfriedhof habe seinen Bus ja exklusiv.

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Wiens wohl friedlichste Buslinie: Der 106er fährt alle 30
Minuten über den Zentralfriedhof
(Foto: euxus.eu)

Er fährt durch einspurige Alleen, die sich schnurgerade durch die Gräberreihen ziehen. Wo ein Gründerzeit-Schild die Gruppe 23 anzeigt, machen sich zwei alte Frauen durch Winken bemerkbar. Sie erklimmen mühevoll die Stufen ins Businnere.

Das Erste, was auffällt, ist, dass am Friedhof mehr Verkehr als angenommen herrscht. Taxis, Pritschenwagen mit Arbeitern und gar nicht wenige private Pkw kreuzen den Weg des 106er – es gilt die Rechtsregel. Des Weiteren überrascht, dass sich zwischen den Gräbern enorm viel Freifläche befindet. Drei Millionen Menschen wurden seit 1874 hier bestattet, und trotzdem verteilen sich in den rückwärtigen, abgelegenen Teilen des Friedhofs manchmal zwei Handvoll Gräber über eine große Wiese. Wie zufällig hingeworfene Felsbrocken sehen sie aus.

Nach einiger Zeit kommt eine Lautsprecherdurchsage, „Station 4“ verkündet sie, leider nur eine Zahl. „Station 5“ wird immerhin schon durch das Wort „Gärtnerei“ ergänzt, passenderweise steigt eine Frau mit Gießkanne zu. Bei „Station 6 Halle“ ziehen sich ziegelsteinerne Wirtschaftsgebäude das Fenster entlang. Bei Station 8 murmelt das junge Pärchen etwas von „Faszination Friedhof“. Bei Station 9 steigen zugleich drei alte Damen zu. Jetzt überbietet die Linie 106 in ihrer Besetzung schon so manchen Waldviertler Regionalzug.

Die Gräber wechseln sich ab mit diversen Einrichtungen zu ihrer Erhaltung, Wasserhähnen zum Beispiel oder betonierten Einfassungen für Biomüll („Kränze, Buketts, Blumen, Gras …“). Krähen sitzen auf den Grabstellen, die sich hier naturgemäß in allen Formen finden, vom gediegen verwitterten Biedermeier-Mausoleum zum trashigen 1980er-Marmorherz.

Unfälle? Jeden Tag zwischen neun Uhr und halb fünf fahre der Bus im Halbstundentakt, antwortet Anton Köfmüller, trotzdem habe es bisher „nur kleine Blechschäden“ gegeben. Und damit das auch so bleibt, fährt der Bus an einem Tag im Jahr nicht: zu Allerheiligen.

Erschienen im Falter 43/2010

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Endstation Reumannplatz

Text Joseph Gepp

Irgendwo in den Tiefen der U1, zwischen Südtiroler Platz und Keplerplatz, passiert man die Wiener Stadtgrenze.

Formell unterquert die U-Bahn ab hier Favoriten, Wiens zehnten Gemeindebezirk. Informell hat sie eine Art Nebenstadt erreicht. Denn Favoriten – mit 170.000 Einwohnern theoretisch viertgrößte Stadt Österreichs – hat einen eigenen lokalen Charakter, ein eigenes Straßenbild, eine eigene Prägung. Vom breiten Südbahnhofareal seit jeher vom Rest der Stadt abgetrennt, spielt es unter Wiens Bezirken eine Sonderrolle. Und wie sich die anfühlt, erfährt man, wenn man schließlich die U-Bahn verlässt. Am Reumannplatz, der U1-Endstation und dem Hauptplatz von Favoriten.

Menschenmassen schieben sich an diesem Knotenpunkt hin und her, von U-Bahn zu Buslinie zu Straßenbahn. Die Architektur ist schlicht und funktional, die Geschäfte migrantischer als im Rest der Stadt. Die Gestaltung ist eher 70er-Jahre-sozialistisch denn altwienerisch-gründerzeitlich. Kugellaternen werfen mattes Licht; unter efeuumrankten Zierbögen aus Beton vertreiben sich Jugendliche die Zeit.

Bevölkerungsumfragen und Kundenfrequenzmessungen zeigen, dass Favoritner ihren Bezirk vergleichsweise selten verlassen. Warum auch? Wie es sich für eine Nebenstadt gehört, findet sich alles Notwendige hier. Die Favoritenstraße, die gleich an den Reumannplatz anschließt, bildet samt Viktor-Adler-Markt eines der größten Einkaufsareale der Stadt. Zwischendrin liegen ausgedehnte Wohnviertel mit Schulen und Freizeiteinrichtungen.
Am Reumannplatz selbst stammt das prunkvollste Gebäude – wie passend! – nicht aus der Donaumonarchie, sondern dem Roten Wien: das turmbekrönte Amalienbad von 1926, das vielleicht schönste Hallenbad Europas. Gleich gegenüber liegt ein Wiener Unikat aus den 50ern: der – in Einrichtungsstil wie Speisekarte – einzigartige Eissalon Tichy, der auch viele Rest-Wiener nach Favoriten lockt (Sonst kommen sie gemeinhin ebensowenig hierher wie die Favoritner nach Rest-Wien).

In diesem Sinn: Auf zum Reumannplatz! Man fährt ja nicht alle Tage in eine andere Stadt.

EIS ESSEN

Tichy
1952 von Kurt Tichy eröffnet und heute wohl der beste Eissalon der Stadt. Allein die arbeiterkammerbarocke Innengestaltung lohnt schon den Besuch. Legendäre Spezialität: Eismarillenknödel.
Reumannplatz 13, 1100
01 604 44 46

TÜRKISCH ESSEN
Kümmeltürk
Unweit des Reumannplatzes liegt eins der besten türkischen Restaurants Wiens – neben klassischen Gerichten gibt es eine große Auswahl türkischer Pizzen.
Rotenhofgasse 11, 1100
01 60 22 038


KAFFEE TRINKEN

Viktor-Adler-Markt
Jeden ersten Samstag im Monat gibt’s von 6 bis 17 Uhr einen Bauernmarkt mit rund 60 Ständen. Oder man besucht dem Viktor-Adler-Markt einfach so, trinkt türkischen Kaffee mit Lokum und genießt die Favoritner Parallelatmosphäre. Empfohlen, solange man draußen sitzen kann.
Viktor-Adler-Platz, 1100
Mo–Fr 6–19.30 Uhr (Gastronomie 6–22 Uhr)

ALTES KAUFEN
RES ANTIQUA

Favoriten meets Harry Potter: Ein idyllisch-vollgestopftes Antiquitätengeschäft in einem idyllisch-versteckten Innenhof. Ein Geheimtipp, wie er sich auch sonstwo in Wien nicht leicht findet.
Erlachgasse 85, 1100
Mo–Fr 10–18 Uhr

T-SHIRTS TRAGEN
REUMANNPLATZ
Der Designer Thomas Kreuz gestaltet T-Shirts mit der Aufschrift „Reumannplatz“ – neben dem Riesenrad! Für Mann, Frau und Kind, mehrere Größen und Farben, zu bestellen im Internet.
Westbahnstraße 7, 1070
reumannplatz.com

BAUSTELLE SCHAUEN

BAHNORAMA
Favoritens jüngste Sehenswürdigkeit: Von Europas höchstem Holzturm lässt sich seit kurzem die gewaltige Baustelle Wien-Hauptbahnhof überblicken. Inklusive Ausstellung und Kaffeehaus.
Favoritenstraße 51, 1100

Erschienen im Best Of Vienna 2/2010

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Ein dreiviertel Kilometer Wien

Elend im Erdgeschoß, Künstlerlofts in der Fabrik, international beachteter kommunaler Wohnbau: Nirgends stoßen urbane Gegensätze so aufeinander wie in der Absberggasse. Eine Straße in Favoriten

Reportage: Joseph Gepp

Es hat Vorteile, in der Stadt zu leben. Es hat auch Vorteile, am Land zu leben. Aber es gibt da noch diesen merkwürdigen, undefinierten Zwischenraum.

Exakt 3,94 Kilometer Luftlinie liegt der Beginn der Absberggasse vom Stephansdom entfernt, aber wenn man hier steht, dann scheint es weiter. Schnurgerade und unspektakulär ziehen sich die vier Fahrspuren der Straße durch Favoriten. Sie passieren schmucklose, von Abgasen ergraute Fassaden. Sie werden von Ampelkreuzungen durchbrochen und von den Schienen der Straßenbahnlinie 6, die hier an Erdgeschoßfenstern vorbeirumpelt. Auf einem Dreiviertelkilometer Absberggasse reihen sich heruntergekommene Gründerzeitzeilen aneinander, dann Gemeindebauten, Ziegelmauern, einige moderne Stahl- und Glasfronten. Wohnraum, Funktionalität, Vorstadt. Ein langweiligeres Stück Wien kann man sich schwer vorstellen.

Bis man dann die Absberggasse zum ersten Mal aufmerksam entlangspaziert ist.

Wer nämlich genau hinsieht, wer Passanten anspricht und hie und da einen Blick in ein Stiegenhaus erhascht, der stellt fest, dass die Straße gar nicht so erwartbar und uniform ist, wie es am Anfang vielleicht scheint. Dass sie ganz im Gegenteil über etwas verfügt, das einem sonst leicht entgeht in Wien. Etwas, das man in dieser Stadt oft suchen muss, weil es hier meist unauffällig und fließend im Ganzen aufgeht. Gegensätze.

Wien ist keine Stadt der krassen Unterschiede. Hier gibt es keine brennenden Autos, keine No-go-Areas, keine Sicherheitsmänner vor kamerabewehrten Reichenvierteln. Natürlich unterscheiden sich Gesellschaftsschichten voneinander darin, wie sie wohnen, sich verhalten, über wie viel Geld sie verfügen. Nur fallen diese Unterschiede – im Vergleich zu anderen Städten – wenig auf.

In der Absberggasse jedoch stehen sie wie Spielzeugklötze nebeneinander. Die Absberggasse ist das Maximum dessen, was diese Stadt an Gegensätzen zu bieten hat.

An ihrem stadtzentrumsseitigen Ende findet sich eines der ärmsten und verwahrlosesten Altbauviertel Wiens, die sogenannte „Kreta“. Nur eine Straßenecke weiter stadtauswärts entsteht hinter den Ziegelmauern der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik ein postindustriell-schickes Künstlerviertel wie in Hamburg oder Kopenhagen. Und unmittelbar daneben liegt schließlich der moderne „Monte Laa“, eines der zukunftsweisenden Beispiele für kommunalen Wohnbau in Europa.

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„Hier sammelte sich alles, wofür sonst im Bezirk und in der Stadt kein Platz war“: Karl Kukla, Pensionist und Grätzelforscher, ist im Kreta-Viertel, einem der ärmsten Altbauvierteln Wiens, aufgewachsen
Fotos von Heribert Corn

Man muss ein wenig die Struktur der Stadt kennen, um die Zusammenballung von Unterschiedlichem an diesem Ort zu verstehen.

Am Anfang der Absberggasse, gleich neben dem Kreta-Viertel, liegt eine riesige Brache. Dort befindet sich das ehemalige Südbahnhofgelände, auf dem momentan der neue Hauptbahnhof errichtet wird. Seit der Arbeiterbezirk Favoriten vor mehr als einem Jahrhundert entstand, schnitt ihn das Bahnareal von der restlichen Stadt ab. Bis heute wirkt die alte Vorstadt deshalb nicht wie bloß einer unter 23 Gemeindebezirken, sondern eher wie eine ärmere Wiener Zwillingsstadt. Mit 170.000 Einwohnern wäre sie die viertgrößte Österreichs. Sie verfügte über einen eigenen Hauptplatz, den Reumannplatz, über eine Hauptstraße, die Favoritenstraße, und über eine Peripherie, die Absberggasse.

„Im 19. Jahrhundert bildete die Absberggasse die Grenze zu Niederösterreich“, sagt der Favoritner Karl Kukla, 67 Jahre, Pensionist und passionierter Grätzelforscher. „Sie war der Rand von Favoriten und der Rand von Wien. Hier war Platz für Experimente. Hier sammelte sich alles, wofür sonst im Bezirk und in der Stadt kein Platz war.“

Bis heute scheint sich das nicht sonderlich geändert zu haben, dämmert es einem, sobald man das kleine Kreta-Viertel betritt.

Es besteht aus gezählten sieben Straßenzügen, die sich am Ostrand Favoritens entlang der Absberggasse auffädeln. Zinskasernen in strenger Rasterformation, leicht bröckelnde Fassaden, schmutzige Stiegenhäuser. Das Viertel trägt nicht zufällig denselben Namen wie die griechische Insel: Im Jahr 1896 brach dort ein Aufstand gegen die osmanischen Herrscher aus. In Wien, erzählt Karl Kukla, übertrug man das sprichwörtlich gewordene Chaos einfach auf den bettelarmen Favoritner Wurmfortsatz auf der niederösterreichischen Seite.

Eine „sozial problematische Gegend mit hohem Sanierungs- und Entwicklungsbedarf“ nennt die städtische Gebietsbetreuung die Kreta heute. „Viertel der Verlierer“ steht direkter in einem Web-Forum. Im Café Susanne, dem Grätzeltreffpunkt, herrscht eine ältere Frau an der Bar ihren betrunkenen Sohn an, er solle nicht immer „so an Schas“ reden. Auf der Straße wuchten inzwischen zwei Türken fluchend einen Handkarren mit Wassermelonen über die Gehsteigkante.

Seine Großmutter habe in der Kreta gelebt, erzählt derweil Karl Kukla, ehemals Verlagsmanager, ein stiller, graubärtiger Mann. Vor dem Ersten Weltkrieg sei sie aus dem Raum Prag in die damalige Reichshaupt- und Residenzstadt gekommen. Kurz zuvor waren die Zinshäuser hier hochgezogen worden, die sich sogleich mit böhmischen Arbeiterfamilien füllten. Ein Dutzend Menschen hauste nicht selten auf 35 Quadratmetern; zur Aufbesserung des dürftigen Lohns hatten sie oft noch Bettgeher bei sich aufgenommen. „Bei meiner Großmutter lebte noch Anfang der 50er-Jahre einer“, erzählt Kukla. „Im vollgestellten Kabinett stand ein zweites Bett. Darin schlief der Kreydl, der Bettgeher. Er war ein finster dreinblickender Mann um die 50, mit buschigen Augenbrauen. Ich weiß noch, wie der Kreydl mit ausgezogenem Hemd und heruntergelassenen Hosenträgern am Waschtisch stand und vor sich hinprustete. Meine Oma stand ungerührt daneben am gemauerten Herd und kochte für sich und mich das Nachtmahl.“ Der vielzitierte „Ausländeranteil“, sagt Kukla, sei zu jener Zeit nicht niedriger gewesen als heute. „Als ich als Kind in den Gassen der Kreta spielte, hat man hier nur Tschechisch gehört.“

Heute hört man vornehmlich Türkisch, was die Swobodas, Cernys und Sedlaceks von Favoriten rasend macht.

Zwei Drittel der rund 3500 Bewohner der Kreta haben laut Wien-Statistik einen Migrationshintergrund. Unter den Alteingesessenen im Café Susanne sorgt dies für schier unglaubliche Geschichten. Eine Frau warnt, man möge aufpassen, sonst „stoßen die Ihnen ein Messer in den Rücken, so schnell können S’ gar nicht schauen“. Mehr dazu wolle sie aber nicht sagen, „ich will ja morgen auch noch leben“. Stattdessen beginnt ein betrunkener Arbeitsloser an der Bar von der „Islamierung“ zu lallen. „Z’erst mochn d’Auslända an Buckl, daun kummans uns mit ihrer Ethnik oder wia des haaßt“, sagt er, während die taiwanesische Kellnerin neben ihm schweigend Gläser spült.

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„Dort hat es mir schon so gereicht“: Friseurmeisterin Aynur Bakar in ihrem Salon. Sie ist die Absberggasse sozial hinaufgestiegen – in die hellen Genossenschaftswohnungen des Monte Laa, einem Vorzeigeprojekt des kommunalen Wohnbau

Fotos von Heribert Corn

Andere gesellen sich dazu; sie erzählen, dass sie Parks nicht mehr zu betreten wagen, dass bewaffnete Jugendbanden ihr Unwesen trieben, dass benutzte Windeln aus Fenstern auf die Gasse geflogen kämen. Nach solchen Gesprächen bleibt Ratlosigkeit: Will man denn die Wahrheit nicht sehen? Oder sind die Gäste des Café Susanne einer kollektiven Paranoia verfallen?

Die Wirklichkeit im Grätzel belegt die schaurigen Darstellungen der Favoritner nicht.

So oft man durch die Gassen streift – die Gehsteige sind halbwegs sauber, der Park völlig unbedenklich. Und wenn im Gastgarten des Café Susanne lautstark auf die „Tschuschen“ geschimpft wird, zücken migrantische Passanten keine Messer, sondern scheinen die Tiraden vielmehr zu überhören.

„Die Kreta ist ein Viertel wie jedes andere auch in Wien“, sagt dazu Irmgard Hubauer von der Gebietsbetreuung und Stadterneuerung für Favoriten. „Obwohl sie eines der dichtestbesiedelten Gebiete Wiens ist, mit einem nach wie vor hohen Anteil sanierungsbedürftiger Häuser und Substandardwohnungen, beobachten wir nicht mehr Konflikte und Wohnprobleme als in anderen Gründerzeitvierteln unseres Bezirks.“

Aber woher kommt dann diese Paranoia? Für Karl Kukla, den Grätzelforscher, liegt die Antwort weniger in der ethnischen als in der sozialen Zusammensetzung des Viertels: „Die Kreta war immer der erste Anlaufpunkt für Migranten. Und sie war der Ort, den sie als Erstes wieder verlassen haben. Geblieben sind immer nur die ohne Mut und Willen“, sagt Kukla. „So war das zum Beispiel, als sich das Viertel nach dem Pinochet-Putsch 1973 mit Chilenen gefüllt hat – kurz darauf waren alle mit Ausbildung und Kontakten wieder weg. So war das bei den Polen 1980, den Kurden, Türken, Tschetschenen, Jugoslawen. So war das ursprünglich auch bei den Tschechen. Insofern sind die heutigen Wiener in der Kreta eigentlich jene Tschechen, die damals den Sprung nach Wien nicht geschafft haben. Denn wer es zu etwas gebracht hat, ist immer schon von der Kreta weggegangen und hat sich woanders ein besseres Leben aufgebaut.“

So wie Aynur Bakar, 48 Jahre. Sie ist die Chefin eines kleinen Friseursalons. Seit sie als Teenager mit ihrem damaligen Mann aus der türkischen Stadt Bursa nach Wien gekommen war, hatte sie im Favoritner Altbau gelebt – ein Vierteljahrhundert lang, wenige Straßenzüge vom Café Susanne entfernt. „Dort hat es mir schon so gereicht“, sagt Bakar. „Auf der einen Seite wohnte eine türkische Familie, die war laut und schmutzig. Auf der anderen Seite lebte ein alter österreichischer Mann, der war voller Hass. Er hat mir das Türschloss mit Uhu verpickt und die Wäsche auf der Leine mit Dreck beschossen.“

15 Stunden täglich, erzählt die quirlige Frau mit den blondierten Haaren, habe sie in ihrem Salon gearbeitet – für eine andere Wohnung und ein anderes Leben. Dann, vor fünf Jahren, zog sie die Absberggasse hinauf. In eine helle und geräumige Wohnung auf dem Monte Laa.

Dutzende verglaste Wohnblöcke ziehen sich dort einen breiten Grünstreifen entlang. 2004 errichtet, gilt Monte Laa als ein Prestigeprojekt geförderten Wiener Wohnens. Licht, Luft, Energieeffizienz, Ineinandergreifen von Leben und Arbeit – die PR-Leute des Rathauses führen Journalisten und internationale Experten hierher, wenn sie die Errungenschaften sozialdemokratischer Wohnpolitik vorführen wollen. Eine amerikanische Landschaftsarchitektin hat den Park gestaltet. Während die Erdgeschoßwohnungen im Kreta-Viertel trister als alles andere im Grätzel sind, verfügen jene in Monte Laa – genau 550 Meter entfernt – über kleine Vorgärten, in denen Bewohner am Sonntag hinter ihren Hecken Paradeiser ernten.

Binnenwanderung innerhalb Favoritens sei unter den Migranten des Bezirks ein zunehmendes Phänomen, sagt Irmgard Hubauer von der Favoritner Gebietsbetreuung.

Sie meint damit spiegelverkehrt dasselbe wie Karl Kluka: Wer es zu etwas bringt, wer sich einen kleinen Wohlstand schafft, verlässt meist schwierige Altbauviertel in Gürtelnähe und übersiedelt in den geförderten Wohnbau in Richtung Stadtrand. Zum Beispiel von der Kreta auf den Monte Laa. Die Wiener Ghettos sind nicht Ghettos von Ausländern. Sie sind die Ghettos der Armen und Ungebildeten.

„Na klar, ich kenne viele Türken, die nach Monte Laa gezogen sind“, bestätigt Aynur Bakar die These der Gebietsbetreuerin, während sie durch ihren Salon huscht und alten Damen glänzende Pasten in die Haare schmiert. „Ist ja klar. Die Wohnqualität ist ja viel besser.“

Exakt 360 Meter von Bakars Wohnung entfernt sitzt Walter Asmus in einem geräumigen Büro. Noch wirkt es improvisiert. Gelbe Schutzhelme hängen auf Garderobenständern; von draußen hat sich eine weiße Staubschicht auf die Tischplatten gelegt. Asmus, 60 Jahre, Sakko und Hemd, vermarktet Immobilien. Er hat sich auf Lofts für kreativ angehauchte Kunden spezialisiert. Anfang 2009 hat er mit der Ankerbrotfabrik den Kauf seines Lebens gemacht.

2000 Menschen arbeiteten zur Blütezeit bei Anker, dem Stolz Favoritens, der größten Backfabrik Kontinentaleuropas. „Alle zehn Minuten erzeugt sie eine Brotsäule in der Höhe des Stephansturmes“, heißt es in einer Festschrift aus dem Jahr 1926. „Die Tagesproduktion übersteigt an Höhe den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest.“

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„Eine ideelle Aufwertung, eine Kulturachse“: Walter Asmus hat Großes vor mit der Ankerbrotfabrik. Schicke Lofts sollen hier entstehen. 2009 kaufte er die einst größte Industriebäckerei Kontinentaleuropas

Fotos von Heribert Corn

80 Jahre später ging ein Gutteil des ziegelsteinernen Industriegeländes an die Bank zur Versteigerung. „Bei unserer Erstbesichtigung 2006“, erzählt Asmus, „drückte man uns schon das Abbruchheft in die Hand.“

Doch der Unternehmer wollte nicht abreißen, obwohl dies in solchen Fällen als billigere Variante gilt. Er begann stattdessen den Charme der alten Brotfabrik zu verkaufen. Von einem „ganzen Loft-Stadtteil“ liest man im Werbeprospekt. Denn „Platz und Raum werden der Luxus von morgen sein“.

Wie der Liverpooler Hafen wirkt das Fabriksgelände mit seinen vielen dicken Ziegelmauern, an denen schon da und dort betonierte Aufzugsschächte in die Höhe streben. Asmus rollt einen Grundriss aus und deutet: „Mühle, Getreidespeicher, Konditoreiwarenerzeugung. Unsere Kunden wollen den alten Zweck der Gebäude wiedererkennen.“ 70 Prozent der Lofts seien schon verkauft, sagt er, an Künstler, Theatergruppen, Kulturschaffende aller Art. Direkt an der Absberggasse hat sich im ersten Stock ein Maler eingemietet. Und an einem Schaufenster darunter prangt seit kurzem der Schriftzug von Lichterloh, einem jungen Wiener Design- und Antiquitätengeschäft mit Stammsitz in der Gumpendorfer Straße.

Asmus betritt das Expedit. Einst wurden in der großen Halle allmorgendlich jene „Stephanstürme“ Brot, von denen die Festschrift schwärmt, in Pferdefuhrwerke verladen, um anschließend die Absberggasse hinab Richtung Stadt gekarrt zu werden. Deshalb bestehe der Boden aus hufschonenden Holzpflöcken, erklärt Asmus, „das schafft eine perfekte Akustik“. Eine Schauspielergruppe probt für eine Opernaufführung. Menschen wuseln umher, auf der improvisierten Bühne stehen Nadelbäume als Requisiten. Asmus redet kurz mit einem jungen Mann mit Kapuzenpullover und Hornbrille über den Stromanschluss.

Er wolle Kultur ins Viertel holen, sagt er später, ins Büro zurückgekehrt. Er wolle öffentlichen Raum an der Absberggasse. Urbanität und Kreativität für ein Umfeld, das bislang viel zu zweckgerichtet und funktional dafür erschien. „Nächstes Jahr, wenn das Projekt fertig ist, wird es offen für alle Menschen sein. Sie dürfen nicht nur hierherkommen und Kultur sehen. Sie sollen es.“ Dann klappt er eine Karte von Wien auf. „Schauen Sie, was hier passiert. Eine ideelle Aufwertung, eine Kulturachse.“ Asmus’ Zeigefinger wandert auf einer imaginären Linie von Punkt zu Punkt. „Das Belvedere. Das 20er-Haus. Das Arsenal. Das neue Hauptbahnhofviertel, wenn es fertig ist. Und die Ankerbrotfabrik.“

Nur das kleine Kreta-Viertel, das auch auf dieser Achse liegt, hat er nicht genannt.

Erschienen im Falter 34/2010

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Gerendert aus der Asche

In zwölf Jahren Detailarbeit haben zwei Architekten die Synagogen Wiens wiedererrichtet. Zumindest virtuell

Bericht: Joseph Gepp

Zweihundert bis vierhundert Arbeitsstunden dauere es, sagt Herbert Peter, dann stehe eine Synagoge wieder.

Er klappt seinen Laptop auf und öffnet ein Bild, Brigittenau, Kluckygasse 11. Seit der „Reichskristallnacht“ vom 10. November 1938 existiert der dreischiffige Tempel mit den Zwiebeltürmen nicht mehr. Peter, 44, Architekturdozent an der Akademie der bildenden Künste, hält die Maustaste gedrückt und steuert durch ein Fassadenfenster ins Innere.

Ein Davidstern thront über dem Thoraschrein. Die gusseisernen Kurven des Stiegengeländers erinnern an Kleeblätter. Sogar Sonnenlicht, das ein kreuzförmiger Fensterrahmen viertelt, fällt von draußen über die Frauenempore. „Bis vor kurzem“, sagt Peter, „gab es von diesem Gebäude nicht mehr als einen Grundriss und ein paar vergilbte Fotos. Aber jetzt können wir, wenn wir die Quellen zusammenfassen, den alten Raumeindruck nachbilden.“

„Computergestütztes Modellieren“ oder neudeutsch „Rendern“ nennt man die Methode, die sonst vorwiegend bei Neubauvierteln zum Einsatz kommt, damit man sich vorab deren Anmutung vor Augen führen kann. Aber heute rendert Herbert Peter, der nun das Innere der Synagoge in zwei Hälften schneidet, die Vergangenheit. Er will sich vorstellen können, wie die Stadt war, bevor das jüdische Leben aus ihr getilgt wurde.

21 große Synagogen und 40 kleine Bethäuser standen am Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien. Es gab sie in fast allen Bezirken. Manche erinnerten in ihrem orientalisierenden Stil an das Simmeringer Arsenal. Andere sahen katholischen Kirchen zum Verwechseln ähnlich. Weitere hatten prachtvolle Kuppen und minarettartige Türmchen. Bei vielen lag die Fassade nicht direkt an der Straße, sondern man musste erst ein Vorhaus durchqueren, in dem oft Schulen und Klubs untergebracht waren.

Wo sie standen, liegen heute Parkplätze oder Hinterhöfe oder – wie in der Kluckygasse 11 – unterbricht ein grauer Nachkriegsgemeindebau eine Hausweite lang die gründerzeitliche Straßenfront.

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Die Leopoldstädter Pazmanitengasse einst und jetzt
(alle Fotos und Grafiken aus „Die zerstörten Synagogen Wiens“)

Herbert Peter hat gemeinsam mit Bob Martens, 49, Professor für Raumgestaltung an der TU Wien, die Rekonstruktionen aller 21 Synagogen in einem aktuellen Buch veröffentlicht. Zwölf Jahre lang dauerte die Arbeit. Die Anregung kam von einem Bewohner der Josefstädter Neudeggergasse, der 1998 vom Expertenduo wissen wollte, wie eigentlich der verschwundene Tempel in seiner Straße ausgesehen habe. Danach arbeiteten sich Martens und Peter – assistiert von TU-Studentengruppen – von Synagoge zu Synagoge weiter.

Die Resultate sind derzeit auch in einer Ausstellung im Büro der Gebietsbetreuung Brigittenau zu sehen.Das Besondere an Martens’ und Peters Arbeit ist der unkonventionelle Zugang: Wer sich sonst mit Vertriebenen auseinandersetzt, greift klassischerweise auf Quellen wie Zeitzeugenberichte, Tagebuchnotizen oder Bevölkerungsstatistiken zurück. Martens und Peter aber verfolgen keinen historischen oder religionswissenschaftlichen, sondern einen strikt architektonisch-technischen Zugang. Es geht ihnen nur darum zu zeigen, wie die Stadt aussah, als noch Synagogen in ihr standen.

Demnach soll das einstige Straßenbild mit dem heutigen verglichen werden können. Dazu findet sich zu jedem Tempel im Buch ein Grätzelplan. Außerdem handelt es sich um keinen Bildband, wie er sonst zur Darstellung von Grafiken dient. „Wir haben stattdessen“, sagt Bob Martens, „die Form des handlichen Stadtführers gewählt. Wir wollen, dass ihn die Leute in die Hand nehmen und losmarschieren.“

Sie gehen auf die Suche nach Parkplätzen und Hinterhöfen, die sie vielleicht schon hundertmal übersehen haben. Und deren grauer, unauffälliger Lückencharakter nun davon erzählt, was dieser Stadt einmal verlorengegangen ist.

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Der sephardische Tempel in der Zirkusgasse: als historische Aufnahme, als Computermodell mit Lichteinfall, als dieselbe Stelle heute

Um die Lücken anschaulich zu machen, suchten Martens und Peter nach alten Beschreibungen der Synagogen, Fotos, Aquarellen, Postkarten. Sie vertieften sich in jüdische Ornamentik und gründerzeitliche Farbgebung. Sie berechneten anhand der typischen Ostausrichtung der Synagogen den Lichteinfall in Innenräumen. Sie durchforsteten Laufkilometer an den baubehördlichen Akten, um jene Pläne aufzutreiben, die Architekten einst im Zug des Bewilligungsverfahrens ans Magistrat einreichten. Teils gehen diese Dokumente bis ins Jahr 1790 zurück.

„Historiker aus Serbien und Ungarn recherchieren in Wien, weil hier so viele alte Pläne liegen. Es hat was sehr Wienerisches, dass die echten Bauten vernichtet, niemals aber die Archive angetastet wurden“, sagt Herbert Peter.

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Der einstige Ottakringer Tempel in der Hubergasse

Bei den Recherchen erschlossen sich Martens und ihm Erkenntnisse, die weit über das bloße Aussehen von Synagogen hinausreichen.

Wiens ältester neuzeitlicher Tempel liegt in der Seitenstettengasse und besteht bis heute. Als er 1825 errichtet wurde, hielt man sich noch streng an das Toleranzpatent Josephs II., wonach nichtkatholische Gotteshäuser von außen nicht als solche erkennbar sein durften.

Als Jahrzehnte später, 1858, Wiens zweite Synagoge entstand, war die Gemeinde durch Ostzuwanderer schon auf das rund Dreißigfache angewachsen. Die große Synagoge in der Leopoldstädter Tempelgasse fasste nun rund 3000 Menschen. Das Toleranzpatent war aufgeweicht; die Tempel begannen etwas herzumachen.

Zwar blieb etwa jener in der Tempelgasse kleiner als viele katholische Kirchen. Aber der maurische Stil, den der Ringstraßenarchitekt Ludwig von Förster dem Gebäude verpasste, machte Eindruck. Und weil die davor verlaufende schmale Gasse keine pompösen Sichtachsen erlaubte, legte Förster einen neuen Platz an: In einigen Metern Entfernung beiderseits des Hauptschiffes ließ er Nebentrakte bauen, sodass ein Raumeindruck entstand. Einer der Trakte steht bis heute, daneben die brache Stelle, wo bis 1938 das Hauptschiff war.

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Die Tempelgasse, einst und jetzt

Eine schmale Gasse, ein kleines Grundstück – und doch der Wille zur Repräsentation: „Die Tempelgasse zeigt, wie die jüdische Gemeinde ständig zwischen dem Willen zur Exponiertheit und der Angst davor lavierte“, sagt Martens und zeigt als Beleg das Rendering eines weiteren Tempels. „Die Synagoge in der Alsergrunder Müllnergasse war zwar einigermaßen auffällig. Aber dafür sah sie auch aus wie eine katholische Kirche. Und doch war sie von der Straßenfront aus ein paar Meter nach hinten versetzt, als würde sie sich nicht ganz hervorzutreten trauen. Es war ein ständiges Taxieren und Verhandeln.“

Wie als Bestätigung dieses Misstrauens überstanden – wenn auch ihrer Funktion beraubt – gerade jene Synagogen das Jahr 1938, die von außen nicht als solche kenntlich waren. Schon 1903 ließen wütende Anrainer den Bau einer Großsynagoge am Rudolfsplatz scheitern. Im Gegensatz zu allen bisherigen hätte diese freistehend, also in keine Straßenfront integriert, sein sollen.

Außerdem gab es damals in der kakanischen Provinz mehr Freiheit als in Wien. Am Land standen Synagogen öfter frei und waren generell prominenter platziert als in der Reichshaupt- und Residenzstadt. Das ging so weit, dass sich manchmal das gleiche Modell desselben Architekten baugleich zweimal fand – halb versteckt in Wien und etwas exponierter am Land.

So existiert der einstige Alsergrunder Tempel ein zweites Mal im tschechischen Budweis – dort hat er im Gegensatz zu Wien die Nazizeit überlebt und steht außerdem frei. Und im Fall der Synagoge im nordungarischen Miskolc finden sich sogar Weltreligionen ineinander verzahnt: Das gleiche Gebäude steht als evangelische Gustav-Adolf-Kirche in der Gumpendorfer Straße.

So gesehen hat sogar Ludwig von Försters einst gerühmter Leopoldstädter Tempel die Zeit auch abseits von Bob Martens’ und Herbert Peters Computermodellen überstanden: Er steht als „Choralsynagoge“ in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.

Bob Martens, Herbert Peter: Die zerstörten Synagogen Wiens. Virtuelle Stadtspaziergänge. Mandelbaum, 256 S., € 19,90

Wiens verschwundene Synagogen, Ausstellung Gebietsbetreuung Stadterneuerung. 20., Allerheiligenplatz 11. Mo-Mi 9-12 und 13-17 Uhr, Do 13-19 Uhr, Fr 9-12 Uhr

Kasten zu diesem Text: Der „Broadway in der Reindorgasse“: Wie eine Bürogemeinschaft im fünfzehnten Bezirk Grätzelgeschichte(n) erlebbar machen möchte

Erschienen im Falter 17/2010

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Der „Broadway in der Reindorgasse“: Wie eine Bürogemeinschaft im fünfzehnten Bezirk Grätzelgeschichte(n) erlebbar machen möchte

:: Im Jahr 1932 schrieb die Wiener Zeitschrift Kuckuck: „Paris hat die Rue de la Paix, London die Regent-Street, Neuyork hat den Broadway, Rudolfsheim hat – die Reindorfgasse.“

Es gibt einen Aspekt in der Geschichte des 15. Wiener Gemeindebezirks, der wohl schon völlig in Vergessenheit geraten wäre, würde eine kleine Bürogemeinschaft in der Herklotzgasse 21 nicht konsequent an seiner Erinnerung arbeiten: das jüdische Leben im Viertel. „Bis heute“, erzählt Michael Kofler, 43, Regionalentwickler und Grätzlhistoriker, „treffen sich in Tel Aviv regelmäßig ein paar alte Damen zum Kaffee, die gemeinsam den jüdischen Kindergarten in der Herklotzgasse besucht haben.“

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Zwischen Äußerer Mariahilferstraße und Sechshauser Straße liegt ein Viertel mit fast vergessener Geschichte

Vor fünf Jahren zog Kofler mit der Ökonomin Judith Pühringer, 34, in ein lichtdurchflutetes und preisgünstiges Gründerzeitbüro in der Herklotzgasse 21 unweit des Gürtels. Kurz danach bekam Pühringer zufällig die Kindheitserinnerungen einer alten Rudolfsheimerin über das „Zentrum jüdischen Lebens“ in die Hände. Kofler und Pühringer wurden neugierig. Und der Ort Herklotzgasse 21 zunehmend zum Programm.

Vor dem Ersten Weltkrieg war in der Gegend um Herklotz- und Reindorfgasse ein vitales jüdisches Viertel entstanden. Dem Broadway glich es zwar nicht unbedingt. Aber mit Kaffeehäusern, Schulen, Sportvereinen und zwei großen Synagogen brachte es sicher einiges Treiben in den Bezirk. Und im Unterschied zur großbürgerlichen Innenstadt und zur orthodoxen Leopoldstadt hatten sich hier vorwiegend Kleinbürger angesiedelt.

1938 – hauptsächlich in der verhängnisvollen Nacht vom 9. auf den 10. November – wurde das Gefüge zerstört. Die Überlebenden verstreuten sich in alle Welt – bis Michael Kofler und Judith Pühringer sie zum Erinnerungstreffen nach Wien einluden.

Zeitzeugengespräche, Grätzlführungen für Schulklassen, eine Privatausstellung mit alten Fotos und Erinnerungsstücken – seit nunmehr vier Jahren wollen die Grätzelhistoriker „die Geschichte nachhaltig erlebbar machen“, wie Kofler sagt. Bewusstsein soll geschaffen werden, was im 15. einmal war. Die neueste Maßnahme dazu ist eine Art Audioguideführung per eigenem Handy: Wählt man nun an einem von zehn Punkten im Bezirk eine Festnetznummer zum Ortstarif, klärt eine Bandstimme über die jüdische Geschichte des jeweiligen Ortes auf – auf Deutsch, Englisch, Serbokroatisch, Türkisch oder Hebräisch.

Als nächster Schritt, erklärt Kofler, wolle man sich für die Errichtung eines Denkmals unweit der Herklotzgasse einsetzten. Dort, wo sich heute eine triste Verkehrsinsel befindet, stand bis 1938 der alte Turnertempel.

JOSEPH GEPP

15., Herklotzgasse 21 (U6 Gumpendorfer Straße)
Besichtigung und Führungen nach Vereinbarung,
www.herklotzgasse21.at

Hautpgeschichte dazu: Gerendert aus der Asche
Mehr dazu: Stadt mit Juden

Erschienen im Falter 17/2010

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