Archiv der Kategorie: Stadtgeschichte

„Der Hype um den Ersten Weltkrieg ist nicht nur gut“

Aus dem FALTER 51/2014


Die Historikerin Tamara Scheer über Völkerkerker, Historikerstreite und den Stolz auf K.u.k.-Vorfahren

Interview: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

In Österreich erscheint der Erste Weltkrieg wie eine in Stein gemeißelte Historie. Anders in Ungarn, Tschechien oder Ex-Jugoslawien: In Osteuropa wirkt der Weltkrieg gegenwärtiger, die Erinnerung ist umstrittener. Die Wiener Historikerin Tamara Scheer hat erforscht, wie sich die Wahrnehmung des Krieges in Osteuropa verändert hat.

Falter: Frau Scheer, eine der Ursachen des Weltkriegs war, dass Serbien das österreichisch-ungarische Vordringen auf den Balkan als imperialistisch empfand. Wie bewertet man in Serbien heute den Ausbruch des Weltkriegs?

Tamara Scheer: Vorweg will ich sagen: Es gibt nie die eine Erinnerungsgeschichte. Sie verändert sich je nach Epoche, Gesellschaftsschicht und Region. Bei Historikertagungen beispielsweise ist die Erinnerungskultur anders als beim einfachen Bürger.

Wie denkt der einfache Serbe, wie der professionelle Historiker über den Weltkrieg?

Scheer: Beim Bürger fällt mir ein gewisser Bedeutungswandel auf. Man streicht zum Beispiel – im Gegensatz zu früher – gern hervor, dass man einen K.u.k.-Soldaten in der Familie hatte. In Fachkreisen hingegen gibt es zwei Strömungen: Eine hängt noch der alten Sicht an, dass der serbische Staat mit dem Attentat 1914 nichts zu tun gehabt habe. Eine modernere Gruppe, die glücklicherweise immer größer wird, sagt: Selbstverständlich waren in Serbien Offiziere und Politiker an der Planung des Attentats beteiligt. Es ist aber schwierig, die tatsächliche Beteiligung vonseiten Serbiens am Attentat festzumachen. Wie in Österreich-Ungarn auch gab es Gruppen, die einer Eskalation des seit Jahren schwelenden Konflikts Sympathie entgegenbrachten, aber auch Kräfte, die um jeden Preis deeskalieren, also einen gewaltsamen Konflikt verhindern wollten.

Tamara Scheer, 34, forscht am Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft und verbringt auch viel Zeit in Archiven in Ungarn oder Ex-Jugoslawien. Ihre jüngste Publikation handelt von der österreichisch-ungarischen Besetzung des Sandschak ("Minimale Kosten, absolut kein Blut"). Zum Ersten Weltkrieg publizierte sie etwa "Die Ringstraßenfront - Österreich-Ungarn, das Kriegsüberwachungsamt und der Ausnahmezustand während des Ersten Weltkriegs"

Tamara Scheer, 34, forscht am Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft und verbringt auch viel Zeit in Archiven in Ungarn oder Ex-Jugoslawien. Ihre jüngste Publikation handelt von der österreichisch-ungarischen Besetzung des Sandschak („Minimale Kosten, absolut kein Blut“). Zum Ersten Weltkrieg publizierte sie etwa „Die Ringstraßenfront – Österreich-Ungarn, das Kriegsüberwachungsamt und der Ausnahmezustand während des Ersten Weltkriegs“

Das klingt, als wäre das Thema umstritten.

Scheer: Durchaus. Natürlich möchte niemand gerne Schuld am Ausbruch des Krieges haben, deshalb sollte man die aktuell hitzig geführte Diskussion wieder sachlicher und von heutigen politischen Debatten abgewandt betrachten. Heute lebende Personen und Staaten haben mit den Ereignissen von 1914 nichts zu tun. Das Interesse ist aber groß, die Gemüter sind erhitzt, nicht nur in Serbien. Auch in Ungarn und Tschechien forscht man schon seit Jahrzehnten viel intensiver an dem Thema als in Österreich, vor allem, inwieweit zum Beispiel Tschechen nicht nur Opfer des Systems, sondern auch an der Planung und Politik der Habsburgermonarchie beteiligt waren. Ebenso geht es in den Medien häufig darum. Man braucht nur in Belgrad oder Budapest den Fernseher aufzudrehen.

Was spielt es da beispielsweise?

Scheer: 90 Prozent sind populärwissenschaftlich, etwa Leidensgeschichten von der Front oder der Gefangenschaft. Aber dann gibt es auch immer wieder große Kontroversen, die den Kampf um die Deutungshoheit widerspiegeln – zum Beispiel kürzlich die um Christopher Clarks Buch in Serbien oder in Deutschland. Für viele schätzt Clark die Beteiligung Serbiens am Krieg zu hoch ein, in Deutschland ist es genau umgekehrt. Für viele war das Deutsche Kaiserreich Kriegstreiber, und angeblich spielt Clark diese Bedeutung herunter. Clark ist ein australischer Historiker, der die Vorgeschichte des Weltkriegs erforschte. In seinem Buch „Die Schlafwandler“ unterscheidet er in jedem Land – auch in Serbien – zwischen moderaten Kräften und Hardlinern. Er nennt sie Tauben und Falken.

In Österreich erscheint das Thema längst nicht so aktuell. Warum nicht?

Scheer: Aus mehreren Gründen. Zunächst hat in Österreich der Zweite Weltkrieg das Interesse am Ersten stark überdeckt. Weiters stellte der Erste Weltkrieg für viele osteuropäische Staaten die Geburtsstunde der Nation dar -in Österreich hingegen löste er vor allem eine Identitätskrise aus und führte direkt in die antidemokratischen und autoritären Regime der Zwischenkriegszeit und schließlich zum „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland. In Osteuropa hingegen hat der Kommunismus viel Beschäftigung mit der Historie überdeckt, das bricht nun hervor.

Wie hat sich nach dem Ende des Ostblocks die Wahrnehmung verändert?

Scheer: Zunächst trat das nationale Element stark in den Vordergrund. Das zeigt sich zum Beispiel am Blick auf das tschechische k.u.k. Infanterieregiment 28, das beinahe als Ganzes zu den Russen desertierte. Nach 1918 wurden die Soldaten deshalb in der tschechischen Geschichtsschreibung als Helden gefeiert, weil sie nicht für Österreich kämpfen wollten. Heute werden solche Vorstellungen durch neuere, differenziertere ersetzt. Zum Beispiel erforscht man, dass Desertionen bei weitem nicht nur aus nationalistischen Gründen erfolgten. Ein Soldat floh etwa auch, weil er zu wenig zu essen bekam oder zu Hause seine kranke Mutter pflegen wollte.

Also verlieren nationalistische Perspektiven an Kraft?

Scheer: Ja, ein Aufbruch setzt ein. Auf Fachtagungen geht es seltener um die alte Wahrnehmung von Österreich-Ungarn als Völkerkerker. Man befasst sich lieber mit der eigenen Rolle in der Habsburgermonarchie, beispielsweise mit der Rolle von slowakischen oder rumänischen Politikern im Staatsapparat. Allerdings scheint mir die größere Offenheit heute wieder gefährdet, wenn ich mir die Debatte in diesem Jahr ansehe. Es geht wieder um Schuldzuschreibungen, wie schon 1918.

Warum?

Scheer: Zum Teil hat das landesspezifische Gründe, zum Beispiel in Ungarn, wo die Orbán-Regierung gern die alte Sicht auf die Leidensgeschichte des Landes propagiert. Es scheint mir aber auch, als habe die weltweite Aufmerksamkeit im Gedenkjahr 2014 dazu geführt, dass die Staaten Osteuropas ein wenig um ihre Selbstbilder fürchten. In Bosnien-Herzegowina hat etwa im Juni eine große internationale Konferenz zu 1914 stattgefunden, die deutsche, ungarische, österreichische, kroatische und mazedonische Historiker abhielten. Nun beschwerten sich unter anderen serbische Nationalisten, dass nur „Verliererstaaten“ des Kriegs diese Konferenz bestückten. Der Hype um den Ersten Weltkrieg ist nicht nur gut.

Was muss geschehen, damit die Debatte zur alten Aufbruchsstimmung zurückfindet?

Scheer: Um den Weltkrieg in Mitteleuropa zu erforschen, muss man übernational kooperieren. Wenn ich zum Beispiel über Nordserbien arbeite, muss ich nach Budapest ins Archiv und Ungarisch beherrschen. In vielen anderen Fällen muss ich nach Wien und Deutsch sprechen. Deshalb sollten die Erinnerungskulturen grenzübergreifend aufgearbeitet werden. Dafür brauchen wir allerdings eine andere, weniger national orientierte Forschungs-und Förderungskultur.

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„Stellen Sie sich einmal vor, wie es damals gerochen hat“

Aus dem FALTER 39/2014, Wohnbeilage

Wie wohnte man vor hundert Jahren in Wien? Der Wiener Historiker Gerhard Halusa über Badebottiche, Dienstbotenböden und Kohlenkeller

Interview: Joseph Gepp

Seit 26 Jahren führt Gerhard Halusa im Wiener Wirtschafts-und Gesellschaftsmuseum im fünften Bezirk Museumsgäste durch die Epochen. Ein rekonstrierter Salon aus dem Fin de Siècle reiht sich hier etwa an ein Wohnzimmer aus den 60er-Jahren. Die Räume sollen zeigen, wie sich Wohnwelten und Standards in Wien im vergangenen Jahrhundert veränderten. Wir fragen Halusa, 54, studierter Historiker und Geograf: Wie hat man vor einem Jahrhundert gewohnt?

Falter: Herr Halusa, wie sah vor 100 Jahren die typische Wiener Wohnung aus?

Gerhard Halusa: Es war jedenfalls nicht die Wohnung der Adligen oder Großbürger, an die man heute vielleicht denkt. Darin lebten um das Jahr 1900 nur knapp zehn Prozent der Bevölkerung, neun davon Bürgerliche, einer adlig. Der Rest der Bevölkerung waren Arbeiter. Die typische Wiener Wohnung war also eine Arbeiterwohnung: höchstens 25 Quadratmeter groß, aus nur einem Raum bestehend. Wenn man sie betrat, stand man in einer so genannten „Gangküche“, die sich weiter hinten in einem Wohn-und Schlafraum fortsetzte. Wasseranschluss und Toilette lagen am Gang. Einen Vorraum gab es nicht: Von knapp 375.000 Wohnungen im Wien der Jahrhundertwende hatte gerade ein Viertel ein Vorzimmer oder einen kleinen Vorraum.

Wie viele Menschen lebten typischerweise in einer solchen Arbeiterwohnung?

Halusa: Meist eine Familie mit Kindern, dazu oft Untermieter und Bettgeher.

Wie war sie möbliert?

Halusa: In der Küche gab es eine kleine Arbeitsfläche und einen Herd, oft gemauert, wie man das heute noch in alten Bauernhäusern sieht. Entlüftet wurde die Küche durch ein Fenster zum Gang, deshalb nennt man sie „Gangküche“. Diese Gangfenster gibt es bis heute in vielen Wohnungen.

Und das Zimmer dahinter?

Halusa: Dort stand ein Bett, manchmal auch ein Schrank oder eine Truhe. Dazu gab es einen Ofen, den die Arbeiter meist mit aufgeklaubtem Holz beheizten. Die Möbelstücke kaufte man gebraucht, zum Beispiel bei Pfandleihern oder jüdischen Wanderhändlern. Die Ärmeren der Armen haben sich ihre Betten oft auch selbst gebaut, aus Brettern und Strohsäcken.

Beim Bürgertum hingegen herrschte wohl ein durchkomponierter, historistischer Prunk.

Halusa: Das galt nur für die ganz Reichen. Diese ließen sich teilweise Salons einrichten, in denen alles durchkomponiert und stilistisch einheitlich war. Das weniger hohe Bürgertum hingegen, beispielsweise die Beamten, wählten oft Möbel, die leistbar waren und einigermaßen repräsentativ aussahen. Da mischte sich dann etwa altdeutscher Stil mit Jugendstil.

Wie sahen Wiens Badezimmer vor hundert Jahren aus?

Halusa: Im Normalfall gab es nur eine Lavour für die Körperpflege, selbst für die Reichen. Zu denen kam aber immerhin allwöchentlich ein so genannten Badeknecht. Dieser stellte einen Holzbottich mit warmen Wasser auf, teils beheizbar. In den Bottich gingen dann nacheinander Vater, Mutter, Kinder und schließlich die Dienstboten. Alle im selben Wasser, alle natürlich in Badekleidung.

Wie lief die Körperpflege bei den Armen ab?

Halusa: Die hatten nur besagte Lavour sowie einen Kübel, den sie als Toilette verwendeten und regelmäßig ausleerten. Stellen Sie sich einmal vor, wie intensiv es in einer Wiener Arbeiterwohnung um die Jahrhundertwende gerochen hat: In jedem Haus kochen zehn bis 15 Familien und entlüften in den Gang. Dazu kommt das Klo am Gang sowie die Kübeln, die als Toiletten verwendet werden. Schließlich muss man bedenken, dass jede Person nur ein, zwei Kleidungsstücke besaß, die meist den ganzen Tag getragen wurden. Für unsere modernen Nasen wäre all das kaum auszuhalten.

Reden wir über schönere Dinge. Wie wurde damals Kaffee gekocht?

Halusa: Echten Kaffee konnte sich nur die zehn Prozent Oberschicht leisten. Die Armen verwendeten Ersatzkaffee, etwa aus Feigen. Oder man ist Zichorien stechen gegangen; dies kommt auch in Ferdinand Raimunds „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ vor. Zubereitet wurde der Kaffee auf viele Arten, es gab etliche Filterund Brühformen.

Wurde der Herd in der Küche mit Holz betrieben?

Halusa: Ja, meist. Es gab aber gemeinhin auch Gas in den Wohnungen. Das war eine einzelne Flamme in der Küche, die dauernd brannte. Sie diente hauptsächlich als Lichtquelle, manchmal auch zum Kochen. Die ganze Angelegenheit war eher unhygienisch, weil die Gasflamme stark gerußt hat. Weil reines Gas kein Licht gibt, hat man es in den Gaswerken mit Benzol oder dem Insektenmittel Naphthalin versetzt.

Und wie hat man die Wohnzimmer vor hundert Jahren beheizt?

Halusa: Mit Öfen. Die Reichen bestellten sich dafür Kohle in ihre Keller, die Armen sammelten Holz. Zumindest die Variante mit der Kohle hat es bis in die jüngere Vergangenheit noch gegeben: Als ich in den 60er-Jahren in Simmering im Gemeindebau aufgewachsen bin, hat noch der Kohlewagen seine Fuhren ins Kellerabteil gekippt. Wir sind dann mit Schaufeln und Kübeln hinunter, Kohle holen.

Was für einen Boden hatte vor einem Jahrhundert eine Wohnung in Wien?

Gerhard Halusa, Historiker im Wiener Wirtschafts- und Gesellschaftsmuseum (Foto: Gepp)

Gerhard Halusa, Historiker im Wiener Wirtschafts- und Gesellschaftsmuseum (Foto: Gepp)

Halusa: Auch hier müssen wir unterscheiden. Die Reichen hatten meist Parkettböden, die Arbeiter Böden aus Stein. Letzterer bestand beispielsweise aus Steinfliesen, wie man sie heute noch in vielen Wiener Altbauten in Stiegenhäusern sieht. Interessant war, dass es beim Adel und Bürgertum immer auch Bereiche für Dienstboten gab – in denen man dann die Parkettböden manchmal gezielt rausnahm. Denn der Parkettboden markierte den Herrschaftsbereich.

Wo in den Häusern lebten die Dienstboten?


Halusa:
Wiens vornehme Häuser verfügten über eine Beletage, den ersten Stock, wo die Herrschaften wohnten. Darunter liegt das Mezzanin. Diese Halbstöcke entstanden ursprünglich, weil die Bauherren die damalige Bauordnung umgehen wollten. Man durfte in Wien nicht höher als drei Stockwerke bauen, also zogen findige Unternehmer das Mezzanin ein. Ebendort kamen bevorzugt die Dienstboten unter. All dies gilt aber nur für das hohe Bürgertum. Jene Reichen, die weniger Platz hatten, stellten ihren Dienstboten einfach ein Klappbett im Vorzimmer auf.

In der Ära, über die wir sprechen, entstand ein Großteil der Bauten, die bis heute den inneren Teil von Wien prägen. Sie reicht ungefähr vom Jahr 1860 bis zum Beginn der Ersten Weltkriegs. Wo liegt der Unterschied zwischen einer Wohnung von 1860 und einer von 1910?

Dieses Wohnzimmer einer Familie des gehobeneren Bürgertums um 1900 hat man im Wirtschafts- und Gesellschaftsmuseum rekonstruiert (Gepp)

Dieses Wohnzimmer einer Familie des gehobeneren Bürgertums um 1900 hat man im Wirtschafts- und Gesellschaftsmuseum rekonstruiert (Gepp)

Halusa: Das hängt mit der Industrialisierung zusammen. 1860 gab es noch viele kleine Handwerke und Facharbeiter. Entsprechend fanden sich in den Höfen kleine Werkstätten und Betriebe; die dazugehörigen Gebäude stehen noch heute hinter vielen Wiener Gründerzeithäusern. Doch im Lauf der Jahrzehnte änderte sich das Bild. Der Handwerker wurde vom Fabriksarbeiter abgelöst, für den man Massenquartiere brauchte. Also wurden Zinskasernen hochgezogen, etwa in Favoriten. In diesen Häusern gibt es keine Beletage mehr, keine soziale Schichtung. Jede Wohnung schaute gleich aus. Wobei: Noch viel größer als der Unterschied zwischen den Jahren 1860 und 1910 ist beispielsweise jener zwischen 1910 und 1925. Die Gemeindebauten des Roten Wien nach dem Ersten Weltkrieg brachten eine immense Umwälzung des Wohnens.

Worin drückte die sich aus?

Halusa: Man wollte einen Gegenentwurf zum Elend der Kaiserzeit schaffen. Licht, Luft und Sonne statt Armut und Elend. Also führten die Stadtverantwortlichen Beschränkungen ein, zum Beispiel, was die Größe des unverbauten Anteils an einem Grundstück betraf. Dazu kamen neue, gemeinschaftliche Infrastrukturen wie Waschküchen. Und schließlich hatte man mit dem so genannten Friedenszins die Höhe der Mieten begrenzt. Vor dem Weltkrieg konnten private Bauherren mit Zinskasernen immense Profite machen, nun rentierten sie sich kaum noch. Folglich sprang die Stadt Wien ein, teils aus Überzeugung, teils aus Notwendigkeit. Aus all dem entwickelte sich eine neue, moderne Form des Wohnens.

Vor einem Jahrhundert bedeutete es für die meisten Menschen Armut und Elend, im Gründerzeitbau zu wohnen. Heute lieben ihn die Wiener viel mehr als den Neubau. Verblüfft Sie das?

Halusa: Da ist sicher viel Nostalgie im Spiel, aber Gründerzeitbauten sind auch gestalterisch schöner als viele jüngere Gebäude, zudem liegen sie nah am Zentrum. Außerdem hat sich das Wohnen verändert: Um das Jahr 1900 lag die durchschnittliche Wohnungsgröße bei 22 Quadratmetern. Heute haben die Wohnungen nicht nur alle Anschlüsse, viele von ihnen wurden auch zusammengelegt. Hätte man vor hundert Jahren ein durchschnittliches Stockwerk in einem Wiener Gründerzeitbau betreten, man würde viel mehr Wohnungstüren sehen.

Wien wächst heute so stark wie seit einem Jahrhundert nicht mehr, Stadtforscher sprechen von einer „zweiten Gründerzeit“. Was kann man heute von der ersten Gründerzeit lernen?

Halusa: Die Dichte von gründerzeitlichen Stadtviertel hat sicher Vorteile, die Wege sind kurz und das Straßenleben rege. Aber ansonsten sollte man die Wohnverhältnisse im Wien der Jahrhundertwende nicht romantisieren. Im Wesentlichen folgte die Gründerzeit dem eiskalten Prinzip der Gewinnmaximierung: Es galt, so viele Menschen wie möglich auf möglichst wenig Raum unterzubringen.

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Die Geschichte von Anker

Aus dem FALTER 36/2014

Nur wenige, die sich in der Früh beim Anker ein Weckerl kaufen, ahnen: Sie betreten quasi historischen Boden.

Die Ankerbrotfabrik in Favoriten zählte einst zu den größten ihrer Art in Europa; die Pferdewägen, die das Brot in die Stadt brachten, hatten den Status von Wahrzeichen. Im Jahr 2011, zum 120-jährigen Bestehen der Bäckerei, zeichneten Christian Rapp und Markus Kristan in einem Buch die Geschichte der Großbäckerei nach.

Es enthält nicht nur eine fundierte Historie des Unternehmens, sondern auch zahlreiche alte Werbesujets sowie Bilder und Pläne vom alten Fabriksgebäude, in dem sich heute teilweise Lofts befinden. Ein kaum beachtetes und faszinierende Stück Stadtgeschichte in Buchform. JG

Markus Kristan, Christian Rapp: Ankerbrot. Die Geschichte einer großen Bäckerei. Brandstätter Verlag. Antiquarisch erhältlich

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Migration: Zeit für ein Stück vernachlässigte Stadtgeschichte

Aus dem FALTER 36/2014

Bericht: Joseph Gepp

Ende des 19. Jahrhunderts waren es die berühmten „Ziegelböhm“, in der Nachkriegszeit waren es Gastarbeiter aus Jugoslawien und der Türkei, heute schließlich sind es vor allem Einwanderer aus EU-Staaten, zum Beispiel Deutsche und Ungarn: Die Geschichte Wiens besteht – auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen -aus aufeinanderfolgenden Migrationswellen.

Eben diese Geschichte aufzuarbeiten und stärker im städtischen Bewusstsein zu verankern, hat sich ein aktuelles Rathausprojekt vorgenommen. „Migration sammeln“ heißt es; es soll von heuer bis zum Jahr 2016 laufen. Anlass ist das 50-Jahre-Jubiläum des ersten Gastarbeiteranwerbeabkommens Österreichs. „Migration hat Wien entscheidend geprägt“, sagt SPÖ-Stadträtin Sandra Frauenberger, die das Projekt initiiert hat. „Es ist höchste Zeit, das auch entsprechend aufzuarbeiten.“ Immerhin haben in der Stadt, die seit Jahren rapide wächst, ganze 46 Prozent der Bevölkerung irgendeine Art von Migrationshintergrund.

Konkret wird per Ausschreibung eine wissenschaftliche Institution gesucht, die in den kommenden Jahren Objekte findet und ordnet, die die Migrationsgeschichte der Stadt darstellen. Das können etwa Gegenstände und Briefe sein, aber auch Lebensgeschichten von Migranten, die im Rahmen von Oral-History-Projekten aufgezeichnet werden. Die Sammlung wird danach in die Bestände des Wien Museum integriert, das sich mit der Historie der Stadt auseinandersetzt. Ziel: Die Migration soll, so Frauenberger, „in der Wahrnehmung der Städter jenen Rang einnehmen, die ihr gebührt“.

Immerhin sickert die wahre Bedeutung von Entwicklungen oft erst nach Jahrzehnten ins gesellschaftliche Bewusstsein ein. Während etwa die Ziegelböhmen längst Teil des populären Wiener Geschichtsbildes sind, ist die Tatsache, dass die meisten modernen Migranten heutzutage EU-Bürger sind, noch lang nicht im Bewusstsein der Wiener angekommen.

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Der übersehene Palast

Aus dem FALTER 17/2014

Von der Hauskapelle bis in den Eiskeller – ein Rundgang durch das Palais Schwarzenberg, das bald zum Casino werden soll

ERKUNDUNG: JOSEPH GEPP
FOTOS: HERIBERT CORN

Es gibt Sehenswürdigkeiten in Wien, die es nicht schaffen, sich im Bewusstsein der Stadtmenschen festzusetzen. Man kennt sie zwar vom Sehen und geht auch oft an ihnen vorbei. Aber man schaut nie richtig hin. Auf diffuse Weise fallen sie nicht weiter auf, bis man das erste Mal genauer hinsieht – und staunt. So eine Sehenswürdigkeit ist das Palais Schwarzenberg.

Erbaut wurde es um das Jahr 1700 von Lukas von Hildebrandt, einem der bedeutendsten Barockarchitekten Österreichs, der etwa auch das Belvedere oder das Schloß Hof im Marchfeld errichtete. Residiert hat hier über Jahrhunderte die Familie Schwarzenberg, eine der wichtigsten Dynastien im Staat gleich nach den Habsburgern. Doch aus irgendeinem Grund schafft es der barocke Prunkbau heute nicht heraus aus dem Hinterstübchen im städtischen Bewusstsein. Vielleicht liegt es daran, dass das Palais vom Hochstrahlbrunnen und vom Russendenkmal verdeckt wird, wenn man über den Schwarzenbergplatz zu ihm blickt. Oder daran, dass der einst prächtige Vorhof in einen Parkplatz verwandelt wurde, weshalb sich die Fassade des Schwarzenberg hinter Autos erhebt.

Steht leer, seit ein Hotelprojekt hier scheiterte: das Hotel Schwarzenberg vom Park aus gesehen (Foto: Corn)

Steht leer, seit ein Hotelprojekt hier scheiterte: das Hotel Schwarzenberg vom Park aus gesehen (Foto: Corn)

Eigentümer ist jedenfalls bis heute die Familie Schwarzenberg. Deren Oberhaupt, Karl Schwarzenberg, zugleich tschechischer Außenminister, bewohnt nach wie vor eine Wohnung in einem Seitentrakt, wenn er sich in Wien aufhält. Beim Rest des Palasts stellt sich immer dringender die Frage: Was tun damit?

Tapeten hängen in Fetzen von der Wand (Foto: Corn)

Tapeten hängen in Fetzen von der Wand (Foto: Corn)

Bis 2006 war das Palais ein Luxushotel, was allerdings scheiterte. Und auch die Vermietung für Edelevents – beispielsweise für Präsentationen des Lederwarenunternehmens Louis Vuitton oder für die Hochzeit der Tochter des Wiener Milliardärs Martin Schlaff vergangenen Sommer – sorgt kaum für Auslastung. Deshalb gibt es nun eine neue, umstrittene Idee: Mit dem Sanctus der Familie wollen das Schweizer Stadtcasino Baden und die deutsche Gauselmann-Gruppe in den geschichtsträchtigen Sälen ein Luxuscasino eröffnen. Derzeit bemüht man sich um eine Konzession. Die Kommunikationsagentur Trummer, die für das Casinoprojekt wirbt, hat dem Falter eine exklusive Führung durch das verwaiste und etwas heruntergekommene Palais Schwarzenberg gewährt. Von abgenutzten barocken Festsälen bis zum verlassenen Hoteltrakt, von einer einst schicken 1980er-Jahre-Bar bis zu Kellergewölben tief unter der Erde – das Gebäude erzählt auch viel über die Geschichte der Stadt und ihre Veränderungen.

Blick auf den Altar in der Hauskapelle (Foto: Corn)

Blick auf den Altar in der Hauskapelle (Foto: Corn)

Die Kapelle zum Beispiel. Hier feierten die Schwarzenbergs einst ihre Hausmessen, umgeben von Marmor und Blattgold. Nein, hier seien keine Roulettetische geplant, wird heute versichert, höchstens eine kleine Sektbar.

Ein Sicherheitsmann zeigt den originalen Intarsienboden, der unter dem neuen Parkett liegt (Foto: Corn)

Ein Sicherheitsmann zeigt den originalen Intarsienboden, der unter dem neuen Parkett liegt (Foto: Corn)

Oder die Festsäle nebenan. An manchen Stellen kann man die Bretter des Holzbodens anheben, darunter kommt das originale Parkett aus der Barockzeit zum Vorschein, voller prächtiger Intarsien, die aussehen wie Kaleidoskope aus Experimentalfilmen der 1960er-Jahre. Die Stofftapeten daneben hängen teils in Fetzen von den Wänden.

Festsaal im Palais Schwarzenberg (Foto: Corn)

Festsaal im Palais Schwarzenberg (Foto: Corn)

Ein Stockwerk tiefer wird es modernistischer. Hier hat der Architekt Hermann Czech 1984 ein Restaurant samt Bar eingerichtet. Deren nischenreiche, ausladende Gestaltung zählte damals zum Feinsten, was Wiens Gastronomie in puncto Innenausstattung hergab. Heute riecht es an der Holztheke nach Schimmel. Einige Räume weiter zeugen rostige Umrisse an der Wand von etlichen Geräten einer Großküche, in der einst für Gäste gekocht wurde. Wer von hier eine enge, bröckelnde Treppe nach unten klettert, erreicht einen jahrhundertealten Eiskeller. Es ist ein hoher, kuppelförmiger Raum, ausgekleidet mit Ziegeln. Dienstboten füllten ihn früher mit Eis, um Lebensmittel im Sommer einzukühlen. Weil der Keller so tief unter der Erde liegt, schmolz es monatelang nicht ab.

Der Eiskeller tief unter der Erde: Durch die Rundung floss das Schmelzwasser ab (Foto: Corn)

Der Eiskeller tief unter der Erde: Durch die Rundung floss das Schmelzwasser ab (Foto: Corn)

Jener Flügel des Palais Schwarzenbergs, der als Hotel fungierte, schaut hin zur Prinz-Eugen-Straße. Hier finden sich niedrige, meist leergeräumte Hotelzimmer. Im grünen Teppichboden erkennt man noch die Umrisse von Doppelbetten. Zimmernummern hängen noch an Türen. Eine Preisliste für Kleiderreinigung liegt noch neben einer Badewanne, verziert mit einem kleinen Krönchen, dem Hotellogo. Sollte das Schwarzenberg übrigens tatsächlich ein Casino werden, dann werden die Hotelzimmer zu Verwaltungsräumen umfunktioniert, erklärt der Herr von der PR-Agentur. In die barocken Prunkräume kommen die Spieltische.

Nochmals die Kapelle, betrachtet vom ersten Stock (Foto: Corn)

Nochmals die Kapelle, betrachtet vom ersten Stock (Foto: Corn)

Für den Fall, dass die Betreiber die Konzession bekommen, haben sie der Republik Österreich jedenfalls ein Angebot gemacht: Große Teile des barocken Parks hinter dem Palais Schwarzenberg sollen in diesem Fall für die Öffentlichkeit zugänglich werden. Derzeit liegt die verwilderte Grünfläche – sie ist eine der größten im Stadtinneren und reicht fast bis zum Gürtel – im Dornröschenschlaf. Nur ein paar Anrainer dürfen sie bislang betreten. Dies soll sich nun unter Umständen ändern.

Vielleicht wird das prächtige Palais Schwarzenberg auf diese Weise ja doch noch im Bewusstsein der Wiener ankommen.

Der Park hinter dem Palais Schwarzenberg könnte der Öffentlich zugänglich gemacht werden, so den Betreibern erlaubt wird, im Palais ein Casino zu eröffnen (Foto: Corn)

Der Park hinter dem Palais Schwarzenberg könnte der Öffentlich zugänglich gemacht werden, so den Betreibern erlaubt wird, im Palais ein Casino zu eröffnen (Foto: Corn)

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Die Perle der Wiener Vorstadt

Aus dem FALTER 8/2014 (Beilage Mariahilfer Straße)

Handelsroute und Experimentierfeld einer neuen Warenkultur: Ein Blick in die Historie zeigt, warum die Mariahilfer Straße bis heute unter Wiens Straßen einzigartig ist

GESCHICHTSBERICHT: JOSEPH GEPP

Vielleicht sollte man die Geschichte der Mariahilfer Straße gar nicht auf der Mariahilfer Straße selbst beginnen. Sondern ganz woanders. In Krems zum Beispiel. Oder gar in München. Wer von Wien in diese Städte – und in viele andere – reisen wollte, der nahm bereits zu Zeiten des Römischen Reiches die große Ausfallstraße Wiens in den Westen: die Mariahilfer Straße.

So entstand dank alter Handelsrouten eine Straße, die einzigartig ist in Wien. Bis heute prägt sie die Identität und das Bewusstsein der Städter, so wie etwa auch Prater, Ring oder Stephansplatz. Die Mariahilfer Straße ist jedem Wiener vertraut, nicht nur den Bewohnern von Mariahilf und Neubau.

Jeder hat dann und wann etwas auf der Straße zu erledigen. Jeder hat seine Meinung zu dem, was dort geschieht – ob nun zum vorweihnachtlichen Shoppingwahnsinn oder, wie derzeit, zur Verkehrssituation.

Wer sich die Geschichte der Straße anschaut, versteht, wie es zu dieser besonderen Rolle kam. Und was heute noch übrig ist und unauffällig von alten Funktionen und Nutzungen erzählt, sofern man davon weiß. Doch um dies zu illustrieren, sollte man die Mariahilfer Straße erneut verlassen – wenn auch nicht gleich in Richtung München.

Die Wiener Innenstadt, die am unteren Ende der Mariahilfer Straße beginnt, sah bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts noch völlig anders aus. Mächtige Festungsmauern mit vorgelagerten Gräben und Brachflächen umgeben die dichtbevölkerte „Stadt“, wie man sie bis heute nennt. Wer durch eines der acht Tore hineinwollte, musste Zölle entrichten und langwierige Formalitäten erdulden. Das zwang Händler und Soldaten vor den Toren zu einem Aufenthalt. Um das Jahr 1500 konnte dieser schon zwei bis drei Tage dauern, erklärt Erich Dimitz, Chef des Bezirksmuseums Mariahilf.

Besonders betroffen war die Mariahilfer Straße. Schließlich brandete hier der komplette West-Handel an Wiens Mauern. Dementsprechend entwickelten sich auf der Straße, vor allem aufseiten des Bezirks Mariahilf, bald zahlreiche Absteigen und Gasthäuser.

 Reisende passierten das Kärntner Tor, abgerissen Ende der 1850er (Wikipedia)


Reisende passierten das Kärntner Tor, abgerissen Ende der 1850er (Wikipedia)

Man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man sich die Mariahilfer Straße von vor rund 400 Jahren als eine schlammige Landstraße vorstellt, ungepflastert, verstellt mit Fuhrwerken, streckenweise so steil,. das die Wägen fast steckenblieben. Niedrige Häuser mit angebauten Ställen reichten damals ungefähr bis zur Höhe Neubaugasse. Dahinter begannen schon die Äcker und Weingärten.

Später, im 19. Jahrhundert, verloren Stadtmauern und Zollschranken an Bedeutung. Im Jahr 1826 bekam die Mariahilfer Straße eine Pflasterung bis zum heutigen Gürtel -als erste Straße in der Vorstadt. Mehr und mehr verwandelten sich nun die einst schlichten Einkehrhäuser in prachtvolle Hotels. Johann Strauß und Joseph Lanner spielten in den Festsälen dort auf. Das Hotel Kummer in der Mariahilfer Straße 71a beispielsweise hat die Zeit bis heute überdauert. Oder auch der Stadtsaal auf Nummer 81, ein denkmalgeschützter Prunkraum aus dem Jahr 1823. Heute wird hier Kleinkunst aufgeführt, einst gehörte der Saal zum Hotel Münchnerhof. Wenn die Gäste früher hinter dem Hotel Frischluft schnappten, konnten sie über ein noch unverbautes Wienflusstal auf die ganze Innenstadt blicken.

 Aus Absteigen wurden im 19. Jahrhundert prachtvolle Hotels - so wie das Hotel Kummer an der Ecke Neubaugausse (Foto: BM 1060)


Aus Absteigen wurden im 19. Jahrhundert prachtvolle Hotels – so wie das Hotel Kummer an der Ecke Neubaugausse (Foto: BM 1060)

Was das Renommee der Mariahilfer Straße allerdings bis heute prägt, sind nicht die noblen Hotels, sondern die großen Kaufhäuser. Sie entwickelten sich erst ein knappes Jahrhundert später. Die Industrialisierung brachte damals erstmals gleichförmige Waren in großer Zahl hervor, die zu Fixpreisen verkauft werden konnten – und nicht mehr, wie davor, über den Weg des Feilschens.

Die luxuriösen Warentempel galten im späten 19. Jahrhundert als Höhepunkt dieser neuen Industrialisierungskultur, ähnlich wie Messehallen und Bahnhöfe. Im Gegensatz zu den Hotels ließen sich die Kaufhäuser nun vor allem auf der Neubauer Seite der Mariahilfer Straße nieder. Das brachte ihnen gleich zwei Vorteile: Nicht nur wartete auf der anderen Straßenseite in den schicken Hotels eine kaufkräftige Kundenschicht. Auch hatten sich in den Gassen des Bezirks Neubau zur Zeit der Frühindustrialisierung zahlreiche Textil-und Seidenwebereien angesiedelt, die die Kaufhäuser belieferten. Der Weg von der Fabrik zum Kaufhaus und weiter zum Kunden war also nicht weit.

Die Namen der Warenhäuser sind vielen bis heute ein Begriff. August Herzmansky, ein Kaufmann aus Schlesien, gründete seines im Jahr 1863 -es sollte bald zu den größten der Welt gehören. Im Jahr 1879 machte sich ein ehemaliger Lehrling Herzmanskys selbstständig, Alfred Abraham Gerngross. Dazu gesellten sich weitere, heute weniger bekannte Kaufhäuser, die dennoch im späten 19. Jahrhundert zu den wichtigsten in Europa zählten. Beispielsweise das Stafa nahe dem Westbahnhof. Es war zuletzt Einkaufszentrum und wird derzeit angeblich zu einem Hotel umgebaut. Oder das einstmals prächtige Esders, heute das Möbelhaus Leiner.

Ihre Blütezeit durchlebten die Kaufhäuser in der späten Donaumonarchie und in der Ersten Republik. Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg galten sie noch als Inbegriff großstädtischen Schicks, wie Heinz Jankowsky erklärt, Ex-Chef des Bezirksmuseums Neubau und Ausstellungskurator in Sachen Kaufhauskultur im alten Wien. Die Produktpaletten der Häuser waren breit, sie reichten von Kleidung über Teppiche bis zu Spielzeug. So manches Landkind erklomm in den 1960er-Jahren beim Herzmansky die erste Rolltreppe seines Lebens -damals noch hölzern. Die Gestaltung der Kinderschaufenster im Advent, in denen etwa Modelleisenbahnen durch aufwendig gestaltete Miniaturlandschaften fuhren, besprachen sogar die Zeitungen.

Alfred Abraham Gerngross gründete im Jahr 1879 sein Geschäft (heute Mariahilfer Straße 42-48). Es sollte wegweisend für eine neue Art des Konsums in Wien werden

Alfred Abraham Gerngross gründete im Jahr 1879 sein Geschäft (heute Mariahilfer Straße 42-48). Es sollte wegweisend für eine neue Art des Konsums in Wien werden (Foto: Bezirksmuseum Mariahilf)

Sowohl Gerngross als auch Herzmansky wurden nach dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland ihren jüdischen Besitzern geraubt und später restituiert. Dennoch begann in den 1970er-Jahren der Niedergang der Warenhäuser. Nach etlichen Besitzerwechseln und vielen erfolglosen Versuchen, an die alte Blütezeit anzuschließen, übernahmen schließlich meist internationale Ketten die Geschäfte. Heute existiert Gerngross nur noch dem Namen nach, doch weder das ursprüngliche Gebäude von 1902 noch das Konzept des zusammenhängenden Warenhauses haben überdauert. Wo einst Herzmansky war, findet sich heute eine Filiale der deutschen Kette Peek & Cloppenburg. Nur nebenan, in der Stiftgasse 1, steht noch ein einstiges Nebengebäude des Herzmansky-Komplexes samt Original-Geschäftsaufschrift. Die Architektur mir den großenzügigen Fenstern lässt die alte Bedeutung von Herzmansky erahnen.

 Ein Symbol großstädtischen Schicks: die Mariahilfer Straße in der Nachkriegszeit, schon damals viel befahren (BM 1060)


Ein Symbol großstädtischen Schicks: die Mariahilfer Straße in der Nachkriegszeit, schon damals viel befahren (BM 1060)

Wie die Geschäfte auf der Mariahilfer Straße funktionierten, das hat sich seit der Blütezeit der Warenhäuser radikal gewandelt -nicht aber der Charakter des Straßenzugs als eine der höchstfrequentierten Einkaufsmeilen Europas. Damit einher gingen seit jeher massive Verkehrsprobleme und Streits um die Nutzung des knappen und teuren Raums. Auch das ist nichts Neues – auch wenn man es angesichts heutiger Debatten vielleicht glauben mag.

Bereits im Jahr 1830 verfügte die Mariahilfer Straße über eine Art Pferdebus, einen sogenannten „Stellwagen“ mit fixem Fahrplan. Doch dieser war höchst umstritten. Weil der Stellwagen zwischen Fuhrwerken oft nicht durchkam, begleiteten ihn stets berittene Polizisten, die den Weg freimachten. Deshalb sind nicht nur zahlreiche Beschwerden von Bürgern über die Privilegien des Stellwagens überliefert – auch eine einschlägige Phrase hat bis heute in der wienerischen Umgangssprache überlebt: Jemandem „mit dem Stellwagen ins Gesicht fahren“ bedeutet, etwas veraltet, über jemanden drüberzufahren oder ihn niederzumachen. So wie einst der Stellwagen.

Einwände gegen die Verkehrsplanung auf der Mariahilfer Straße brachten nicht nur normale Bürger vor, sondern auch allerhöchste Instanzen: Als 1897 erstmals eine elektrische Straßenbahn installiert wurde, bezog diese ihren Strom unterirdisch statt wie üblich per Oberleitung. Das lag an den Präferenzen Kaiser Franz Josephs. Der schätzte keine Straßen, die mit Leitungen „verschnürlt“ waren. Erst im Jahr 1915 wurde die problemanfällige Unterleitung durch die Oberleitung ersetzt, die bis heute bei Straßenbahnen gängig ist. Bis schließlich in den 1990er-Jahren die U3 die Straßenbahnlinien 52 und 58 obsolet machte.

Die Mariahilfer Straße vor ungefähr 100 Jahren (BM 1070)

Die Mariahilfer Straße vor ungefähr 100 Jahren (BM 1070)

Die Mariahilfer Straße war der Schlusspunkt einer uralten Handelsroute aus dem Westen, das einstige Nadelöhr vor den Stadttoren und das frühe Experimentierfeld einer industrialisierten Warenwelt. Und schließlich auch ein Ort ständiger Debatten darüber, wer die Stadt auf welche Weise nutzen darf.

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Jetzt auch auf DVD: das vergessene jüdische Leben in Sechshaus

Aus dem FALTER 45/2013

Joseph Gepp

Der verschwundene jüdische Alltag Wiens, er fand nicht nur in den großbürgerlichen Palais der Ringstraße und auf der sogenannten „Mazzesinsel“ in der Leopoldstadt statt. Eine heute fast vergessene jüdische Gemeinde rund um einige Synagogen und Vereinshäuser gab es bis zum Jahr 1938 auch in der Herklotzgasse in Sechshaus im 15. Bezirk. Sie war eher kleinbürgerlich geprägt.

Die untergegangene Welt hat in den vergangenen Jahren die sogenannte Initiative Herklotzgasse 21 aufgearbeitet. Historiker und Aktivisten organisierten Ausstellungen und Grätzelspaziergänge. Ergänzt wurde dies von historischer Rekonstruktionsarbeit. In zahlreichen Zeitzeugengesprächen erzählten vertriebene Rudolfsheim-Fünfhauser, die heute meist in Israel leben, ihre Geschichte.

Diese Gespräche bieten Einblicke ins Gemeindeleben, in die Geschichte der Vertreibung wie auch in den Alltag im Wien der 1930er-Jahre. Sie wurden vom Stadtsender W24 ausgestrahlt. Rund um den 9. November werden sie anlässlich des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht wiederholt. Ab 11. November gibt es die Interviews auch als Doppel-DVD mit umfangreichem Booklet zu kaufen. Der Preis beträgt 14 Euro.

Zu beziehen unter: strom@w24.at

Mehr zum Projekt Herzklotzgasse (Jänner 2008)

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Welt in Wien

Aus dem FALTER 17/2013

Vor genau 140 Jahren eröffnete Wiens pompöse Weltausstellung. Heute sind ihre Hinterlassenschaften aus dem Stadtbild verschwunden. Bis auf wenige Ausnahmen

Spurensuche: Joseph Gepp

Man muss schon wissen, was sich hier befand, um an diesem Ort irgendetwas Interessantes zu finden. Der Rotundenplatz im zweiten Bezirk ist grau, unauffällig und schmucklos. Das Gelände hinter dem Prater wirkt vorstädtisch und verloren, trotz seiner zentralen Lage. Zur Linken erhebt sich der fast fertige Neubau der Wirtschaftsuniversität. Rechts liegt etwas verwaist die Trabrennbahn Krieau. Dazwischen wirbeln Autos Baustellenstaub auf, wo einst die höchste Kuppel der Welt stand.

„Rotunde“ hieß das Gebäude, das diesen Platz einst prägte, 108 Meter ragte die Kuppel in den Himmel. Im Herbst 1937 brannte die Rotunde nieder. Zuvor hatte der 1873 eröffnete Bau als eines der Wahrzeichen von Wien gegolten. Nach dem Brand sollte es immerhin ganze zwei Jahrzehnte dauern, ehe ein Gebäude mit höherer Kuppel errichtet wurde, die Messehalle von Belgrad.

Die Rotunde, entworfen vom Briten John Scott Russell und dem Österreicher Carl Hasenauer, bildete das Kernstück einer Veranstaltung, wie sie Wien davor und danach nie wieder erlebt hat. Vor genau 140 Jahren, am 1. Mai 1873, eröffnete in Wien mit Pomp und Trara die fünfte internationale Weltausstellung.

Die Wiener Rotunde 1873 (Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

Die Wiener Rotunde 1873 (Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

Weltausstellungen würdigten die industriellen und kulturellen Errungenschaften der damaligen Zeit. Die erste fand 1851 in London statt. Mit jener von 1873 in Wien – der bislang größten und der ersten im deutschsprachigen Raum – befassen sich heuer anlässlich des Jubiläums zwei Ausstellungen, eine im Bezirksmuseum Leopoldstadt und eine im Wien Museum am Karlsplatz. Die Weltausstellung sollte Wien als internationale Metropole mit Paris und London gleichstellen. Sie symbolisierte die Wucht der industriellen Revolution ebenso wie die Macht der österreichisch-ungarischen Monarchie. Heute jedoch erinnern nur wenige unauffällige Reste an die Wiener Weltausstellung. Sie liegen verstreut im Prater, im restlichen Wien und sogar in Graz.

(Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

(Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

Zwei davon sind gar nicht weit weg vom Rotundenplatz. Direkt an der Hauptallee gelegen, kennt sie fast jeder Wiener, obwohl sie kaum jemand mit der Weltausstellung assoziiert. Das heutige Restaurant Meierei war einst die „Amerikanische Trinkhalle von Benford“, Teil der US-amerikanischen Sektion der Weltausstellung. Die Bar im US-Stil sollte den Ausstellungsgästen das Flair der Neuen Welt näherbringen. Unweit davon liegt der Konstantinhügel, ein künstlich angelegter Spazierhügel, benannt nach einem Bauleiter der Weltausstellung. Der Berg, von dem heute im Winter die Kinder rodeln, stammt vom Aushub der Rotunde. Oben betrieb Eduard Sacher zur Zeit der Ausstellung ein Kaffeehaus. Das Gebäude brannte allerdings im Jahr 1977 ab, heute steht nur noch die Umfassungsmauer.

Die Amerikanische Trinkhalle und der Konstantinhügel lagen ganz am Rand eines riesigen Ausstellungsgeländes, das ungefähr vom Wurstelprater bis zum heutigen Ernst-Happel-Stadion reichte. Wer Fotos und Pläne von damals sieht, dem offenbart sich eine richtiggehende Parallelwelt, die vor 140 Jahren dem Prater entwuchs. Im Zentrum des Areals standen die Rotunde und der „Industriepalast“, eine große, vielflügelige Ausstellungshalle, in der einzelne Länder ihre neuesten technischen Erzeugnisse vorführten. Rundherum wurden rund 200 exotisierende und eklektizistische Bauten hochgezogen. Sie sollten die Welt nach Wien holen. Die Elsässer Farm, das ungarische Csárdás-Weinhaus, die ägyptische Moschee samt Wohnhaus, der nachgebaute Ahmed-Brunnen von Konstantinopel oder eben die Amerikanische Trinkhalle – all das und noch viel mehr hatte sich im Prater zusammengefunden.

(Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

(Foto: Bezirksmuseum Leopoldstadt)

Heute erinnern nur einige Straßennamen an die einstige Größe der Weltausstellung. Die Rotundenallee und die Südportalstraße führen zum einstigen Haupteingang des Geländes. Eine Station der Lilliputbahn im Prater heißt bis heute „Rotunde“. Nicht zuletzt ist es auch der Weltausstellung zu verdanken, dass die heutige Straßenbahnlinie 1 bis an die Hauptallee führt, erklärt Gertraud Rothlauf, Kuratorin im Leopoldstädter Bezirksmuseum. „Die Straßenbahntrasse verband damals die Innenstadt mit dem Ausstellungsgelände.“ Abgesehen davon wurden jedoch die meisten Gebäude der Weltausstellung bald nach 1873 wieder abgerissen. Sie waren überflüssig geworden, ihre Erhaltung wäre teuer gekommen. Was überlebte, bestand oft nur deshalb fort, weil es später bei anderen Gebäuden Verwendung fand. So wie der Minervabrunnen.

Minervabrunnen (Foto: Gepp)

Minervabrunnen (Foto: Gepp)

Der Wandbrunnen findet sich nicht im Prater, sondern am Stubenring, zwischen Universität und dem Museum für angewandte Kunst. Auch ihn kennen viele vom Sehen. Einst hatte der marmorne Brunnen ein Gebäude der Weltausstellung geziert. Nach deren Ende erwarb ihn Rudolf Eitelberger, damals Direktor des k.k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie, für sein Haus. Schließlich passte das dazugehörige Mosaik aus venezianischem Glas auch gut zu Eitelbergers Museum: Es stellt Minerva dar, die römische Göttin für Handwerk und Gewerbe.

Pavillon im Schulgarten Kagran (Foto: Wiener Stadtgärten)

Pavillon im Schulgarten Kagran (Foto: Wiener Stadtgärten)

Mehrere Artefakte von der Weltausstellung wanderten wie der Minervabrunnen durch die Stadt. So stieß im Jahr 1998 ein Gärtner der Wiener Stadtverwaltung hinter einer Villa in der Döblinger Cobenzlgasse – er nahm hier an einer Baumentfernung teil – auf einen kleinen Pavillon. Ein Oberst aus dem Ersten Weltkrieg hatte ihn einst aus Beständen der Weltausstellung gekauft. Das gusseiserne, reich verzierte Salettl, das inzwischen längst baufällig und vergessen war, hatte nahe der Rotunde wohl als Unterstand für ein Orchester oder eine Kaffeebar gedient. Die Erben des Obersts vermachten den Pavillon der Gemeinde Wien. Heute steht er im Schulgarten Kagran im 22. Bezirk. Zwischen Gewächshäusern und angehenden Floristen, die Beete beackern, wird er gern für Hochzeiten genutzt.

Grazer Stadtparkbrunnen (Foto: Wikipedia)

Grazer Stadtparkbrunnen (Foto: Wikipedia)

Ein anderer Restbestand der Weltausstellung schaffte es sogar bis in die steirische Hauptstadt. Der Grazer Stadtparkbrunnen stand einst im Inneren der Rotunde, direkt unter der Kuppel. Dort markierte das filigrane Werk eines französischen Erzgießers den Mittelpunkt des Prachtbaus. Als die Weltausstellung zu Ende ging, hatten die Grazer gerade ihren Stadtpark angelegt, der mondäne Brunnen kam ihnen gerade recht. Gleich nach dem Ende der Weltausstellung 1873 erwarb ihn die Stadt Graz für 31.000 Gulden, nach heutiger Kaufkraft ca. 360.000 Euro.

Die Veranstalter der Weltausstellung konnten das Geld gut brauchen. Denn ihr Event hatte sich, kaum eröffnet, als beispielloses Desaster erwiesen. Am 9. Mai 1873, nur eine Woche nach der pompösen Eröffnung, stürzten an der Wiener Börse die Aktienkurse ab. Wiens „Schwarzen Freitag“ nennt man den Börsenkrach heute. Schuld daran war nicht zuletzt die ambitionierte und teure Weltausstellung selbst: Sie hatte zu einem Bauboom in Österreich-Ungarn geführt, der die Börsenkurse und Immobilienpreise explodieren ließ. Nun läutete der Schwarze Freitag von 1873 eine jahrelange Wirtschaftskrise in ganz Europa ein, die viele Parallelen zur heutigen aufweist.

Die Flaute traf die Weltausstellung empfindlich. Als sie im November 1873 zu Ende ging, waren statt der erwarteten 20 Millionen Besucher nur 7,2 Millionen gekommen. Das Defizit war so riesig, dass das Geld nicht einmal reichte, um die Rotunde wie geplant wieder abzureißen.

So endete das repräsentative Großereignis eher sang- und klanglos. Viele Wiener waren wohl froh darüber. Während der Weltausstellung hatten Zeitungen immer wieder über Wucherpreise in Restaurants und für Fiakerfahrten geklagt. Nun verschwanden die internationalen Gäste ebenso wie die künstliche Welt im Prater.

Neben der Rotunde und der heutigen Meierei blieben lediglich zwei Gebäude bis heute stehen. Sie liegen versteckt zwischen der Trabrennbahn Krieau und dem Stadion. Die beiden gegenüberliegenden „Pavillons des amateurs“, wie man sie damals nannte, lagen am Rand des Weltausstellungsgeländes. In ihnen gab es Kunst und Kunsthandwerk zu sehen.

Der nördliche Pavillon wurde im Zweiten Weltkrieg bombardiert und stark verändert wiedererrichtet. Der südliche hingegen steht immer noch da wie im Jahr 1873. Hinter einem Zaun, mitten im wuchernden Grün, liegt ein Prachtbau mit hohen Fenstern und Doppeladlern auf der Fassade.

Foto: J. Gepp

Foto: J. Gepp

„Der Kunst“ steht bis heute über den Säulen des Portals. Nach der Weltausstellung riss man die Pavillons im Gegensatz zu anderen nicht ab. Sie sollten Künstlern als Ateliers dienen. Das Unterrichtsministerium vermietet die etwas heruntergekommenen Gebäude an Bildhauer, unter anderem wirkten hier Alfred Hrdlicka und Anton Hanak.

Der Architekt Carl Hasenauer, der die beiden Gebäude entworfen hatte, setzte sein dafür entworfenes Gebäudearrangement sowie das Lichtkonzept Jahre später erneut bei einem Gebäudeensemble ein: dem Kunst- und dem Naturhistorischen Museum am Ring. Im Gegensatz zum Gesamtkunstwerk Ringstraße ist den Praterpavillons jedoch ihr Umfeld abhanden gekommen.

Ziemlich deplatziert stehen sie heute in der Brache zwischen Prater und Stadion. Wenn man es nicht weiß, dann fragt man sich, was diese Bauten hier wohl zu suchen haben. Wenn man es aber weiß, dann ahnt man, welch enorm große Veranstaltung die Wiener Weltausstellung einmal war.

Wo man Reste der Weltausstellung findet

Standort der Rotunde 2., Rotundenplatz
Amerikanische Trinkhalle Meierei im Prater, 2., Hauptallee 3
Konstantinhügel gegenüber 2., Hauptallee 24
Minervabrunnen 1., Stubenring 5
Pavillon Schulgarten Kagran, 22., Donizettiweg 29 (Öffnungszeiten: siehe wien.gv.at)
Praterateliers 2., Meiereistraße 3
Stadtparkbrunnen Stadtpark, Graz

Ausstellungen

„Die Rotunde“: Bis 30.6. im Bezirksmuseum Leopoldstadt, 2., Karmelitergasse 9, Mi 16-18.30, So 10-13 Uhr
„Experiment Metropole“: ab November im Wien Museum, 4., Karlsplatz 8, Di-So 10-18 Uhr

Die Praterateliers: Streit um den Ruhepol in der dynamischen Leopoldstadt

:: Im Viertel nördlich des Praters hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Die Fußball-EM im Jahr 2008 brachte die Erschließung durch die U2. Gleich daneben entstanden die Neubauten des sogenannten Viertel Zwei samt OMV-Hauptquartier. Unweit davon soll im Wintersemester die neue Wirtschaftsuniversität eröffnen.

Inmitten dieser Dynamik schweben die beiden letzten Pavillons der Weltausstellung wie in einer Zeitkapsel. Bereits seit dem Jahr 1876, also kurz nach der Ausstellung, stehen sie Künstlern als Ateliers zur Verfügung. Die Bundesimmobiliengeschäft (BIG), die die Bauten im Jahr 2001 von der Republik übernahm, hatte jedoch damit ihre liebe Not. Denn allein mit den – preisreduzierten – Mieten der Bildhauer ließen sich die Ateliers weder erhalten noch sanieren, was immer notwendiger wurde.

„Wir sind verpflichtet, wirtschaftlich zu denken und zu agieren“, ließ die BIG in ihrem Kundenmagazin Big Business im Jahr 2008 wissen. Künstler wie die Bildhauerin Ulrike Truger wehrten sich gegen angebliche Pläne der BIG, Ateliers für Wirtschaftsseminare zu nutzen.

Im Jahr 2010 schließlich wurde der Konflikt gelöst, indem das Unterrichtsministerium auf 33 Jahre die wildromantischen, aber unrentablen Gebäude von der BIG übernahm. „Es war mein bildungspolitischer Wunsch, dass die Ateliers weiterhin der Kunst zur Verfügung stehen“, sagt SPÖ-Kulturministerin Claudia Schmied zum Falter. Seither gibt es Sanierungsarbeiten, neue Künstler sind eingezogen. In den kommenden Jahren sollen laut Bildungsministerium die Ateliers im Zug von Neuvermietungen nach und nach saniert werden.

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Jüdische Zeitzeugen: der Fünfzehnte im Strom der Erinnerung

Aus dem FALTER 9/2013

Joseph Gepp

Wer an die jüdische Geschichte Wiens denkt, dem kommen gemeinhin Ringstraßen-Palais oder die Leopoldstädter Mazzesinsel in den Sinn. Doch auch im 15. Bezirk gab es bis zur Zeit des Nationalsozialismus eine rege jüdische Gemeinde. Sie war kleinbürgerlich geprägt. Neben zwei Synagogen war ihr Zentrum das Haus Herklotzgasse 21, das gleichermaßen als Grätzeltreff, Sozialzentrum und Sportstätte diente.

In jahrelanger Beschäftigung hat eine Initiative von Wienern, das Projekt Herklotzgasse 21, die fast vergessene jüdische Geschichte der Herklotzgasse aufgearbeitet. Dafür wurden auch Zeitzeugen interviewt, die einst von den Nazis vertrieben wurden und seither über alle Welt verstreut sind.

Was die Vertriebenen aus der einstigen Vorstadt erzählen, sendet ab Anfang März der Stadtsender W24 anlässlich des 75. Jahrestags des „Anschlusses“. 150 Tage lang wird an jedem Abend, jeweils um 20 Uhr, 15 Minuten lang ein Zeitzeuge zu Wort kommen. Sie sprechen über die untergegangene jüdische Alltagskultur und jüdisches Vereinsleben, über den Anschluss an Hitlerdeutschland und die Monate davor und danach.

4.3. bis 31.7., Mo-Fr, 20 Uhr, W24

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Wiens Buddenbrooks

Aus dem FALTER 7/2013

Seit 120 Jahren erzeugt die Familie Niemetz Süßwaren. Jetzt hat sie den Betrieb in den Konkurs geführt

Familienchronik: Joseph Gepp

Verdammt, die Schwedenbomben sind aus. „Nächste Ladung erst wieder in einer halben Stunde“, schmettert die Verkäuferin durch das Geschäft. Kunden, die teils schon 25 Minuten hier warten, gehen murrend auseinander. Nur ein Mann versucht sein Glück. Eben wäre er an der Reihe gewesen, klagt er der Verkäuferin. Könnte er seinen Platz in der Schlange nicht wenigstens für später reservieren? „Nein“, antwortet sie, „sonst werd ich noch gelyncht hier.“

Vergangene Woche im werkseigenen Geschäft der Firma Niemetz am Rennweg. Hier erlebt man, welch emotionale Macht eine Traditionsmarke entfalten kann. Seit der Insolvenz des Unternehmens Ende Jänner reißen sich die Leute wie nie um die Schwedenbomben, dem einzig wichtigen Produkt von Niemetz. Die Schlange am Rennweg reicht bis auf den Gehsteig hinaus. Auf Facebook sind 41.000 Menschen der Gruppe „Rettet die Schwedenbomben“ beigetreten. Jubel brach aus, als bekannt wurde, dass ein Bankkredit die Produktion der berühmten Dickmacher vorerst sicherstellt.

Eine Frage ging in all dem unter: Wie kam es überhaupt dazu, dass ein Traditionsbetrieb von so hohem Markenwert in Geldnot gerät? Wer darauf eine Antwort sucht, stößt auf eine Firma, die die Zeichen der Zeit nicht erkannte und nicht einmal den Retrocharme ihrer Produkte zu vermarkten wusste. Seit 120 Jahren führt die Eigentümerfamilie Niemetz den Betrieb. Ihre drei Generationen machten ihn groß und führten ihn schließlich in den Konkurs. Es ist ein wenig wie in „Buddenbrooks“, dem Klassiker von Thomas Mann.

Beliebt wie nie: die Schwedenbombe der Firma Niemetz (Foto: Niemetz)

Beliebt wie nie: die Schwedenbombe der Firma Niemetz

Die Geschichte von Niemetz beginnt im Jahr 1890 in Linz, wo Edmund Niemetz eine Konditorei gründet. Niemetz arbeitet hart, sein Geschäft floriert. Sohn Walter verlässt bald Oberösterreich. In Paris heuert er in der besten Konditorei der Stadt an, im Café Rumpelmayer. Dieses Belle-Epoque-Lokal in der Rue de Rivoli, das bis heute unter dem Namen Angelina fortbesteht, wurde einst vom Österreicher Anton Rumpelmayer gegründet. Im Rumpelmayer, wo Coco Chanel und Marcel Proust verkehren, erlernt Niemetz die hohe Kunst der Patisserie.

Erfand 1930 die Schwedenbombe: Walter Niemetz (Foto: Niemetz)

Erfand 1930 die Schwedenbombe: Walter Niemetz

Sieben Jahre später kehrt er nach Österreich zurück. Mit seiner Frau Johanna gründet er im dritten Wiener Bezirk jene Süßwarenfabrik, in der 1930 die Schwedenbombe entsteht. Damals bekommt Niemetz Besuch von einem Freund aus Pariser Tagen, einem Schweden. Gemeinsam tüfteln die Konditoren an einer Süßigkeit aus Eiweißschaum und Schokolade, deren Rezeptur sich seither nicht verändert hat.

Bald wird die Schwedenbombe zu einem Teil der kulinarischen Identität Wiens. Zu Hunderttausenden läuft sie vom Fließband. Nach dem Zweiten Weltkrieg steht sie für den neuen Wohlstand, wie Sportgummi, Frucade und Wiener Schaumgebäck.

Je älter jedoch Niemetz wird, desto mehr bleiben in seinem Betrieb die Neuerungen aus. Die Firma ruht sich auf ihrem Dauerbrenner von 1930 aus. Das Modernste im Sortiment sind bis heute Swedy und Manja, schwere Nussschaumschokoriegel. „Die Maschinen, die heute bei Niemetz laufen, waren schon in den 70ern veraltet“, sagt ein Branchenkenner.

Am Stillstand ändert sich auch nichts, als nach dem Tod von Walter Niemetz 1992 Tochter Ursula übernimmt. Die heute 63-Jährige führt seither zusammen mit ihrem US-amerikanischen Lebensgefährten Steve Batchelor den Betrieb. Externe Manager werden nicht dazugeholt, wie das in anderen Familienfirmen oft der Fall ist. Batchelors Versuche, in die USA zu expandieren, scheitern. Im Jahr 2010 erkennt die Familie immerhin, dass der Zeitgeist nach kleineren, schlankeren Produkten verlangt. Also entstehen die kleinen „Bombini“. Doch da ist der Betrieb schon heillos überaltert.

Die Website sieht bis heute aus wie aus der Frühzeit des Internets. Werbung für Schwedenbomben gibt es kaum. „Dabei braucht sogar ein etabliertes Traditionsprodukt wie dieses ein bisschen Marketing“, sagt der mit Niemetz befasste Gewerkschafter Manfred Anderle.

Dazu kommen hohe Schulden des Betriebs. Laut Firmenbuch ist das Eigenkapital seit Jahren negativ, die Verbindlichkeiten übersteigen das Vermögen um rund drei Millionen Euro. Andere Firmen wären bei solchen Bilanzzahlen längst pleite. Der renommierte Traditionsbetrieb jedoch kann sich lang mit Krediten über Wasser halten.

Führen heute den Betrieb: Ursula Niemetz und Steve Batchelor (Foto: Niemetz)

Führen heute den Betrieb: Ursula Niemetz und Steve Batchelor (Foto: Niemetz)

Erst im Vorjahr – da werden die Löhne für die rund 70 Mitarbeiter nur noch stockend ausbezahlt – versiegt der Geldfluss. Nun hilft nicht einmal mehr der Verkauf des altehrwürdigen Landstraßer Fabriksgebäudes an einen Immobilienentwickler. Weil das Geld für Rohwaren und Steuern fehlt, beantragt das Finanzamt im Dezember 2012 den Konkurs.

Der Niedergang von Niemetz vollzieht sich ausgerechnet zu einer Zeit, in der andere heimische Süßwarenhersteller durchaus Aufwind spüren. Seit Jahren besinnen sich viele Kunden wieder auf hochwertige, handgemachte und traditionelle Produkte. „Nach dem EU-Beitritt Österreichs spürten wir den Druck internationaler Konzerne“, erzählt etwa Andreas Heindl, Chef der gleichnamigen Confiserie. „Aber seither sehen wir deutlich, dass es für Süßwaren aus heimischer Erzeugung einen Markt gibt.“ Erfolg hat nicht nur Heindl. Auch der Steirer Josef Zotter reüssiert etwa mit teurer Bio-Schokolade. Und Manner glänzt sogar am Wiener Stephansplatz mit dem rosa leuchtenden Flagshipstore.

Bei Niemetz jedoch sind die Investitionen ausgeblieben, in die Produkte, die Vermarktung, den eigenen Nimbus. Zudem behauptet ein Ex-Mitarbeiter, dass die Eigentümer Ursula Niemetz und Steve Batchelor auf Kosten der Firma einen verschwenderischen Lebensstil geführt hätten. Viel Geld soll das kinderlose und tierliebende Paar für privaten Luxus ausgegeben haben. Hohe Summen flossen laut dem Ex-Mitarbeiter außerdem in einen Salzburger Bauernhof zur Unterbringung altersschwacher Pferde, die „Happy’s Farm“. Laut Vereinsregister wird sie von Niemetz und Batchelor betrieben. Ob die Gerüchte stimmen, kann vom Falter nicht geprüft werden. Die Eigentümerfamilie war trotz mehrmaliger Anfragen bis Redaktionsschluss nicht zu sprechen.

Nun wird sich in den kommenden Monaten entscheiden, ob die Firma unabhängig bleibt oder ob ein Mitbewerber sie übernimmt. Angeblich will die Familie Niemetz dies unbedingt verhindern. Kenner aber meinen, dass ein neuer Investor unumgänglich sein wird. So endet die Geschichte von den Wiener Buddenbrooks.

Was ist eigentlich drin in so einer Schwedenbombe?
Das erklärt die Journalistin Katharina Seiser auf ihrem Food-Blog esskultur.at

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