Archiv der Kategorie: Roma

Linz: Eine Plakatausstellung lässt Ungarns Nationalisten wüten

Aus dem FALTER 41/2013

Joseph Gepp

Ungeahnte Öffentlichkeit erfährt derzeit eine Kunstausstellung in Linz. Auf Plakaten setzt sich die Künstlerin Marika Schmiedt mit der Diskriminierung der ungarischen Roma auseinander – und stößt damit auf zahlreiche Widerstände.

Zunächst riss die Polizei vergangenen Mai die Plakate von einer Wand in der Altstadt, angeblich wegen „Verhetzungsverdacht“. Die Beamten waren offenbar in einer unüberlegten Aktion tätig geworden – auf Betreiben ungarischer Nationalisten.

Nun präsentiert die Linzer SPÖ-Stadtregierung mit Unterstützung des oberösterreichischen SPÖ-EU-Abgeordneten Josef Weidenholzer die Ausstellung ein zweites Mal. Man will damit, wie es heißt, ein Zeichen setzen. Bis Ende Oktober sind die Plakate im Linzer Alten Rathaus zu sehen. Womit die Initiatoren allerdings nicht rechneten, ist der massive Widerstand ungarischer Nationalisten.

So protestierte Ungarns Botschafter in Österreich, Vince Szalay-Bobrovniczky, sogar beim Bundespräsidenten.Außerdem gingen beim Linzer Bürgermeister Franz Dobusch und bei EU-Mandatar Weidenholzer hunderte E-Mails und Protestanrufe ein.

Wer mobilisiert da mit so viel Furor gegen angebliche Ungarnfeindlichkeit? Internetrecherchen führen zur Website eines „Ungarischen Vereins“ in Salzburg. Dort wird etwa ein Musterprotestbrief an den Linzer Bürgermeister zum Download angeboten.

Der Verein steht der rechtsextremen und romafeindlichen ungarischen Jobbik-Partei nahe. Im Mai 2013 luden die Salzburger Aktivisten laut Standard Jobbik-Vizechef Tamas Sneider für einen Vortrag nach Salzburg. Der Vorsitzende des Vereins, Peter K., bezeichnet sich im Internet selbst als „Revolutionär“ und verweist gern auf rechtsextreme ungarische Webseiten.

Für die Eröffnung der Plakatschau vergangenen Montagabend hatte das Linzer Rathaus jedenfalls sicherheitshalber Polizeischutz beantragt.

Mehr zur Causa:
Die Polizei reißt die Plakate ab, Mai 2013
Die Polizei verstrickt sich in Widersprüche, Juli 2013

Diese Plakate regen Ungarns Nationalisten auf

Diese Plakate regen Ungarns Nationalisten auf

„Die Gedanken sind frei“, Plakatausstellung, 7.-20.10., Foyer Altes Rathaus, Hauptplatz, Linz

Ein Kommentar

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Schamlose Verleumdungen des ungarischen Volks

Aus dem FALTER 19/2013

Zensur in Linz: Die Polizei zerstört die Ausstellung einer Wiener Künstlerin, weil sich Nationalisten gestört fühlen

Am 14. April präsentierte sich die Linzer Altstadt bei einem Tag der offenen Tür. Es gab Kunstausstellungen im öffentlichen Raum. So auch auf einem Baustellenzaun vor dem Haus Hofberg 10.

Dort zeigte die Wiener Künstlerin Marika Schmiedt, mit Einverständnis des Bauherrn, Plakatcollagen, die sich mit der Unterdrückung der Roma in Ungarn auseinandersetzen. Es waren kritische Bilder, wie man sie im Zusammenhang mit Diskriminierungsthemen häufig sieht. Eines zeigt zum Beispiel Ungarns umstrittenen Premier Viktor Orbán und eine ungarische Salami, darunter die Aufschrift: „Ingredients: Hungarian Roma“.

Alles lief nach Plan. Der Kulturdirektor von Linz hielt eine Eröffnungsrede. Der Linzer SPÖ-Bürgermeister Franz Dobusch war unter den Besuchern.

Doch schon zwei Tage später reißt die Linzer Polizei alle 31 Plakate vom Zaun. Als die Initiatoren der Ausstellung im Wachzimmer nachfragen, heißt es, das Bundesamt für Verfassungsschutz habe die Bilder für rassistisch befunden und die Zerstörung der Ausstellung angeordnet. „Uns wurde außerdem gesagt, die Polizei ist tätig geworden, nachdem eine Passantin Anzeige wegen Verhetzung erstattet hat“, sagt Kurt Holzinger von der Kulturinitiative Stadtwerkstatt, die die Ausstellung gemeinsam mit der Galerie Hofkabinett organisiert hat.

Ritsch, ratsch: Die Polizei reißt 31 Plakate runter. Es war Kunst, nicht Verhetzung (Foto: marikaschmiedt.wordpress.com)

Ritsch, ratsch: Die Polizei reißt 31 Plakate runter. Es war
Kunst, nicht Verhetzung (Foto: marikaschmiedt.wordpress.com)

Wer diese Passantin war, das glauben alle zu wissen: Beate H., eine Linzerin mit ungarischen Wurzeln, die Touristenführungen durch die Stadt anbietet. H. hat sich im Internet über die „schamlosen Verleumdungen gegen das ungarische Volk“ beschwert und eine Anzeige angekündigt. Auch bei Ausstellungseröffnung tauchte H. auf. Die Fremdenführerin, die mit dem Falter nicht sprechen möchte, stänkerte dort die Künstlerin Marika Schmiedt an und riss eins der Plakate vom Zaun.

Hat die Polizei auf Betreiben einer ungarischen Nationalistin eine kritische Kunstausstellung entfernt?

Es sieht danach aus. Zwar dürfen Beamte grundsätzlich auch ohne Genehmigung durch den Staatsanwalt einschreiten, wenn ihnen ein Fall von Verhetzung bekannt wird. „Aber sie müssen natürlich abwägen, ob es sich tatsächlich um Verhetzung handelt“, erklärt der Rechtsanwalt Dominik Konlechner. Das kann man im Fall von Marika Schmiedts Plakaten wohl nicht behaupten.

Bei der Polizei hält man sich bedeckt. Simone Mayr, Pressesprecherin der Landespolizeidirektion Oberösterreich, bestätigt nur, dass Beamte die Plakate „nach Beschwerde einer Passantin wegen Verdachts der Verhetzung“ entfernt haben. „Wir sind gerade dabei, das zu prüfen.“

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Eine Million für Ungarn

Aus dem FALTER 45/2011

Seit eineinhalb Jahren schafft Viktor Orbán die Demokratie ab. Die EU sieht tatenlos zu, dafür steht jetzt ein anderes Ungarn auf

Reportage: Joseph Gepp / Budapest

Jede Woche treffen sich Peter Juhász und bis zu 50 Mitstreiter zum Lagegespräch im Siraly, einem Bierlokal im jüdischen Viertel von Budapest.

Das Lokal, zu Deutsch „Möwe“, ist eines der letzten alternativen, die zwischen Luxusrestaurants und Designergeschäften überlebt haben. Die Getränkepreise sind moderat, im Hinterzimmer finden Lesungen statt, ein paar Bilder an der Wand wollen eine Kunstausstellung sein.

Juhász und seine Freunde tragen keine langen Haare oder sonstige Insignien einer Protestkultur. Sie sind smarte Facebook-Revoluzzer, wie man sie auch aus New York oder Wien kennt. Nur sind ihre Ziele konkreter als Kapitalismuskritik. Juhász, 40, robuste Sportschuhe, schlichter Pullover, sieht nichts weniger als den „Fortbestand der Demokratie“ in Gefahr.

Facebook-Revoluzzer: Peter Juhász koordiniert in der "Möwe" den Protest gegen Orbán (Foto: Gepp)

Als Pressesprecher diverser NGOs hat er Organisieren gelernt. Jetzt wendet er es an für die Gruppe „Eine Million für die Pressefreiheit“. Rund 70.000 Menschen brachte er am 23. Oktober auf die Straße. Es war die größte zivile Demonstration in Ungarn seit der Wende. Nahe der Elisabethbrücke sammelten sich die Massen, um gegen mehr als nur Presserestriktionen zu demonstrieren.

Der 23. Oktober ist ein denkwürdiger Tag. 1956 begann an diesem Tag der Volksaufstand. Zu seinem Symbol wurde damals die ungarische Fahne mit einem Loch, dort, wo sich zuvor die Insignien des Kommunismus befunden hatten. Juhász und seine Mitstreiter haben jetzt wieder eine ungarische Fahne zum Logo ihres Protests erkoren. Nur prangt auf ihr die Orange, Symbol der Fidesz-Partei. Rundherum fordert eine strichlierte Linie zum Ausschneiden auf.

Demonstranten auf der Elisabethbrücke. Ihr Logo ist die Orange, Symbol von Fidesz, auf der ungarischen Fahne (Facebook)

Seit die rechtskonservative Fidesz („Ungarischer Bürgerbund“) unter Premier Viktor Orbán bei den Wahlen im April 2010 eine Zweidrittelmehrheit errang, baut sie auf beispiellose Weise den Staat um. „Fidesz hackt die Demokratie“, sagt Juhász. Ein neues Mediengesetz drängt unabhängigen Journalismus immer mehr in Onlineplattformen und soziale Netzwerke. Sozialistischen Ex-Premiers, deren diskreditierte Regierungen Orbán 2010 ablöste, drohen Strafverfahren. Ein wirtschaftspolitischer Sonderweg treibt Staatsschulden hoch und vergrault Investoren. Eine neue Verfassung trieft nicht nur vor kruder Magyaren-Mythologie, sie schreibt auch etwa Steuergesetze bis in kleinste Details fest – sodass spätere Regierungen ohne Zweidrittelmehrheit handlungsunfähig werden.

„Ungarn baut mit demokratischer Mehrheit die Demokratie ab“, sagt Marco Schicker, Chefredakteur der Internetzeitung Pester Lloyd.

Die EU, derzeit anderweitig beschäftigt, hat sich bis auf lauwarme Kritik am Mediengesetz kaum geäußert. Aus der konservativen Fraktion im Europaparlament erntet Orbán teils gar Applaus. Dafür entsteht in Ungarn selbst eine Protestkultur. Mit Straßensperren stemmten sich Gewerkschaften kürzlich gegen ihre Entmachtung. Roma-Aktivisten kämpfen gegen immer offenere Diskriminierung. Juhász und seine Revoluzzer tragen ihren Protest mehr und mehr von der Web-Sphäre auf die Straße.

Zum Beispiel vor das Budapester Új Színház, das Neue Theater, nur Gehminuten von der Möwe entfernt. Dort demonstrierten kürzlich Juhász und rund 2000 weitere Menschen. „Noch 90 Tage“ steht heute auf der Jugendstilfassade. Ende Oktober war bekannt geworden, welchem neuen Direktor und Intendanten Budapests Fidesz-Bürgermeister das Haus ab Februar 2012 anzuvertrauen gedenkt.

Intendant soll István Csurka werden. Der Gründer einer rechtsextremen Kleinpartei gibt das antisemitische Hetzblatt Magyar Fórum heraus, dessen Titelblatt beispielweise der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit mit einem Davidstern ziert – samt der Erläuterung: „Er liebt nicht nur Kinder, sondern auch Israel.“ Eine Interviewanfrage des Falter quittiert Csurka, indem er den Hörer auflegt.

Direktor soll neben Csurka der Schauspieler György Dörner werden. Als Ziel führt er in seiner Bewerbung an, das „unter dem sozial-liberalen Joch schmachtende Ungartum“ von der „entarteten, krankhaften liberalen Hegemonie“ befreien zu wollen.

"Noch 90 Tage": Direktor Istvan Márta vor seinem "Neuen Theater" in Budapest (Gepp)

Die Entscheidung von Bürgermeister István Tarlós empörte im In-und Ausland. Er habe sie gegen den Willen des zuständigen Expertenrats gefällt, klagt István Márta, bisheriger Direktor des Theaters. „Der Bürgermeister hat mehr Macht als früher, die Experten lediglich beratende Funktion.“ Márta leitete das Haus 13 Jahre, sein Büro quillt über von Autogrammkarten und Zeitungsausschnitten.

Er wirkt zerknirscht. Sein Theater galt stets als konventionell, Márta als keiner, der den Konflikt mit Mächtigen sucht. Umso mehr schmerzt ihn jetzt der erzwungene Rücktritt. „Ich hoffe, dass die Entscheidung wegen der Proteste revidiert wird“, sagt er. Beobachter rechnen aber nicht damit. Denn den Beschluss habe wohl gar nicht der Bürgermeister gefasst, sondern Premier Orbán selbst.

Dieser sieht sich einer immer mächtigeren Rechtsextremen gegenüber. Zwölf Prozent erreichte 2010 die Jobbik-Partei („Bewegung für ein besseres Ungarn“). Ihre Anhänger marschieren gern in Dörfern auf und erinnern damit an die Pfeilkreuzler, die ungarischen Nazis. Aktuelle Umfragen geben der Jobbik gar bis zu 20 Prozent. Orbán begegnet der Gefahr mit Zugeständnissen statt Distanzierung. „Er verfolgt das Prinzip: Teile und herrsche“, sagt Pester Lloyd-Chef Schicker. Durch Besetzungen wie beim Theater sollen Wähler der Rechtsextremen für die Fidesz gewonnen werden. Allerdings: Bislang funktioniert Orbáns Strategie nicht.

Das zeigt zum Beispiel Gyöngyöspata, ein Weinbauerndorf östlich von Budapest. Heruntergekommene Bauernhäuser gruppieren sich hier konzentrisch um eine Kirche. 2600 Seelen leben in Gyöngyöspata, in den desolatesten Häusern am Dorfrand wohnen rund 400 Roma.

Seit Frühling 2011 findet unter den Volksgruppen von Gyöngyöspata eine Radikalisierung statt, ausgelöst durch Rechtsextreme, vorangetrieben durch den populistischen Wankelmut der Fidesz-Regierung, die sich nicht hundertprozentig zum Schutz ihrer Bürger bekennen will.

Reibereien zwischen Mehrheit und Minderheit hatte es hier schon lang gegeben. Im März und April marschierten schließlich rund 150 uniformierte Rechtsradikale gegen „Zigeunerkriminalität“ und postierten sich als „Bürgerwehr“ an „Kontrollpunkten“. Kurz darauf wollten sie auf einem Grundstück, das direkt hinter dem Romaviertel liegt, Wehrsportübungen abhalten. Sechs Busse des Roten Kreuzes evakuierten schließlich 200 Roma-Frauen und -Kinder. Die Fidesz-Regierung, die um die Sympathien der Dorfbewohner fürchtete, schickte viel zu spät Polizisten, um das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen. Die Evakuierung taten Orbáns Minister später als „lange geplanten Osterausflug“ ab.

Janos Farkas, Sprecher der Roma von Gyöngyöspata (Gepp)

Seitdem belauern einander Mehrheit und Minderheit in Gyöngyöspata wie in einem kalten Bürgerkrieg. Über Schikanen klagt János Farkas, 50, Sprecher der Roma im Dorf. Willkürliche Polizeistrafen seien an der Tagesordnung: 15.000 Forint, umgerechnet 50 Euro, habe etwa eine Mutter zahlen müssen, weil sie ihren Kinderwagen auf der Straße vor sich her schob, statt den – nicht vorhandenen – Gehsteig zu benutzen.

Im Sommer wählten die Dorfbewohner infolge der Ereignisse den Jobbik-Kandidaten zum Bürgermeister. Der darf nun eine Sozialmaßnahme implementieren, die die Budapester Regierung ausgerechnet in Gyöngyöspata testen will.

Das problemgeschüttelte Dorf ist einer von zwölf Musterorten für ein Gesetz, das bald für eine Viertelmillion Menschen in Ungarn gelten soll. Inhalt: Wer länger als 90 Tage arbeitslos ist, muss „gemeinnützige Arbeit“ wie Müllräumung und Parkpflege verrichten. Administriert wird dies vom Innenministerium, exekutiert von den Kommunen. Weigert man sich, wird die Sozialhilfe von monatlich 94 Euro für drei Jahre entzogen.

Das Gesetz trifft hauptsächlich Roma und bedient das verbreitete Ressentiment, wonach ihrer Faulheit nur mit Zwang beizukommen sei. Kritiker warnen vor neofeudalen Abhängigkeitsverhältnissen. Die Zeitung Népszabadság schrieb gar von „Zwangarbeitslagern“. Viele Ungarn munkeln schon von künftigen Containerdörfern in Städten, in die tausende Arbeitslose vom Land einquartiert werden könnten, etwa um Baugruben auszuheben. Wie sich die Maßnahme tatsächlich gestalten wird, ist vorläufig nicht abzusehen.

Von "Zwangsarbeit" schreiben ungarische Medien: Sozialhilfeempfänger arbeiten in Gyöngyöspata (Gepp)

Nur im Musterort Gyöngyöspata arbeitet schon ein Kontingent an Sozialhilfeempfängern – Männer wie Frauen, Junge wie Alte. Es sind 22 Roma und fünf ethnische Ungarn. In den vergangenen Wochen entfernten sie Sträucher auf einem Hügel und jäteten Unkraut am Bachufer. Jetzt ist ein Feldweg an der Reihe, dessen Ränder von Gestrüpp befreit werden. Die Arbeiter sind in Brigaden unterteilt, je acht werden von einem Aufseher überwacht. Dieser, ein Nicht-Roma, verbietet dem Falter, den Feldweg zu betreten. Aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. In der Mittagspause klagt Roma-Sprecher Farkas über demütigende Personenkontrollen am Ende der Schicht. Das Rathaus stelle zudem kaum Arbeitsgerät zur Verfügung. Manch Nicht-Roma, der kürzlich noch mit Rechtsextremen marschierte, sei jetzt Aufseher der Arbeitsverpflichteten, behauptet Farkas. Der Jobbik-Bürgermeister des Ortes will sich dazu nicht äußern.

Peter Juhász, der Budapester Aktivist
, war schon oft in Gyöngyöspata. Neben seiner Facebook-Gruppe „Eine Million für die Pressefreiheit“ koordiniert er noch eine zweite: „Hunderttausend für Gyöngyöspata“.

Als die Extremisten ins Dorf kamen, planten Juhász und seine Freunde im Stammlokal Möwe eine Deeskalationsstrategie. Danach besuchten sie die Roma in Gyöngyöspata und beschworen sie, auf Provokationen nicht zu reagieren. Tatsächlich verhielten sie sich still, bis endlich die Polizei eintraf.

Derlei Oppositionsarbeit wird sich künftig jedoch nicht mehr von der Möwe aus koordinieren lassen. Das Gebäude gehört der Gemeinde, die die Miete drastisch erhöht. Jetzt ist die Zukunft der Möwe ungewiss. Bald könnte auch hier ein Luxusrestaurant oder Designergeschäft einziehen, wie sie überall im Viertel entstehen.

„Macht nichts“, sagt Juhász. „Wir haben schon ein neues Lokal für unsere Treffen gefunden. Es liegt nur zwei Straßen weiter.“

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Hinter acht Monden

In der hübschen ostslowakischen Stadt Košice liegt ein Roma-Ghetto, wie es in solcher Reinform kein zweites in Europa gibt. Die Geschichte einer Verdrängung

Reportage: Joseph Gepp/Košice

Die erste Szene zeigt einen Polizeihund. Er kläfft in eine Ecke, wo sich verängstigte Kinder zusammendrängen. Die zweite Szene, dieselben Kinder. Sie ohrfeigen sich auf Befehl, mit aller Kraft, immer wieder. Die dritte Einstellung zeigt die Kinder im Stiegenhaus der Polizeistation. Auf Geheiß der Beamten ziehen sie sich nackt aus, dann zoomt die Kamera auf ihre Geschlechtsteile.

Es ist nicht Abu Ghraib oder Guantanamo, wo diese Aufnahmen entstanden, kein weit entferntes Krisengebiet. Es ist die ruhige Ostslowakei, früher einmal österreichische Monarchie, heute Europäische Union.

Der Film zeigt Polizisten, die Anfang März sechs Roma-Kinder misshandelten. Eine Handykamera lief mit, wie das bei sadistischen Exzessen oft der Fall ist. Als das Band vor einem Monat an die Tageszeitung Sme gelangte, sprachen Beobachter kurz von einem internationalen Skandal. Die Polizisten wurden suspendiert. Aber schon kurz darauf verschwand die Ostslowakei wieder von der europäischen Landkarte. Und mit ihr verschwand Košice, die unbekannte Stadt mit 300.000 Einwohnern, 97 Kilometer von der Ukraine entfernt und von Wien so weit wie Innsbruck.

Dabei zeigt sich ausgerechnet hier, wie sehr Brüssels Erzählung vom erweiterten Europa auf dem Weg zu Wohlstand und Freiheit von der Realität abweicht. Hier zeigt sich, wie schwer die Geschichte auf jahrzehntelang kommunistischen Ländern lastet. Und wie sehr man diese Geschichte aus Hilflosigkeit verdrängt.

Die Geschichte dieses anderen Europas, man könnte sie mit der sogenannten Schaukirchenglocke auf dem Hauptplatz von Košice beginnen. Sie entstand vor dem Fall des Kommunismus, als Kirchenglockenproduktion noch als Schädigung am Volkseigentum galt. Also goss man sie illegal, während der Nachtschicht, zwischen den Schienensträngen und Maschinenteilen des riesigen Kombinats der ostslowakischen Eisenwerke.

Die Glocke war nur der erste Schritt einer fundamentalen Veränderung. Denn seit der Wende 1989 wird alles hervorgekehrt, was bürgerlich und althergebracht wirkt. Auf nachgebauten Mistkübeln altösterreichischen Stils prangt das Stadtwappen von Košice, Kopfsteinpflaster formt geometrische Muster auf dem Boulevard, und durch Torbögen leuchten frischlackierte Stiegengeländer im Stil von vor 150 Jahren.

Košice strotzt vor nachgebauter Historie, wie als Kompensation. Denn viel zu lang musste man Kirchenglocken heimlich gießen. Viel zu lang galt nur das, was Prag und Moskau in Fünfjahresplänen verfügten.

Kosice-musikbrunnen

lunik
Zwei Welten: Altstadt von Košice und Elendsviertel Luník IX
Fotos: Joseph Gepp, privat

Seit der Kapitalismus die Rückbesinnung aufs noch Ältere erlaubte, zählt das sozialistische Erbe nichts mehr. Bürgerlich-bescheiden und mitteleuropäisch beschaulich will man heute sein. Und was bei dieser Identitätsfindung störte, das schob man ab, ans Ende der Stadt, zwei Kilometer vom Zentrum entfernt, nach Luník IX.

Unvermittelt taucht Luník auf, am Ende einer Gasse, die von der Perešská, der breiten südlichen Ausfallstraße, abzweigt. Zwischen großen Grünflächen stehen eine Schule, eine Kirche, eine Handvoll Plattenbauten, vernachlässigt bis zum Zerfall, wie Brandruinen. Fenster fehlen ebenso wie Türen, vor den Eingängen brennen Lagerfeuer. Von der Straße blickt man in schwarze Stiegenhäuser, weil in der Wand mannshohe Löcher klaffen. Überall liegt Müll in Schichten übereinander, auf Büschen und Bäumen wehen hängengebliebene Plastiksäcke wie tibetanische Gebetsfahnen. Und überall sitzen Menschen, auf Stufen zu Gebäuden, auf Betonschwellen, auf Balkonen und Bänken, ums Feuer und in Gruppen auf der Straße.

„Das Viertel ist weit genug weg, um es nicht ständig vor Augen zu haben“, sagt der Filmemacher Róbert Rambácek, der eine Dokumentation über Luník IX dreht. „Und doch zu nah, um es ganz zu vergessen.“

Luník IX, allein dieser Name verhöhnt alles, was Košice heute gerne wäre: Luník ist russisch, „kleiner Mond“, eine Reminiszenz an die sowjetischen Mondmissionen, zur Ehre des großen Bruders. Die Zahl bezieht sich auf acht weitere Luníks, die man zu CSSR-Zeiten wie einen Belagerungsring aus Plattenbauten um die Altstadt legte. Die verfiel währenddessen. Sie war für kommunistische Planer nicht interessant, zu bürgerlich und zu privat.

Luník IX war das schönste der namensgleichen Viertel. Hinter ihm endet die Stadt, Wald zieht sich über erste Karpatenhänge. Vorne trennen einige hundert Meter Wiese Luník IX vom gleichnamigen Nachbarn. Es ist ein Respektabstand, denn hier lebten in den 70ern Parteikader, Polizisten und Beamte – in größeren Wohnungen als in Plattenbauten üblich.

Zehn Jahre später blühte die Altstadt wieder, der historisierende Stil ihrer renovierten Straßenzüge kündete vom neuen Selbstbild. Ein Systemwechsel bahnte sich an. Wer konnte, zog ab Mitte der 80er ins Zentrum. Oder zumindest in jene Plattenbauten, die in seiner Nähe lagen.

Damals kamen erstmals Roma nach Luník IX. Vorher hatten sie im heruntergekommenen Zentrum gewohnt, ohne Fernwärme und ohne Geschäfte. Wenn nun das alte Košice auferstehen sollte, dachte die Stadtregierung, mussten die Roma weg. Per Dekret deportierte man sie ins einst gutsituierte Luník IX, wo die ethnischen Slowaken immer weniger wurden.

„Die Umsiedlung hat schlicht sein müssen“, erzählte Rudolf Schuster vor zwei Jahren dem Autor. Als kommunistischer Bürgermeister von Košice verantwortete er die Deportation, später wurde Schuster Staatspräsident der demokratischen Slowakei: „In der Altstadt ließen die Roma alles verfallen. Gott sei Dank habe ich die Sache rechtzeitig im Kommunismus erledigt. Im Vergleich zur Demokratie ging das noch ziemlich problemlos.“

Die Umsiedlung machte Luník IX einzigartig in Europa. Nicht weil die Bewohner von Košice außergewöhnlich rassistisch wären oder weil hier mehr Roma leben würden als anderswo in der Slowakei. Sondern weil nirgends auf dem Kontinent eine Ghettobildung in derartiger Systematik stattfand. Konfliktauslagerung in Reinform. Weil sich nirgends Zentrum und Armenviertel so fundamental voneinander unterscheiden wie Košice von Luník IX.

„Alle hat man sie hergebracht“, sagt der Filmemacher Róbert Rambácek. „Oder besser: Alle hat man sie reingepresst. Die ganze unterste Schicht.“

98 Prozent der Bewohner von Luník IX sind heute Roma, zwei Prozent sind „Weiße“, ethnische Slowaken. Rund 7000 Menschen verteilen sich auf 600 Wohnungen, das sind im Schnitt zwölf Personen pro Wohnung. In Wahrheit seien es oft 40, sagt Rambácek. Pizzaservices oder Taxis fahren den Stadtteil nicht an. Die Buslinie 11, die Luník IX mit der Stadt verbindet, wird vom Rest der Bevölkerung gemieden. Die Arbeitslosigkeit in Luník IX liegt bei fast 100 Prozent – 17 Bewohner haben einen Job, sie arbeiten bei der lokalen Romabürgerwehr oder bei einem Sozialprojekt, das Leihkräfte vermittelt. Wer im Rest von Košice seine Gemeindebaumiete nicht bezahlen kann, kommt nach einigen Schonfristen hierher, ins verrufene Luník IX.

Wer die Siedlung besuchen möchte, melde sich besser vorher beim Bezirkschef oder bei der Bürgerwehr an, rät Jana Ogurcáková, Redakteurin beim Regionalblatt Korzár. „Sonst kommen die Kinder scharenweise hergelaufen und reißen Rückspiegel und Antenne vom Auto.“

Die Kinder kommen trotz Voranmeldung, scharen sich um den Wagen, bestaunen die Gäste wie exotische Tiere. Die begleitende Bürgerwehr verschafft einem Respekt. Das sei keine Demokratie hier, sagt ein rauchender alter Mann auf einer Bank, das sei kein Leben. Aber schlimmer als früher sei es auch nicht. Er habe neun Kinder und zirka 50 Enkel, erzählt der Alte, er sei ungarischer Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen und Kriegsgefangener in Weißrussland, er habe die Ära des Kommunismus in der Altstadt von Košice verlebt und die Ära der Demokratie in Luník. Aber geändert habe sich nichts. Einige danebenstehende Jugendliche nicken.

Dabei entstand in zwanzig Jahren ein ganzes neues Land. Plötzlich galten Eigenverantwortung und Unternehmertum als maßgebliche Werte. Plötzlich wurde arbeitslos, wer das zu spät erkannte oder verinnerlichte. Job und Wohnung für jeden, ob fleißig oder faul, ob Roma oder Weißer, so lautete die Devise des alten Regimes. Eine bedingungslose Aufnahme in die Gesellschaft ohne individuelle Gegenleistungen, außer politischer Anpassung. Klassenlos. So war das System, das plötzlich zu existieren aufgehört hatte. Und das traf die Roma am meisten.

Košice wurde nach der Wende eine hübsche Stadt mit stolzer bürgerlicher Vergangenheit. Im Grunde geschah hier dasselbe wie im Rest der Slowakei und Osteuropas. Nur ballte man nirgends die Ausgestoßenen so radikal in einem kleinen Stadtviertel zusammen wie in Košice.

Er verstehe die Roma nicht, sagt Filmemacher Rambácek, während er durch Luník spaziert. Obwohl er schon an die 70-mal hier gedreht habe. Heizen etwa wäre in den alten Apparatschikblocks möglich. „Stattdessen reißen die Roma die Heizkörper aus den Verankerungen und verkaufen sie für einen Bettel als Altmetall. Und dann setzen sie sich ums Feuer.“ Die Talentierten würden schnellstmöglich wegziehen. In ländlichen Romaquartieren gebe es noch Kasten und soziale Hierarchien – aber was der Kommunismus ohnehin landesweit erschütterte, habe in Košice die Umsiedlung nach Luník IX vollends ausgelöscht. „Hier gibt es nur noch Chaos.“ Sozialarbeiter erklären vielfachen Müttern grundlegendste Dinge, etwa das Wickeln kleiner Kinder. Helfer passen auf, dass Jugendliche nicht zu viel Aceton schnüffeln. Aktivisten lehren dem Viertel derzeit den Umgang mit dem Euro, der seit Jänner in der Slowakei gilt.

Dass nun ein Video zeigt, wie Polizisten Kinder aus Luník IX demütigen, änderte nichts am Doppelleben in Košice. „Wir berichten kaum über Luník IX“, sagt Jana Ogurcáková von Korzár. „Was soll man auch schreiben. Es ist ja immer dasselbe.“ Die überwiegende Mehrheit der Bewohner sei noch nie in Luník gewesen. „Was sollen sie auch dort. Es ist gefährlich.“

Vergangenen Winter entsorgte eine Frau aus Luník ihren alten Fernseher per Wurf aus dem Fenster. Er traf ein Mädchen am Hinterkopf. Nur eine Notoperation konnte ihr Leben retten.

Luník IX ist das Zerrbild von Košice. Die schmutzige verdrängte Rückseite, die das frischlackierte Zentrum erst möglich machte, weil die Missliebigen dorthin abgeschoben werden konnten. Das Viertel, das man nun ignoriert, weil man sonst nichts damit anzufangen weiß. Und doch existiert es. Zwei Kilometer von der stolzen neuen Identität künden Rauchfahnen von seinem vollgedrängten Leben, seinen herausgerissenen Türstöcken, seinen viel zu vielen Menschen.

„Bei Luník IX kann sich Košice nicht selbst helfen. Es ist ein Problem der Slowakei und Europas.“ Das nimmt Bürgermeistersprecher Jaroslav Vrábel vorweg, bevor er seine Ausführungen beginnt. Auch was er später sagt, zeugt von Hilflosigkeit: Acht städtische Sozialarbeiter seien derzeit in Luník tätig. Nostandshilfen zahle man gestaffelt aus, sonst werde das ganze Geld auf einmal verjuxt. Messbare Erfolge der Politik gebe es allerdings nicht, „sie zeigen sich erst nach langer Zeit“.

War es ein Fehler, die Roma gesammelt aus der Altstadt abzuschieben? „Im Nachhinein gesehen schon“, sagt Vrábel. Aber was hätte man tun sollen? Wie hätte Košice aussehen können, wie es heute aussieht? Vrábel weiß keine Antwort. „Es gibt Konzepte der Integration“, sagt er. „Aber da muss ich die Sozialabteilung fragen.“

Tatsächlich scheitern solche Konzepte meist. Ein Drittel der rund 350.000 slowakischen Roma lebt ohnehin integriert unter den „Weißen“. Beim Rest sind die Behörden hilflos. Die Vorurteile vieler Slowaken und das Desinteresse vieler Roma ersticken den Willen Einzelner im Keim.

Sogar Luník IX wurde ursprünglich als Integrationsprojekt tituliert. Mitte der 80er bestand noch die Hälfte der Bevölkerung aus „Weißen“. Mit den Roma sollten sie eine neue Form des Zusammenlebens finden. „Aber dass das nicht funktionieren wird“, sagt Exbürgermeister Schuster, „war mir ohnehin von Anfang an klar.“

Wer Košice über die Perešská verlässt, kommt in eine Region mit vielen Minderheiten. Ungarn leben hier, die mit den Ukrainern verwandten Russinen, sogar versprengte Karpatendeutsche, die bei der Vertreibung 1945 übersehen wurden. Hinter der Stadt verschwindet der Rauchgeruch, den der Wind aus dem Ghetto auf die Straße geblasen hat. Die Hänge blühen und vor alten Bauernhöfen in Dörfern werken Bauarbeiter.

Erschienen im Falter 19/09

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Roma verstehen

Roma-Reportagen sind ja inzwischen fast ein eigenständiges journalistisches Genre, das vom mitleidsheischenden Gewäsch bis zu einigen der großartigsten Schilderungen deutschsprachiger Schreiber reicht. Jetzt hat Andreas Tröscher, Redakteur der bekanntlich sehr nüchternen APA, diesem Genre ein gar nicht seinem Arbeitgeber entsprechendes Stück hinzugefügt: „Zigeunerleben“ ist bunt, vielschichtig, stellenweise fast reisetagebuchhaft. Es vereint 13 große Reportagen aus Osteuropa, und praktischerweise hatte Tröscher auch die Kamera dabei. Es ist ein Dokument der Leidenschaft, des glühenden Interesses und auch einer gewissen ratlosen Faszination, was das zeitlose Leben (und Elend) osteuropäischer Roma betrifft. Und wenn Tröscher auf klapprigen Stahlbrücken über sumpfige Flüsse in Bulgarien wankt, dann schwingt auch ein bisschen Osteuropa-Romantik mit.
Joseph Gepp

Andreas Tröscher: Zigeunerleben. Roma-Reportagen aus Osteuropa. Verlag Turia + Kant, 200 S., € 22,-

Erschienen im Falter 04/09

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Die Unbeteiligten

Ihr Umfeld entwickelt sich rasant. Nur für sie bleibt alles gleich. 70 Kilometer vor Wien liegt das westlichste Romaghetto Europas

Reportage und Fotos: Joseph Gepp / Slowakei
Übersetzer: Matej Kundracik

Als der slowakische Häuslbauer die Frage hört, ob es denn Probleme gebe hier im Ort, zieht er nur die Brauen hoch und deutet stumm nach hinten, da seht ihr es doch, was soll also diese Frage. Sein Finger zeigt ans Ende einer Straße mit schmucken Einfamilienhäusern und Vorgärten. Dort, hinter dem rostigen Stahlzaun, dem verwahrlosten Stück Wiese und der Betonmauer mit den einzeln herumhängenden Stacheldrahtfetzen – dort liegt das, was die Leute hier die Kolonie nennen.

Kaum jemand aus dem Ort hat sie je betreten. Man kennt nur die Geschichten von Gewalt und Inzest, man riecht den Müll und die Verwahrlosung, man hört die Bewohner, wie sie einander anbrüllen. Die Roma von Plavecký Štvrtok leben isoliert vom Rest der Bevölkerung. Wer in das Städtchen kommt und die Hauptstraße mit ihren kleinen aufgeputzten Bauernhäusern entlangfährt, wer das renovierte Barockkirchlein betritt und übers frischverlegte Pflaster des Stadtkerns trippelt, der ahnt nichts von ihrer Existenz. Die Kolonie liegt am Ortsrand, abgeschirmt hinter Büschen und Mauern, versteckt hinter Reihen neugebauter Wochenendhäuser für die Bratislavaer Oberschicht. Und doch ist sie unübersehbar. „Allein in den letzten Wochen wurden zweimal die Autoscheiben eingeschlagen, zweimal die Rückspiegel abgerissen“, sagt der Häuslbauer noch, bevor er den Kopf senkt und seine Schaufel wieder in den Erdhaufen rammt.

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Die Kolonie

Plavecký Štvrtok, 2600 Einwohner, 15 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Hier liegt das westlichste Romaghetto Europas. Es ist gleichzeitig das elendste in der Westslowakei. Die meisten der insgesamt rund 350.000 Roma leben im Osten des Landes. Nur eine der Barackenstädte liegt so weit im Westen. 2000 ethnische Slowaken leben im Hauptort, 600 slowakische Roma in der Kolonie von Plavecký Štvrtok.

Die Siedlung liegt 70 Kilometer östlich von Wien, so weit wie St. Pölten in der Gegenrichtung. Es gibt keine Kanalisation, keine moderne Heizung, keine Pflasterung. Das Trinkwasser wird illegal von Hydranten gezapft, der Müll verrottet in matschigen Gassen, Exkremente schwemmt der Regen weg. Wer die Kolonie betritt, denkt an Joseph Roth, wie er die jüdischen Schtetlech im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Oder er denkt an die Favelas von São Paulo und die Müllstädte von Kairo.

Dabei ist die westliche Slowakei eine Region, wo der wirtschaftliche Motor lauter brummt als fast überall sonst in Europa. Sie ist jener mitteleuropäische Landstrich, der sich am schnellsten entwickelt. Mehr als zehn Prozent Wirtschaftswachstum konnte er im Jahr 2007 vorweisen – 3,4 waren es in Österreich. „Boomregion Centrope“ und „Dubai von Mitteleuropa“ lauten die großspurigen Slogans dieser Veränderung. Anfang nächsten Jahres soll sie mit der Einführung des Euro belohnt werden. Aber mitten unter den neugebauten Mautautobahnen, den hochgezogenen Glaspalästen von Bratislava, den prosperierenden Ortschaften mit ihren begradigten Gassen und renovierten Sehenswürdigkeiten liegt die Kolonie, an der das alles spurlos vorübergegangen ist.

Man betritt sie über einen Pfad aus festgetretenem Schlamm. Müllberge säumen den Weg, es riecht nach Verfaultem, am regennassen Boden liegt ein schwarzweißgestreifter BH. Die Kolonie besteht aus rund 60 Hütten, errichtet aus Wellblechplatten, Holzlatten oder unverputzten Ziegelmauern. Ein Haus mit zwei oder drei Räumen beherbergt durchschnittlich zehn Menschen. Die Hütten lehnen sich aneinander, stützen einander wie morsche Holzkisten und formen gewundene Gassen, die man nur zu Fuß passieren kann.

Überall liegen Brennholzscheite und Müllhaufen. Es ist ein wuselndes Gewirr, das man betritt, überfüllt, uneinsehbar, fremd und wild. Es ist das exakte Gegenbild zu den breit angelegten slowakischen Dörfern, wo sich ein Haus brav ans nächste reiht und das Leben weitgehend im Inneren der Gebäude abläuft. In der Kolonie dagegen wird Öffentliches und Privates zur selben Angelegenheit. Das Hüttengewirr beginnt hinter einer Art Hauptplatz, einem kreisrunden matschigen Platz mit streunenden Hunden und einem großen Holzkreuz. Hierher führt der Pfad aus festgetretenem Schlamm.

„Was sucht ihr hier?“ Ein breiter Mann, Mitte 20, baut sich auf, schiebt sein Gesicht drohend an die ungebetenen Gäste heran. Ein Haufen Kinder umgibt ihn. Sie schreien, die Menschenmenge formt eine Barriere, die das Viertel abriegelt. „Wir möchten die Kolonie sehen.“ Der Breite reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, er will Geld, „das machen alle Journalisten so, die hier reinwollen“.

Die Fremden nennen einen Namen, „Nina“, laut Menschenrechtsverbänden die inoffizielle Sprecherin der Siedlung – und plötzlich öffnet sich der Riegel. Der Name wirkt wie ein Zauberwort. Die Kinder stieben auseinander, der Breite weicht zur Seite. Aus einer der matschigen Gassen stapft eine stämmige kleine Frau mit tiefen Furchen im Gesicht. Sie begrüßt die Gäste freundlich, führt durchs Gassengewirr, beruhigt die bellenden Hunde, verscheucht die schreienden Kinder. Dann setzt sie in ihrer Hütte türkischen Kaffee auf.

„Ich gewähre euch Schutz hier“, sagt die Frau. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass in Romagemeinschaften keine Regeln existieren. Auch wenn Müll, Chaos und die anscheinend brutale Ungeschliffenheit der Bewohner diesen Eindruck erwecken.

Es sind nur völlig andere Regeln. Sie basieren auf alten Gepflogenheiten, auf überlieferten Rangordnungen und Kastensystemen. „Gadsche“ oder „Weiße“, wie die Roma Angehörige anderer Volksgruppen nennen, durchschauen die komplizierte Ordnung kaum. „Von einem Gadscho kommt nie etwas Wahres“, lautet das Sprichwort eines türkischen Romastammes. Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß hat in seinem Buch „Die Hundeesser von Svinia“ eine Beschreibung dieser Regeln gewagt. Er schreibt von Ghettomillionären, die Enge und Schmutz der Siedlungen gerne in Kauf nehmen, um in der Gemeinschaft zu leben. Er schreibt vom Verstoß jener, die Siedlungen verlassen und in den Städten ihr Glück wagen. Im ostslowakischen Svinia, Schauplatz des Buchs, lebt etwa die Kaste der Degesi, ungarisch für „Hundeesser“. Selbst unter Roma gilt sie als unberührbar und schmutzig.

Im Westen der Slowakei gibt es keine Hundeesser. Aber ungeschriebene Gesetze gelten auch hier. Die Ordnung der Kolonie von Plavecký Štvrtok drückt sich etwa in den Mistelstauden über den Hüttentüren aus, die vor dem Bösen schützen sollen. Oder im unübersehbaren Respekt, den man der stämmigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht entgegenbringt.

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Marie Biharigova

Sie setzt sich in ihre Küche, dann klopft sie forsch auf die Tischplatte, worauf ein Kind herbeihuscht und ihr eine Packung L&M-Zigaretten in die Hand drückt. Zugluft strömt durch selbstgeleimte Fensterrahmen, in der Decke klafft ein handflächengroßes Loch, um das sich ein modriger Wasserfleck gebildet hat. Im Wohnzimmer steht ein Flachbildfernseher. Fünf Kinder drängen sich um den Tisch, sie starren mit offenen Mündern auf den Schreibblock, die Kameras, die Kleidung der Fremden.

Die Frau steckt sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen: Sie heiße Marie Biharigová, 56, Mutter von Ghettosprecherin Nina. Ihre Tochter, die sonst den Kontakt mit NGOs, Journalisten und Lokalpolitikern pflegt, sei heute allerdings auf dem Markt von Bratislava Gemüse verkaufen. Biharigová ist Witwe, Mutter von acht Kindern und Großmutter von 25 Enkeln. Sie erzählt bereitwillig, aber viele ihrer Angaben sind offensichtlich unrichtig. Die Frau scheint nicht einzuschätzen, wie viel Beschönigung eine Aussage verträgt, bis man sie nicht mehr glaubt. Es gebe keine Arbeitslosigkeit hier, sagt sie – laut Hilfsorganisationen liegt die Anzahl der arbeitslosen Roma in der Kolonie allerdings bei 100 Prozent.

Biharigová zählt weiter auf: keine Drogen, keine Diebstähle, keine Gewalt. Jeder hier könne lesen und schreiben, behauptet sie, bringt aber ihren eigenen Namen nur mit Mühe aufs Papier. Die Hütten der Kolonie würden mit Holz geheizt, und dieses werde in der nahen Bezirkshauptstadt Malacky eingekauft und hergebracht – außer einem alten Lada steht allerdings im ganzen Viertel kein Auto für den Transport. Als Marie Biharigová nach dem Unterschied zwischen Roma in der West- und Ostslowakei gefragt wird, sitzt sie ratlos da, Himmelsrichtungen sagen ihr offenbar nichts. Wovon leben die Menschen in der Kolonie? Zum Großteil vom Lohn ihrer Arbeit, antwortet die Frau, zum geringeren Teil von der Sozialhilfe. Als ein Enkel einwirft, man gehe halt pfuschen und Pilze sammeln, gebietet die Großmutter mit einer herrischen Handbewegung Schweigen. Und als ein anderer Enkel sagt: „Die Slowaken hassen uns“, schwächt sie sanft ab: Das sei schon richtig, es gebe viel Rassismus in Plavecký Štvrtok.

Das Verhältnis zwischen Roma und Slowaken ist von beidseitigem tiefem Unverständnis geprägt. Die Bewohner der westlichen Slowakei, dem kraftvollen Motor des Landes, bauen sich Häuser, schaffen sich Existenzen und haben den Kapitalismus der vergangenen beiden Jahrzehnte inhaliert. Den Roma scheint der Wandel kaum aufgefallen zu sein. „Demokratie ist nur was für Reiche, die Millionen besitzen“, sagt Marie Biharigová. Nach dem Interview führt sie durchs Viertel. Am Hauptplatz trifft sie den ältesten Mann der Kolonie, er ist 75. „Vor sechs Generationen kamen meine Väter hierher“, erzählt der Alte. „Hier gab’s Wasser, hier gab’s dieses schöne Stück Land. Also ließen wir uns nieder.“ Und also leben sie hier bis heute.

Millionenetats aus Brüssel, Heerscharen von nationalen und internationalen Sozialarbeitern und immer neue Initiativen der slowakischen Regierung konnten am zeitlosen Leben der Roma nichts ändern. Es ist eine Situation, an der niemand Schuld trägt. Karl-Markus Gauß schildert sie anhand eines Experiments in der Hundeesser-Stadt Svinia: Kanadische Sozialarbeiter schenkten den Bewohnern einige Hühner. Hilfe zur Selbsthilfe, lautete die Devise, gib dem Hungrigen keinen Fisch, sondern eine Angel zum Fischen. Als die Helfer am nächsten Tag in die Siedlung kamen, waren die Hühner allerdings allesamt tot, teilweise verspeist, teilweise den Hunden zum Fraß vorgeworfen. „Sie wussten nicht einmal mehr, dass Hühner Eier legen, und sie wussten nicht, wie man Hühner hält“, erklärte einer der Sozialarbeiter dem Schriftsteller.

Viele Roma wirken so, als wären sie an einer Veränderung ihrer Lage gar nicht interessiert. Als sie das kommunistische Regime per Zwangserlass in Plattenbauten umsiedeln wollte, rissen sie die Fensterrahmen aus ihren Verankerungen und errichteten vor den Haustoren Feuerstellen, sodass die Wohnblocks ihren alten Siedlungen immer ähnlicher wurden. Den Slowaken allerdings wurde der große Unterschied zu den Roma erst bewusst, als sich nach der Wende ihre eigenen Perspektiven veränderten.

Das ist der eigentliche Grund, warum nun der Rassismus wächst: In der Tschechischen Republik etwa überfallen regelmäßig Skinheads Siedlungen, ein Dorfbürgermeister wollte um ein Ghetto eine Mauer ziehen lassen. Im slowakischen Städtchen Záhorská Ves, nur 15 Kilometer von Plavecký Štvrtok und nur einige hundert Meter vom niederösterreichischen Angern entfernt, soll es laut Menschenrechtsorganisationen vor vier Jahren zu fast einer Art Pogrom gekommen sein: Ein Romahaus ging in Flammen auf, die Familie wurde mit Baseballschlägern verprügelt, ein kleines Mädchen soll sogar in die March geworfen worden sein.

Die Ermittlungen verlaufen seit Jahren im Sand, aber laut NGOs war ein Streit um ein Stück Land die Ursache des Übergriffs. Die Gemeinde hätte sich das Grundstück einverleiben wollen, behauptet Columbus Igboanusi von der slowakischen Liga der Menschenrechtsanwälte. Die Fläche liege im Stadtkern und sei in den vergangenen Jahren lukrativ geworden – wie so vieles in der westlichen Slowakei. „Dann versucht man halt, es mit Gewalt zu nehmen. Bei Roma kann man sowieso immer argumentieren, dass sie asozial sind“, sagt der Anwalt, der selbst schon wegen seines Engagements mit dem Tod bedroht worden ist.

Politische Lösungen scheitern meistens, wie selbst Romapolitiker zugeben. „Wir haben viel in Plavecký Štvrtok gearbeitet“, sagt Ladislav Fízik, Rom und rechtsgerichteter Politikberater. Fízik war mit der Verbesserung des Lebensstandards in der Kolonie betraut. „Wir wollten sie vom Müll befreien. Und wir haben einen Sonderbeauftragten abgestellt, der die Leute unterstützen sollte.“ Bald musste dieser entnervt aufgeben. „Es ist schwer, für sie zu kämpfen, wenn sie gar nicht wollen“, meint Fízik. „Die Kolonie zeigt das ganz gut. Es hat einfach keinen Sinn gehabt.“ Manchen Roma sei schlicht nicht zu helfen, sagt er.

Rund ein Drittel der slowakischen Roma lebt in verwahrlosten Siedlungen wie jener von Plavecký Štvrtok. Fízik fühlt sich ihnen verpflichtet, und gleichzeitig machen sie ihn zornig. „Der Staat muss sie strenger kontrollieren. Das ist eine ganze Generation ohne jeglichen Antrieb, ohne Motivation, ohne Leistungswillen.“

Auch Marie Biharigová hat die Geschichte vom Sonderbeauftragten gehört, der für ihre Siedlung abgestellt wurde. „Einmal ist irgendein Betreuer aus Bratislava gekommen“, sagt sie. Und dann lächelt sie triumphierend. „Den haben wir innerhalb von Tagen wieder weggejagt.“

Erschienen im Falter 41/08

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